Voller Wix und bloße Körper
Jedes Jahr in der Nacht zum 1. Mai findet in Tübingen ein seltsames Frühlingssitual statt: Die Studentenverbindungen singen den Mai ein. Angehörige dieser Männerbünde versammeln sich abends in ihren Verbindungshäusern auf dem Österberg. Nach rituellem Alkoholkonsum ziehen sie kurz vor Mitternacht mit Fackeln, deren Tropfenfänger aus Bierdeckeln bestehen, auf den Holzmarkt, einen zentralen Platz in Tübingen, der von der Stiftskirche dominiert wird. Dabei tragen sie antiquiert anmutende Kleidung, an der besonders bunte Käppchen, über die Brust gespannte Bänder und kleine farbige Zipfelchen am Hosenbund auffallen. Vor der Kirche nehmen sie Aufstellung und singen drei Lieder: Ein lateinisches, das die Freuden des Studentenlebens preist, „Der Mai ist gekommen“ und ein Lied aus dem Kontext der mißglückten Revolution von 1848 („Die Gedanken sind frei“).
Der Gesang ist allerdings kaum zu hören, denn zum Ritual gehört ebenfalls, daß die Tübinger Linke und andere Schaulustige sich gleichermaßen kurz vor Mitternacht auf dem Holzmarkt einfinden, um die Demonstration konservativen Studententums zu stören, manchmal handgreiflich, immer aber untermalt von einer entsprechenden Lautkulisse (vom Töpfeschlagen
, heißt's, bis zur „Internationalen“). Der handgreifliche Teil wird allerdings seit Mitte der 80er Jahre durch ein massives Polizeiaufgebot unterbunden. Die Ordnungshüter sperrten zwischen den beiden Gruppen einen breiten, leeren Raum ab und halten den Burschen damit faule Eier und ähnliche Unannehmlichkeiten vom Leibe. Dennoch hat die Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Gruppen den Charakter eines Schaukampfes behalten. Dieses alljährliche Ritual hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Neuerdings finden sich in der Hoffnung auf spektakuläre Bilder immer häufiger Fernsehteams ein.
Die Szenerie, Tübinger Holzmarkt im Fackelschein bei Mitternacht wird normalerweise von den Verbindungen und der bewaffneten Staatsgewalt choreographiert: Entsprechend der ordnungsrechtlich vorgesehenen Rollenverteilung sind sie die Akteure, während die anderen den Part der ZuschauerInnen übernehmen. Zwar gelingt es letzteren in der Regel, den Platz kunstlich zu bestimmen, Anlaß und visuelles Territorium bleiben jedoch, unterstützt durch die Absperrungen der Polizei, fest in der Hand der Burschenschaft. 1995 vollzog sich das Ritual in leicht abgewandelter Form.
Unklar ist bis heute, von wem die zahlreichen Aktivitäten ausgingen, die bereits im Vorfeld Aufsehen erregten. So tauchte ein Flugblatt einer Fachschaft der Universität Tübingen auf, die als rechts dominiert bekannt ist und nun unter dem Motto „Aktiv in den Mai – Frisch ins Semester“ zum „Ersten Tübinger Bändel- und Kappenwettbewerb“ aufrief. Wer am meisten Bändel und Kappen von den Burschenschaftsuniformen abgeben würde, sollte einen Preis gewinnen. Ungeachtet der vielen Glückwünsche für dieses entschlossene Auftreten distanzierte sich die gefakte Fachschaft von diesem Aufruf.
Offenbar intervenierten auch andere Gruppen mit ○ Fakes in das Geschehen. Etwa mit einem Plakat, daß ein ‚Roundtable-Gespräch‘ zwischen dem linksliberalen omnikompetenten Tübinger Professor Walter Jens und dem konservativen Kandidaten für das Präsidentenamt der Universität, dem Juraprofessor Graf Vitzthum, anberaumte. Die Ankündigung der Verbindung ‚Verein Deutscher Studenten‘ für den Abend des Maisingens lautete: „Deutsche Soldaten als Mörder und Vergewaltiger? Ein Literaturzat im Spannungsfeld von Tübinger Gelehrtenrepublik (Korporationen) und gesamtdeutscher Geistes- und Rechtskultur (Weimar/Buchenwald)“. Doch standen interessierte Zuhörerinnen vor verschlossenen Türen. Einige Leserinnenbriefe aus den Reihen der Burschenschaften stellten offenbar gleichermaßen Fakes dar.
