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Performatives Sprechen

Aussagen haben nicht nur einen sprachlich-diskursiven Aspekt, sondern können auch direkte materielle Wirkungen hervorrufen. Solche Aussagen sind Performative. Wem ein Entlassungsschreiben oder ein Gerichtsurteil ins Haus flattert, der ist tatsächlich entlassen oder verurteilt, Diskurs hin oder her. Heerscharen von Funktionsträgern der Macht sind mit der Formulierung und dem Aussprechen von Performativen beschäftigt, von ‚Im Namen des Volkes‘ über ‚Ego te absolvo‘ bis hin zu ‚Bis daß der Tod euch scheidet‘. Fälschungen, die darauf abzielen, materielle Wirkungen zu erzielen, beruhen gerade auf diesem Aspekt von Kommunikation. Dabei ist die Aufdeckung der Fälschung das letzte, woran ihr Urheber interessiert ist: Sie zerstört nicht nur die performative Wirkung, sondern hat auch sonst unangenehme Konsequenzen. Wenn sich Fakerinnen performativer Aussagen bedienen, geht es ihnen nicht in erster Linie um das eigene Wohlergehen, sondern um subversive Aspekte. Die materiellen Wirkungen von Aussagen entstehen im wesentlichen aufgrund stillschweigender Übereinkünfte und müssen nur in Ausnahmefällen mit materieller Gewalt erzwungen werden. Diese Übereinkünfte setzen voraus, daß performative Aussagen nur von denen getroffen werden, die dazu legitimiert sind – und daß die entsprechenden Wirkungen dann tatsächlich eintreten. Durch ein Fake und seine anschließende Aufdeckung soll diese Legitimität beschädigt werden und ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Ein Beispiel: Wenn die Stadtverwaltung in einer gefaketen Mitteilung die Bürgerinnen informiert, daß aus aktuellem Anlaß alte Kühlschränke abgeholt werden, dann stehen unter Umständen zur angegebenen Zeit tatsächlich viele Kühlschränke auf der Straße – entweder müssen sie dann von der Stadt tatsächlich abtransportiert werden, oder aber die Bürger fühlen sich verarscht. Im ersten Falle hätte die performative Aussage funktioniert, obwohl sie von den Falschen ausgesprochen wurde; im zweiten Falle wäre die Glaubwürdigkeit der Stadtverwaltung angeknackst. Es ist für die Reaktion öffentlicher Stellen auf Fakes typisch, daß die ‚Verunsicherung der Bürger‘ beklagt wird. Der erhoffte Keim der Subversion liegt für die Faker gerade in dieser Verunsicherung, die das selbstverständliche Funktionieren der diskursiven Ordnung für Momente in Frage stellt.

Der performative Aspekt von Fakes zwingt die Institutionen der Macht geradezu, durch ein Dementi die diskursive Ordnung vorläufig wieder ins Lot zu bringen und damit den von den Fakerinnen gewünschten Kommunikationsprozeß auszulösen. Hier liegt ein Double Bind für die Angegriffenen: Einerseits können sie das Fake nicht einfach stehenlassen, andererseits bewirkt das Dementi eine Thematisierung tendenziell unangenehmer Fragen, deren Diskussion möglicherweise die Faker, sicher aber nicht die Angegriffenen wünschen.

Kommunikatives Chaos

Kommunikatives Chaos entsteht in einer Situation, in der die Zuordnung von Sprechern und Aussagen endgültig unmöglich ist. Mit Fakes höherer Ordnung wurden solche Situationen wenigstens ansatzweise realisiert. Im Zusammenhang mit der umstrittenen Volkszählung beispielsweise spielten performative und kommunikative Wirkungen, Fakes und Dementis in vielschichtiger Weise zusammen. Das Ziel war eindeutig: Verwirrung stiften, falsche Kommunikationspfade legen – solange, bis keine der Beteiligten mehr weiß, was eigentlich Sache ist.

World War III will be a guerilla information war without distinction between military and civilian population.
- Marshall McLuhan

Das Fake versteht sich als ein Angriff auf die Macht, auch wenn seine Technik dem Repertoire von Geheimdiensten ähnelt, die Methoden der Desinformation und der Fälschung benutzen. Gerade für diejenigen, die sich im Zeitalter der ‚Informationsgesellschaft‘ wähnen, sind solche Techniken ein Element der Kriegführung, der Auseinandersetzung um den Besitz der Macht geworden. Im Golfkrieg wurden Formen der medialen und außermedialen Desinformation umfassend eingesetzt.

