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Handbuch der Kommunikationsguerilla (noch zu sortieren


Keep invisible!

Unsichtbares
Theater und
politische Praxis

Theater wurde vielfach in politischen Kontexten eingesetzt. Während Agit-Prop-Theater die spielerische Form als Vehikel für eine klare, eindeutig formulierte Botschaft einsetzt, sind theatralische Ausdrucksmittel im Zusammenhang mit Kommunikationsguerrilla darauf ausgerichtet, spontane Entwicklungsmöglichkeiten einer Situation zu eröffnen und die Grenze zwischen Agierenden

und Zuschauern durchlässig werden zu lassen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige Spielart ist das „Theater der Unterdrückten“, das in Ländern des Trikont entwickelt wurde. Es handelt sich um eine Form von Aufklärung, die nicht explizit schulmeisterlich immer alles schon besser weiß. Das Theater der Unterdrückten versucht, in der Theatersituation in praktischer (nicht-diskursiver) Weise zumindest momentan auch eine ‚bessere‘, also herrschaftsfreie, gleichberechtigte und lebendige Praxis aufzuzeigen. Augusto Boal, einer der Begründer dieser Methode, formulierte 1978: „Das Theater der Unterdrückten will Unterdrückung sichtbar machen“. Bei dieser Form des interaktiven Theaters werden Szenen häufig mehrmals gespielt und durch die Hinweise und das Eingreifen von Zuschauern verändert. Hieraus erwächst die Möglichkeit, Unterdrückung nicht nur aufzuzeigen, sondern ebenso die Überwindung von Unterdrückungsverhältnissen spielerisch denk- und vorstellbar machen. Die SchauspielerInnen spielen hier –

Boal, Augusto:
Theater der
Unterdrückten.
Frankfurt 1979.

Schwarzfahrer

Eine Haltestelle irgendwo in Berlin. Die Straßenbahn fährt vor. Ein junger Schwarzer betritt die Tram als letzter und wählt einen Platz neben einer älteren Frau. Sie beschwert sich sogleich und schimpft, ob er sich nicht anderswo hinsetzen könne. Nun folgen all jene rassistischen Klischees, die der Wohlstandsaufschwung auf Lager hat. Die Mienen der Umsitzenden sind abweisend, neugierig oder zustimmend, aber niemand sagt ein Wort. Allein die türkischen und deutschen Jugendlichen im hinteren Wagenteil flirten, streiten und sprechen miteinander.

Wie im ‚richtigen‘ Theater – einstudierte Rollen. Hauptziel ist es immer, den vermeintlichen Zuschauer, das passive Wesen, das Objekt, zum Protagonisten der Handlung, zum selbstständig agierenden Subjekt des Geschehens werden zu lassen. Ob potentielle Mitspielerinnen mitun wollen oder nicht, bleibt stets ihre eigene Entscheidung.

Während das Theater der Unterdrückten insofern als Kommunikationsguerrilla zu bezeichnen ist, als die Rollenzuweisungen verschwimmen und die gespielten Inhalte darauf ausgerichtet sind, über eine kreative Kommunikationsform Erkenntnisse anzuregen, ist das

„Unsichtbare Theater“ die üblichere Form für Kommunikationsguerrilla. Hier werden die Zuschauerinnen so an einer Aktion beteiligt, daß sie gar nicht merken, in einen geplanten Ablauf verwickelt zu sein. Wenn sich Kommunikationsguerrilleras dieser Technik bedienen, müssen auch ihre Ziele nicht in jedem Fall dieselben sein wie die des „Theaters der Unterdrückten“ sein. Es geht ihnen nicht nur um das Thematisieren von Unterdrückungssituationen. Vielmehr meint Unsichtbares Theater hier, in gezielter Weise bestimmte Situationen theatralisch in Szene zu setzen, wobei Ort und Zeit von den Akteurinnen bestimmt werden. Dabei können aktuelle Themen aufgegriffen werden, bei denen anzunehmen ist, daß sie bei den Zuschauerinnen auf Interesse stoßen, Verblüffung hervorrufen und im besten Falle Denkprozesse anregen. Absicht ist es, die Zuschauerinnen zum Eingreifen, zum Handeln gegen Unterdrückung zu bringen oder auch mit ihrer eigenen Passivität und Indifferenz zu konfrontieren. Den Schauspielerinnen kommt hier eine Indikatorenrolle zu. Sie regen das Thema an und lassen die bislang unbeteiligten ZuschauerInnen das ‚Stück‘ weiterspielen.

Die Akteurinnen haben beim Unsichtbaren Theater die Möglichkeit, aktiv zu agieren, selbstbestimmt ihnen wichtige Themen zu benennen und in Alltagssituationen umzusetzen. Dabei kann nicht nur der öffentliche Raum als Bühne verwendet werden, auf der ein eigenes Stück aufgeführt wird, sondern bereits von anderer Seite aufgeführte Stücke können kreativ uminterpretiert werden: Beispielsweise bei Veranstaltungen aller Art (Politveranstaltungen, Festakte, Versammlungen ...) eignen sich Formen des unsichtbaren Theaters hervorragend zur Störung oder Umdeutung ‚gegnerischer‘ Inszenierungen (► Der Herr Minister spricht zum Volk ). Die Formen des Unsichtbaren Theaters können in diesem Zusammenhang als ‚kommunikative Mimikry‘ wirken. Dabei müssen die eingenommenen Verhaltensweisen (anders als bei der Inszenierung von Situationen) nicht unbedingt ‚realistisch‘ (sprich im Einklang mit den Regeln der Kulturellen Grammatik) sein. Akteurinnen können auch Rollen einnehmen, die dem vollkommen entgegenstehen, was (beispielsweise wegen ihres Aussehens) zu erwarten wäre. Damit lassen sich Effekte erzielen, wie sie

Für eine Vielzahl von politischen Theaterformen wird in den USA seit Ende der 60er Jahre der Begriff „Guerrilla-Theater“ verwandt. Vgl. Kohles, Martin Maria: Guerrilla Theater. Theorie und Praxis des politischen Straßentheaters in den USA 1965–1970. Tübingen 1990.

Schwarzfahrer ...

Nach drei oder vier Stationen erscheint ein Straßenbahnfahrer. Überaus siegesgewiß kramt die Frau ihren Fahrschein aus ihrer Handtasche und mustert ihren Nachbarn kritisch bis spöttisch. Offenbar ist sie davon überzeugt, daß er ein ‚Schwarzfahrer‘ ist. Sie hält ihren Fahrschein demonstrativ wie ein Wahrzeichen ihrer Rechtschaffenheit in der Hand. Plötzlich schnappt ihr Nachbar den Fahrschein der Dame, zerknüllt, kaut und verschlingt denselben. Sie ist völlig durcheinander und auf der Schaffner ihren Fahrschein sehen will, stammelt sie nur: „Der Neger hat ihn eben aufgefressen“. Der Nachbar präsentiert gleichmütig seine

in der Psychologie unter dem Begriff der Paradoxen Intervention (◊ Subversive Affirmation ) bekannt sind. Ein Beispiel: StörerInnen werfen keine Eier oder gar Steine auf den Herrn Kanzler, sondern spenden ihm massenhaft Beifall. Da er dies von langhaarigen und ungepflegten Punkern nicht gewohnt ist, wird er sehr schnell merken, daß hier etwas nicht stimmt, und möglicherweise kommt dann auch schon der Saalschutz und schmeißt die Leute raus – weil sie freundlich geklatscht haben.

Beim unsichtbaren Theater der Kommunikationsguerilla müssen sich die Formen nicht (wie etwa beim „Theater der Unterdrückten“) an das klassische Theaterspiel anlehnen, sondern verweisen genauso auf das Repertoire von Aktionskunst und Happening. Sie können entlarven, übertreiben, verunsichern, belästigen, Gefühle vermitteln, Irritationen und Störungen auslösen, bestimmte Reaktionen provozieren. Unsichtbares Theater wird in der Öffentlichkeit gespielt; es gibt kein Bühnenbild, die Szene findet dort statt, wo sie in ‚Wirklichkeit‘ auch stattfinden könnte. Dabei ist entscheidend, daß eine erkennbare Theaterszene vollkommen anders wahrgenommen wird als eine scheinbare Alltagssituation. Unsichtbares Theater ist ein Versuch, dem belanglosen „Ist doch eh bloß Theater“ zu entgehen. Daher muß jede Aktion, jede ‚Aufführung‘ ähnlich wie bei einem ◊ Fake so gemacht sein, daß sie von uneingeweihten Zuschauern nicht oder zumindest nicht sofort als solche erkannt werden kann. In dem Moment, in dem die ‚Unbeteiligten‘ merken, daß hier eine Inszenierung stattfindet, kippt die Aktion. Unter Umständen kann es zwar Sinn machen, wenn eine Gruppe der SchauspielerInnen enttarnt wird, niemals jedoch alle. Möglicherweise ist erst dann das Ziel zu erreichen, wenn ZuschauerInnen und der Rest der SchauspielerInnen sich gemeinsam mit der ‚Schauspielsituation‘ auseinandersetzen.

Unsichtbares Theater ermöglicht einen Umgang mit diskriminierenden Konfliktsituationen, in welchem frei Rollen gewählt werden können, so z.B. die des empörten Bürgers, der laut fragt, ob der pöbelnde Herr hier denn überhaupt keine Kinderstube genossen habe, oder auch lautstarke Beifallsbekundungen, die so übertrieben sind, daß Umstehende sich veranlaßt sehen, zu widersprechen.

Besonders wichtig ist eine vorausschauende Regie, wenn das Unsichtbaren Theater mit dem Ziel eingesetzt wird, Menschen mit Situationen zu konfrontieren, in denen sich gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse eindeutig ausdrücken. Auch wenn die Reaktionen der ZuschauerInnen und potentiellen Mitspieler prinzipiell nicht vorhersagbar sind, ist es wichtig die möglicherweise ablaufenden Prozesse im Vorfeld abzudenken und sich verschiedenen Formen des Umgangs damit zu überlegen. Es muß möglichst sichergestellt werden, daß die beabsichtigte ‚Message‘ auch rüberkommt – notfalls auch ohne Mitwirkung der ‚nicht-eingeweihten‘ ZuschauerInnen. In keinem Fall darf eine solche Situa-

Schwarzfahrer ...

Monatskate. Der Schaffner schüttelt nur den Kopf: „Eine dümmere Ausrede habe ich ja noch nie gehört.“ Der elminütigen Kurzfilm ‚Schwarzfahrer‘ von Pepe Danquart (1994 aus der Medienwerkstatt Freiburg hervorgegangen) aus dem Jahre 1992 wurde 1994 als bester Kurzfilm mit einem Oscar in Hollywood ausgezeichnet. Die Geschichte wurde von ihm nicht als erstem und auch nicht zum letzten Mal filmisch umgesetzt. Sie kursiert in vielerlei Formen als ‚Urban Legend‘, als moderne Fabel, die der Vetter einer Bekannten schonmal in irgendeiner europäischen Großstadt erlebt hat. Und das ist auch gut so.

„STEIGT AUS“ rufen die Yippies. „Die Revolution ist nicht das, was ihr glaubt; sie ist keine Organisation, der ihr angehört; sie ist nicht das, wofür ihr eure Stimmen abgebt. Die Revolution ist das, was ihr von morgens bis abends tut; sie ist eure Art zu leben“.

Im Oktober 1967 wurden 75.000 GegnerInnen des Vietnamkriegs nach Washington mobilisiert. Während die einen um einen geregelten und ordentlichen Ablauf der Veranstaltung im guten Einvernehmen mit der Regierung bemüht waren, träumten die anderen davon, das Pentagon (US-Verteidigungsministerium) zu stürmen oder zumindest andere große Dinge zu tun. Sie beschlossen, dem Pentagon den Teufel auszutreiben und gaben ihre Absichten auf einer Pressekonferenz bekannt: In einem „Holy Ritual of Exorcism“ würden zahllose Heilige das Pentagon psalmodierend und Trommeln schlagend umringen. Mit zwölfhundert Menschen würden sie einen mächtvollen Ring bilden, um es in die Luft zu erheben. Auf einer Höhe von 300 Fuß werde es dann orangefarben anlaufen, woraufhin alle teuflischen Energien entweichen würden. In diesem Moment wäre dann der Vietnamkrieg beendet: „Wir werden eine Gemeinschaft der Freunde an einen Ort bringen, wo allein das Geschäft des Mordes betrieben wird. Der nächste Schritt wird die Zertrümmerung aller wichtigen Einrichtungen der amerikanischen Gesellschaft sein“ (J. Rubin). Infolge des Wirbels, den diese Aktion schon im Vorfeld erzeugte, tauchte die Vision vom Pentagon als Inkarnation des Bösen

Norman Mailer
hat diese Aktion
in einem Roman
verarbeitet:
Mailer, Norman:
Heere aus der
Nacht.
München 1968.

Rubin, Jerry: Do It! München 1977.

tion einfach in der Hoffnung inszeniert werden, die Leute würden sich schon entsprechend verhalten.

Ganz grundsätzlich gilt dabei: Das von den AktivistInnen erwartete Handeln der ZuschauerInnen muß individuell einlösbar sein. Bei der Thematisierung von Unterdrückungssituationen müssen Widerstandsmöglichkeiten notfalls durch die SchauspielerInnen aufgezeigt werden. Denn sonst bewirkt eine solche Aktion im schlimmsten Falle keine Thematisierung, sondern eine Verdoppelung von Unterdrückung.

Schwarzfahrer .

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fast überall in den amerikanischen Medien auf. Dies war der Anfang einer politischen Bewegung in den USA, deren Mitglieder unter dem Namen Yippies bekannt wurden.

Der Begriff Yippie geht auf die Gründung der Y.I.P. (Youth International Party) in der Silvesternacht 1967/68 zurück. Der Begriff spielt mit der Doppelbödigkeit des Wortes ‚party‘ im Sinne von Partei und Fest. Er verweist auf ein Verständnis von Politik als psychedelischem Happening: „We're going to take the Pentagon and turn it into an LSD factory“. Die kalifornische Bay Area, mit ihrem besonders starken Einfluß anarchistischer Ideen, war die Wiege dieser Bewegung. Hier verbanden sich Beatniks, Hippies und die Studentenopposition zu jener libertären Subkultur, aus der die Yippies hervorgingen. Als Wortführer wurden vor allem Abbie Hoffman (beging 1989 Selbstmord) und Jerry Rubin (murdierte noch in den 70er Jahren zum Börsenmakler und starb 1995 bei einem Autounfall) bekannt.

Ihr Programm lautete: „Yippies glauben, daß es ohne eine Revolution des Kopfes keine soziale Revolution geben kann und keine Revolution des Kopfes ohne eine soziale Revolution“ (J. Rubin). Sie vertrauten auf Pop-Art- und dadaistische Techniken, anstelle das ‚Böse‘ im Kapitalismus offen anzuprangern. Dennoch: „Die Yippies sind Marxisten. Wir stehen in der revolutionären Tradition von Groucho, Chico, Harpo und Karl“ (J. Rubin). Mitunter wurden sie in Anlehnung an Harpo und Groucho Marx sowie John Lennon auch als „Marxists-Lennonists“ oder als „Groucho-Marxisten“ bezeichnet.

Miller, Tom: http://www.desert.net/diskSebody/tw/www/tw/04-27-95/curl1.htm

Yippies

Laßt 1000 Torten fliegen!

Kleine Geschichte
des Tortenwerfens
von Kees Stad
(Amsterdam)
Übersetzung aus
dem Holländischen
von Malie Wendt

Der Stummfilm hat es vorgebracht: der Tortenwurf ins Gesicht verdutzter Buhmänner verfehlte – bei aller Vorhersehbarkeit – seine Wirkung beim Kinopublikum nie. Dieser anarchische Akt, der gegen alle guten Sitten verstößt, verwandelt gestandene Herren – etwa den tyrannischen Arbeitgeber eines gepiesackten Charlie Chaplin – im Nu in Witzfiguren. Die Demütigung ist dabei vollkommen und die wiederholte Schadenfreude groß. Meister wie Laurel & Hardy haben dieses wohl signifikanteste Slapstick-Element zur kunstvollen Performance erhoben. Ein Tortenwurf ist da nie auf den Akt an sich beschränkt. Seine ganze Wirkung entfaltet sich erst, wenn Oliver Hardy als Opfer in vermeintlich stoischem Gleichmut einzelne Tortenstückchen und Sahnereste von seinem Anzug entfernt, während Stan Laurel danebensteht, sein „Geschieht-dir-ganz-recht“-Gesicht aufsetzt und dabei wie zur Unterstreichung einmal energisch nickt. Den letzten Rest an Souveränität verliert Hardy dann, wenn sein Zorn eruptiv ausbricht und sich in einem Vergeltungstortenwurf in Laurels Gesicht entlädt.

Hochzeit als Happening: A. Hoffman

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Eines ihrer Anliegen war es, gesellschaftliche Widersprüche auch für eher unpolitische Jugendliche sichtbar zu machen. So provozierten sie polizeiliche Übergriffe und versuchten dadurch, Repression „ästhetisch“ am eigenen Leib erfahrbar zu machen und das wahre Gesicht des Systems zum Vorschein zu bringen. Ihre spektakulären Aktionen richteten sich gegen den Vietnamkrieg, die Polizei und den American Way of Life im allgemeinen. Sie versuchten, mit Spontanität, Hedonismus und Individualismus politische Verküstungen aufzubrechen. Aufgrund ihrer ungeheueren Medienpräsenz drückten die Yippies der Studenten- und Protestbewegung in einer Weise ihren Stempel auf, daß nicht wenige AmerikanerInnen sie mit der gesamten amerikanischen ‚Neuen Linken‘ assoziierten.

So ist es kein Wunder, daß die Yippies wie keine andere politische Strömung der ‚Sixties‘ von den Autoritäten als Staatsfeind Nr. 1 angesehen wurden. Das lag sowohl an ihrer Bereitschaft zur Militanz („All we are singing, is shoot Spiro first“) und ihrer Fähigkeit, die weiße Mittelklasse-Jugend auf die Barrikaden zu bringen, als auch daran, daß sie mit afro-amerikanischen Gruppen wie den Black Panthers und anderen organisierten radikalen Minderheiten handlungsfähige Bündnisse anstrebten. Allerdings stießen die Yippies innerhalb der Linken vielfach auf Ablehnung; sie galten als theoriefeindlich und anarchisch und wurden aufgrund ihrer „subjektivistischen Ausrichtung“ mit „solipsistischen (tolles Wort; heißt aber letztlich nichts anderes als ichbezogenen) Zügen“ kritisiert. Die Anklageschrift enthält noch eine Latte weiterer Vor-

Spiro Agnew war
Vizepräsident in
der Nixon-
Administration.

Albert, Stew: http://elaine.teleport.com/~dawu/stew/jerry.html

„Happiness is a Cream Pie“ Was eigentlich längst die Patina der Stummfilmzeit angesetzt zu haben schien, erfuhr durch die „Tortenbewegung“ der 70er Jahre ein unverhofftes Revival. Sie löste in den höchsten Kreisen der Gesellschaft eine Welle der Angst aus. Die Vorstellung, nach einer Rede mit einem Gesicht voll Schlagsahne verwirrt zu werden, brachte manch einen dazu, auf den öffentlichen Auftritt ganz zu verzichten.

In den USA hatte die Tortenbewegung einen ganz klaren Anführer, den Yippie Aron Kay. 1976, im Jahre der 200-Jahr-Feierlichkeiten, machte dieser Großmeister der politischen Torte auf sich aufmerksam, als er dem rassistischen Nixon-Schoßhund und UNO-Botschafter Patrick Moynihan auf einer Wahlkampfveranstaltung für den Senat eine Mocha-Creme-Torte ins Gesicht pflanzte. Die Betonung und die Erklärung von Aron – „Ich machte es, um gegen die Auslandspolitik der Geheimdienste, denen Moynihan diente, zu protestieren.“ – erzielten weltweit mehr Aufmerksamkeit als alle Demonstrationen jenes Jahres zusammen. Mit verblüffender Schnelligkeit setzte Aron seine Beschießungen fort und „traf“ dabei: den rechten Theoretiker William F. Buckley, den Künstler Andy Warhol, den New Yorker Bürgermeister Abe Beame, zwei ehemalige CIA-Chefs sowie eine ganze Reihe von Watergate-Persönlichkeiten. Seine Torten halfen, Beame aus dem Rathaus und den sogenannten progressiven Präsidentschaftskandidaten von 1980, Brown, aus dem Rennen zu jagen.

Aron Kay -

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würde wie Sprachskepsizismus, Zivilisationskritik und Negierung des intellektuellen Diskurses: „Sie spielten das Spiel des Faschismus, als sie einfache Slogans mühevollen Erklärungen und karikierende Bilder aufklärerischer Kritik vorzogen.“

Tatsächlich war für die Wortführer der Yippies „Ideologie eine Gehirnkrankeit“, und sie stellten die nicht ganz falsche Frage: „Wer wird sein Leben in den Dienst einer Bewegung stellen, die sich im Debattieren erschöpft?“ (J. Rubin) Gegenüber bloßem Reden propagierten sie das Handeln. Sie betrachteten die Aktion – im Gegensatz zur Diskussion und Reflexion – nicht nur als Propagandamittel, sondern selbst schon als befreienden Akt. Dennoch verfaßten auch sie schriftliche Dokumente wie z.B. das „School Stoppers Textbook – A Guide To Disruptive Revolutionary Tactics for High-Schoolers“. Aus dem Titel wird die Zielgruppe deutlich: die bisher unpolitischen weißen Mittelklasse-Kids. Wer dieses Handbuch heute liest, fühlt sich zwar ein bißchen an die „Feuerzangenbowle“ erinnert, doch waren diese „81 ways to trash your school“ eingebettet in eine umfassende Ablehnung jeder Form von Macht und Autorität und damit ein bißchen mehr als reine „School-Pranks“, als die sie heute gehandelt werden. Die Yippies betonten affektiv-visuelle Vermittlungsinstanzen; mit ihrem „Guerrilla Theater“ (→ Happening und Unsichtbares Theater) erhoben sie die „Theatralisierung der Politik“ zum Programm und unternahmen innerhalb der Linken den vielleicht radikalsten Versuch, politischen Widerstand zu ästhetisieren. Ein

Farber, David
Chicago 68.
Chicago/London
1994, S. 225.

Phyllis Schlafly war eine der schärfsten Kritikerinnen des ERA-Änderungsantrags (Equal Rights Amendment), der Frauen in einer Reihe von Punkten Gleichberechtigung zugestehen sollte, und Wortführerin der leider erfolgreichen konservativen Kampagne dagegen. Sie wurde zum Opfer von Aron Kay, als ihr 1977 feierlich der „National Women’s Freedom Award“ verliehen wurde. Am nächsten Tag waren in jeder Zeitung des Landes Fotos zu sehen: Aron, der die Torte ins Ziel bugsirt, und Schlafly, die sie sich aus den Augen reibt. Die Feierlichkeiten selbst wurden völlig in den Hintergrund gedrängt. Sonderbarerweise wurde im Fernsehen nichts gesendet. Es geht das Gerücht, daß die TV-Anstalten vereinbart hatten, die „piegings“ zu ignorieren – eine Rache gegen den Tortenanschlag, den Aron einige Wochen zuvor im Gebäude von NBC-Television verübt hatte. Später bewarb sich Kay mit dem Motto: „Wählt Kay – schießt eine Torte ins Gesicht der Autoritäten“ als Bürgermeister von New York und rief dazu auf, sich nichts von der TV-Nachrichtensperre zu machen, sondern einfach eine landesweite Bewegung entstehen zu lassen: „Arbeiter, betortet eure Chefs, Jugendliche eure Lehrer, Mieter eure Vermieter.“

Seit der öffentlichen Verbrennung von Wehrdiensteinberufungen für den US-Krieg gegen Vietnam und von Büstenhaltern hat keine Protestmethode soviel öffentliche Begeisterung hervorgerufen wie das Tortenwerfen. Nie um

Yipster Times.
Mai 1977, zit. n.
Blacklisted News.
Secret Histories.
from Chicago 68.
to 1984,
S. 288-307.“

Yippie march on Billy Graham

Als Präsident Nixon am 1. Juli 1970 das amerikanische Volk zum „Honour American Day“ für den Vietnamkrieg mobilisierte, nahmen auch die Yippies die Einladung an und verabredeten sich zu einem „Independence-Smoke-in“ am gleichen Tag. Mehr als 25.000 kamen am Washington Monument zusammen. Einige Hundert fanden die Vorstellung reizvoll, völlig bekifft die Ansprache des erzreaktionären Fernsehpredigers Billy Graham am anderen Ende des Reflection Pool, beim Lincoln-Memorial, aufzumischen. 200 sprangen in den Pool und wateten schweigend auf die Bühne des Predigers zu. Die restlichen Freaks

anschauliches Beispiel dafür beschrieb Abbie Hoffman unter dem Titel ‚Media Freaking‘. Für eine Demonstration in New York hatten sie sieben Gallonen Blut in kleine Plastiksäcken verpackt und an die Demonstrantinnen verteilt. Damit bewaffnet suchten sie die Konfrontation mit der Polizei, und als die Polizisten begannen, auf die Demonstranten einzuschlagen, drückten sich diese die Blutsäckchen blitzschnell über den Köpfen aus. Gleichzeitig wurden Rauchbomben gezündet und Maschinengewehrsalven ertönten aus Kassettenrekordern (▷ Burroughs' Cut-ups). Passantinnen liefen herbei und schauten. Der ganze Platz war blutgetränkt. Abbie Hoffman war überzeugt, daß diese Bilder mehr sagen und damit auch bewirken würden, als irgendwelche Spruchbänder, die das Ende des Krieges in Vietnam forderten.

Der Verzicht auf die Verbreitung alternativer politischer Ideen zugunsten von medienwirksamen Aktionen brachte den Yippies häufig den Vorwurf ein, sie seien bloße Hofnarren der kapitalistischen Mediengesellschaft, Zulieferer der Sensationsindustrie. Tatsächlich glaubten sie nicht an die Wirksamkeit von Aufklärung und argumentativer Informationsvermittlung. Statt dessen behaupteten sie: „The myth makes the revolution“ und versuchten, die Ereignissifizierung der US-Medien für diesen Mythos zu instrumentalisieren: „Jeder Guerillero muß wissen, wie er das Terrain der Kultur, die er zu zerstören sucht, nutzen kann!“ (J. Rubin) Der Yippie-Mythos sollte keine konkrete Position beschreiben, sondern eine nur durch Andeutungen umrissene, offene Bühne schaffen, auf der Träume und

Phantasie verlegen, schmiß Kay auch Kuchen nach dem LSD- Promoter Tim Leary. Er bespuckte John Ehrlichman, als ihm Nixons Helfershelfer seine Torte entrissen, und verfehlte Ronald Reagan und Billy Carter (den Bruder von Jim) nur um ein Haar. Sein Lieblingsziel war jedoch wahrscheinlich „Holy Harvey“ Baldwin, ein Megaphon- Evangelist, der einmal einen Schwulenaktivisten in Kalifornien niederstach.

Bilder Die meisten guten Tortenaktionen wurden von Teams durchgeführt. Vor allem
Banden! die kanadischen Groucho-Marxisten aus Vancouver und die ‚Revolutionary 3 Stooges Brigade‘ (R3SB) aus Dayton, Ohio, waren lange Zeit erfolgreich tätig.

Beide Gruppen führten zahllose „pie-jobs“ durch, bei denen die Tortenwerfer durch Mitwirkung zahlreicher Helfershelfer ausnahmslos entkommen konnten. Ende des Jahres 1977 konnten kanadische Politiker, die gen Westen in Richtung Vancouver reisten, zuverlässig damit rechnen, daß von der Anarchistischen Partei Kanadas (groucho-marxistische Strömung) oder der New Questioning-Coyote Brigade ein Tortenanschlag auf sie verübt werden würde. Oppositionsführer Joe Clark plädierte öffentlich für eine „konservative Torte“ und erhielt sie auch prompt mit Empfehlungen des New-Questioning-Mitglieds Brent Taylor, der zwar gefaßt wurde, jedoch keine gerichtliche Vorladung erhielt.

Yippie march on Billy Graham

folgten am Beckenrand. „The March on Billy Graham“ nahm seinen Lauf. Als Graham seine Gemeinde aufforderte, einen Schritt nach vorne zu kommen, um den Segen Christi zu empfangen, hatten die Yippies gerade die Bühne erreicht und begannen „Fuck Billy Graham“ zu singen. Weitere Sprechchöre wie „Ho Ho Ho Chi Minh“ folgten. Als die Ballen begannen, die auf die Bühne drängenden Freaks ins Wasser zurückzuprügeltn, beschlossen deren am Washington Monument zurückgebliebene Brüder und Schwestern, sie zu unterstützen. Gut tausend Menschen sprangen in den Pool, andere ballten die Fäuste und

Phantasien gelebt werden können: „Das Geheimnis des Yippie-Mythos besteht darin, daß er Unsinn ist. Seine fundamentale Aussage ist ein leeres Stück Papier“ (J. Rubin). Parolen wie ‚Raus aus Vietnam‘ sind gemäß eines solchen Politikverständnisses zwar informativ, können aber keine Mythen schaffen. Gerade die scheinbare Sinnlosigkeit vieler Aktionen sowie die drastischen, medienwirksamen Bilder waren der Stoff, aus dem diese Mythen gewoben werden sollten. Rubin und Hoffman waren davon überzeugt, daß schon die öffentliche Berichterstattung über ihre oppositionellen Aktivitäten bewußtseins- und gesellschaftsverändernd wirken würde: „Die bloße Idee einer ‚Story‘ ist bereits revolutionär; denn ‚Story‘ impliziert Zerschlagung des normalen Lebens. ... Das Medium vermittelt keine ‚Nachrichten‘, es schafft sie. Ein Ereignis geschieht erst in dem Moment, wo es auf dem Bildschirm erscheint, es wird ein Mythos ... Es ist egal, was man über uns sagt. Die Bilder machen die Story“ (J. Rubin). Hier wird der Einfluß deutlich, den Marshall McLuhans „The medium is the Message“ auf die politische Praxis der Yippies nahm. Die europäische Studentenbewegung ließ sich von den Politikformen der Yippies (und den Aktionen der O Kommune 1, die zeitgleich in ganz ähnlicher Weise vorging) anregen. In den USA selbst hielt der Mythos der Yippies bis weit in die achtziger Jahre an und gab das Vorbild für unzählige Gruppen ab. \odot

Zu den Opfern des Groucho-Marxisten Frankie Lee gehörten der einstige Radikale Eldridge Cleaver, der Psychochirurg José Delgado, der mit einer Mischung aus Rinderhirn und Tomatenmark verziert wurde, und zwei Minister der Regierung Trudeau. Jedem Volltreffer folgte ein deutliches Bekennerschreiben an die Presse.

Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Medien, die über fliegende Torten begeistert berichteten, rügte die kanadische Presse die Politiker wegen ihrer lässigen Reaktionen. Ein Kommentator seufzte: „Fanatische Terroristen entführen Flugzeuge, Feiglinge schmeißen mit Torten ... Das Werfen von Torten ist eine Methode, billig davonzukommen.“ Kalorienbomben zählten in ihren Augen nichts. (Allerdings wurde Brent Taylor später als einer der Verdächtigen der Vancouver Five wegen ‚richtiger‘ Bombenanschläge, unter anderem gegen eine Fabrik von Cruise Missiles, zu 15 Jahren Haft verurteilt.)

Anders als die kanadischen Tortenbanden suchte die ‚Revolutionary 3 Stooges Brigade‘ ihre Ziele meistens unter lokalen Berühmtheiten – beispielsweise dem Sprecher von Dayton Elektrizitätswerken und einem Polizisten des Sondereinsatzkommandos SWAT. „Dies war ein typischer, lokaler Tortenmord, der keine nationale Bedeutung hat. Im Alltag spielen lokale Arschlöcher oftmals eine wichtigere Rolle als irgendeine abstrakte, nationale Persönlichkeit. Alle finden es doch toll, wenn der Typ, der ihre Stromrechnungen erhöht, von

Yippie march on Billy Graham

sangen: „Smoke Dope, get high, all the pigs are gonna die“. Einige Christen hielten dagegen, doch die meisten verließen entnervt den Platz. Die Yippies hatten gewonnen. Am selben Tag kam es in den Prachtstraßen Washingtons noch zu heftigen Straßenschlachten.

einer Torte getroffen wird.“ Später leugnete der Strommann vor der Presse, jemals einen Tortengruß erhalten zu haben. „Möglich ist alles“ reagierte die Brigade. „Aber dann läuft er wohl immer mit einem Gesicht voll klebrigem Gebäck herum“ (Blacklisted News 1983, S. 288–307).

Vorsicht! Die Leichtigkeit, mit der Tortenschmeißer ihre Beute bekleckerten und sich
Die Gegner danach aus dem Staub machen konnten, führte dazu, daß das kanadische
schlagen Anarchoblatt Open Road die Woche vom 4. bis zum 11. November 1977 zur
zurück „Internationalen Torten-ins-Gesicht-Woche“ ausrief. Dennoch leben Torten-
schmeißer gefährlich. Billy Carter und Cowboykönig Roy Rogers mußten
zurückgehalten werden, damit sie die Attentäter nicht zusammenschlugen. Immerhin hatte
der Betorer des Cowboykönigs geschafft, woran Hunderte von Filmhelden gescheitert
waren: Er traf ihn mit einem Sahne-Flanpudding genau zwischen die Augen. Der König
winselte danach: „Ich würde ihm am liebsten einen Roy-Rogers-Hamburger in die Gurgel
drücken.“

Mindestens zwei Tortenwerfer landeten im Krankenhaus. 1978 betorerte eine unbekannte Person Frank Rizzo, den ehemaligen Polizeichef und späteren Bürgermeister Philadelphias während eines Vortrags. ‚Ratzo‘ befahl seinen Schlägern, den jungen Mann fünfzehn Minuten lang vor den Augen des gesamten Publikums zusammenzudreschen, und besuchte ihn daraufhin im Krankenhaus, um ihm mit einer Anzeige zu drohen, falls er mit der Presse reden würde. Jener verzichtete darauf, und der Vorfall erschien nicht in den Medien.

Im Sommer 1973 hatte es Pat Haley, Redakteur des Underground-Blatts Fifth Estate auf sich genommen, den sonderbaren Zauber zu beenden, den einige ehemalige Politikaktivisten um den Guru Maharaj Ji veranstalteten. Haleys Torte, in Blumenstraußvermummung, landete mitten zwischen des Gurus Kiefern. GOTT BETORTEST!, prangten die Schlagzeilen. Die Schläger des Gurus sahen rot: Zwei von ihnen drangen in Haleys Wohnung ein und schlugen ihn mit Hämmern bewußtlos. Maharaj Ji erteilte ihnen einen Rüffel, und Haley hatte einen Schädelbruch.

„Mit Torten Die erste politische Torte wurde von Tom Forcade, einem legendären ‚Geschäfts-
gegen Zensur yppie‘, der der Bewegung mit Hilfe von Schmuggel weicher Drogen viel Geld
und moralis- einbrachte, am 14. Mai 1970 geschmissen. Forcade war offizieller Leiter des
sierende ‚Underground Press Syndicate‘ und erhielt deshalb eine Vorladung zur Aussage
kleuchtelei beim Zensurausschuß, dem ‚Präsidiialausschuß für Obszönität und Pornogra-

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phie". Er erschien als Priester verkleidet und verlas eine lange Liste von Underground-Blättern, die wegen 'Pornographie' belangt worden waren, sowie eine zornige Stellungnahme, die mit dem Refrain: "Also verpißt euch, und verpißt euch mit eurer Zensur" endete. Danach kippte er dem Ausschußmitglied Otto N. Larson eine Torte ins Gesicht. Das Foto des Ereignisses erschien auf der ersten Seite der New Yorker Tageszeitung Daily News und in nahezu allen anderen Zeitungen des Landes.

Sieben Jahre später versuchte der republikanische Bürgermeister von Cleveland, Ralph Perk, einen Kreuzzug gegen 'Pornografie und Unmoral' zu starten, wozu er neben dem Playboy , Prostitution und Haschisch zählte. Bei der Eröffnung der Hauptkoordinationsstelle für die Kampagne zu seiner Wiederwahl betrat Yippie Sue Kuklick in langem Rock und mit einer Lockenperücke den Saal, um ihm eine Erdbeer-Rhabarbertorte ins Gesicht zu zentrieren. Sie wurde anschließend auf der Polizeiwache von den Beamten zum Kaffeetrinken eingeladen (Cleveland ist traditionsgemäß eine Demokratenstadt) und durch die Hintertür laufengelassen. Die Erklärung von Sue lautete, daß sie ihn wegen Mißhandlungen von Prostituierten und „dem Führen eines heuchlerischen Moralkriegs gegen die Pornographie“ angegriffen habe, „während er strukturell die Interessen der Armen verleugnet“. Er erlitt danach eine enorme Wahlschlappe.

Einen schwulenfeindlichen Erzbischof in Minneapolis traf der Zorn des Herrn in ähnlicher Form. Ein Schwulenaktivist (das Motto seines Klubs lautete: „Schmusen und Revolution“) ging erst zum Frisör, kaufte dann einen Hamburger (falls es im Knast nichts zu essen geben sollte) und ging so vorbereitet zu einem Wohltätigkeitsbankett des Antischwulen-Erzbischofs. Dort ließ er sich händeschüttelnd mit ihm fotografieren und plazierte daraufhin eine beim örtlichen Bäcker erstandene Schokotorte in sein Gesicht.

Gouverneur James Rhodes hatte 1970 die Nationalgarde auf das Kent-State-Unigelände geschickt, um eine Antikriegsveranstaltung niederzuschlagen. Vier Studenten wurden erschossen. Er verlor einige Tage später die (Wieder-)wahl, tauchte 1974 aus der Versenkung auf und eroberte seinen Sitz zurück. Bei der Eröffnung der Ohio-State-Feierlichkeiten erhielt Rhodes seine wohlverdiente Bananen- Cremetorte. Es wird erzählt, daß auf der Autobahn kilometerlang vor Freude gehupt und gejubelt wurde, als die Nachricht im Radio kam. Rhodes ließ den Werfer festnehmen und versuchte, ihn wegen Körperverletzung durch Tortenwurf verurteilen zu lassen. Am Tag vor dem Prozeß bewies der Tortenschmeißer, daß das gar nicht möglich ist: Er brach alle Rekorde, indem er sich von Freundinnen und Freunden mit insgesamt 26 Torten bewerfen ließ (worüber alle lokalen Fernsehanstalten berichteten). Die Richter sprachen ihn denn auch prompt frei, auch wenn sie den Spaß des Anschlags nicht gerade einsehen wollten.

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In Europa war das Betorten, soweit bekannt, nie sehr verbreitet. Selbstverständlich wurde mit allem möglichen nach öffentlich auftretenden Machthabern geworfen – der ehemalige niederländische Ministerpräsident Lubbers beispielsweise bekam wegen seiner heuchlerischen Ausländerpolitik auf einer Anti-Rassismus-Demo einen halben Gemüseladen um die Ohren, und wer erinnert sich nicht an die Eier, die dem Dicken von Ogershausen von den Brillengläsern triefen – richtige Gebäckmorde kamen jedoch selten vor. Allerdings wurden in Großbritannien einige Anschläge registriert. 1977 wurde der konservative Spitzenfunktionär Michael Hesseltein während einer Rede an der Universität von Leeds mit einer Apfel-Sahnetorte bedacht. Sein Parteifreund David Frost mußte sich dagegen ganz bis nach New York begeben, um in den Genuß von ‚a pie in the eye‘ zu kommen. Anfang der achtziger Jahre wurde auch Prinz Charles während eines Besuch eines Nachbarschaftszentrums in Manchester von einer Tortenwerferin in die königliche Visage getroffen. Und Tony Benn, der Gottheite der linken Strömung innerhalb der Labour Party, wurde Gebäck um die Ohren gehauen, als er 1982 in Wales auf einer Gewerkschaftsversammlung über „Das Recht auf Arbeit“ sprach. Das Publikum war so überrascht, daß der Tortenwerfer noch Zeit hatte, das Mikrophon zu greifen und „Hau doch ab mit deinem Recht auf Arbeit“ zu rufen. Danach wurde er von der Bühne geschmissen und der Polizei übergeben, die ihn wieder laufenließ.

Belgisches Gebäck

Ein Fall für sich ist der Belgier Noel Godin. Er ist in Belgien und Frankreich, wo er bereits seit zwanzig Jahren ehrgeizige Philosophen, Politiker und Medienleute verfolgt, ein gefürchteter Gast. Vor kurzem schrieb er seine Autobiographie, „Cream and Punishment“ (im Deutschen etwa „Schuld und Sahne“). Unter seinen Opfern befinden sich der mediengelle Jean-Luc Godard und die Schriftstellerin Marguerite Duras. Bei seinem jüngsten Gastspiel bei den Filmfestspielen in Cannes erwischte er den neuen französischen Kulturminister bei dessen erstem öffentlichen Auftritt. Lieblingsziel von Godin ist aber der französische ‚Meisterphilosoph‘ Bernard-Henri Lévy. Lévy, der so empfindlich ist, daß er einmal erzählte: „Wenn ich einen neuen Grauton finde, gerate ich völlig aus dem Häuschen“, erklärte an anderer Stelle, daß Frauen nicht mit Geld umgehen sollten, und umschrieb seine eigenen Talente als „eine Landschaft, die keinen festen Platz in der klassischen Kulturtopographie“ habe. Solchen Bemerkungen verdankte er die jahrelange Belagerung mit Torten. „Er ist der Schlimmste“, erklärt Godin, „er ist das größte Ekel dieses Jahrzehnts.“

Seine Beliebtheit erreichte Godin, über dessen Aktionen begeisterte Medienberichte erschienen, nicht zuletzt durch sorgfältige Auswahl seiner Zielscheiben. „Ich möchte nicht in eine bequeme Sensationslust verfallen. Für jedes Opfer muß eine plausible

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Begründung vorgebracht werden können. Ich sehe meine Torten in einer Linie mit den Beleidigungsbriefen, die die Dadaisten unnützen Berühmtheiten sandten.“ Mittlerweile verlegt er sich immer mehr auf politische Torten. Erstaunlicherweise hat es bisher kein einziges der Opfer auf ein Verfahren ankommen lassen. „Sie würden es liebend gern tun“, erklärt Godin. „Es wäre jedoch für dasjenige, an dem sie am meisten hängen, verheerend: ihr öffentlicher Ruf. Als ich festgenommen wurde, alberten die Polizisten meistens herum und kamen oft mit einer eigenen Liste gewünschter Zukunftskandidaten.“

Tortenaktionen, so Godin, müssen sorgfältig vorbereitet und in Teams von mindestens vier Personen durchgeführt werden. Darunter sollte sich außer einem Helfer zum Anreichen des Gebäcks auch ein Kameramensch für die Live-Dokumentation befinden. „Es ist wichtig, die Torte nicht zu schmeißen, sondern zu plazieren“, doziert Godin, „und sich nicht um einen Fluchtweg zu sorgen, sogar wenn das heißen sollte, daß Sicherheitsleute einen zusammenschlagen. Es ist ferner strengstens verboten zurückzuschlagen, wenn mensch physisch angegriffen wird. Nur das beste Gebäck ist gut genug und sollte kurz vor der Aktion bei einem kleinen Bäcker vor Ort gekauft werden. Qualität ist alles; wenn eine Aktion schiefgeht, essen wir schließlich alles selbst auf“ (The Observer, 2. 7. 1995).

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Imageverschmutzung ist eine Praxis , die einerseits auf Techniken wie
• Fakes und Fälschungen und andere Techniken subversiver Kommunikation, andererseits aber auch auf militanten ‚Klartext‘ zurückgreift. Imageverschmutzung zielt darauf, den Ruf einer Person, einer Gruppe, einer Partei, einer Stadt oder eines Landes nachhaltig zu schädigen und so denjenigen einen Strich durch die Rechnung zu machen, die sich (zumeist auf Kosten anderer) positiv darstellen und mit dem Image einer schönen, heilen Welt brüsten. Das ist besonders dann wirksam, wenn Dritte (z. B. KonsumentInnen, UrlauberInnen oder eine Jury) mit von der Partie sind, deren Handeln oder Nichthandeln durch ein schlechtes Image des ‚Opfers‘ beeinflußt werden könnte.

Imageverschmutzung beruht dabei in einem gewissen Sinne auf einer Umkehrung des bürgerlichen Repräsentationsprinzips: Anstelle der legitimierten Vertreter versuchen nichtlegitimierte Gruppen, die Repräsentation der Allgemeinheit zu bestimmen. Die ChaotInnen vertrauen darauf, daß ihr schlechtes Benehmen auf eine ganze Gruppe (zum Beispiel ‚Deutsche‘, ‚Berliner‘ oder ‚Urlauber‘) zurückfällt oder daß dies zumindest von ‚offizieller‘ oder dritter Seite so gesehen wird. Das eigene schlechte Image wird dabei oft bewußt genutzt, indem die Schmutzfinken all das tun, was ihnen die Medien gerne unterstellen – Autonome machen oder drohen mit Randalen, Punker stehen für Chaos und Krawall, Drogendealer dealen Drogen usw. So wird die Funktionsweise der Medien instrumentalisiert – es kommt den Imageverschmutzern nicht auf eine ‚gute‘ Berichterstattung an, sondern vor allem darauf, massenmedial präsent zu sein: „Die Medien werden nicht verwendet, um ein bestimmtes politisches Ziel als erstrebenswert zu präsentieren, sondern sie dienen zur Verbreitung einer bestimmten Mentalität.“ Schöne Beispiele für

Agentur Bilwel:
Bewegungsjahre:
Berlin 1991.

gelungene Imageverschmutzung sind die Aktionen gegen die Austragung der Olympischen Spiele in Amsterdam und Berlin. Wohlüberlegte Argumente gegen Kosten, städtebauliche Wahnsinnsprojekte und, in Berlin, die historische

Problematik als Austragungsort wären wohl gehört, aber dennoch nicht berücksichtigt worden. Dagegen brachte die Strategie der Imageverschmutzung das Internationale Olympische Komitee (IOC) ebenso wie die lokalen Politiker und Medien durch eine Vielzahl verschiedenster Aktionen und die geschickte Ausnutzung medialer Funktionsweisen in Rage und ins Schwitzen.

