Der Herr Minister spricht zum Volk

Ein Stück der
CDU-WAHLKAMPFKOMMISSION
überarbeitet von
SONJA BRÜNZELS UND LUTHER BLISSETT
aufgeführt vom
AK VOLKSBILDUNG DER KOMMUNIKATIONSGUERILLA
BÜHNENBILD
Freitag, 18.00, weites Feld, irgendwo in Deutschland, irgendwann Anfang der 90er Jahre. Saal einer Gemeinde, öffentlich. Links und rechts durchgehende Fensterfronten. Ca. 150 Stühle sind auf die erhöhte Bühne ausgerichtet, in der Mitte bleibt ein Gang frei. Auf der Bühne ein Rednerpult mit Mikrofon und ein Ti
sch. Hinter dem Tisch drei Stühle. Auf dem Tisch eine kleine Flasche Mineralwasser mit Glas. An der Seite der Bühne Blumenschmuck und weitere Stühle. Im Mittelgang am hinteren Ende des Saals ein Standmikrophon fürs Publikum.
Die Hauptrolle:
Der Politiker, in diesem Fall der Herr Bundesverteidigungsminister.
In den weiteren Rollen:
Der CDU - Ortsvorsitzende.
Die Garanten der öffentlichen Sicherheit (einige durchtrainierte Herren in Zivilkleidung, mit Akten tasche, die für die körperliche Unversehrtheit des Herrn Minister sorgen. Ein paar uniformierte Ordnungshüter – die nette Version, ohne Helm und
Schlagstock). Eine Handvoll Ordner des Ortsvereins.
Das Publikum:
Mitglieder der jungen Union. Rasierte, kurzhaarige Milchgesichter mit Sakko, Kragen und Krawatte. CDU-Stadthonoratioren, Lokalpolitiker verschiedener Fraktionen in Anzug. Deren Damen in Kostüm. Vier Zeitsoldaten. Vereinzelte auf Information erpichte Bürger und Bürgerinnen. Der einschlägig verdächtige Dorffotograf mit einem riesigen Fotoapparat (Führt seinen persönlichen Ordner mit sich). Eine attraktive junge Frau, superschick gestylt. Einige Jugendliche, deren ordentliche Kleidung nicht so recht zu ihrem abenteuerlichen Haarstyling passen will. Eine sensible Frau mittleren Alters, der alles zuviel wird.
Das Ehepaar Schulz: Frau Schulz in Kostüm. Sie wirkt, als hätte sie den Versuch gemacht, konventionelle Kleidung aus dem
Altkleidersack zusammenzustellen. Herr Schulz in einem etwas abgeschabten Anzug mit Krawatte. Kurze Haare, eher vierschrötig, mit Brille und leicht cholerischem Blick.
Das Ehepaar Schmidt: Frau Schmidt in beigelem Kostüm, mit akkuratem Kurzhaarschnitt und dezentem Make-up. Herr Schmidt im ausgebeulten Konfirmandenanzug Größe 54, Hornbrille.
Das ORIGINALSTÜCK:
Eine ganz normale Wahlkampfveranstaltung. Der Saal wird geöffnet. Die Zuschauer treffen ein, begrüßen sich, plaudern, nach und nach füllt sich der Saal. Ordner laufen ordnend umher, die erste Reihe ist reserviert. Der Saal ist voll. Warten, gedämpftes Gemurmel. Der Herr Minister betritt den Saal, mit ihm der Herr Ortsvorsitzende und die Frau Bundestagsabgeordn
ete. In ihrem Gefolge die Herren mit der Aktenmappe. Erstere besteigen die Bühne und nehmen an dem Tisch Platz, letztere setzen sich auf die freigehaltenen Stühle in der ersten Reihe. Es wird ruhig. Die Blicke richten sich nach vorn. Der Herr Ortsvorsitzende begrüßt das Publikum und die anwesenden Honoratioren sowie dankend den Herrn Minister. Er betont die Notwendigkeit des Dialogs mit dem Bürger und die Wichtigkeit der in dieser Veranstaltung zu dialogisierenden Fragen. Er übergibt das Wort und das Rednerpult dem Herrn Minister und setzt sich hinter den Tisch. Kurzer Beifall. Der Herr Minister begibt sich ans Rednerpult. Längerer Beifall. An dieser Stelle erheben unter Umständen einige Störer ihre Stimme oder ein Transparent und werden dezent aus dem Saal entfernt. Nun spricht der Herr
Minister. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er zum Ende seiner Ausführungen. Langer Beifall. Der Herr Minister setzt sich. Der Herr Ortsvorsitzende bedankt sich und bittet um Fragen. Nach anfänglichem Zögern begeben sich einzelne Bürger ans Mikrophon, überwinden gegebenenfalls mit Hilfe von Ordnern technische Schwierigkeiten und stellen kurze Fragen. Der Herr Minister antwortet ausführlich und kompetent. Nach einer weiteren halben Stunde und ca. fünf Fragen ergreift die Frau Bundestagsabgeordnete das Wort, bedauert, daß die Zeit schon so weit fortgeschritten ist, und verabschiedet nach einem Dank an alle Beteiligten, besonders den Herrn Minister, die Gäste. Alle verlassen geordnet und zufrieden den Saal.
