Verfremdungsprinzip
Mit Verfremdung in einen Kommunikationsprozeß einzugreifen bedeutet, bestehende Formen, Ereignisse, Bilder und Vorstellungen aufzugreifen und ihren normalen Verlauf oder ihr gewöhnliches Erscheinungsbild zu verändern. Solche Veränderungen können zunächst ein Gefühl der Verwirrung hervorrufen, und zwar, weil jede aufgrund ihrer Sozialisation innerhalb dieser Gesellschaft ein Grundwissen über kulturelle Grammatik hat, das ihre Wahrnehmungen vorstrukturiert. Das heißt, es gibt meist relativ klare Erwartungen, wie ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Situation ‚normalerweise‘ aussehen oder ablaufen müßte. Sobald nun unerwartete oder unvorhergesehene Elemente im Kommunikationsprozeß auftauchen, wird die Selbstverständlichkeit gestört, mit der die Wahrnehmungen sich normalerweise in die Raster der kulturellen Grammatik einfügen. Die Störung ist besonders wirksam, wenn einige Augenblicke lang unklar bleibt, was (oder wer) denn eigentlich ‚nicht stimmt‘. Die daraus entstehende Verwirrung soll es dem Publikum ermöglichen, zumindest momentan auf Distanz zu der Situation zu gehen: Sie kann einen kritischen Blick auf die üblichen Wahrnehmungsmuster von Sachverhalten oder Ereignissen ermöglichen. Die Veränderung muß zwar deutlich genug sein, daß sie die übliche Wahrnehmung durcheinanderbringt. Sie verfehlt allerdings ihr Ziel zumindest tendenziell, wenn sie ihrerseits vorhersehbar ist oder sich in einfache, eindeutige Interpretationsmuster einordnen läßt (dazu gehört auch die Feststellung „Halt wieder einmal so ein paar linke Spinner“).
Verfremdung baut darauf, daß auch in ganz ‚normalen‘, alltäglichen Situationen innere Widersprüche, unausgesprochene Brüche und mögliche Paradoxien verborgen sind. Das ist selbst dann so, wenn die Anwesenden die Situation zunächst nicht grundlegend in Frage stellen, sondern das ganze Geschehen aufgrund seiner ‚Normalität‘ für selbstverständlich halten. Denn die anwesenden Personen sind auch in sich selbst nicht ungebrochen, nicht homogen; sie sind wie alle Menschen fragmentierte Subjekte, die mit äußeren und inneren Widersprüchen zu kämpfen haben. Sie beziehen nicht nur unterschiedliche Positionen innerhalb der herrschenden Diskurse, sondern haben auch Anteile, die aus diesen Strukturen herausfallen und ihnen widersprechen. Konkret kann das beispielsweise heißen, daß sie Angst haben, ihren Job zu verlieren, gleichzeitig aber im Grunde selbst keine Lust auf diesen Job haben, für dessen Erhaltung ihnen nun irgendjemand (der Vorgesetzte, der Herr Minister, ...) ‚Opfer‘ abverlangt, oder daß eigene Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Benachteiligung den hochtrabenden Worten von „Wir müssen alle zusammenstehen“ offenkundig widersprechen.
Wenn nun plötzlich und unerwartet etwas passiert, das die vorgegebenen Regeln auf den Kopf stellt, lächerlich macht oder absurd erscheinen läßt, kann eine solche Verfremdung wie ein Angebot wirken: Sie zeigt, daß das Unmögliche möglich ist, daß es eine Entscheidung und nicht ausschließlich eine unumgängliche Notwendigkeit ist, sich in die gesellschaftliche Normalität einzufügen. Das als selbstverständlich Empfundene ist es in Wirklichkeit nicht; das, was in der alltäglichen Wahrnehmung ignoriert wird, bleibt gleichwohl präsent. Es kann passieren, daß die Verfremdung des Normalen in den ZuschauerInnen Anteile anspricht, die sonst unterdrückt bleiben oder aufgrund rationaler Entscheidungen bewußt ‚vergessen‘ werden. So ist es möglich, daß eine Verfremdung nicht nur als destruktive Methode, sondern darüber hinaus als (kleiner) Wegweiser für gesellschaftsverändernde Utopien und Handlungsweisen wirken kann.
Kommunikationsguerillas betreiben Verfremdung nicht als beliebiges Spiel ohne Ziel; sie bekommt politischen Charakter, indem sie versucht, in der verfremdeten Situation unausgesprochene oder naturalisierte Machtbeziehungen, verdrängte oder normalisierte Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar und bewußt zu machen. Kommunikationsguerrilla-Aktionen beruhen darauf, daß es gerade diese Aspekte alltäglicher Situationen und Kommunikationsprozesse sind, an denen kritische und letztlich subversive
Denkprozesse ansetzen können. Allerdings bleibt das Ende offen: Wie das ‚Publikum‘ reagiert, ob es den Angriff auf Erwartungen und Vorstellungen als interessante Erfahrung auffaßt oder empört zurückweist, darauf ist letztlich kein Einfluß zu nehmen.
