Textual Proachers - Wilderer im Textgestrüpp
James T. Kirk (T. wie „Tomcat“), Captain der Enterprise, Mann aller Männer , jüngster Sternenflotten-Kapitän aller Zeiten, sieht sich vor ein ungewöhnliches Problem sexueller Orientierung und menschlicher Solidarität gestellt: Kirk und Spock sind auf einem Wüstenplaneten gestrandet, als Spock von Pon Farr, dem lebensbedrohlichen vulkanischen Paarungsfieber befallen wird.
Wenn ihm nicht auf der Stelle sexuelle Erleichterung verschafft werden kann, ist sein Tod unausweichlich. Langsam und widerstrebend kommt Kirk zu der Erkenntnis, daß er seinen Freund nur dadurch retten kann, daß sich als sein Sexualpartner zur Verfügung stellt. „Niemand zwingt dich dazu, es zu genießen“, sagt er sich, als er zur Tat schreitet. Doch die Lösung des Problems ist nicht so einfach: Spock widersetzt sich, erobert über Kicks Verletzung seiner Privatsphäre, bis er sich schließlich seiner vernünftigen Einsicht, seinem Begehren, seiner Lust hingibt. „Erleichterung durchflutete ihn, und Kirk hielt für einen Moment inne, hielt Spock einfach in seiner Hand, ohne es zu wagen, ihn anzublicken. Unausgesprochen wußten beide, daß es funktionieren würde.“ Spock überlebt, Kirk erträgt
es (oder war es doch etwas mehr als nur erträglich?), und beide kehren zurück auf die Enterprise. In der darauffolgenden Zeit wird Kirk von sexuellen Phantasien geplagt, und Spock findet durch die Analyse von Kirms Sperma („Faszinierend, Captain“) zu einem spontaneren Ausdruck seiner Gefühle.
Die ersten, noch sehr vorsichtigen Slash-Geschichten, d.h. Beschreibungen von homoerotischen Gefühlen und coming outs von supermännlichen Serienhelden, entstanden in den frühen 70er Jahren, als Fans zu vermuten begannen, daß Kirk und Spock viel mehr füreinander empfanden als für die wechselnden Frauen, die in den Originalepisoden ihr Leben streiften. Sie schrieben dazu eigene Texte, in welchen zumeist existentielle Krisensituationen zum „ersten Mal“ führten. Slashes entstanden im Kontext einer breiten Fankultur, die sich in den USA bereits in den 70er Jahren entwickelte und in deren Rahmen zahlreiche Clubs und eigene Fanzines entstanden. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit werden die Fans als hirnllose Konsumfreaks gesehen, die alles kaufen, was mit dem Label ihrer Lieblingssendung bestückt ist, oder als emotional und intellektuell unreife Geschöpfe, die Realität und Fiktion nicht auseinanderhalten können.
Eine Gegenposition zur Version der stumpfen Fernsehsüchtigen lautet, daß in den Fernsehserien, ihren Geschichten und Charakteren ein immenses subversives Potential verborgen läge, das die Weltsicht sowie die Rezeption medialer Sinnproduktionen in den USA grundlegend verändert habe. Auch gegenüber dieser euphorischen Haltung ist eher Vorsicht angebracht. Eine dritte Version geht davon aus, daß die Wirkung von Fernsehserien von der Art und Weise des Umgangs ihrer Rezipientinnen damit abhängig ist: „Die vorgegebenen Erkenntnisse und Symboliken werden von Praktikern (Benutzern) gebraucht und
manipuliert, die sie nicht gemacht haben. Die von einer gesellschaftlichen Klasse geschaffene Sprache hat die Fähigkeit, sich in ihre Umgebung auszudehnen, bis in die ‚Wüsten‘, über die es scheinbar noch keine vergleichbaren Aussagen gibt, aber dabei gerät sie in die Falle ihrer eigenen Aneignung: sie wird von einem Gestrüpp von Prozeduren assimiliert, das gerade aufgrund seines Siegeszugs für den Besatzer unsichtbar ist.“ Denn die Subjekte konstituieren sich nicht als geschlossene Individuen, sondern ihre fragmentierten und unterschiedlichen Erfahrungen eröffnen ihnen den Zugang zu einer ganzen Reihe verschiedener semiologischer Codes und Bedeutungsfelder. Daraus erklärt sich nicht nur, wie die unterschiedlichen Lesarten der Umwelt; d.h. hier der Serien, zustande kommen, sondern auch die unterschiedlichen Rezeptionsweisen, die diese Neuinterpretationen wiederum durch andere Leserinnen erfahren. Die Textual Poachers vor dem Fernseher schauen nicht auf den tendenziell hetero- bzw. asexuellen Haupttext, sondern lesen den homoerotischen Subtext und verarbeiten ihn zu neuen Erzählungen.