Die Überarbeitete und neu Aufgeführte Fassung
Alles läuft ab wie üblich, das Füllen des Saales, der Einzug der Hauptpersonen. Etwa 25 Menschen verbreiten gespannte Erwartung, was aber Gottlob nicht und zum Glück auch sonst niemand merkt. Als der Herr Ortsvorsitzende ans Rednerpult geht und der Saal still wird, steht im Publikum eine Frau auf und ergreift an seiner Stelle das Wort: Es sei schlechte Luft im Saal, man solle das Fenster öffnen. Rufe werden laut: Rauchen einstellen! (Niemand raucht). Einer der Ordner stellt sämtliche Fenster schräg. Zustimmender Beifall . Nachdem alles zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt ist, begrüßt der Ortsvorsitzende die Anwesenden sowie den Geist der Geschichte: „Der Kommunismus ist am Ende!“ Endloser Beifall . Noch mehr Beifall . Als er schließlich wieder zu Wort kommt und dieses dem Herrn Minister übergibt, wird es unterwegs von einer Frau, die direkt am Fenster sitzt, abgefangen: Es zieht! ( Zustimmendes Gemurmel ). Ein Ordner schließt das Fenster. Nach dieser Verzögerung ergreift der Herr Minister das Wort – es ist jetzt wieder da, wo es hingehört. Langer Beifall .
Der Herr Minister bedankt sich. Längerer Beifall . Der Herr Minister bedankt sich. Sehr langer Beifall . Der Herr Minister bedankt sich nicht. Kein Beifall . Der Herr Minister beginnt seine Rede. Wieder endloser Beifall . Der Herr Minister, etwas gereizt, weil ihm das Wort im Beifall abhanden gekommen ist: Man möge mit dem Beifall aufhören, er wolle sprechen. Der Beifall ebbt ab . Der Herr Minister spricht über die deutschen Truppen. Kein Beifall .
Etwas stimmt nicht mit dem Beifall. Immer, wenn irgend jemand durch zaghaftes Klatschen seiner Zustimmung Ausdruck zu verleihen versucht, schwillt der Applaus an. Wenn der Minister besonders langatmig wird, bekommt er geräuschvolle Zustimmung, gerade lange genug, um irritierend peinlich zu wirken, aber nicht so lange, daß es als absichtliche Störung verstanden werden könnte. Dennoch beschweren sich einige Zuhörer, man solle mit dem Klatschen aufhören. Man sei nicht zum Klatschen hier, sondern zum Zuhören. Das findet auch der Herr Minister, dessen Gesicht langsam nach unten rutscht. Die Herren mit den Aktentaschen dagegen schmunzeln. Vereinzelte Rufe nach Ruhe! vergrößern die Unruhe. Als einige Jugendliche trotzdem immer weiter applaudierten, rasset der cholerische Herr Schulz aus und wird handgreiflich. Sein Nebensitzer versucht es mit Beschwichtigungstaktik: Sei still, du Depp! Sonst bist du doch der größte Störer! Herr Schulz bleibt unbeeindruckt, doch seiner Frau gelingt es, ihn zu beruhigen. Herr Schmidt ruft: Das kommt vom Fernsehen! Erst nach ca. 60 Minuten kann der Herr Minister zum Ende seiner Ausführungen kommen. Der Beifall ist eher spärlich, man hat genug davon gehabt.
