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Kommune 1

Donnerstag, 6. April 1967. Axel Cäsar Springers „Bild“ brüllt seine Leserinnen an: „Geplant – Berlin: Bombenanschlag auf US-Vizepräsident.“ Am Tag vor dem angeblich geplanten „Attentat“ hoben die Bullen eine „Terror-Werkstatt“ aus und beschlagnahmten eine seltsame, glibrig-klebrige Substanz. Die Cop-Chemiker brauchten drei ganze Tage, ehe sie herausfanden, von welch besonderer Art der gefundene „Sprengstoff“ war. Fritz Teufel, Rainer Langhans und Konsorten, allesamt Bewohner der Bürgerschreckzentrale Kommune 1 (K 1), hatten zehn Kilogramm Puddingpulver, Farbstoff und Mehl verköchelt und die süßesten Kalorienbomben gebastelt, seit es Präsidenten gibt. Diese liebevolle Hommage an US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey, der Pudding öffentlich als seine Lieblingsnachspeise bekanntgegeben hatte, wurde ihnen nicht gedankt. Sie wurden beschuldigt, „unter verschwörerischen Umständen zusammengekommen“ zu sein. Das „Puddingattentat“ beschäftigte die Weltpresse; Noch nie hatte jemand das Herstellen von Süßspeisen als Terrorismus bezeichnet. Auch wenn dieser Versuch letztlich ein Fehlschlag war, sollten seine Initiatoren das Erscheinungsbild der antiautoritären Bewegung lange prägen.

Als „provisorisches Komitee zur Vorbereitung einer studenischen Selbstorganisation“ sprengte die K 1 – mit Mao-Plaketten geschmückt – eine Versammlung des ASIA der Freien Universität Berlin mit 6.000 Studierenden. Dem Auditorium wurde ein „Fachidiotenflugblatt“ mit der Aufforderung vorgelegt, die Uni zu verlassen, arbeiten zu gehen, vom verdienten Geld ein Haus zu kaufen und eine Kommune zu gründen. Dort sollten dann freie Liebe praktiziert werden und Parteischulungen stattfinden. Es gelte  Provos auszubilden, die in die Gesellschaft ausschwärmen und Störungen inszenieren sollten, um das Schwungrad der Revolution in Gang zu bringen.

Motiviert von dem Bedürfnis nach radikaler Veränderung, wollte die anti-autoritäre Bewegung, deren Produkt die K1 war, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Ihr gesellschaftsveränderndes Potential erhielt sie aus der Erkenntnis, daß individuelle und gesellschaftliche Ebene gleichermaßen politisch sind und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Die eigene Veränderung sollte nicht, wie immer unterstellt wird, Privatvergnügen, sondern Beitrag zu einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung sein.

In der Berliner Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson fanden die angehenden KommunionInnen (Fritz Teufel, Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier u.a.) kurze Zeit Unterschlupf. Sie proklamierten die Revolutionierung des Alltagslebens: An die Stelle der bürgerlichen Kleinfamilie müsse das Kollektiv treten.

In der Öffentlichkeit wurde hauptsächlich ihre Aufforderung zur sexuellen Promiskuität wahrgenommen.

„Wer zweimal mit derselben (sic!) Pennt, gehört schon zum Establishment“

Die Aktionsformen der K 1 wurden bald international bekannt, zumal es in anderen Ländern Gruppen mit ähnlichen Politikvorstellungen gab. Im Umfeld der US-amerikanischen ◊ Yippies beispielsweise erschien nicht nur ein Buch mit fast demselben Titel wie das bekannte „Klau mich“ von Teufel/Langhans (Abbie Hoffman: Steal this book ), auch in der Wahl der Mittel dominierte bei beiden die Provokation durch aggressive Polit- ◊ Happenings.