Doch sind die Überschneidungen zum Fake geringer als es zunächst scheint, denn die Fälschungen der Geheimdienste zielen in der Regel auf die Information selbst. Die falsche Information soll Handlungen des Gegners beeinflussen, auslösen oder verhindern oder auch dazu beitragen, die eigenen Reihen zu schließen. Die geheimdienstliche Fälschung benutzt die Kommunikationskanäle in durchaus linearer Weise, und tauscht lediglich den Sender der Botschaft heimlich aus. Sie arbeitet nicht mit der Vieldeutigkeit von Information.

Anders als die geheimdienstliche Fälschung ist das Fake eine Sprechweise von ohnmächtigen Stimmen, die durch die diskursiven Ordnungsstrukturen zum Schweigen verurteilt sind. Als Instrument zur Delegitimation des Rederechts der Macht zielt es auf die Struktur des Kommunikationsprozesses selbst. In Auseinandersetzungen um den BESITZ der Macht wäre diese Form grundsätzlicher Kritik das letzte, was Sinn machen würde. Es ist kein Zufall, daß die Techniken des Fakes in kriegerischen Auseinandersetzungen keine wesentliche Rolle spielen. Weil das Fake nicht darauf abzielt, 'strategische' Positionen zu erringen und im Kampf um die Macht mitzumischen, kann es seine eigene Aufdeckung einkalkulieren und zu einer Waffe der kommunikativen Subversion machen. Indem sie sich dem Spiel um die Macht zumindest in Augenblicken verweigern, gewinnen die Faker neue Möglichkeiten des Angriffs, der Subversion und der praktischen Kritik.

„... man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.“

- Karl Marx 1843/44: „Zur Kritik der Hegeleschen Rechtsphilosophie“

Eine wirkungsvolle Vorgehensweise zur Verfremdung gegebener Formen, Aussagen oder Regeln ist es, sie in einer übertriebenen und daher in einer gegebenen Situation ‚unpassend‘ wirkenden Weise einzusetzen. Ein Paradebeispiel für übertriebene Zustimmung ist der Auftritt von Herrn und Frau Müller, die bei einer Diskussion im Schweizer Fernsehen anläßlich der Zürcher Jugendunruhen 1981 nicht die Meinung ‚der Bewegung‘ vertraten, als deren Vertreterinnen sie eigentlich geladen waren, sondern stattdessen die Position ihrer Gegner grotesk zuspitzten ( ► Das Müller ). Eine solche ‚Subversive Affirmation‘ schafft Distanz zu den verwendeten Formen oder Aussagen, indem sie sie überreibt. Damit verwandelt sich die vordergründige Bestätigung in ihr Gegenteil.

Ein praktischer Vorteil der subversiven Affirmation liegt darin, daß sie sich der äußeren Form der Zustimmung bedient. Die so geäußerte Kritik ist zwar deutlich erkennbar, läßt sich aber nicht einfach einordnen und kann kaum unterbunden werden. Insbesondere in Situationen, in denen Gegenveranstaltungen erwartet werden, die unter Umständen sogar in das Kalkül der herrschenden Politik passen würden, kann subversive Affirmation eine praktikable Methode sein, sich mit wenig Aufwand und viel Wirkung an den Sicherheitsvorkehrungen vorbeizumanöuvrieren. Mannigfaltige Gelegenheiten für die Erprobung der subversiven Affirmation bieten sich bei Wahlveranstaltungen: Übertriebener Applaus wirkt nicht als störende Kritik, solange er tatsächlich als frenetisches Abfeiern der beklatschten Person verstanden wird. Sobald aber deutlich ist, daß die falschen Personen klatschen und daß die gewählten Momente für den Beifall irgendwo daneben sind, applaudieren aus Sicht der Veranstalter bald nur noch die Falschen. Dabei kommt es auf die Situation und ihre Möglichkeiten an. Während bei Großkundgebungen in großen Hallen oder auf Marktplätzen durch geschickt eingesetztes Klatschen immerhin die Redezeit verkürzt werden kann, läßt sich bei kleineren und mittleren Versammlungen schon mal der ganze Verlauf einer Wahlveranstaltung umdrehen ( Der Herr Minister spricht zum Volk ).

