Entwendung -Umdeutung
Unter Entwendung bzw. Umdeutung wird eine Methode der Verfremdung verstanden, die den Blick auf allgemein bekannte Gegenstände oder Bilder verändert, indem sie sie aus ihrem gewohnten Kontext herausreißt und in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang stellt. Diese Methode in der Popkultur Sampling genannt wird, erfolgt im visuellen Bereich zumeist über Collagen oder Montagen , in-zwischen auch per Computer. Allerdings können ebenso Begriffe oder Sätze entwendet werden.
Eine verbreitete Form der Entwendung ist die Parodie, bei der entweder der Ästhetik oder der Inhalt eines Textes aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und in einen anderen, zumeist die bisherige Aussage kritisierenden, Kontext überführt und damit umgedeutet werden.
Erstmals wird die Entwendung 1956 von den Situationisten ( Situationistische Internationale ) theoretisch definiert: „Die kulturelle Kreation, die man situationistisch nennen kann, beginnt mit den Projekten des unitären Urbanismus oder der Konstruktion von Situationen im Leben, so daß ihre Realisationen von der Geschichte der Realisierungsbewegung der gesamten, in der gegenwärtigen Gesellschaft enthaltenen revolutionären Möglichkeiten nicht zu trennen sind. Doch kann in der unmittelbaren Aktion, die in dem Rahmen durchgeführt werden muß, den wir zerstören wollen, eine kritische Kunst heute schon mit den den Mitteln des vorhandenen Ausdrucks – vom Film bis zu Bildern – gemacht werden. Das haben die Situationisten durch die Theorie der Entwendung zusammengefaßt.“
Kunstkritische Einzelpersonen oder Künstlergruppen bedienten sich der Verfremdungsmethode der Entwendung. Bekannt geworden sind die „Ready Mades“ von Marcel Duchamp; auch Joseph Beuys ging oft ähnlich vor. Hier muß auch der Plagiarismus genannt werden, bei dem nicht nur Ideen und Texte anderer als eigene ausgegeben werden, sondern auch aus dem ursprünglichen Kontext gerissene Bilder oder Photos.
Während Entwendungen und Umdeutungen im künstlerischen Bereich durch Musealisierung banaler und alltäglicher Gegenstände die Fragwürdigkeit des hochkulturellen Kunstverständnisses zeigen sollen, nahmen die Situationisten umgekehrt Formen der Populärkultur, der Alltagsgraphik und der Werbung und verknüpften sie mit politischen Analysen. Sie sahen etwa in Comics eine adäquate Ausdrucksform der Gesellschaft und gingen daran, sie aus ihrem gewohnten Kontext, der Groschen-Unterhaltungsliteratur, zu entwenden und mit neuen Inhalten zu versehen. In „Das Proletariat als Subjekt und als Repräsentation“ belehrt eine luxuriös gekleidete Schönheit ihr durch Kurzhaarschnitt und kantiges Kinn als Helden erkennbares Gegenüber mit erzürntem Blick über die Verfaßtheit des Proletariats, das durch die bürgerliche Klasse aufgebaute ideologische Bewußtsein und die Anforderungen der Revolution. Dies bringt den virilen Schönlings am Ende der Episode zu Erkenntnissen über die Klassengesellschaft, das Spektakel des Nicht-Lebens und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Essentialität des revolutionären Projekts.
Durch Entwendung von Bildern, Begriffen und Texten aus der hegemonialen Ästhetik oder aus den Diskursen der Macht kann deren zumeist verschleierte ideologische Funktion augenfälliger vorgeführt und dekonstruiert werden, als es durch analytischen Klartext möglich wäre. Dabei sind Entwendungen ein wirksames Mittel, um die soziale Konstruktion von Kategorien wie beispielsweise Geschlecht in ihrer Willkürlichkeit sichtbar werden zu lassen (→ Textual Poachers ).
Der bewußten und gezielt eingesetzten Entwendung und Umdeutung steht eine andere populäre Form der Aneignung hegemonialer Strukturen gegenüber. Wie Michel de Certeau ausführt, ist der Alltag aller Individuen von ständigen momenthaften Aneignungen und Umnutzungen des Vorgegebenen bestimmt, sei es nun die Art und Weise des Konsums, die Wahl der Wege in der Stadt oder der
De Certeau, Michel: Kunst des Handelns . Berlin 1988.