Kurz vor Mittnacht herrschte auf dem Tübinger Holzmarkt eine gespannte Atmosphäre, ein paar Knaller explodierten, latente Aggression war spürbar. Doch als die Verbindungen gerade zum Singen ansetzten, wurden auf die Wand der Stiftskirche, die den Holzmarkt architektonisch beherrscht, quer über den Platz Dias in Fernsehblau projiziert, während gleichzeitig beschwingte Klaviermusik (Chopin) den Platz beschallte. Die Bilder: nicht gleich zu erkennen. Ein stammerer Turnverein. Altnazi und Arbeitgeberpräsident Schleyer (leider verstorben), der eine Rede hält, Männer und NS-Kriegsverbrecher. Es erschien der Schriftzug: „Verbindungen haben Tradition. Ihr Ende auch.“ Dann daneben: Ein fies grinsender Henker, der ihnen die Schlinge vor den Hals hält. Der ‚Wohlfahrtsausschuß Tübingen‘ bot sich in diesem traditionsbeendenden Sinne an: „Wir helfen gern — Sprechen Sie mit uns.“ Das Interesse der Menge verschiebt sich. Köpfe drehen sich. Lachende Gesichter. Nur noch wenige achten auf die fackeltragende Männergruppe, die jetzt am anderen Ende des Platzes im Abseits steht.
Ende der Diavorstellung. Erneuter Singversuch der Burschenschaftler, aber dann — in voller Lautstärke: Mit „Conquest oft Paradise“ von Vangelis schaltete jene Melodie über den von der Polizei abgeriegelten Holzmarkt, die ansonsten dem ostdeutschen Boxchampion Henry Maske als Einmarsch-Hymne in den Ring dient. Die Musik ist bombastisch, pathetisch, an diesem Abend wirkte sie geradezu faschistoid. Das Emblem des Wohlfahrtsausschusses — die Guillotine — untermalte das Motto der Aktion: „Versprung durch Technik“.
Auf einmal tänzeln zwölf nackte Jünglinge über den abgeriegelten Platz, keiner weiß, woher sie kommen. Sie formieren sich auf der Stiftskirchentreppe unter dem sogenannten Brautportal und winken in alle Richtungen. Sie schwenken ihre Arme in der Luft, einige halten Transparente: „Versöhnet Euch. Tübinger Stadtmission“, „Jesus liebt uns alle“, die sie den uniformierten Burschenschaftlern, dann der Zuschauermenge entgegenhalten. Die Polizei versucht, sie von den Burschenschaftlern zurückzuhalten. Doch keine Macht der Erde kann sie jetzt mehr stoppen. Die Burschenschaftler wissen nicht, wie ihnen geschieht. Sie singen schon lange nicht mehr. Einige Erbstoße versuchen, über die Absperrgitter zu springen und zeigen sich äußerst gewaltbereit. Die Polizei hält sie zurück. Andere lachen, summen mit Vangelis. Was ist hier überhaupt los? Die zwölf Jünger des Herrn fungieren als Bodenpersonal Gottes und verteilen christliche Traktate an Polizistinnen und Burschenschaftler. Dann ziehen sie sich langsam über den Platz zurück. Die Polizistinnen sichern geübt den Rückzug. Die Nackten bewegen sich – immer noch den Burschenschaftlern zuwinkend – auf die Menge der Zuschauer zu, übersteigen vorbei an den Grünuniformierten die Absperrrung und werden von der Menge auf den Brunnenrand am Ende des Platzes gehoben, wo sie armschwenkend hinter ihren Transparenten ein modernes christliches Lied anstimmen. Während der „Himmel über allen aufgeht“, beginnt eine weitere Runde für die sogenannte Deutsche-Kriegsverbrecher-Diashow.
Inzwischen ist es nach Mitternacht. Die Verbindungsmänner ziehen sich zurück, einige summen verstohlen die Melodie von „Conquest of Paradise“. Im Nu hat die Polizei ihre Absperrungsgitter weggewackt. Die Menge verteilt sich über den ganzen Holzmarkt. Aus einer Seitenstraße klingt zunächst dumpfer, dann immer deutlicher werdender Technosound. Ein Lastwagen, umgeben von rosa Nebel und zuckenden Gestalten, fährt auf dem Holzmarkt ein, durchquert die sich auflösende, ausbreitende Menge, rollt durch die Fußgängerzone auf die Hauptstraße in Richtung ‚Sudhaus‘, wo für die Nacht vom Wohlfahrtsausschuß Tübingen ein Rave angekündigt wurde: „Vorsprung durch Techno“.