NOlympics

Wenn sich Städte für die Austragung von Olympischen Spielen bewerben, beauftragen sie heutzutage sogenannte Kommunikationsspezialisten, die sowohl die eigenen BürgerInnen als auch die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) überzeugen sollen. Sowohl in Amsterdam (1984–1986) als auch in Berlin

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(1992–1993) bildeten sich als Reaktion auf die offiziellen Bewerbungen, aber auch sogenannte NOlympics-Komitees, die im Gegenteil versuchten, den internationalen Entscheidungsgremien einen nachhaltig negativen Eindruck von der Lage in diesen Städten zu vermitteln. Da Olympia-Bewerbungen hauptsächlich als Image-Kampagnen konzipiert sind, bewirkte allein schon die mediale Präsenz der Gegnerinnen durchschlagende Effekte.

Amsterdam In Amsterdam erzielte eine relativ kleine Aktivistinnengruppe maximale Medienerfolge. Wichtig war vor allem, daß es gelang, die Medien auf den verschiedensten Ebenen zu instrumentalisieren: „Man bearbeitet die lokale Presse mit lokalen Argumenten, gebraucht in den eigenen Blättern eine etwas heftigere Sprache, bringt im Radio Bedenken von nationalem Interesse vor und läßt fortwährend Post mit den verschiedensten Briefköpfen an IOC-Mitglieder in der ganzen Welt zustellen“ (Agentur Bilwet 1991, S. 92 f.). Das Olympia-Emblem mit den fünf Ringen wurde durch übermäßigen Gebrauch entwertet. Die Aktivistinnen agierten auf den verschiedensten Ebenen. So gelang es ihnen beispielsweise, der bürgerlichen Öffentlichkeit auch eine prominente Vertreterin des linksliberalen Lagers auf ihrer Seite präsentieren. Diese Frau hatte nichts mit den teilweise illegalen Aktionen zu tun und konnte somit als Moderatorin für legale Unternehmungen auftreten.

Die Amsterdamer NOlympics-Bewegung kopierte die Methoden ihrer Gegner. Das offizielle Vorbereitungskomitee hatte alle IOClern einen Videorekorder als persönliches Geschenk zukommen lassen. Passend dazu verschickte die NOlympics-Bewegung ein Video, das Amsterdam mit all seinen Vorzügen (Baugruben, Hundescheiße, Haschisch, Diebstahl etc.) ins rechte Licht setzte. Mit einem gefälschten Begleitbrief des Amsterdamer Bürgermeisters übersandten Unbekannte den IOC-Mitgliedern obendrein je ein Tütchen Marihuana: „Nach den südafrikanischen Diamanten schicken wir Ihnen nun etwas, womit Sie Ihren Geist erheitern können. Das Niederländische Olympische Komitee möchte Sie gerne Bekantschaft machen lassen mit einem der Amsterdamer Erzeugnisse. Wir hoffen, damit einen positiven Einfluß auf ihre Entscheidung auszuüben. Unser nationales Erzeugnis ist an über 500 legalen Verkaufsstellen erhältlich. Geben Sie vor allem nichts auf den wachsenden Widerstand in Amsterdam“ (Agentur Bilwet 1991, S. 93).

So kam eins zum anderen. Geladene Gäste der internationalen Sportföderation wurden während einer Grachtenrundfahrt mit Farbe, Eiern und faulen Tomaten beworfen, bei der 67. Internationalen Golfmeisterschaft waren drei Löcher vollständig umgegraben, und weitere Sabotageaktionen unterstrichen die Argumentation der NOlympics, daß Holland nicht in der Lage sein würde, die Sportveranstaltungen gegen solche ‚Anschläge‘ zu sichern.

Sylt für alle


Sylt im März 1995. Stimmen von Bürgerinnen („Sylter Bourgeoisie“) werden laut, die aufgrund des sogenannten Billigtickets der Deutschen Bundesbahn (DB) eine „Überflutung“ der Bonzenurlaubsinsel „mit Billigtouristen“, befürchten. Daraufhin greift die „Strandguerilla Hamburg“ zur Selbsthilfe. Unter dem Schlachtruf „Sylt für alle – sonst gibt's Krawalle“ sammeln sich am 25. März 1995 in Hamburg-Altona um 5.30 Uhr (morgens!) ca. 200 Autonyme zu einer Stippvisite bei den Sylter „Pfeffersäcken“. Sie wenden sich gegen die geforderte Herausnahme Sylts aus dem Gültigkeitsbereich des 15-Mark-Wochenendtickets als

„Wir engagieren die ganze Welt für unsere Gaudi“ postulierte die Gruppe SPUR in ihrem „Januar-Manifest“ von 1961. „Boykottiert alle herrschenden Systeme und Konventionen, indem Ihr sie nur als mißratene Gaudi betrachtet ... Durch die Realisierung der Situationistischen Gaudi werden alle Probleme der Welt gelöst: Ost-West-Problem, Algerienfrage, Kongo-Problem, Halbstarkenkravalle, Gotteslästerungsprozesse und sexuelle Verdrängungen.“

Der größte Teil der späteren Mitglieder der Gruppe SPUR rekrutierte sich aus Studenten der Malerei an der Münchener Akademie, die infolge ihrer Kritik am Kunstbetrieb aus dem normalen Unterricht ausgeschlossen wurden. Im Sinne der Kommunikationsguerilla wird die Gruppe jedoch erst um 1959 interessant, als sie eine Konferenz der Situationistischen Internationale (S.I.) in München vorbereitete.

In ihren Texten ist eine ins klamaukhafte gewendete Faszination für den situationistischen Sprachduktus offensichtlich; auch ihre Proklamationen und Manifeste bedienen sich einer Wortwahl, die mystisch-religiöse, politische und literarisch-pathetische Elemente miteinander zu formelhaften und zugleich spielerisch-parodistischen Forderungen und Visionen verbindet. Nebenbei sei noch bemerkt, daß es sich bei der Gruppe SPUR um einen typischen 60er Jahre-Männerbund handelte, in dem die Damen vor allem zum Tittenschwenken und Frühstückmachen vorgesehen waren.

SPUR-Buch.
München 1962.
Darin Nr. 1-7 der
Zeitschrift SPUR.
München 1962.

Immer häufiger mußten die Mitglieder des offiziellen Bewerbungskomitees Stellungnahmen zur NOlympic-Bewegung abgeben. Doch langsam verstanden Offizielle und Medien das Konzept und reagierten mit Totschweigen. Als sich dann allerdings im August 1986 zwei Bombenattentate der Revolutionären Zellen mit ausdrücklichem Bezug auf die Olympia-Bewerbung ereigneten, war das Thema wieder in den Medien.

Der eigentliche Clou bestand aber in der Ausdehnung der Aktionen auf die internationalen IOC-Treffen. Störungen dort garantierten eine maximale mediale Verbreitung. Zur entscheidenden Sitzung des IOC in Lausanne im September 1994 reiste die Bewegung mit zwei Punkbands und weiteren einschlägigen Gruppen. Überall, wo sie hinkamen, hinterließen sie als Amsterdamer BürgerInnen Berge von Müll. Vor dem Tagungsort wurden permanent Radau-Demos für die Weltpresse zu veranstalten („typische Amsterdamer Demonstration“: raus aus dem Bus, ein Stündchen Lärm machen, Transparente in die Luft halten und wieder zurück in den Bus, bis zum nächsten Auftritt). Am Ende erhielt Amsterdam immerhin 5 von 130 Stimmen.

Sylt für alle .

„direkten Angriff gegen die proletarischen Massen“ und rufen zu einem „Politischen Chaosstag“ auf der Insel Sylt auf. In Westerland kommt es schließlich zum Showdown: „50 Autonome“ werden verhaftet, nachdem sie angeblich 30.000 DM Sachschaden in einem DB-Waggon verursacht (dpa, 26. 3. 1995).“

Ihre blasphemischen Äußerungen erregten im politisch-kulturellen Klima Anfang der 60er Jahre große Aufregung. Einige ihrer Texte zogen eine Anklage vor dem Amtsgericht München nach sich. Dabei ging es um ausgesprochen ergötzliche Passagen wie: „Der Kardinal ist von uns gegangen. Vergebens warteten wir auf das Segnen der Bundeswehr bei dem Kreuzzug gegen den Osten. Ebenso warteten wir darauf, daß der Kardinal aus seinen Platz auf der Kanzel eines Tages zur Verfügung stellen würde, um neuen mythologischen Experimenten den Weg zu ebnen. Warteten wir doch auf die solang ersehnte Freigabe der Frauen- und aller anderen Kirchen, um sie Ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Feiern neuer orgiastischer Feste und ekstatischer Spiele, die auf der aktiven Teilnahme aller beruhen, zu übergeben“. In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe für „Verbreitung unzüchtiger Schriften, Religionsbeschimpfung und Gotteslästerung“ von fünf Monaten und zwei Wochen auf immerhin ‚nur‘ noch fünf Wochen zur Bewährung herabgesetzt. Die Zeiten begannen sich zu ändern.

Ein weiteres zentrales Betätigungsfeld der Gruppe wurden Provokationen gegen den etablierten Kunstbetrieb, so z.B. anhand eines gefaketen (◉ Fake) Vortrags des Philosophen und Physikers Max Bense, dem späteren Hausphilosophen der Stuttgarter 68er Bewegung, in dessen Namen sie anläßlich einer Ausstellungseröffnung salbungsvolle Worte über Kontinuum, Koinzidenz, ästhetische Information, Perfektion, Zivilisation, von Zeichenwelt und Signalwelt vom Tonband abspielten.

Berlin

Von Amsterdam lernen heißt siegen lernen, könnte das Motto der Berliner NOlympics-Bewegung („Gegen ein Olympia der Reichen – Volkssport für alle“) gelautet haben. Wenn der Amsterdamer Widerstand auch in den betroffenen Vierteln eine relativ breite Basis hatte, bestimmte doch ein kleiner Kern von Aktivistinnen das Erscheinungsbild der holländischen NOlympics. In Berlin dagegen war die NOlympic-Bewegung durch Massenaktionen in Verbindung mit vielfältiger Militanz („Jugend trainiert für Olympia“) gekennzeichnet. Mit über 70 militanten Aktionen gelang es der Berliner Szene einmal mehr, ihrem Ruf gerecht zu werden.

Ab 1992 begann eine Kette von Aktionen: eingeschmissene Fensterscheiben bei Olympia-Firmen, Störungen, die Stadt zuspüren etc. ... Als durch kleine Brandsätze in drei Kaufhäusern die Sprinkleranlagen in Gang gesetzt wurden, entstand ein Schaden in Millionenhöhe. Neben weiteren Anschlägen folgten auch öffentlichkeitswirksamere Aktionen wie im Januar 1992 die Entführung einer Gedenktafel für den Olympiaorganisator von 1936, Carl Diem, aus dem Olympiastadion. Als die Forderungen des Kommandos, das sich nach dem Geschäftsführer der Olympia-GmbH, Lutz Grütke, nannte, nicht erfüllt wurden, wurde die Tafel wie angedroht zu Krähenfüßen verarbeitet. Das Anti-Olympia-Komitee (AOK) entwickelte sich zum Scharnier zwischen dem politisch legalen Flügel und

Berliner Bären

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Situationalistische
Internationale
1958-1969. Band 1,
Hamburg 1976.

Dreien,
Wolfgang/Künzel-
mann, Dieter/
Siepmann, Eckhard
Hg.): Nifperf des
politischen Unwelts.
Spuren in eine
unbekannte Stadt
- Situationisten,
Gruppe SPUR.
Kommune 1, Berlin
1991.

Die Gruppe SPUR hatte nicht einmal ein Jahr Bestand. Schon 1962 mußte sie sich vor dem Tribunal der S.I. verantworten: „In Anbetracht der Opposition gewisser Elemente der deutschen Sektion gegen die S.I. seit der Göteborger Konferenz und vor allem des Inhalts der Nr. 7 der Zeitschrift ‚SPUR‘, des Mißtrauens sowie der Feindseligkeit dieser Gruppe gegenüber Genossen, die den Anweisungen der S.I. in Deutschland und außerhalb Deutschlands folgen, sowie ihrer jetzt unbestreitbaren Kollision mit einigen herrschenden Kreisen der europäischen Kultur“ wurden fast alle Mitglieder der Gruppe SPUR in einem der üblichen Ausschlußrituale von der S.I. exkommuniziert. Kurz darauf kam es zu Spannungen innerhalb der Gruppe, die schon bald zu ihrer Auflösung führten.

Ungeachtet dessen legte die Gruppe SPUR den Grundstock für das Politikverständnis und die Aktionsformen, die im Zentrum der Aktivitäten der Subversiven Aktion standen, einer Gruppe, die quasi als Nachfolgerin gegründet wurde. Die Subversive Aktion war, wie im Vorwort zu dem gleichnamigen Buch zu lesen ist, eine kleine Gruppe „esoterischer Intellektueller“, die Anfang der 60er Jahre in dezentralen Zirkeln, sogenannten „Mikrozellen“, über Psychoanalyse und Marxismus, Kritische Theorie und Surrealismus diskutiert. Ihr Politikansatz hatte aber auch in den folgenden Jahren

Bockelmann,
Frank/Nagel,
Herbert:
Subversive
Aktion. Frankfurt
1976.

den illegal militant operierenden Gruppen. Das funktionierte, weil im Falle Olympias auch die traditionellen Widersacher militanter Aktionen im alternativen Lager zumindest klammheimlich auf solche Aktionen setzten. Zudem bestand in diesem Fall der Vorteil, einmal nicht aus der Minderheitenposition heraus agieren zu müssen. Die Gelegenheit war günstig, die Auseinandersetzung mit Olympia-GmbH, Senat und IOC zu suchen. Eigentlich war es eine klassische Polit-Kampagne (Broschüren, Veranstaltungen und Demos), die vor allem durch die Übertreibung des gefährlichen und unberechenbaren Images der Berliner Autonomenszene den Charakter einer Kommunikationsguerrilla-Aktion bekam.

Die IOC-Mitglieder erhielten, wie auch in Amsterdam, diverse Briefe, die ihnen die Vorzüge Berlins aus autonomer Sicht schilderten. Auch ein ‚Gewalt‘-Video, das Bilder der breiten militanten Bewegung und ihrer wichtigsten Auftritte in der Vergangenheit zeigte, wurde versandt. In dessen Schlußsequenz jonglierte eine vermummte Person mit einem Pflasterstein und verkündete: „We will wait for you“. Die NOlympics spekulierten darauf, daß sich die Adressaten aus Neugierde derartige Informationen ansehen und in jedem Falle ein negativer Beigeschmack haften bleiben würde.

Bei einer Demonstration während des Besuchs einer IOC-Delegation im April 1993 hatte es in den Straßen: „IOC – Nee, nee, nee! – Werft die Bonzen in die Spree“, und

Berliner Bären

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Berlin gegen
Olympia

großen Einfluß auf die Politikformen der antiautoritären Bewegung, den Sozialistische Deutschen Studentenbund (SDS) sowie der Außerparlamentarischen Opposition (APO) insgesamt (→ Kommune 1).

Im Laufe der Zeit bildeten sich kleine Gruppen der Subversiven Aktion in München, Tübingen, Berlin, Nürnberg und Stuttgart, später auch Marburg und Frankfurt.

In der Anfangszeit sind die Schriften und Unternehmungen der Subversiven Aktion noch stark von einem den Situationisten nahestehenden Ansatz des symbolischen Aktionismus geprägt (was Kunzelmann 1975 als „bürgerlichen Scheiß“ bezeichnet). Sie verstehen sich als „Rätselführer des organisierten Ungehorsams“ und fordern in „Unverbindliche Richtlinien 2“: „Kritik muß in Aktion umschlagen. Aktion entlarvt die Herrschaft der Unterdrückung.“ Dahinter steht die Idee, daß Analyse nicht mehr einfach nur als Voraussetzung von Aufklärung zu sehen sei, sondern als „Sprungbrett“, um in die Wirklichkeit einzugreifen; d. h. es ging um ein unmittelbares Aufeinandertreffen von Theorie und Praxis, die sich gegenseitig weiterreiben sollten.

Eine der ersten größeren subversiven Aktionen anläßlich des 80. Deutschen Katholikentags 1964 in Stuttgart sollte die Öffentlichkeit von einem nicht so leicht einordbaren revolutionären Potential in Kenntnis setzen und gleichzeitig die schon bestehende kleine Gruppe in Stuttgart vergrößern helfen. Ziel war es, den Katholikentag in ein einziges großes Happening zu verwandeln und dabei auf die Reize eines ganz anderen Lebens aufmerksam zu

die Zeitungen funktionierten wie gewünscht: „Und dann kommt die Nacht, die Stunde der Autonomen und Vermummten ...“ ( Stuttgarter Nachrichten , 17. 4. 1993). Ebenso wie die Amsterdamer machten auch die Berlinerinnen einen Ausflug nach Lausanne, wobei einige Farbeier am IOC-Hauptquartier ihre Wirkung nicht verfehlten.

Auch in Berlin spielten die Medienreaktionen für das Konzept Imageverschmutzung eine zentrale Rolle. Ob gute oder schlechte Presse war egal. Hauptsache war, ‚Berlin und Olympia‘ blieben ständig im Zusammenhang mit unerquicklichen Schlagzeilen. Das generelle Interesse der Medien an Sensationen wurde von den Aktivistinnen instrumentalisiert. Obwohl dieser Mechanismus in den Medien durchaus registriert wurde, wußten sie sich der Wirkung der verschiedenen Aktionen nicht zu entziehen. Als dann Berlin im September 1993 aus dem Rennen flog, hatte das wohl mehrere Ursachen: Den Rassismus in Deutschland, die mehrheitliche Ablehnung durch die Berliner Bevölkerung und last but not least das Konzept der Imageverschmutzung.

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machen. Allerdings blieb es bis auf eine Plakatieraktion bei dem Versuch. In der Folge fanden die ersten und einzigen Festnahmen in der Geschichte der Bundesrepublik aufgrund des Verdachts der Gotteslästerung statt. Da die Verhafteten unglücklicherweise eine Liste mit den Namen aller Beteiligten bei sich führten, waren sämtliche weiteren Aktionen damit vereitelt. Dabei hatten sie so schöne Dinge geplant: Erobern von Mikrophone, um den Katholikentag mit eigenen Reden sprengen, den Gottesdienst ins Kaufhaus verlegen; sie schwelgten in Ideen wie der Anbringung eines Mercedes-Sterns auf dem Kreuz des Altars oder das Umschreiben der Wegweiser „Zum Katholikentag“ in „Zum Mercedes-Werk“ usw.

Eine Liste von Einfällen für die Kasseler Documenta kam allem Anschein ebenfalls nicht über die Phase des Spießes an der Idee hinaus. Vorschläge waren u.a., „Verteilung von Freikarten für die Eröffnung an Oberschulen (Abiturklassen) und an wichtige Adressen aus dem Telefonbuch von Kassel“, „Manipulation von Leserbriefen, die unseren Standpunkt (Kunst als Ware/Kunst als Absorbierung des Utopischen und Revolutionären) klarmachen“, „Briefe vom Fremdenverkehrsverein Kassel an die high society mit der Bitte, gegen Beiträge von 2000 DM an Vernissage, Luxusjagden und Staatsbällen teilzunehmen“ oder: „Am Schluß der Vernissage werden von zwei gutaussendenden Mächen in Tracht (oder irgendeiner Uniform) Geschenkpackungen verteilt. In jeder dieser Packung(en) ist ein Stück Scheiße.“

Beifall von

der falschen
Seite

Imageverschmutzung ist nicht nur im Rahmen großer Kampagnen denkbar und funktioniert auch nicht bloß dadurch, sich selbst durch ‚Klartextaktionen‘ zum Garanten eines schlechten Images zu machen. Autonome, Lesben oder

KommunistInnen können den politischen Gegner auch dadurch in eine peinliche Lage bringen, daß sie beginnen, ihn lauthals zu unterstützen. Nicht sonderlich gefreut haben dürfte sich beispielsweise US-Präsident Richard Nixon über einen Transparenttext wie „Homosexuals for Nixon – We love Dick“, der 1973 beim großen Yippie-Fuck-In zu sehen war. In der Logik des Gegners ist das eine Rufschädigung.

Wenn einem Reaktionär untergeschoben wird, er teile Positionen der linken Subkultur, dann kann damit zweierlei erreicht werden: Zum einen läßt sich auf diese Weise ein politisches Thema in der Öffentlichkeit platzieren, zum anderen haben diejenigen das Gesetz des Handelns auf ihrer Seite, die den politischen Gegner in Zugzwang bringen und ihn durch Beifall von der falschen Seite zu einem Dementi oder einer Richtigstellung zwingen. Beispielsweise benannten Anfang 1996 Koblenzer Autonome ihr besetztes Haus nach dem ehemaligen CDU-Oberbürgermeister der Stadt. Sie begründeten dies damit, daß sich derlei aufgrund schlechter Erfahrungen mit der sozialdemokratischen Verräterpolitik halt „logo so ergibt“ (der amtierende SPD-Oberbürgermeister will das Haus räumen lassen)

Zuciete CDU-Autoaufkleber

Anläßlich der Einweihung eines Erweiterungsbauens des Deutschen Literaturarchivs in Marbach a. N. sollte Bundespräsident Herzog eine Ansprache halten. Im Vorfeld tauchten mehrfarbige, mit den Deutschlandfarben und dem roten Original-CDU-Signet versehene Aufkleber der CDU-Ortsgruppe auf, die diesen Besuch vollmundig ankündigte: „Der Bundespräsident kommt! Roman Herzog, 13. Mai ab 11 Uhr, Marbach-Schillerhöhe“. Sie klebten ein paar Tage vor dem Besuch auf fast jedem Auto in Marbach und handelten der lokalen CDU nicht wenige Verwünschungen der BürgerInnen ein. Schließlich distanzierte sich die CDU in

Die Faszination für das Religiöse blieb. Mit der Abhaltung eines „Hamburger Konzils“, das den Versuch darstellte, eine einheitliche Linie in die verschiedenen Gruppen der Subversiven Aktion zu bringen, ging eine Wende in der Ausrichtung des Politikverständnisses einher. Subversive, kulturrevolutionäre Praxis galt von da an nur noch als (fragwürdige) Vorläuferin bzw. Ergänzung der nun vorherrschenden Arbeiterpraxis. Dabei löste, wie Böckelmann/Nagel kommentierten, „die Forderung Dutschkes, man müsse sein ganzes Leben ‚in den Dienst des Proletariats stellen‘, einen masochistischen und doch auch narzisstischen Schauder aus“.

In der Folgezeit versuchten die Mitglieder der Subversiven Aktion, innerhalb des SDS an Einfluß zu gewinnen, um eine breitere Basis für ihre Interventionen zu schaffen. Diese Bemühungen stießen auf heftigen Widerstand. Um auch gegen den Willen des SDS agieren zu können, wurde in München und später auch in Berlin eine „Aktion für Internationale Solidarität“ gegründet, deren erstes Auftreten sich gegen den Staatsbesuch des Ministerpräsidenten des damaligen Belgisch-Kongo, Moise Tshombé richtete.

Die Konflikte innerhalb der Subversiven Aktion mündeten im Ausschluß des Begründers Kunzelmann aus der Gruppe. Von den anfänglichen Ansätzen des symbolischen Aktionismus hatte sich die Gruppe inzwischen völlig entfernt. Die Gründe dafür lagen zum einen im Wandel des Politikverständnisses, der zeitgleich mit den Versuchen der Unterwanderung des SDS vonstatten ging. Zum anderen hatten sich die Gruppen der Subversiven Aktion zunehmend

und sein Vorgänger „ihr großes Vorbild in Sachen Demokratie“ sei. Da er eine Million aufgetrieben habe, um das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am ‚Deutschen Eck‘ wieder aufstellen zu lassen, solle wenigstens er, im Gegensatz zum gegenwärtigen Amtsinhaber, nicht vergessen werden (Junge Welt, 7. 2. 1996).

Mit falschen Manche Sozialdemokraten konnten bereits mit Erklärungen wie „Die Autonomen unterstützen den Kandidaten der SPD, weil er sich gegen den Jäger 90 und für mehr soziale Sicherheit einsetzt!“ in unvermutete Schwierigkeiten gebracht werden, besonders dann, wenn irgendwelche ‚Chaoten‘ in der Woche zuvor mal wieder eine Scherbendemo veranstaltet hatten. Es lassen sich solchen Politikern auch Aussagen unterschieben, die sie gar nicht gemacht haben, die ihre Gegner im schwarz-gelben Lager ihnen aber liebend gern unterstellen würden, also etwa die Legalisierung von ‚Drogen‘, die Einrichtung von Fixerstuben oder die Entkriminalisierung bestimmter Delikte. Das ist eine prima Methode, Politiker (nicht nur) in Wahlkampfzeiten zu zwingen, Dinge zu sagen, die sie sonst aus (wahl-)taktischen Gründen freiwillig nicht sagen würden. Imageverschmutzung hilft so, mit falschen Aussagen wahre Ereignisse zu schaffen. Je glaubhafter eine Unterstützungserklärung klingt, desto größer sind ihre Erfolgschancen.

Ziele CDU-Autoaufkleber ...

einer Presseerklärung: „Mit zahlreichen Aufklebern, versehen mit CDU-Buchstaben, waren Autoscheiben und Laternenmasten beklebt. Damit wurde vor einer Woche der Besuch des Bundespräsidenten angekündigt. Diese Aufkleber sind Fälschungen. Von uns stammen sie nicht. Nachdem das Ausmaß der Verteilaktion heute bekannt ist, sieht sich die CDU Marbach veranlaßt, dazu Stellung zu nehmen: Wir kämen nie auf die Idee, den Besuch des Bundespräsidenten parteipolitisch zu vereinnahmen, geschweige denn, die Bevölkerung mit lästigen Aufklebern zu verärgern. Durch diesen Laububenstreich hat die CDU Schaden genommen.“

darauf konzentriert, sich in gegenseitigem Psychoterror die bürgerliche Fassade vom Gesicht zu reißen, was rückblickend vor allem von Frauen in der Gruppe wie Birgit Daiber und Sabine Goede thematisiert wird. So konnte von einer solidarischen Zusammenarbeit nicht mehr die Rede sein, und eine Spaltung und Auflösung war sowohl aus inhaltlichen als auch aus persönlichen Gründen fast zwangsläufig. \ominus

So auch bei den Grünen: „Als ‚überhaupt nicht spaßig‘ beurteilte eine Sprecherin des Frankfurter Amtes für multikulturelle Angelegenheiten einen Fake aus dem Umfeld der Flüchtlingsolidaritätsgruppen und des AStA der Universität. In einem mit der gefälschten Unterschrift von Multikulturdezernent Cohn-Bendit versehenen Brief an die ‚Frankfurter Bürgerinnen und Bürger‘ wurde unter anderem zum ‚Boykott gegen rassistische Geschäfts- und Gaststättenbetreiber‘ aufgerufen und die Bürgerinnen aufgefordert, ‚herumschnüffelnden Beamten der Ausländerbehörde‘ keine Auskünfte zu erteilen“ (taz, 21. 10. 1991).

Eine zweite Variante funktioniert etwas anders. 1969 brachte die Guerilla Theatergruppe ‚Rapid Transit Guerilla Communications‘ (RTGC) den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon in Schwierigkeiten, als sie ihn anläßlich eines

Wahlkampfauftrittes in Chicago in Kostümen des Klu-Klux-Klans empfing und mit einem Transparent „The Klan Supports Nixon“ grüßte. Diese Aktion war überaus wirksam, weil nicht wenige Medienvertreter eine solche Unterstützung tatsächlich für möglich hielten. In den USA war diese Form der Imageverschmutzung bereits Ende der 60er Jahre sehr verbreitet.

Allerdings müssen die Initiatoren von Aktionen mit großer Umsicht zu Werke gehen. Erfahrene Kommunikationsguerillas empfehlen, auch dann auf

Hierfür gibt es in
den USA ein
regelrechtes
Handbuch:
Santoro, Victor:
Political Trashing.
Port Townsend
1987.

Ziele: CDU-Autoaufkleber .

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Allerdings stellt sich die linke Szene bei solchen Aktionen auch ab und an selbst ein Bein. In diesem Fall gingen entschiedene CDU-GegnerInnen, empört über soviel Frechheit der CDU, selbst daran, die Aufkleber von Autos zu kratzen und ihre Urheber dabei lautstark zu beschimpfen.

„Nebenwirkungen“ zu achten, wenn diese auf keiner Packungsbeilage angezeigt sind. Häufig wird bei der Imageverschmutzung mit rassistischen oder anderen diskriminierenden Symbolen und Parolen gespielt, die jedoch nicht immer nur schockieren, sondern möglicherweise auch solche gesellschaftlichen Tendenzen verstärken und zu ihrer weiteren Verbreitung beitragen können.

Eine der Imageverschmutzung verwandte Praxis ist es, den politischen Gegner zur Verwendung von ihm mißliebigen Symbolen zu zwingen. Wenn Neo-Nazis auf einmal ganz offiziell und amtlich in einer Anne-Frank-Straße oder in der Erich-Mühsam-Straße residieren, finden sie das überhaupt nicht lustig. Es können Situationen geschaffen werden, in denen der Gegner zu Aussagen oder Handlungen gezwungen ist, die er nicht will, aber aufgrund seiner eigenen Logik und Werte aber auch nicht verhindern kann. Mit einer falschen Aussage ein gewünschtes Ereignis zu schaffen, gelang in diesem Zusammenhang Anja Rosmus (Vgl. den Film „Das unmögliche Mädchen“) in Passau, als sie eine Presseerklärung im Namen des CSU-Oberbürgermeisters verschickte, worin dieser bekanntgab, ehemalige jüdische Bürgerinnen der Stadt am Bahnhof empfangen zu wollen. Das hatte der zwar nie vorgehabt, er mußte aber, nachdem es in den Zeitungen stand, notgedrungen mitspielen.

  1. **Sich den** Eine weitere Form der Imageverschmutzung entsteht dann, wenn Symbole,
    **Namen des** Zeichen oder Labels bewußt in einen negativ besetzten Kontext und unter
    **Gegners** Umständen sogar bei illegalen Aktionen verwendet werden. Ziel der Aktivisten
    **ausleihen** ist dabei, den Zorn von Unbeteiligten auf den Gegner, dessen Namen für die Aktion entwendet wurde, zu lenken. Je ungebührlicher und aufrührerischer uns ganze Häuserzeilen mit einem hingepumpten „Wählt CDU!“ schon morgens anlächeln, umso größer der Ärger für diese Partei. Anlaßlich der bayrischen Kommunalwahlen im März 1996 prangte auf zahlreichen Regensburger Häuserwänden schlicht und einfach „CSU“. Die Wirkung einer solchen Aktion ergibt sich einerseits aus der Wut über die ‚Schmierereien‘, andererseits aus der Tatsache, daß die CDU/CSU nur schwer wird erklären können, warum ausgerechnet ihre Gegner Wahlempfehlungen für sie abgeben. Ein Leserbrief, der diese unerhörte Art, Wahlkampf zu betreiben, anprangert, hätte in diesem Zusammenhang ein übriges bewirken können.

Das gute Deutschland

Am 8. November 1992 versammelte sich in Berlin das ‚gute Deutschland‘. Bundespräsident und Bundeskanzler hatten sich an die Spitze einer Demonstration gegen ‚Ausländerfeindlichkeit‘ gesetzt. Angesichts der Häufung von rassistischen Pogromen – am bekanntesten wurden die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Wohnhäuser in Hoyerswerda, Mölln und Rostock – wollte dieselbe politische Klasse, die seit Jahren die Stimmung gegen Flüchtlinge und Menschen ohne deutschen Paß aufgeheizt hatte, sich selbst und ihr Deutschland als ausländerfreundlich präsentieren. Doch die Rechnung ging nicht auf. Denn unter die 300.000 Leute im

Bedeutsames ereignet sich alle vier bis fünf Jahre in Kommunen, Kreisen, Ländern und der gesamten Republik. Vertreter aller möglichen Parteien und Listen liefern sich Wahlkämpfe um Wählerinnenstimmen, um Sitze in Parlament und Abgeordnetenkammer. Die Linke allerdings hat alle paar Jahre ein Problem damit, wie sie sich zum Recht auf freie Wahl verhalten soll: Wahlboykott oder das „kleinere Übel“? Das einstmals laut geäußerte „Wer seine Stimme abgibt, hat nichts mehr zu sagen“ ist verstummt oder ging über in ein leises Fiepen. Seit einigen Jahren beteiligen sich denn auch linksalternative Gruppen und Reste linksradikaler Zusammenhänge wieder rege an Wahlen aller Art, gestalten Litfaßsäulen und erstellen Kandidatinnenlisten. Allerdings anders als DKP, PDS oder Bündnis 90/Grüne sich das wünschen würden.

Gerade weil die bürgerlich-repräsentative Demokratie ihr Wahlspektakel als ungeheuer wichtiges Ereignis inszeniert, eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld für Kommunikationsguerillas. Beim Umrühren des Wahlquarks geht es ihnen vor allem darum, den inszenierten Ablauf, die Zeichen und Handlungen von Wahlkämpfen geschickt aufzugreifen und zu entwenden . Gelegentlich bringen sie eigene Positionen in die öffentliche Diskussion, in erster Linie aber dekonstruieren sie den hegemonialen politischen Diskurs, die herrschenden Parteien und vor allem die bei Wahlen stattfindenden ‚Inszenierungen der Macht‘ selbst.

Nicht wenige Gruppen treten unter dem Label ‚Partei‘ bei Wahlen an. In Zürich, wo das Müli bereits über eine gewisse Tradition verfügt, beteiligte sich 1994 eine Gruppe unter dem Namen ‚Die Müllernative‘ an den Stadtratswahlen. Namensgeber waren gleich zwei Herren: Herr Andreas Müller, 43, gemeinsames Zugpferd der bürgerlichen Parteien, und Herr Andreas Müller, Kandidat der ‚Müllernative‘ und gemeinsam mit Irene Müller Spitzenkandidatin bei der Stadtratswahl. Für den Fall, daß ‚Die Müllernative‘ als Sieger aus der Wahl hervorgehe, wollte sich Andreas Müller den Präsidiumsitz aus Quotengründen mit Irene Müller teilen. Die Szene hatte ihren Alternativkandidaten unter insgesamt neunzehn Andreas Müllers aus dem Telefonbuch gefischt. Der zweite Andreas Müller wurde bereits im Vorfeld durch systematisch gestreute Gerüchte angekündigt. Nachdem er dann in Person die Bühne betreten hatte, sorgte eine professionell inszenierte PR-Kampagne dafür, daß die ‚Müllernative‘ regelmäßig in den Medien präsent blieb. Daß die Namensgleichheit für Verwirrung sorgen sollte, war bald allen Beteiligten klar, weil die Wählerinnen laut Zürcher Wahlrecht kein Kreuzchen machen, sondern den Namen der Kandidatin auf den Wahlschein schreiben müssen. Begreiflicherweise wollten die bürgerlichen Parteien sich dagegen wehren, daß mit ihrer Form von Demokratie Schindluder getrieben wurde. Sie konnten aber juristisch nicht gegen eine ‚zufällige‘ Namensgleichheit vorgehen.

Das gute Deutschland ...


Lustgarten hatten sich auch ein paar unauffällig gekleidete „autonome Eierwerfer“ gemischt. Kaum hatte der Bundespräsident sein Rede begonnen, flogen auch schon Eier auf die Bühne. Aus diesen Eiern wurden in den deutschen Medien Steine, mindestens ebenso schlimm wie die gegen die Flüchtlingsheime geworfenen Brandsätze. Diese Störung hat das Image eines ‚guten Deutschland‘ vor einem internationalen Medienpublikum nachhaltig beschmutzt. „Weil uns unser Land am Herzen liegt. Und weil wir uns um Deutschland sorgen“ (Frankfurter Rundschau, 9. 9. 1992) beklagten die Kommentatoren, „daß der kleinste gemeinsame Nenner,

KPD/RZ

Als im Juni 1994 ‚Die Unregierbaren – Autonome Liste‘ in den Europawahlkampf zogen, ging es ihnen in erster Linie um die Möglichkeit der kostenlose Verbreitung von Rundfunk- und Fernsehspots, sowie der Nutzung von kommunalen Plakierflächen oder Räumlichkeiten. Auf diesem Wege wollten sie der bundesdeutschen Radio- und Fernsehgemeinde linksradikalen Klartext auf Auge und Ohr drücken. Darüber hinaus versuchte die Gruppe, im Wuppertaler Polizeipräsidium eine Veranstaltung zum Thema ‚Innere Sicherheit‘ durchzuführen. Es ging nicht um Wählerstimmen, das Forum ‚Wahlkampf‘ sollte für eine grundlegende Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere des staatlichen Rassismus, genutzt werden.

Inzwischen treten immer häufiger Gruppierungen an, die mit bürgerlichen Parteien wenig gemein haben. So diffus wie ihre Motivationen, so unterschiedlich sind auch ihre politischen Forderungen. Die ◉ KPD/RZ (Kreuzberger Patriotische Demokraten/Realistisches Zentrum), die gleichermaßen auf bürgerliche wie (u.a. durch die Namensgebung von Partei und Gremien) linke Parteipolitik zielt, forderte anläßlich der Abgeordnetenwahl im Frühjahr 1989, ‚Deutschland in den Grenzen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von 1195 (Heinrich IV.) wiederzuvereinigen (taz 4. 4. 1994). Neben solchen Formen der Übertreibung und der ◉ Subversiven Affirmation ‚seriöser‘ politischer Positionen finden sich vollkommen absurde Aussagen. Forderungen wie die nach ‚Rauchverbot in Einbahnstraßen‘ (KPD/RZ) greifen den ernsthaften Gestus der offiziellen Politik an, die Rhetorik von Vernunft, Verantwortung und Ernsthaftigkeit.

Zur Gemeinderatswahl im März 1993 in Offenbach trat die ‚Liste Niemand‘ an, die aus Resten einer linksradikalen Gruppe entstand. Dieses Vorspiel hat Tradition: Schon Till ◉ Eulenspiegel hatte sich einem Reichen als ‚Niemand‘ vorgestellt und ihn anlassend beschimpft, geschlagen und ausgeraubt. Begegnlicherweise konnte dem Mißhandelten keiner helfen, als er sich beklagte, Niemand habe ihn schlecht behandelt. 1968 nominierten die Yippies in den Vorwahlen der Demokratischen Partei das Schwein ‚Pigasus‘ als Präsidentschaftskandidaten gegen Richard Nixon, und für die Wahlen selbst hieß ihr Kandidat ‚Nobody‘ (Niemand), weil letztlich niemand gewinnt. Spätere ‚Nobody‘-Kampagnen anläßlich diverser Präsidentschaftswahlen folgten: ‚If nobody wins, everybody wins‘. Ihr Programm versprach unter anderem ewiges Leben sowie kostenlose saubere Klos für alle.

„Nobody for President“. Vgl. http://www.chehworks.com/nobody.htm

Die Liste Niemand versuchte, der Form wie den Inhalten herrschender Politik eine praktische Kritik entgegenzusetzen, indem sie unter Verwendung des Namens ‚Niemand‘ Klartext sprach. Als Wahlgeschenke versprach sie unter dem Motto: ‚NiemandD schenkt Euch was!‘ Jugendzentren, Kitas, gute Schulen, und anderes mehr. Slogans wie:

Das gute Deutschland .

„den man (...) gefunden hatte, um das Deutschland-Bild im Ausland via Großdemonstration zu korrigieren, nicht bei allen trägt“ (Stuttgarter Zeitung, 9.11.1992). „Medien wie Politiker sahen ihre vornehmste Aufgabe darin, dieses Bild zurechtzurücken: „Linke Krakeeler, gewalttätige Autonome, radikale Ideologen – sie haben wieder einmal zerstört und in Scherben geschlagen, was doch eigentlich gekittet werden sollte: das Ansehen der Republik, der Ruf des neuen, wiedervereinigten Staates“ (Stuttgarter Nachrichten, 9.11.1992). „Nichts war es mit dem klaren Zeichen, „wo das gute Deutschland steht“ (Südwesstresse, 9.11.1992). „Und das war wohl auch besser so.“

„Wählt NiemanD, denn NiemanD vertritt eure Interessen, wenn ihr es nicht selbst tut!“ nutzten die Form bürgerlicher Wahlpropaganda, um durch paradoxe und mehrdeutige Formulierungen das bürgerlich-repräsentative Prinzip der Interessenvertretung zu kritisieren. Zugleich wurden die WählerInnen dazu aufgerufen, selbst politisch aktiv zu werden. Der letzte Coup der Liste war die Gründung eines Komitees für die Bewerbung Offenbachs für die Olympischen Spiele im Jahre 2008: „Gebt Offenbach eine Chance!“

Solche Listen imitieren die gängigen Codes ‚echter‘ Parteien und veranschaulichen, wie der Wahlquark funktioniert. Die meisten haben eine gewählte Spitzenkandidatin, einen Vorstand und Briefpapier mit einem Parteilogos. Auch bei öffentlichen Auftritten versuchen sie, dem Erscheinungsbild der bürgerlichen Kandidaten und Abgeordneten möglichst nahezukommen. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, daß sie ziemlich weit von dem entfernt sind, was klassische Parteipolitik angeblich auszeichnet: Nämlich Seriosität, Exklusivität und die Beschäftigung mit angeblich politisch relevanten Themen. So übernahm etwa die ‚Liga für Sauberkeit und Demokratie‘ (LSD) in Würzburg zwar die Form einer Wählerliste und erklärte, immer noch glaubhaft, ihr Bürgermeisterkandidaten Hans Pfefferl wolle „mit dem Schmutzel in der Stadt aufräumen“. Doch das den übrigen Parteien nachempfundene formale Erscheinungsbild war nur der Ausgangspunkt für eine

  • Verfremdung. Auf die Frage, warum er denn OB der Stadt Würzburg werden wolle, antwortete der LSD-Kandidat denn auch: „Um meiner Familie zu beweisen, daß ich, ohne das Einmaleins auswendig zu können, bekannt, schön, reich und begehrt werden kann“.

Erst sehr spät kam Licht in das Dunkel der Aktivitäten der ‚Naturgesetzpartei‘, die den schwerfälligen konventionellen Politikbetrieb mit ihren gewichtigen Reden (und Politikern) in ungeahnte Sphären erhob und mit ihren ‚Yogischen Fliegern‘ eine gewisse Berühmtheit erlangt haben. Die FreundInnen und Freunde der ‚Naturgesetzpartei‘ fordern den Einsatz solcher ‚Yogischen Flieger‘, einer Art auf den Knien hüpfenden Brahmanen, in den Fußgängerzonen der Republik. In Ulm versprachen sie dem Wahlvolk, daß nur 40 von ihnen ausreichen würden, um die sinnlose Gewalt in der Stadt Ulm ein für alle Male verschwinden zu lassen. Die ‚Naturgesetzpartei‘ wird, so wurde uns berichtet, an ihrer Forderung auch bei den nächsten anstehenden Wahlen festhalten. Inzwischen wurde bekannt, daß die ‚Naturgesetzpartei‘ ein Ableger der italienischen ‚Partito della Legge Naturale‘ ist, die wiederum als • Fake von • Luifer-Bissel in Bologna aus der Taufe gehoben wurde.

Solche verfremdeten Formen bürgerlicher Parteipolitik produzieren auch deshalb Verwirrung, weil sie nicht auf gängige Art Opposition spielen. Für den Mythos von der

Schwein-lesbische Wahlkampfunterstützung

(az, 20. 10. 1995. Der republikanische US-Senator Bob Dole ist in Not: Schweine- und Lesbenorganisationen haben ihm Wahlspenden überwiesen. Dole gilt als aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat und Hardliner der US-Rechten. Seine Wahlhelfer schickten das Geld prompt und pikiert zurück, und plötzlich hatte Dole ein Problem: die öffentliche Meinung von Homosexuellen: „Ich glaube, daß meine Männer das Geld nicht abgewiesen hätten, wenn sie eher mit mir gesprochen hätten“, so der angeknackste Dole auf die Frage eines Journalisten in Ohio, der in der Rückgabe eine Verschärfung des Rechtskurses vermutete.)

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„Die Pläne der KPD/RZ sind gut,
weil sie richtig sind!“

Sie wirken im Herzen der Bestie, mitten in Berlin. Seit 1988 sind sie, wie sie selber sagen, „die einzige Massenpartei der extremen Mitte“: die Kreuzberger Patriotischen Demokraten/Realistisches Zentrum (KPD/RZ). Ein Blick in das Archiv des zuständigen ‚Referenten für Propaganda‘ beweist die Schlagkraft und die Entschlossenheit, mit der die Partei ihre Idee vertritt: „Kreuzberg zuerst!“ (taz, 17. 6. 1995). Auf die Frage, was sie ihren Wählern versprechen, bekennen sie:

„Wir versprechen alles und halten nichts.“ Die Bemerkung, dies unterscheide sie nicht von anderen Parteien, gegen sie locker vom Tisch: „Der Unterschied ist, daß wir von vorneherein sagen, daß wir bestechlich sind.“

Berge von Agitationsschriften, ständig klingelnde Handys und die PCs im Büro der KPD/RZ geben ihr Bestes. In einer Ecke stehen große Kartons. Inhalt sind Massen von T-Shirts sowie Baseballmützen mit dem Logo der Partei. Der ‚Referent für Propaganda‘ weist bei einem Besuch auf das neueste Produkt hin: Auf dem Cover einer CD mit dem Untertitel „Der Soundtrack zur Demokratie“ reichen sich der „wahre Heino“ und Bela B. von der Gruppe „Die Ärzte“ kraftvoll die Hände. Der Inhalt der Scheibe ist brandaktuell: Nach einer „sanften Einführung in die Parteipolitik“ erklingt das Lied „Kreuzberg zuerst!“, es folgen ein Vortrag zur Parteienfinanzierung, ein Original Wahlwerbespot und anschließend „Wissenswertes über politische Parteien unter besonderer Berücksichtigung der KPD/RZ“. Zu alledem wird allen „Glück und Geld“ gewünscht.

demokratischen Legitimation der herrschenden Politik ist eine Opposition, die ‚mitspielt‘, unabdingbar. Wer ein wenig Pfeiffer in den Wahlquark schüttet, kann versuchen, das wenig demokratische bürgerliche Repräsentationsprinzip zu entzaubern und zeigen, welche Farce diese Art von verfassungsmäßig verankerter Herrschaftsausübung im Grunde darstellt.

Allerdings schließen die Wahlquark-Aktionen einiger Spaßparteien (ungewollt) an die reaktionär-populistische Version der medial inszenierten ‚Parteiverdrossenheit‘ an. Was aus dem Wahlquark herausgelesen wird, ist nicht automatisch links. Unbedachte Sprüche gegen ‚die da oben‘ oder ‚die‘ Politiker können nach hinten losgehen und die reaktionäre Kritik an der bürgerlichen Demokratie stärken.

