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IL Male - A/Traverso

„Es ist Zeit weiterzuziehen, es ist Zeit zu bleiben. An die Grenzen des Königreiches gelangt, wo man sich beide Geschichten erzählt, an die Kreuzungspunkte der Trennung gelangt, wo alle Wege auseinander gehen, schaut sich Alice um, unschlüssig über das, was zu tun ist.“ Alice und A/Traverso liebten es, Hand in Hand zu gehen. Dabei erfreuten sie einander gerne mit der einen oder anderen Geschichte.  Eines Tages erzählte Alice, wie das Alkido erfunden wurde: Ein großer Sturm kam und entwurzelte alle starken Bäume, nur die schlanke Birke blieb stehen, da sie sich mit der Gewalt des Windes hin und her beugte. Ihr permanentes Spiel mit der Macht ermutigte ein kleines Mädchen zur gleichen Technik auf dem Schulhof: Immer wenn nun die großen Mädels kamen und ihr eine reinhauen wollten, bückte sie sich, wich zurück und lenkte die Kraft der Feinde gegen diese selbst. A/Traverso klatschte begeistert in die Hände: Ähnlich ließ sich auch der Übermacht der herrschenden Medien entgegentreten – greife ihre Informationen auf, entwende sie aus ihrem Kontext, schaffe daraus eine neue Realität. Zerstöre die Wahrheit des Gegners nicht, indem du ihn auslöscht oder seinen Behauptungen entgegentrittst, sondern bringe die Wahrheit selbst in die Krise.  Schon früher hatte Radio Alice durch fingierte Telefonanrufe die Unantastbarkeit der symbolischen Ordnung der Hierarchien untergraben, den Gegnern den Boden zur Selbstdemontage bereitet und so die Hörerinnen aus dem langen Schlaf des blinden Vertrauens wachgeküßt. Das listige A/Traverso machte diese kleinen Erzählungen zum Teil eines großen, gefährlichen Plans. Nun spielten sie nicht mehr nur mit der Wahrheit der anderen. Sie fälschten sie und raubten der Sprache der Politik ihre Glaubwürdigkeit, indem sie den Kontrast von Wahrheit und Nicht-Wahrheit verschwimmen ließen. Zwischen Glauben und Unglauben liegt das Feld des Mißtrauens, und hier ließ das A/Traverso das \diamond Fake frei. Die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung ist hier nicht mehr möglich. Das Fake verbreitet Informationen im offiziellen Gewand, welchem wir zu glauben gelernt haben. Niemand wird bemerken daß dies ein Duplikat ist, das an einem anderen Ort gefertigt wurde, als wir annehmen. Wir halten die Botschaft für echt, und doch schleicht sich langsam der Zweifel ein. Auch diesen säte A/Traverso mit aus: Die in Umlauf gesetzten Zeichen betrieben selbst ihre Entgleisung. Das Verlassen der gewohnten Umrahmungen brach ihre Natürlichkeit in Stücke. Die offizielle Sprache wurde diskreditiert. Das kalkuliert geringe Haltbarkeitsdatum der Fakes unterlief die vertrauensbildenden Maßnahmen der ‚Objektivität‘ und enthüllte die allen Informationen zugrunde liegende Subjektivität und Willkürlichkeit. In einer mondfinsternen Nacht wehte A/Traverso Alice in das Herzstück seines Anschlags ein: sie hatten die wöchentlich erscheinende ‚Zeitschrift für politische Satire‘, „Il Male“ – das Böse, konzipiert. Die Bande nannte sich ‚Zentrum zur Verbreitung willkürlicher Nachrichten‘. Immer wieder verkauften sie in wenigen Tagen den Menschen mehr als 100.000 Exemplare schwarz auf weiß gedruckter Unwahrheiten. Die Devise ‚Falsche Informationen erzeugen wahre Ereignisse‘ zog sich wie ein roter Faden durch den Lug und Trug unzähliger Fakes der bedeutendsten Tageszeitungen Italiens. Der dritte Weltkrieg brach aus, die Außerirdischen kamen zu Besuch und ein bekannter Schauspieler wurde als Kopf der Roten Brigaden verhaftet. Ja, zu dieser Zeit kamen Alice und A/Traverso nur selten zum Spazierengehen. Aber sie hatten sich auch Großes vorgenommen: immerhin wollten sie stets innerhalb der Ordnung des Vorstellbaren – die Fakes mußten glaubhaft sein, die Personen real, die Faksimile perfekt – die Öffentlichkeit an den Rand des Schwindels führen. Der Realitätsverlust zielte auf die Unordnung des Diskurses und Kommunikationsstau. Die Fakes griffen das Begehren der Leser auf und realisierten es in einem vieldimensionalen Raum der falschen Wahrheiten und wahren Fälschungen. Sie führten zu heißen Debatten in den Bars, hitzigen Gesprächen in den Warteschlangen und einmal zu einem absoluten Verkehrsschock für Stunden: Rom stand Kopf wegen einer Extraausgabe des ‚Corriere dello Sport‘ (einer italienischen Tageszeitung nur für Sport) während der Fußballweltmeisterschaft 1978: „Annualità i Mondiali!“ Aufgrund eines Massendopings der Holländer, die die Italiener im Halbfinale aus dem Turnier geworfen hatten, sollte nun mit der italienischen Squadra Azzura das Finale wiederholt werden.

A/Traverso schrieb in dem Buch „Alice ist der Teufel“: „Die Diktatur der Bedeutung zerbrechen, den Wunsch, die Wut, die Verrücktheit, die Ungeduld und die Ablehnung sprechen lassen. Diese Form der sprachlichen Praxis ist die einzig angemessene Form einer komplexen Praxis, die die Diktatur des Politischen aufbricht, die in das Verhalten die Aneignung, die Ablehnung der Arbeit und die Kollektivierung einführt.“ Ende der 70er Jahre waren das Kollektiv A/traverso und Radio Alice nicht alleine. Arbeiter und Studierende eigneten sich das Wort, das Zeichen, die Kultur selbst an und machten sie zum Ort des Kampfes um Veränderung. Das wahrhaft Gefährliche an dieser Rebellion war die Entgrenzung der Praxis. Sie wucherte allerorten: Menschen trafen sich, die getrennt zu sein haben, Arbeiter, Studierende, die Industriekriegsfeldpost 1 die Arbeitslosen und die restlichen Opfer des Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, das sich nun zu einer häßliche Fratze verzog und ein repressives Kontrollsystem ausspuckte. Es richtete sich unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung gegen die BesetzerInnen, die Streikenden, die Sabotage und den Absentismus in den Fabriken, gegen all jene Machtlosen, die nichts mehr zu verlieren hatten. Das Spazieren und Agieren wurde schwer in diesen Zeiten. Hinter den Ecken lauern Panzerspähwagen, Demonstrationen waren verboten, es wurde in die Menge geschossen. Radio Alice wurde geschlossen und alles Material beschlagnahmt. Die staatliche Jagd nach einer Bewegung, die nie eine war, führte zur Verhaftung und Verurteilung von Tausenden militanter ArbeiterInnen und Studierender, zur systematischen Verfolgung ihrer VerteidigerInnen, zu Verlagsdurchsuchungen und Schließungen von Platten- und Buchläden und zur Kriminalisierung von Professoren und Studierenden.

Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel. Praxis einer subversiven Kommunikation. Berlin 1977.
Zu Kollektiv A/traverso vgl.  insbesondere Gruber, Klemens:  Die zerstreute Avantgarde.  Wien/Köln 1989.