Die Intervention des Wohlfahrtsausschusses Tübingen verschob die vorhandenen Bedeutungen gerade so weit, daß sie die Selbstinszenierung der Verbindungsstudenten zu deren Ungunsten verkehrte. Was als Bühne für das Maisingen gedacht war, wurde zum Schauplatz eines nicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnden, aber zum Lachen anregenden Happenings mit künstlerischen Mitteln: Performance, Bild/Diashow/Collage, Ton/Musik. Allerdings Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Vorhandene Bilder und Musik wurden neu kombiniert. Dabei erfuhr diesmal die Parole „Vorsprung durch Technik“ eine etwas andere Art und Weise der Umsetzung: Mittels computergesteuerter Diaprojektoren konnten die polizeilichen Absperrungen überwunden, die Bilder auf die abgesperrte Kirchenwand projiziert werden. Phongewaltige Lautsprecherboxen hatten mit den paar Maisängern leichtes Spiel. Leistungsstarke Suchscheinwerfer lenkten die Blicke der Zuschauer weg von den Fackeln auf die nackten Männer auf dem leeren Platz hinter den Absperrungen. Hier endet allerdings das Spiel mit den technisch hervorgerufenen Virtualitäten, denn die Männer waren echt. Um sie auf den Platz zu bringen, wie auch zur Installation der Technik bedurfte es wohl viel lokalen Wissens um Orte und Zugänglichkeiten. Außerdem muß es, wie erzählt wird, nicht einfach gewesen sein, Mutige für diese Aufgabe zu finden. Kämpferprobe Autonome kniffen in der Regel. Ihnen war die Aussicht, „unbewaffnet“ in die Arena zu gehen, doch nicht ganz geheuer.
Der Rahmen einer Konfrontation zwischen Linken und den konservativ-reaktionären Verbindungen in einem von rechts definierten, ritualisierten öffentlichen Raum wurde durch ein Happening verschoben; es entstand Verwirrung. Verbindungsstudenten lachten an der falschen Stelle, über ihre eigenen Bloßstellung, sangen mit, gingen bei einer Veranstaltung ihrer politischen Gegner mit. ZuschauerInnen, die zum alljährlichen Mai-spektakel gekommen waren, lachten mit dem Wohlfahrtsausschuß, auch wenn sie mit einigen der im Klartext der Dias ausgedrückten politischen Aussagen keineswegs einverstanden gewesen sein mögen.
Das Lachen der Menge mag zum Teil auf eine verbreitete Ablehnung von Studentenverbindungen zurückzuführen sein, auch auf Lust am Spektakel. Aber noch etwas kommt dazu: Der Kontrast zwischen den auf dem Platz exponierten Versionen von Männlichkeit. Der durch Bändel und Kappen formierte, uniformierte Männerkörper, der noch dem rundesten Kindergesicht ein hartes Kinn und eine rauhe Stimme verpaßt, die polizeilichen Schulterklappen, Schlagstöcke und taschenlosen Hosenböden, Breitbeinigkeit, Geradheit und Aufrechtheit, aber auch besoffenes Schwanken kontrastiert durch den ungewohnten Anb
lick nackter Männer. Nie waren sie so schön wie damals. Über dem nächtlich-romantischen Szenario des mittelalterlichen Holzmarkts, auf dem sich der Anblick ungewohnter Männlichkeiten bot, waren sie ein ironischer Kommentar, vor dem die Sänger und ihre Beschützer geradezu armselig wirkten. Die Transparente griffen das Pathos der Musik auf. Das biblische Zitat in Verbindung mit der gefühlsdräuenden Klanguntermalung wurde wiederum gebrochen durch die ungewohnte Bloßheit – kaum jemand konnte annehmen, daß der Aufruf zur Versöhnung ganz ernst gemeint war. Das ganze stimmungsvolle Szenario war ins Lächerliche gezogen. Dessen ungeachtet glauben heute in der Stadt nicht wenige, daß es wirklich eine christliche Sekte gewesen sei, die sich hier engagiert habe.
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