Oft fängt der Ärger dann an, wenn sich die zur Wahl Angetretenen mit fünf und mehr Prozenten als gewählt betrachten können, sollen, oder müssen. Wer einmal die Spielfläche des ‚Vier-Jahre-Verfahrens‘ betreten hat, der läuft Gefahr gewählt zu werden, und das heißt, sich mit den parlamentarischen Spielregeln herumzuschlagen zu müssen. 1993 ereilte dieses Schicksal bei der Rüsselsheimer Stadtratswahl gleich zwei Gruppen, die ‚Liste Rüssel‘ und die ‚FNEP‘ (Liste ‚Für NichtwählerInnen, ErstwählerInnen und ProtestwählerInnen‘) (taz, 14. 3. 1995). Beide Gruppen sammelten Stimmen aus dem alternativen und linken Lager und erhielten zusammen 12%. Das Resultat war eher deprimierend: Ende

Schul-lesbische Wahlkampfunterstützung

Mittlerweile ist der Republikaner wieder im Lot, was seine Haltung zur Schulen- und Lesbenbewegung anbelangt. Nun ließ Nelson Warfield, der Pressesprecher aus seinem Wahlteam, zu dieser „künstlich aufgeblasenen Story“ mitteilen, daß man, um weitere Verstimmungen auszuschließen, weiterhin jede ähnliche Zuwendung abschlagen werde.

Kontinuierlich seien sie, sagt der Propaganda-Referent. Die Chronik der Partei derjenigen, die „Kreuzberg seine Würde zurückgeben“ wollen (Überschrift des Wahlprogramms von 1995), bestätigt ihn. Auf die Gründung 1988 folgte im Februar 1989 die Vorstellung des ‚Blücherplatzpapiers‘, welches als Grundsatzprogramm gilt. Vielfältige Maßnahmen sollten der noch jungen Partei auf die Sprünge helfen: Öffentliche Vorstandssitzungen, der Entwurf eines Parteiemblems, Geldbeschaffungsaktionen, Erstellung von Mitgliederrundbriefen etc. Am 1. Mai 1992 wurde es für die Kreuzberg-Aktivisten richtig spannend. Zum ersten Mal nahm der Vorstand der KPD/RZ die große Parade zum 1. Mai ab. Wenige Tage später führte die Partei mit großer Resonanz eine Informationsveranstaltung unter dem Titel durch: „Trinker fragen, Politiker antworten“.

14 Tage später fanden die Berliner Kommunalwahlen statt. Mit Stolz erzählt der Vorsitzende, daß in manchen Wahllokalen in Kreuzberg sensationelle 17% der Stimmen erzielt werden konnten. Aufgrund des überwältigenden Erfolgs wurden in Brandenburg und im Saarland Landesverbände der KPD/RZ gegründet. Mit steigendem Zuwachs füllten sich auch die Beitragssäcke.

Am 1. Mai 1994 landeten die unermüdlichen PolitikerInnen der KPD/RZ einen weiteren großen Coup. Eine 1-Mai-Demo startete um 21 Uhr am Marheineplatz in Berlin, um dem Bild der am 1. Mai marodierenden autonomen Gewalttäter (Zitat der KPD/RZ: „Die kommen überwiegend von auswärts, selbst von Potsdam sind welche dabei“)

1994 verließ die ‚NEP‘ ein Koalitionsbündnis aus CDU, FDP, Grünen und der Liste Rüssel. Vor einem ähnlichen Problem stand die ‚Liste Alz‘ in Regensburg. Unter dem Motto: „Vergessen wir, was war“, trat sie bei den bayrischen Kommunalwahlen 1996 mit ihrem Spitzenkandidaten, einem gewissen Josef Alzheimer, an. Es läßt sich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, mit einer solchen Namensgebung auf Kosten von meist älteren Menschen mit dem gleichnamigen Krankheitsbild ‚die‘ Politiker zu kritisieren. Die Liste, entstanden aus einer Mischung von Parteiverdrossenheit und Kneipenlödelei, war überaus erfolgreich. Sie führte eine Großkundgebung vor dem Regensburger Rathaus mit 4.000 ZuhörerInnen durch, bei der der Spitzenkandidat in einer schwarzen Limousine vorfuhr und vom Balkon des Rathauses eine bewußt unsägliche Ansprache hielt, die schließlich in das Bekenntnis mündete: „Ich bin ein Regensburger!“ Im Bayrischen Fernsehen versuchten Journalisten vergeblich, einen vernünftigen Satz mit einer verbindlichen Aussage aus ihm herauszulocken. Was während des Wahlkampfes noch durchhaltbar war, wurde nach dem phänomenalen Wahlerfolg (zwei Sitze) immer schwerer. Denn nun versuchen die Medien wie auch die konkurrierenden Parteien, die ‚Liste Alz‘ auf konstruktive parlamentarische Mitarbeit festzulegen. Mit Erfolg: Die beiden Stadträte der Liste gaben sich nach der Wahl größte Mühe, sich in die Kommunalpolitik einzuarbeiten und irgendwelche ‚vernünftigen‘

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etwas entgegengesetzten. Die KPD/RZ rief auf, an dieser Demo teilzunehmen, um sich „gegen nächtliche Ruhestörung und sinnlose Gewalt“ auszusprechen. Die „Mutter aller Demonstrationen“ zog zweieinhalbtausend Menschen in ihren Bann, und durch die dunklen Straßenschluchten hatte es innerfüllt: „Nächtliche Ruhestörung ist verwerflich!“ Als am Ende der Demo ein paar Bullen meinten, sie müßten auch einmal zum Zuge kommen, wurden sie mit der Parole „Deutsche Polizisten, Gärtner und Floristen“ wieder verabschiedet. Auch die Slogans „Ein Kampf, ein Wille: Mut zur Stille“, „Wir wollen schlafen“ oder „Ruhe, sonst knallt s“ (taz, 3. 5. 1994) kamen bei den bestens gelaunten Maiasflügeln gut an.

Nachdem die Initiative für die Beibehaltung der alten Postleitzahlen leider gescheitert war, bewies die KPD/RZ mit der Herausgabe einer Sonderbriefmarke zum Erhalt der „Kreuzberg 36-Identität“, daß sie ihr Handwerk versteht. Kurz darauf wurde der neue, fälschungssichere Parteiausweis eingeführt. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zur Kreuzberger BVV errang die Partei 4,7% in Kreuzberg und wuchs damit zur viertstärkste politischen Kraft im Kiez. Ein Blick in das Selbstdarstellungspapier zur Wahl hilft, den Erfolg der KPD/RZ zu verstehen: Forderungen nach dem Verbot von Kriminalität aller Art, nach flotteren Melodien für Polizei-, Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge, der Einführung einer Rückkehr- bzw. Dornbleiprämie für Schwaben usw. Im Bereich der Kulturpolitik wurden mehr Glück für ortsansässige Sportvereine sowie ein Ausgehverbot für Männer bei Außentemperaturen über 30°C ver-

Positionen zu entwickeln. Offenbar ist die o Kulturelle Grammatik so stark, daß eine solche Wahlkampftaktik im Parlament kaum fortgesetzt werden kann. Aber das heißt nicht, daß es keine Auswege gibt. Eine Möglichkeit haben die niederländischen o PVV vorgeführt. Sie lösten sich nach ihrem ersten Wahlerfolg offiziell auf.

Es besteht immer die Gefahr, daß der Wahlquark ungewollt dazu beiträgt, die Ödnis parlamentarischer Politik zur Belustigung des Wahlvolks mit ein paar bunten Klecksens in der grauen Parteienlandschaft aufzumöbeln. Wie jede Satire kann auch Wahlquark bedeuten, daß man sich im Bestehenden einrichtet. Die Kunst bei dieser Art von Politaktionen ist es, Elemente einzubauen, die dem Publikum kein allzu selbstzufriedenes Grinsen ermöglichen und einen möglichst heftigen Schluckauf bescheren.

KPD/RZ Wahlkampf

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langt. Legendär wurde die Forderung nach einem Rauchverbot in Einbahnstraßen aus dem Ressort Gesundheit. Auch im Bereich der Verkehrspolitik konnte sich die KPD/RZ mit der Idee eines Rotationsprinzips für Straßennamen profilieren. Das erklärt so manches.

Der Oktober 1995 brachte Berlin auch den Ruf ein, die erste Stadt mit einer genehmigten Straßenschlacht zu sein.

Am Heinrichplatz kämpfte die KPD/RZ gegen die „ostdeutschen Sozialdemokraten“ von der AG Junge GenossInnen der PDS. Die KPD/RZ zieht ihr Fazit: „Der Aggressor PDS erleidet eine furchtbare Niederlage, von der er sich nicht mehr erholt. Die Sozialdemokratie gilt als besiegt“. Und das, obwohl sie in guter alter überheblicher sozialdemokratischer Manier vorher vollmundig gedroht hatten: „Der Heinrichplatz wird euer Waterloo“. War mal wieder nix. Kruzifix.

Am 20. April 1996 verkündete der Vorsitzende der KPD/RZ den „Kreuzberger Appell“. Er prangerte die sogenannte Bezirksreform an, welche von der „blutsaufenden Stahmer-Diepgen-Bande“ (taz, 22. 4. 1996) geplant werde, um Kreuzbergs Identität endgültig zu zerschlagen. Angesichts dieser „Kontinuität des Terrors“ wissen die Verantwortlichen jedoch eindeutig Stellung zu beziehen: „Nicht mit uns!“ Außerdem wurde eine Kreuzberger Landwehr gegründet, in die sich viele als Mitglieder einschrieben. Wie es weitergeht mit der „Partei der extremen Mitte“, wird sich zeigen. Eines allerdings wird niemand in Zweifel ziehen: „Die Pläne der KPD/RZ sind gut, weil sie richtig sind!“

KPD/RZ

Begegnung, Hartwieg:
Wir haben Grund
genug zum
Weinen - auch
ohne euer
Tränengrund.
Hintergründe des
Aufrufes in
Zürich. In: Kritik
Nr. 26/1980, S.
142-154 u.
Canetta, Maurizio:
Zürich gegen
Zürich.
Herausgegeben
von der
eidgenössischen
Kommission für
Jugendfragen.
Zürich/Locarno
1981

Das Müller

Medienpräsenz ist eine zweischneidige Angelegenheit. Werden soziale und politische Bewegungen nicht totgeschwiegen, dann werden sie oft entweder in entschärfter, glattebügelter Weise dargestellt oder auf einfache Abziehbilder („Jugendgewalt“, „Orientierungslosigkeit“ usw.) reduziert. Besonders kritisch ist es, wenn VertreterInnen solcher Bewegungen ihre Position in Fernsehdiskussionen darstellen sollen. Denn im Rahmen dieser Veranstaltungen werden sie meist auf bürgerliche Diskussionsformen („konstruktiver Dialog ...“) festgelegt oder aber wie exotische Tiere einfach vorgeführt. Eine Möglichkeit, mit den Gegebenheiten einer öffentlichen Diskussion umzugehen und sie für die eigenen Zwecke zu nutzen, zeigt die Vorgehensweise von „Herr und Frau Müller“, die ihren Auftritt in den Medien für eine Taktik der subversiven Affirmation nutzten:

Im Mai 1980 entstand aus den Auseinandersetzungen mit der städtischen Kulturpolitik um ein autonomes Jugendzentrum die Zürcher Jugendbewegung. In den folgenden Wochen eskalierte die Konfrontation zwischen Staatsgewalt, Politik und Bewegung. Im Juni/Juli breiteten sich die Proteste der Jugendlichen in vielen Städten der Schweiz aus. Auf die Versuche

Herr und Frau Müller anno 1980

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Telefonmann 6 Im süddeutschen Raum kamen 1995 Kassetten in Umlauf, die von Jugendlichen als Geheimtip weitergegeben wurden und auf zahllosen Parties für minutenlange Lachanfälle sorgten. Bespielt waren sie mit nichts anderem als dem Wortwechsel zwischen einem Anrufer und verschiedenen Telefonistinnen bei der Auskunft. Ein Sprachjongleur türkischer Herkunft, der vier Sprachen fließend beherrscht (Türkisch, Deutsch, Türkisch-Deutsch und Schwäbisch, dazu noch etwas Italienisch-Deutsch) führte darauf alle Möglichkeiten des Nicht- und Falschverstehens vor, die den Alltag von Deutschen und Nichtdeutschen prägen.

ERSTE SZENE:

Er: „Bitte Telefonnummer. Des isch in Hrb.“

Die Telefonistin: „Was?“

Er: „In Furb.“

Die Telefonistin (genervt): „Ich kann sie nicht verstehen.“

Er (leicht verzweifelt): „Fhrubb!“

Die Telefonistin (empört): „So macht man im Kindergarten, gell, aber nicht bei uns. Bitte gescheit buchstabieren. K wie Konrad oder C wie Cäsar?“

der staatlichen Gewaltorgane, die Demonstrationen in Scharmützel zu verwandeln, reagierte die Bewegung mit unkonventionellen Demonstrationsformen. Das Motto einer der ersten Demos „Nackt gegen Gewalt“ war wörtlich gemeint, entsprechend fiel der Aufzug der Teilnehmer aus.

Am 2. Juli organisierte das deutschsprachige Schweizer Fernsehen DRS eine Diskussion zum Thema Widerstand gegen Staatsgewalt, bei der Jugendliche und lokale Prominente miteinander ‚dialogisieren‘ sollten. Die zehn jugendlichen Diskussionsgäste aus der Bewegung erschienen in festnächtlichen Kostümen und beschränkten sich auf nonverbale Störungen: Pfeifen, Johlen, Klatschen; Luftballons und Seifenblasen schwebten über den Bildschirm. Die Prominenz hatte Mühe, zu Wort zu kommen, und die Sendung wurde vorzeitig abgebrochen.

Einige Tage später unternahm das DRS als Reaktion auf das „bürgerkriegsähnliche Vorgehen“ der Zürcher Stadtpolizei ( Frankfurter Allgemeine Zeitung ) einen weiteren Versuch des ‚Dialogs mit der Jugend‘. Wiederum stand ein Zusammentreffen zwischen Bewegung, Vertretern der Staatsgewalt und linksliberaler Prominenz an. Zu der illustren Runde gehörten ein Stadtrat und eine Stadträtin, der Polizeikommandant von Zürich, der Präsident der Zürcher Sozialdemokratie sowie der Diskussionsleiter.

Squatting Reality – Hausbesetzerfilme sind schöner Von Kees Stad

1995 sollte in einer Amsterdamer Straße die Räumung eines besetzten Hauses gefilmt werden, und zwar für einen Film von Matthijs van Nieuwpoort auf der Grundlage eines Romans von A. F. Th. van der Heyden. Im Buch geht es unter anderem auch um den Tod eines Hausbesetzers im Amsterdam der 80er Jahre. Die Erzählung hat große Ähnlichkeit mit einem tatsächlichen Todesfall: 1985 starb der Hausbesetzer Hans Kok in Polizeigewahrsam. 250 Bullen waren angeheuert worden, um sowohl sich selbst als auch die Hausbesetzer zu spielen. Gerüchten zufolge hatten die Filmleute am Tag zuvor vergeblich versucht, im

Er: „Entschuldigung, ich kann nicht richtig gut deutsch spreke.“

Die Telefonistin (ultimativ): „Ja, dann tut's mir leid, dann lernen sie's und kommen dann wieder.“ (legt auf)

Er (wütend): „Du Arschloch!“

Ein solches Gespräch beschreibt den Alltag von Menschen ohne bundesdeutschen Paß in Deutschland. Wenn Deutschsprachige sich mit einer solchen Situation konfrontiert sehen, fühlen sie sich auf der richtigen Seite und vergessen das Ganze schnell. Für nicht Deutschsprachige kann Deutsch wie auch die jeweiligen Dialekte ein unüberwindliches Hindernis darstellen. Was aber diesen Fall von anderen unterscheidet, ist, daß diese Anrufe bei der Auskunft nicht dazu dienen, Telefonnummern zu erfahren, sondern ein Spiel mit Sprachverwirrungen und amtlicher Kommunikation treiben. Nach einigen eher kurzen und wenig erfolgreichen Versuchen begann unser Sprachjongleur, die Gespräche mit den Telefonistinnen auf Längen über zehn Minuten auszudehnen und legte sich – manchmal sogar in ein und demselben Telefonat – mehrere Rollen zu. Er spielte gleichzeitig neben dem radebrechenden Türken auch den holprig sprechenden Italiener und den breit schwäbelnden Einheimischen.

gibte umglötters»

Telefommann

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Pflazen & Anlässe

Das Müllern

Im Vorfeld der Fernsehdiskussion herrschte die Einschätzung vor, daß sowohl die Zusammensetzung der Diskussionsrunde als auch die Fragestellung der Sendung die Vertreter der Bewegung in eine Verteidigungsposition drängen würden. Angesichts des allgemeinen politischen Klimas würde es leicht fallen, die Bewegung anzugreifen. Angesichts dieser Situation entwickelte die Bewegung eine neue Taktik. Ihre beiden ‚Abgeordneten‘ gaben sich während der Sendung als das Ehepaar Müller aus. Dieses ‚Müllern‘ ging in die Geschichte ein. „Müllern heißt: den Gegner in dessen eigener Rolle bloßstellen, die Vorurteile und Wünsche aussprechen, die sich dieser nicht zu sagen traut. Müllern heißt: sich maskieren, um seinen Gegner zu entlarven. Oder auch: sich als Spießer ausgeben.“

„Herr und Frau Müller“ kehrten die Rollen um: Als engstirnige Kleinbürger (Frau Müller trat mit Lockenwicklern vor die Kamera) forderten sie harte Maßnahmen gegen die revoltierenden Jugendlichen. Sie traten offensiv auf und spielten die ‚Stimme des Volkes‘, die die Politiker gemeinhin hinter sich glauben. Das Funktionierte nicht nur deshalb, weil die Angegriffenen als gemäßigte Politiker erscheinen wollten, sondern vor allem, weil sie unfähig waren, mit der nicht vorgesehenen Rollenverteilung umzugehen. „Herr & Frau

Squatting Reality ...

ehemaligen besetzten Haus „Vrankrijk“ echte Punks aufzutreiben, weil ihnen die Polizisten nicht häßlich genug gewesen seien. Ein Security Team sollte die „echten“ Hausbesetzer vom Drehort fernhalten. Als alles dreheftig war, stürmten 10 echte Hausbesetzer den Platz und besetzten das Gebäude. Trotz mehrmaliger Aufforderung weigerten sie sich, den Drehort zu verlassen und protestierten dagegen, daß der wahre Grund des Todes von Hans Kok im Film nicht gezeigt würde. Eine Frau gab ihrer Enttäuschung über mangelnde Authentizität des Films lautstarke Ausdruck: „... und es sieht nicht mal aus wie das besetzte Haus von 1985!“

Theus Balz: Spiel
mit dem Feuer.
Ein Jahr
Jugendbewegung
in Zürich. In
Haller, Michael
(Hg.): Aussteigen
oder rebellieren.
Jugendliche gegen
Staat und
Gesellschaft.
Hamburg 1981, S.
49-70, S. 53.

ZWEITE SZENE:

Er (Salvatore): „Ik mökte Nummer von Caraza.“

Die Telefonistin: „Können Sie das buchstabieren?“

Er: „Das ist mit eine Sä. Sie musse mage jetzt die Ha. Un dann die Wwv.“

Die Telefonistin (hilflos): „Ich verstehe Sie nicht. Gibt es bei Ihnen niemand, der deutsch kann?“

Er: „Öigen, Öüüigen, kommsch du mal bei de Telefon nei?“ (Pause; Eugen spricht aus dem Hintergrund)

„Was wittsch?“ (Pause, spricht dann in den Hörer:) „Kußmaul, Jetz, was isch?“

(Die Telefonistin bittet ihn, den Namen zu buchstabieren.)

Er (Eugen): „Erscht a Ze ond dann a A ond noh a R wie Ranza voll.“

Sie (nicht mehr auf hochdeutsch, sondern nun ebenfalls in breitem schwäbisch): „Mir send net auf Baurahoff!“

Er (Eugen): „Werdet se net frech, i kennt Ihr Vadder sei. Do kennt mr durschs Telefo langa ond dir oene an Riesel nahaua. Da kennt i grad kotza, was i vor acht Dag gressa han. I bin grad narred wia d'Sau!“

(Eugen Kußmaul buchstabiert zu Ende. Es stellt sich heraus, daß es unter dem gesuchten Nachnamen drei Nummern gibt. Eugen meint, die Nummern könnte nun auch wieder Salvatore aufsagen. Salvatore liefert mit der Telefonistin ein Wortgefecht aus für beide Seiten unverständlichen Silben, dabei bringt er die Telefonistin dazu, selbst zu

Müller“ verscharften ihre Stellungnahmen von Diskussionsrunde zu Diskussionsrunde und forderten am Ende gar die Abschaffung der Jugend überhaupt. Die anderen Diskussionsteilnehmer versuchten zwar immer wieder, sie auf ihre ‚eigentliche‘ Rolle als Jugendbewegte festzulegen, aber Hans und Anna Müller entfalteten einen geschickten rhetorischen Stil und wechselten ihre Sprechpositionen häufig. So gelang es ihnen, dem ‚Dialog mit der Jugend‘ zu entweichen und die Strategie der subversiven Affirmation und Verfremdung bis zum Ende durchzuhalten:

„Der Ablauf. Zuerst ein Hin und Her über den Hergang der Straßenschlachten. Stadtrat Frick betont das Fehlen eines Gesuchs um Bewilligung der Demonstration. Fünfischilling erwidert, jugendliche Gesuchsteller hätten mit Verhaftungen rechnen müssen. ‚Anna Müller‘ wirft ein, die Polizei habe sich zu sehr zurückgehalten. ‚Hans Müller‘ packt Gummigeschosse aus und fordert, die Polizei solle größere verwenden, um die Verletzungsgefahr zu erhöhen. Die ‚Müllers‘ hindern Polizeikommandant Bertschi, der ein gewaltinspiziertes Flugblatt vorlesen will, am Sprechen, indem sie immer wieder dazwischenrufen, man müsse endlich die Armee gegen die Jungen einsetzen und alle Aufrührer an die Wand stellen. Schließlich wird Frau Stadträtin Lieberherr giftig und verkündet mit vor Wut funkelnden Augen, sie lasse sich ihre Toleranz für die Jungen nicht vermiesen. Moderator

Squatting Reality ...

Den Drehtermin zu verschieben, hätte Tausende von Gulden gekostet. So hatten die Produzenten nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Polizei zu bitten, die Demonstrantinnen aus dem Gebäude zu prügeln, dabei den Drehort zu ruinieren und den Film schon im Vorfeld eine ziemlich miese Publicity zu verschaffen, oder zu verhandeln. Während die Verhandlungen begannen, liefen echte und gespielte Polizisten, Hausbesetzer-Schauspieler und echte Hausbesetzer, Kamerateams von Nachrichtensendungen und Kamerateams der Spielfilm-Truppe durcheinander, so daß niemand mehr wußte, was Wirklichkeit und was Fiktion war.

buchstabieren. Als nichts mehr geht, mischt sich Eugen Kußmaul wieder ein.)

Er (Eugen): „Salvatore, du bisch riegelddomm.“

Die Telefonistin (lacht im Hintergrund und wiederholt, ohne zu merken, daß sie gehört werden kann):

„Salvatore, du bisch riegelddomm. Hihii!“

(Es stellt sich heraus, daß der angegebene Ort falsch war. Salvatore versucht nun, ihn zu buchstabieren)

Er (Salvatore): „L wie Lugabitel. Unten wie Hund. Mu wie Mustafa. S wie Siege.“

(Die Telefonistin bittet darum, wieder Eugen an den Apparat zu holen, dessen schwäbisch auch nicht zur Erhellung beiträgt. Zahlreiche weitere Verwicklungen stellen sich ein.)

REPEAT AND FADE.

Telefonstreiche sind etwas für Kinder und nicht als Instrument für politische Aktionsaktionen geeignet. Oder? Abgesehen von dem Ärger der armen Telefonistinnen, die in ihrem Job mit unzähligen seltsamen Angeboten und Belästigungen leben müssen, besteht die Bedeutung dieser Aktion und ihrer Wirkung darin, daß die Gespräche nicht nur als Privatvergnügen inszeniert, sondern auf Kassetten vervielfältigt in Umlauf gebracht wurden. Der Witz der Sache liegt nicht nur in der Schadenfreude des Streichs. Über die Situationskomik vermittelt sich eine ganze Reihe von

Zit. n. Jürgemeier,
Howard,
Regula/Salzmann,
Roll/Scheucher,
Peter: Die Angst
der Mächtigen
vor der Auto-
nomie. Aufgezeigt
am Beispiel
Zürich. Horgen
1981. S. 62 f.

Eine Stadt in
Bewegung.
Materialien zu
den Zürcher
Unruhen. Hrsg.
von der Sozial-
demokratischen
Partei der Stadt
Zürich. Zürich
1980. S. 65.

Kriesemer kommt von Anfang an kaum zu mehr als einem schüchternen ‚Könnten Sie nicht ...‘ oder ‚Moment, Moment!‘ Sein Schlußwort versinkt im Trubel. Die Behördenvertreter zetern und brummen, ‚Hans Müller‘ ruft, einen dicken Stumpen paffend: ‚Da kann ich nur noch sagen: Moskau! ...‘“

Die anderen Diskussionsteilnehmer merkten sehr wohl, daß sie hier nicht ernstgenommen wurden, versuchten aber dennoch, eine ernsthafte Diskussion weiterzuführen. Die durch die „Müllers“ verfolgte Taktik setzte die Beteiligten unter Handlungszwang. Sie glaubten sich irgendwie verhalten zu müssen, fanden aber keine angemessene Gegenstrategie. Offenbar erlaubte die Form ‚Fernsehdiskussion‘ und der Abbruch der Diskussion zwei Wochen zuvor keinen weiteren Eklat. Die angefangene Diskussion mußte bis zu ihrem bitteren Ende geführt werden. „Die Gegenseite, Behörden und Polizeirepräsentanten, reagierte ratlos, weil sie ihre eigene Position durch die ‚Müllers‘ ins Extremistische gesteigert sah.“

Das Müllern war die Konsequenz einer von vorneherein schlechten Ausgangsposition. Die Übermacht der Gegner zwang die Bewegung, die Spielregeln zu verändern. In einem Leserbrief an den Tagesanzeiger analysierte ein

Squating Reality ...

In einer Situation, in der es für die Filmritzen keine angemessene Reaktionsmöglichkeit gab, hatten die Besetzer die Chance, die Realität ihres eigenen Protests gegen deren mediale Vermarktung zu stellen. Unbeabsichtigt hatten sie nicht nur die Filmrealität, sondern auch die Realität des Filmproduzierens, des Agierens und des Nachrichtens machens unbeabsichtigt durcheinandergebracht. Doch statt das Spiel der fröhlichen Begegnungen zwischen fiktionalen und realen Bullen, Hausbesetzer und Medien auf die Spitze zu treiben, forderten sie, „mehr Realität“ in den Film zu bringen. Nachdem der Regisseur die Einblendung eines

Erkenntnissen, in welcher Weise Sprache die Ausgrenzung von Minderheiten im Alltag fortschreibt, aber auch darüber, welche Vorurteile gegenüber Nichtdeutschen bestehen. Selbstverständlich sprechen viele ImmigrantInnen der ersten Generation nur wenig deutsch; durch die Sprache, die Deutsche ihnen gegenüber häufig wählen, nämlich in ebenso bruchstückhaftem „Ausländerdeutsch“, grenzen sie sie ein weiteres Mal aus. Nicht wenige Deutschsprachige gehen von vorneherein davon aus, daß, wer nichtdeutscher Herkunft ist, sowieso weder willens noch fähig sei, sich in ganzen deutschen Sätzen zu äußern. Was diese Einstellung in den Telefonaten sichtbar macht und in Frage stellt, ist, daß der Anrufer den schwäbischen Dialekt in gleicher Weise einsetzt, wie das Türken- oder Italienerdeutsch. Das Schwäbische erscheint in diesem Kontext genauso skurril und unverständlich, und dadurch werden die Hierarchisierungen der verschiedenen Sprachen aufgebrochen. Die Gedanken, zu denen dieser Telefon-Prank anregen, gehen aber noch weiter: Es ist auf einmal nicht mehr selbstverständlich, daß daß Türkisch-Deutsch eine defizitäre, wertlose Ausdrucksweise ist, sondern es ist in der Zwischenzeit zu einer eigenen Sprache geworden. Diese Sprache wird, neben anderen, souverän beherrscht und in den entsprechenden Alltagssituationen selbstbewußt eingesetzt, vergleichbar mit dem English of the Afro-Americans in den USA, das sich nicht nur als Alltags- sondern auch als Musiksprache etabliert hat. \circledcirc

gewisser F. o. die Fallstricke dieser Situation: „Die Regierung verlangt von den Jugendlichen, daß sie sich strukturieren, das heißt sich in die schon vorgegebene Struktur des Staates einordnen sollen. Wäre es aber so, so würden die Jugendlichen unweigerlich den kürzeren ziehen. Darum wollen sie ihre eigene Struktur. Das zeigte mir die „CH“-Sendung ganz deutlich. Statt sich an die Regeln der Diskussion zu halten, mit denen sie sich kaum hätten durchsetzen können, wählten sie ihre eigenen und verwirrten wohl damit nicht nur die Zuschauer, sondern ebenso die übrigen Diskussionsteilnehmer. Diese konnten es fast nicht ertragen, daß nun nicht sie, die ja das Gesetz hinter sich haben, die Szene beherrschten, sondern eben die Vertreter der Jugendbewegung.“

Die Schweizer Medien schäumten: „Was mit dieser Sendung jedermann, der das Ereignis dieses monströsen Mißbrauchs mit ansah, nochmals und hoffentlich zum letztenmal vor Augen geführt wurde, ist dies: daß der Geist der neuen Revoluzzer ein Geist der Verhöhnung und der zerstörerischen Provokation ist.“ Soweit die Neue Zürcher Zeitung . Die FAZ brachte die Intentionen der „Mülers“ auf den Punkt: „Daß der Sozialdemokrat Fünfchilling wegen des vielfach als zu hart empfundenen Polizeinsatzes Klage gegen die Stadtverwaltung erwägt, nutzt ihm gegenüber

Sieber, Markus/
Loggia, Patrizia/
Krampe, Thomas:
Zürich brant. Das
Buch zum Film.
Broschüre des
Videoladen Zürich.
Zürich 1981.
Gruppe Oten
(Hg.): Die Zürcher
Unruhe. Texte.
Orte. Verlage o.J.
S. 92 u.
SpassGuerilla,
Münster 1994
(Berlin 1984),
S. 84.

Squatting Reality ...

Textes über den Tod von Hans Kok im Abspann versprochen hatte, zogen sie befriedigt ab. Was aber wäre gewesen, wenn die BesetzerInnen die Spannung ausgehalten hätten, die sich aus der Konfrontation von gleich mehreren Realitäten in diesem Moment ergab? Wie, wenn die „echten“ Bullen die „echten“ Besetzer tatsächlich hätten hinaussprügeln müssen, damit die Filmbullen und die Filmbesetzer ihre Produktion von Filmrealität hätten fortsetzen können – das Ganze vor den laufenden Kameras der Nachrichtenjournalisten? Jean Baudrillard wäre angesichts dieser Vision von Realität als Hypertext vor Neid erblaßt. Aber auch so kam am

den Müllers und denen, die sie ins Fernsehen geschickt haben, gar nichts. Gerade er und Emilie Lieberherr müssen als Demonstrationsobjekte dafür herhalten, daß nicht eine bestimmte Politik abgelehnt wird, sondern die Politik als Geschäft der Politiker überhaupt". Tatsächlich erklärt 'die Bewegung' später: „Wir entwerten die Symbole des gängigen Rechtsempfindens, indem wir die Rituale umkehren und lächerlich machen" ( Tagesanzeiger ).

Nach der Sendung setzte eine Hetzkampagne gegen „Herrn und Frau Müller" ein. Der an der Sendung beteiligte Stadtrat Frick und der Polizeikommandant Bertschi rächten sich, indem sie die Klarnamen von „Herrn und Frau Müller" in den Medien bekanntgaben. Die Faschisten von der 'Nationalen Aktion' forderten nun die 'Ausschaffung' der im Irak geborenen „Verbalterroristin" und die Aberkennung der Staatsbürgerschaft von „Anna Müller". Ihre unfreiwillige Berühmtheit brachte „Frau Müller" Fanpost bis hin zu Morddrohungen ein. In der Folge erstattete sie Strafanzeige gegen den Stadtrat und den Polizeikommandanten als Urheber der Hetzkampagne.

„Herr Müller" wurde im März 1982 wegen eines anderen Deliktes zu vierzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Offenbar sollte er zum Buhmann der Bewegung aufgebaut werden. Bei der Urteilsverkündung war er nicht zugegen. Stattdessen gab ein „Komitee Schauprozesse" bekannt, daß „Herr Müller" von Stammesgenossen entführt worden sei. Auf der Pressekonferenz wurde außerdem ein Video vorgeführt, in dem „Herr Müller" durch die Zürcher Straßen wandert und unter anderem versucht, „einem Kind das Strafgesetzbuch als Leckerbissen schmackhaft zu machen" ( SpassGuerilla , S. 67).

In dem Film „Züri brännt" des Zürcher Videoladens über den „heißen Sommer 1980" wird die Literatur als „neue Sprache der Revolte" bezeichnet. Auch ‚das Müllern‘ ist Teil dieser neuen Sprache: „Der Begriff ‚Autonomie‘ wird behutsam und teilweise aus seiner Abstraktion geschält, wird erlebbar, sowohl fürs Auge, als auch für tieferliegende Sinne. ... Die neue Sprache entsteht, neue Wörter, farbenprächtige Sinnbilder beginnen durch die ausgetrockneten Kanäle der schweizerischen Massenmedien zu rieseln. Verschlüsselte Nachrichten, ganz leise erst, doch dann, ... ätzt sich unauslöschlich und mit riesigen Lettern das Wort ‚Verweigerung‘ in den blütenweißen Medienhimmel“.

Squatting Reality


Abend desselben Tages die Aktion in den 20-Uhr-Nachrichten, ganz wie in der guten alten Zeit, nur daß der Anlaß für die knalligen Räumungsbilder keine Hausbesetzung, sondern ein Spielfilm war. Die Realität ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

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T-1405

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S

Wann ist Kommunikation Guerilla?

Wann ist Kommunikation Guerilla?

Das ‚Konzept Kommunikationsguerilla‘ bezeichnet nicht nur eine Aufhebung mehr oder weniger ‚politischer‘ Gruppen oder ein Sammelsurium verschiedener Aktionsformen, sondern auch und vor allem eine bestimmte Haltung gegenüber politischer Kommunikation und politischer Praxis im allgemeinen. Die folgenden Überlegungen versuchen eine Haltung zu umreißen, die sich einerseits der Logik traditioneller Politik mit ihren Konzepten von Aufklärung, Überzeugung und Wahrheit entzieht, aber andererseits auf eine aktive Kritik des Bestehenden nicht verzichtet. Zugleich geht es um die Reflexion des gesellschaftlichen Kontexts von Kommunikationsguerilla. Welche Chancen gibt es, kritische Interpretationen der sozialen Wirklichkeit zu ‚entfesseln‘ oder zumindest nahezulegen? Wo die Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation liegen, muß immer wieder von neuem überlegt werden. Zu ‚Guerilla‘ wird sie dann, wenn sie einer radikalen Kritik der Gesellschaft den Weg weist, wenn es ihr gelingt, sich den vielfältigen Vereinahmungstrategien immer wieder zu entziehen und an dem Ziel festzuhalten, die ‚Ordnung der Dinge‘, den Horizont der bestehenden Wirklichkeit immer wieder zu überschreiten.

Warum hört mir keineR zu?

(oder

Wie funktioniert Kommunikationsguerilla?)

„Kommunikation ist unmöglich“ (radikale KonstruktivistInnen)

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick)

Wer kennt nicht folgende Situation: Da bringst du ein Flugblatt heraus, auf dem du zu einer Demo gegen eine der üblichen Saufereien aufrufst. Du hast die ganze Sache auf Konsens diskutiert, die politische Analyse ist von bestehender Logik, die Konsequenzen sind kristallklar und die Forderungen prägnant formuliert – und keiner hört dir zu: Auf der Demo erscheint nur das übliche linke Szene publikum. Das nächste Mal machst du es besser: Du verteilst nicht bloß ein Flugblatt an den üblichen Plätzen, sondern gibst gleich eine ganze Stadtteilzeitung heraus, die alle BürgerInnen erreicht, machst eine Sendung im Stadtradio und setzt das Ganze auch noch auf irgendeiner Homepage ins Internet – aber wieder reagiert kein Schwein.

Du hast deine Botschaft so eindeutig wie möglich formuliert, zur Verbreitung alle verfügbaren Kanäle genutzt, und daß die EmpfängerInnen deine Botschaft einfach nicht kapieren, nimmst du auch nicht an. Woran liegt's dann, daß dir keiner zuhört? Vielleicht ja weder an der Botschaft noch an der Tatsache, daß linke Gruppen im allgemeinen keinen Zugang zu den 8-Uhr-Nachrichten haben. Vielleicht liegt ein Problem schon in

Eulenspiegel und der Raubritter Kunz

Der Raubritter Kunz betritt die Wirtsstube und verlangt ein Essen, das er noch nie zwischen den Zähnen hatte, Todesstrafe bei Zuwiderhandlung. Eulenspiegel serviert ihm einen gebackenen Kuhfladen. Der wilde Kunz läßt es sich munden. Anschließend sagt Eulenspiegel ihm, was er gegessen habe – eine offene Kampfansage. Kunz, im sicheren Bewußtsein seiner Machtfülle, bestellt den Herausforderer auf seine Burg – eine Geste, deren Bedeutung allen Beteiligten klar ist: Eulenspiegels Tod ist abzusehen. Als er sich der Burg nähert, hetzt der Raubritter seine Hunde auf ihn. Doch Eulenspiegel läßt ein Kaninchen aus dem Rucksack

der Vorstellung, daß mir die Leute schon zuhören müßten, wenn ich nur die richtigen Dinge sage, und in dem dahinterstehenden Kommunikationsverständnis. Wenn wir im folgenden einen Blick auf verschiedene Kommunikationsmodelle werfen, dann werden wir daraus zwar keine Strategie ableiten können, die Frusterlebnisse der oben genannten Art zuverlässig vermeidet. Aber vielleicht verhilft die Beschäftigung mit solcher Theorie nicht nur zu einer klareren Vorstellung darüber, warum „mir keiner zuhört“, sondern auch zu einer Bereicherung der politischen Praxen.

Traditionelle linke Politik verläßt sich häufig vor allem auf die Kraft linker Inhalte. Das Vertrauen darauf, daß die bloße Vermittlung solcher Inhalte eine wirksame Form politischen Handelns darstellt, ist schwer zu erschüttern. Linke Inhalte sollten und sollen das Netz manipulierender Botschaften zerreißen, mit dem die Medien das Bewußtsein der Massen beeinflussen. Die von der Frankfurter Schule entfaltete Kritik an der Kultur- als Bewußtseinsindustrie entwickelte sich in den 60er Jahren zum Gemeinplatz von den Möglichkeiten allumfassender medialer Manipulation. Umgekehrt entstand auch die Vorstellung, daß diese Möglichkeiten gegebenenfalls auch im Sinne von Aufklärung umkehrbar seien. Wie H. M. Enzensberger es 1970 einmal zugespitzt formuliert hat: „... Die Frage ist nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert.

In der Konsequenz hieß das, in Anlehnung an die „Enteignet Springer“-Kampagne eine eigene ‚linke‘ Bild-Zeitung schaffen zu wollen. Das Hauptproblem einer solchen Vorstellung ist das verkürzte Modell von Kommunikation, das sich hinter der Annahme verbirgt, wer die Sender besitze, der könne das Denken der Menschen kontrollieren. Die Implosion des Bürokratischen Sozialismus hat diese Vorstellung ins Reich der Fabel verwiesen: Obwohl die Bürokraten die Medien nahezu vollständig kontrollierten, konnten sie nicht verhindern, daß die Menschen abweichende Lesarten der vermittelten Informationen bzw. eigene Gedanken entwickelten.

Kommunikationsmodelle sind stets reduzierte und häufig sehr technizistische Bilder für einen komplexen Prozeß. Dennoch können sie dazu dienen, die Voraussetzungen verschiedener Vorstellungen in bezug auf Kommunikation und Massenkommunikation klarer zu benennen. Die obengenannte Manipulationsthese entspricht einem sehr einfachen Kommunikationsmodell, das nur den – im Falle der Massenkommunikation zentral und industriell organisierten – ‚Sender‘, den ‚Kanal‘, auf dem die Information transportiert wird, und deren ‚Empfänger‘ betrachtet, also eine lineare Kommunikationskette (Sender/Quelle → Kanal → Empfänger) annimmt. Dieses Modell unterstellt, daß die von einem Sender ausgesandten Informationen nicht nur tatsächlich via Kanal beim Empfänger ankommen,

Eulenspiegel ...

und lenkt die Meute dadurch ab. Zum zweiten Mal hat er seinen Hals gerettet, doch schon wird das nächste Duell eröffnet. Beim Essen erklärt Kuntz: „Wer seine Suppe nicht löffelt, hängt.“ Er hat seinem Widerpart wohlweislich keinen Löffel gegeben. Eulenspiegel löffelt mit einem ausgehöhlten Brotkanten und gibt zurück: „Wer seinen Löffel nicht frißt ...“ (Kehle-Durch-Geste). Der geistig nicht sehr bewegliche Ritter läßt sich in seiner eigenen Logik fangen: Eine Herausforderung muß angenommen werden. Kuntz frißt zwar seinen Holzlöffel, aber das Duell geht weiter. Sie wechseln die Waffen. Nun ist Wetsaufen angesagt.

Adorno, Theodor
W/Horkheimer,
Max: Kulturindus-
strie: Aufklärung
als Massenbetrug
(1944).

Enzensberger,
Hans-Magnus:
Baukasten zu
einer Theorie
der Medien.
In: Kursbuch
Nr. 20/1970,
S. 159-186.

sondern auch im vom Sender beabsichtigten Sinne interpretiert werden. Eine Veränderung von Bewußtsein würde sich demzufolge direkt durch die Veränderung der TV-Sendungen, die Beförderung des Wahrheitsgehalts der Werbung oder des Genauigkeitsgrades von Zeitungsmeldungen ergeben.

Aber selbst wer Form und Inhalt einer Botschaft vollständig kontrolliert, kann deshalb das Bewußtsein ihres Empfängers nicht zwangsläufig in einer bestimmten Richtung beeinflussen. Schließlich besitzt der Empfänger jene(n Rest von) Freiheit, eine Botschaft anders zu lesen, als vom Sender vorgesehen. Und das ist gut so.

Umberto Eco bezeichnet diesen Sachverhalt als das Prinzip der Interpretationsvariabilität: Die Welt der (Massen-)Kommunikation ist voller abweichender und gegensätzlicher Interpretationen. Nehmen wir die Berichterstattung über militante Auseinandersetzungen während einer Demonstration: Bilder von Polizisten, die Demonstrantinnen und Unbeteiligte zusammenschlagen, flimmern über den Bildschirm. Auch wenn solche Bilder in einem (polizei)kritisch-aufklärerischen Sinne kommentiert werden, müssen sie beim Fernsehzuschauer nicht unbedingt die Assoziation „Scheiß Bullen“ hervorrufen. Eine abweichende Lesart („Geschieht dem arbeitsscheuen Pack ganz recht“) ist ebenso möglich. Welche Lesart, Zustimmung oder Ablehnung, gewählt wird, hängt von verschiedenen Faktoren beim Empfänger ab. Der Sender kann allenfalls versuchen, eine bestimmte bevorzugte Lesart der übermittelten Informationen nahezulegen, hat aber letztlich (zum Glück) keine Möglichkeit, diese sicher durchzusetzen. Und dieses Problem stellt sich für alle Sender gleichermaßen: Wenn die Linke via (Massen-) Medien emanzipatorische Inhalte verbreiten möchte, handelt sie sich die gleichen Schwierigkeiten ein wie jeder andere Sender im System der Massenkommunikation auch.

Eco, Umberto: Für
eine semiologische
Guerrilla. In: Ders.:
Über Gott und
die Welt. München
1985a. S. 146-156.

Die übermittelte Botschaft ist stets durch die Art und Weise (mit)bestimmt, in der Informationen interpretiert werden. Diese Mehrdeutigkeit wirkt sich in der direkten, reziproken Kommunikation deshalb weniger stark aus, weil Rückfragen möglich sind: Der Empfänger der Informationen kann sich vergewissern, ob er sie tatsächlich im Sinne des Senders versteht. Allerdings ist auch das kein Allheilmittel gegen Mißverständnisse, wie jede aus ihrer Alltagserfahrung weiß.

In der Massenkommunikation ist Mehrdeutigkeit allgegenwärtig: Eco geht so weit, das Phänomen der Interpretationsvariabilität als ihr Grundgesetz zu bezeichnen. Die Informationen werden zwar von einer zentralen Quelle ausgesandt, zugleich aber von Menschen rezipiert, die sich in sehr unterschiedlichen Situationen befinden und die übermittelten Informationen sehr verschieden interpretieren. Die Art und Weise, in der

Eulenspiegel .

Die Trinkgefäße werden immer größer – schließlich ist Eulenspiegel beim Fall angelangt.
Größer geht's nicht. Kunz erkennt, daß er in Eulenspiegel einen würdigen Gegner gefunden
hat, und ernennt ihn zu seinem Minister. Denn was Kunz nicht besiegen kann, muß er sich
einerleiben.

übermittelten Informationen Bedeutungen zugeordnet werden, bezeichnen wir als (semiotischen) Code. Erst das Zusammenspiel zwischen dem Adressaten einer Botschaft, der Situation, in der kommuniziert wird und dem entsprechenden Code bestimmt, wie die Botschaft gelesen wird. Interpretationsvariabilität ergibt sich aus der Tatsache, daß stets verschiedene Codes zur Interpretation einer bestimmten Botschaft verwendet werden können. Eco veranschaulicht diesen komplexen Prozeß durch das Beispiel eines Mailänder Bankangestellten, der eine Kühlschrankschwerwerbung wahrscheinlich als Kaufanreiz sieht: Einem arbeitslosen Landarbeiter in Kalabrien kann sie dagegen vor Augen führen, in welchem Maße er aus der Wohlstandswelt ausgeschlossen ist, und ihm so eine Kritik an seiner sozialen Situation nahelegen. Deshalb könne Fernsehwerbung in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen als revolutionäre Botschaft wirken. Entscheidend für die Wahl des Codes ist der Rahmen, in dem die Interpretation stattfindet. Ein und dieselbe Information kann in zwei verschiedenen Kontexten (Mailänder Bankangestellter oder arbeitsloser kalabresischer Landarbeiter), gemäß verschiedenen Codes interpretiert, ganz verschiedene Bedeutungen bekommen.

