Prinzip Überidentifizierung
Verfremdung versucht, bei Akteurinnen und Zuschauern Distanz zu den herrschenden Verhältnissen zu schaffen und so deren scheinbare Natürlichkeit in Frage zu stellen. Demgegenüber bedeutet Überidentifizierung, sich ganz konsequent innerhalb der Logik der herrschenden Ordnung zu positionieren und sie an dem Punkt anzugreifen, an dem sie am verwundbarsten ist: mitten im Zentrum. Dahinter steht die Vorstellung, daß offen kritisierende oder moralisierende Diskurse gegenüber dem Staat und seiner Ideologie wirkungslos bleiben, während ironische Distanzierung möglicherweise sogar eher stabilisierend als subversiv wirkt. Heutige ideologische Diskurse zeichnen sich oft durch eine internalisierte, in sich schon vorweggenommene Kritik ihrer selbst aus. Eine ironische Bezugnahme auf diese Widersprüchlichkeit bleibt innerhalb ihrer Logik und spielt so letztlich „in die Hände der Mächtigen“. Überidentifizierung entscheidet sich für den entgegengesetzten Weg. Sie durchbricht die Ideologie des Zynismus, indem sie die darin angelegte Distanz vollkommen aufgibt, indem sie sich weiter mit der Logik des herrschenden Systems identifiziert, sie ungebrochener ernst nimmt als das System selbst es tut (tun kann). Was bedeutet dies nun genau? Zizek geht davon aus, daß eine Ideologie immer aus zwei Teilen besteht: aus den von einem politischen System öffentlich verkündeten und propagierten „expliziten“ Werten und aus der „verdeckten Kehrseite“. Damit sind Implikationen gemeint, die innerhalb einer Ideologie mittransportiert werden und ihr zugleich scheinbar widersprechen. Solche Implikationen werden dadurch integriert, daß sie zwar allgemein bewußt sind, aber dennoch unausgesprochen und tabuisiert bleiben. Als Beispiel nennt er den US-amerikanischen Rassismus, der für das Funktionieren der amerikanischen Gesellschaft wesentlich ist und doch ihren ‚offiziellen‘ Werten tendenziell widerspricht: Er bekam seinen Ort in der Gesellschaft lange durch das Bestehen des geheimen und illegalen Ku-Klux-Klans zugewiesen. Der herrschende Diskurs steht solchen ‚Verborgenen Wahrheiten‘ distanziert gegenüber, die gleichzeitig wesentliche Bestandteile des Systems und mögliche Bruchstellen sind. Sie dürfen, wenn überhaupt, nur im Ton der Ironie, des Zynismus oder auch der kritischen Distanzierung angesprochen werden.
Angesichts dieser Situation kann es eine wirksame Form von Subversion sein, solche unausgesprochenen Aspekte affirmativ in einer Weise auszusprechen, die die Logik des Systems so getreu wie möglich nachzeichnet und den damit Konfrontierten möglichst wenig Möglichkeiten läßt, auf Distanz zu gehen. Für die mit einer solchen Affirmation konfrontierten Subjekte bedeutet dies nicht, wie im Fall der Verfremdung, daß ihre
subversiven, ungelebten, aber dennoch immer wieder empfundenen Anteile angesprochen werden. Vielmehr geht es im Fall der Überaffirmation darum, 'sichere', mit der herrschenden Ideologie übereinstimmende Haltungen dadurch anzugreifen, daß die in ihnen verborgene Kehrseite zum Vorschein gebracht wird: Wenn ein die in einer Ideologie enthaltenen Werte immer zugleich ihr Gegenteil in sich tragen, bleibt als Zentrum nur noch ein leerer Fleck. In fast lehrbuchartiger Weise läßt sich die Funktionsweise von Überidentifizierung anhand der Aktion des Situationisten Sanguinetti illustrieren, mit der er 1975 in Italien einen Skandal hervorrief. Da diese Aktion zu ihrem Verständnis einige Informationen über die Struktur des politischen Systems im Italien der 70er Jahre voraussetzt, wird sie in einem eigenen Text analysiert (→ Sanguinetti und die Rettung des italienischen Kapitalismus).
Ein solcher Angriff ist nur dann wirksam, wenn sich der 'Sprecher' scheinbar eindeutig innerhalb der Logik des Systems positioniert. Daher ist das Prinzip der Überidentifizierung in der praktischen Umsetzung ungleich problematischer als das der Verfremdung. Zudem wirkt Überidentifizierung nur dann subversiv, wenn sie tatsächlich 'den Nerv' trifft, sprich verborgene Bruchstellen der symbolischen Ordnung angreift. Während eine mißglückte Verfremdung schlimmstenfalls belanglos, als folgenloses postmodernes Spielchen wirkt, kann eine mißglückte Überidentifizierung das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. In der Praxis ist es schwer einzuschätzen, ob man tatsächlich wesentliche Bruchstellen der herrschenden Diskurse aufgespürt hat. Eine Aktion kann schneller von der Realität überholt werden, als sie ausgeheckt wurde. So sind in Deutschland rassistische Diskurse in den letzten Jahren so schnell hoffähig geworden, daß eine Überidentifizierung hier keinerlei Sprengkraft mehr besitzt.
Eine weitere Form der Überidentifizierung wurde von der Künstlergruppierung ☉ NSK (Neue Slowenische Kunst) und insbesondere von der Band Laibach praktiziert. Sie greifen die Rituale nationalstaatlicher Selbstinszenierung auf und stellen sie in den Dienst einer artifiziellen, dysfunktionalen Ideologie. Obwohl die Bezüge zwischen den einzelnen ästhetischen Elementen stimmig erscheinen, bleibt in dieser kohärent erscheinenden Ideologie die Stelle des bedeutungsgeladenen Kerns (die eigene Nation) unbesetzt. Diese Leerstelle ist aber kaum sichtbar: Der einzige Unterschied zur ideologischen Inszenierung einer ‚realen‘ Nation besteht darin, daß NSK einen solchen Bezugspunkt für ihr Projekt gar nicht beanspruchen. Gerade die Tatsache, daß die Inszenierung trotzdem funktioniert, legt die Mechanismen der Konstruktion von Nation deutlicher offen, als dies jede argumentative Kritik vermag.
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