Vgl. a. „Die sanfte Kunst des Umdeutens“ in: Watzlwick, Paul/Weakland, H. John/Fisch, Richard: Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern/Stuttgart/Wien 1979, S. 116-134.
Umgang mit sogenannter Hochkultur. Dies legt die Schlußfolgerung nahe, daß Entwindung und Umdeutung gerade deshalb wirkungsvolle Vorgehensweisen sind, weil sie dem alltäglichen taktischen Umgang mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten entsprechen und eine Parallele dazu darstellen.
Die Entwindung kann ganz verschiedenen Zwecken in der politischen Auseinandersetzung dienen. Sie kann helfen, Angriffe des Gegners abzuwehren, sie vermag es, den Gegner lächerlich zu machen, und sie kann dazu dienen, andere und ‚verkehrte‘ Lesarten von Realität zu verbreiten. Eine Entwindung und Umdeutung zugleich wäre etwa eine erfundene Reklamekampagne der Bundesregierung, in der sie die Vorzüge ihrer Politik für mehr Staatssicherheit (Stasi) und den „Großen Lauschangriff“ erläutert. Dabei würde den Herrschenden der BRD ihr Kampfbegriff gegen die ehemalige DDR entwandet und gegen sie selbst gerichtet.
Ein wichtiges Mittel subversiver Kommunikation ist der radikale Gebrauch dessen, was allen scheinbar zu Verfügung steht: Sprache. Dabei ist Sprache nicht mehr nur Mittel zum Transport der jeweiligen Wahrheit, sondern ihre Strukturen werden selbst zum Ziel des Angriffes. Denn Sprache beschreibt nicht nur andere Dinge, sondern ist ebenfalls ein Ding für sich, ein Regelwerk, das es zu verletzen, zu entwenden und umzudeuten gilt.
Sie ist ein Ordnungssystem, „dessen Macht nicht zuletzt darauf gegründet ist, als fraglos hingenommen zu werden“. Es geht also darum, die friedliche Ordnung der Zeichen zu stören, um überhaupt auf dieses Ordnungssystem und seine stabilisierenden Funktionen aufmerksam machen zu können. Im besten Falle heißt das, sich der Leerstellen zu bemächtigen, das Ungesagte auszusprechen und gleichzeitig aufzudecken, wie das Entleeren und Schweigen in der Sprache selbst verborgen wirkt. Eine solche Entwendung und Umdeutung greift die symbolischen Fundamente der sozialen Ordnung an. Gruppen wie \circ Radio Alice verstanden Sprache daher als ein mögliches Feld strategischer Operationen.
Gruber, Klemens: Die zerstreute Avantgarde. Wien/Köln 1989, S. 104.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964.
Die mit der Entwendung und Umdeutung von Sprache angestrebte subversive Kommunikation setzt also nicht nur darauf, daß Medien einen gleichberechtigten Austausch ermöglichen oder eine ‚schmutzige‘ Sprache verwenden sollen, sondern auch auf sophistische Techniken. Eine subversive Sprache hat das Ziel, die offizielle Darstellung der Realität zu widerlegen, das Bild der Welt zu verrücken und die Koordinatentafel der Wahrheiten in Unordnung bringen, indem sie die institutionellen Codes unterläuft. Roland Barthes hat dieses Konzept von Subversion in Form einer Frage formuliert: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen statt sie zu zerstören?“
Eine weitere Technik der Entwendung ist die Parodie. Sie zwingt die Zuhörerin auf wunderbare Weise genau, wenn nicht sogar mit zwei Ohren hinzuhören. Das eine Ohr für das Original in seinem ursprünglichen Kontext und das andere Ohr für die entstellte oder umgedeutete Version der Parodie. Zwischen den beiden Seiten liegt die Konfrontation zweier Sprachstile, welche auf das Unausgesprochene im ursprünglichen Text aufmerksam macht. Parodie macht lächerlich, ist aber keine Geste der Überlegenheit sondern ein Mittel des Kampfes im Hinterfragen von scheinbar natürlichen Formen wer über was wie nachzudenken und zu sprechen hat. Oder mit wem aufgrund der angeblich allen einsichtigen Hierarchien in dieser Gesellschaft das Sprechen nicht möglich ist. In der Regel.
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