Gehen wir von einem solchen Kommunikationsmodell aus, dann sind massenmedial kommunizierte Botschaften grundsätzlich offen und interpretationsfähig. Das industriell vorgefertigte und vom Sender via Medium verbreitete Programm erhält erst durch das ‚Lesen‘ und die dabei getroffene Auswahl aus vielen möglichen Interpretationen seine volle Bedeutung. Erst die Nutzerin macht es zu einem sozial relevanten Sachverhalt. Nicht nur massenmediale Botschaften sind in diesem Sinne vieldeutig (polysemisch), sondern ähnliches gilt in abgeschwächter Weise auch für die direkte, reziproke Kommunikation.

Die Interpretationen der Medienkonsumentinnen hängen von vielen Faktoren ab. Unterschiedliche persönliche Geschichten und Erfahrungen, soziale Beziehungsgefüge und sozio-ökonomische Lagen finden in die Sicht- und Deutungsweisen Eingang. Die Medienkonsumentin ist in einer solchen Betrachtungsweise nicht einfach ein ‚freies Individuum‘. Wenn wir im folgenden stattdessen von ‚Subjekten‘ reden, dann sind bei diesem Begriff kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse mitgemeint. „Im Subjektbegriff ist mithin nicht nur wie beim Begriff des Individuums seine Differenz zu anderem und anderen mitgedacht, sondern auch seine soziale und kulturelle Formung, seine durch unterschiedliche gesellschaftliche Agenturen erzeugte Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit und die diskursive, perspektivenabhängige Struktur seines Handelns und Erlebens.“ Ein so verstandenes Subjekt ist ‚fragmentiert‘, denn die

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Yke, John:
Television Culture.
London/New York
1987.

Klotz, Friedrich:
Kommunikation als
Weltahe. Der
Cultural Studies
Approach'. In:
Rundfunk und
Fernsehen 40
(1992) 3, S.
472-431, S. 424.

von dem dahinterstehenden Menschen in verschiedenen sozialen Zusammenhängen gemachten Erfahrungen sind untereinander widersprüchlich. Widersprüchlich ist auch die Art und Weise, in der die Menschen mit diesen Erfahrungen umgehen, sie interpretieren und in Bedeutungssysteme einordnen. Deshalb kann ein und dieselbe Person denselben Sachverhalt unterschiedlich interpretieren: Die Interpretation ist auch durch die augenblickliche Kommunikationssituation (Ort, Zeitpunkt, sozialer Rahmen) mitbestimmt. Veränderungen von Kommunikationssituationen können daher die Interpretationen eines Sachverhalts verändern und unter Umständen in ihr Gegenteil verkehren.

Aus dem Spannungsverhältnis von übermittelter Information, früheren Erfahrungen und den in einer gegebenen Situation verwendeten Interpretationsweisen (Codes) entsteht bei der Rezeption medial vermittelter Informationen der subjektiv konstruierte ‚Text‘. Die Rezeption beinhaltet einen Prozeß der Bedeutungskonstruktion, der in einer gegebenen Situation zwischen medialer Information und sozial positionierter Rezipientin jeweils neu ausgehandelt wird. Dabei sind die Interpretationen der Rezipienten nicht völlig frei. Vielmehr werden in der Regel bestimmte Interpretationen bevorzugt, die gesellschaftlich mehr oder weniger naheliegen und als ‚normal‘ empfunden werden. Zugleich reproduziert sich dadurch diese ‚Normalität‘ in einer Endlosschleife, die nur schwer zu durchbrechen ist.

Andererseits sind den Subjekten stets auch abweichende, ‚dissidente‘ Lesarten einer gegebenen Information möglich. Auf der Grundlage des Funktionsprinzips von Verstehen im Rahmen der Massenkommunikation und der Interpretationsvariabilität beschäftigt sich Eco auch mit Fehlinterpretationen oder ‚misunderstandings‘, die in der Mediensoziologie gemeinhin als Kompetenzdefizit abgehandelt, von ihm aber als Resultat bewußt eingesetzter Taktik verstanden werden. Dabei wird der Code des Senders mit einer „abweichenden Decodierung“ konfrontiert. Es zeichne sich „die Möglichkeit einer Taktik der Decodierung ab, wobei die Botschaft als signifikante Form unverändert bleibt“. Das heißt, eine Botschaft sehr verschiedenen Interpretationen auszusetzen, sie zu kommentieren und zu diskutieren und schließlich „die Bedeutung dieser Botschaft umdrehen“ (Eco 1985a, S. 154.) ist die Grundlage aller Entwendungen und Umdeutungen. Die eigentlich spannende Frage ist daher aus unserer Sicht, wie in einem Kommunikationsprozeß Bedingungen zustandekommen können, in denen von der Normalität abweichende Bedeutungskonstruktionen relevant werden.

1848 decodierte beispielsweise der bäuerliche Protest klassisch bürgerliche Forderungen in seinem eigenen Sinne. Die Nachricht von der Aufhebung des „Preßgesetzes“ und von der Freiheit der Presse entzifferten sie als nichts anderes, als das Ende „von allem

Eco, Umberto:
Einführung in die
Semiotik. München
1972, S. 441.

Krieg der Welten

New York, 30. Oktober 1938: Orson Welles inszeniert im Radiosender CBS zusammen mit seiner Radio Theater Group ein Hörspiel des Science-Fiction-Klassikers „Krieg der Welten“. Marsmenschen landen auf der Erde, töten Hunderte mit Hitzestrahlen und erobern Amerika.

Anstelle der herkömmlichen Erzählform wählt Welles die Live-Reportage und schneidet aktuelle Meldungen zwischen Tanzmusik und Wetterbericht. Die Folgen waren kolossal: Eine Massenpanik brach aus. Tausende verließen die Städte, und noch Tage später wurden verängstigte Menschen in Wäldern und U-Bahn-Stationen aufgegriffen.

Sprache ist ein Virus aus dem All

Die Grundlage von William S. Burroughs' Theorie der Cut-ups ist es, die Sprache als Virus zu begreifen. Da diese Theorie bis heute nicht widerlegt wurde, kann sie genauso gut wahr sein wie jede andere Erklärung auch. Im allgemeinen werden Cut-ups nur im Zusammenhang mit seinem literarischen Werk beachtet, doch Burroughs' Anliegen ging weit darüber hinaus. Er setzte sie nicht nur in seinen Romanen ein, sondern experimentierte auch damit, wie mit einer bestimmten Schnitttechnik Manipulationen der Umwelt erreicht werden können, wie sich die verschiedenen „Sprachviren“, die latent vorhanden seien, durch Tonbandaufnahmen aktivieren lassen.

Burroughs beschreibt genaue Versuchsanordnungen mit drei Tonbandgeräten, die Tests zur Tauglichkeit der Techniken ermöglichen. T-1, das erste Gerät, „ist der potentielle Wirtsorganismus für einen Grippevirus. T-2 ist der Mechanismus, mit dessen Hilfe der Virus in den Wirtsorganismus eindringt, (...) T-3 ist die Wirkung, die der Virus im Wirtsorganismus hervorruft.“ Als Zielgruppe für den Einsatzbereich der Aufnahmen nennt er Personen wie z. B. einen politischen Gegner, für den folgendes Arrangement das politische Aus bedeuten würde: Tonband 1 zeichnet seine Reden und Privatspräche auf (allerdings müssen sie live sein und nicht aus Fernsehen oder Radio), wobei noch Stottern, Versprecher und mißfällige Formulierungen zusätzlich hineingeschnitten werden. Auf Tonband 2

Burroughs Cut up

179

## Wann ist Kommunikation Guerilla?

Warum hört mir keineR zu?

William elektron- volution. 94\. Vgl. search # William S. s, Brion d Throb- stle. San 1982\.

ainer: tzlich- Excesse, Tumulte ndale. 1 Bewegung althafter Protest 8\. t/M. Wien 182 ff.

chefs zu besetzen (bzw. realistischer, sich eigene Massenkommunikationsmedien zu schaffen), lehnt er ab. Denn dahinter steht die Vorstellung, es genüge, zwar Momente der Kommunikationskette unter Kontrolle zu bekommen: Quelle und Kanal. Allerdings läßt sich, sollte die oben skizzierte Vorstellung von Kommunikation zutreffen, damit nicht die Botschaft, sondern allenfalls ihre leere Form kontrollieren, die erst der Empfänger mit Bedeutung füllt.

Satanists A Life

Ungebetene Unterstützung erhielten nordamerikanische Abtreibungsgegner, als sie im April 1996 in Chicago die „Pro Life Action Network Conference“ ablehnten. Vor dem Veranstaltungsort führten schwarzgekleidete, bei aller Düsternis gut gelaunte Satanistinnen ein teuflisches Ritual auf. Sie bliesen die Trompete des jüngsten Gerichts und grüßten den Wortführer der „Pro Choice“-Bewegung mit: „Hail Satan, Hail Scheißdrei!“. Sie skandierten: „Don't Abort the Anti-Christ!“, „Save a Soul For Satan!“, „Hey, Hey, Ho, Ho, Women's Rights Have Got To Go!“

werden seine Sexgeräusche aufgenommen, nach Möglichkeit zusammen mit einem für ihn unzulässigen Sexpartner wie z.B. seiner minderjährigen Tochter, und Tonband 3 ist mit haßerfüllten Stimmen bespielt. Diese Bänder werden zerschnippelt, mit 24 Schnitten pro Sekunde in willkürlicher Reihenfolge wieder zusammengesetzt und in Hörweite des Politikers abgespielt. Das Ergebnis bewirke – laut Burroughs – seinen völligen Zusammenbruch.

Burroughs behauptet obendrein, diese Methode sei dem CIA wohl bekannt, nur so lasse sich erklären, warum im Zusammenhang mit dem Watergate-Skandal so viele private Aufnahmen von observierten Personen gefunden wurden. Er selbst erprobte die zersetzende Wirkung von Cut-ups vor einer Espresso-Bar, in der ihm verschmierter Käsekuchen vorgesetzt worden war, und fand die Ergebnisse sehr überzeugend. Er beschreibt auch, wie Straßendemonstrationen zur Eskalation gebracht werden können, wenn nur einige Leute ein entsprechendes Tonband mitbringen, wie man Unfälle provozieren und alle möglichen Geschehnisse hervorrufen könne. Das in diesem Zusammenhang vielleicht wichtigste Manipulationsinstrument für Burroughs ist der SEX. Er imaginiert haltlose Exzesse, die durch die zusammengeschnittenen Tonbänder von vielen verschiedenen Sexgeräuschen zu provozieren seien: „Parks voll nackter irrinniger Menschen, die scheißen, pissen, ejakulieren und schreien. So könnte ein bösartiger Virus wirken, der alle Selbstkontrolle ausschaltet, und das Ende wären Erschöpfung, Krämpfe und Tod“. Mögliche Einsatzbereiche für Cut-ups aller Art seien unter anderem die Verbreitung von Gerüchten, die Diskreditierung von

Angesichts des Problems der Interpretationsvariabilität gelte es, so Eco, für einen emanzipativen Mediengebrauch nicht beim Sender, sondern bei den EmpfängerInnen massenmedialer Botschaften anzusetzen. Zentral sei hierbei, im Moment der Ankunft der Botschaft bei möglichst vielen RezipientInnen eine Konfrontation ihrer Empfängercodes mit denen des Senders zu provozieren und abweichende Lesarten in den Vordergrund zu rücken. In diesem Sinne wäre eine politische Gruppe dann fähig, den Inhalt einer Botschaft zu verändern, wenn es hier gelänge, mit ihren Mitteln vor Ort zu intervenieren: „Es kommt darauf an, überall in der Welt den ersten Platz vor jedem Fernsehapparat zu besetzen ...“ (Eco). Allerdings verrät Eco nicht, wie das zu bewerkstelligen wäre, und so bleibt das von ihm formulierte Konzept eher ‚semiotologischen Guerilla‘ ziemlich unbestimmt (Dauerfernsehen als das neue Subversionsprinzip? Naja. Und dann auch noch überall gleichzeitig!).

Aber auch grundsätzlich ist das Konzept von Eco (oder zumindest die Art und Weise, wie er es formuliert) problematisch. Wenn er fordert, anstelle der gesendeten Informationen „die Botschaft und ihre vielfachen Interpretationsmöglichkeiten zu kontrollieren“, dann stellt sich die Frage, ob daran irgendetwas wünschenswert ist. Eco kann sich nicht so recht entscheiden, ob nun jene Erzieherlogik im Vordergrund steht, die den Schäfchen durch Intervention von Dritten die ‚richtige‘, ‚kritische‘ Interpretationsweise

Satanists 4 Life ...

In einem Flugblatt gaben die „Satanists 4 Life“ ihrer Solidarität mit der „Operation Rescue“ – einer Rettungssaktion der AbtreibungsgegnerInnen für ungeborene Kinder – Ausdruck. Sie stellten fest: „Weniger Abtreibungen bedeuten mehr Seelen für Satan und daher mehr Vergeltigungen, mehr Mord, mehr Krieg und Sünde – alles im Namen der traditionellen Werte der Familie. Die Satanistinnen begrüßten die unermüdlichen Anstrengungen der Choice“-Bewegung, die engen Kontakt zu Bürgerrechten und Mitgliedern des Ku-Klux-Klan hält, und plädierten für eine Reinigung der Abtreibungsfabriken mit „unheiligem Feuer“.

politischen Gegnern und das Scramble (Zerhacken) und Deaktivieren von Assoziationsreihen der Massenmedien.

Die verschiedenen Techniken der Toncollage, der Schnitte, Überblendungen und Verzerrungen sah Burroughs als Möglichkeit, Kontrolle über mißliebige Personen auszuüben und politische Gegner unschädlich zu machen (→ Collage und Montage). Als ehemaliges Mitglied der Scientologen kannte er sich mit Manipulationstechniken aus, und es ist nicht auszuschließen, daß er diese auch für die Entwicklung der Cut-up-Techniken einsetzte.

Im übrigen ist es sicher kein Zufall, daß seine Ideen hinsichtlich der destruktiven oder subversiven Einsatzmöglichkeiten von Medien in einer Zeit entstanden, in der die Vorstellung von solchen Medienwirkungen heftige Diskussionen auslöste. So wurde z. B. in den USA das Schneiden von zehntelsekundenlanger Werbung in Fernsehsendungen für eine kurze Zeit erlaubt und dann schnell wieder verboten; dies wie auch die Thesen von Marshall McLuhan brachten Diskussionen über unbewußte Medienwirkungen in Gang. Seitdem bildet die Vorstellung, Medien seien mit ‚subliminal seductions‘ (unterschweligen Verführungen) angereichert, einen der verbreitetsten Großstadtmythen.

Vielleicht ist dieser moderne Mythos von der unbewußten Beeinflussung das wichtigste an den Vorstellungen von Burroughs, wichtiger als die Frage, ob das Konzept von Sprache als Virus eine nette Dekonstruktion ist oder doch

Köhler, Michael
/Weissner, Carl
[Hg.]: Burroughs,
Eine Biographie.
Berlin 1994,
S. 77.

nahelegt, oder ob es darum geht, daß die Adressaten medialer Angebote selbst in die Lage versetzt werden sollen, „die Botschaft und ihre vielfachen Interpretationsmöglichkeiten zu kontrollieren“. Die erste Lesart wird durch Formulierungen wie die folgende nahegelegt: Mit der massenmedialen Kommunikation habe sich die „Art und Weise verändert, wie man ihm (der Medienkonsumentin) beibringt, frei und bewußt zu sein“. So gelesen, wäre Ecos ‚semiologische Guerilla‘ nur ein fortentwickeltes Manipulations- bzw. ‚Erziehungs‘konzept. Es ginge dann nicht mehr nur darum, bloß „richtige Nachrichten“ zu verbreiten, sondern statt dessen „richtige Interpretationen“ zu bewirken. Doch damit würde im Grunde nur jene instrumentelle auf

Hegemonie zielende Umgangsweise mit Kommunikation verdoppelt, die sich in dem Begriff der Kontrolle ausdrückt, der Ecos Formulierungen in diversen Schattierungen durchzieht.

Trotzdem lenken Ecos Überlegungen die Gedanken in eine Richtung, in der sich möglicherweise ein Konzept von politischer Kommunikation entwickeln läßt, das diese instrumentelle und erzieherisch-manipulatorische Haltung überwindet. Eco quasi vom Kopf auf die Füße zu stellen, heißt nicht die Interpretationsmöglichkeiten kontrollieren zu wollen, sondern Kommunikationssituationen zu schaffen, die abweichende und divergente Lesarten von Informationen oder Situationen zu entfesseln vermögen.

Satanists A Life

Die Verbindungslinien zwischen Fundamentalismus, christlicher Identität und Satanismus seien vielfältig, daher erhofften sie sich einen gemeinsamen, siegreichen Kampf.

Der „spirituelle Führer“ der militanten „Pro-Choice“-Bewegung wurde als wahrhaft böser Genius gefeiert, der die Nachfolge des okkulten Faschisten Adolf Hitler antrete, welcher bekanntlich sofort nach seiner Machtübernahme die Abtreibung verboten hatte.

Eco, Umberto: Die Multilingualisierung der Medien. In: Ders.: Über Gott und die Welt. München 1985a, S. 157–162, S. 160.

nur biologistischer Bullshit (obwohl natürlich Viren einen weiteren mächtigen Mythos ins Spiel bringen), und auch wichtiger als die Frage, ob Burroughs' CIA-Manipulationstheorien stimmen oder nicht. Dieser Mythos knüpft an Alltagserfahrungen an, wird doch sedierende Hintergrundmusik im Herzschlagrythmus zur Stimulation von Käufern eingesetzt.

Obwohl Burroughs' psychedelisch-wahnhafte Vorstellungen von der Wirksamkeit von Cut-ups auf den ersten Blick eher von literarischem Wert zu sein scheinen, wurde die manipulative Macht von Tönen seit der „Elektronischen Revolution“ immer ernsthafter in Betracht gezogen, untersucht und gezielt eingesetzt. Solche Überlegungen haben auch die literarische und filmische Phantasie beflügelt: In Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ wirkt die Musik von Beethoven auf den gewalttätigen Jugendlichen Alex als Aphrodisiakum; nach einer ‚Umprogrammierung‘ im Gefängnis ruft dieselbe Musik Krämpfe und Übelkeit hervor, bis er am Ende wieder ‚reprogrammiert‘ wird. Im Film „Decoder“ (1984), von Klaus Maeck, der auch Burroughs selbst als Gaststar zeigt, geht es um eine fiktive Welt, in der alle Töne durch das System kontrolliert werden. Dort experimentiert der Hauptdarsteller „F. M.“ mit der Muzak eines Hamburger-Restaurants und bastelt ein Tape, dessen Geräusche alle, die mit ihm Kontakt kommen, in Panik versetzen. In Italien entstand Anfang der 90er Jahre eine gleichnamige Zeitschrift.

Viele, die sich mit kommunikativen Subversionskonzepten auseinandersetzen, waren ebenfalls von den Cut-up-

Der Begriff Kommunikationssituation verweist auf den Sachverhalt, daß der Inhalt von Kommunikation sich nicht aus dem sozialen Prozeß herauslösen und von ihm abgrenzen läßt. In einem Kommunikationsprozeß werden Botschaften stets auf mehreren Ebenen transportiert. Marshall Mc Luhan hat die Vorstellung, daß nur der Klartext der medial vermittelten Informationen die Botschaft bestimme, umgedreht und behauptet: „The medium is the message.“ („Das Medium ist die Botschaft.“) In ihrer zugespitzten Form bedeutet diese Aussage, daß es egal ist, was gesendet wird. Aber auch wenn diese Zuspitzung kritisiert werden kann, läßt sich doch nicht bestreiten, daß das Medium als Teil der Kommunikationssituation wesentlich ist. Betrachten wir beispielsweise die Frage, in welchem Sinne ein Medium wie das Fernsehen herrschaftssichernd wirkt, dann ist offensichtlich, daß hier die Form des Mediums (alle sitzen vor der Glotze und konsumieren passiv Bilder und Informationen) ebenso wichtig sein kann wie die gesendeten Inhalte.

Es gab (und gibt) daher zahlreiche Versuche, eine Veränderung der Kommunikationssituation auf der Ebene des Mediums zu bewirken, indem reziproke Elemente in die massenmediale Kommunikation eingeführt werden. Schon 1932 hatte Brecht gefordert, daß aus dem reinen Distributionsapparat Radio ein wirklicher Kommunikationsapparat mit der Möglichkeit entstehen müsse, „daß das Publikum nicht nur belehrt werden, sondern

Chaoten spielten Wagner-Musik

Die Bild-Zeitung schreibt: „Während der Schlacht am Nollendorfplatz spielten Chaoten über große Lautsprecher aus einem besetzten Haus das Wagnerlied ‚Ritt der Walküren‘ aus dem Anti-Kriegsfilm ‚Apocalypse Now‘. An die Wände hatten sie Haßparolen wie ‚Kill Reagan now‘ (Tötet Reagan jetzt) geschmiert“ (Meldung anläßlich des Berlin-Besuchs von US-

Präsident Ronald Reagan 1982).

Day, Mark:
Culture Jamming.
Westfield 1993.

Ideen fasziniert und ließen sich von ihnen inspirieren. Vor allem bei Medien- und Kommunikationsguerillas in den USA, aber auch in Europa, stieß Burroughs' Einsatz von Kassettenrekordern auf offene Ohren. Zwar wurden die komplizierten und in ihrer Wirkung fragwürdigen Schnitttechniken nicht weiter erprobt, doch Tonbänder mit Geräuschen und Parolen wurden auf einer Reihe von militanten Demonstrationen abgespielt; die Trippies wandten diese Technik bereits Ende der 60er Jahre an. In Berlin waren anläßlich der Anti-Reagan-Demonstration 1982 Hunderte von Kassettenrekordern im Einsatz, die alle zu einem festgesetzten Zeitpunkt Kriegslärm, Helikoptergeräusche und Schüsse, vermischt mit Anti-Reagan-Parolen, abspielten. Und auch in Zukunft werden Kommunikationsguerillas wohl weiter mit dem modernen Mythos von der unterschwelligen Manipulation spielen: Es funktioniert – irgendwie. \odot

Brecht, Bertolt:
Der Rundfunk als
Kommunikationsap-
parat. Rede über
die Funktion des
Rundfunks. In:
Brecht, Bertolt:
Über Kunst und
Politik. Frankfurt
a. M. 1971 (1932),
S. 19–24.

auch belehren muß". Zahlreiche alternative Radios und andere Medien haben versucht, den Konsumentinnen aktive Sprechmöglichkeiten zu geben. In manchen Fällen, wie zum Beispiel bei Radio Alice , wurde daraus ein komplexes Konzept entwickelt, um Dissidente, von der Normalität abweichende Formen des Sprechens und der Interpretation zu entfesseln und zugleich die 'offiziellen' Lesarten massenmedialer Informationen zu desartikulieren. Bei traditionellen Massenmedien wie Radios findet eine solche Praxis allerdings Grenzen, die durch die Struktur des Mediums bedingt sind, das vollständige Reziprozität nicht zuläßt. Neue interaktive Kommunikationsmedien (Internet, Netzkommunikation) bieten hier möglicherweise umfassendere Möglichkeiten, neuartige Kommunikationssituationen zu schaffen.

Auch bei anderen Formen als der medialen Kommunikation ist die Kommunikationssituation dafür wesentlich, ob und in welcher Weise eine Botschaft vermittelt wird. Ein Beispiel wäre eine politische Ansprache, bei der sich eine Person mit einem Mikrophon vor eine Menge von Leuten stellt, Ruhe und Aufmerksamkeit erwartet und einen Platz oder Raum mit ihrer Stimme beschallt. Wenn dann keiner zuhört, kann es teilweise auch an dieser Kundgebungssituation liegen, möglicherweise noch kombiniert mit einem bestimm-

Chaoten spielten Wagner-Musik .

Diese „Schlacht“ ist eine der legendärsten militanten Auseinandersetzungen in der Geschichte der antimilitaristischen Bewegung bzw. der Berliner Hausbesetzenszene. Unabhängig davon, ob es wirklich so gewesen ist: Die musikalische Untermalung wurde vorher und hinterher selten so angemessen ausgewählt.

ten Jargon oder einer politischen Fachsprache. Schon aufgrund der Beurteilung der (sprach)ästhetischen Ausdrucksform (z.B. Begriffe wie ‚Imperialismus‘) werden zahlreiche Menschen bestimmte Vorannahmen über das Gesagte hegen. Und auch wenn zugehört wird, hängt es von weiteren Faktoren der Kommunikationssituation ab, ob überhaupt eine Bereitschaft entsteht, sich auf die Botschaften des Senders (hier: Sprechers) einzulassen.

Das Konzept der Kommunikationsguerilla läuft nun aber nicht darauf hinaus, im Sinne einer Werbestrategie Botschaften, die wir den Leuten beibringen wollen, besser zu ‚verpacken‘ und dadurch endlich gehört zu werden. Viel eher geht es davon aus, daß sehr unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten allen Subjekten prinzipiell zur Verfügung stehen. Kritische und disidente Interpretationen von Ereignissen und Sachverhalten ergeben sich aus dem „Alltagsverstand“ (Gramsci) und müssen niemandem erst beigebracht werden. In vielen Situationen werden aber nur diejenigen Interpretationsmuster genutzt (aus wohlverstandenem Eigeninteresse, um keinen Ärger zu kriegen oder was auch immer), die ‚normal‘, quasi naturalisiert sind. Diese ‚normalen‘ Interpretationsmuster sind diejenigen, die Macht und folglich auch Herrschaft reproduzieren und affirmieren. Eine mögliche Kommunikationsstrategie besteht darin, lokal begrenzte Situationen zu schaffen, die abweichende Sichtweisen aktivieren helfen. In diesem Sinne ist es bereits subversiv, die ‚normalen‘ Interpretationsmuster zu stören. Hierzu bedarf es keiner abstrakten Theorie dessen, was in einer Kommunikationssituation abläuft. Es genügt eine ‚Alltagstheorie‘, sprich Wissen über das, was ‚normal‘ ist und was nicht. Und darüber verfügt jede.

Für uns bleiben zwei Absichten emanzipativer Politik zentral: Die Dekonstruktion herrschender Codes und die Verbreitung eigener, alternativer bzw. emanzipativer Codes. Für ersteres eignen wir uns die Codes der hegemonialen ‚Kulturellen Grammatik‘ in der Absicht an, sie zu stören, zu verwirren und zu verschieben. Ganz klar ist natürlich, daß derlei ‚Störungen‘ nicht im Sinne einer manipulativen Strategie eingreifen können, sondern nur offene Situationen schaffen. Was daraus wird, was die Beteiligten mit dieser Situation machen, kann nicht exakt vorherbestimmt werden. Ob uns die Lesarten, die die Menschen dann entwickeln, gefallen oder nicht, muß offen bleiben. Gleichzeitig ist aber immer zu bedenken, daß wir nur dann in der Lage sind, die Utopie eines anderen Lebens zumindest aufscheinen zu lassen, wenn wir den sozialen und politischen Kampf nicht als das Verbindlichmachen einer besseren Ideologie mißverstehen.

Zum Wirksamwerden emanzipativer Codes müßte noch genauer überlegt werden, in welcher Art wir Sprache nutzen. Jean Baudrillard geht davon aus, daß heutzutage „das Wissen über ein Ereignis nur die reduzierte Form dieses Ereignisses“ sei. wird Was heißt das? Gemeint ist damit, daß die Darstellung

Baudrillard, Jean
Die fatalen
Strategien.
München 1991.

Gedenkplatten zu Sowjetsternen

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eines Ereignisses in den Medien nicht die vielfältigen und widersprüchlichen Dimensionen desselben erfasst, sondern mittels vorgefertigter bzw. bereitstehender Raster und Wahrnehmungsmuster nur immer wieder den gleichen Aspekten Ausdruck verschafft: „Wenn also das Wissen in seinen Modellen das Ereignis vorwegnimmt, anders gesagt, wenn dem Ereignis (oder der Meinung) seine reduzierte Form (oder seine simulierte Form) vorausgeht, wird all seine Energie von der Leere absorbiert.“ Offenbar ist das Prinzip der Repräsentation das

Reimann, Andreas:
Für eine Barbarei
ohne Ästhetik
in: RadioContext
TS/995,
S. 32-40, S. 33ff.

Problem. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, WER etwas sagt, sondern in erster Linie darum, WIE etwas gesagt wird. „Deswegen können auch Dritte von anderen sprechen, aber nicht über sie! Wer Sprache gebraucht, muß sie als eine Praxis begreifen und nicht als ein System der Repräsentation. Denn Repräsentationen setzen nichts frei, eröffnen keine neuen Veränderungen, sondern besetzen, okkupieren!“

Damit wäre es notwendig, Sprachformen zu finden, die über ein Konzept von Sprache als erwartbarer Repräsentation hinausgehen und zu dessen Unterminierung beitragen können. Eine These in Anlehnungen an die Vorstellungen von Radio Alice und MTV könnte lauten: alternative, emanzipative Codes dürfen nicht mehr geschlossen und eindeutig sein und zu einem anerkannten Sinn beitragen. In der Konfrontation mit den geschlossenen Codes der gesellschaftlichen Normalität können solche offenen Codes Störungen bewirken, die dazu führen, daß für einen kurzen Moment inhaltliche Leere produziert wird. Dieser Augenblick der Leere stellt eine Möglichkeit dar, bislang Unhinterfragtes in einem neuen Zusammenhang zu interpretieren. Die ‚Botschaft‘, der kommunizierte Inhalt derartiger subversiver Aktionen, besteht schon im Angriff auf scheinbar selbstverständliche ästhetisch-kulturelle Formen. Sie transportieren eine Kritik an Selbstverständlichkeiten und schärfen zumindest den Blick dafür, daß ein scheinbar sachliches, rein verbales, mitunter unpolitisch angelegtes Event immer auch ein politisches Ereignis darstellt. Und ein solcher Angriff ist politisch nicht geringer zu bewerten als die Intervention mittels eines Klartext-Diskurses. Zwar läßt sich die Botschaft einer argumentativen Kritik eindeutiger benennen; sie wiegt diejenigen, die sie aussprechen, in der Sicherheit, ihre Positionen eindeutig und unmißverständlich klarzulegen. Doch schon dadurch, daß sich eine solche Form der Kritik an gesellschaftlich hegemonialen Kommunikationsweisen orientiert und hegemoniale Diskurse dadurch indirekt als legitim anerkennt, stellt sie immer auch eine Stabilisierung der herrschenden Verhältnisse dar.

Eine verbindliche Utopie allerdings läßt sich mit solchen offenen Codes nicht formulieren. Aber die Vermittlung eigener Utopien ist wohl in jedem Falle nur durch eine entsprechende eigene soziale Praxis möglich. Es geht dabei darum, zumindest in Augen-

Gedenkplatten zu Sowjet-Sternen .

Nach jahrelangen lokalpolitischen Auseinanderseztungen verschwand im September '96 ein Tübinger die Gedenktafel der 78. Infanterie- und Sturmdivision der Wehrmacht, die an den Naziverbrechen in der Sowjetunion beteiligt war. Ein Teil der Platte wurde der Lokalzeitung von den „Jungen Pionieren der Roten Armee/Fraktion Tübingen“ zugeschickt: „Sauber mit der Flex ausgesägt, blieb von der rechteckigen Tafel nur ein roter Stern. ... „Mit unserer kleinen Aktion wollen wir des antifaschistischen Widerstands der Roten Armee gedenken““, heißt es in dem Bekennerschreiben, das anregte, nun den Stern am Gedenkstein anzubringen.

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Datendandies – und ewig rauscht der Kanal

Medien sind das Thema der Zukunft. Medientheorie ist der absolute Hype in der gegenwärtigen Theorielandschaft. Neue Medien, Medientechnologie, Netzkommunikation, Simulation, Konstruktion, Medienwirklichkeit – nirgendwo lassen sich die abgedroschensten post- und nachpostmodernen Phrasen mit mehr Effekt publikumswirksam vermarkten.

Gegen das allgemeine Mediengelubber setzen die Amsterdamer Theoriemixer der Agentur BILWET (Beförderung von illegalen Wissenschaften) schaurig-schöne Theorievisionen. Sie greifen den Mainstream des medientheoretischen Geschwätzes auf, übertreiben seine Floskeln und stellen ihn auf den Kopf: „Wir zitieren viel, sind aber nicht einig mit den Postmodernen und deren Kontext, in dem sie die Zitate plazieren. Wir haben kein Fin-de-siècle-Gefühl, sind im Gegenteil sehr optimistisch, ohne prophetisch zu sein. Alles was auf uns niederkommt, wollen wir durch den Gebrauch kontrollieren. Wir wollen handelndes Subjekt sein. Du wirst kein Opfer der Medien, solange du sie gebrauchst. Darum schwelgen wir in den Medien auf eine rabelaische Manier. Die Signale sind für uns nicht immateriell, sondern taktil. Wir wälzen uns im Medienschlamm“. Bilwet hat so wunderbare Theorieerfindungen fabriziert wie den Gedanken der Souveränen Medien. Den postmodernen Gemeinplatz von der Übernahme der Realität durch die Medien steuern

Zit. nach Lovink, Geert: Hor zu - oder stirb! Fragmente einer Theorie der souveränen Medien. Berlin 1992.

blicken inmitten der Langeweile gesellschaftlicher Normalität eine „andere Wirklichkeit“ aufscheinen zu lassen, „in der unter uns erlebbar und spürbar wird, wofür es sich morgen noch lohnt zu kämpfen“ (Eco 1985a). Wir wissen, wie schwer das unter dem ständigen Druck ist, der nicht nur von außen, sondern auch aus dem eigenen Begehren nach Einordnung in eben diese Normalität kommt.

Fernsehmassaker

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sie mit ihrer Vision von Medien „in outer space“ in die Hypertext. Schließlich offenbart sich als sonderbare Vision das Konzept eines Paralleluniversums der Souveränen Medien, befreit von Zuhörern, der Notwendigkeit zur Konstruktion langwelliger Allerweltseindrücke enthoben.

Die Souveränen Medien schirmen sich gegen die Hyperkultur ab. Sie suchen keinen Anschluß, sondern sie koppeln sich ab. Sie schaffen weder Information noch Gegeninformation. Als negative Medien wollen sie sich nicht positiv definieren. Sie sind zu nichts gut, erheischen keine Aufmerksamkeit und stellen auch keine Bereicherung der Medienlandschaft dar. Sie bieten auf der Erscheinungsebene keine radikale Kritik der kapitalistischen (Kunst-)Produktion. Sie sind dem gesamten politischen Geschäft und der Kunstszene entfremdet. Sie entziehen sich dem technologischen Hype und verwirklichen technologische Zukunftsprojekte, indem sie Einstiegsluken in den Cyberspace aus abgewrackten Kassettenrekordern basteln, aus nutzlosen Programmen, Kanälen mit eingebauten Rauschgeneratoren, Elektronikmüll und Datenschrøtt.

„Ohne das Gehabe einer geheimnisvollen Existenz, bleiben die Souveräne unbemerkt, da sie sich im blinden Fleck, den die scharfen Medienaustahlungen auf dem Auge verursachen, aufhalten. Als gesonderte Kategorie sind souveräne Medien darum so schwer erkennbar, weil die Gestalt, in der sie erscheinen, nie im vollen Glanz erstrahlen kann. Ihre Programmproduzenten lassen sich nicht sehen,

Agentur Bilit:
Medien-Archiv,
Bensheim/
Düsseldorf 1993.

Der Blick auf Kommunikationstheorien begründet, warum eine Kommunikationsguerilla nicht mehr ausschließlich auf die traditionellen Aufklärungsstrategien linker Gegenöffentlichkeit setzt. Allerdings werden dadurch bisherige Formen politischer Arbeit nicht obsolet. Die Kritik an linke Gegenöffentlichkeitskon-

Gegenöffentlichkeit,

Medientheorie
& Informations-
fetisch

zepten bedeutet nicht, die Notwendigkeit eines „Streit(s) um Fakten und Realitätsdeutungen“ in Abrede zu stellen und sich von Gegenöffentlichkeit zu verabschieden. Allerdings muß sie sich derselben Frage stellen, die auch an jede Aktion der Kommunikationsguerilla gerichtet werden wird: Unter welchen Bedingungen, in welchen Situationen vermittelt Gegenöffentlichkeit den AdressatInnen einen kritischen Blick auf die alltägliche Normalität; unter welchen Voraussetzungen und bei wem kann sie gesellschaftsveränderndes Handeln bewirken? Für die Frage nach der aktuellen Funktion von klassischer Gegenöffentlichkeit ist ein Blick auf die bisherige Praxis hilfreich. In Anlehnung an Geert Lovink halten wir es für sinnvoll, die Medien der linken Gegenöffentlichkeit hinsichtlich ihrer Funktion idealtypisch in ‚alternative‘ und ‚eigene‘ Medien zu unterscheiden. ‚Alternative‘ Medien spiegeln sich vornehmlich an den bürgerlichen Medien, indem sie beständig eine inhaltlich korrigie-

Görg, Christoph:
Wenn das
Megaphon in die
Subkultur fällt.
Zur Kritik der
Bewegungsstile/ho
ne‘. In: links 28
(1996) 312/313,
Mai/Juni 1996.

Lovink, Geert:
Hor zu - oder
für? Fragmente
einer Theorie der
souveränen Medi
en. Berlin 1992.

„Der VfB Stuttgart grüßt den tapferen ...“ - Heute im Stadion: Peter Grohmann

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man sieht allein ihre Masken, in den für uns unbekannten Formaten. Jedes erfolgreiche Experiment, das als künstlerische wie politische Äußerung gedeutet werden kann, wird direkt der Verschmutzung ausgesetzt. Die Mischer von Haus aus provozieren nicht, sondern beschmutzen den zufälligen Passanten mit verseuchten Banalitäten, die sich in all ihrer freundlichen Nichtsagendheit präsentieren. Unentwirrbare Knäuel der Sinngebung und Ironie machen es dem geübten Medienleser unmöglich, sich zurechtzufinden.“ (Lovink 1992)

Das Konzept greift Elemente auf, die teilweise bereits in der Praxis von Radios wie 90ee94ebdabc6139770ea7bf9ae3f969-img.jpg Radio Alice angelegt waren und in Amsterdam von den MacherInnen von Radio Vrije Keizer, Radio 100 und Radio 243a5fad476d51200103acb8be2c754c-img.jpg Radio Alice entwickelt wurden. Traditionelle Konzepte alternativer Gegenöffentlichkeit werden überschritten, indem das Konzept der ‚Information‘ selbst relativiert wird: Gleichrangig steht ihm das Prinzip der „Deformation“ gegenüber; das von anderen Sendern Ausgesendete wird zum Gegenstand des Mischens, zum Material einer verwirrenden Medienpraxis, die sich konventionellen Formen der Sinngebung (und dem darin immer eingeschlossenen Dialog mit der Macht) entzieht.

Ebenso wie bei den meisten anderen Konzepten der Theorieguerilleros von Bilwet läßt sich kaum herauskriegen, ob sich hinter dem Gedanken der Souveränen Medien nun eine Zukunftsvision des alternativen Mediengebrauchs verbirgt, die lustvolle Dekonstruktion von Utopien und Schreckensvisionen der ‚Mediengesellschaft‘ oder einfach Spaß

rende und das bestehende Informationsspektrum ergänzende Aufgabe wahrnehmen. Vor allem in den 70er und 80er Jahren gelang es ihnen, abweichende Lesarten sozialer und politischer Widersprüche bereitzustellen und so zur Konstituierung einer ‚liberalen‘ Öffentlichkeit beizutragen. Dagegen setzten ‚eigene‘ Medien nicht in erster Linie auf die Bewußtwerdung der ‚anderen‘, sprich auf eine direkte Beeinflussung und Bereicherung der ‚Öffentlichen Meinung‘. Im Unterschied zu den ‚alternativen‘ Medien positionierten sie sich selbst außerhalb des gesellschaftlichen Zentrums; sowohl inhaltlich durch explizit linke Stellungnahmen und Diskussionen als auch durch das Aufgreifen subkultureller Themen und Codes. ‚Eigene‘ Medien sind Orientierungspunkte für die soziale Praxis linker Szenen und Subkulturen; sie bieten Foren für spezifisch linke Diskussionen und stabilisieren unter Umständen soziale Identitäten. Zwar bewegen sie sich in einem durch Slang und Gangart ihrer subkulturellen Basis eng begrenzten Raum, doch gerade dies ermöglicht einen relativ dichten Austausch zwischen Publikum und MacherInnen.

Diese Überlegungen zeigen, daß soziale Beziehungsrahmen und außermediale politische und kulturelle Praxen wichtig sind, wenn die Bedeutung linker Medien eingeschätzt werden soll. Die Bedeutung dieses Bezugs wurde aber in den Diskussionen um linke Gegenöffentlichkeit weitgehend außer acht gelassen, solange überzogene Vorstellungen

„Der VfB grüßt den tapferen ...“

Die Rede soll sein von einer Aktion, die an einem kalten Samstagnachmittag ein fast vollbesetztes Neckarstadion in Stuttgart erreichte – bei der abendlichen Sportschau dann gleich etliche Millionen und – als Nachklapp – in den Sonntag- und Montagszeitungen nochmal einige hunderttausend LeserInnen quer durch die Republik. Am 17. November 1967 spielte der VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmund. Dieses eine Mal ging auch die linke politisch-literarische Szene ins Neckarstadion, genauer gesagt in eine Stehplatzkurve.

am Fabulieren. Bilwet betreibt eine Theorieproduktion, die sich selbst nie ganz ernst nimmt, die stets an der Grenze zum Trash operiert und gerade deshalb spannend bleibt. Im übrigen stehen Mixturen wie die Theorie der Sou-

veränen Medien in einer seltsamen und produktiven Spannung zu den sonstigen Aktivitäten der Gruppe. Weit davon entfernt, bloße Theorieclowns zu sein, verfolgt Bilwet gerade im Kontext des Internet wesentlich eine Politik ‚traditioneller‘ Gegenöffentlichkeit, der Verbreitung von Gegeninformationen und ihrer Verteidigung gegen Zensurversuche. Nur eben: Sie machen all das eher unauffällig, ganz sicher aber ohne den üblichen großmütigen Medienhype. O

Angatur Bilwet:
Der Datendandy.
Mannheim 1994.

Lovink,
Geert/ Schulz, Pit
Hg.): Netzkritik.
Berlin 1997 u.
Angatur Bilwet:
Bewegungstheorie.
Botschaften aus
einer autonomen
Wirklichkeit.
Berlin 1991.

von den Möglichkeiten einer medialen linken Intervention in die bürgerliche Öffentlichkeit dominierten. Es wurde, zugespitzt formuliert, davon ausgegangen, daß nur genug Aktiviststimmen an möglichst vielen Stellen Gegenöffentlichkeit herstellen müßten, wodurch dann irgendwann eine gesellschaftsverändernde Kettenreaktion ausgelöst würde. Eine Vielzahl linker Medienprojekte stellte sich aus dieser Logik heraus die Aufgabe, die in den bürgerlichen Medien unterbliebenen Nachrichten zu verbreiten. Diese Konzeption von Gegenöffentlichkeit bezeichnet Lovink als „Megaphonmodell“, denn sie unterstellt unausgesprochen einen kausalen Zusammenhang zwischen Information, Bewußtsein und Handeln. Dahinter steht letztlich ein lineares Kommunikationsmodell, demzufolge es ausreicht, die ‚falschen‘ Ideen durch die ‚richtigen‘ zu ersetzen: Wenn die Menschen nur lange genug ‚die Wahrheit‘ hören, werden sie irgendwann ihre Meinung ändern und sich gegen die herrschenden Verhältnisse wenden.

Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, daß ein solches auf die Übermittlung der ‚richtigen‘ Informationen fixiertes Verständnis von Medien und Medienrezeption zu kurz greift. Nicht zuletzt durch die Existenz von Gegenöffentlichkeit wurden zumindest hierzulande auch gesellschaftskritische Informationen relativ leicht zugänglich. Heute mangelt es in der bürgerlichen Gesellschaft nicht an solchen Informationen, sondern

„Der VfB grüßt den tapferen ...“

In jenen Jahren waren die Fans noch brav und durften Fahnen, Transparente oder was auch immer in die Stadien mitnehmen. Wir nahmen zusätzlich noch zwei drei Buddeln Schnaps mit – einerseits gegen die Kälte, andererseits für den Mut, schließlich zur Bestechung des uns umringenden Publikums.

Nach rund einem Drittel des Spiels – die Menge blickte voller Konzentration auf das Spielfeld – entrollten wir wie abgesprochen ganz langsam das erste Transparent:

„Borussia – grüßt – die – Kumpel – in – Ha – noi.“

das Hauptproblem ist deren absolute Folgenlosigkeit. Das heißt nicht, daß es dieser Informationen nicht mehr bedarf. Allerdings erscheint ein Politikkonzept problematisch, das hauptsächlich oder ausschließlich auf ihre Kraft vertraut.

In „Öffentlichkeit und Erfahrung“ haben Negt/Kluge darauf verwiesen, daß die Subjekte sich „die bloße Abbildung der Realität“ nur dann aneignen, wenn sie zugleich wissen, wie sie aktiv die sie bedrückenden Verhältnisse verändern können: „Erst aus dieser Handlungsmöglichkeit könnte sich ihr Interesse am Realismus rekrutieren.“ Das macht deutlich, daß Medienpraxis in einem umfassenderen Kontext von sozialem, politischem und kulturellen Handeln gedacht werden muß. Wichtig ist oft nicht, ob etwas in der Zeitung steht, sondern daß und wie Leute über Sachverhalte reden. (Gegen-)Öffentlichkeit ist dann mehr als Bildschirm, Radio oder Zeitung. Strategien, die allein auf mediale Informationen setzen, überschätzen deren Wirkung. (Dabei befinden sie sich übrigens in gutbürgerlicher Gesellschaft, wie die Diskussionen um Mediengewalt zeigen.)

Negt, Oskar/
Kluge, Alexander:
Öffentlichkeit und
Erfahrung. Zur
Organisationsana-
lyse von
bürgerlicher und
proletarischer
Öffentlichkeit.
Frankfurt 1972.