Die ersten Slashes stießen innerhalb der Fankultur auf heftigen Widerstand und wurden als niveauloser „character rape“, als Vergewaltigung der Bedürfnisse von Fans, sich mit ihren Idolen zu identifizieren, gebrandmarkt. Diese Diskussion dauert bis heute an und ist ein Zeichen dafür, daß Textual Poachers mit ihren kreativen Verarbeitungen an einem neuralgischen Punkt ansetzen und so eine nachhaltige Wirkung auf Fankultur und Identitätskonzepte ausüben. Während die kleinen alltäglichen Listen und Praktiken der Nutzung nur schwer faßbar sind, hat sich durch die Textual Poachers eine ganz explizit greifbare Kultur der Entwendung und Bearbeitung von Seriencharakteren und -themen entwickelt. Slashes werden vor allem von Frauen verfaßt und gelesen. Sie verarbeiten weibliche konnotierte Körperbilder und Konzepte von Sexualität und finden in der Verfremdung durch das Genre der Trivialliteratur sowie der Verwendung männlicher Protagonisten eine Sprache für ihre erotischen Vorstellungen und Phantasien. Das utopische Potential dieser pornographischen Texte liegt darin, daß die in traditionellen Produkten dieses Genres üblichen reaktionären und sexistischen Darstellungen überstiegen werden. Anstelle von hartem Sex sind Gegenseitigkeit, Sensibilität und Zärtlichkeit zentrale Elemente der erotischen Beschreibung, wie in einer Sequenz mit den Serienbullen Starsky und Hutch, die in einer intimen Szene das wohlige Gefühl „danach“ genießen: „Geschmeidige, seidige Arme umschlangen ihn. Hutch öffnete seine Augen und blickte in das Sonnenlicht, das vom Wasser reflektiert wurde, sonnige Wärme neben ihm, unter ihm, ... Sie küßten sich, bevor sie ein Wort sprachen.“
Homoerotische Geschichten von Serienidolen brechen die Norm des heterosexuellen Helden auf und entwickeln Gegenbilder zu den repressivsten Formen sexueller Identität. Mit ihren Imaginationen von Alternativen zum gegenwärtigen Geschlechterverhältnis stellen sie eine ebenso provokierende wie genußvolle Auseinandersetzung mit Körperbildern und Rollenzuweisungen dar.
Es ist niemals genau ermittelbar, in welcher Weise die Umnutzungen und Aneignungen wiederum von denen interpretiert werden, die sich damit konfrontiert sehen. Aber es ist möglich, die Normalität, den hegemonialen Diskurs zu beschreiben. Und wenn dieser durch solche interpretierenden und verändernden Eingriffe aufgebrochen wird, entsteht Raum für dissidente Interpretationen und ein Infragestellen eben dieser Normalität.
Jenkins, Henry: Textual Poachers. New York, London 1992.
Rushkoff, Douglas: Media Virus. Die geheimen Verführungen in der Multi-Media-Welt. Frankfurt/M. 1995.
De Cerfau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988.
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