Crossdressing
Ist Cross-dressing subversiv?
Das weiß niemand – außer Ihrem Friseur
Männer, die Frauen spielen, haben seit langer Zeit ihren festen Platz auf Bühnen und bei anderen festen Gelegenheiten. Dabei weiß jeder, daß Mary, die mit Glitzerfummel aufgetakelt in der Werbung eine Marmelade oder ein Milchprodukt anpreist, ein Mann ist. Auch bei den Schönen in der Travestie-Show gibt es keinen Zweifel über ihr Geschlecht; alle sind sich sicher, daß der Busen nicht echt ist und das enganliegende Kleid nur wegen eines einschüchternden Slips keine Beule an eben dieser Stelle aufweist. Solange das Ganze im Theater, im Kabarett, im Club vor heterosexuellem Publikum stattfindet, ist die Tatsache, daß die Darsteller aller Wahrscheinlichkeit nach homosexuell sind, exotisch und damit sicher im Bereich des ‚Anderen‘ aufgehoben. Die Identität des Zuschauers wird nicht in Frage gestellt, und es ist gut möglich, daß derselbe Zuschauer, der sich von einer der Drag Queens am Abend im ritualisierten Rahmen einer Performance noch das Kinn kraulen ließ, am nächsten Tag seinen schwulen Arbeitskollegen mobbt.
Noch viel weniger werden herkömmliche Vorstellungen von Geschlecht angetastet, wenn die Jungs vom Fußballclub beim Vereinsfest ein Ballett in kurzen weißen Röckchen aufführen oder wenn sie sich beim Karneval den BH von der Freundin/Mutter/Frau ausleihen und mit Wollknäueln aus deren Strickkorb bestücken. Lustig ist das ja nur deshalb, weil alle wissen, daß die Darsteller nachher wieder in umso männlicherer Selbstgewißheit aus ihrer Verkleidung hinausschlüpfen. Richtig komisch sind sie als Frauen aber vor allem deswegen, weil das, was unter den herkömmlichen Klischees von Frau läuft, selbst komisch ist, die piepsigen Stimmen, das hühnerhafte Getrippel und die exaltierten Bewegungen.
Auch im Film erfreuen sich als Frauen verkleidete Männer größter Beliebtheit. Allerdings löst sich das Verwirrspiel zum Schluß meistens in heterosexuelles Wohlgefallen auf, so zum Beispiel in „Tootsie“. Die angebliche Frau erringt, sobald sie sich als Mann geoutet hat, das Herz der Geliebten. Eine Ausnahme von der langweiligen Regel, daß letztlich zusammenfindet, was laut Gesellschaft zusammengehören muß, bildet „Manche mögen's heiß“ von Billy Wilder. Hier verkündet der Millionär, als er über das eigentlich männliche Geschlecht der Angebeteten aufgeklärt wird, daß ihn das gar nicht störe und er sie trotzdem liebe, und zusammen fahren sie mit dem Boot aufs Meer hinaus ...
Solange eindeutig zuordenbar bleibt, wer wohin gehört und wann das Ganze seinen Anfang und sein Ende hat, führt die Umkehrung der Geschlechterrollen viel eher dazu, Stereotypen durch Übertreibung zu fixieren als dazu, Brüche, wirklich beunruhigende Verwirrungen und anhaltende Verunsicherungen entstehen zu lassen.
Undurchsichtiger wird das Ganze im Kontext der Prostitution. Hier finden sich nicht nur Männer, die auf den Thrill der käuflichen Transvestitenliebe aus sind, sondern es gibt auch Drag Queens, die es darauf anlegen, heterosexuelle Männer, die sie für Frauen halten, an Land zu ziehen. Diese Grauzone des moralischen Tabus ist ein Feld, das auch für die Freier das Andere, das Heimliche und im normalen Leben Verborgene darstellt. Wenn sich hier Irritationen einstellen, bleiben sie vom Alltag abgetrennte Erfahrungen, die deshalb nicht unbedingt weitere Erkenntnisprozesse über Geschlecht nach sich ziehen.