Hier erscheint uns ein weiterer Aspekt wichtig: Die Vorstellung, daß die herkömmlichen Massenmedien sich – einmal im Besitz der richtigen Leute – als ein Instrument zur demokratischen Willensbildung einsetzen lassen, ist grundsätzlich fragwürdig, denn Massenmedien im bisherigen Sinne sind nicht demokratisch. Ihre Kommunikationsform beruht auf dem Prinzip der Vervielfältigung von Informationen in nur eine Richtung, von den Produzierenden hin zu den KonsumentInnen. Sie reproduzieren durch die Einbahnstraße ihres Kommunikationskanals Machtpositionen und machen einen wirklich gleichberechtigten Austausch unmöglich: Massenmedien setzen einen eng gesteckten Rahmen, was von wem in welcher Weise mitgeteilt werden kann und wer zum Schweigen verurteilt ist. Aufgrund dieser Nicht-Reziprozität können sie für die EmpfängerInnen allenfalls in sehr reduzierter Weise Ausgangspunkt oder Element von über den reinen Medienkonsum hinausgehenden sozialen Praxen werden (für die Macher mag das anders aussehen).

**Gegenöffentlichkeit** Diese Kritik an einem verbreiteten linken Medienverständnis rückt auch die vielbeschworene Krise alternativer Medien in ein anderes Licht. Möglicherweise
**und soziale** war es gar nicht so, daß linke Gegenöffentlichkeit früher besser ‚funktionierte‘.
**Praxis** Eher machte die relative Stärke der sozialen Bewegungen Unzulänglichkeiten der medialen Vermittlung unsichtbar: Wo man glaubte, durch Aufklärung weitergekommen zu sein, war es vielleicht in Wirklichkeit gar nicht die schlagende Brillanz der Argumente aus der Gegenöffentlichkeit, die bei vielen Leuten ein Interesse für

„Der VfB grüßt den tapferen ...“

Es ist ein altes Vorurteil, daß es den Fußballbegeisterten an politischer Bildung mangelt: Das Publikum wußte sofort, daß mit den Kumpeln in Hanoi die Stuttgarter gemeint sein mußten, was sie vor allem am schwäbischen Ausdruck „Ha noi“ erkannten (für Nichtschwaben übersetzt etwa „Ach ... nein“, etwas nachdenklich, resignativ auszusprechen: „Ha ... noi!“).

Das Spiel wurde wegen des Transparents nicht unterbrochen: Wenn es unten auf dem Spielfeld spannend war, blickten die Zehntausende auf das Spielfeld, wenn es unten langweilig wurde, blickten Zehntausende auf den Gruß, der aus Dortmund kam.

bestimmte Themen und Sichtweisen und ein Bedürfnis nach entsprechenden Informationen hervorrief. Vielmehr war dieses Interesse Ausdruck von Veränderungen der eigenen Lebenszusammenhänge vor dem Hintergrund jener gesellschaftlichen Entwicklung, in deren Zuge auch die ‚neuen sozialen Bewegungen‘ ihre Bedeutung gewannen.

Auf unsere Fragestellung bezogen heißt das, daß nicht nur die (linken) Medien zur Ausbreitung der politischen Bewegungen beitrugen, sondern daß auch die Stärke der Bewegungen vor dem Hintergrund einer spezifischen gesellschaftlichen Situation linken Zeitungen, Zeitschriften und Radios zu ihrer Wirkung verhalf. Die Friedens-, die Anti-AKW- oder die feministischen Bewegungen boten konkrete Handlungsangebote und -zusammenhänge. Die Informationen ‚alternativer‘ Medien konnten sich vor diesem Hintergrund eines besonderen Interesses sicher sein. Darüber hinaus hatten diese Medien eine wichtige Funktion für die Vernetzung und Selbstvergewisserung innerhalb der sozialen Bewegungen. Das Problem, daß mediale Informationen ohne im Rahmen einer sozialen Praxis gegebene Handlungsmöglichkeiten zumeist wirkungslos bleiben, fiel damals gar nicht weiter auf, so konnte sich die Vorstellung halten, daß Medieninformation per se zu politischem Handeln führt. Heute aber wird vor dem Hintergrund des Fehlens starker politischer und sozialer Bewegungen deutlich, daß die Medien der ‚Gegenöffentlichkeit‘ diesen Anspruch nicht einlösen können. Diese Entwicklung unterstreicht die Richtigkeit von Negt/Kluges Analyse, daß Information per se nichts bewirkt, wenn nicht eine soziale Praxis damit verbunden ist.

Campaigning Betrachten wir über den Tellerrand der linken Medienpraxis hinaus den Mainstream der bürgerlichen Massenmedien, so scheint es zunächst, dass ein solcher Blick unsere These „Informationen bleiben tendenziell folgenlos“ widerlegt. Themen, die eigentlich in den Bereich der klassischen Gegenöffentlichkeit (Ökologie, Rüstung) gehören, wurden Gegenstand großangelegter und in ihrem selbstgesetzten Rahmen auch erfolgreicher Medienkampagnen. Auf kurzfristige Ziele bezogen, erreichten die Greenpeace-Proteste gegen das Versenken der Shell-Bohrinsel in der Nordsee sowie gegen die französischen Atomversuche auf dem Mururoa-Atoll relativ große Breitenwirkung. Naja, Greenpeace ...

Aber solche Aktionen, die die Funktionsweise öffentlicher Medien genau kalkulieren, um eine möglichst breite Wirkung zu erzielen, sind auch in anderen Bereichen möglich. Während kleine politische Gruppierungen seit Jahren versuchten, Solidarität mit dem politischen Gefangenen Mumia Abu Jamal zu organisieren und nur relativ bescheidene Erfolge erzielen konnten, gelang es in einer breiten Medienkampagne, den staatlichen Mord an Mumia zumindest vorläufig zu verhindern. Offenbar ist es also durchaus möglich, durch eine bestimmte Form der Nutzung bürgerlicher Medienöffentlichkeit nicht nur


„Der VFB grüßt den tapferen ...“

Manch einer fragte sich natürlich, ob das mit dem ‚Mano‘ wirklich auf die Schwaben gemünzt sei – und so hub immer wieder ein allgemeines Rauen an, begleitet von Zehntausenden Blicken auf sechs tapfere Stuttgarter Revolutionäre.

Nachdem der erste Akt erfolgreich verlaufen war, läuteten wir zum zweiten: Wir reichten unsere Schnapsflaschen weiter. Die Kälte besiegte das Mißtrauen – es bestand auf beiden Seiten. Wenn auch Gewalt bei Fußballspielen damals die Ausnahme blieb, waren doch die Losungen „Rübe runter“ oder „Geh doch nach drüben“, „Arbeitsdienst“, „Ab nach Sibirien“

ist obszön
wie der Klassenkampf

In den italienischen Großstädten kam es in den 70ern zu einer folgenschweren Begegnung: Aus den Reservaten am Rande der Gesellschaft heraus entwickelten die dort lebenden Jugendlichen, die ‚Stadtindianer‘ ( Indiani Metropolitani ), äußerst spannende und bissige Techniken der Rebellion gegen ihre entfremdeten Lebensbedingungen. Skrupelloses Zusammenbringen von sowohl sozialrevolutionären als auch avantgardistischen Ansätzen und Methoden prägte die kulturellen und politischen Auseinandersetzungen im Dreieck Mailand–Bologna–Rom und piesackte gleichermaßen die herrschenden Eliten wie die Parteikommunisten. In den kulturellen Auseinandersetzungen forderte die Bewegung für die Massen das, was die Hochkultur nur der Avantgarde zugestehet, nämlich Regelverstoß, sprachliche Improvisation und Expression ohne Kontrolle, kurz: die gängigen Koordinaten der Wahrheit in Unordnung bringen. Daraus ging auch das Radio Alice in Bologna hervor.

In Bologna, der roten Stadt Italiens, glühten nicht nur die Ohren der Hörinnen von Radio Alice. Das Radiokollektiv störte einerseits die gängigen Hörgewohnheiten, und andererseits holten sie sich die in den Massenmedien verlorengegangene Grundlage von Kommunikation, das permanente Feedback, zurück. Im Zusammenfallen von Ohren und Mundern zu einem Subjekt wurde das Radio zur virtuellen Piazza, zum sozialen Raum, wo sich Personen, Aktivitäten und Subjektivitäten mischten, gelang ‚die Radikalisierung des Mediums Rundfunk zum Kommunikations-

Radio Alice

192

Gegenöffentlichkeit

Warum ist Kommunikation Guerilla?

gesellschaftliche Resonanz, sondern auch konkrete Erfolge zu erzielen. Bedingung für eine solche Mediennutzung, die wir hier als ‚Campaigning‘ bezeichnen, ist allerdings, sich den Funktionsmechanismen bürgerlicher Medien weitgehend zu unterwerfen. Professionalisierung, Effizienz und Medienkompatibilität werden hierbei zu wesentlichen Kriterien politischen Handelns. Der Medienfetisch ‚Ereignis‘ bestimmt, was berichtet wird. Das Spektakel der Greenpeace-Aktionen bedient diesen Fetisch ebenso wie die Darstellung von Mumia („Der Mann, der ein Buch aus der Todeszelle schrieb“). Der Erfolg dieser Art von ‚Campaigning‘ liegt nicht zuletzt darin, daß es sich auf kurzfristige, punktuelle und ‚realistische‘ Interventionen beschränkt, in deren Rahmen der Medienkonsument konkrete Handlungsanweisungen angeboten werden, an denen jeder im Rahmen seines Alltages mitmischen kann: Tankt nicht bei Shell, kauft keine französischen Produkte, schreibt an Richter Sabo.

Diese Handlungsanweisungen stellen das grundsätzliche Handeln bzw. die Lebensweise der Adressatinnen nicht in Frage, sondern ermöglichen es ihnen, sich als kritische Teilhaberinnen am politischen Geschehen wahrzunehmen, ohne die Verfaßtheit der Gesellschaft als Ganzes zu kritisieren. Das massenmedial vermittelte gesellschaftliche Handeln erschöpft sich darin, im Einklang mit zumindest Teilen der Herrschenden in

„Der VIB grüßt den tapferen ...“

usw. usf. allgemeines Volksgut. Die Bereitschaft, mal jemanden ordentlich zu verprügeln oder auch die Zähne einzuschlagen, zählt zum deutschen Brauchtum. Unter uns: Wir waren damals schon schlechte Schläger. Der Mut hatte uns demnach nicht verlassen – wir entrollten nun das zweite Transparent, wieder in Komposition mit dem Spielerlaut: „Der VIB – grüßt den tapferen –, Und da machten wir erstmal eine Pause. Als wir das letzte Wort entrollten, ging fast ein Stöhnen und Ächzen durch das Stadion: „Viecon“, Jetzt war die Katze aus dem Sack.“

Gruber, Klemens:
Die zerstreute
Avantgarde.
Wien/Köln 1989,
S. 57.

mittel“. In der Vielstimmigkeit drückte sich aber auch Auflehnung gegen den festgelegten Sinn der Wörter vor und ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Konsens. Radio Alice zeichnete sich durch radikale Offenheit als ein medialer Treffpunkt aus, an dem alle miteinander in Dialog treten konnten. Wichtigstes technisches Mittel war das Telefon und eine bestimmte Spielart der \phi Fremdung: „Sprich, Hörer, und tue es schmutzig aber verständlich. Zieh den verborgenen Sinn des Textes durch den Dreck.“ Zweierlei Formen der Fremdung bewährten sich in der praktischen Kritik der Verhältnisse durch Sprache: der indirekte und der kritische Kommentar. Der indirekte Kommentar ist nichts anderes als das bewußte Aneignen der sowieso permanent praktizierten Raffinesse der allen geläufigen (Aus-)Sprache. Dabei wird die allgemein übliche Art und Weise, wie ein Inhalt verständlich gemacht wird, als Kommentar eingesetzt, ohne das ausdrücklich zu benennen. Ein Beispiel ist die in die Länge gezogene Intonation: Bist Duuu heute aber schööön. Der indirekte Kommentar stellt den Text gezielt von den Füßen auf den Kopf: demonstrative Unbeteiligtheit, Dialekt und falsche Betonung, Aussprachefehler, komischer Tonfall, Wörter vertauschen, Buchstaben verwechseln, Silben zerdrehen, irritierende Pausen setzen, unnichtiges Überlappern, schwieriges Stolpernlassen und dann nochmal ägerliches Knurren, unangepaßtes Schweigen, gefolgt von neuem Sing sang der endlosen Wiederholung bestimmter offizieller Redensarten – pur oder deformiert.

Einzelfragen zu intervenieren (Weizsäcker und Kinkel für Abu Jamal). Dabei entsteht weniger eine soziale Praxis als eine (mediale) Simulation derselben – in demselben Sinne, wie sich die Lichterketten als eine Simulation von Anti-Rassismus interpretieren ließen, die eine nicht existierende anti-rassistische Alltagspraxis ersetzte. Während sich eine Handlungsaufforderung wie „Kauft nicht bei Shell!“ massenmedial erfolgreich vermitteln läßt, ist eine soziale Praxis, die auf grundlegendere Veränderungen der Gesellschaft abzielt, nicht in solche Anweisungen zu kleiden. Sie erfordert Diskussionen, Versuche, Mut zum Unfertigen und Unrealistischen – all das, wofür in der Einbahnstrasse massenmedialer Kommunikation kein Platz ist.

Don't
believe the
Hype?
Gegen-
öffentlich-
keit im
Internet

Auch wenn wir fragen, welche Chancen sich für eine linke Gegenöffentlichkeit aus neuen technischen Entwicklungen ergeben, interessiert uns nicht in erster Linie, welche neuen Kanäle der Informationsübermittlung Mailboxen und Internet allgemein bieten. Vielmehr geht es darum zu klären, wo solche Medien im sozialen Raum positioniert sind und welche neuen (Handlungs)perspektiven sie eröffnen. Auch die Diskussionen um das Internet als neuen Ort linker Medienpraxis kreisen in erster Linie um den Fetisch ‚Information, Information, Information‘.

„Der VfB grüßt den tapferen ...“

Alle Umstehenden gingen – Schnaps hin, Schnaps her – etwas auf Distanz. Unten im Stadion, am Rande des Spielfelds, kamen nun jede Menge grüne Männchen im angemessenen Schritt zur Oberkante des Stadions, was uns nun nicht nur die Beachtung des Publikums, sondern auch die des Fernsehens und der Fotoreporter sicherte.

Merkel: Je mehr grüne Männchen, umso mehr Medien. Als uns die Polizei erreichte und die Transparente abnahm, hatten wir die pralle Aufmerksamkeit des Stadions – sogar die Spieler ließen den Ball ins Aus rollen ...

Alice verwandelte das Radio in ein Medium, bei dem alle Register gezogen werden können, um die Worte zum Buckeln zu bringen und die Sprache zu verhöhnen. Wessen Sprache? Dies stellt der kritische Kommentar klar. Neuigkeiten entschlüsseln, amtliche Ausdrücke übersetzen und Informationen korrigieren, Euphemismen entschleiern: „Können oder dürfen die Löhne nicht Schritt halten?“ Radio Alice prangerte diese Unmöglichkeit jedoch nicht als solche an, sondern machte das Unmögliche möglich: qua telefonischer Liveübertragung. Zahlreiche dieser maoda-daistischen (→ Urbia ) Aktionen basieren auf dem Umstand, daß das Telefon ein strategisches Instrument gegen jene ist, die gewöhnlich unerreichbar sind: Eines schönen Morgens, der damalige Ministerpräsident und Verbindungsman zur Mafia in der Regierung, Giulio Andreotti, schlummerte noch selig, als das Telefon auf seinem Nachttisch schrill klingelte. Nicht der digitale Vexier störfte seine Träume, sondern Gianni Agnelli. Der einflußreiche Inhaber und Chef von FIAT war der frühe Anrufer. Er forderte sofortige staatliche Unterstützung, um seine rententen Arbeiter wieder in den Griff zu bekommen. Als der schlafrunkene Andreotti seine diesbezügliche Loyalität und Hilfe unterwürfigst zusagte, ahnte er natürlich nicht, daß Agnelli nicht Agnelli war, und am anderen Ende der Leitung die Hörerinnenschaft von Radio Alice lachte sich ob der wenigstens einmal anschaulich vorgeführten Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) ins Fäustchen.

nochmal Information, und zwar für alle. Berauscht von der Tatsache eines riesigen, internationalen und deswegen kaum zensierbaren Informationsflusses bleibt die Diskussion häufig an diesem Punkt stehen.

Dabei ist auch hier zu fragen, welcher Stellenwert solcher Information zukommt. Es wird hier von Medien in einer Weise gesprochen, als seien sie die Öffentlichkeit selbst: „Die Rede von der Mailbox als universelles Medium erweist sich vollends als Mythos, wenn der Austausch von Daten und politischen Informationen zum puren Selbstzweck wird, falls diese sich am Ende nicht in politischer Praxis materialisieren. Das heißt, die Anwendung dieser neuen Technologie (für sich genommen) erreicht nichts!“ Einmal mehr wird zwar technikfixiert über Informationen und Kanäle diskutiert, nicht aber über die Bedingungen der Rezeption, über politisches und soziales Handeln.

Die spannendere Frage wäre aber aus unserer Sicht, was von Vorstellungen zu halten ist, die das Internet auch und gerade als potentiellen Ort neuer sozialer Praxen verstehen. Es darf nicht übersehen werden, daß sich das Internet von traditionellen Medien insofern wesentlich unterscheidet, als es die Möglichkeit einer

Eine diesen Aspekt starker berücksichtigende Version dieses Kapitels ist an anderer Stelle veröffentlicht: Autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe Bewegungstheorie. Anmerkungen zur Entwicklung alternativer und linker Gegenöffentlichkeit. Update 2.0. In Lovink, Geert/Schulz, Prit

(Hg.): Netzkritik, Berlin 1997. Kunz, Thomas: Medien, Mythen, Mailboxen. In: links 26 (1994) 3.

„Der VIB grüßt den tapferen ...“ .

Die Transparente lagern vermutlich bei der Stuttgarter Polizei, die damals, wenn mich nicht alles täuscht, noch kommunal war. Meines Wissens wurden nicht einmal die Personalien aufgenommen – mehr als schlampig. Weil jedoch der Medienersfolg überwältigend war, verzichteten wir auf eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Die Presse ließ vorwurfsvolle Töne anklingen: Jetzt tragen sie die Politik sogar in den Sport. Der VIB Stuttgart dementierte übrigens ein paar Tage später (beim Fußball dauern die Schrecksekunden länger) und ließ verlauten, er habe zu keiner Zeit den Vietcong gegrüßt. Ich bin mir da nicht sicher.

Denn merke: es geht nicht darum, Recht zu bekommen, sondern manchmal erscheint es sinnvoller, derart zu provozieren, daß der andere oder die Struktur sich selbst demaskiert.

Radio Alice versuchte, gegen die massenmediale Nicht-Kommunikation eine Stimme zu erobern. Es ging um eine Stimme, die niemandes Sprachrohr sein wollte: nicht Verkünder der Wahrheit noch Animator der Massen. Vielmehr dehnte Alice die politische Intervention „auf den gesamten Zyklus der Information“ aus und begründete damit „die methodische Dekonstruktion der herrschenden Medienrealität“ durch die „Informationsguerilla“ (Gruber 1989, S. 45 ff.).

Das Radio der „Stadtindianer“ wurde im März 1977 unter tatkräftiger Mithilfe des PCI, der kommunistischen Partei, zerschlagen. Vielleicht weil es gefährlicher war als andere Formen linker Öffentlichkeit. \circ

den letzten
polizeilich-
militärischen Akt
dieser Verfolgung
Übertrag Radio
Alice live.
Vgl. Kollektiv
A/traverso: Alice
ist der Teufel.
Berlin 1977.

reziproken und interaktiven Kommunikation bietet. Besteht die Aussicht, sich in diesem Rahmen selbstbestimmte Orte zu schaffen, „temporäre autonome Zonen“ (Hakim Bey), in denen die gesellschaftlichen Regeln zumindest zeitweise außer Kraft gesetzt (bzw. noch gar nicht verbindlich formuliert) sind? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat das auf die soziale Existenz außerhalb der Netze?

Die Kritik an solchen Vorstellungen wird häufig von einer Position aus formuliert, die offen oder implizit die ‚authentischen‘ Formen von Kommunikation, Interaktion und sozialer Praxis in der ‚wirklichen‘ Welt der Scheinwelt des Cyberspace gegenüberstellt. Uns erscheint eine solche unterschwellig naturalisierende Gegenüberstellung und Bewertung fragwürdig. Vielleicht bietet gerade die reduzierte und ‚unauthentische‘ Kommunikation im Netz die Chance, ansonsten festliegende soziale Identitäten zumindest teilweise außer Kraft zu setzen. Allerdings bleiben kritische Fragen: Wer sind die Akteure im Internet? (90 % männliche weiße Metropolenmittelschichtbürger, genau wie in der Linken ...) Wie lange wird es dauern, bis die bestehenden Spielräume in Netz juristisch und polizeilich domestiziert sind? Inwieweit besteht die Gefahr, einmal mehr die Funktion der Avantgarde im kapitalistischen Modernisierungsprozeß zu übernehmen, deren Praxen dann in kommerzialisierte und entschärfter Form in den gesellschaftlichen Mainstream

Das Oster-Hochamt 1950

Kurz vor dem Pariser Osterhochamt in der Kathedrale Notre Dame schlüpfte 1950 eine kleine Gruppe von Lettern, einer Vorläufergruppe der Situationistischen Internationale, unbemerkt in den hinteren Teil der Kirche. In einem Nebenraum ergriffen sie einen Priester, knebelten ihn, zogen ihm aus und fesselten ihn. Michel Mourre, der früher einmal selbst vorgehabt hatte, das Ordenskleid anzulegen, zog die Priesterkleider an und stieg, kurz bevor der Gottesdienst begann, die Stufen zum Altar hinauf. Nach einem Moment respektvoller Stille setzte er ein: „Heute, am Ostersonntag des heiligen Jahres, hier im

eingehen? Wesentlich erscheint es uns auf jeden Fall, sich bei der Diskussion nicht selbst in den Cyberspace zu katapultieren, sondern das Verhältnis von Cyber-Netzkomunikation und Kommunikation im ‚realen‘ Echtzeitleben im Auge zu behalten. Sonst laufen wir stets Gefahr, allzu technologiezentriert zu diskutieren oder gar dem Mythos der ‚Informationsgesellschaft‘ aufzusitzen.

„Vorwärts
und viel
vergessen!“

Es bleibt die Frage, was aus unseren Überlegungen für die linke Medienpraxis folgt. Das Hauptziel derzeitiger linker Politik müßte unseres Erachtens sein, alternative Vorstellungen von gesellschaftlichen Beziehungen gegenüber dem bestehenden hegemonialen Konsens wieder denkbar zu machen. Dabei muß berücksichtigt werden, daß sich anders als früher ein inhaltlich klar umrissener hegemonialer Diskurs kaum mehr ausmachen läßt: Die herrschende Ideologie vermittelt sich auch und vor allem durch die Formen der Repräsentation. In bezug auf alternative Medien heißt das, daß deren Formen absorbiert und deren Inhalte neutralisiert werden (so, wenn die in den alternativen Medien entwickelten innovativen kulturellen Servicefunktionen mittlerweile die ökonomische Grundlage von Stadtmagazinen à la Prinz geworden sind). Aufgrund des mit dieser Entwicklung einhergehenden Funktionsverlusts sehen sich die Medien der ‚Gegenöffentlichkeit‘ auf die Rolle von Fanzines zurückgeworfen, die sich nur noch an eine relativ kleine soziale Gruppe wenden.

Als solche sind sie allerdings keinesfalls funktionslos. Linke Medien können nach wie vor einen Ausgangspunkt bilden, um bestimmte Informationen in eine (auch bürgerliche) Öffentlichkeit zu tragen und dort Momente einer Delegitimierung der herrschenden Ordnung zu bewirken. Außerdem sind gerade für Teilöffentlichkeiten und Subkulturen funktionierende Kommunikationsstrukturen überaus wichtig: Eigene Medien machen den Raum auf, in dem Abweichendes und Alternatives gedacht und diskutiert werden kann.

Es gilt aber, die Beschränktheit einer solchen Funktion von Medien zu reflektieren und auf Möglichkeiten und Spielräume sozialen Handelns außerhalb der virtuellen Welt der Medien zu ringen (Catchen? Boxen? Aikido?). Eine gesellschaftsverändernde soziale Praxis bedarf der konkreten Utopie von einer anderen Gesellschaft, und diese entsteht nicht auf medialer Ebene. Gesellschaftliche Veränderung beginnt auch und in erster Linie im sozialen Alltag. Die Utopie einer anderen Gesellschaft läßt sich nicht in Buchstaben, sondern allenfalls in kulturellen Formen artikulieren, nicht als fertiger Text, sondern stets fragmentiert und unvollständig. Und in einem solchen Kontext haben die linken Medien einen wichtigen Platz, auch wenn derselbe den Machern (welche bekanntlich gerne große und weitreichende strategische Gedanken formulieren) nicht behagen mag. Als Selbstver-

Das Oster-Mochant 1950 ...

Zeichen der Basilika von Notre Dame, klagte ich die universelle katholische Kirche des tödlichen Mißbrauchs unserer lebendigen Kräfte für einen leeren Himmel an“. Er schloß seine Ausführungen mit den Worten: „In Wirklichkeit sage ich Euch, Gott ist tot!“ Es dauerte einige Minuten, bis die versammelte Gemeinde verstanden hatte, was da vor sich ging. Der vermeintliche Priester entkam durch eine Hintertüre aus der Kirche, jedoch stellte ihn der rasende Kirchen-Mob an den Quai und versuchte, ihn zu lynchen. So war Michel Monrre gezwungen, sich der Polizei zu ergeben, um seinen Hals zu retten. Allerdings besagt ein

ständigungsmittel sind linke Medien unverzichtbar. Gemessen an alten Illusionen mag das wenig sein. Mehr als nichts ist es allemal.

Das Konzept Kommunikationsguerilla steht daher nicht im Widerspruch zu einer Praxis der Gegenöffentlichkeit. Eher ergänzen sich beide Konzepte gegenseitig. Denn was nützen Methoden und Praktiken subversiver Kommunikation, wenn keine Denkangebote vorhanden sind, die sich den hegemonialen gesellschaftlichen Vorstellungen entgegenstellen? Und was bringt eine Politik der Gegenöffentlichkeit, wenn sie keine Ausdrucksformen findet, die gehört und zur Kenntnis genommen werden. Kommunikationsguerilla kann lediglich versuchen, den hegemonialen Konsens aufzubrechen und offene Kommunikationssituationen zu schaffen. Sie ersetzt keine inhaltliche und organisatorische Arbeit, keine Antifa-Aktionen und auch keine eigenen Medien. Basta!

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Das Oster-Hochamt 1950 .

Gerücht, daß dieses Osterhochamt letztlich auch bei den Lettristen für Verwirrung sorgte: Angeblich war der falsche Priester von seinem Auftritt so beeindruckt, daß er sich schließlich doch noch in den Schoß der heiligen katholischen Kirche begab.

Das wilde

Lachen

Über die

subversive Macht
der Ambivalenz

Die Autorität hat eine Nase aus Wachs, man kann sie beliebig verformen.

Alain de Lille, 12. Jh.

Sichern Sie sich bei der Apokalypse den Platz in der ersten Reihe.

Werden Sie Luther Blissett.

Luther Blissett, 20. Jh.

Es ist ein Text, ein Sprechen über das Lachen: ein gefährliches Lachen, riskant für die Lachenden, bedrohlich für die herrschende Ordnung. Doch die hoffen, hier Grund zum Lachen zu finden, verstehen es falsch: Dieses Sprechen erklärt und rationalisiert; es bindet das Lachen in eine vernünftige Ordnung. Aber wer in dieser Ordnung verharrt, kann das Wilde Lachen nicht verstehen. Deshalb: Wenn ihr den Text gelesen habt, zerreißt ihn, bastelt Papierkronen daraus und schreibt NEURONOMICON darauf. Oder nehmt die Zettel, verseht sie mit den Namen der sieben wichtigsten Industrienationen in alphabetischer Reihenfolge und hängt sie umgedreht aufs Klo. Rezitiert dabei von rückwärts eine Denkschrift der Bundesregierung zur Sicherung des Standorts Deutschland. Tut, was immer ihr wollt. Aber wehe denen, die dabei lachen!

Denn es gibt nichts zu lachen. Die Erde fiebert. Ozonloch und schmelzende Polkappen sind die Vorboten einer globalen Klimakatastrophe. Die Artenvielfalt verringert sich in alarmierender Weise, die Wälder sterben. Die Erdbevölkerung explodiert, die Energie- und Wasservorräte werden knapp, die Umweltverschmutzung nimmt dramatisch zu.

Abermals steht die Zeit im Zeichen der apokalyptischen Reiter: Tod, Krieg, Hungersnot und Seuchen überziehen die Kontinente. Aids, Allergien, Rinderwahnsinn und neue Viren bedrohen die Körper; Pest und Cholera sind wieder auf dem Vormarsch.

Die Gesellschaft bricht auseinander. Die Familien zerfallen. Sekten und Okkultismus, Ketzer und Hexen treiben ihr Unwesen. In den Medien, in den Schulen und auf den Straßen nimmt die Gewalt überhand. Organisiertes Verbrechen, Atomschmuggel, Überfremdung und Verkehrskollaps bedrohen den Standort Deutschland. Renten, Pflegekosten, Krankengelder, Sozialleistungen werden unbezahlbar.

Die abendländische Rationalität ist an ihre Grenzen gestoßen. Kirche und Wissenschaft befinden sich in einer tiefgehenden Krise. Nur noch wenige glauben daran, daß die Erde der Mittelpunkt des Universums ist. Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen entdecken das Chaos, die Philosophen läuten das Ende der Moderne und der Geschichte ein.

Wie macht man einen psychischen Angriff auf LutherBlissett ?

1. Psychische Angriffe sind nicht ohne Vorläufer, sie haben ihre Wurzeln in einer Reihe alternativer Traditionen des Arbeiterkampfes. Im 19. Jahrhundert pflegten die streikenden Arbeiter der Piemonteser Textilindustrie sich mitten in der Nacht vor den Häusern von Streikbrechern zu versammeln und „Miserere“ zu singen. Das erschreckte diese mit Sicherheit zu Tode. 1967 machten die Yippies einen Versuch, das Pentagon zum Schweben zu

Die Ordnung

der Angst

Gleichgültig, ob diese Bilder aus Zeitungen, Politikerreden, Expertenstellungnahmen oder Esoterikblättern stammen, ob sie Ausdruck gegenwärtiger oder mittelalterlicher Ängste oder beides sind: Die Sprache der apokalyptischen

Bilder ist die Sprache des Mythos. Sie erzählt von der allumfassenden Bedrohung, vom Ende der bekannten Ordnung der Dinge; sie beschwört die dumpfe Angst vor dem Weltuntergang. Alle realen Ängste werden zu Zeichen, die auf die eine, die allumfassende, die Kosmische Angst hinweisen: In den konkreten Ängsten findet der Mythos von der großen Bedrohung seine Bestätigung.

Die Kosmische Angst verwandelt die kleinen Ängste des Alltags. Sie sind nicht mehr Anlaß zum Protest, nicht mehr Ursache für politische Forderungen, nicht mehr Grund zum aktiven Handeln, noch Quelle des Wunsches nach Veränderung. In der Ordnung der Angst haben konkrete Mißstände keinen Namen mehr. Was auch immer zu kritisieren wäre, ist nur konkreter Ausdruck der übergreifenden und abstrakten Bedrohung; der Blick auf diese Bedrohung, der Blick der Kosmischen Angst, ist der lähmende Blick auf die große Schlange. Sie nährt sich vom Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit der einzelnen. In ihrer Ordnung verliert der Wunsch, das eigene Leben bewußt zu gestalten, jeglichen Sinn. Selbst für die kleinsten reformistischen Forderungen, und sei es nur die nach einer funktionierenden Rentenversicherung, ist in dieser Ordnung kein Platz.

Schutz vor der allumfassenden Bedrohung scheinen allenfalls noch die stärksten Bollwerke zu bieten – die Kirche des Mittelalters, der Staat der Gegenwart. Bei den großen Institutionen der Macht suchen die Menschen die letzte, wenn auch stets gefährdete Zuflucht: Nicht durch Protest oder durch Vertrauen in die eigene Kraft, sondern durch Identifikation mit der Macht dämmen sie ihre Angst ein. Angst vor Gewalt? Der Staat vergrößert die Befugnisse der Polizei, Angst vor Aids? Der Staat rät zu Monogamie. Angst vor der Rezession? Der Staat spart für alle. Die Verwaltung der Angst wird dem Staat anvertraut, und im Angesicht dieser unermeßlichen Erleichterung werden Kleinigkeiten wie der Sozialabbau gerne in Kauf genommen.

Doch ist es nicht der Diskurs der Macht selbst, der den Mythos der Kosmischen Angst erschafft, ist er es nicht, der die Konjunktur der Angst bestimmt? Die Macht erklärt, wo Gefahr ist, und sie schafft das Rettende gleich mit. Sie festigt die gewohnten Muster, bindet die Angst in ‚sichere‘ Diskurse ein und stellt neue bereit. Die Ordnung der Angst verleiht Unterdrückung und Gewalt, die von den Institutionen der Macht ausgehen, einen Sinn. Nur die Macht bietet Sicherheit: So ist ihr Handeln stets gerechtfertigt. Ob Rezession mit der Abschiebung politischer Flüchtlinge beantwortet wird, Gewaltverbrechen mit dem Ruf nach Kontrolle der Medien, oder die Angst vor Krieg mit Kommunistenhetze –

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

bringen, um die bösen Geister des Militarismus und Nationalismus zu vertreiben. 1993
boykottierte die Neoist Alliance ein Stockhausenkonzert in Brighton, Großbritannien, indem
sie einen psychischen Angriff durchführte und den Konzertsaal zum Schweben brachte.
Diese Technik der Telekinese-Guerilla wurde in letzter Zeit von Luther Blissett
perfektioniert. Die folgenden Hinweise stellen eine grundlegende Anleitung dar.

all dies hat seine Logik in der Ordnung der Angst; „Die berechtigten Ängste der Bürger müssen berücksichtigt werden.“

Tanzen mit Ironie und Satire, Spielzeuge des Intellekts, spielen mit den konkreten Ängsten
dem Vulkan: ihr kritisches Spiel. Auf der Hochebene des Denkens entlarven sie den Mythos
Das Wilde als Lüge, decken seine Widersprüche auf. Aber das Lachen über Satire bleibt
Lachen begrenzt, intellektuelle Grenzüberschreitung, zu schwach, die zugleich
umfassende und unausgesprochene Ordnung der Angst zu erschüttern. So wird
es schon in den Schulen gelehrt, muß doch Satire stets versuchen, „durch die Darstellungs-
weise dem Leser die durch den dargestellten Gegenstand ausgelöste Unlust erträglich zu
machen“. Wie ist es, wenn die Leserschaft der taz über eine Fotonmontage von Kohl als
Sozialhilfeempfänger lacht: sie bestätigt sich ihr Wissen, daß der Aufruf vom Gürtel-enger-
Schnallen nicht an alle gerichtet ist. Doch die Kraft von Gefühlen, von der subjektiven
Angst vor der Angst wird so nicht gemindert. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, sagen
selbstgerecht die Spaß-muß-sein-Jünger und lachen ein freudloses oder schadenfrohes
Lachen. Indem sie die Angst betäuben, liefern sie sich der Angst vor der Angst aus.

Wer sich kleinmütig mit der Macht identifiziert, tanzt überhaupt nicht. Wer wie
die resignierenden Zyniker AUF dem Vulkan tanzt, ignoriert das Beben der Erde. Doch im
Angesicht der Angst gibt es auch den Tanz MIT dem Vulkan. Sein Name ist: Das Wilde
Lachen. Wo die Krise zum Alltag gehört, entsteht ein Wissen, das den Mythos der Angst
überschreitet. Selbst vor die Angst gestellt, als Intellektueller während der Stalin-Ära aus
dem Zentrum der herrschenden Kultur an deren Rand verbannt, fand der russische
Lachforscher und Literaturwissenschaftler Michail Bachtin eine solche subversive Haltung
im karnevalskes Lachen der Renaissance. Aus der Marginalperspektive erkannte
er die emanzipatorische Kraft des vom Zentrum Wegdrängenden, die sich im
Lachen des Renaissance-Karnevals manifestierte. Dieses subversive Lachen
erschallt nicht im Zentrum, sondern an den Rändern der herrschenden Ordnung.

Bachtin, Michail:
Rabelais und
seine Welt.
Frankfurt 1987.

Zu einer Zeit, als die Welt kopfstehend schien, die Erde aus dem Zentrum des
Universums weggerutscht war, die einige und unteilbare Kirche sich gespalten hatte, die
Strukturen der Gesellschaft sich umwälzten, verachtete der Karneval der Renaissance das
mythische System der Kosmischen Angst. Wenig hat das derbe Lachen dieses Karnevals mit
seiner Betonung sämtlicher Funktionen des Körpers und seinen deftigen Beschimpfungen
mit den eingezäunten, folklorisierten und disziplinierten Formen von Karneval und
Fastnacht zu tun, die wir heute kennen. Und was hätte eine Kommunikationsguerrilla mit
der Langeweile der MainzBleibtMainzer zu schaffen?

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

2. Macht euren Angriff mit Flugblättern, Presseerklärungen, Plakaten und allen anderen
notwendigen Mitteln publik. Wählt ein sensationelles Ziel, aber seid in euren Aussagen nie
vorhersehbar. Wenn ihr auf die Pauke haut, habt ihr die Chance, die Aufmerksamkeit der
Medien auf eure Aktion zu ziehen. Luther Blissett hat es öfter geschafft, Probleme, Zweifel
und Schwierigkeiten aufkommen zu lassen, als ihr euch vorstellen könnt.

Eines ist klar: Eulenspiegel möchte die Herren nicht, aber auch nicht die Handwerker. Till Eulenspiegel ist eine historisch überlieferte Gestalt, die als „Spaßvogel, reiner Tor, Zyniker, Wahrheitsfanatiker und Weiser“ gilt. Wir dagegen erfinden ihn als den ersten Kommunikationsguerillero.

Denn es hat insbesondere in Deutschland Methode, Unliebsames und Infragestellungen von Macht als Narretei abzutun. Gerade Till Eulenspiegel wurde zu einer Witzfigur verharmlost, und bis heute ist der Vorwurf hofnässischer Klamaukmacherei bevorzugt aus den Reihen der „aufgeklärten Kritik“ zu hören. Damit macht sie sich einmal mehr mit der Macht gemein, die zu allen Zeiten versucht(e), radikalere Kritik als lächerlich erscheinen zu lassen.

Till Eulenspiegel soll gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Knetlingen bei Braunschweig geboren worden sein. Die älteste erhaltene schriftliche Überlieferung geht auf das Jahr 1515 zurück, in der der Eulenspiegel-Gestalt nachgesagt wird, daß der tölpelhafte Bauer durch die Lande gezogen sei und sich als Hofnarr des polnischen Königs Kasimir hervorgetan habe. Die Legende besagt außerdem, daß Eulenspiegel von allen verspottet und gepeitst worden sei und daraufhin den Spieß umgedreht habe. Meist werden dabei Situationen überliefert, in denen er mit Wortwitz die Lesart seiner Handlungen selbst bestimmt:

Als Eulenspiegel versprach, für 200 Gulden dem Landgrafen von Hessen meisterliche Bilder in sein Schloß zu

Doch das Lachen der Gaukler, Schelme und Narren, die Possen und Eulenspiegeleien, das wilde und zügellose Lachen über die ganze Welt kann einer solchen ‚Guerilla‘ vieles zeigen: Gegen die Ordnung der Eindeutigkeiten und Sicherheiten mit ihren Ausschließungsprozessen schafft der Große Karneval mit Genuß eine Kultur der Ambivalenzen. In der Vieldeutigkeit finden sich Ausgangspunkte für emanzipatorische Veränderung des Bestehenden.

Bachtins Beschreibung zeigt, wie das Lachen dieses Karnevals in die herrschenden Zeichensysteme, in die kulturelle Grammatik einer Gesellschaft in der Krise eingreift: Wandel und Krise werden als primäre Lebensbedingungen erlebt, sie verschwinden zwar nicht, doch ihr magischer Bann ist gebrochen. Die Macht verliert, wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum, ihre Funktion als Verwalterin der Angst. Denn das, wovor sie Schutz bieten will – das Auseinanderfallen der göttlichen Schöpfungsordnung – wird in unzähligen Karnevalsspielen und -messen auf den öffentlichen Plätzen dargestellt und von unbändigem Lachen begleitet. Dort sprechen lachende Stimmen aus, was nicht gesagt werden darf: Die Welt ist tatsächlich aus ihren Fugen geraten, alles könnte ganz anders sein, als es erscheint, alles ist ganz anders: Der Tod geht in Gestalt einer alten Frau schwanger, die Hosen werden auf dem Kopf getragen, die Knechte werden zu Herren. Niemand braucht mehr die Macht, denn die Unordnung wirkt zugunsten der einfachen Leute.

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

3. Auch Leute, die nicht physisch bei der Aktion anwesend sind, können am Psychischen

Angriff teilnehmen, obwohl die Effektivität einer Aktion von der Sichtbarkeit der

parapsychologischen Krieger abhängt.

malen, verpasste er den halben Lohn innerhalb einer Woche. Da er aber des Pinselfruchts ganz und gar nicht mächtig war, zog er sich folgendermaßen von der Affäre: Er führte nach Abschluß der ‚Arbeiten‘ dem Landgraf sein nicht vorhandenes Werk vor, nicht ohne ihn jedoch zuvor darauf hingewiesen zu haben, daß nur derjenige die Bilder auch sehen könne, der ordentlich ehelich geboren worden sei. Narrenfiguren wie der Eulenspiegel (und der o Schuft ) zeichnen sich durch ihr Bemühen aus, Dienst nach Vorschrift, Recht nach den Buchstaben des Gesetzes und Verständnis nach der formalen Definition von Begriffen zu praktizieren. Sie lassen sich diese Vorschriften, Gesetze und Definitionen in aller Bescheidenheit von der Gesellschaft vorgeben und erlauben es sich, „unser alltägliches Tun und Treiben, unsere selbstverständlichen Urteile und Rechtfertigungen ganz ernst zu nehmen. Und das heißt, sie wortwörtlich zu nehmen.“ Eulenspiegels Erfolge beruhen auf hervorragenden Kenntnissen der o kulturellen Grammatik und auf seiner Fähigkeit, die Bedeutung scheinbar eindeutiger Aussagen unversehens zu verschieben:

Eulenspiegel wird von seinem Landesherrn bei Androhung härtester Strafen zum Verlassen des landesherrlichen Grund und Boden verurteilt. Kurz danach stellt der Landesherr Eulenspiegel auf einem mit Erde beladenen Eselskarren. Als er nun Eulenspiegel aufgrund des höchstrichterlichen Urteils

Brock, Bazon: Strategie der Affirmation. ‚Besetzung‘ und ‚Bilderkrieg‘ als affirmative Strategien. In: Ders.: Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Die Gothsucherbande. Schriften 1978-1986. Band VIII, Teil 5. Köln 1986, S. 293-303. u. Aller gefährliche Unsinn entsteht aus dem Kampf gegen die Narren oder Eulenspiegel als Philosoph... ebd. S. 287-292.

Dieses unbändige Wilde Lachen entzieht sich den Ängsten nicht, es packt zu, nimmt sie aus der mythischen Ordnung der Kosmischen Angst heraus und verlächt die ganze Welt: die Obrigkeit, die eigenen Eitelkeiten, Normalitäten und Ängste. Es bricht aus der beängstigenden Unsicherheit aus und überschreitet die Grenze des Raums, in dem die Möglichkeit der Befreiung aufscheint. Und diese Möglichkeit entsteht im Zeichen der anderen, der ‚verkehrten‘ Welt.

Die Wahl der Narrenkönigin, die derben Witze von der Kanzel, die momentane Umkehrung sozialer Hierarchien und göttlicher Werte, das ritualisierte o Crossdressing , all das zeigt für Bachtin ein „Wissen um die Möglichkeit einer vollständigen Abkehr von der gegenwärtigen Ordnung“. Das Lachen des Großen Karnevals ist noch keine Forderung nach sozialer Verbesserung, nach Revolution. Doch stimmt es der herrschenden Ordnung nicht zu: Zwar mag, wer das Lachen des Karnevals oder die Haltung des Wilden Lachens am modernen Konzept des sozialen Protestes mißt, sie als affirmativ bewerten, sie sogar als Verrat verstehen, das den gesellschaftlichen Druck erträglich macht. Doch ihre subversive Kraft liegt vor dem Reich des sozialen Protests, des Kampfes um Arbeiterrechte, vor Streiks und Demonstrationen. Griff der soziale Protest des 19. und 20. Jahrhunderts über einzelne Bestandteile der hegemonialen Ordnung die Klassengesellschaft an, so stellte der Karneval

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

4. Zum festgesetzten Zeitpunkt begeht euch einzeln oder in einer Gruppe vor das Ziel, visualisiert eure Feinde mit gebrochenem Hals. Wenn ihr das zu schwierig findet, verbrennt stattdessen ein Photo der Zielpersonen, während ihr mörderische Gedanken auf ihr Bild projiziert.

belangen will, entgegnet ihm Eulenspiegel, daß er sich völlig an den Wortlaut des Urteils gehalten habe. Die Erde auf dem Karren sei fremde Erde, und der Karren gehöre ihm – Eulenspiegel.

Eulenspiegel weiß nur zu genau, wie die Macht mit denen umspringt, die sich ihr entgegenstellen. Die Schwachen haben keine andere Möglichkeit, der Macht entgegenzutreten, als deren Ansprüche soweit auf die Spitze zu treiben, daß sie sich gegen die Macht selbst wenden (► Subversive Affirmation).

Wo Eulenspiegel auftauchte, warnten die Eltern vor ihm, sein schlechter Einfluß mache die Kinder wollüstig, und die ehrenwerte Gaucklergilde wollte mit einem, der sie mit seinen Kunststücken verspottete, auch nichts zu tun haben. Alsbald nahmen die Buchschreiber diesen Disput auf. Für die einen ist der gute Eulenspiegel der, der konstruktiv das Denken und Handeln der Menschen beeinflußt, bei den anderen bleibt er die moralisch verwerfliche Gestalt, die nichts anderes im Sinn hat, als Unruhe und Zwietracht unter das Volk zu bringen.