Endlich beginnt die Fragerunde. Hinter dem Mikrophon bildet sich eine lange Schlange. Ein Mitglied der Jungen Union stellt eine kurze Frage zu der Verantwortung der Bundeswehr. Der Herr Minister antwortet ausführlich und kompetent. Eine Frau bezieht sich auf die Ausführungen des Herrn Minister zum Thema ‚Krisen‘. Auch sie hat eine Theorie über die Krisen: meistens sei es im Frühjahr, daß es in den Ehen krisele. Ob der Minister dazu aus seiner Erfahrung als Krisenfachmann etwas sagen könne. Der Herr Minister zeigt sich von der humorvollen Seite, was ihm aber nicht so recht gelingen will. Die junge, perfekt gestylte Frau sorgt sich um die Zukunft der Bundeswehr. Sie schlägt vor, die ledigen Bundestagsabgeordneten sollten ihr überschüssiges Sperma an Samenbanken spenden, um Vorräte für kommende Soldatengenerationen anzulegen. Ein Ordner zerrt die junge Frau rabiat vom Mikrophon weg. Dabei hat die Ärmste auch noch einen Gipsarm. Einer gesetz wirkenden Frau geht das zu weit, sie nimmt das Mädchen in Schutz.
Herr Schmidt springt auf und ruft mit knallrotem Gesicht: Das kommt vom Fernsehen! Das kommt vom Fernsehen! Ein Ordner bittet ihn ängstlich und sehr höflich, sich aus dem Saal zu entfernen. Frau Schmidt wird hysterisch: Keine Gewalt! Wir leben doch in einer Demokratie! Der Ordner gibt auf und bringt sich in Sicherheit. Irgendjemand will das Fenster öffnen. Das Publikum versucht, Ruhe herzustellen. Der Tumult wird größer. Die sensible Frau mittleren Alters verpaßt ihren Einsatz und erleidet keinen Schwächeanfall, was aber niemandem auffällt. Die Zeitsoldaten diskutieren die Lage unter militärisch-strategischen Gesichtspunkten: Wer gehört zu wem und wer ist besser?
Der Herr Minister bekommt einen roten Kopf und beklagt sich: „Ihr solltet euch wenigstens der Diskussion stellen!“ Er erklärt, nur noch ernstzunehmende Fragen beantworten zu wollen. Ein trotz seiner langen Haare seriös wirkender junger Mann stellt eine lange, hochkomplizierte Frage. Sie besteht aus einem einzigen, minutenlangen Satz, der mit „Osterweiterung der Nato“ beginnt, mindestens 17 ex-sowjetische Staaten erwähnt, von denen noch niemand je gehört hat, und mit „Rußland“ endet. Der Herr Minister glaubt, ausführlich und kompetent antworten zu müssen. Deswegen spricht er von wichtigen und ernsthaften Überlegungen, die bedacht sein wollen. Niemand hat etwas verstanden. Ein Milchgesicht mit Anzug und Krawatte fragt umständlich und holprig nach dem Einsatz deutscher Truppen in Somalia. Der Herr Minister schreit: „Genug mit diesen blödsinnigen Scherzfragen!“ und würgt ihn (ab). Die Junge Union hat ein Mitglied weniger.
Nach einer Stunde ergreift die Frau Bundestagsabgeordnete das Wort und bedauert, daß die fremden Störer und Chaoten den freundlichen Einheimischen den schönen Abend verdorben haben. Der Herr Minister verläßt geordnet den Saal, begleitet von Sprechören und Gesängen: Wir sind das Volk, du bist Volker! Katzenklo, Katzenklo, das macht deine Katze froh. Danach treffen sich alle vor der Lokalität zum Fototermin mit dem ortsbekannten Fotografen.
In den folgenden Tagen erscheinen Zeitungsberichte, die voller Empörung über den Schaden berichten, der dem Ort wie auch der Partei durch die jugendlichen Störer zugefügt wurde. Die abgedruckten Fotos dokumentieren den Gesichtsausdruck des Herrn Minister anschaulich, und die Bildunterschriften können eine gewisse Schadenfreude über die ganze Misere nicht verhehlen. Die Frau Bundestagsabgeordnete der CDU beschwert sich bei dem Herrn Bundestagskandidaten der SPD, daß dieses unwürdige Verhalten der Jusos (denn wer soll es sonst gewesen sein?) keine demokratische Art sei, Wahlkampf zu machen.
Und einige linke Genossinnen, die nicht dabei waren, beschweren sich bei ein paar Leuten, die sie hinter der Sache vermuten: Ihr habt nicht argumentiert, ihr habt euch nicht inhaltlich auseinandergesetzt. Ihr habt es versäumt, die Regierungspolitik zu kritisieren. Ihr wart einfach destruktiv und außerdem völlig unpolitisch. Und einige andere linke Genossinnen, die dabei waren, finden das Ganze großartig.
WAS IST PASSIERT?
