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Strategie & Taktik

Wenn die Kulturelle Grammatik als Ordnungssystem alle gesellschaftlichen Bereiceh und den gesamten Alltag durchzieht, ist zu fragen, welche Möglichkeiten des Handelns innerhalb eines solchen Systems von Normalisierungen bestehen und wie es möglich ist, sich nicht vollständig durch die gesetzten Normen bestimmen zu lassen. Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es nicht ausreicht, die Strukturen gesellschaftlicher Machtausübung zu benennen und anzuprangern, um gesellschaftsveränderndes Handeln anzuregen. Mit der Bereitschaft zur Veränderung allein ist noch nicht viel gewonnen. Vielmehr geht es darum zu erfassen, diese in aktives Handeln umzusetzen.

Den Überlegungen zur Kommunikationsguerilla liegt ein Politikkonzept zugrunde, das nicht von einer politischen Avantgarde ausgeht, welche die Massen anleitet und führt, sondern davon, daß gesellschaftliche Veränderung aus dem Handeln aller Individuen entsteht. Ansatzpunkte für ein in diesem Sinne politisches Handeln müssen in der Alltagspraxis der Menschen gesucht werden: 

„Welche populären (und auch ›verschwindend kleinen‹, alltäglichen) Praktiken spielen mit den Mechanismen der Disziplinierung und passen sich ihnen nur an, um sie gegen sich selber zu wenden; und welche ›Handlungsweisen‹ bilden schließlich auf Seiten der Konsumenten (oder ›Beherrschten‹?) ein Gegengewicht zu den stummen Prozeduren, die die Bildung der soziopolitischen Ordnung organisieren?“  - De Certeau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988.

Es ist also notwendig, außer den gesellschaftlichen Normen und Institutionen (dabei sind unter Institutionen Parteien, Vereine, Unternehmen und staatliche Einrichtungen, aber auch Familienkonzepte usw. zu verstehen) auch die Frage zu untersuchen, wie die Subjekte mit diesen gesellschaftlichen Setzungen individuell umgehen. Dieses Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum hat der französische Philosoph Michel de Certeau bei seiner Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse in die Begriffe von ›Strategie‹ und ›Taktik‹ gefaßt. De Certeau bedient sich einer ›kriegswissenschaftlichen Analyse der Kultur‹, die er als ein oft gewaltsames Spannungsfeld versteht, in welchem das Recht des Stärkeren legitimiert, verschoben oder kontrolliert wird. Neben den Strategien der Macht untersucht er vor allem die gesellschaftlichen Spielräume für jene Praktiken und Listen der Individuen, die ein „Netz einer Antidisziplin“ bilden, das sich diesen Strategien entzieht.

Strategie der Macht heißt, gesellschaftliche Kräfteverhältnisse steuern und gesellschaftliche Räume bestimmen und besetzen zu können. Sie setzt einen gesellschaftlichen Ort, eine mit Macht versehene Institution voraus. Dieser ›eigene‹ Ort bildet die Basis, von der aus strategisches Handeln seine gesellschaftlichen Beziehungen organisiert und sichert.

Als Taktik läßt sich hingegen ein Kalkül bezeichnen, das von keiner festen Basis, keinem eigenen Ort ausgehen kann, sondern nur das Terrain des Anderen hat. Während das ‚Eigene‘, das Fundament strategischen Handelns, einen Sieg des Ortes über die Zeit markiert, hat die Taktik keinen Ort und bleibt von der Zeit abhängig. Sie muß mit dem Terrain, das ihr so von einer fremden Gewalt vorgegeben wird, fertigwerden und in den vorgegebenen Strukturen „günstige Gelegenheiten“ auffinden. Taktik ist darauf angewiesen, mit den Kräften der Macht zu spielen; de Certeau spricht von „gelungenen Streichen, schönen Kunstgriffen, Jagdlisten, vielfältigen Simulationen, Funden, glücklichen Einfällen sowohl poetischer wie kriegerischer Natur“. Diese Entwendung/Umdeutung der strategischen Vorgaben durch alltäglichen Taktiken ist ein Grundprinzip der Kommunikationsguerilla.

Es läßt sich einwenden, daß gerade diese taktischen Umnutzungen, die kleinen, individuellen, temporären Aneignungen sind, die das System zwar verändern, aber gerade dadurch seine Stabilität reproduzieren. Zwar werden Orte kurzfristig entwendet und Strategien der Macht für einen minimalen Zeitraum außer Kraft gesetzt, doch trägt das auch dazu bei, die fortbestehenden Machtverhältnisse aushaltbar und den Alltag erträglicher zu machen.

Die alltäglichen Taktiken sind also zwar subversiv, weil sie die Setzungen der Macht verändern, umdeuten und umnutzen, sie müssen aber nicht automatisch gesellschaftsveränderndes Handeln nach sich ziehen. In diesem Sinne wirken die Taktiken erst, wenn sie sich nicht mehr als vereinzelte, individualisierte und weitgehend unbewußte Handlungen in den Netzen der Strategien einrichten, sondern sich zu einer bewußten und kollektiven Vorgehensweise verbinden. Und an dieser Stelle liegt das Potential, an dem eine subversive ‚Strategie der Taktiken‘ möglicherweise ansetzen könnte: Es geht darum, in konkreten Situationen die taktische Alltagsbewältigung der Individuen aufzugreifen, sie bewußt zu machen politisch wirksam zu artikulieren.