Am 1. Juni 1994 unternahm es das Komitee „Mit Spaß gegen den Extremismus der Mitte“, mit „der pfiffigsten und lustigsten Massenaktion, die es seit Jahren gab“, Helmut Kohl während eines Wahlkampfauftrittes auszububeln. Obwohl sich die lokalen Vertreter der beiden Großkirchen bereits im Vorfeld gegen diese „Schrei-Gewalt“ wandten, jubelten ein- bis zweitausend Personen gegen die hochkarätige Lautsprecheranlage an und dem Bundeskanzler zu. Ein groteskes Bild entstand: Die AnhängerInnen Kohls waren zum Schweigen verdammt, während seine GegnerInnen aufdrehen. Obwohl es den JublerInnen nicht gelang, den Platz akustisch zu dominieren, konnte sich auch die Gegenseite trotz technischer Überlegenheit nicht als Platzherr inszenieren. Nicht nur in heißen Wahlkampfzeiten, sondern immer dann, wenn politische Ereignisse eine entsprechende Öffentlichkeit schaffen, ist subversive Affirmation eine gute Möglichkeit, die laufende Diskussion aufzugreifen und hegemoniale Positionen zu diskreditieren. Bei einer „Pro-NATO-Aktion“ im Juli 1981 in Hamburg lauteten die Parolen der „Initiative für die deutsch-amerikanische Freundschaft“ und zugunsten des us-amerikanischen Außenministers Alexander Haig: „Mittelstreckenraketen? Ja, ja, ja! –

ak = analyse und kritik Nr. 367, 8 & 1994.

SpassGuerrilla. Münster 1994. (Berlin 1984), S. 37.

Atomkrieg? Warum nicht?“ oder „Sollen russische Kinder ewig leben?“ Auf etwas verlorenem Posten stand hingegen ein Häuflein von Kruzifix-AnhängerInnen („Initiative Pro-Kruzifix“), die im September 1995 versuchten, eine Kundgebung von CSU und Katholischer Kirche gegen das Bundesverfassungsgerichtsurteil

zum Balkensepp vor der Münchner Feldherrenhalle zum Kippen zu bringen. Sie hatten zwar etliche witzige Affirmation parat („Kreuz bleibt Kreuz“, „Johannes Paul der Zweite, wir sind auf Deiner Seite“, „Kruzitürken – Kruzifix – beim Herrgottswinkel sind sie fix“, „Die Trennung von Kirche und Staat ist Verrat“, „Kru, Kru, Kruzifix“, „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gekreuzigten“), doch da die Münchner Szene nicht mitzog, ging die Aktion medial unter, obwohl in der Kundgebung selbst einige Unruhe entstand.

Bei der Hamburger „Pro-NATO-Aktion“ war der offensichtlich parodistische Charakter der Affirmation im zeitgenössischen Kontext von 1981 (NATO-Doppelbeschluß und Friedensbewegung) relativ schnell und deutlich entzifferbar. Am wirkungsvollsten ist die Methode der Verfremdung durch Affirmation aber, wenn sie eine oszillierende Wahrnehmung bewirkt, d. h. wenn die Übertreibung offensichtlich genug ist, daß sie irritiert und verunsichert, aber doch so versteckt bleibt, daß sie nicht eindeutig zuordenbar und identifizierbar ist. Eine solche Vorgehensweise kann allerdings leicht in ihr Gegenteil umschlagen: Wenn das Element der Verfremdung nicht „rüberkommt“, wirkt das Ganze einfach als Bestätigung der herrschenden Verhältnisse. Um ein einfaches Alltagsbeispiel zu wählen: Wenn ein Mann sich in übertriebener Weise als Macho präsentiert, ist das Risiko groß, daß diese Selbstinszenierung nicht als Bruch wahrgenommen wird, sondern einfach nur als extreme, aber nicht weiter verwunderliche Form eines gängigen Musters. Ebenso wird die übertriebene Affirmation von Weiblichkeit, die eine Frau zur Schau stellt, erst in dem Moment subversiv, wenn sie sich im Rahmen einer lesbischen Paarbeziehung abspielt (→ Crossdressing).

So genügt es zumeist nicht, ein „normales“ Verhalten einfach zu übertreiben: Die Verfremdung wird deutlicher, wenn zugleich die falsche Person handelt oder wenn sich die Handlung auf das falsche Objekt bezieht. Polizisten, die vor dem New Yorker Rathaus für Lohnerhöhungen demonstrierten, mußten erleben, daß sich Jugendliche aus dem Umfeld der

• Yippies über die Demonstration künstlich aufregten und sie lautstark mit den üblichen Kommentaren bedachten: „Go back to Russia, you hippie – commieanarchists“, „Get a job“ oder „Take a bath“. Die Meinung, daß Demonstranten ungepflegte Gammler seien und lieber anständig arbeiten sollten, ist weit verbreitet. In diesem Falle ging die Beschimpfung allerdings von denen aus, die sonst beschimpft werden, und die demonstrierenden Ordnungshüter waren offensichtlich die ‚falschen‘ Opfer. Wir haben es hier mit einer Umkehrung, einer „symbolischen Inversion“ zu tun: Wie beim Aikido geht es bei der subversiven Affirmation darum, die gegnerische Kraft für die eigene Aktion auszunutzen, statt einen Angriff in Cowboy-Manier mit einem Faustschlag zu parieren.

