Die Erfindung falscher Tatsachen zur Schaffung wahrer Ereignisse
Die Erfindung falscher Tatsachen zur Schaffung wahrer Ereignisse ist eine Methode, die Mechanismen offenzulegen und zu kritisieren, die die hegemoniale Produktion medialer und politischer Bilder von Wirklichkeit bestimmen. Diese Methode geht über analytisch-aufklärerische Formen von Information und Gegeninformation weit hinaus: Sie greift nicht die konkrete Darstellung bestimmter Themen an, sondern treibt ihr Spiel mit den Mechanismen, durch die Politik und Medien gesellschaftlich relevante Ereignisse produzieren. Ein Beispiel hierzu: Der vergleichsweise starke Anstieg von ‚Kriminalität‘ war in den 80er Jahren kaum ein relevantes Thema, während die relativ geringe Zunahme der 90er Jahre zu einem der zentralen Medienergebnisse geriet. Auch militärische Konflikte können oft Jahre andauern, bevor sie in einer bestimmten Situation mediale Aktualität gewinnen. Durch die Erfindung von Ereignissen wird versucht, die Mechanismen, die den medialen Takt bestimmen, gegen die herrschende Macht zu wenden.
Den Gedanken, mit falschen Informationen wahre Ereignisse zu schaffen („Segni falsi, informazioni false che producano eventi veri“) formulierte 1977 das Bologneser Zeitschriftenkollektiv A/Traverso ( ○ Radio Alice , ○ A/Traverso – il Male ). Aber bereits die ○ Yippies bedienten sich dieser Methode. 1967 inszenierten sie in New York ein Freuden fest auf der Fifth Avenue, indem sie in einer spontanen Straßenaktion mit 2.000 Teenagern verbreiteten, daß der Vietnamkrieg nun aus sei: „Allen Ginsberg lief in Automatenrestaurants, riß die Arme hoch, sprang in die Luft und schrie aus vollem Hals: ‚Der Krieg ist aus! Der Krieg ist aus!‘ Selbst die Bullen, die versuchten, die ungenehmigte Freudenfeier auseinanderzutreiben waren nun „plötzlich Teil der Feier“. Dabei gelang es nicht nur, die Regierung zu einem Dementi zu zwingen, sondern auch, viele Menschen aus ihren gewohnten Rollen herauszureißen: „Leuten, die für den Krieg waren, fragten sich vergeblich, wie sie auf diese psychologische Herausforderung ihres Denkens reagieren sollten. Sie konnten sie nicht ignorieren wie sie Schilder mit der Aufforderung ‚Macht Schluß mit dem Krieg!‘ hatten ignorieren können.“
Rubin, Jerry: Do IH: Scenarios for die Revolution. München 1977, S. 139.
Um ein erfundenes Ereignis wirksam zu verbreiten, braucht es in der Regel eine Glaubwürdigkeit und Autorität beanspruchende Instanz, die als (unfreiwilliger) Bürge für die ‚Wahrheit‘ der Erfindung dient: Der Name des Autors oder eines Mediums muß benutzt oder ebenfalls erfunden werden. Gut erfundene Ereignisse greifen Themen auf, die in einer bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Situation stark emotional besetzt sind, mit denen sich Befürchtungen oder Begehren verbinden. Das gelang 1978 in Rom, als Il Male unter dem Titel des Corriere dello Sport die Annullierung der Fußball-Weltmeisterschaft und die Wiederholung des Endspiels mit Italien bekanntgab. Die Stadt verwandelte sich aufgrund dieser Erfindung für einen Tag in ein großes Verkehrschaos, und ein solches o Fake machte die Wünsche und Ängste der Leser deutlicher sichtbar als jede Analyse. Dabei besteht die Chance, daß auch unwahrscheinliche Ereignisse geglaubt werden, wenn sie direkt an den Hoffnungen und Ängsten der Menschen anknüpfen.
Vgl. a. Appendix Four. Introduction to the Polish edition of the Assault on Culture. In: Home, Stewart: Neonism, Plagiarism & Praxis.
Edinburgh/San Francisco 1995, S. 201 f. u. S. 135 f.
