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INDIANI METROPOLITANI

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Plötzlich waren sie da, die Indiani Metropolitani. Doch genaues weiß niemand. Sicher ist nur, daß sie 1977 in Bologna und Rom erstmals in der Öffentlichkeit gesichtet wurden. Zwar waren ihre Vorboten schon die Feste des italienischen Underground im Mai 1975 oder der Artikel im ◊ A/traverso desselben Jahres, der die Sprache der ‚Rothäute‘ aus den bekannten Western imitierte. Erst 1977 aber, als immer mehr die ewigen Jagdgründe der marxistischen Altlinken und deren antiquierte Kampfformen verließen, wuchs der Stamm der Indiani Metropolitani zu einer mächtigen Bewegung.

Ihre Waffen waren farbige Kostüme und Plastiktomahawks. Als Überlebensstrategien in einer immer revolutionsresistenteren Umwelt erfanden sie einen extra starken Humor und zahlreiche Formen der Sprachverwirrung.

Wie schon bei ◊ Radio Alice läßt sich auch hier als die treibende Kraft der Wille ausmachen, die von den bürokratischen Parteien dominierten Machtstrukturen aufzubrechen. Die Bewegung von 1977 setzte nicht mehr länger auf die linke Gegenöffentlichkeit, sondern auf eine verwirrende Vielfalt des Sprachgebrauchs in den unterschiedlichsten Taktiken der Gegeninformation: „Mehr Atomkraft und weniger Sozialwohnungen“ – sagen, was niemand sagen würde, und so das Geschwätz über „momentane Einschnitte“ oder „sozial verträglichen Kürzen“ lächerlich machen. Sie bezogen Position indem sie die Aussagen der andern ins Absurde steigerten (◐ Subversive Affirmation). Das Mißtrauen gegenüber der politischen Rhetorik äußerte sich bei den Indiani Metropolitani in der Provokation, der verbalen Störung als Linguistischem Anschlag oder auch im gesellschaftspolitischen Akt: im ◐ Happening oder in der Aktion, die gegen die ◐ Kulturelle Grammatik und den politischen Konsens verstoßen. Der Ernst der Politik und deren falsches Pathos wurde von ihnen mit Spott auf die verkehrte Wahrheit aufgespießt.

Auf lokaler Ebene, in verschiedenen Stadtvierteln (etwa in Turin), praktizierten die italienischen Hausfrauen die ‚Autoriduzione‘, die selbstbestimmte Preisherabsetzung schon lange bei den Mieten, den Telefonrechnungen sowie bei Strom und Gaszahlungen. Die Indiani Metropolitani jedoch erweiterten die Palette um den freien Eintritt in die noblen Kinos, die Plünderung von Läden zum Zwecke der Aneignung von Luxus und Konsum und das kostenlose Schlemmen in den Restaurants der Innenstädte (◐ Consume your masters). Weitere Aspekte ihrer Kampfkultur, die weit über Italien hinaus Berühmtheit erlangten, waren die spontanen Darbietungen und Feste auf der Piazza, ihre schon erwähnten unsachlichen Forderungen, die Herabsetzen von Autoritäten durch das Stilmittel der degradierenden Verherrlichung (◐ Imageverschmutzung), ihre Unsinnsspoesie und nicht zuletzt ihre wundervollen Wandmalereien und Graffiti (◐ Sniping). Diese knüpfen an jene Ideen 

über subversive Kommunikation an, die ähnlich wie bei Radio Alice darauf spekulieren, die städtischen Zeichensysteme durcheinanderzubringen. Ihre Graffiti scherten sich wenig um Regeln. Die spontanen Beschriftungen machten die Wand zum öffentlichen Raum, der keinen privilegierten Diskurs erlaubt. Alle, die eine Sprühdose oder einen Pinsel halten konnten, die übermalten, ergänzten, von vorne anfangen, trugen zur Multiplizierung der Stimmen bei. Aus „Fuan“, der Abkürzung der neofaschistischen Studentenorganisation wurde „Va Fuan c.“ im Sinne von „Va fa'n culo“ – leck mich am Arsch. Daneben wurde eine Replik gesprießt: „Vergogna, leggono anche i bambini“ – „Schämt euch, das lesen die Kinder“, um letztendlich mit der vorläufigen Antwort „Buoni, i bambini“ zu schließen (Indianer und P 38, S. 34–66).

Das Erbrechen des guten Tons wurde nicht nur an der Wand sichtbar. Vielmehr verstanden sich die Indiania Metropolitani auch vortrefflich auf Happenings – wie etwa die Aktion gegen den kommunistischen Gewerkschaftsführer Luciano Lama auf dem Campus der Universität Rom 1977 anschaulich vorführt –, bei denen sie immer wieder den moralischen Imperativ von institutionellen Codes, Situationen und Personen zu knacken vermochten (Indianer und P 38, S. 80–83). ☉