An den Happenings nahmen meist einige hundert Demonstrantinnen in phantasivollen Verkleidungen teil. Die Heilsarmee geriet einmal bei einem Kurfürstendamm-Ständchen in arge Bedrängnis, weil die Polizei sie für verkleidete Kommunistinnen hielt. Mit taktischen Hase-und-Igel-Spielen nutzten sie jede Gelegenheit, unter Vermeidung von physischer Gewalt die Staatsgewalt zu provozieren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Aktivistinnen der K 1 beherrschten die Taktik der Entlarvung autoritärer Strukturen bravourös. Ihre Aktionen provozierten massive polizeiliche Reaktionen, die auch die bürgerlichen Zuschauer nicht verschonten.

Zahlreiche Aktionen der K 1 trugen Züge dadaistischer Spontaneität. „Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die spezifischen antiautoritären Aktionsformen in dem Augenblick massenhaft produziert wurden, als der Sozialistische Deutsche Studentenverband mit einer Entwicklungslinie fusionierte, die historisch auf den Berliner Dadaismus zurückgeht.“

Siepmann, Eckhard: Die Negation der Negation als brennender Weihnachtsbaum. In: Ders. (Red.): Heiss und kalt. Berlin 1988, S. 636-645.

„Studentische Horror-Kommune“, die häufig wechselnden Geschlechtsverkehr institutionalisierthat“ (SPIEGEL 29/1967 über die K 1)

Die Massenmedien machten aus dem Experiment K 1 eine Bürgerschreckzentrale, und alle künftigen Vorurteile gegen Generationen von Wohngemeinschaften waren von diesem Zerrbild geprägt, obwohl der tatsächliche Alltag in der K 1 eher spiebig war. Schnell hatte die K1 gelernt, mit Journalisten umzugehen. Die Photos von der Joint-rauchenden Uschi Obermaier waren sozusagen eine Auftragsarbeit für die Presse und wurden an ‚Stern‘ und ‚SPIEGEL‘ verkauft. Die Hetze der Springer-Presse stilisierte die K 1 zu gefährlichen Staatsfeinden; ihre Kriminalisierung führte dazu, daß im Umfeld viele wieder absprangen. Doch die Kommunardinnen, denen der Prozeß gemacht werden sollte, verstanden die Verhandlungen als ein Angebot des Staates, ihnen freundlicherweise eine Bühne für neue Happenings zur Verfügung zu stellen. Sie entlarvten die Gerichtsverhandlung als Machtritual. Ein Gerichtsreporter des ‚SPIEGEL‘ beklagte im März 1968 das äußere Erscheinungsbild von Teufel als „die totale Schändung der abendländischen Kleiderordnung“. In diesem Prozeß fiel auch der legendäre Teufel-Spruch über das Aufstehen bei Gericht „Na ja – wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“. In einem Satz demonstrierte er den Unterwerfungsanspruch der bürgerlichen Justiz, den sie im Gerichtssaal mittels formalisierter Konventionen durchsetzt (→ Kulturelle Grammatik). Als Teufel aufgefordert wurde, sich einem psychiatrischen Gutachten zu unterziehen, wollte er dem durchaus nachkommen – vorausgesetzt, Richter und Staatsanwaltschaft würden sich ebenfalls untersuchen lassen.

Die Kommune I symbolisiert eine Phase der antiautoritären Bewegung, in der permanente Lernprozesse und auch Anstrengungen zur Selbstveränderung im Mittelpunkt standen. Ihre ritualisierten Aktionsformen mögen in den „unwiderstehlichen Sog ineinanderwirkender Verwertungsprozesse“ geraten sein und Teufel, Langhans und Konsorten tatsächlich zu „geistig durchtrainierten Provokateuren der kapitalistischen Mediengesellschaft“ und „zu ihren „abhängigen Zulieferern“ gemacht haben. Dennoch trugen sie zur Entfaltung von spontanem Handeln, kollektiver Initiative und Selbstorganisation in der Emanzipation des geschichtlichen Subjekts bei. Die Kommundarinnen setzten Kreativität gegen Staatsgewalt, Beweglichkeit gegen Waffen, Leidenschaft gegen Brutalität, Sprache gegen Knüppel. In der damaligen Situation erreichten sie, daß der Staat durch sein unverhältnismäßiges und brutales Vorgehen seine eigene Legitimität untergrub.