Vor allem in schwul-lesbischen Zusammenhängen ist das Umgehen mit Verhaltensmustern und Kleidungskonventionen des anderen Geschlechts ein wichtiges Ausdrucksmittel geworden; das Spiel mit Stereotypen nicht als Bühnenshow, sondern als Alltagspraxis, geht hier sehr viel weiter. Dabei zeichnen sich tatsächlich Formen der Selbstdarstellung ab, die die auf Zwangsheterosexualität basierenden geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen durcheinanderbringen, neu kombinieren und in andere Kontexte überführen.
Frequent Asked Questions – What is Crossdressing? http://www.compuserve.com/resource/faqs/crossfaq.html
„Boys will be girls and girls will be boys“ – Wenn es nicht die Biologie ist, die Frauen auf ein Frauendasein und Männer auf ein Männerdasein festlegt, wenn die soziale Kategorie Geschlecht tatsächlich ‚nur‘ in der o Kulturellen Grammatik existiert, dann könnte sich jede sein Geschlecht nach Lust, Laune, oder taktischen Überlegungen raussuchen.
Aber Geschlecht ist mehr als eine beliebig veränderbare Festschreibung; es ist ein wesentliches und immer wieder machtvoll durchgesetztes Ordnungsprinzip der Gesellschaft. Geschlechtliche Arbeitsteilung, der Lauf der Biographien, die Produktion von /Herstellung von/ Selbstverortung in Identitäten, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, Machtgewinn und Machtverlust sind in großem Umfang von Geschlecht strukturiert. Wie wichtig dieses Ordnungsprinzip ist, läßt sich an den Anstrengungen ablesen, mit denen es wieder und wieder in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen festgeklopft wird. Das Steuersystem funktioniert zugunsten der Kleinfamilie und bestraft diejenigen, die aus diesem Modell herausfallen. Jedes Hochzeitsfest ist in mehr oder weniger ausgeprägter Weise und trotz aller eventuellen Abweichungen und Brüche auf anderen Ebenen eine Artikulation von Geschlechterverhältnis, jede Eheschließung reiht sich ein in die endlose Kette der Repräsentationen von Geschlecht. Eben weil Geschlecht ein zentrales Ordnungsprinzip der meisten heutigen Gesellschaften ist, bietet es sich als Interventionsraum für Kommunikationsguerrilla an.
Es gibt viele Möglichkeiten, in das System des Geschlechterverhältnisses zu intervenieren: in der Arbeitsteilung, in der Lebensplanung von Karriereentwürfen und Sorge für Kinder, in der sexuellen Orientierung, in Veränderungen von tertiären Geschlechtsmerkmalen – wie zum Beispiel der Kleidung und Körpersprache.
Abgeschwächte Formen des Crossdressing sind längst Bestandteil des Modealltags: Seit den 20er Jahren haben sich Frauen eine Reihe von als männlich definierten Kleidungsformen erobert. Heute kann eine Frau ihre sexuelle Attraktivität für das entgegengesetzte Geschlecht gerade durch den Kontrast zwischen Männerkleidung und weiblichen Accessoires wie Lippenstift, Frisur oder Gestik hervorheben. Marlene Dietrich bleibt eine Frau, ihre erotische Ausstrahlung ist gerade durch die kontrastiven Männerhosen die einer Frau. Auch bei der Männermode läßt sich eine Zunahme von Pastelltönen, von gepflegten langen Haaren, von Parfum- und Schmuckgebrauch feststellen. Aber warum haben sie sich die Röcke und Kleider noch nicht angeeignet?