Die Verfremdung durch subversive Affirmation basiert also darauf, daß die falschen Leute das ‚Richtige‘ tun, oder daß das ‚Richtige‘, d. h. das Normale, Erwartbare, im falschen Moment oder am falschen, unangemessenen Ort geschieht. Während der Kruzifix-Kundgebung des gesamtbayerischen Zentralkomitees verteilte ein Islamistenpärchen der Gruppe „Al Dschihad“ Flugblätter. Ihr Text appellierte an die gemeinsame fundamentalistische Basis aller Gläubigen. Sie solidarisierten sich mit der „gerechten Sache des bayrischen Volkes“ und wandten sich gegen die Trennung von Religion und Staat. Das Ergebnis war eine schöne Verwirrung. Während die einen den Auftritt als islamistisch-missionarische Provokation begriffen und entsprechend krachleidend ahnden wollten, nahmen andere die beiden in Schutz: „Wieso, die sind doch für uns.“

Die subversive Affirmation wirkt ähnlich wie die psychotherapeutische Methode der ‚Paradoxen Intervention‘. Dabei bestärkt die Therapeutin ihre Klientin so lange in ihren Ansichten, bis ihr die Sinnlosigkeit ihres Tuns oder ihrer Einstellungen selbst auffallen muß. Mit dieser Kommunikationsstrategie werden herkömmliche Kommunikationsstrukturen aufgebrochen: Die Antwort der Therapeutin fällt ganz anders aus, als die Klientin erwartet, und ermöglicht es ihr gerade dadurch, das eigene Verhalten selbst zu hinterfragen oder zu ändern (A: „Hier ist ein Mikrophon versteckt.“ B: „Nein, sicher nicht“ wird dann zu A: „Hier ist ein Mikrophon versteckt“ B: „Ja, dann müssen wir den Raum so lange durchsuchen, bis wir es gefunden haben.“).

  • Estrin, Marc (Hg.): Recreation. Some Notes on What's What and What you might be able to do about What's What.
    New York 1971
  • v. Kohles, Martin Maria: Guerilla Theater. Theorie und Praxis des politischen Straßentheaters in den USA (1965–1970). Tübingen 1990, S. 167 u. 271 f.
  • Gruber, Klemens: Die zerstreute Avantgarde. Wien/Köln 1989, S. 132.
  • Vgl. Walzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D.: Paradoxe Kommunikation. In: Dies.: Menschliche  Kommunikation. Bern/Stuttgart/Wien 1985 (1969), S. 171–212.

Ende der 70er Jahre entwickelten die Industriekunstfertigkeit in dieser Form der argumentativen Intervention eine beachtliche Kunstfertigkeit. Während einer Demonstration skandierten Studenten unter Anspielung auf zwei korrupte Politiker „Gui e Tanassi sono innocenti, siamo noi i veri delinquenti“ (Gui und Tanassi sind unschuldig, wir sind die eigentlichen Schuldigen). Diese Umkehrung zeigte sofortige Wirkung. Einige sich solidarisierte Arbeiter rückten die Wirklichkeit gleich wieder zurecht: „Gui e Tanassi sono delinquenti, gli studenti sono innocenti“ (Gruber 1989, S. 119). Eine andere, lapidare und prophetische Forderung lautete „Meno salario piu orario!“ (Weniger Lohn, mehr Arbeit!)

Die Methode der subversiven Affirmation wurde bisher vor allem im Kunst- und Popkontext theoretisiert. Diedrich Diederichsen spricht im Zusammenhang mit Andy Warhol und Madonna von „affirmativer Subversion“. Bazon Brock zieht für seine Vorstellung von einer „Strategie der Affirmation“ bzw. „Revolution des Ja“ einen roten Faden von Eulenspiegel , dem Hauptmann von Köpenick und Schwejk zu diversen Kunstpraxen der Gegenwart. Eine politische Praxis der subversiven Affirmation muß allerdings mehr als der Kunstbetrieb mögliche Ambivalenzen ihres Handelns bedenken, wenn sie mit der Zuspitzung herrschender Positionen ihr Spiel treibt. Was für die Satire gilt, nämlich daß sie von der Realität recht schnell eingeholt werden kann, trifft auch auf die Übertreibung zu: Was heute noch gar nicht vorstellbar scheint, kann morgen bereits bitterer Ernst werden.

Brock, Bazon: Strategie der Affirmation. ‚Besetzung‘ und ‚Bilderkrieg‘ als affirmative Strategien. In: Ders.: Ästhetik gegen erzwungene  Unmittelbarkeit. Schriften 1978–1986, Köln 1986, S. 293–303.