Wird ein einfaches Kommunikationsmodell (◐ Warum hört mir keiner zu?) zugrundegelegt, dann ist eine politische Informationsveranstaltung dann gelungen, wenn ein Politiker oder Experte seine Ansichten bzw. Programme darlegen und der Bürger sein Informationsbedürfnis stillen konnte. Gemäß dieser Sichtweise ist der „Dialog mit dem Bürger' erfolgreich, wenn die Informationsvermittlung geglückt ist, wenn die Erwartung auf Information mit dem Ablauf der Veranstaltung übereinstimmt. Aber wenn wir die beiden Versionen des ‚Theaterstücks‘ betrachten, zeigt sich, daß sie sich vom Blickwinkel der Informationsvermittlung her nicht wesentlich unterscheiden. In beiden Fällen konnte der Herr Minister seine Informationen mitteilen, auch wenn in der ‚überarbeiteten‘ Version die Hintergrundgeräusche, das ‚Rauschen‘ wesentlich stärker waren. Dennoch unterscheiden sich die beiden Versionen deutlich und in einer wohl für alle Beteiligten spürbaren Weise. Um zu verstehen, worin dieser Unterschied besteht, muß eine erweiterte Vorstellung von Kommunikation herangezogen werden, die nicht nur auf ‚Information‘ fixiert ist, sondern die gesamte Kommunikationssituation ins Auge faßt.
Die Kommunikationssituation einer öffentlichen Veranstaltung läßt sich besser verstehen, wenn die ○ Kulturelle Grammatik einbezogen wird, die die Choreographie der Veranstaltung und die Rollen der Beteiligten bestimmt. Der Sinn einer ritualisierten Veranstaltung ist nicht vorwiegend im gesprochenen Wort und den ausgetauschten Argumenten zu suchen, sondern hauptsächlich, wer wann das Wort ergreifen darf, wer das Recht hat, zu sprechen und gehört zu werden. Die Kulturelle Grammatik regelt dies nicht in erster Linie über offen ausgeübten Zwang, sondern über die Festlegung von Sitzordnungen, Raumaufteilungen und Abläufen, also durch die Inszenierung und Ordnung des Raumes, der Körper und des Sprechens.
Insofern ist eine Wahlveranstaltung (ähnlich etwa einem Gottesdienst)unabhängig von dem, was konkret gesagt wird, ein Beitrag zur Normalisierung der Machtbeziehung zwischen Experten/Politikern/Priestern einerseits und BürgerInnen/Laien/Gemeinde andererseits. Wie in einem Gottesdienst gibt es auch bei Wahlkampfveranstaltungen eine bis hin zu den einzelnen Dialogen festgelegte Liturgie. Wer sie akzeptiert, merkt gar nicht, daß er sich nur in einem äußerst beschränkten Ausmaß äußern kann. Eben weil die Kulturelle Grammatik, die Liturgie, als Machtinstrument unsichtbar bleibt, wirkt sie besonders effektiv. Jeder Versuch einer inhaltlichen Diskussion bedeutet, sich auf das vorgegebene Setting einzulassen und in einem der Rituale des demokratischen Rechtsstaats die zugedachte Rolle zu spielen. Es ist natürlich vollkommen naiv zu glauben, der Politiker ließe sich durch irgendwelche Gegenargumente beeinflussen. Sie dienen ihm in diesem Rahmen allenfalls dazu, seine eigene Position deutlicher zu verankern und dabei zugleich pluralistisch-demokratisch-tolerante Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren. Auch die härteste inhaltliche Kritik, die im Rahmen eines ‚Dialogs mit dem Bürger‘ gegen die Positionen der Macht vorgebracht wird, bekräftigt zugleich die in die Kulturelle Grammatik eingeschriebene Hierarchie.
Ein Versuch, diese Situation aufzubrechen, muß möglicherweise zunächst an den Formen ansetzen, mit denen hier Macht produziert und artikuliert wird. Im Rahmen der Veranstaltung dürfen BesucherInnen das Wort nur zu genau festgelegten Zwecken und Momenten ergreifen. Sie können Fragen stellen, und sie dürfen sich sogar um ihr eigenes Wohlergehen (niemand soll frieren oder unter Rauch leiden) kümmern, denn als mündige Bürger tragen sie ja selbst Verantwortung für das Gelingen des Abends. Deshalb sind sie auch berechtigt, zu fordern oder dazu beizutragen, daß Störer ausfindig gemacht oder rausgeworfen werden. All diese Bereiche sind allerdings nur als Nebenschauplätze gedacht; im Zentrum der Aufmerksamkeit soll der Experte/der Politiker stehen. Diese Struktur der Veranstaltung kommt bereits in der Sitzordnung zum Ausdruck, die auf den prominenten Sprecher ausgerichtet ist. Kommt es nun zu einer wie auch immer gearteten Kommunikation unter den ‚ZuhörerInnen‘, so kollidiert diese mit der vorgesehenen Kommunikationsstruktur und wirkt deshalb automatisch als Störung.