Wenn entsprechende Informationen erfunden und über ein geeignetes Medium vermittelt sind, ergibt sich die Schaffung ‚wahrer‘ Ereignisse daraus ganz von selbst. Im Falle der Yippie-Aktion sah sich die US-Regierung zu einem Dementi gezwungen. Dadurch gelang es, die Handlungsweise der Herrschenden in einen offensichtlichen Gegensatz zum Begehren ihrer Untertanen zu setzen. Es geht bei der Erfindung also nicht in erster Linie um den Streich, den o Eulenspiegel-Effekt, die Verarschung unbedarfer BürgerInnen. Vielmehr sollen Erfindungen die Instanzen der Wahrheitsverkündung diskreditieren und in ihrer Autorität angreifen: Zwischen Konsens und Dissens aber öffnet sich ein weites Feld für das, was man Momente ausgesprochenen Mißtrauens nennen könnte. Dies ist ein ideales Gelände für die Fälschung. Die Fälschmeldungen erlauben weder Zustimmung noch Ablehnung. Sie höhlen das Vertrauensverhältnis aus, welches die Politik – und dasselbe gilt von den Massenmedien – zu installieren versucht.“
Gruber, Klemens: Die zersplitterte Avantgarde. Strategische Kommunikation im Italien der 70er Jahre. Wien/Köln 1989, S. 139.
Es gibt Erfindungen, die erst subversiv wirken, wenn sie aufgedeckt werden. Denn erst in diesem Moment kann die Frage thematisiert werden, warum alle die erfundene Tatsache glauben wollten. Dabei wird nicht nur gezeigt, wie diese konkrete Erfindung glaubhaft werden konnte. Darüber hinaus wird das Regelwerk der Produktion von Ereignissen insgesamt zum Thema, mögen sie nun erfunden sein oder nicht.
Umgekehrt ist es bei manchen Erfindungen besser, wenn sie nicht oder nie aufgedeckt werden. Ein Beispiel ist die Erfindung von ‚Chaostagen‘, die vor einiger Zeit in vielen bundesdeutschen Städten wie Pilze aus dem Boden schossen. Dabei waren die fiktiven InitiatorInnen vermutlich vor allem daran interessiert, einen schönen Polizeiauflauf zu verursachen und so die irrationale Gewaltbereitschaft des staatlichen Apparates anschaulich zu demonstrieren. Wer ein solches Spiel öfter wiederholen möchte, dürfte wenig Interesse daran haben, öffentlich zu machen, daß die ‚Gefahr für die öffentliche Ordnung‘ in Wirklichkeit nur aus ein paar Flugblättern und im Internet lancierten Aufrufen besteht.
Noch verwirrender wird es, wenn plötzlich erfundene Verlaufbarungen auftauchen, die nicht nur im Duktus, sondern auch inhaltlich stimmig sind, tatsächlich aber nicht von den angeblichen Absendern verfaßt wurden. Dies ist zum einen ein prima Mittel, wenn ein politischer Gegner aus leicht durchschaubaren Gründen gerade mit bestimmten Aussagen hinterm Berg halten will. Ein leuchtendes Beispiel hierzu könnten die Sozialdemokraten (wer sonst) abgeben: Eine (erfundene), überaus pointierte Erklärung gegen den gegenwärtigen Sozialabbau, die auch die Positionen ihres jeweiligen Kanzlerkandidaten in Frage stellt, könnte mit dem Parteiprogramm durchaus übereinstimmen. Als Reaktion müßte die Partei nun vollends dementieren, daß sie etwas gegen den Sozialabbau hat, womit zumindest einmal Klarheit hergestellt wäre.
Zum zweiten vermag diese Methode aber auch, Kontroversen wieder oder überhaupt erst in Gang zu bringen, die einfach nicht so recht flutschen wollen. Ziel ist es dann, nicht die eigene Position darzustellen, sondern unter Umständen die des Gegners zu umreißen. Ein Beispiel: Wenn über Burschenschaften in einer Universitätsstadt diskutiert wird, kann es durchaus Sinn machen, einen Leserbrief an die Lokalzeitung zu verfassen, in dem sich ein Burschenschafter darüber beschwert, daß aufgrund der Intervention der alliierten Streitkräfte nach 1945 das Farbentragen auf dem Uni-Campus immer noch verboten ist. Wir nennen ein solches Vorgehen das ‚Doppelpaß-Spiel‘. Denn radikale Positionen benötigen häufig konkrete Vorlagen, auf die sie sich beziehen können. Wenn der Gegner diese nicht selbst ausspricht, sondern sich der Diskussion zu entziehen versucht, muß eben mitunter ein Advocatus diaboli nachhelfen und die Diskussion in Schwung bringen.
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