Die Figur des Eulenspiegel, der, so er denn gelebt hat, wohl ein ziemlicher Halsabschneider, Schurke, Gauner und Betrüger war, findet seit nunmehr 450 Jahren ihren Niederschlag in der Literatur. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts arbeiten die Erzählerinnen an einer Umwertung des Eulenspiegels, der nunmehr eher zur Erheiterung als zur Abschreckung dienen soll. Heute dürfen sogar die Kinder in der Theater-AG der Schulen das Leben des Eulenspiegel nachspielen. ◉

der Renaissance die symbolische Ordnung der Welt im Ganzen in Frage: Er nahm dem mythischen System der Kosmischen Angst mit seinem Katalog von Sanktionen (Himmel, Hölle und Fegefeuer) und Bußritualen, wenngleich nur für begrenzte Zeit, seine Unantastbarkeit.

Noch nicht um die Durchsetzung einer besseren Ordnung ging es dabei, sondern darum, die bestehende Normalität der Welt ins Absurde zu überführen. Die Stilmittel des Karnevalessen sind groteske Verschiebungen des Bestehenden. Nicht eine einfache Umkehrung der Machtstrukturen macht die ‚verkehrte Welt‘ des Großen Karnevals aus. Die Verschiebung, durch die sie entsteht, überschreitet die Strukturen der Macht ebenso wie deren Umkehrung. Sie zieht die ganze herrschende Ordnung der Welt in den Strudel des Wilden Lachens. In diesem Lachen öffnen sich die Diskurse, lösen sich unumstößliche Wahrheiten auf, erhalten die Dinge neue und vielfältige Bedeutungen: Der Große Karneval propagiert die Wahrheit der Relativität der Wahrheiten. Die Lachende bewegt sich in einer Zwischenwelt, in der sie sich weder vollständig an die restriktive Kultur anpaßt noch zum offenen Angriff übergeht. Wenn die Zeit reif ist, wird sie sich entscheiden können. Noch gibt sie das Leben nicht auf, das sie nur innerhalb der bestehenden Welt fortführen kann, aber sie verzichtet auch nicht auf die Ahnung einer anderen im Spiel der karnevalessen Verkehrung.

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

5. Hebt die Arme über den Kopf, so daß sich Ellenbogen und Fäuste berühren, und stellt euch breitbeinig hin. Laßt die Fäuste während des Angriffs zusammen. Atmet tief ein und dann aus, während ihr das Wort „Kassandraru!“ ausstoßt. Wiederholt das dreizehnmal. Jetzt seid ihr bereit.

Dort regieren Anti-Hierarchie und fröhliche Relativität der Werte, heitere Anarchie und Verspottung aller Dogmen; dort zeigt sich die Vielzahl der Perspektiven. So legt das Lachen eine zweite Ordnung über die Welt, und diese zweite Ordnung ist den Menschen ebenso verständlich wie die offizielle, gewohnte und alltägliche. Die Haltung des Wilden Lachens selbst ist noch kein Aufruhr gegen die Macht, aber sie macht den Aufruhr möglich.

Bachtin beschreibt den Karneval der Renaissance nicht als Gegenkultur, sondern als „hybride Kultur“, die mit der offiziellen Kultur im Austausch steht, sich zugleich von ihr abgrenzt und mit ihr verschwimmt. Er geht von einer unauflösbaren Verflechtung von Karneval und parodierter, grotesker Version von offizieller Kultur aus. Das Wilde Lachen ist zugleich innen und außen, es ergreift Elemente der herrschenden Ordnung und setzt aus ihnen ein neues Volkssystem zusammen, eine neue Erklärung der Welt. Gerade das Hybride des Karnevals treibt den einen Sinn, auf den die Kultur der Eindeutigkeiten baut, auseinander. Weil das Lachen und die Groteske mit der offiziellen Kultur verschmelzen, lassen sie sich nicht einfach verbieten, aus dem Verkehr ziehen, eliminieren. Gerade in der Verschmelzung von Volkskultur und Hochkultur wittert der alte Mönch Jorge von Burgos in Eco's „Der Name der Rose“ Gefahr: „Würde jedoch eines Tages jemand die Kunst des Lachens zur schneidenden Waffe schmieden, würde alsdann die Rhetorik des Überzeugens ersetzt durch eine Rhetorik des Spottens ..., dann würde der Furz und der Rülper sich anmaßen, was nur allein dem Geist gebührt, nämlich zu wehen, wo er will.“

Eco, Umberto:
Der Name der
Rose.
München/Wien
1986.

Das Wilde Lachen mußte und muß von der Macht immer wieder unterbunden werden, denn ihre Sprache funktioniert nur dann, wenn ihre geschlossenen Diskurse voll ungeheurer Bedrohungen, einziger Lösungen (heutzutage: Sachzwänge) und eindeutiger Wahrheiten ernst genommen werden. Das ist der Grund, weshalb die Katholische Kirche, die alleinseligmachenden Wahrheit in der Renaissance, immer wieder versuchte, den Karneval zu verbieten: „Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muß die Freiheit des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muß erniedrigt und eingeschüchtert werden durch Ernst.“ (Eco 1986) Deshalb muß bei Eco der alte Jorge als Bewahrer der Macht zum Lachfeind werden. Und deshalb wurde Kosje Koster in den Amsterdamer Provo -Jahren verhaftet, nur weil sie Rosinen an Passanten verteilt hatte – eine von vielen scheinbar harmlosen und in ihrer Lustigkeit gefährlichen Aktionen, die zusammengenommen den Zweifel an der eindeutigen Richtigkeit der Ordnung der Dinge geschürt hatten. Das Wilde Lachen ist gefährlich – für diejenigen, die es leben, aber auch für die Macht.

Der Gott des Mittelalters wie der ‚Standort Deutschland‘ der Gegenwart sind Zeichen für die Angst des Knechtes vor dem Herrn, Signifikanten für die mythische Ordnung

PROVO

Wie macht man einen psychischen Angriff ...

6. Richtet eure Blicke auf das Ziel oder in dessen Richtung. Summt laut die Silbe „Ohw“, bis ihr euch erleuchtet fühlt. Wenn ihr ein Gefühl der Atemnot bekommt, laßt euch nicht beunruhigen. Es ist nicht gefährlich, weiterzumachen, aber auch wenn ihr aufhört, könnt ihr sicher sein, daß der psychische Angriff zumindest teilweise erfolgreich war und die Zielpersonen durch diese Aktion demoralisiert wurden.

der Angst. Aus dem verschollenen Buch über das Lachen, um das sich Ecos Roman spinnt, könnte „das neue und destruktive Trachten nach Überwindung des Todes durch Befreiung von Angst entstehen“. Das Wissen um das Wilde Lachen muß daher im Roman geheim bleiben – und vielleicht ebenso in der Wirklichkeit unserer Welt.

Zwar darf offiziell gelacht werden, zu Mainz und anderswo. Doch streng bleibt dort das Simulakrum von „Spaß muß sein“, Vergnügung und Heiterkeit getrennt von Leiden, Krieg und Tod: Die Welt der Ambivalenzen und Unsicherheiten hat keinen Platz im Treiben des gegenwärtigen Karnevals noch im bunten Theater der 57 Fernsehkánäle. So wurden im Jahr des Golfkriegs, als nicht nur in den Medien das große Ritual der Kosmischen Angst beschworen wurde, die Karnevalsfeiern abgesagt. Die Feiern mußten nicht verboten werden, denn in jedem einzelnen Faschingfreund sprach die Stimme der Moral und verbot die ungebührliche Vermischung von Lachen und Leid.

Im Zeichen des Wilden Lachens wäre das Wissen um ein derartiges Endzeitereignis vielleicht Anlaß gewesen, den ekstatischsten, auserfernsten Karneval aller Zeiten zu feiern. Denn das wilde Lachen bezieht sich auf die ganze Welt und schließt Tod, Leid und Unterdrückung ein. Es überschreitet die Grenzen der Angemessenheit.

Das Wilde Lachen ist kollektiv; der Karneval des Wilden Lachens gleicht einem Schauspiel ohne Bühne, in dem die Zuschauer spielen und die SchauspielerInnen zuschauen. Im Wirbel des Wilden Lachens lösen sich die Grenzen zwischen den einzelnen auf. Dies war zu spüren, als 1975 in Bologna der Große Karneval ausbrach, ungestüm, gewalttätig und zügellos: Das Fest der Krise und gegen die Krise war wieder da, befreit aus dem Korsett der Folklore, voller Aufässigkeit, Rebellion, Zügellosigkeit und Liederlichkeit. Auch wenn es wieder verschwunden ist – im kollektiven Gedächtnis hat es seine Spuren hinterlassen.

Und die Mißachtung der kulturellen Ordnung, die die Rhetorik des Überzeugens der des Spottens vorzieht, kam zum Ausdruck, als junge Menschen eine Veranstaltung der Republikaner nicht militant störten und auch keine Flugblätter verteilten, sondern einfach in nächster Nähe ein rauschendes Fest feierten.

Nicht das satirische Lachen, nicht das bittere Lachen des Wir-haben's-ja-gewußt oder das dumpfe Spaß-muß-sein bringt Mut und Gelassenheit, nicht das überhebliche blind-sind-die-anderen-Lachen gefährdet die Ordnung der Dinge. Solange Lachen für die linke politische Praxis bestenfalls ein Bonbon ist, mit dem sich die geplagte Aktivistin den Feierabend versüßt, ist es für niemanden bedrohlich und auch für die Lachenden nicht gefährlich. Aber wenn die Haltung des Wilden Lachens Teil allen Handelns und Denkens wird, wenn das Lachen aus seinen eingezäunten Reservaten ausbricht und die symbolische Ordnung der Dinge angreift, entfaltet es seine subversive Kraft: Dann ist eine Spaßguerilla

Wie macht man einen psychischen Angriff .

7. Die Aktion muß durch Luther Blissett ausgerufen und legitimiert werden, aber ihr könnt dazu einfach mich, Luther, uns oder euch selbst anrufen.

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„Was ist Dada? Eine Kunst? eine Philosophie? Eine Feuersicherung oder Staatsreligion? Ist Dada wirkliche Energie? Oder ist es gar nichts, d.h. alles?“ Zumindest eines ist sicher: „Dada“ ist ein „haarstärkendes Kopfwasser“ der Firma Bergmann & Co aus Zürich.

Der Dadaismus wurde 1916 in einer kleinen Zürcher Kneipe, dem Cabaret Voltaire, begründet. Sie befand sich nur einige Häuser von Lenins damaliger Wohnung entfernt. Allerdings: Der Konflikt zwischen antiautoritärer Praxis und Leninismus wurde auf später verschoben; es gibt keinen Hinweis darauf, daß die damaligen Protagonisten voneinander Kenntnis genommen hätten. Dadaisten gab es in Berlin, Köln, Hannover, Paris und anderen europäischen Großstädten. Die Erfindung einer kleinen Gruppe wurde zu einer bekannten künstlerischen Strömung. Als solche betrieben sie das bekannte Spiel der Spaltungen, Polemiken und Flügelkämpfe, das später von den Situationisten (o Situationistische Internationale) und o Wissen perfektioniert wurde.

Es fällt schwer, bei einer Betrachtung der Dadaisten nicht in Beschimpfungen auszubrechen: Die Zürcher waren ein Haufen bürgerlicher Narzisten, die auch noch ihre blödesten Ideen für großartig hielten. Kurt Schwitters war ein angepaßter Saubermann, und Max Ernst glänzte in erster Linie durch seine galleriefreudigen Polemiken gegen die Berliner Dadaisten – von denen ja zumindest einige ihre Kunst konkret mit politischen Ideen verknüpften. Kurz –

des Wilden Lachens mehr als nur belangloses Spiel, dann wäre die Stätte der Veränderung bereitet. Wie eine solche Haltung schaffen, wie den Großen Karneval beschwören? Wer am Ende keine Antwort wünscht, mag sie am Anfang suchen.

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ist à Fr. 3.– erhältlich in besseren Coffeegeschäften sowie in der Parfumerie

Bergmann & Co., Zürich
Bahnhofstrasse 51

Schuhmann, Klaus
(Hg.) Sankt
Ziegenack springt
aus dem Ei.
Texte und Bilder
zum Dadaismus in
Zürich, Berlin,
Hannover und
Köln. Leipzig.
Weinmar 1991.

der Dadaismus und die meisten seiner Vertreter waren allem Anschein nach weder besonders solida-
risch mit irgendwem noch Pazifisten oder Revolutionäre, als die sie die Kunstgeschichtsschreibung
gerne darstellt.

Dennoch: Die Dadaisten wirkten revolutionär. Sie formulierten eine Kunstkritik, die über Differenzen in
Stil oder Mal- und Schreibweise weit hinausging und eine grundlegende Gesellschaftskritik beinhaltete. Gegen den Sinn der Kunst setzten sie die Poesie des Zufalls und erhoben die Verwertung von Fun-
den, die sie im alltäglichen Leben machten, zum künstlerischen Prinzip. Daraus entstand beispiels-
weise das Simultangedicht, das von mehreren gleichzeitig gedichtet und vorgetragen wird und aus
Silben, Geräuschen, Geheul und Gejaule bestehen kann. Die Dadatheorie besagt denn auch: „Der

Gegenpol von Sinn ist nicht Unsinn, sondern verdrehter Sinn“, und sie formulierte damit eine erste Variante des
Kommunikationsguerillakonzeptes.

Die Vortragsformen der Dadaisten waren darauf angelegt, das Publikum zu schockieren und zu provozieren. Bluff,
Täuschung und Beschimpfungen führten nicht selten zu Skandalen, was von den Dadaisten wiederum als durch-
schlagender Erfolg gewertet wurde. Im besten Falle entstanden Situationen, in denen Gewaltanwendung von beiden
Seiten nicht mehr auszuschließen war. Das Berliner Manifest verkündete: „Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluff-

Kunstvoll gefälschte und kreativ verfremdete Werbetafeln und Dokumen-
te, Gestaltung des öffentlichen Raums mit künstlerischen Mitteln, theatralische
Einlagen bei Wahlkampfveranstaltungen und im Straßenalltag, Kritik im Gewand
ästhetischer Formen – bei so viel Kunst stellt sich die Frage nach dem Verhältnis
von Kommunikationsguerilla zum Kunstbetrieb und nach ihrem Kunstbegriff.

Kommunikations-

guerilla,
Kunstguerilla
oder was?

Kunst produziert Bedeutung. Je nachdem, wie Kunstwerke im hegemonialen
Diskurs eingeordnet werden, wirken sie affirmativ oder subversiv. Über ihre Qualität sagt
das nichts aus. Kommunikationsguerilla interessiert sich nicht für die Qualität von Kunst
nach den Kriterien der Kunstgeschichte, sondern für die Brauchbarkeit ihrer ästhetischen
Mittel für eine subversive politische Praxis.

Grundlegende Ideen der Kommunikationsguerilla sind in Künstlergruppen wie
der ◉ Situationistischen Internationale entstanden und wurden von ihnen in der Auseinan-
derersetzung mit traditionellen Kunstbegriffen entwickelt und ausprobiert. Daß phantasievol-
le und unkonventionelle Aktionsformen dort und nicht in den Sitzungen und Diskussionen
politischer Zirkel aufkamen, liegt zum Teil in der gesellschaftlichen Verortung der Kunstszene.
Dort ist es möglich, außerhalb eines anerkannten linken Polit-Kanons zu denken und
nichts für unmöglich zu halten; sie bildet im Gegensatz zu den meisten linken Gruppierun-

Polizeiliche Auflösung des dadaistischen Weltkongresses

In zahlreichen deutschen und schweizerischen Tageszeitungen erschien im Januar 1920 der
Artikel eines gewissen K. F., der von unglaublichen Vorgängen auf dem angeblich in Genf
stattfindenden ersten Weltkongreß der Dadaisten berichtete (Serner 1982). Dieser fand
nämlich, so schreibt der Journalist K. F., ein jähes Ende:
„Er wurde polizeilich aufgelöst und wird zweifellos mehreren Teilnehmern ein gerichtliches
Nachspiel eintragen. Und zwar mit Recht. Denn der Scherz (oder die Satire oder der
Schabernack oder die Verrücktheit) war wirklich etwas zu weit getrieben worden.“

fen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang. Draufgänger und Negationisten sein.“
Im Zusammenhang mit der Novemberrevolution am Ende des Ersten Weltkriegs proklamierten die Berliner Dadaisten das Ende der Kunst („Geschossen wird doch“). In einem „karnevalistischen ästhetischen Terrorismus“ sahen sie ihre Phantasie und Wut besser aufgehoben als in der Kunst. Vor allem Grosz und Heartfield aus der Berliner Gruppe entwickelten \circ Montagen und Collagen als gesellschaftskritische Ausdrucksformen.

Die respektlosen Dadaisten warteten nicht sittsam ab, bis ihnen öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurden; sie erfanden einfach Artikel über spektakuläre Dada-Ereignisse und schmuggelten sie unter Pseudonymen in die Tageszeitungen ( \circ Erfindungen). Als einige um die Moral besorgte Hannoveraner Honoratoren 1920 Plakate mit den Zehn Geboten und dem Zusatz „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten“ anbringen ließen, demonstrierten auch Kurt Schwitters auf einem eigenen Plakat virtuose Beherrschung der Reflexivpronomen, indem er eine gewisse Anna Blume liebesbesang: „Du tropfes Tier, ich liebe dir“. Diese virtuelle Person kandidierte später für eine erlundende Partei: „Wählt Anna Blume! M.P.D. = Merz-Partei Deutschland = Mehrheitspartei DADA.“

Wie die Dadaisten letztlich einzuschätzen sind, ist eigentlich gar nicht so wichtig, denn was zählt, ist

Bergius, Hanne
Das Lachen
DADAs. Die
Berliner Dadaisten
und ihre Aktionen.
Werkbund-Archiv
Bd. 19.
Gießen 1993.

Siepmann,
Eckhard:
Die Negation der
Negation als bren-
nender Welt-
nachtsbaum. In:
Ders.: (Red.): Heiss
und kalt. Berlin
1988. S. 64 f.

gen einen Raum, in dem die Kreativität des Denkens und Handelns im Mittelpunkt steht. Innerhalb der immer wieder auf Konsens oder Parteilinie hindiskutierenden linken Gruppierungen wird diese Kreativität durch die Konventionen linken Politikverständnisses oft schon im Ansatz erstickt. „Langeweile ist immer konterrevolutionär“, hatten die Situationisten behauptet. Für sie war Langeweile eine moderne Form von Kontrolle. Sie erlaubten sich, den von der traditionellen Linken mißachteten „Überbau“ aus ihrer eigenen Perspektive zu analysieren: „Das Spektakel“, schrieb Debord, sei „das Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, daß es zum Bild wird.“ Für die SI war im Spektakel Passivität zugleich Mittel und Zweck eines großen verborgenen Projekts, eines Projekts gesellschaftlicher Kontrolle, das keine Schauspieler produzierte, sondern Zuschauer. „Die Entfremdung des Zuschauers zugunsten des angeschauten Objekts drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, umso weniger lebt er, je mehr er sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen akzeptiert, um so weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde“.

Solche Überlegungen, die die Grundlage für situationistische Aktionsformen bilden, entstanden eher aus einer Plünderung als aus einer minutiösen Exegese der Marxschen Schriften. Wie die Situationisten Marx benutzten,

Debord, Guy:
Die Gesellschaft
des Spektakels.
Hamburg 1978.
S. 15.

Dadaistischer Weltkongresses ...

Es kam nämlich zwischen Tristan Tzara, dem Gründer des Dadaismus, und dem bekannten dadaistischen Philosophen Serner zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Serner plötzlich eine Browning zog und vier blinde Schüsse auf Tzara abgab, der sofort geistesgegenwärtig besaß, sofort vom Stuhl zu sinken. Die Folge war jedoch, daß die zahlreich besetzte Galerie, welche nicht daran zweifelte, daß scharf geschossen worden war, eine Panik ergriff, die nur durch das rasche und umsichtige Eingreifen einiger kluger Köpfe noch rechtzeitig eingedämmt werden konnte. Polizeiorgane, die unmittelbar darauf erschienen,

der Mythos Dada, an dem schon in den 20er Jahren die ersten Dadaisten eifrig zu stricken begannen. Die Zerstörung und Neuzusammensetzung des Normalen und Alltäglichen, die rücksichtslose Experimentierfreudigkeit und die Unverschämtheit, mit der die Dadaisten die Medien benutzten, übten eine große Faszination auf spätere politische Bewegungen in Frankreich, Italien, der BRD und den USA aus, die der herrschenden Politik antiautoritäre, libertäre Konzepte entgegensetzten. Auftritte wie der der Lettristen beim Osterhochamt in der Pariser Kathedrale Notre-Dame erscheinen direkt von Baaders provokativen Aktionen im Reichstag, auf der Straße und im Berliner Dom inspiriert. Dort hielt er eine lästerliche Predigt: „Ich frage Sie, was ist Ihnen Jesus Christus? Er ist Ihnen Wurst“.

Parallelen zwischen den Yippies und den Dadaisten bestehen nicht nur in der geschickten Instrumentalisierung der Medien, sondern auch in Aktionsformen der „degradierenden Verherrlichung“ ( Imageverschmutzung ) durch Ernennung von politischen Persönlichkeiten zu Dadaisten bzw. Yippies.

Dada ist Anarchie, ist Zerstören von bürgerlichen Sinnkonstruktionen und das Erfinden eigener Ausdrucksformen. In dieser Lesart war Dada ein historischer Anknüpfungspunkt, den sich 1968 auch die Commune I und später die italienischen Mao-Dadaisten im Umfeld von Pablo-Muse und Traverso-Itali zu eigen machten: „Mao ist ein alter Dada.“ Womit sie natürlich recht hatten.

können Kommunikationsguerillas an die Situationisten anknüpfen. Sie entwenden die situationistischen Aktionsformen und beziehen sich überhaupt nicht auf Kunst, nicht affirmativ und auch nicht durch das Postulieren einer Antikunst. Kommunikationsguerilla ist ein Versuch, linke Politik durch den Angriff auf die ästhetischen Konventionen der Macht zu erweitern. Sie eignet sich die im Rahmen der Kunst-Avantgarde entstandenen Methoden an und entführt sie in Kontexte außerhalb des Kunstbetriebs.

Warum legt eine Kommunikationsguerilla so großen Wert darauf, außerhalb des Kunstbetriebs zu agieren? Warum bieten die Eigenheiten des Kunstbetriebs nicht nur Voraussetzungen dafür, unkonventionelle, möglicherweise sogar revolutionäre Vorstellungen zu entwickeln, sondern bewirken potentiell auch das Scheitern radikaler Kunst?

Der bürgerliche Künstlermythos verkörpert die Freiheit des Individuums, die Idee des Genius, der losgelöst von gesellschaftlichen Beschränkungen nur aus sich selbst heraus arbeitet und dessen Werke rein ästhetisch zu würdigen sind. Deshalb werden politische oder gesellschaftskritische Momente in Kunstwerken in der Regel nicht als Angriff auf gesellschaftliche Zustände rezipiert. Wenn die politische Aussage nicht über ihre Ästhetisierung völlig absorbiert wird, gerinnt sie allenfalls zum Beweis für die selbstkritische Offenheit ihrer RezipientInnen. So bleibt sie nicht nur folgenlos, sondern kann sogar noch dazu bei-

Dadaistischer Weltkongresses ...

räumten den Saal und brachten Serner und Tzara auf das in der Nähe befindliche Kommisariat, von wo sie, nach kurzem Verhör wieder freigelassen, von den auf der Straße wartenden Dadaisten im Triumph auf den Schultern bis zu ihrem Hotel getragen wurden. Tags darauf erschien zur allgemeinen Heiterkeit des Publikums in der ‚Tribune de Genève‘ ein geharnischter Artikel (freilich als bezahltes Inserat). (...) in dem der Öffentlichkeit in einem sehr skurrilen Französisch mitgeteilt wurde, daß der Kongreß in geheimer Sitzung die Resolution gefaßt habe, die Verwendung von blinden Schüssen in dadaistischen Diskussionen

tragen, diejenigen Verhältnisse zu stabilisieren, auf die sie sich kritisch bezieht. Die ideologische Wirkung des Künstlermythos muß nicht von der Künstlerin beabsichtigt sein. Es wäre völliger Blödsinn, sie als bewußte Handlangerin des Kapitalismus hinzustellen. Die Ideologie ergibt sich aus den Bedingungen und Mechanismen künstlerischer Produktion in der Gesellschaft.

Die Weihe kreativer Produkte zu Kunstwerken beruht auf Codes und Über-einkünften, die nur mit einer großen Menge an Bildung ‚verstehbar‘ sind. Eine noch größere Menge an Geld ist notwendig, um sie zu erwerben. Somit braucht man ökonomisches und kulturelles Kapital, um sich als Kunstkennerin und -liebhaber darzustellen. Plakativ gesprochen: Kunst ist nicht frei, sondern ein kapitalistischer Markt, auf dem die Ideologie der Freiheit des Individuums feilgeboten wird. Nichts eignet sich besser als Kunstwerke, um gegenüber weniger privilegierten gesellschaftlichen Klassen den eigenen Status darzustellen und so Distinktionsgewinne zu erzielen. Angehörige der subalternen Klassen können sich das nicht nur nicht leisten, sondern wären nicht einmal dazu in der Lage zu entscheiden, was sie kaufen sollten, um den Effekt der Inszenierung symbolischen Kapitals zu erzielen.

Es stellt sich die Frage, ob diese Einschätzung auch auf die Avantgarden der Kunstszene mit ihren kunstkritischen Konzepten zutrifft. Zwar finden viele Avantgarde-Bewegungen schließlich ihren Platz in der etablierten Kunstszene, doch geht dieser Platzierung zumeist eine Phase voraus, in welcher nur wenig Anerkennung zu holen und eine gesellschaftliche Reputation nicht in Sicht ist. Erklärtes Ziel solcher Bewegungen ist es allemal, den bürgerlichen Kunstbetrieb zu kritisieren, und sie beziehen sich dabei häufig auf extreme politische Labels. Die künstlerische ‚Avantgarde‘ lebt von radikaler Ästhetik; sie grenzt ein Territorium ein, innerhalb dessen Grenzüberschreitungen jeder Art gefördert und regelmäßig dem Blick der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Indem sich noch die radikalste Grenzüberschreitung in den Strukturen des Kunstbereichs rückversichert, wiederholt sich der bekannte Mechanismus: Die hohe Kultur produziert und kontrolliert bis in die Formierungsprozesse von Avantgarde hinein ihre eigenen Subversionen. Die Praxis avantgardistischer ‚Grenzüberschreitung‘ ist im Rahmen der Funktion von Kunst als Produzentin kulturellen Kapitals nicht subversiv, sondern von vorneherein ein integrierter Bestandteil des Kunstbetriebs, der den Marktpreis, das Prestige in der Szene oder die institutionelle Anerkennung erhöht. Die Avantgardekunst ermöglicht Kunstmäzenen eine Abgrenzung von den Mittelschichten, die inzwischen massenweise zu Ausstellungen klassischer moderner Kunst strömen.

Auch die Orte und Kontexte, in denen Kunst zugänglich ist, bestimmen ihre Rezeption. In Museen, Galerien, Konzertsälen und Theatern ist alles möglich; dort kann

Dadaistischer Weltkongresses ...

sei nicht nur erlaubt, sondern sogar, weil erfrischend, erwünscht, allerdings nur unter der Bedingung, daß der Schließende sofort eine völlig neue dritte Meinung annehme. Man darf wahrlich gespannt sein, welcher Meinung die Genfer Gerichte sein werden.“ Der Bericht läßt bereits erraten, daß hier Beitrag im Spiel ist: Zeitungsartikel erscheinen, die keine sind, und dadaistische Beschlüsse werden verkündet, die mit ziemlicher Sicherheit nie gefällt wurden. Was der Beitrag nicht offenlegt, ist, daß Walter Serner ihn selbst unter

Der Neoismus ist ein Experiment zum Thema: „Wie baue ich mir eine Kunstrichtung?“ Neoistinnen dekonstruieren die Mechanismen des etablierten Kunstbetriebs, sie entwickeln eine Methodologie zur Produktion von Kunstgeschichte, indem sie die Techniken künstlerischer Eigenwerbung gekonnt einsetzen und gleichzeitig die Grundlagen des traditionellen Kunstverständnisses ad absurdum führen.

Im Unterschied zu den Situationisten (→ Situationistische Internationale) ist die Selbst-Historiierung bei den Neoisten ein bewußter Prozeß. Noch die kleinste Neoisten-Aktion wird pedantisch dokumentiert, so daß der Kunstbetrieb mit einem eindrucksvollen Stammbaum einschließlich Haupt- und Seitenlinien gefüttert werden kann. Zum Handwerkszeug der Produzenten von Avantgarde-Kunstgeschichte gehören Spaltungen. Und so erklärte Stewart Home nach dem Neoistischen Festival im italienischen Ponte Nossa (1985) die Blütezeit des Neoismus für beendet, andere Neoisten wiederum veranstalteten im Jahr 1997 einen „1. Neoistischen Weltkongreß“ um zu entscheiden, welche Fraktion das größere historische Durchsetzungsvermögen besitzt.

Marchart, Oliver:
Neo-dadaistischer
Retro-Futurismus
oder: wie Stewart
Home die Avant-
garde erfand.
http://
www.t0.or.at/~
oliver/sthome.htm

Als Avantgardekünstler kritisieren die Neoisten den bürgerlichen Geniekuilt, indem sie → multiple Namen propagieren, die von allen kollektiv genutzt werden können. Die Neoisten sind der Meinung, daß kein Autor, auch kein neoistischer Autor, je etwas Originäres geschaffen hat. Deshalb erheben sie den Plagiarismus zum Dogma. Sie klauen,

Neoismus

211

Wann ist Kommunikation Guerilla?

Kunstguerilla oder was?

Radikalität inszeniert und konsumierbar gemacht werden. Der Raum selbst reglementiert das Geschehen und bewirkt, daß der Tabubruch sich darauf beschränkt, den Zuschauerinnen den Genuß des Schockiertwerdens zu bereiten. Dabei kann ihnen nichts passieren, außer daß vielleicht die Krawatte ein paar Spritzer Schweineblut abbekommt; die Konfrontationen mit dem Grauen bleiben ein Schauspiel, und sie haben die Gewißheit, wohlbehalten und gut amüsiert den Heimweg antreten zu können. Selbst alternative Räume, soziokulturelle Zentren, Treffpunkte der Avantgarde, die nicht als bürgerliche Repräsentationsräume dienen und die zum Teil Schauplatz radikaler Politik sind, bleiben auf vielfache Art und Weise mit dem spektakulärem Ausstellungsbetrieb verknüpft. Der Rücklauf an symbolischem Kapital für ihre Betreiber wird selten thematisiert. Wenn beispielsweise der Münchner Kunstverein anläßlich des 20. Geburtstags der Zeitschrift radikal eine Ausstellung veranstaltete, bleibt diese bestenfalls ein Ort des Verweisens, die Ästhetisierung einer Praxis, die anderswo stattfindet.

Künstlerisch artikulierte Kritik innerhalb der Kunstszene versteht sich selbst oft (wie etwa die → Dadaisten ) zugleich als radikale Gesellschaftskritik. Doch ihr Wirkungsbereich ist begrenzt und bleibt einer Struktur verhaftet, in der sich das (Selbst-)Verständnis von Künstlern von vorneherein gerade durch seine Infragestellung reproduziert. „Radikalität“

Dada

Dadaistischer Weltkongresses .

dem Pseudonym K. F. verfaßte. Und was tatsächlich auf dem Kongreß passiert war, so er denn wirklich stattgefunden haben sollte, wird für immer im Dunkel der Geschichte bleiben. Das macht aber gar nichts, denn das ist wahrhaft dada.

Urheberrecht hin oder her, alles, was ihnen gefällt, wie zum Beispiel die Idee eines dreijährigen Kunststreiks, der nicht nur zur Popularität des prominentesten Streikenden, des Londoner Underground-Künstlers Stewart Home beitrug, sondern auch eine breite Diskussion über die Korruptiertheit der Kunst hervorrief.

Das Avantgarde-Genre des Manifests stellt einen Rahmen für absurde Forderungen bereit, die im Duktus der Ernsthaftigkeit vorgebracht werden, etwa nach Abschaffung des Kapitalismus am Sonntag, 24. 3. 1985,

Home, Stewart:
Neoisimus, Pla-
giarismus & Praxis
Edinburgh & San

15.00 Uhr. Diese Ernsthaftigkeit wird häufig durch die Verwendung von Paradoxien konterkariert, auch dies ein erprobtes Stilmittel künstlerischer Avantgardisten: „Alles, was wir durch die Erweiterung unseres historischen Bewußtseins (Situationisten, Dada, Fluxus) erreicht haben, ist die Verdoppelung der Idee, daß unser Glaube an Wandel ganz einfach eins der vielen Dinge ist, die sich niemals ändern.“ In einem ihrer vielen Manifeste fordern Neoisisten die Rückkehr zu vormodernen Werten, Farbfernsehern und fließend warm Wasser.

Andere kombinieren ideologische Versatzstücke von Spießertum und Okkultismus über Sex, Revolutionsromantik und Ökologismen bis hin zum Faschismus (Vgl. a. \circ London Psychogeographical Association). Durch Plagiat und \circ Collage werden Ausgrenzungs- und Reinheitsideologien vielleicht eingängiger ad absurdum geführt, als es politisch-entlarvende Argumentationen könnten. Die Neoisisten treiben vertraute Ideologien in einer Weise auf die Spit-

ist a priori in diese Struktur eingebunden und muß gar nicht erst vereinnahmt werden. Kunstkritik ist so gesehen nichts anderes als der klassische Anerkennungsmechanismus für die Avantgarde im Rahmen des etablierten Kunstbetriebs. Solange die Künstlerin die Kunst zum Hoffnungsträger für eine neue Gesellschaft macht, beruft sich auf eben den Künstlermythos, der Teil der bürgerlichen Gesellschaft ist, oder, wie Hauser formuliert: „Sie [die Kunst] kann die Verurteilung zum eigenen Untergang weder anordnen noch verkünden; tut sie es, besteht sie noch. Das Kriterium ihres Untergangs ist ihre Funktionslosigkeit.“ Auch die Situationistischen Internationale (SI) konnte diesem Dilemma letztlich nicht entkommen, auch wenn sie ihre Kunst als Antikunst auffasste, denn in dem Maße, wie sie die Kunst im Zentrum der Überlegungen beließ, konnte sie sie als Instanz nicht in Frage stellen. Mit ihrem Traum, die Kunst zum Alltag zu machen, hielt sie gerade an den problematischsten Aspekten fest – der Genialität des Künstlers und der Allmacht der Kunst: „So müssen wir die Straßen der Zukunft mit der unerforschbaren Malmaterie bemalen, die große Himmelsbahn mit Signalen abstecken, die unserem großartigen Unternehmen ebenbürtig sind. Dort, wo heute Leuchtraketen Signale setzen, stellen wir morgen Regenbögen, Fata Morganas und Nördlichter auf, die wir selbst erzeugt haben“.

Hauser, Arnold:
Soziologie der
Kunst. München
1988, S. 70f.

Über Wiederaufstieg und schnellen Untergang des Grillparzer-Preises

Vorspiel. Wie jede Nation hat auch Österreich seine umwobenen Literaten: Handke, Jelinek, Roth und wie sie auch alle heißen mögen. Und für diese eigentlich auch eine Ehrung, den Grillparzer-Literaturpreis. Nachdem seit 1973 dessen Verteilung durch die österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien mangels Geldern eingeschlafen war, kam es 1990 anlässlich des bevorstehenden 200sten Geburtsjubiläums von Grillparzer zu einer von Beginn an umstrittenen Wiederbelebung. Die Stiftung des Hamburger Mäzens und Ehrensenators Alfred Toeppler stellte 210 000 Schilling für eine jährliche Dotierung bereit. Weder die

ze, die in der ernsthaften Sprache der Politik durchaus als Verleumdung geahndet werden könnte. ¶¶ Doch als künstlerische Avantgarde sind sie geschützt – ihre Verlautbarungen können sie jederzeit zum harmlosen Klarmach erklären. Diese \circ Camouflage bringt es jedoch mit sich, daß die Neoisten von ‚ernsthaften‘ politischen Gruppen mit Mißtrauen betrachtet oder auch gar nicht zur Kenntnis genommen werden. \circ

Francisco 1995. ders.: ders.: The Assault
ders.: The Art Neoist Manifestos. on Culture. Utopian
Strike Papers. Stirling 1991. currents from
Stirling 1991. Von Lehrlisme to Class
Stewart Home sind War, Sterling 1991
Zwei Romane
in deutsch
erschienen: Purer
Wahnsinn (1991) u.
Stellungskrieg
(1995.)

Situationalistische
Internationale.
Band 1. Hamburg
1976, S. 107.

Der Künstlermythos entschärft die Radikalität in der Kunst. Deswegen agiert die Kommunikationsguerilla in der Regel nicht im Kunstkontext. Doch gerade weil der Kunst alles erlaubt ist, kann es auch sinnvoll sein, sich dort zu verorten.

Die taktische Bezugnahme beispielsweise auf Formen der Aktionskunst kann ein taktisches Moment sein, um der Kriminalisierung zu entgehen. Denn wenn einer auf einem Marktplatz literweise Hühnerblut oder ein Kettensägenmassaker ankündigt, läßt die Polizei nicht lange auf sich warten. Findet das Spektakel hingegen in einem für Kunst reservierten Raum statt, bezahlen die Leute Eintritt, und das Ereignis erscheint nicht im Polizeibericht, sondern im Feuilleton der Tageszeitung. Diesen Mechanismus kann sich auch eine politische Straßenaktion zunutze machen, indem sich die Macher auf die Freiheit der Kunst berufen, wenn ihnen der Staatsanwalt oder der Staatsschutz an den Kragen will. Wichtig ist nur, daß man nicht anfängt, das selbst zu glauben ...

Grillparzer-Preis ...

braune Vergangenheit des Ehrensenators, noch die Tatsache, daß die Gründung seiner Stiftung damals von Nazipropagandaminister Goebbels mitbetrieben worden war, stellte für das Grillparzer-Kuratorium ein Dilemma dar. Über diesen Vorgang setzten heftige Diskussionen ein, wobei Kritik unter politisch gegensätzlichen Vorzeichen geäußert wurde. Was für die einen nach NS-Traditionspflege roch, erschien den anderen als Schmähung des österreichischen Klassikers Grillparzer durch deutsches Geld. Schließlich bildete sich eine Vereinigung von Preiskritikern, die seit November 1992 unter dem Label ‚Anonyme

Lob der

Kommunikationsguerilla

„Die Studentenbewegung mit dem Dadaismus, dem Surrealismus, den Internationalen Situationisten, der Subversiven Aktion, der Provo-Bewegung, der K 1 und den Yippies in einem bestimmten sozial-historischen Zusammenhang gesehen, führt möglicherweise zu der Konsequenz, für die alten kapitalistischen Gesellschaften, die in einer ganz bestimmten rationalistisch-materialistischen, also wissenschaftlich-abstrakten und damit politischen Tradition stehenden, untrennbar an eine ganz bestimmte ökonomische und damit staatliche Entwicklung geknüpften Revolutionsvorstellungen aufzugeben.“ (H. D. Heilmann, 1973, Schwarze Protokolle)

Situations- bedingte Handlungsmöglichkeiten Für Kommunikationsguerilla sind die Kontexte und Situationen, in denen agiert wird, von zentraler Bedeutung, die genaue Kenntnis der jeweiligen lokalen Verhältnisse ist ausschlaggebend für das Gelingen von Aktionen. Erst durch ihre Umsetzung können die hier beschriebenen Techniken zu Elementen einer Kommunikationsguerilla werden. Wenn Psychologinnen sich der Technik der ‚paradoxen Intervention‘ ( o subversive Affirmation ) bedienen, oder wenn Werbestrategen für ein Produkt Aufmerksamkeit zu erregen versuchen, mögen die verwendeten Techniken den hier beschriebenen formal ähnlich sein. Die Situationen, Kontexte und Zielsetzungen sind jedoch völlig verschieden.

Kommunikationsguerilla funktioniert nicht als Strategie, sondern nur als Taktik ( o Strategie und Taktik ). Sie kann nicht an einem festen, ‚strategischen‘ Ort (z. B. in ‚eigenen‘ Räumen, Zeitungen, Radios etc.) stattfinden. Das erklärt auch, warum beispielsweise Freie Radios oder alternative Zeitungen als Ort für Kommunikationsguerilla-Aktionen so wenig geeignet erscheinen. Dennoch können sie zum Ausgangspunkt entsprechender Aktivitäten werden, indem ihre Mitarbeiter die strategischen Orte verlassen und in anderen Rollen bzw. Identitäten (also nicht als Radio Soundso oder Zeitschrift Sowieso) agieren.

Die Wirksamkeit von Kommunikationsguerilla wird außer durch lokale Voraussetzungen auch durch das jeweilige politische Klima und die gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten beeinflusst. Sie bestimmen die allgemeinen Kommunikationsbedingungen, unter denen eine konkrete Aktion rezipiert wird und ihre Wirkung entfaltet. Den Autorinnen erscheint das Konzept nicht einfach übertragbar. Auch wenn sie sich von Beispielen aus ganz unterschiedlichen Ländern und verschiedenen Gesellschaftssystemen haben anregen lassen, beruhen die in diesem Buch dargestellten Überlegungen doch vor allem auf eigenen Erfahrungen in den spätkapitalistischen Metropolenländern. Hier stellt sich die Frage nach möglicher Repression anders als in faschistischen Diktaturen, Gesellschaften sowjetischen Typs oder Staaten des Trikont.

Grillparzer-Preis ...

Aktionisten‘ firmierte. Sie beabsichtigte, den umstrittenen Preis zu Fall zu bringen. Hauptakt. Kurz vor dem Zusammentreten der offiziellen Jury zur Nominierung eines Preisträgers für 1993 erhielten mehrere Tageszeitungen sowie der ORF ein Fax, das adressatenspezifisch einen jeweils unterschiedlichen prominenten Literaten zum Auserwählten des Grillparzer-Kuratoriums erhob und eine kurze Würdigung seines Werkes enthielt. Es war in offiziellem Stil gehalten und mit dem Briefkopf des an der Preisvergabe beteiligten Rektors der Wiener Universität versehen. Gleichzeitig erhielten viele Autoren und Dichter

Während des Nazi-Faschismus war die Verfremdung oder Veränderung von Aussagen, das unbotmäßige Verhalten im öffentlichen Raum oder das Verziern von Denkmälern alles andere als nur ein Spiel mit Symbolen und Bedeutungen. Die Nazis exekutierten ihre rassi-

Im Kampf gegen Besatzung und „Endlösung“, Widerstand der Juden in Europa 1939-1945. Ausstellungskatalog des Jüdischen Museums Frankfurt a. M. (Hg.). In Zusammenarbeit mit Arno Lustiger und Ingrid Strobl. Frankfurt 1995.

stische und antisemitische Weltanschauung ganz offen. Sie versuchten nicht, Macht und Hierarchie zu verschleiern, sondern setzten sie mit Gewalt und Terror durch. Bereits kleine Abweichungen von der offiziellen Sprechweise konnten als direkte Angriffe gegen das System gewertet und bestraft werden. Wenn etwa aus der SA-Parole „Die Juden sind unser Unglück“ durch eine Übermalung auf einmal „Die Juden sind unser Glück“ wurde, dann war das nicht nur eine abweichende Meinungäußerung, sondern konnte als offener Widerstand verfolgt werden. Angesichts der Eindeutigkeit der terroristisch durchgesetzten Herrschaft stellte auch die kleinste dissidente, subkulturelle oder eigenständige Lebensäußerung eine Kritik an der herrschenden Ordnung dar und bedeutete so eben (oft gar nicht beabsichtigten) Akt des Widerstands.

Anders verhielt sich die Lage in Gesellschaften spätsovetjischen Typs wie der DDR, deren Machtstrukturen mittels einer Ideologie von Gleichheit und Einigkeit aufrechterhalten und legitimiert wurden. Auch dort wirkten kleine Veränderungen der herrschenden Kulturellen Grammatik bereits als Systemkritik. Allerdings wurden sie, anders als im Nazi-Faschismus, nicht automatisch als offener Angriff behandelt. Im paternalistischen Staatssozialismus konnten die Machthaber die massenhaften Differenzen zwischen ihnen und den Staatsbürgerinnen nicht jedes Mal repressiv beantworten. Das hätte das Eingeständnis impliziert, daß zentrale Prämissen des Systems wie die behauptete Massenloyalität nichts als bloßer Schein waren. Abweichungen wurden, soweit sie sich als „unpolitisch“ deklarieren ließen, stillschweigend übergangen oder mit paternalistischer Bevormundung beantwortet. Akten über Punks etwa wurden in den Archiven der SED-Bezirksorganisatio-

nen zusammen mit Havarien, Bränden, Massenerkrankungen und Klimastürzen unter dem Stichwort „besondere Vorkommnisse“ abgelegt. Sie galten als Katastrophe, die eigentlich nicht hätten passieren dürfen und für die es keine Erklärung gab.

Vgl. Aktenplan für Bezirksarchive der SED.

Der Zwang zur Imaginierung einer homogenen, loyalen und solidarischen Gemeinschaft verwandelte alltägliches Handeln selbst im vorgegebenen Rahmen einer 1. Mai-Demonstration schnell in regelrechte Kommunikationsguerilla-Aktionen. Wer in den 70er Jahren das Transparent „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ trug, der war schnell als Parteigänger identifiziert. Wer es aber während der Perestroika nach 1985 hochhielt, entwandte der offiziellen Parteidoktrin ihre eigenen Phrasen. Kleine Verschie-

Grillparzer-Preis ...

entsprechende Telegramme, die die Bitte um umgehende Bestätigung der Preisannahme enthielten. Spätestens zwei Tage danach, auch wenn gelegentlich (hauptsächlich in Wien) das Fake erkannt und als solches aufgedeckt wurde, war die Konfusion perfekt. In den Kulturrubriken fast aller angeschriebenen Zeitungen erschienen entsprechende Meldungen. Jede Region hatte ihren eigenen Preisträger. Aufgrund der Vielzahl der Nominierten, der Bestätigungen einer Preisannahme bzw. der öffentlichen Ablehnung des Preises durch mehrere Autoren, kam es zu einer Vertagung der Preisverleihung. Die Begründung der Jury

bungen im Rahmen der herrschenden Kulturellen Grammatik waren unter diesen Bedingungen durchaus eine wirksame Möglichkeit, Dissidenz zu formulieren und Herrschaft zu delegitimieren, ohne mit schweren Sanktionen rechnen zu müssen.