Die Veranstaltung beginnt zu kippen, wenn die Nebenschauplätze zum Zentrum der Aufmerksamkeit werden, wenn die BesucherInnen, angeregt von einigen gut verkleideten Initiatoren (→ Happenings und Unsichtbares Theater), mehr damit beschäftigt sind, die äußeren Rahmenbedingungen zu gestalten oder Kritik am Verhalten von anderen Teilnehmern zu äußern, als dem Stargast zuzuhören. Alle Versuche des ernsthaft interessierten Publikums, aktiv die Ordnung wiederherzustellen, werden dann selbst zu Störungen. Deutlich erkennbare GegendemonstrantInnen könnten das ‚Stück‘ nicht (bzw. nur unter sehr günstigen Bedingungen) umschreiben, weil die Rolle der Protestierenden ebenso wie die entsprechenden Gegenmaßnahmen im Original durchaus vorgesehen sind. Engagierte Bürger dagegen, die unfreiwillig zu Störern werden bzw. im Stück der politischen Gegner mitspielen, kommen im Ori
ginal nicht vor. Das Chaos wird umso größer, je weniger die Macht in Gestalt von Ordnungskräften oder Stargast ‚echte‘ von ‚falschen‘ Störerinnen unterscheiden kann. Auch die ernsthaft interessierten Besucherinnen befinden sich in einer Situation, in der sie sich irgendwie verhalten müssen, obwohl die möglichen Alternativen allesamt unangebracht erscheinen: Sie können beispielsweise wie ‚zivilisierte‘ Menschen an der Scheindiskussion um offene und geschlossene Fenster etc. mitwirken und dadurch die Veranstaltung mit durcheinanderbringen, oder sie können an derselben Stelle autoritär werden, den Rausschmiß der Störer fordern. Das legitime Muster autoritär-rabiaten Saalschutzes sieht vor, daß das Innen vor dem Außen, das Wir vor den Chaoten geschützt werden darf. Das macht aber dann Schwierigkeiten, wenn sich das ‚Innen‘ der ernsthaft am Gelingen der Veranstaltung Interessierten und das ‚Außen‘ der subversiven Störer nicht klar voneinander trennen lassen.
Das Spiel mit der Verschiebung der Aufmerksamkeit vom Podium in den Saal verfolgt zwei Ziele: Es behindert effektiv den geordneten Ablauf der Veranstaltung, und es zeigt einen inhaltlichen Dissens auf, und zwar nicht auf der Ebene des vom Veranstalter vorgegebenen Themas, sondern auf der Ebene der Kulturellen Grammatik. Indem sie die Ordnung des Sprechens stören, das Wort an sich reißen, das legitim erteilte Wort zu Un-sinn entstellen oder durch Geräusche stören, machen sie diese Ordnung sichtbar (etwas ‚stimmt nicht‘) und formulieren zugleich eine handfeste Kritik daran. Statt eine eigene Veranstaltung zu machen, in der sie die Funktionsweise der Kulturellen Grammatik als Mittel der (Re)produktion von Machtstrukturen kritisieren, benützen die Kommunikationsguerillas einen bestehenden Kontext als Bühne für die bildliche und konkrete Darstellung ihres Anliegens (→ Entwendung/Umdeutung). So wie die Kulturelle Grammatik durch ihre Unsichtbarkeit funktioniert, so bleiben auch die Erfolge einer solchen Taktik, wenn es sowas gibt, unausgesprochen. Zwar ist offensichtlich, daß etwas nicht stimmt/normal funktioniert hat, aber dieser Sachverhalt wird nicht unbedingt breit und mediengerecht diskutiert. Die Verschiebung zeigt sich vor allem in der Situation und für die Beteiligten. Sie wirkt nicht auf einer theoretischen, sondern auf einer zunächst gefühlsmäßigen und unartikulierten Ebene. Das gilt gleichermaßen für die Kommunikationsguerillas wie für die Zuschauerinnen der Veranstaltung. Diese Art der Intervention arbeitet nicht mit den Mitteln der Argumentation. Gerade dadurch kann sie sehr nachhaltig wirken: Sie ermöglicht den Beteiligten einen momentan veränderten Blick auf das Ereignis ‚Wahlkampfveranstaltung‘, auf den sie bei anderen Gelegenheiten zurückgreifen können, und zwar unabhängig davon, ob die entsprechende Sichtweise theoretisch formuliert wurde oder nicht.
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