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Happening und Unsichtbares Theater – Umnutzung des öffentlichen Raumes

Unsichtbares Theater und Happening sind politische Interventionsformen, die den öffentlichen Raum auf ganz unterschiedliche Weise zur Bühne machen. Beide bedienen sich theatralischer Elemente: Während das Unsichtbare Theater zumeist verdeckt inszeniert wird, finden sich beim Happening ganz offen und für alle sichtbar Anleihen (Masken, Bühne, Requisiten etc.) aus dem Theaterfundus. Beide Formen beruhen darauf, im öffentlichen Raum die Initiative zu ergreifen und nutzen die sich dort bietenden Handlungsspielräume.

Happening – Revolution ist Straßen-theater!

Happenings erlangten in den 60er Jahren ihre Bedeutung als politische Massenaktionen, die die steifen, streng durchorganisierten Demonstrationsrituale der grossen Parteien diskreditierten. Das Aufbrechen gesellschaftlicher Strukturen fand in ihnen eine angemessene politische Aktionsform. ◦ Situationalistische Internationale , ◦ Subversive Aktion und ◦ Upfront praktizierten vielfältige Formen des Happenings als symbolische Intervention, Stör-Aktion, Sit-In, Blockade etc. Dabei ist eine kontinuierliche Veränderung von einem anfangs rein symbolischen Aktionismus hin zu Konzepten, in denen die realen Verhältnisse – gebrochen und ansatzweise verändert – aufscheinen, abzulesen. In den 70er Jahren fanden die Happenings ihre Fortsetzung vor allem im Umkreis der italienischen Autonomia (→ Industrielle Metropolen ) und danach als „Spaßguerilla“ im Zusammenhang der 68er Bewegung in Berlin.

Das Happening ist von Anfang an eng mit unterschiedlichen Kunst-Aktionismen und mit experimentellen Theaterformen verwandt. Zentral für sie alle ist der Gedanke einer Überschreitung der gegebenen Verhältnisse. Während aber im Kunst- und Theaterbereich an Überschreitung oft eher im existentialistischen oder metaphysischen Sinn gedacht ist (Bataille, Artaud, Beuys, Nitsch), geht es im politischen Happening um die Überschreitung sozialer Normen und hegemonialer Diskurse in einer konkreten Aktion: Tun, was nicht getan werden darf. Damit artikulieren Happenings stets auch eine Kritik an der bürgerlich-aufklärerischen Vorstellung von Öffentlichkeit und angeblich freiem Meinungsaustausch unter angeblich freien Individuen. Dagegen setzen sie die direkte und konfrontative Agitation, die provokative und witzige Auseinandersetzung um einen öffentlichen Raum, in dem soziale Konflikte ausgetragen werden können. Happenings bieten die Chance, die Rollenverteilung zwischen Akteuren und Publikum, die Rituale des Sprechens und Zuhörens, des Handelns und Passiv-Bleibens für einen Moment aufzuheben. Sie stellen die Kulturelle Grammatik des öffentlichen Raums momentan auf den Kopf und ermöglichen so eine auch spaßbetonte Form der Konfrontation mit der Macht.

Große politische Analysen sind für das Happening weniger wichtig als regionale Bezüge und Anknüpfungspunkte (vom Kunst-Happening „In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“ aus den 60er Jahren bis hin zu den Aktionen der OPUR in den 90ern). Spezifische soziale Räume (Kiez, Uni, besetzte Häuser etc.) und Medien (z.B. Radio Alice ) wollen angeeignet oder verteidigt werden, ohne selbst autoritäre und bürokratische Formen zu kopieren. Es wird versucht, im entfremdeten, urbanisierten städtischen Raum Orte subversiver Möglichkeiten zu behaupten. Happenings sprechen im Gegensatz zum Agitationstheater des Agit-Prop keinen Klartext. Der Unterschied zwischen argumentativem Klartext, der auf Überzeugung angelegt ist, und dem indirekten, erfahrungsbezogenen Sprech-Handeln im Happening, läßt sich gut am Beispiel der Portenwerfer aus dem Umfeld der Yippies zeigen. Der Unterschied zwischen Tomaten bzw. faulen Eiern, die auf irgendwelchen Politikerschädeln landen und einer gut glasierten Erdbeer-Sahne-Torte, die ihr Ziel, in kleinen Stücken in den Mund zu gelangen, knapp verfehlt und als Ganze mitten im Gesicht des Angegriffenen landet, ist offensichtlich: Tomaten und Eier sind kritisch, Torten sind komisch! Erst in bestimmten Kontexten und bei entsprechenden Zielen entfalten letztere ihr politisch-subversives Potential.