Die Möglichkeit der Verfremdung ergibt sich daraus, daß Aussagen erst durch die Rahmenbedingungen, durch die Situationen, in denen sie erscheinen, ihre volle Bedeutung entfalten. So ist es normal und selbstverständlich, wenn ein Redner sein Publikum mit „sehr geehrte Damen und Herren“ begrüßt, und zwar unabhängig davon, ob er sein Publikum tatsächlich verehrt oder nicht. Benutzt jedoch ein Lehrer diese Anrede vor einer Schulklasse, so ist sie vermutlich ironisch gemeint und wird in diesem Kontext kaum als freundliche Zuwendung verstanden werden. Das Beispiel zeigt, daß die Verfremdung einer Situation, bei der in diesem Fall sprachliche Elemente in einen anderen Zusammenhang überführt werden, eine ganz alltägliche Sache ist. Sie steht auch nicht automatisch im Dienst der Subversion. Im Beispiel ist es der Lehrer, der sich sowieso in der überlegenen Position befindet und seine Macht gegenüber den Schülerinnen dadurch zusätzlich betont, daß er mit den verschiedenen Sprachebenen spielt.
Viele Methoden und Techniken der Kommunikationsguerilla beruhen auf dem Prinzip der Verfremdung. Offensichtlich liegt es nahe, dort verfremdend einzugreifen, wo für alle erkennbar etwas mitgeteilt werden soll. Besonders beliebte Objekte von Verfremdungsaktionen sind daher politische Plakate und Werbeposter sowie Denkmäler (◉ Sniping ). Aber auch ganze Situationen lassen sich verfremden. Dabei werden dabei oft bedeutungsgeladene Anlässe und öffentliche Rituale (Wahlfeiern, Gedenkveranstaltungen, Versammlungen) aufgegriffen. Allerdings kommen Machtverhältnisse nicht nur dort zum Ausdruck, wo sie offen zelebriert werden, sondern ebenso in ganz alltäglichen Situationen. Und auch in solchen Situationen kann Verfremdung diese Machtverhältnisse offenlegen und ihr reibungsloses Funktionieren durcheinanderbringen.
Bei der Verfremdung läßt sich die Tatsache, daß zwischen (textlichen und verbalen) Aussagen und den Situationen, in denen diese Aussagen getroffen werden, ein Bedeutungszusammenhang existiert, in verschiedener Weise kreativ umsetzen: Beispielsweise besteht die Möglichkeit, eine Aussage zu verändern, um dadurch die Situation zu kommentieren, in welcher sie präsentiert wird. Die Grundlage einer solchen Verfremdung ist, daß Informationen nie allein als sachliche Mitteilungen gemeint sind. Auch oder gerade wenn sie sich als solche präsentieren, transportieren sie dennoch stets Elemente von Ideologie, die durch verfremdende Hinzufügungen oder Veränderungen zum Vorschein gebracht werden können. Wenn verbale oder schriftliche mit bildlichen Aussagen verbunden sind, wie es für Werbevorlagen typisch ist ( \odot Subvertising ), können dazu entweder die Worte oder das Bild verändert werden. Es kann auch versucht werden, beide Ebenen gleichzeitig zu verfremden, wobei die Eingriffe relativ subtil sein müssen, damit das Original noch dahinter erkennbar bleibt. (Ohne diesen Bezug geht der Verfremdungseffekt verloren, und etwas ganz Neues entsteht.) Ein gutes Beispiel ist eine Verfremdung der amerikanische Parfümwerbung von Calvin Klein für „Obsession for men“. Unter dem neuen Text „Recession for men“ ist anstelle des glattgebügelten Schönlings ein Obdachloser abgebildet, der ebenso ernst und sinnend in die Ferne blickt wie das die Modelmänner gemeinhin tun. Die Verschiebungen der (bildlichen wie textlichen) Aussage kritisieren die in der Werbung idealisierte Scheinwelt. Dabei muß die Betrachterin nicht einmal unbedingt den ursprünglichen Text oder das Ausgangsbild der verfremdeten Werbung kennen. Denn vor dem Hintergrund eingeübter Seh- und Lesegewohnheiten wird die Kritik für alle diejenigen offensichtlich, die die Verschiebungen registrieren.
Zum anderen kann eine Aussage dadurch in einem neuen Licht erscheinen, daß sie in einer veränderten Situation präsentiert wird. Solche Verfremdungen nehmen auf eine gegebene Aussage Bezug und rücken durch eine neue Kontextualisierung Aspekte ins Blickfeld, die normalerweise nicht wahrgenommen werden. Die Folge davon ist, daß ein und dieselbe Aussage neue Bedeutungen annehmen kann, daß Bedeutungsschichten bewußt werden, die nicht auf der Ebene des Aussagetextes liegen, sondern erst durch den situativen Kontext entstehen.