Abermals anders ist die Situation unter der Herrschaft autoritärer und repressiver Regimes in Gesellschaften des Trikos mit ihren immensen sozialen Ungleichheiten. Wie Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“ (◊ Happening ; ◊ Unsichtbares Theater ) zeigt, können hier zwar Methoden der Kommunikationsguerilla zu einem zentralen Bestandteil politischer Praxis werden. Gleichzeitig sind die Ziele und Anknüpfungspunkte solcher Aktionen aber andere als in den imperialistischen Metropolen. So sind beispielsweise bestimmte Formen der Konsumkritik (◊ Consume Your Masters ) sinnlos, oder gar zynisch, wenn ein großer Teil der Bevölkerung unterhalb des Existenzminimums leben muß.

Metropolitan

Opera

Das sich permanent selbst modernisierende spätkapitalistische Gesellschaftssystem bedarf in der Regel keines terroristischen oder unmittelbaren Zwanges, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten. Die kritische Analyse spätkapitalistischer

Gesellschaften von Herbert Marcuse verweist darauf, daß es zur Grundlage bürgerlich-repräsentativer (politischer) Demokratien gehört, daß sie oppositionelle Meinungen und kulturelle Abweichungen bis zu einem gewissen Grad an Radikalität durchaus verkraften und zu re-integrieren wissen. Radikale Kritik kann unter solchen Bedingungen dazu beitragen, eine liberale Fiktion von pluralistischer Vielfalt aufrechtzuerhalten, die ungleiche ökonomische und hierarchische institutionelle Strukturen ausblendet. Kommunikationsguerilla reagiert auf diese Gefahr mit einer Ausweichbewegung. Sie formuliert keine eigenen Positionen, sondern kritisiert die scheinbar selbstverständlichen, als natürlich und normal geltenden Spielregeln, die auch ohne offene Repression bestimmen, was zulässig ist und was nicht. Sie identifiziert diese Regeln auf der Ebene der Kulturellen Grammatik, der Konventionen und nonverbal verbindlich gemachten Normen, und attackiert sie durch momentane, unerwartete, und deshalb schwer zu vereinnahmende Interventionen.

Marcuse, Herbert:
Repressive
Toleranz. In:
Wolff, Robert P.
u.a. (Hg.):
Kritik der reinen
Toleranz.
Frankfurt a. M.
1966.

Dabei liegt dem Vorgehen der Kommunikationsguerilla ein Politikbegriff zugrunde, der sich als Überaffirmation (◊ Überidentifizierung ; ◊ Subversive Affirmation ) der herrschenden Ideologie beschreiben läßt. Sie nimmt die Vorstellung vom freien, selbstständig denkenden Bürger ernst(er) als das System selbst. Aktionen der Kommunikationsguerilla zielen damit auf die Delegitimierung scheinbarer Selbstverständlichkeiten. Wo gängige Konventionen als natürlich und unverrückbar erscheinen, verweisen sie auf deren soziale Konstruiertheit und zeigen damit auch ihre Veränderbarkeit auf. Der scheinbar freie

Grillparzer-Preis .

lautete, daß „das Ganze nun eine heikle und sensible Sache“ sowie „die Entscheidung nun kompliziert sei“. Fortan legte man ein Mantel des Schweigens um den österreichischen Grillparzer-Preis. Die für Januar geplante Festveranstaltung fiel aus, und nur eine Strafanzeige gegen Unbekannt blieb übrig. Zu aller Überdruß nahm alsbald der 99jährige Mäzen Toeppler auch noch das Stiftungsgeld mit ins Grab.

Markt der Meinungen funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil die zugrundliegenden Normen und Regeln kaum in Frage gestellt werden. Sie anzugreifen und eigene Spielregeln zu formulieren heißt, die Lunte an die Zündschnur der Subversion zu legen.

Die kapitalistische Gesellschaft wußte und weiß gegenläufige Entwicklungen zu absorbieren. Gegenwärtig besteht ihre Stärke mehr in der Vereinnahme dissidenter oder subkultureller Entwicklungen als in ihrer Unterdrückung. Diese Anpassungsfähigkeit bedeutet aber auch, daß Kommunikationsguerilla nur funktionieren kann, wenn sie sich immer wieder selbst in Frage stellt und die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen genau analysiert, um immer neue Interventionsmöglichkeiten zu finden.

Kritik der
Kritik der
Kommunikationsguerilla
und Überlegungen zur
Vorweg-
genommenen
Selbst-
Bescheidung

Woran läßt sich aber erkennen, ob die Kommunikationsguerilla erfolgreich zugeschlagen hat oder nicht? Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen werden verschiedene Einwände hinsichtlich ihrer Wirkmöglichkeiten formuliert; häufig werden ihre Aktionen als symbolische Politik bezeichnet und nach meßbaren Erfolgen befragt. Kommunikationsguerilla ist jedoch keine Strategie mit dem Ziel, das System aus den Angeln zu heben und die Macht erobern. Es ist wichtig, sich dieser Begrenztheit bewußt zu sein, und aus eben diesem Grund ist es sinnlos, von den Taktiken der Kommunikationsguerilla Hegemoniefähigkeit zu fordern. Das linke Denken hat sowohl in seiner sozialdemokratischen als auch seiner marxistisch-leninistischen Spielart Politik immer an den Kriterien von Machteroberung und Hegemoniefähigkeit gemessen, aber kann es das Ziel emanzipatorischer Politik sein, Macht und Hegemonie zu erobern oder auch nur in irgendeiner Form selbst an einem hegemonialen Block zu basteln?

Kein gesellschaftlicher Bereich entzieht sich per se der Machtstrukturen – nicht die Kunst, nicht die subkulturelle Popszene, nicht die autonome Szene. Da Macht sich überall produziert und reproduziert, muß auch die Störung der Legitimation und des Funktionierens von Macht und Herrschaft auf einer ‚Mikro-Ebene‘ ansetzen. Das ist nicht ‚die‘ Revolution, aber möglicherweise ihre Voraussetzung. Kommunikationsguerilla kann die Selbstverständlichkeit der Herrschaftsansprüche und die vermeintlich natürliche Ordnung der Macht in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Restaurationsphase erschüttern, angreifen und delegitimieren. Sie kann dazu beitragen, den Raum wieder zu öffnen, in dem abweichende Vorstellungen über gesellschaftliche Beziehungen artikuliert werden und in relevante Diskussionsprozesse eingreifen.

Vgl.

Marchart, Oliver:
Subkulturendustrie.
Mediensubversion,
-Guerrilla,
-Sabotage,
-Störung,
-Dissidenz,
-Piraterie,
-Hacking und
andere Techno-
Theorien. In:
Spezial.
Zeischrift gegen
Kultur und Politik.
Nr. 103,
Juni–September
1996, S. 76–81.

Volkszählung – Verzählt

1987 fanden sich im Zusammenhang mit der umstrittenen Volkszählung in etlichen Briefkästen offiziell aussehende Briefe mit amtlich-städtischem Briefkopf. In trockener Amtssprache wurden die BürgerInnen aufgefordert, ihre Volkszählungsbögen zu vernichten, da dauerlicherweise Fehldrucke zur Verteilung gekommen seien. Nächste Woche würden von der Stadt neue Bögen ausgeteilt. Viele trauten der Sache nicht und riefen bei Ämtern an, um sich zu vergewissern, ob die Schreiben echt waren. Natürlich waren sie es nicht. Erstes Ziel der Imitation war, durch die Vernichtung möglichst vieler Fragebögen den Ablauf der

Sie ist aber kein probates Heilmittel gegen die linke Hegemonieunfähigkeit. Diese ist inhaltlich begründet, hausgemacht und nicht technizistisch überwindbar.

Dieses Handbuch entstand nicht zufällig in einer Zeit, in der weder eine breite soziale Basis für ein emanzipatorisches Projekt auszumachen ist (manche nennen das Massenbasis) noch die Revolution in irgendeinem Sinne auf der Tagesordnung steht.

Zur Zeit sind wir schon ganz zufrieden, wenn es uns gelingt, temporär autonome Zonen zu bewohnen. Und wenn die CSU anfängt, mit gefaketen Straftetteln Wahlwerbung zu betreiben, wenn die Modeindustrie die Technokultur oder den Punk frisst, oder wenn Eulenspiegel einen Job als Minister angeboten bekommt, dann ziehen wir – zumindest in der politischen unter unseren vielen Identitäten – weiter.

Eine elementare Frage ist, wer eigentlich der ‚Feind‘ ist, gegen den Kommunikationsguerrillas agieren. Gibt es überhaupt noch so etwas wie ‚die Herrschenden‘ und ihre Ideologie? Läßt sich überhaupt noch ein abgrenzbarer hegemonialer Diskurs ausmachen, oder gibt es nicht beliebig viele nebeneinanderstehende Positionen und Weltbilder, so daß es gar nicht weiter auffällt, wenn noch etwas hinzugefügt wird oder wenn eine dieser Positionen in Frage gestellt wird?

Eine These in diesem Kontext lautet, daß sich die herrschenden gesellschaftlichen Formen inzwischen derart differenziert haben, daß sich eine fest umrissene Kulturelle Grammatik nicht mehr ausmachen läßt. Gesellschaftliche Situationen, so diese These, werden im Sinne einer MTV-Ästhetik nur noch als schnelle Abfolge von Bildern wahrgenommen und nicht mehr in übergreifende Sichtweisen und Interpretationsmuster eingeordnet. Ist also auch Kommunikationsguerrilla nur ein postmodernes Spielchen, eklektizistisches Aufgreifen und Zusammenstopeln von Formen, das Ende der Politik, das endgültige Aufgehen im großen bunten Simulakrum?

Eine Voraussetzung für Kommunikationsguerrilla ist, daß das Durcheinanderbringen der Normalität einer konkreten Situation über diese hinausweist und eine grundlegende Kritik artikulieren kann. Das wäre hinfällig, wenn Situationen und Bilder völlig bezugslos nebeneinander stünden und keinerlei Anknüpfungspunkte mehr denkbar wären. Allerdings ist das eher eine apokalyptische Science-Fiction-Vision als die Realität der Metropolitangesellschaft. Gerade in demselben Moment, in dem eine solche Fragmentierung von verschiedenster Seite behauptet wird, feiern hermetische Modelle von Nationalismus fröhliche Urständ, sei es nun Ex-Jugoslawien, wo Konflikte ethnisiert werden oder die Bundesrepublik, in der über den Standortdiskurs eine nationale Durchhalteparole ausgegeben wird und darüber ein geschlossenes Bild von Deutschland imaginiert werden soll. In diesem Zusammenhang stehen auch religiöse Orientierungen wie der fanatische

Volkszählung – Verzählt .


Volkszählung zu stören. Auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wurde, entfaltete die Aktion eine weitere Dynamik als Fake: Die Behörden gaben Dementis an die Presse, die Sache wurde diskutiert. Fakerinnen legten mit gefährlichen Dementis, die vor den (rechten) Zählern warnten, nach. Man stelle sich vor, es wären nun tatsächlich gut imitierte Fragebögen aufgetaucht, vor denen wiederum die Behörden gewarnt hätten... Spätestens dann wäre auch dem willigsten Bürger nicht mehr klar gewesen, welche Bögen echt sind und welche nach dem Willen der Autorität in den Papierkorb oder die Polizeiasseratenkammer gehören.

westliche Protestanten-Fundamentalismus und der Islamismus, deren geschlossene Weltbilder in politischen Kontexten nach wie vor vernehmbar sind.

Auch dort, wo sich tatsächlich eine Fragmentierung gesellschaftlicher Diskurse feststellen läßt, ist von Beliebigkeit keine Spur. Anstelle des einen, großen hegemonialen Herrschaftsdiskurses treten viele kleine, lokale und doch in ihrer Struktur ähnliche Diskurse; die Struktur der Macht- und Herrschaftsdiskurse hat sich nicht wesentlich geändert. Kommunikationsguerilla agiert unter den herrschenden Verhältnissen oft ‚bloß‘ auf der Ebene lokaler Mikropolitik. Dabei versucht sie, eine grundsätzliche Kritik an Macht und Herrschaft aufscheinen zu lassen, selbst wenn diese nicht explizit formuliert wird. Kommunikationsguerilla ist also kein Abschied von grundsätzlicher (Ideologie-)Kritik hin zur Beliebigkeit. Sie versucht allerdings, sich ihrer beschränkten Möglichkeiten bewußt zu sein, anstatt das eigene Handeln großmäulig als ‚richtige‘, ‚große‘, ‚revolutionäre‘ Politik zu imaginieren.

Farber, David
Chicago '68.
Chicago/London
1994, S. 225.

In der Diskussion um ‚Symbolische Politik‘ wird oft die Kritik geäußert, daß Praxen, an die die Kommunikationsguerilla anknüpft, eine unzulässige Ästhetisierung von Politik betrieben. Damit einher geht der Vorwurf, ‚die faschistische

Karte zu spielen‘, da auch der Nazi-Faschismus seine Politik durch und durch ästhetisiert habe. Abgesehen davon, daß die Nazis so ziemlich alles plündernten, was ihnen erfolgversprechend schien, und ihre Ästhetisierung unter Einsatz aller denkbaren Machtmittel und Infrastrukturen betrieben, wird mit dieser Kritik eine Unterscheidung von symbolischer im Gegensatz zu substantieller, ‚wirklicher‘ Politik vorgenommen, die für sich genommen schon Unfug ist. Politik ist immer symbolisch. Auch konkrete soziale Konflikte, die sich beispielsweise in Streiks äußern, müssen nach einer kulturellen Repräsentation ihrer Inhalte suchen. Kommunikationsguerilla betreibt keine Ästhetisierung von Politik, nimmt aber die ästhetischen Momente in der Politik ernst und versucht sie gegen ihre Urheber zu wenden.

Kommunikationsguerilla bezeichnet keine Bewegung, sondern eine grundsätzliche Haltung gegenüber politischem Handeln. Die in diesem Handbuch vorgestellten Gruppen, Bewegungen haben ihre Praxen und ihre eigene Geschichte(n) und ihre eigene Gegenwart. Diese sind nicht immer ein Ruhmesblatt, und es muß grundsätzlich gefragt werden, inwieweit deren Mißverständnisse und Fehler auch mit ihren Repräsentations- und Aktionsformen zusammenhängen. Es ist nicht das Ziel dieses Buches, die dargestellten Gruppen zu verehrungswürdigen Ikonen zu stilisieren, ihre Praxen kritiklos wiederzubeleben und bruchlos fortzusetzen.

Zwar wurde das Ende solcher Gruppen zum Teil durch massive staatliche Repression markiert, wie bei den Indiani Metropolitani oder auch der Autonomia Operaia

Indiani Metropolitani

Volkszählung 1987

esgirokasse

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– es wurden über 700 Verhaftungen vorgenommen. Doch es bleibt die Frage, warum die Übergebliebenen zumeist von der politischen Bildfläche verschwanden oder ihr Dasein an der Nadel fristeten und sich auch viele Provos in der Drogenszene verloren. Möglicherweise zeigt sich hier ein besonderes Problem von Gruppen, die ‚Spaß‘ in den Mittelpunkt ihrer politischen Praxis stellen. Denn wenn die politische Haltung und der kollektive Kontext des Handelns vorliegen, versacken solchen Ansätze häufig irgendwo zwischen individuellem Elend, Psychotherapie und Kleinfamilie. Zahlreiche Gruppen zerstritten oder spalteten sich – wie so häufig in der Linken – dermaßen, daß keine gemeinsame politische Praxis mehr möglich war. Das war nicht immer ein großer Schaden. Soziale Bewegungen, die sich vor allem als Jugendkultur verstanden, endeten zwangsläufig mit der Jugend ihrer AkteurInnen, das ist generell ein Problem subkultureller Bewegungen.

Doch hinterlassen sie auch Spuren und Mythen. Sie prägen eine politische Kultur, die für die Nachfolgenden als Fundus für Möglichkeiten politischen Widerstandes dienen kann und letztlich, auch wenn sich Bedingungen, Orte und Personen ändern, eine Kontinuität in der subversiven Praxis ermöglicht.

**Keine** Kommunikationsguerilla ist eine defensive Form politischer Praxis und wird
**Revolution** heutzutage von kleinen, momenthaften Gruppierungen gewählt, die keine
**ohne Gaudi.** ‚Massenbasis‘ mobilisieren können und so darauf angewiesen sind, mit
**Keine Gaudi** Minimalaufwand sichtbare öffentliche Wirkungen zu entfalten. Die von uns
**ohne** unter dem Begriff Kommunikationsguerilla zusammengefaßten Aktionen
**Revolution!** brauchen auch keine Massen, sondern kleine Gruppen, die mit Lust und

Kenntnis in einem sozialen Kontext agieren. Die Kehrseite der Medaille ist, daß

viele solcher Gruppen gerade deshalb, weil sie nicht um breite Anhängerschaft kämpfen mußten, einen unangenehm elitären Touch haben (die Situationisten, die Dadas sowieso, die Pranksters auch).

Alles in allem erscheint es uns immer noch fast unmöglich, den Begriff ‚Kommunikationsguerilla‘ exakt zu definieren. Wir haben erlebt, daß sowieso jede das hineinliest, was sie möchte. Das Schlagwort Kommunikation ist ein Allgemeinplatz, der, wie ‚Information‘, zum Modewort für die Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde. Der Begriff ‚Guerrilla‘ ist mit so viel politischer Phantasie besetzt, daß ihn alle Linksradikalen für ihre Praxis hinzuziehen möchten (und einige verzeihen uns nicht, ihn aus dem sozial-romantisierenden Kontext entwendet zu haben).

Was Kommunikationsguerilla nun wirklich ist – ein Hype, eine neue alte Praxis, ein Abgesang auf die Linke, die Morgenröte der Revolution – müssen die LeserInnen des

Die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers

An einem Silvestertag Mitte der 80er Jahre waren zwar zunächst nur wenige Fernsehzuschauer, sehr wohl aber der Herr Bundeskanzler selbst entsetzt, als seine alljährliche Neujahrsansprache über den Bildschirm flimmerte. Ein(e) bis heute nicht identifizierte(r) Fan-ker(in) hatte ‚aus Versehen‘ die Bänder vertauscht und die Ansprache vom Vorjahr aufgelegt. Gemerkt hat’s natürlich keine. Genau darin lag die Kritik: Welchen Sinn hat es, daß der wichtige Herr Kohl auf fast allen Fernsehschirmen der Republik mit wichtiger Miene die Jahreslosung ausgibt? Sicher keinen inhaltlichen. Wie bei allen Fakes bleiben allerdings die

Buches selbst bestimmen. Frei nach Bertolt Brecht beenden wir unsere Überlegungen mit einem pathetischen Plädoyer: Verehrtes Publikum, los, such Dir selbst den Schluß, es muß ein guter da sein, es muß, es muß, es muß!

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Die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers .

Konsequenzen letztlich offen. Von der Feststellung „ist doch eh nurseht, was der sagt“ über die Forderung „Kohl abschalten“, das sozialdemokratisch-reformistisch-illusorische „mehr Inhalt für Neujahrsansprachen“ bis zu „Sendezeit für alle“ sind zahllose Variationen denkbar.

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Serviceleit

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Spassguerilla. Neu herausgegeben und bearbeitet von der ‚AG Spaß muß sein!‘. Münster 1994 (Berlin 1984). unrast-reprint, Bd. 1.

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http://www.missing-link.de/biblio.html

Abbildungsverzeichnis

archiv/Berlin (S. 108), Buffo! Spectacular Times/London 1985 (S. 114), Wohlfahrtssausschuß Tübingen (S. 128, 135), Medienwerkstatt Freiburg (S. 139), Aron Kay-Homepage /www.calyx.net/~pieman- (S. 140, 141, 145, 146, 147, 148), Blacklisted News (Secret Histories, from Chicago '68, to 1984). Bleecker Publishing (Youth International Party Information Service) New York 1983, S. 146, Interim/Berlin Nr. 255/1993 (S. 152–154), KPD/RZ/Berlin (S. 163/174), Videoladen Zürich (S. 165), Greil Marcus: Lipstick Traces. Reinbeck 1996 (S. 206), For the sake of simple folk. Oxford 1994 (S. 197), Debattierclub Schmidt & Schneider Sektion Berlin (S. 51).

Kommunikationsguerilla

revisited

Nachwort zur fünften Auflage

Die Kommunikationsguerilla ist wahr, weil sie stattfindet.

1997 erschien erstmals das Handbuch der Kommunikationsguerilla , drei weitere Auflagen folgten. 2000 erschien eine spanische Übersetzung, 2001 eine italienische, 2011 eine französische, Teile des Handbuchs wurden ins Polnische übersetzt. Eine englische Übersetzung steht noch aus. Das Handbuch, so behauptete 2007 analyse & kritik (ak), habe sich „zu einer Art Klassiker entwickelt“. Viele linke Gruppen hätten sich „bei ihren Überlegungen zu Aktionen und Interventionen davon anregen lassen“ (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2007). Und Leute aus dem Wiener Kulturmanagement-Business bezeichneten es als ein „Erste-Hilfe-Buch für Gesellschaftskritik“ (Institut für Kulturkonzepte 2008). Das ehrt uns – aber es stellt sich auch die Frage, warum ein Buch, das aus einem ganz speziellen Kontext heraus geschrieben wurde, über den deutschen Sprachraum hinaus Anklang fand, und überhaupt warum sich Aktivist_innen seit den späten 1990er Jahren immer mehr einer radikalen Politik der Zeichen zuwenden – trotz aller Kritik am Spaß-Aspekt der Kommunikationsguerilla.

15 Jahre Handbuch der Kommunikationsguerilla

Wir erklären uns die Resonanz des Handbuchs damit, dass mit dem Begriff Kommunikationsguerilla eine theoretische Bündelung bereits stattfindender und stattgefundenener Praktiken vorgenommen und damit etwas sowieso schon im Werden Begriffenes weiter vorangetrieben wurde: nämlich eine Hinwendung zu einer Kritik der politischen Ökonomie der Zeichen im Rahmen eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, der sich erst heute für alle sichtbar entfaltet. Diese Umbrüche zwingen uns wie auch viele andere linke AktivistInnen, unsere Protest- und Interventionsformen zu überdenken und kritisch zu hinterfragen.

Von Anfang an stand das Konzept der Kommunikationsguerilla in einem breiteren Diskurszusammenhang um Kultur, Medien und Aktivismus, der durch ganz unterschiedliche Begriffe markiert ist. Umberto Eco (1986) forderte bereits 1967 eine „semiologische Guerilla“ und prognostizierte das Aufkommen einer künftigen „Kommunikationsguerilla“:


1 Der intellektuelle Desperado Sonja Brünzels versteht sich selbst als Hausmann von Luther Blissett (Kommissarin für die korrekte Verwendung der Zeichen im öffentlichen Raum).

„Es könnte indessen sein, daß sich aus diesen neuen nichtindustriellen Kommunikationsformen (von den ‚Love-ins‘ bis zu den ‚Sit-in-Meetings‘ der Studenten auf dem Campus-Rasen) die Formen einer künftigen Kommunikations-Guerilla entwickeln“ (Eco 1986).

Mark Dery (1993) und die Adbusters (Lasn 2005) propagierten in den 1990er Jahren das „Culture Jamming“, Gruppen wie Fiambrera Obrera oder Yomango ließen sich von der „Arte Politico“ inspirieren, das Mailänder Chainworkers Kollektiv entwickelte das Konzept der media sociale / Metabrand, andere rückten Kommunikationsguerilla in die Nähe von Netzaktivismus oder Netzkunst (Bazzichelli 2008). In der Free-Software-Bewegung, z.B. beim Chaos Computer Club, beschäftigt man sich mit dem „Politik hacken“ (Müller, Kannitschreiber, Graupenschläger 2011), und auch im Kunstfeld beziehen sich einige auf diverse Hacking-Metaphern vom „Reality-“ oder „Cultural Hacking“ bis zum „Urban Hacking“ der Wiener Gruppe monochrom. Wir sehen diese begrifflichen Anstrengungen auch im Kontext einer generellen Suche nach angemessenen Formen politischen Handelns. Das Handbuch der Kommunikationsguerilla war und ist ein Beitrag hierzu.

Rezeption und Kritik der Kommunikationsguerilla

Wir haben den Begriff „Kommunikationsguerilla“ gewählt, um eine Anzahl politischer Praktiken zu bezeichnen – Praktiken, die bestehende Grenzziehungen zwischen politischer Aktion und Alltagswelt, subjektiver Wut und rationalem politischem Handeln, Kunst und Politik, Begehren und Arbeit, Theorie und Praxis überschreiten. In der Rezeption des Buches passierte etwas, das weder beabsichtigt noch gewünscht war: Das Handbuch wurde als Rezeptbuch aufgefasst. Es geschah aber auch etwas, das wir erhofft hatten: Das Buch wurde als Werkzeugkasten, als Nachschlagwerk oder Inspiration genutzt. Manche Aktionen waren den im Handbuch beschriebenen nachempfunden, andere entwickelten die im Konzept Kommunikationsguerilla angelegten Vorschläge, Vorgehensweisen, Methoden, Prinzipien und Techniken weiter.

Im eingangs zitierten Interview mit analyse & kritik von 2007 antworteten wir auf die Frage, ob die Linke kreativ geworden sei:

„Wir denken, die Linke ist sich der Bedeutung von Symbolen, vor allem aber von bildlichen Repräsentationen, bewusster geworden. Sie ist mittlerweile eher in der Lage, Bilder bewusst zu erzeugen und taktisch einzusetzen, und dabei auch mit dem eigenen Selbstbild spielerischer umzugehen. Neben die bewusst inszenierte Konfrontation (Black Bloc) sind Formen getreten, welche versuchen, die martialisch aufmarschierende Staatsmacht symbolisch ins Leere laufen zu lassen. Wenn sich hoch gerüstete SEKler im schwarzen Körperpanzer auf der einen und rosenfarbige Feen unklaren Geschlechts oder depperte Clowns auf der anderen Seite gegenüberstehen, dann sieht die Staatsmacht im wörtlichen wie übertragenen Sinne schlecht aus – auch wenn das die Gewaltförmigkeit des staatlichen Overkills nicht mindert. Wird dann versucht, in bewährter Manier die Spritzpistolen und Seifenblasen der Clowns qua Presseerklärung in terroristische Instrumen-

te chemischer Kriegsführung umzudeuten, dann mag sich zeigen, dass Lügen, die von Fünfjährigen zu durchschauen sind, auch von manchen JournalistInnen nicht immer unkommentiert kolportiert werden“ (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2007).

Als wir Anfang der 1990er Jahre in den Texten zur „Medienrandale“ (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 1994a, 1994b) begannen, die gängigen Methoden zur Erzeugung von Gegenöffentlichkeit in der radikalen Linken, wie z.B. Straßenmilanz oder Aufklärung, zu problematisieren, reagierten wir auf die Hegemonie des neoliberalen Marktextremismus und die Behauptung vom Ende der Geschichte. Nach 1989 war die gesamte Linke wie gelähmt. Selbst die rudimentärsten Vorstellungen von gesellschaftlicher Emanzipation oder gar revolutionärem Wandel waren diskreditiert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer schien jegliche Idee der Assoziation von Freien und Gleichen plötzlich nicht mehr nur illusionär, sondern rundweg undenkbar geworden. Mehr noch, sie galt nicht einmal als Utopie mehr wünschenswert. Damit verbunden waren Entpolitisierung, Zynismus, Nihilismus, Anti-Deutschtum oder der Rückzug in diverse alternative Nischen. Mit der Frage „Warum hört mir keiner zu?“ wandten wir uns gegen die Behauptung vom Ende der Geschichte. Wir wollten die zentrale Marx'sche Einsicht in die Geschichtlichkeit und damit auch die Veränderbarkeit der Gegenwart in Erinnerung rufen und zu einer Repolitisierung beitragen. Es sollte wieder möglich werden, den hegemonialen Diskurs von der Unveränderbarkeit der Welt zu unterlaufen. Denn das ist die Voraussetzung für politische Veränderung. Um die hegemonialen Kräfteverhältnisse in Frage zu stellen, sahen wir diskursive Störungen im Modus der Kommunikationsguerilla als eine angemessene Form politischen Eingreifens.

In zahlreichen Veranstaltungen und Teach-ins zum Handbuch bemühten wir uns, dieser Frage Gehör zu verschaffen. Angesichts eines politischen Aktivismus, der geprägt war von Identitätsfixierung, einem Bedürfnis nach Subkultur oder der Einrichtung im „richtigen Leben“ war das schwer, richtig schwer. In vielen Fällen beförderte dieser identitäre Aktivismus eine Abschottung im Sekteriertum, die allenfalls innerlinke Distinktionsbedürfnisse befriedigte. Die Debatte um Kommunikationsguerilla in den 1990er Jahren erscheint uns im Rückblick als sehr unproduktiv, weil merkwürdig formal und geprägt von den Rückzugsgefechten eines Aktivismus, der Protest und linke Politik mit einem Lebensstil verwechselte. Und über die Reinheit der eigenen Praxis wurde eifersüchtig gewacht. Es gab nicht eine Veranstaltung zu dem Buch, in der wir nicht darauf hingewiesen wurden, dass die Werbung etwa in Form von Guerilla Marketing „das“ jetzt auch machen würde, Kommunikationsguerilla also per se korrumpiert sei. Die Sorge, dass verfremdende oder überaffirmierende Kommunikationsformen ihre subversive Wirkung verlieren, wenn sie auch von der gegnerischen Seite eingesetzt werden, wird von vielen Kunst- und Kulturkritikern geteilt. Unter dem Titel Subversion ist Schnellbeton konstatieren Bernhard und Schäfer (2008, 70) in Bezug auf die von ihnen gleichgesetzten Bereiche der künstlerischen Produktion und gesellschaftlichen Kritik:

„Subversion erweist sich oft mehr als Zuschreibung denn als Effekt. Seine diskursive Verortung in der politischen Linken und innerhalb künstlerischen Avantgarden

lenkt von der Ambivalenz seiner Strategien ab, die auch effizient vom Establishment angewandt werden ... Der Begriff des Subversiven selbst muss daher sowohl aus der Perspektive der Medienkunst und der Gesellschaftskritik als auch der Medienwissenschaft kritisch hinterfragt werden.“

Hier wird, wie so oft in der Ideologiekritik, von der Form eines Kommunikationsakts unmittelbar auf dessen politische Zielrichtung (subversiv oder affirmativ) geschlossen. Bernhard und Schäfer erkennen im Netzaktivismus „subversive Strategien“. Aus dem Einsatz vergleichbarer „subversiver Kommunikationsstrategien“ in der keineswegs kritischen Werbung und im konservativen politischen Lobbying schließen sie, dass auch der Netzaktivismus nicht subversiv sein könne. So wird das Kind des subversiven Handelns mit dem Badewasser der Ideologiekritik ausgeschüttet.

Im Gegensatz dazu zeigt die Praxis der Kommunikationsguerilla, dass verfremdende oder überaffirmierende Formen der Kommunikation ihr subversives Potential immer nur abhängig vom Kontext entfalten können. Subversiv ist nicht die Form des politischen Kommunizierens, sondern das Zusammenwirken von Form, Kontext und inhaltlicher Stoßrichtung, die auf eine Kritik der herrschenden falschen Verhältnisse abzielt. Aus diesem Grund sprechen wir von Kommunikationsguerilla – denn über den Luxus eines sicheren Ortes der Kritik, von dem aus wir politisch eingreifen und uns zugleich auf die Seite der ‚Guten‘ schlagen könnten, verfügen wir nicht. Für den Telepolis -Rezensenten Baumgärtel (1997) geriet das Handbuch geradezu zum Verrat von Betriebsgeheimnissen:

„Die ‚Kommunikationsguerilleros‘, denen wir das Handbuch verdanken, haben die Mechanismen, mit denen die ‚Gesellschaft des Spektakels‘ operiert, vielleicht doch noch nicht so gut verstanden, wie sie meinen. Wahrscheinlich haben sie gar nichts Böses gewollt, als sie die hier beschriebenen Methoden der allgemeinen Lesbarkeit ausgeliefert haben. Aber sie könnten die ersten sein, die sich wünschen, daß die apokryphen Dinge, die sie in ihrem Buch beschreiben, für immer apokryph geblieben wären. Manche Sachen hängt man einfach nicht an die große Glocke.“

Die Beschwörung, dass man die eigenen Methoden und Praktiken nicht aussprechen, beschreiben oder analysieren dürfe, weil sie sonst von den Herrschenden rekuperiert werden könnten, erschien im schon damals anbrechenden Zeitalter von Linux und Open Source gelinde gesagt etwas anachronistisch.

Das Konzept Kommunikationsguerilla wurde gerne abgebugelt mit dem Argument, es sei zu wenig radikal, zu harmlos und vor allem zu albern – eine oberflächliche, pseudo-witzige Spaßguerilla ohne jeden Anspruch auf wirklich revolutionäre, politisch organisierende Veränderung. Diese Diskussionen tendierten dazu, von einzelnen Kommunikationsguerilla-Aktionen quasi die Aufklärung und die Revolution im Doppelpack zu fordern und das ganze Konzept in Bausch und Bogen zu verwerfen, wenn diese Erwartung nicht eingelöst wurde. In einer Kultur der Rechthaberei warfen uns Kritiker_innen vor, dass die Kommunikationsguerilla von den wirklich wichtigen Kämpfen nur ablenke, und diese Sichtweise teilten wir

ein Stück weit, wenn wir Formen der Kommunikationsguerilla nur als Zwischenschritt vor oder neben dem „eigentlichen“ politischen Kampf verstanden. Damals hielten wir solchen Einwänden entgegen, dass Kommunikationsguerilla nur eine Möglichkeit unter vielen sei und dass sie die herkömmlichen Formen politischen Handelns – Demonstrationen, Massenorganisation, Aufklärung, Militanz – nicht ersetzen sollte. Wir betrachteten Kommunikationsguerilla als geeignete Taktik zu einem Zeitpunkt, als das gesellschaftliche Kräfteverhältnis Reaktion, Rassismus und die vorherrschenden Vorstellungen über die Natur der gesellschaftlichen Beziehungen bestärkte und emanzipatorische Bewegungen bis zur Handlungsunfähigkeit geschwächt waren. Diese Sichtweise unterstellte, dass wir, wenn die Zeiten besser würden, zu alten Formen der Mobilisierung zurückkehren könnten. Das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Damals setzten wir Kommunikationsguerilla ein wie Nebelkerzen. Der Rauch des Spiels von Zeichen und Symbolen sollte den Gegner verwirren und schwächen, damit der eigentliche Angriff – mit herkömmlichen politischen Mitteln – umso wirksamer vonstattengehen könnte. Trotzdem zeigten diese Nebelkerzen politische Wirkung. Das konnten wir uns erst erklären, als wir begriffen hatten, dass der Nebel des Spiels mit Zeichen, Bildern und Symbolen mehr war als nur ein Verwirrspiel, nämlich der Ausdruck oder vielleicht genauer „Vorschein“ (Ernst Bloch) einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das heißt, die Nebelkerzen der Kommunikationsguerilla waren und sind nicht nur „Notlösung in schweren Zeiten“. Sie explodieren nicht auf einem Nebenschauplatz des „eigentlichen“ politischen Kampfs, sondern markieren den Ort der Auseinandersetzung selbst. Mehr denn je ist der Kampf um Bedeutungen zu einem zentralen politischen Schauplatz geworden. Die massenhaften Straßendemonstrationen der Alterglobalisierungs-Bewegung, die sich 1999 mit den Protesten gegen das Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle Bahn brach, führten zu einer nachhaltigen Veränderung der Aktionsformen. Die globalisierungskritische Bewegung hat anschaulich vorgeführt, wie das, was im Handbuch der Kommunikationsguerilla als wirksames Interventionsrepertoire für einzelne kleine Gruppen vorgeschlagen wird, auch dann funktioniert, wenn es eingebettet ist in umfangreichere Kampagnen, Projekte oder Bewegungen. Dabei zeigte sich, dass Kommunikationsguerilla ihre Wirksamkeit nicht nur aus der Position der Schwäche entfaltet, sondern auch von starken mobilisierungsfähigen Bewegungen mit Gewinn eingesetzt werden kann. In den frühen Debatten hatten wir selbst noch nicht begriffen, dass das Interesse an Kommunikationsguerilla Ausdruck eines übergreifenden gesellschaftlich-historischen Wandels ist. Die Theoretisierung von Kommunikationsguerilla mag dazu beigetragen haben, dass in den 1990er Jahren schon lange bestehende und historisch eingeübte Praxen als Formen politischen Handelns erkennbar wurden. Aber erst heute verstehen wir, warum es uns damals so wichtig war, die Grenzen identitärer Subkulturen zu überschreiten, das subversive Potential von Popkultur und Alltagserfahrungen auszuloten und taktische Vielstimmigkeit an die Stelle des festgefahrenen Beharrens auf die reine Lehre zu setzen. Obwohl wir uns von Anfang an digitaler Werkzeuge bedienten und selbstverständlich alle medialen Kommunikationskanäle bespielten, verweigern wir uns einem technik euphorischen Aktivismus, der das Internet als den wichtigsten Hebel zur Umwälzung der herrschen-

den Verhältnisse betrachtet. Aber wir lehnen deshalb nicht im Umkehrschluss die medialen beziehungsweise virtuellen Formen politischen Handelns ab: Auch hier gibt es keine reinen Wahrheiten, sondern immer nur Möglichkeiten, die sich aus Kontexten, Situationen und Entwicklungen immer neu ergeben und immer neu auf ihre Potentiale zur politischen Aktivierung hin überprüft werden müssen.

Erst im Zuge der theoretischen Entfaltung der Analyse des kognitiven Kapitalismus wurde klar, was es mit einer subversiven Politik der Zeichen im Zuge der Ausbreitung von immaterieller oder mentaler Arbeit auf sich hat. Vor diesem Hintergrund argumentieren wir Linke, dass Kommunikationsguerilla mit ihrer Betonung von Zeichen, Bildern und Symbolen in Ökonomie, Politik, Medien und Kultur in der gegenwärtigen postfordistischen Zurichtung der Gesellschaft eine Form politischen Handelns auf der Höhe der Zeit ist.

„Diskutieren Sie!“ – Kommunikationsguerilla im Proseminar

Als 1997 die erste Auflage des Handbuchs erschien, maulte der Rezensent des Online-Magazins Telepolis (Baumgärtel 1997) nicht nur, dass es ihm nicht passe, dass hier aus der Linken ein Projekt lanciert wurde, bei dem es etwas zu lachen geben könne (seiner Ansicht nach gehen die nämlich zum Lachen in den Keller und das Vorurteil will gepflegt sein). Intuitiv erfasste er auch etwas, was ihm wie eine unzulässige Vermarktung und Verflachung politischer Praxis vorkam:

„Von diesem ‚Handbuch‘ ist es nur noch ein kleiner Schritt zu hippen Proseminaren ‚Zu Strategie und Praxis der Kommunikationsguerilla‘. Demnächst auch an Ihrer Fakultät, oder auch in der ‚Zeit‘ und bei arte nach 22 Uhr“ (ebd.).

In der Tat ist es so gekommen. Wie das meiste, was gesellschaftlich relevant ist, wurde das Konzept der Kommunikationsguerilla auch in anderen Feldern aufgenommen und für die jeweiligen Anliegen angeeignet und umgearbeitet. Wenn sich Universitäten, Kunstakademien und Werbeagenturen der Kommunikationsguerilla zu bemächtigen versuchen, brechen sich andere Logiken als die von Kommunikationsguerilleros intendierten Bahn. Einerseits belustigt es auch uns, wenn die Kommunikationsguerilla im akademischen Lehrbetrieb auftaucht. Andererseits sehen wir nichts grundsätzlich Problematisches darin, dass das Konzept an Universitäten oder Kunsthochschulen, bei akademischen Konferenzen, in Abschlussarbeiten und wissenschaftlichen Publikationen Resonanzen und Niederschläge verzeichnen kann.

Zu Beginn waren es vor allem autonome Seminare der Studierenden selbst, die diese Themen in den Universitätsbetrieb einbrachten. Am Institut für Theater- und Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin etwa wurde im Wintersemester 2001/2002 ein studentisches Projekt mit dem Titel „Ist Ironie noch ein Mittel der Subversion? – Theorie und Praxis der Kommunikationsguerilla“ angekündigt:

„Mit Hilfe des ‚Handbuches der Kommunikationsguerilla‘ und der ihm zugrunde liegenden Theorien wollen wir uns über das Konzept der KG verständigen und die

von ihnen vorgeschlagenen Praxen auf ihre Wirksamkeit innerhalb der Berliner Republik überprüfen. Mit der theoretischen Aufarbeitung kann sich ein solches Seminar nicht begnügen, und so hoffen wir, dass die Theorie sich in einer eigenen subversiven Praxis niederschlägt.“

Ob auch bei anderen Seminaren praktische Übungen im Sinne einer angewandten Wissenschaft stattgefunden haben, lässt sich zumeist nicht genau erschließen. In Frankfurt/Oder an der Europa-Universität Viadrina im Sommersemester 2005 eher nicht. Dort stellte Matthias Rothe, wissenschaftlicher Mitarbeiter Linguistischer Kommunikations- und Medienforschung, im Seminar „Kritik und Protest“ („BA-Vertiefungsthema“) folgende Leistungsanforderung für die schriftliche Hausarbeit:

„11. Essay (Handbuch der Kommunikationsguerilla, 0 bis 37; 174 bis Schluss)
Worin besteht das Konzept der Kommunikationsguerilla? Wie wird es legitimiert (seine Notwendigkeit begründet)? Handelt es sich um eine neue politische Aktionsform? Ist sie eine den sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnissen unserer Gegenwart angemessene Aktionsform? Diskutieren Sie!“

Ob's nun sitzt?

Darüber hinaus finden sich ganze Tagungen, die sich mit dem subversiven Potential der Kommunikationsguerilla beschäftigen: „Subversive Aktion als emanzipatorische Praxis?“ hieß eine vom AStA Hannover im Jahr 2011 organisierte Konferenz:

„Linke Gruppen und Bewegungen nutzen für ihre politischen Interventionen vermehrt ‚subversive Aktionsformen‘ oder Methoden der Kommunikationsguerilla. ... Dieses Spannungsfeld wollen wir aus einer historisch-gesellschaftstheoretischen Perspektive vermessen und dabei konkreten Aktionen, ihren Funktions- und Wirkungsweisen, aber auch den an sie geknüpften Vorstellungen der Akteure nachgehen. Wir hoffen damit, Potentiale und Grenzen subversiver Aktionsformen für eine emanzipatorische Praxis ausloten zu können.“

Immerhin!

Überaus erfreulich ist, dass nicht nur das theoretische Konzept der Kommunikationsguerilla einen akademischen Widerhall fand, sondern auch deren Praxis. In Deutschland und Österreich zeigte sich das besonders eindrücklich bei den Aktionen gegen die Einführung von Studiengebühren. Insbesondere das Tortenwerfen ist in den akademischen Gemäuern inzwischen zu einer schönen Tradition geworden (Schönberger 2009). Besonders prägnant war im November 2005 ein von Tübinger Studierenden geradezu lehrbuchhaft ausgeführter Tortenwurf gegen den damaligen Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Peter Gaethgens. In Wien – aber so was passiert nur dort – wurde der Tortenwurf gegen den Rektor der Universität Winkler sogar im Parlament verhandelt (ebd.).

Experimente mit der Technik des Fakens führten im August 2011 an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz zu großer Aufregung. Bei Spiegel Online (25.7.2011) hieß es:

„Die Gutenberg-Universität Mainz will nicht Elite werden – mit dieser Falschmeldung schrecken unbekannte Täter Hochschule und Lokalpresse auf. Der ersten Ente, derzufolge die Uni aus der Exzellenzinitiative aussteigen wolle, folgte eine zweite: eine Reaktion des Asta. Witzig findet das niemand.“

Auf drei Seiten führte die Falschmeldung aus, warum die Universität aus der sogenannten Exzellenzinitiative aussteigen wolle. Den Kopf der Meldung zierte das Logo der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Absenderin war angeblich die Pressesprecherin der Universität.

Wegen dieser falschen Mitteilung an die Medien stellten Universität und der rechtsgerichtete ASTA bei der Kriminalpolizei Anzeige wegen Verleumdung:

„Die gefälschte Pressemitteilung, wonach Unipräsident Georg Krausch den Rückzug aus dem Exzellenzförderprogramm von Bund und Ländern erklärt haben soll, war am Freitagabend unter dem offenbar missbrauchten Absender der Uni-Pressestelle an mehrere Zeitungen und Agenturen versandt worden“ (Mainzer Rhein-Main-Zeitung, 25.7.2011).

Allerdings meldeten die Faker nur etwas, was sowieso alle wissen: nämlich dass die Exzellenzinitiative zu einem „ruinösen Wettkampf“ zwischen den Universitäten und einer ungerechtfertigten Bevorzugung einzelner Wissenschaftszweige führt ( Spiegel online , 25.7.2011). Diese Erkenntnis würden wohl viele Universitäten hierzulande teilen, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Eigentlich ist es egal, warum es im Universitätsbetrieb reizvoll ist, Seminare zum Thema Kommunikationsguerilla durchzuführen. In manchen Fällen führt das jedenfalls nicht nur zur Profilierung des akademischen Mittelbaus und einzelner Lehrauftragter, sondern auch zur Erweiterung des politischen Aktionsrepertoires der Studierenden.

Kommunikationsguerilla als Medientheorie?

Einige unserer Texte sind inzwischen in medien- und kommunikationswissenschaftlichen Textsammlungen gelandet. Im Reader Neue Medien (Bruns/Reichert 2007) findet sich der Aufsatz Bewegungsle(e/h)re? Anmerkungen zur Entwicklung alternativer und linker Gegenöffentlichkeit. Update 2.0. aus dem Jahre 1997 in unveränderter Nähe zum inzwischen verstorbenen Medienpapst Friedrich Kittler, zu philosophischen Mediendiskursen oder philologischer (geisteswissenschaftlicher) Kulturwissenschaft. Die Herausgeber versäumen es leider, die Unterschiede zwischen Kommunikationsguerilla und Techno-determinismus oder dem Konzept der „Electronic Disobedience“ à la Critical Art Ensemble herauszuarbeiten (ebd., 316ff.).