Wer oder was aber bestimmt den Erfolg eines Happenings? Ist es die erreichte Publizität, ist es die Zahl der einbezogenen Menschen, die geglückte Durchführung oder andere eventuell erreichte Auswirkungen? Da sich in den wenigsten Fällen ‚meßbare‘ Resultate ergeben, ist der politische ‚Wert‘ solcher Aktionen oft umstritten. Doch Happenings sind symbolische Politik und es wäre verfehlt, sie an ihren realen Folgen zu bemessen. Denn es geht dabei nicht um ‚materielle Resultate‘. Vielmehr wirken Happenings auf einer anderen Ebene. Sie bedienen sich eines politisierten Raumes oder einer Situation und bespielen denselben mittels diverser Kommunikationsguerilla-Techniken.

Ob symbolische Aktionen politisch sinnvoll sind oder nur der Selbstinszenierung dienen, läßt sich nur am jeweiligen Kontext, d.h. an den Zusammenhängen, in denen sie eingesetzt werden, oder eben an der Produktion von Selbstdarstellungen ablesen. Wie gut aber auch ambivalente Haltungen dabei funktionieren können, zeigt das Beispiel der Yippies aus den Vereinigten Staaten, die als strikte Anhänger von Marshall McLuhan das Operieren in und mit den Massenmedien vor jede inhaltliche Botschaft stellten. Sie gingen so weit, die Wirksamkeit kognitiver Erkenntnis und sprachlicher Informationsvermittlung an sich zu leugnen. Wenn sie 1967 das Pentagon zum Schweben bringen wollten, so ging es um eine spirituell-psychedelisch verbrämte „Revolution der Köpfe“, die die Machtfrage gleich mit erledigen sollte. Diese Botschaft wurde nicht aufklärerisch ‚vermittelt‘, sondern für Beteiligte und (Fernsehr)Zuschauer als Happening inszeniert.

Die symbolischen Momente verschwanden fast vollständig aus den Happenings der Berliner Spaßguerrilla. Stattdessen wurden verstärkt „affirmative Strategien“ (◊ subversive Affirmation ), wie sie vor allem in französischen Theoriezusammenhängen seit den frühen 70er Jahren diskutiert wurden, in die verschiedenen Formen sichtbaren und ◊ Unsichtbaren Theaters eingearbeitet. Verkleidete Aktionistinnen (der Franz Josef Strauß-Verschnitt, die Dame im Nerz aus Grunewald, ein ‚junger Rechter‘ mit Kohl-Button u.a.) forderten vom konservativen Bausektor Heinrich Lummer während einer Veranstaltung immer wieder drastisch verschärfte Maßnahmen gegen Hausbesetzer und Demonstrationen, um so auf die rechtsextremen Verbindungen Lummers hinzuweisen. Die Eröffnung der großen Preußen-Ausstellung im Gropius-Bau wurde durch eine Darstellung von im Gesicht vermummten, aber ansonsten nackten Männerkörpern gestört, die als TUWAT formierten und damit auf den gleichnamigen Aufruf zu einem Kongreß der Autonomen verwiesen. Eine „Initiative für die deutsch-amerikanische Freundschaft“ meldete gleichzeitig zur Großdemonstration gegen den Besuch des amerikanischen Außenministers Alexander Haig im September 1981 eine Demonstration für Haig an, die letztlich, nach langer Diskussion innerhalb der ‚Bewegung‘, nicht zustande kam. Dafür gab es U-Bahntheater mit als Putz-
kolonne verkleideten Frauen und Männern, die auf mit Steinen aus Styropor werfende
‚Terroristen‘ trafen. Die Fahrgäste wurden in Diskussionen zwischen ‚arbeitender Bevölkerung‘ und ‚kriminellen Nichtstuern‘ verwickelt.

Die Spaßguerrilla verstand sich als spezifische Ausdrucksform der 68er Bewegung und in strikter Abgrenzung zu den 68ern. Ihr „radikaler Spaß“ kam aus der Einschätzung, daß ohnehin nichts zu verlieren sei („No future“). Im Nachhinein ist diese Abgrenzung immer noch sehr klar, was gesellschaftliche Utopien, mögliche kollektive Lebensweisen (Kommunen als Alternativen), gesellschaftlichen Einfluß und auch die popkulturellen Bezüge (Hippies gegen Punks) angeht. Auf die spezifischen Aktionsformen bei Happenings bezogen, zeigt sich allerdings eine erstaunliche Kontinuität, die aus der 68er Bewegung in das neue, nicht-aufklärerische, konfrontative, auch linke Gewohnheiten in Frage stellende Politikverständnis am Anfang der 80er Jahre einfließen konnte.