Direkt zum Hauptinhalt

ICE für LB

Und es war Sommer 1995. Dem bescheidenen Barockstädtchen Ludwigsburg stand hoher Besuch im Haus. Erwartet wurde der chinesische Ministerpräsident, der am dortigen Bahnhof in einen der hochgelobten neuen ICEs steigen sollte. Von dieser PR-Aktion erhoffte sich die bundesdeutsche Eisenbahnindustrie Aufträge in Milliardenhöhe. Auf seiner Tour durch die bundesrepublikanischen Lande begegnete der Herr Ministerpräsident neben ehrenvollen Empfängen auch etlichen Mißfallenskundgebungen wegen der permanenten Menschenrechtsverletzungen in China. Allerdings wurden alle chinakritischen Demonstrationen entweder verboten oder zumindest mehr oder weniger unsichtbar gemacht. Als der Konvoi mit den wichtigen Leuten in Ludwigsburg vorfuhr, verschwand die Menschenrechtsdemo der ‚Jungen Liberalen‘ hinter 300 Meter entfernt aufgefahrenen Wannen. Eine Blaskapelle trug dazu bei, sie auch akustisch in den Hintergrund zu drängen. Dagegen schaffte es eine kleine Schar tapferer Demonstrantinnen der ‚Eisenbahnfreunde Ludwigsburg‘, sich bis auf wenige Meter dem hohen Gast zu nähern. Sie begrüßten mit Transparenten und Parolen wie „ICE für LB“ lautstark, daß in ihrer Stadt erstmals ein solches Wunder der Technik haltmachte. Unterschriftenlisten und Einladungen zu einer „Pressekonferenz der Eisenbahnfreunde nach Abfahrt des ICE“ wurden durch das staunende Auditorium gereicht, als der Bundesverkehrsminister, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Herr Jang Zemin am Bahnhof aus dem Auto stiegen. Die Polizei schaute tatenlos zu, wie wild gekleidete Jugendliche, Punks, ‚ernsthafte‘ dreinblickende Anzugträger und andere ganz normale Bürgerinnen im besten Wortsinn eine Demonstration darstellten. Angeblich handelte es sich allerdings um einen böswilligen Trick: Da die Agierenden keine Lust hatten, sich einmal mehr selbst zu beweisen, welch gute Menschen sie sind, ließen sie das ganze Gebümmel um Menschenrechte und Besuche aus China sein und verschalteten sich mit der Erfindung des Vereins der „Eisenbahnfreunde“ Zugang zur ersten Reihe. Dort benahmen sie sich recht snäubig, hatten jede Menge Spaß und hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die „Jungen Liberalen“ schließlich forderten angesichts dieser Ungerechtigkeit einen Untersuchungsausschuß im Landtag, der sich mit den Ereignissen am Bahnhof Ludwigsburg beschäftigen sollte.