Unabhängig von allen theoretischen Fragen läßt sich festhalten, daß vor allem diejenigen Menschen, deren sexuelle Praktiken nicht den hegemonialen Konventionen der Zwangsheterosexualität entsprechen, mit Diskriminierung und repressiven Maßnahmen konfrontiert sind – nicht umsonst gehören Schwule und Lesben zu den gesellschaftlichen Gruppen, die Angriffen von Faschos besonders häufig ausgesetzt sind. Sowohl die geschlechtsspezifische Aufgabenteilung mit ihren hierarchisierenden Folgen als auch die gesellschaftliche Ächtung von Personen, die sich der als normal definierten Zuschreibung zu entziehen suchen, machen es deutlich: Geschlecht ist als Bestandteil der kulturellen Grammatik nicht das Privatvergnügen einzelner, sondern eine für das Funktionieren unserer Gesellschaftsform wesentliche politische Kategorie. Zweigeschlechtlichkeit ist mit all ihren Folgen wie Kleinfamilie, geschlechtlicher Arbeitsteilung und Sexismen eine für die Stabilisierung der gegenwärtigen Verhältnisse grundlegende Struktur. Allerdings ist dieser Sachverhalt bislang fast ausschließlich im Rahmen der Schwulen- und Lesbenbewegung, der ‚Queer Politics‘ thematisiert worden, und auch hier war das Verständnis von Crossdressing als politischem Akt nicht selbstverständlich. Bei Demonstrationen, am Christopher-Street-Day oder im Queer Theater ist Crossdressing eine der grundlegenden Methoden für das Spiel mit und das Infragestellen von Geschlechterstereotypen. Als jedoch bei den Bürgermeisterwahlen 1991 in Chicago zum ersten Mal ein Kandidat der „Queer Nation“ auftauchte, löste das nicht nur unter Heterosexuellen Verwirrung aus. Joan Jett Black ging nämlich nicht als „Mann“ ins Rennen und verkündete auch nicht mit Betroffenheitsgestus den unerbittlichen Kampf gegen die Unterdrückung von Schwulen, sondern es war eine Drag Queen, die sich den Wählerinnen vorstellte. Ihr Wahlspruch „Putting camp into the campaign“ – „camp‘ ist die Bezeichnung für eine besondere Aneignungsform von Schifflern, Verquerem und Kitschigem, die vor allem für die Schulenszene von Bedeutung ist – wurde auch von schwulen Zeitschriften weitgehend ignoriert. Viele waren der Meinung, das sei zu flippig, zu exaltiert und würde die ernsthaften Ziele und Forderungen der Schwulen und Lesben diskreditieren.
Zudem ist bemerkenswert, daß sehr viel mehr ‚Männer‘ sich als ‚Frauen‘ crossdressen als umgekehrt. Diese Tatsache erklärt sich möglicherweise daraus, daß die Geschlechtlichkeit von Frauen im allgemeinen, dominanten Geschlechterdiskurs weitaus offensichtlicher ist, während Männer als ‚Menschen‘ gesehen werden. Ein Mann kann sich als Frau darstellen, indem er einfach einige Attribute zu seinem sonstigen Auftreten hinzufügt: Etwas Lippenstift, ein Rock und ein lockerer Hüftschwung reicht zumeist aus. Frauen hingegen haben es, auch weil Männerkleidung für sie kaum noch ein Tabu darstellt, weniger leicht. Wenn sie typisch ‚weibliche‘ Formen der Selbstdarstellung aufgeben und sich ‚männliche‘ Verhaltens- und Kleidungsformen zulegen, entsteht nicht das Bild eines Mannes, sondern das einer unattraktiven Frau, denn das einzige eindeutige Signal für das männliche Geschlecht ist der Bart. Somit ist es für Frauen weitaus schwieriger, als geschlechtliche Männer und nicht einfach als geschlechtslose Frauen zu erscheinen, wenn sie die herkömmlichen Kleidungs- und Verhaltensnormen durchbrechen.
Trotz dieser Schwierigkeiten in der Durchführung erweist sich das Crossdressing als wichtige Praktik der Kommunikationsguerilla im Alltag, weil es nicht nur für das Publikum, sondern auch für diejenigen, die das Spiel wagen, stereotype und unbewußte Vorstellungen radikal in Frage stellt.
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