Die K 1 prägte das gesellschaftliche Bild der 60er, auch wenn in der außerparlamentarischen Opposition (APO) zuletzt trockene Politik dominierte. Die immer schärferen Meinungsverschiedenheiten führten 1967 zum Ausschuß der K 1 aus dem SDS wegen „falscher Unmittelbarkeit“, „Überschätzung“ und „Realitätsflucht“. Ungeachtet aller Differenzen setzte die K 1 ihre Aktionen fort, zum Teil zusammen mit Anhängern des SDS. Letztlich zerbrach das K 1-Projekt im Laufe des Jahres 1968 an seinen inneren Widersprüchen.

Spiegel-Spezial Die wilden 60er Hamburg 1988, S. 48.

Distanz zur K 1 hielten auch jene Frauen, die später die Männerherrschaft im SDS mit Tomaten attackierten. Die männlichen Kommunarden „schienen hauptsächlich darauf aus zu sein, Frauen zu gemeinsamen Sex-Objekten zu machen“, kritisiert auch Gretchen Dutschke-Klotz das Politikverständnis der K 1. Sprüche wie „Was geht mich der Vietnamkrieg an – Ich habe Orgasmusschwierigkeiten“ von Dieter Kunzelmann legten einen solchen Schluß nahe. Die alltägliche soziale Praxis der K1 war von sexistisch-patriarchalen Einflüssen geprägt. Paradoxerweise bereitete jedoch das Beharren auf dem subjektiven Faktor auch den Boden für die Infragestellung dieses Patriarchalismus. Zudem war die Idee einer sexuellen Revolution keine reine Männerache; auch für Frauen bedeutete ein offener Umgang mit Sexualität, Verhütung und die Idee einer kollektiven Gruppenverantwortung für die Kinder einen Schritt zur Befreiung. Eine solche Praxis wurde allerdings eher in der Kommune 2 (K 2) auch tatsächlich verwirklicht, die Jan Carl Raspe, Heike Brandt u.a. als Antwort auf Nazismus, Starkult und den instrumentellen Umgang mit proletarischen Genossen innerhalb der K 1 gründeten. Die K 2 versuchte, Rudi Dutschkes Forderung nach „der Revolutionierung der Revolutionäre“ als „Voraussetzung der Revolutionierung der Massen“ in die Praxis umzusetzen, die die K 1 nicht einlösen konnte oder wollte.

Kommune 2: Kindererziehung in der Kommune. In: Kursbuch 17/1969, S. 147-178.

Gleichzeitig formierte sich der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Dieses Pseudonym war nicht zuletzt als Persiflage auf die studentischen Politgruppen gemeint. Die Haschrebellen propagierten eine militante Politik und den massenhaften Verstoß gegen die bestehenden Betäubungsmittelgesetze, veranstalteten im Berliner Tiergarten ‚Smoke-ins‘, organisierten Rechtsbeistand für verfolgte Kiffer und forderten die Legalisierung von Drogen. In einem Flugblatt erklärten sie: „Wir kämpfen für eine freie Entscheidung über Körper und Lebensform. Schließt Euch diesem Kampf an. Bildet militante Kader auf den Dörfern und Metropolen. Scheißt auf die Gesellschaft der Halbgreise und Tabus. Werdet wild und tut schöne Sachen.“ Aus diesem Umfeld kam später auch ein Teil der ‚Bewegung 2. Juni‘, die im Gegensatz zur RAF auch bei der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz und bei Banküberfällen Reminiszenzen an antiautoritäre Aktionsformen beibehielt (etwa als 1975 bei zwei Banküberfällen Schokoküsse an die verschreckten Kunden verteilt wurden).

Mag vieles von den politischen Vorstellungen auf dieser Gruppen von der antiautoritären Bewegung heute als gescheitert gelten, „in einem subversiven, die Sozialformen verändernden Sinne aber hat sie einen niemals erwarteten, immer noch anhaltenden Erfolg errungen.“