In dem Band „Spaßguerilla“ wird zähneknirschend festgestellt, daß auch die Werbung Methoden der Verfremdung einsetzt. Die Erkenntnis, daß gerade die schlimmsten Vasallen des Kapitalismus, die Werbefirmen, mit Elementen spielen, die seit Bert Brecht der Linken vorbehalten schienen, ist natürlich bitter. Um dem Dilemma zu entkommen, daß die eigenen Methoden große Ähnlichkeit mit kapitalistischen Nutzungsweisen desselben Prinzips aufweisen, unternimmt der anonyme Autor des Bandes den Versuch, „beruhigende“ und „beunruhigende Verfremdung“ zu unterscheiden. Dabei wird die in der massenmedialen Werbung verwendete Methode als beruhigende Verfremdung eingeschätzt und ihr ein manipulativer Charakter unterstellt. Es ist allerdings die Frage, ob diese Unterscheidung wirklich zutrifft und es tatsächlich erlaubt, sich außerhalb der Schlußlinie zu wähnen. Inzwischen bedienen sich nämlich auch Werbefuzzis der ‚beunruhigenden‘ Verfremdung; bestes Beispiel hierfür sind die Werbekampagnen von Benetton. Die Plakate dieser Kleidermarke mit blutigen Neugeborenen, Aidskranken und erschossenen Soldaten-T-Shirts zeigen, daß unter Umständen auch beunruhigende Provokationen einen Werbeeffect haben.
Spassguerilla. Münster 1994. (Berlin 1984), S. 75-84.
Dieses Beispiel demonstriert, daß das Prinzip der Verfremdung nicht an ein politisches Konzept gebunden ist. Der Versuch, es per Definition vor dem Zugriff der kapitalistischen Verwertung zu retten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Verfremdung ist nicht an und für sich subversiv. Es sind erst Kontext und Art und Weise der Umsetzung, die ihre Wirkung bestimmen.
Ebenso wie in allen anderen Bereichen können Praktiken der Verfremdung auch in der Politik von der Macht für ihre Zwecke genutzt werden. Ein Beispiel dafür ist ein Wahlplakat der CDU zu den Landtagswahlen 1996 in Baden-Württemberg. Auf einer weißen Fläche war nichts weiter abgebildet als ein Smiley, dessen Gesicht aus den Buchstaben C, D und U bestand. Noch vor einigen Jahren hätte es als Sachbeschädigung gegolten, dieses Motiv mittels Edding auf Plakaten anzubringen. Nun wurde es vereinbart und sollte signalisieren, wie hip, trendy und jugendnah diese Partei sei. Hier wurde die Vorstellung, Politik müsse durch Argumente überzeugen, bereits zugunsten eines werbetechnischen Überraschungseffekts aufgegeben. Es ist aber offensichtlich absurd, daraus den Schluß zu ziehen, daß auf Verfremdung basierende politische Interventionen nun nimmermehr subversiv sein können, weil sie auch Anregungen für die Weiterentwicklung und Verfeinerung wahlpolitischer Kampagnen liefern.

In der Annahme, daß Kommunikationsguerilla eine ‚sichere‘ Praxis sei, die einen eindeutig ‚links‘ codierten gesellschaftlichen Ort begründet, liegt ein grundsätzlicher Denkfehler. Denn mit der Besetzung eines Ortes beginnt gleichzeitig seine Angreifbarkeit und seine Rekuperation, seine Wiedereinnahme durch die Macht. Kommunikationsguerilla ist aber nicht Strategie , sondern Taktik . Ihr Ziel kann es nicht sein, Positionen um jeden Preis zu behaupten. Vielmehr liegt ihre Stärke darin, beweglich zu sein und immer neue Überlegungen anzustellen, wie Vereinnahmungsversuche wieder durch weitere Aktionen ad absurdum geführt werden können. Der Vorsprung der Kommunikationsguerillas liegt dabei genau darin daß, wer von der Seite der Macht aus spricht, stets eine strategische Position zu verteidigen hat.
Konkret heißt das: so hip die CDU sich auch darzustellen versucht, für diese Hipness gibt es auf jeden Fall ziemlich enge Grenzen. Es ist daher recht einfach, beispielsweise den Smiley wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Anstatt besagte CDU-Plakate wutschäumend herunterzureißen, würden manche Vertreterinnen der Kommunikationsguerilla sie womöglich mit Werbung für Drogen verschiedenster Art ergänzen ( Sniping ), um den Smiley so seiner vorherigen Bedeutung wieder näherzubringen. Wenn ein solches Wahlplakat und seine Aussage wirklich ernst genommen würden, könnte es für alle BetrachterInnen auch erhellend sein, wenn etwas Klartext draufsteht: Oben und unten wäre noch genug Platz für Kommentierungen wie „Xtasy frees your mind“; weiterhin könnten kleine Veränderungen des Smiley-Gesichts dessen durch Musikkonsum und entsprechende Designerogen veränderten Geisteszustand illustrieren: Mit „Keine Macht – nur Drogen!“ ließe sich in Verfremdung der saublöden Anti-Drogen-Kampagne „Keine Macht den Drogen“ die ganze Angelegenheit zurechtrücken.
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