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Kollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK)

Das KünstlerInnenkollektiv 'Neue Slowenische Kunst' (NSK) gründete sich Anfang der 80er Jahre in Ljubljana um die Rockgruppe 'Laibach'. In den mehr als zehn Jahren ihres Bestehens haben sie vor allem eines getan: Die Ästhetik von Macht und Unterwerfung zu besingen, die Inszenierung von Herrschaft und das Aufgehen des einzelnen im Kollektiv.

Dabei hat sich NSK/Laibach von Anfang an einer konsequent durchgehaltenen Strategie der Überidentifizierung verschrieben. Vor dem theoretischen Hintergrund der Thesen des slowenischen Psychoanalytikers und Lacan-Schülers Slavoj Žižek formuliert Laibach sein Credo: Subversion entsteht nicht durch das Herstellen ironischer Distanz zum Bestehenden, sondern vielmehr dadurch, daß das System ernster genommen wird, als es sich selbst nimmt. Gerade jene Aspekte des Bestehenden, die nicht offen ausgesprochen werden dürfen, aber dennoch in der herrschenden symbolischen Ordnung angelegt sind, müssen affirmiert werden. Diese affirmative Artikulation ist subversiv, denn in die 'Verborgenen Wahrheiten' der bestehenden symbolischen Ordnung sind deren Bruchstellen von vorneherein eingeschrieben; die affirmative Aussprache dieser Wahrheiten macht den Bruch offensichtlich.

In ihrer Ästhetik beziehen sich NSK/Laibach auf die klassische Avantgarde der 20er Jahre, deren Erbe ihrer Ansicht nach den Fundus bildet, aus dem sich alle seinherigen künstlerisch/ästhetischen Inszenierungen politischer Ideologien bedienten. Um das Zusammenspiel künstlerisch-ästhetischer Formen und politischer Ideologie aufzuzeigen, zeichnet Laibach die faschistoide Ästhetisierung des Politischen (bzw. des Sozialen) ohne jegliche Distanzierung nach. Die Inszenierung von Herrschaft und das Begehren nach Unterwerfung werden affirmiert, nicht kritisiert. Denn ‚kritische Distanz‘ bedeutet in der Lesart von Laibach vor allem eine Möglichkeit, sich der Erkenntnis zu entziehen, wie Ästhetisierung von Ideologie funktioniert. Daher weigert sich die Gruppe in der Regel auch, ihre eigenen Aktionen zu kommentieren oder sich selbst ‚kritisch‘ dazu zu positionieren.

Die Vorgehensweise von Laibach läßt sich beispielhaft anhand einer Performance illustrieren, die die Gruppe Anfang der 90er Jahre im Stadion von Belgrad aufführte. Höhepunkt war eine militant nationalistische Rede in serbischer Sprache. Die Zuhörer wurden aufgefordert, die Reinheit und Ehre des serbischen Volkes und den Bestand des serbischen Bodens mit allen Mitteln zu bewahren und zu verteidigen. Bei der Untermalung dieser Rede setzte die Gruppe Laibach alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel der Inszenierung faschistischer Ästhetik ein, wobei sie jegliches Element einer Distanzierung in dieser großangelegten Zurschaustellung nationalistischer Heroik bewußt ausklammerte.

Inhaltlich bedeutete die Rede nur noch eine unwesentliche Zuspitzung der nationalistischen Rhetorik, die gleichzeitig überall in den Staaten des sich auflösenden Jugoslawiens zu hören war. Die Gruppe war sich der Gefahr bewußt, daß diese Kontextualisierung nicht nur hinsichtlich ihrer Form, sondern auch in ihrer Wirkung affirmativ sein könnte. Laibach löste dieses Problem durch eine ungeheure Provokation: Im Verlauf der Rede glitten zentrale Worte und Sätze der Blut- und Bodenansprache ins Deutsche, ohne daß ansonsten irgendein Bruch stattgefunden hätte. Vor dem Hintergrund der Verbrechen, die die deutschen Nazifaschisten und ihre Handlanger in Serbien begangen hatten, war damit jede affirmative Lesart ausgeschlossen – eine Tatsache, die auf die Zuhörer gerade deshalb erschreckend wirken mußte, weil die Affirmation serbisch-nationalistischer Heroik auf allen anderen Ebenen so konsequent wie möglich durchgehalten wurde.

Seit Beginn der 90er Jahre hat sich die Gruppe vor allem den Mechanismen der Konstruktion des Nationalen zugewandt. Vor dem Hintergrund der nationalstaatlichen Aufspaltung des ehemaligen Jugoslawien entwickelte die Gruppe das Projekt der Gründung eines „Staates NSK“. Dabei wurde auf alle symbolischen Attribute des Nationalstaats zurückgegriffen. Auch die Konstruktion von nationaler Geschichte wurde durch die bewußte Montage von Versatzstücken des kollektiven Gedächtnisses nachvollzogen.

Im Falle des ‚Staates NSK‘ zeigte sich, daß auch eine derart groteske Überidentifizierung noch von der Realität bestätigt werden kann: Es wird kolportiert, daß einige vom Bürgerkrieg betroffene bosnische Staatsbürger eine Zeitlang noch am ehesten mit NSK-Pässen Reisemöglichkeiten hatten.

Vieles an der Praxis von NSK/Laibach mag mit dem Hintergrund des früheren (mittlerweile ehemaligen) Jugoslawiens, vor dem sie agierten und agieren, zu tun haben. Allerdings sieht die Gruppe dieses als ‚Spiegel, in dem dem Westen seine eigene verborgene Wahrheit entgegentritt‘ (Zizek). Auch wenn sich NSK/Laibach ästhetischer Formen des historischen Faschismus oder des Realsozialismus für ihre Inszenierungen bedienen, also dessen ‚Totalitarismus‘ bezeichnen, ist der liberal-kapitalistische ‚freie Westen‘ stets mitgemeint. ‚Totalitarismus‘ ist in der Lesart von NSK/Laibach gerade nicht das große Andere des freien und demokratischen Westens, sondern viel eher ein Phänomen, das der Grundstruktur jeder warenproduzierenden Gesellschaft eingeschrieben ist.

In der Logik von NSK/Laibach ist es nur konsequent, wenn sie kommerzielle oder politische Vereinnahmung nicht als Problem ansehen. Die Tatsache, daß NSK zumindest ansatzweise zu einer ‚Staatskunst‘ des neugegründeten Staates Slowenien geworden ist, bestätigt ihre ästhetischen Konzepte in dieser Logik eher als daß sie sie problematisiert. Ob das ‚stimmt‘, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Als beispielsweise Briefmarken des NSK-Staates eine Woche lang im Hauptpostamt von Ljubljana/Laibach regulär abgestempelt wurden, verschwanden Affirmation, Überidentifizierung und Dekonstruktion in einer kaum noch auseinanderzuhaltenden Weise. Es bleibt offen, ob bei einer solchen Praxis ein subversiver Anspruch nicht doch auf der Strecke bleibt. Zumal sich NSK/Laibach, ihrer eigenen Logik auch hier folgend, zu einem solchen Anspruch niemals bekannt haben.

Das umfassendste Werk zu NSK/Laibach heißt schlicht:

Neue Slowenische Kunst (NSK). The Original NSK Book with english translation. Zagreb, 1991.