Wir haben uns über verschiedene Formen des politischen Aktivismus im Internet und die Stolpersteine auf der Datenautobahn vor dem Hintergrund der Internet-Euphorie Gedanken gemacht. Es ist klar, dass das Internet mit seiner speziellen kulturellen Grammatik großartige Möglichkeiten für Formen digitalen zivilen Ungehorsams bietet – aber nicht als

Paralleluniversum oder, wie Armin Medosch es ausdrückte, als eine eigene „virtuelle Republik“, sondern als Teil der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Hervorgehoben haben wir vor allem eine scheinbar banale Seite des politischen Handelns im Internet, nämlich das Schaffen einer alltäglich genutzten digitalen Infrastruktur, so wie es Indymedia oder auch die vielen autonomen Internet-Service-Provider wie Nadir, Autistici/Inventati, Riseup oder sindominio tun (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2005b). Heute stellt sich die Frage, wie wir uns zu den zahlreichen kommerziellen Plattformen verhalten, die seither entstanden sind. Es versteht sich von selbst, dass Facebook, Twitter und andere soziale Netze nicht das sind, worauf wir gewartet haben. Es ist aber auch ganz klar, dass sich dort die Menschen herumtreiben, mit denen wir uns verwickeln wollen. Insofern wäre es verfehlt, wenn wir uns davon fernhalten würden. Es geht wie immer darum, wie sich diese Tools in einem emanzipatorischen Sinne umnutzen lassen, also um die Frage, was man damit eigentlich sonst noch alles machen kann. Im Sammelband Grundlagentexte zur sozialwissenschaftlichen Medienkritik (Kleiner 2010) erschien unter der Kapitelüberschrift „Aktuelle Kritische Medienforschung“ der Text „Kommunikationsguerilla – Transversalität im Alltag“ (ebd., S. 716-723). Hier werden wir als bisher nicht berücksichtigt angesehen:

„Aufgrund der weitestgehenden Nicht-Berücksichtigung der Ansätze der Kommunikationsguerilla im medienkritischen Diskurs sowie in den Sozial-, Medien-, Kommunikations- und Kulturwissenschaften, darüber hinaus aber auch in Anbetracht von deren Bedeutung für den Diskurs gesellschaftskritischer Medientheorien als Praxisform, fällt die Rahmung zum Beitrag der autonomen a.f.r.i.k.a. gruppe ausführlicher aus. Generell hat erst durch den Beitrag von Kleiner (2005) eine punktuelle Auseinandersetzung mit der Kommunikationsguerilla in den Medien- und Kommunikationswissenschaft eingesetzt.“

Schön für die Wissenschaft, aber uns ist es völlig gleichgültig, ob die Kommunikationsguerilla etwas zur Reformulierung von Medienkritik und -theorie beitragen kann. Wir betreiben Theorie in praktischer Absicht, und das meint nach wie vor – frei nach Marx – die Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist (Karl Marx 1843/44).

Anstrengung des Begriffs

Die Kommunikationsguerilla ist richtig, weil sie wahr ist.

Es gibt eine ganze Reihe von theoretischen und praktischen Bemühungen, Kommunikationsguerilla zu definieren und ihren theoretischen Bezugsrahmen zu bestimmen. Ein Zitat aus dem Handbuch wurde immer wieder aufgegriffen, nämlich der Satz von Roland Barthes (1974, 141):

„Ist die beste Subversion nicht die, die Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“

Wir wollen uns auf ein paar wenige Beispiele beschränken. Eine inzwischen in der medienwissenschaftlichen Literatur herangezogene Definition von Marcus S. Kleiner (2005, 358) hebt die Medienpraktiken als zentrales Element von Kommunikationsguerilla hervor:

„Das Konzept Kommunikationsguerilla ist ein Mix aus Ideologiekritik und einer handlungstheoretisch orientierten Theorie der Medienaneignung, deren Referenzpunkte die Arbeiten von Eco und de Certeau sowie implizit die Thesen der Cultural Studies zur kreativen und eigensinnigen Medienrezeption sind.“

Mitunter liefern auch Seminarankündigungen Definitionen:

„Kommunikationsguerilla meint eine politische Praxis, die sich innerhalb der hegemonialen kulturellen Strukturen bewegt und diese mit dem Ziel attackiert, sie als Ausdruck des herrschenden Unwesens kenntlich zu machen. Sie verstrickt sich tief in die Verhältnisse und besteht dabei um so nachdrücklicher auf der Möglichkeit emanzipatorischer Praxis. Sie ist militant, bedient sich aber der Diskurse statt der Pflastersteine. Ihre klassischen Techniken, ganz allgemein gefasst als Verfremdung und Überaffirmation, scheinen mittlerweile selbst entendet und in den Dienst der herrschenden Ideologien getreten, zu deren Zertrümmerung sie einst entwickelt wurden. Wenn sich herausstellen sollte, dass sich die ironische Brechung als besonders perfide Form des aufgeklärten falschen Bewusstseins durchsetzt, gilt es, Theorie und Praxis der Kommunikationsguerilla den Gegebenheiten anzupassen“ (Universität Frankfurt, Institut für Theater- und Filmwissenschaft, Studentisches Projekt im Wintersemester 2001/2002).

Auch hier kommt die Sorge zum Ausdruck, dass Kommunikationsguerilla ihre Wirksamkeit verliere, wenn ihre Grundprinzipien, Verfremdung und Überaffirmation, in den Dienst der herrschenden Ideologien träten. Dieser Retorsion sind allerdings auch traditionelle Formen politischen Handelns ausgesetzt. In dieser Logik müssten die eindrucksvollen Greenwash-Kampagnen zur Leugnung des Klimawandels zur Ablehnung des Kampagnenformats führen, und die Orchestrierung von Pseudo-Gegenbewegungen von oben, das sogenannte „Astroturfing“, wie etwa bei Stuttgart 21 zu beobachten, müsste jegliche Protestbewegung in Frage stellen.

Die Definition von Wikipedia trägt in ihrer gegenwärtigen Version mehr zur Begriffsverwirrung als zur Klärung bei:

„Kommunikationsguerilla (auch Informationsguerilla, Medienguerilla) ist eine Form des Aktivismus (oder eine Gruppe beziehungsweise Bewegung, die sich dieser Form bedient), bei der gezielt Information oder Desinformation eingesetzt wird, um Ziele zu erreichen. Dabei wird die klassische Guerilla-Taktik, die sich um möglichst effektive punktuelle Operationen bemüht, auf den Bereich von Information

und Kommunikation übertragen. Man kann die Kommunikationsguerilla auch als eine künstlerische Strategie zur Subversion von Kommunikationsstrukturen oder eine kulturelle Instandbesetzung beschreiben.“

Hier ist fast jeder Satz unzutreffend und unzureichend. Aber das ist nicht so wichtig, weil sich unabhängig von programmatischen Definitionen Praxen und Praktiken herausbilden, die sich nicht kontrollieren oder korrigieren lassen. An dieser Stelle möchten wir nur auf einen Aspekt näher eingehen: Kommunikationsguerilla ist nicht „Medienguerilla“, wie der Eintrag in Wikipedia es nahelegt.

Kommunikationsguerilla ist nicht Medienguerilla

Ausgangspunkt für das Kommunikationsguerilla-Konzept war in den 1990er Jahren die „Medienrandale“ der Mainstream-Medien gegen Flüchtlinge und Einwanderer („JournalistInnen werfen keine Brandsätze – Sie formulieren sie“, autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 1994a) und das damit verbundene Sturmreißßen des Grundrechts auf Asyl sowie die hierüber zum Ausdruck kommende Abneigung gegenüber den bürgerlichen Grundrechten. Der Rassismus der Mitte und die damit eng verknüpfte Dominanzkultur waren für uns ein Anlass, uns über die Bedingungen unserer eigenen radikalen politischen Praxis Rechenschaft abzulegen. Dabei betrachteten wir die Massenmedien zwar als ein wichtiges Terrain des Konflikts, auf dem gesellschaftliche Gegensätze ausgetragen werden, aber keineswegs als das zentrale Problem, im Gegenteil. Es ging uns immer um den Kommunikationsprozess und nicht um die Besetzung von Sendern, nicht um die technische Sabotage von Übertragungen und eben auch nicht um das Hacken im populären Sinn als Sabotage:

„Die Autorinnen haben sich für den Begriff Kommunikationsguerilla entschieden, weil alle hier zusammengefassten Konzepte und Aktionsformen auf gesellschaftliche Kommunikationsprozesse Bezug nehmen: auf die Kommunikation zwischen Medien und MedienkonsumentInnen, die Kommunikation im öffentlichen oder sozialen Raum sowie die Kommunikation zwischen gesellschaftlichen Institutionen und Individuen. Kommunikation umfasst mehr, als eine verbreitete technizistische Sichtweise es nahe legt: Sie beschränkt sich nicht auf die Massenmedien oder auf technische Kommunikationsmittel wie Fax, Handy, Computer und Modem“ (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/luther blissfeld/sonja brünzels 2001: 8f.; vgl. 194f.).

Das Problem mit dem Begriff Medienguerilla war und ist grundsätzlicher Natur. Wir interessieren uns eigentlich nicht für Medien. In einer ansonsten sehr gelungenen Herleitung und Zusammenfassung des Kommunikationsguerilla-Konzepts konstatiert der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner, dass wir gegenüber dem Medienbegriff „dem Begriff Kommunikation ... ein originäres Kritik- sowie Kontrollpotential“ zuschreiben. Seiner Meinung nach bedeuten für uns „Kommunikationsanalysen immer Gesellschaftsanalysen, Kommunikationskritik zugleich Gesellschaftskritik“. Aber diesen Umkehrschluss teilen wir nicht, wir verwechseln Medienkritik nicht mit Gesellschaftskritik.

Kleiner betont zu Recht, dass viele Aktionen der Kommunikationsguerilla auf Medien angewiesen sind, und bezieht sich deshalb positiv auf den Begriff Medienguerilla. Aber für uns ist es nicht einsichtig, das gesamte Konzept vom Umgang mit den Medien aus zu denken. Während Kleiner als Medienwissenschaftler vermutlich an Medien als Ausgangspunkt von Kommunikationsguerilla festhalten muss, behaupten wir, dass die gängige (linke, die andere sowieso) Medienkritik ein falsches Verständnis von Gesellschaft begünstigt. Die Fixierung auf Medien beinhaltet den Aspekt der Verführung und Manipulation aus der klassischen Ideologiekritik, demzufolge das Handeln und Denken der Subjekte als Folge ihres Medienkonsums missverstanden wird. Das geht aber am Kern des Problems vorbei. Gesellschaftsveränderung und emanzipatorisches Handeln werden niemals die Folge eines veränderten Medienkonsums oder auch eines richtigeren Medienhandelns sein. Uns interessiert am Prozess der Kommunikation vor allem, wie bestimmte Denkweisen und Denkverhältnisse aufgebrochen werden können. Kommunikationskritik ist für uns ein Mittel zum Zweck. Es geht darum, zu verstehen, wie gesellschaftliche Kommunikation organisiert und realisiert wird und wie sie im Gesagten, aber vor allem auch in der kulturellen Grammatik – den Anordnungen von Körpern, Diskursen und Regeln – zum Ausdruck kommt. Unser Blick auf Kommunikation verwechselt keineswegs den Prozess der Kommunikation mit den Inhalten der Kommunikation. Kommunikationsguerilla will die Inhalte der hegemonialen (medialen wie nichtmedialen) Kommunikation bearbeiten, verfremden, delegitimieren oder ad absurdum führen.

Unser Kommunikationsbegriff zielt auf einen größeren gesellschaftlichen Horizont. Wir betonen, dass Medien nur einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellen. Das Ineinanderfließen und die Verwobenheit unterschiedlicher Handlungs- und Realitätsfelder (z.B. die kapitalistische Produktionsweise, die geschlechtliche Arbeitsteilung usw.) begründen die soziale Welt und damit auch ihre kritikwürdigen sozialen Praxen. Diese mögen medial repräsentiert sein – aber die mediale Repräsentation ist nicht ihre Ursache. Der Begriff der Medien ist für uns auch deshalb zunehmend unbrauchbar geworden, weil er nicht zuletzt durch die Medien- und Kommunikationswissenschaft derart aufgefblasen wurde, dass sogar behauptet wurde, dass dieselbe zur Leitwissenschaft erhoben werden müsse und Kulturentwicklung heute in erster Linie Medienentwicklung darstelle. Beispielhaft hierfür ist der deutsche Medienintelletuelle par excellence , Norbert Bolz, der zeitweise in jeder Spiegel -Ausgabe zitiert wurde:

„Die technischen Medien der Informationsgesellschaft sind das unhintergehbare historische Apriori unsers Weltverhaltens; Programme ersetzen die sogenannten Naturbedingungen der Möglichkeit von Erfahrung. Die Welt der Neuen Medien hat von Subjekt auf System umgestellt. Und der Regelkreis Mensch-Welt entzaubert die philosophischen Subjekt-Objekt-Beziehungen. Vor der elektronischen Schwelle unterstellte eine analoge Schau noch ein Subjekt der Vorstellung – heute arbeiten digitale Schreib/LeseKnöpfe Projekte der Darstellung ab. Was einmal Geist hieß, schreibt sich heute im Klartext von Programmen an“ (Bolz 1993, 34).

Die Eindimensionalität eines solchen Medienbegriffs verhindert systematisch, dass gesellschaftliche Verhältnisse und das damit verbundene Handeln der Menschen in ihrer Komplexität zur Kenntnis genommen werden. So kommt es zu einem Medienhype, in dessen Folge beispielsweise die Umbrüche in den arabischen Ländern als Twitter- oder Facebook-Revolutionen missverstanden werden – wogegen sich die beteiligten Blogger zu Recht zur Wehr setzen.

Zwar gibt es in den Medien- und Kommunikationswissenschaften einen weiten Medienbegriff, der über deren Definition als (elektronische) Massenmedien hinausgeht und auch Raum, Körper und Zeitempfinden einschließt. Bloß hat das bisher zumindest in der Medienwissenschaft keine Folgen gehabt. Oder warum untersuchen die Kommunikations- und Medienwissenschaften nicht das Tortenwerfen, das Unsichtbare Theater, das Happening und andere Formen des kreativen Straßenprotestes? Wir stellten also fest, dass der mediale Raum im vorherrschenden Bewusstsein tatsächlich als massenmedialer Raum gedacht wurde und bis heute gedacht wird, und darauf lässt sich Kommunikationsguerilla nicht reduzieren. Weil der im Alltag gebräuchliche Medienbegriff zu eng ist für das, was wir mit unserem Konzept meinen, bleiben wir beim Begriff Kommunikationsguerilla.

Nichts als Kunst und Hacking?

Auch im Kunstfeld gibt es Versuche, das Handeln, welches im Handbuch als Kommunikationsguerilla beschrieben wird, zu re-definieren. Seit den Interventionen der Situationisten hat sich die Produktion von Situationen im öffentlichen Raum als künstlerische Praxis etabliert: Es finden sich zahlreiche Interventionen mit Anklängen an die Kommunikationsguerilla, wie etwa die „Urban Hacking“-Aktionen der Wiener Künstlergruppe monochrom (Friesinger, Grenzfurtner, Ballhausen 2010). Es ist wohl vor allem dem Originalitätsdruck im Kunstfeld geschuldet, dass hier immer neue Begriffe ins Rennen geschickt werden. Die Bedeutung des Kommunikationsguerilla-Konzepts kommt in diversen terminologischen Bemühungen zum Ausdruck. Beispielsweise ist vermehrt von „Cultural Hacking“ (Liebl, Dülle 2005) die Rede. Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass die Hacking-Metapher ähnliche Vorstellungen von der Aneignung von Codes beinhaltet wie der Begriff der kulturellen Grammatik in der Kommunikationsguerilla. Hacking, Cultural Hacking und Kommunikationsguerilla haben die Bereitschaft zur respektlosen Regelüberschreitung gemeinsam, und alle drei wenden ihre genauen Kenntnisse des gegnerischen Feldes in unvorhergesehener Weise gegen dieses selbst.

Cultural Hacking wird als „Kunst des strategischen Handelns“ (ebd.) verstanden und als neue vielversprechende Strategie angepriesen. Dieses Handeln kann sich auf Praktiken der Intervention in das Kunstfeld beziehen (z.B. Meyer 2010), aber auch als Muster für politische Interventionen präsentiert werden. Ganz euphorisch wird die Subversion der Zeichen beschworen. Andere entwickeln den Begriff Cultural Hacking unter Hinzuziehung von Begriffen wie Interface, Programm, Software und Hacking als eine Gesellschaftstheorie auf der Basis der Metaphorik technischer Kommunikation, z.B. beim systemtheoretischen Ansatz von Sebastian Ploenges (2011).

So anregend manche Aspekte der Hacking-Metapher sein mögen, wir ziehen es vor, von Kommunikationsguerilla statt von Cultural Hacking zu sprechen. Zum ersten ist es verkürzt, die Funktionsweisen von Kommunikationsguerilla auf der Basis eines technizistischen Gesellschaftsmodells zu entwickeln. Zum zweiten sprechen wir ganz bewusst von Kommunikationsguerilla und nicht von Kommunikationsarmee, weil wir diese Aktionsformen zunächst als taktisches , und nicht als strategisches Handeln verstehen. Zum dritten bezweifeln wir, dass die Hervorhebung handwerklicher Kunstfertigkeit im Rahmen politischer Praxis zielführend ist. Wichtiger als technisches Spezialwissen sind Kenntnisse der kulturellen Grammatik der gesellschaftlichen Beziehungen in Verbindung mit einer politischen Zielrichtung. Für das Kunstfeld mag der Schwerpunkt auf Kunstfertigkeit angemessen sein – schließlich geht es dort u.a. auch ums „Können“. Das Handbuch der Kommunikationsguerilla ist jedoch vor allem darauf ausgerichtet, Anknüpfungspunkte fürs Mit- und Selbermachen zu bieten. Deshalb denken wir, dass die Hacking-Metapher mit ihrer Betonung von Genialität und Kunstfertigkeit eher zur Entmutigung als zur Ermutigung beiträgt. Zum vierten ist der Begriff des Cultural Hacking fest im Kunstfeld verankert. Auch wenn sie zum Cultural Hacker undefiniert wird, bleibt die Figur des Künstlers einem Kunstverständnis verhaftet, das seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Diesem Einzigartigkeits- und Genialitätsmythos entsprechend bezieht sich Cultural Hacking meist auf Aktionen einzelner KünstlerInnen statt auf das Zusammenwirken breitgefächter politischer Zusammenhänge in Protesten, Kampagnen und Aktionen. Spannend wird die künstlerische Anwendung von Kommunikationsguerilla dann, wenn die Aktionen aus dem Kunstraum desertieren. Uns interessieren vor allen die Momente, in denen symbolische Interventionen aus dem Terrain des Kunstgenusses herausgelöst werden und in den Alltag eingreifen. Die Entgrenzung von Kunstfeld, politischem Feld und Alltag, das Verwischen der Kontexte ermöglicht mitunter einen Prozess der Re-Politierung. Darum geht es, und nicht um Originalität oder besondere Kreativität einer Künstler_innen-Persönlichkeit.

Wir bleiben also beim Begriff Kommunikationsguerilla und wenden uns nun den gegenwärtigen Protestformen zu, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Dabei möchten wir zeigen, dass dieses Konzept deshalb so wirkmächtig war, weil sich damals schon abzeichnete, dass Kommunikation im weitesten Sinne, also die Produktion von Bildern, Zeichen und Symbolen, ins Zentrum des gesellschaftlichen Produktionsprozesses gerückt ist. Bildlich gesprochen ist es nicht mehr der starke Arm des (männlichen) Proletariers, der in gewerkschaftlich organisierter Einheit die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizwingt, sondern es sind die verstreuten AkteurInnen der Multitude, die sich von ihren postfordistisch-prekären Arbeits- und Lebensnischen aus versammeln und Veränderung bewirken können.

Subjektivierungstechniken und die Offenheit für Verkettungen und Kontaminierungen stehen nicht unverbunden nebeneinander. Vor dem Hintergrund einer veränderten Produktionsweise im Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma können sie als Schritte hin zu einer neuen Form politischen Handelns gedeutet werden.

Zur Bedeutung der Kommunikationsguerilla

Die Kommunikationsguerilla ist wahr, weil sie richtig ist.

Wenn wir die letzten 15 Jahre Revue passieren lassen, fallen drei Entwicklungslinien auf: Erstens hat sich Kommunikationsguerilla auf neue Themen und Kontexte ausgeweitet und kommt inzwischen auch in Massenprotesten zum Einsatz; zweitens funktioniert Kommunikationsguerilla nicht nur als Kritik nach außen, sondern auch als Technik der politischen Subjektivierung und Organisation nach innen, und drittens kommt sie einer Tendenz zur Abwendung von repräsentativen Politikformen beziehungsweise von Massenbewegungen und hin zu Alltagserfahrungen und Offenheit nach allen Seiten entgegen.

Die Zunahme von Kommunikationsguerilla als Form des politischen Handelns verweist auf die Formierung eines neuen politischen Subjekts, das die Postoperaisten als „Multitude“ bezeichnen. Deren Agieren lässt sich nicht an der Bildung politischer Organisationen beziehungsweise Massenbewegungen oder an der Artikulation eindeutiger politischer Positionen festmachen. In der Multitude kommen Singularitäten zusammen, die – oft punktuell und zeitlich eingeschränkt – gemeinsam agieren. Bei Kommunikationsguerilla-Aktionen zeigt sich das, wenn ganz unterschiedliche Akteure technisches Know-how, ästhetische Sorgfalt, das verfremdende Spiel mit der kulturellen Grammatik in Kombination mit traditionellen Formen politischer Artikulation zu komplexen und wirksamen Interventionen verknüpfen. Eine Entsprechung von Kommunikationsguerilla und Multitude zeigt sich auch wenn, die Grenzen identitärer Subkulturen überschritten werden, das subversive Potential von Popkultur und Alltagserfahrungen aktiviert wird und taktische Vielstimmigkeit an die Stelle festgefahrenen Beharrens auf die reine Lehre tritt.

Ausweitung und Verallgemeinerung

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich Kommunikationsguerilla als politische Praxis ausgeweitet. Die Ära von Postmoderne, Hackerromantik, Dotcom Boom und Milleniumseuphorie und der erstarkenden globalisierungskritischen Bewegung war eine fruchtbare Zeit für Kommunikationsguerilla. Die Reality Hacker, die Pranksters, Culture Jammers und wie sie sich sonst nennen mögen, haben ihr Instrumentarium ausgebaut und ihre Interventionen in politischen und sozialen Kämpfen fortgesetzt. Ihre Attacken richteten sich gegen die vielfältigen vorgeblichen Selbstverständlichkeiten der hegemonialen Diskurse im globalisierten Kapitalismus: gegen Grenzregime und Privatisierung gesellschaftlicher Ressourcen, gegen soziale und ökonomische Ungleichheit, gegen Ökonomisierung des Alltags und neoliberale Arbeitsregime, gegen Repression sowie immer wieder ganz grundsätzlich gegen die Art, in der wir regiert werden. Was in den 1990er Jahren noch als Sammelsurium von mehr oder weniger skurrilen Einzelaktionen wahrgenommen wurde, floss in den Strom der globalisierungskritischen Bewegung ein.

Zahlreiche Aktionen kann man mittlerweile in Büchern (z.B. Bazzichelli 2008) und auf Webseiten (BlogChronik der Kommunikationsguerilla) nachlesen. Legendar wurde die grandios gefakte Deportation Class , die das gepflegte Image der Abschiebe-Fluglinie

Lufthansa nachhaltig verschmutzte (autonome a.f.r.i.k.a. gruppe 2002; 2005a) oder der Troy War (Arns 2002), in dem ein zusammengewürfelter Haufen aus Hackern, Künstlern, Netz- und Politikaktivist_innen die NetzKünstler_innen der Künstlergruppe Etoy in ihrem Verteidigungsfeldzug gegen den Spielekonzern Etoys unterstützte. Lebhaft in Erinnerung geblieben ist auch die spanische Gruppe Fiambrera Obrera, die die Gentrifizierung ihrer Stadt durch die einfache, aber wirksame Markierung sämtlicher auffindbarer Hundehaufen konterkarierte. Oder Subitoys und das Büro für angewandten Realismus aus Ludwigshafen, die mit ihren merk- bis denkwürdigen, mitunter auch bösartigen Spielezeugen die Kritik ins Kinderzimmer und auf den Wohnzimmertisch kritischer Cityoyens bringen. Bis heute sind die Yes Men (2004) auf den Tagungen der wirtschaftlichen und politischen Eliten unterwegs, wo sie sich um die Korrektur der Identitäten von Firmen und Institutionen verdient machen. Und außerdem sind da auch noch unendlich viele andere Gruppen und Techniken – das Guerilla Gardening (Reynolds 2009), Critical Mass, die Tortenwerfer-Internationale, die Hedonistische Internationale, die Errortische Internationale aus Argentinien (Burkert 2007), die Berliner Absageagentur, die ungezählten Amtsbrief-FälscherInnen – zu viele, um sie alle gebührend zu würdigen.

In den 1990er Jahren waren wir skeptisch, wenn es darum ging, rassistische Diskurse mit dem Prinzip der Überidentifizierung anzugreifen, weil wir hierbei die reale Gefahr einer Verdoppelung dieser Diskurse sahen. Inzwischen haben die Kampagne Deportation Class , die amerikanischen Patriots for Self-Deportation , Initiativen wie Kanak Attak und die Front Deutscher Äpfel vorgemacht, wie auch das gehen kann.

Elemente aus dem Werkzeugkasten der Kommunikationsguerilla finden sich auch in eher braven Kampagnen von NGOs bis zu Teilen der Gewerkschaften. So brachten 2009 Attac und die taz (23.3.2009) eine Camouflage in Form ihrer Wunsch-ZEIT in Umlauf. Es sind auch nicht mehr nur einzelne lokal agierende Grüppchen, die sich die Prinzipien der Überidentifizierung und Verfremdung zunutze machen. Entgegen unserer Annahme aus den 1990er Jahren hat sich gezeigt, dass einer Politik der Zeichen gerade bei Massenprotesten eine besondere Bedeutung zukommt. In den weltweit vernetzten Subkulturen der globalisierungskritischen Bewegung wurde das Methodenrepertoire der Kommunikationsguerilla – Collage, Fake, subversive Affirmation oder Entwendung – geradezu zur Selbstverständlichkeit. Das drückte sich nicht nur in Form von flankierenden Aktionen aus, wie etwa bei den Spoof Newspapers von Reclaim the Streets (Hamm 2002), die unter Titeln wie Financial Crimes oder Evading Standards in schöner Regelmäßigkeit bei Protestereignissen auftauchten. Im Gegenteil, der Einsatz der zentralen Prinzipien der Kommunikationsguerilla, nämlich Überidentifizierung und Verfremdung, wurde zum integralen Bestandteil von Massenprotesten nicht nur in der westlichen Welt. Auch aus China und neuerdings aus Syrien wird Ähnliches berichtet (NZZ, 2.2.2012). In Damaskus wurde z.B. das Wasser der Springbrunnen auf zentralen Plätzen blutrot eingefärbt. Ein andermal spielten sich slapstickähnliche Szenen ab, als die Sicherheitskräfte Tausenden von Tischtennisbällen nachspurteten, die mit den Worten „Hau ab“ oder „Freiheit“ beschriftet waren.

Die Verknüpfung von Kommunikationsguerilla und Massenprotest zeichnete sich schon 1999 beim Bundeswehrgelöbnis in Stuttgart ab, als ganz verschiedene Elemente der Kommunikationsguerilla im Rahmen einer umfangreichen medialen wie performativen

Kampagne in ein Konzept integriert wurden. Die Stadtzeitung Life (11/1999) griff ein Element dieser Kampagne auf:

„War das ein Spaß! 1.500 Bundeswehrsoldaten wurden nicht nur mit großem Bundeswehrblasorchester und Zapfenstreich aufs deutsche Land vereidigt, sondern stlecht von drei der größten deutschen Rockbands der neunziger Jahre begleitet. Pur spielte ‚Wenn ich am Boden liege, sorgst du dafür, dass ich bald nach Kosovo fliege‘. Die politisch hyperkorrekten Kölschrocker Bap sangen ‚Verdamp lang her, dat mir im Graben lagen‘, und die Scorpions spielten ‚Wind of Change‘ mit der Bundeswehrkantopelle Günther Noris. Problem: Nichts stimmte.“

Klaus Viehmann (2002) analysiert die Kampagne gegen das Gelöbnis als „regelrechten Symbolkampf“ und erklärt das anhand der von der oben zitierten Stadtzeitung aufgegriffenen Konzertankündigung, an der „nichts stimmte“:

„Was war passiert? Die GelöbnisgegnerInnen führten einen regelrechten Symbolkampf, in dessen Verlauf auch ein Plakat auftauchte, das ‚im Rahmen der Gelöbnisfeier‘ ein Open-Air-Freiluftkonzert von Pur, Scorpions und Bap ankündigte. Als Veranstalter wurden der SWR 3, die Stadt Stuttgart und die Bundeswehr genannt, der Eintritt sollte frei sein. Das Plakat machte Furore und der Staatsapparat vermutete eine ‚perfiden Taktik der Autonomen‘: Sie würden versuchen, eine große Zahl harmloser Schlagerfans anzulocken, um dann aus dieser Menschenansammlung heraus gewalttätige Angriffe zu unternehmen. Dieses Plakat und weitere Fake-Aktionen trieben die Gelöbniskosten auf 500.000 Mark und die Stuttgarter Nachrichten vom 19.10.1999 zitierten erboste Zuschauer: ‚Man könne nicht vom öffentlichen Gelöbnis sprechen und die Zuschauer dann 100 Meter hinter Absperrungen verbannen.“‘“

Kommunikationsguerilla als Technik der Subjektivierung

Bis in die 1990er Jahre wurde Kommunikationsguerilla weniger als politische Organisationsform denn als symbolische Politik verstanden, die mit punktuellen Angriffen auf die Macht das Terrain öffnen sollte, auf dem man sich dann für „die echten Kämpfe“ als Gegenmacht organisieren würde. Heute zeichnet sich ab, dass diese symbolische Politik der Zeichen sich auf den organisierenden Aspekt politischen Handelns und damit auf die Konstitution von Gegenmacht erweitern kann. Vor dem Hintergrund der veränderten Produktionsweise im kognitiven Kapitalismus und dem damit verbundenen Arbeitsparadigma der immateriellen oder mentalen Arbeit ist es von Bedeutung, dass die Politik der Zeichen auch Techniken der politischen Subjektivierung beinhaltet. Die Praxis der Kommunikationsguerilla produziert widerständige Subjekte mit politischer Schlagkraft, die sich beim Experimentieren mit Zeichen, Narrationen und Symbolen zusammenfinden. Der dabei eingeübte subversive Blick entfaltet sich nicht nur in der politischen Aktion, sondern auch bei der Arbeit am eigenen Selbst.

Kommunikationsguerrilla zielt also nicht nur nach außen, auf den politischen Gegner, sondern wirkt auch nach innen, auf das Selbstverständnis der Guerilleros selbst. Als Technik der Subjektivierung trägt sie zur Entwicklung einer eigenen, in sich vielstimmigen Stimme bei oder, in der Sprache der PostoperaistInnen, zur Produktion politischer Subjektivitäten – als Prekäre, als Occupy-Bewegung, als radikale politische Kraft.

Verkettungen und Kontaminierungen

Noch in den 1990er Jahren tendierten aktivistische Kreise dazu, sich gegenüber dem Rest der Gesellschaft abzuschotten. Ob in der antimilitaristischen Szene Spaniens, bei den Autonomen in Deutschland und Österreich oder den AnarchistInnen in Großbritannien: Viele militante Aktivist_innen pflegten ein Selbstbild, mit dem sie sich außerhalb der Mainstream-Gesellschaft positionierten. Trotz einer Rhetorik der Partizipation stand der Aktivismus dem Alltagsleben der Menschen, auch dem seiner eigenen ProtagonistInnen, oft seltsam getrennt gegenüber. Man hatte sich in aktivistischen Subkulturen mit eigenen Zeichen, eigenen Werten und eigenen Legitimationsmustern eingerichtet. Widerstand bezog seine Legitimität aus der Authentizität des eigenen Körpereinsatzes, der Intensität der aktivistischen Praxis. Die Isolierung im aktivistischen Ghetto wurde zwar beklagt, gleichzeitig aber wurde die Reinheit der eigenen Identität ängstlich aufrechterhalten, grenzte eine Rhetorik der Konfrontation und des apokalyptischen Millenarismus das aktivistische Lager vom gesellschaftlichen Mainstream klar ab. Die Frage des Reformismus wurde nicht so sehr in Bezug auf Ziele und Inhalte als vielmehr hinsichtlich der Formen revolutionären Handelns diskutiert. Die eigene Radikalität erschien merkwürdig symbolisch und ästhetisiert.

Kommunikationsguerrilla zu betreiben setzte die Fähigkeit voraus, diese Grenzlinie zu überschreiten. Wer Popkultur und Spieltum, Business-Speak und Selbsterfahrungsdiskurs mit den Prinzipien von Verfremdung und Überidentifizierung zur Artikulation von Protest, Widerspruch oder gar Widerstand in Dienst nehmen wollte, kam nicht daran vorbei, sich in die Niederungen von spießigem Alltag und alberner bis abgedrehter Popkultur zu begeben. Von den aktuellen Bewegungen überschreiten viele jene Grenzlinie, die traditionelle linke Aktivisten mit ihrer Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft herstellten. Es wurde die Verknüpfung unterschiedlicher Kämpfe über die engen Grenzen der militanten Linken hinaus möglich, und damit eine Formierung als Multitude. Die globalisierungskritischen Bewegungen, die Occupy-Bewegungen und einige ihrer Vorläufer setzen weitaus weniger auf eine festgefügte Identität als der Aktivismus vor 15 Jahren. Immer wieder werden radikale Offenheit, Partizipation und Vielstimmigkeit betont, immer häufiger treffen wir auf die Weigerung, repräsentative SprecherInnen zu bestimmen, die eindeutige Aussagen machen und klare Forderungen aufstellen. Diese Bemühungen signalisieren Offenheit und eben nicht Abgrenzung. Entgegen dem Lamentieren von Kommentatoren in der Linken wie auch in der politischen Klasse und ihren Lautsprecher-Medien betrachten wir diese Offenheit als eine Stärke der neuen Artikulationen von Protest. AktivistInnen sehen sich nicht mehr als die letzten aufrechten Widerständler in einem umzingelten galatischen Dorf und huldigen nicht mehr dem Narzissmus der kleinsten Differenz, sondern wissen und

akzeptieren, dass eben auch dieses gallische Dorf (z.B. die Subkulturen der freiberuflichen Bürokollektive, der mobilen, flexiblen und gewandten internationalen Aktivist_innen, der erfahrenen TeamarbeiterInnen) infiziert und kontaminiert ist vom Regime des kognitiven Kapitalismus. Indem AktivistInnen ihren eigenen, oft prekären Alltag thematisieren, begreifen sie die kulturelle Grammatik und produktive Logik der veränderten kapitalistischen Produktionsweise. In Verbindung mit aktivistischen Praktiken ist dieses Wissen die Voraussetzung dafür, die Logik des kapitalistischen Regimes gegen dieses selbst zu wenden.

Ausblick auf eine künftige Kritik der politischen Ökonomie der Zeichen

Die Ausweitung einer Politik der Zeichen, die damit einhergehende Entwicklung neuer Subjektivierungstechniken und die Offenheit für Verkettungen und Kontaminierungen stehen nicht unverbunden nebeneinander.

Was bedeutet der weitreichende Einsatz von Kommunikationsguerilla bei karnevalskesken Protestformierungen wie Pink & Silver, Clown Army oder Prekäre Superhelden, wo bekannte Techniken wie Subvertising und Imageverschmutzung, Happening oder Unsichtbares Theater eingesetzt und neue, etwa Tactical Frivolity oder das Clowning entwickelt wurden? Warum wurde Kommunikationsguerilla bei den Platzbesetzungen der Occupy-Bewegung in USA, Europa und auch in Südamerika (Erroristische Internationale) als angemessene Aktionsform eingesetzt?

Vor dem Hintergrund einer veränderten Produktionsweise im Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma deuten wir sie als Schritte hin zu einer veränderten Form politischen Handelns.

Wenn sich Protestbewegungen zunehmend einer symbolischen Politik der Zeichen zuwenden, dann verweist das nicht auf eine Depolitisierung, Ästhetisierung oder Kulturalisierung von Politik, sondern vielmehr darauf, dass AktivistInnen ihre Aktionsformen an das Regime des kognitiven Kapitalismus angepasst haben. Wenn im Zentrum der postfordistischen Produktions- und Verwertungslogik die Produktion von Zeichen und Symbolen steht, dann liegt es nahe, dort den Hebel anzusetzen. So wie die traditionelle Arbeiterbewegung aus den Bedingungen in den Fabriken des industriellen Kapitalismus den Streik als machtvolle Waffe entwickelte, so suchen die prekären, verstreuten, flexibilisierten kognitiven Arbeiter_innen nach einer Waffe, die den gewandelten Produktionsverhältnissen angemessen ist.

In den 1970er Jahren erklärte der postmoderne Theoretiker Jean Baudrillard (1978, 91) in seinem Requiem auf die Medien , dass die Entwicklung einer Kritik der politischen Ökonomie des Zeichens mit den Begriffen des orthodoxen Marxismus unmöglich sei. Inzwischen haben radikale Theoretiker_innen in Cultural Studies, Feminismus und Postoperaismus das begriffliche Instrumentarium der Marxschen Analyse weiterentwickelt. Auch die Produktionsverhältnisse haben sich grundlegend geändert. Die Produktion von Zeichen und Symbolen ist ins Zentrum der Wertschöpfung gerückt.

Dabei verändert sich auch die Vorstellung dessen, was als „das Politische“ angesehen wird. Wir interpretieren die Entwicklung der Kommunikationsguerilla und ihre Verbreitung als Teil

dieses Prozesses. Um dieses politische Instrument zu schärfen, gilt es zu verstehen, welche Rolle die Produktion von Zeichen und Symbolen, aber auch von Kooperation, dem Kommunen/den Commons, von Kreativität, Affekten und des Sozialen allgemein im Prozess der Verwertung biopolitisch-immaterieller Formen von Arbeit einnimmt. Deshalb denken wir, dass es jetzt an der Zeit ist, jene von Marx angesichts der industriellen Produktionsweise formulierte Kritik der politischen Ökonomie zu einer Kritik der politischen Ökonomie der Zeichen weiterzudenken.

Damit ließe sich zeigen, dass es bei den sogenannten kreativen Protesten der globalisierungskritischen Bewegung, den offenen Versammlungen der Occupy-Bewegung, den Aneignungsaktionen und den vielfältigen anderen ausdrucksstarken Artikulationsformen auch im digitalen Bereich nicht um eine Ästhetisierung von Politik geht. Wir haben es mit einer Politik zu tun, deren materielle Voraussetzung und Resonanzboden die Rolle von Ästhetik ganz allgemein in der Wertschöpfung darstellt. Genau das ist auch der Grund für die wachsende Beliebtheit von Kommunikationsguerilla unter ganz unterschiedlichen politischen Akteuren.

Diese Überlegungen werden wir in absehbarer Zeit in einem weiteren Buch konkretisieren, in dem wir neue Praktiken und Kontexte der Kommunikationsguerilla diskutieren.

Quellen- und Textnachweise

Zitierte Literatur

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Richard Reynolds (2009): Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest. Freiburg.

Klaus Schönberger (2009): „Torte statt Worte“ – (K)eine Theorie des Tortenwerfens, in: Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein ... Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Hamburg u.a., S. 190-209.

Klaus Viehmann (2002): Anplacken!, in: Freitag – Die Ost-West-Wochenzeitung, 23.8.2002. http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/anplacken (Abruf: 1.8.2012).

The Yes Men (2004): The True Story of the End of the World Trade Organization. New York.

Online-Quellen

Institut für Kulturkonzepte (2008): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Oder:

Das Erste-Hilfe-Buch für Gesellschaftskritik – Blogchronik der Kommunikationsguerilla, 16.2.2008. http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/4712026/ (Abruf: 1.8.2012).

Institut für Theater- und Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin (2001): „Ist Ironie noch ein Mittel der Subversion? – Theorie und Praxis der Kommunikationsguerilla“, in: Blogchronik der Kommunikationsguerilla, 3.2.2004. http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/135673/ (Abruf: 1.8.2012).

Matthias Rothe (wissenschaftlicher Mitarbeiter Linguistische Kommunikations- und Medienforschung, Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder) (2005): Seminar „Kritik und Protest“ („BA-Vertiefungsthema“) im Sommersemester 2005, in: Blogchronik der Kommunikationsguerilla, 5.1.2006. http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/1366089/ (Abruf: 1.8.2012).

Tagung „Subversive Aktion als emanzipatorische Praxis?“, Hannover, 19.-20.3.2012. http://subversionstagung.blogspot.ch/ (Abruf: 1.8. 2012).

Wikipedia, Seite „Kommunikationsguerilla“, in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.

Bearbeitungsstand: 13. April 2012. http://de.wikipedia.org/wiki/

Kommunikationsguerilla (Abruf: 1.8.2012).

ZEIT-Spoof. http://attac-typo.heinlein-support.de/extern/plagiat/ (Abruf: 1.8.2012).

Kontakt und Adressen

Die Webseite http://contrast.org/KG wurde umgewidmet und wir sind umgezogen auf
http://kguerilla.org

Unsere alte Webseite gibt es nur noch archiviert:

http://web.archive.org/web/20080509154756/http://www.contrast.org/KG/

Ebenso wichtig: Blogchronik der Kommunikationsguerilla seit 2004:

http://kommunikationsguerilla.twooday.net

Ein vollständiges Verzeichnis der Texte aus dem Kommunikationsguerilla-Projekt findet sich unter: http://kguerilla.org

autonome a.f.r.i.k.a. gruppe, Luther Blissett und Sonja Brünzels sind per E-Mail erreichbar über: afrika-gruppe@gmx.net

Wir sind per Post erreichbar über unseren Verlag:

Assoziation A | Büro Hamburg | c/o Brücke 4 | Amandastr. 60 | 20357 Hamburg |
Tel.: 040-80 60 92 08 | Fax: 040-80 60 92 15 | hamburg@assoziation-a.de

Errata

Leider ist uns an mehreren Stellen ein Rechtschreibfehler entgangen. Deshalb sollte jedesmal, wenn das Wort „poaching“ auftaucht, das „r“ gestrichen werden. Denn nur „poaching“ heißt wildern.

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Außerdem ist uns auf Seite 165 bedauerlicherweise ein Bild verrutscht: Das im Buch gezeigte Foto zeigt nicht Herrn und Frau Müller anno 1980, sondern Herrn und Frau Müller anno 1994. Die Aufnahme ist von Klaus Rosza (Zürich). Stattdessen hätte an dieser Stelle dieses Bild stehen sollen. Es stammt aus dem Video „Zürich brennt“ des Videoladens Zürich und zeigt nur Herrn Müller 1980 im Schweizer Fernsehen bei seiner Forderung nach stärkeren Tränen-gasgranaten gegen „Die Bewegung“. Auf Seite 80 haben wir diese Aktion fälschlicherweise in das Jahr 1981 verlegt.

Impressum

5. Auflage | Berlin & Hamburg 2012 | Assoziation A | Gneisenaustr. 2a | 10961 Berlin
www.assoziation-a.de | ISBN 978-3-86241-410-9 | 3048590ac82f5ec695ca065c106fc85d-img.jpg

INDEX →

  • → Camouflage
    63, 65, 213
  • → Collage/Montage
    85, 87, 104, 181, 208, 212
  • → Consume your Masters
    108, 112, 216
  • → Crossdressing
    115, 81, 202
  • → Der Herr Minister spricht zum Volk
    16, 26, 67, 80, 137
  • → Entwendung
    87, 11, 29, 31, 37, 64 f., 101, 104, 159, 209
  • → Erfindung
    58
  • → Fake
    65, 58, 86, 123, 208
  • → Gegenöffentlichkeit
    111, 187
  • → Happening. Unsichtbares Theater
    122, 27, 63, 111, 126, 132, 142, 216
  • → Imageverschmutzung
    149, 37, 112
  • → Kulturelle Grammatik
    14, 7, 25, 46, 112, 123, 127, 164, 202, 215
  • → Müllern
    165, 80, 159
  • → Multiple Namen
    38, 34, 211
  • → Orte/Räume
    32, 98, 101
  • → Sniping
    94, 33, 36, 50, 53, 104, 112
  • → Strategie/Taktik
    30, 53, 214
  • → Subversive Affirmation
    80, 84, 112, 126, 160, 168, 203, 214, 216
  • → Subvertising
    104, 51, 86
  • → Textual Poaching
    119, 88
  • → Tortenwerfen
    140, 124
  • → Überidentifizierung
    54, 46 f., 58, 216
  • → Verfremdung
    46, 37, 58, 85, 87, 94, 101, 161, 168, 215
  • → Voller Wix und bloße Körper
    128, 37
  • → Wahlquark
    159, 40
  • → Warum hört mir keiner zu
    174, 24, 67
  • ○ A/Traverso – Il Male
    69
  • ○ Adbusters
    104
  • ○ Billboard Liberation Front
    95
  • ○ Bilwet. Souveräne Medien
    186
  • ○ Büro für ungewöhnliche Maßnahmen
    88
  • ○ Burroughs
    179
  • ○ California Dreaming
    (Barbie Liberation Organization, Cacaphony Society etc.)
    121
  • ○ Chumbawamba
    63
  • ○ Dada, Oberdada, Maodada
    206
  • ○ El „Sub“ Marcos
    39
  • ○ Eulenspiegel
    201
  • ○ Indiani Metropolitani
    111
  • ○ Kommune 1
    124
  • ○ KPD/RZ
    162
  • ○ London Psychogeographical Association (LPA)
    59
  • ○ Luther Blissett
    75
  • ○ Neoisimus
    211
  • ○ Neue Slowenische Kunst (NSK)/Laibach
    47
  • ○ Provos
    131
  • ○ Radio Alice
    192
  • ○ Sanguinetti („Il Censor“)
    54
  • ○ Schwejk
    83
  • ○ Situationistische Internationale (SI)
    33
  • ○ Sprayer von Zürich
    102
  • ○ Subversive Aktion/Gruppe Spur
    151
  • ○ Telefonmahn
    166
  • ○ Yippies
    139

HANDBUCH DER
KOMMUNIKATIONSGUERILLA

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Weiter
gute Fahrt!

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autonome a.f.r.i.k.a. gruppe

Luther Blissett
Sonja Brünzels

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