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Grenzen von Security Culture - oder wo sie hinderlich sein kann

Lass dich nicht von Bluffs einschüchtern.

Die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen, ist nicht unbedingt ein Indikator dafür, dass sie Details über deine Pläne oder Aktivitäten haben. Oft ist sie ein Anzeichen dafür, dass sie nichts wissen und versuchen, dir Angst einzujagen, damit du sie nicht weiterführst. Lerne einzuschätzen wann du tatsächlich aufgeflogen bist und wann dein Gegenüber nur versucht dich dahingehend zu ängstigen, ihre Arbeit zu übernehmen.

Sei immer auf die Möglichkeit vorbereitet überwacht zu werden, aber verwechsle Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen nicht mit Effektivität.

Selbst wenn alles was du tust legal ist, kannst du die Aufmerksamkeit und die Belästigung durch Firmen oder Sicherheitsdienste auf dich ziehen, wenn sie das Gefühl haben, dass du ihnen unbequem werden könntest. Einerseits kann das gut sein: je mehr sie zu überwachen haben, desto verstreuter sind ihre Kapazitäten und desto schwieriger wird es für sie, Störer*innen zu identifizieren und zu neutralisieren. Andererseits solltest du dich nicht zu sehr darüber freuen, dass du überwacht wirst und dies als ein Zeichen dafür sehen, dass du eine Gefahr für dein Gegenüber darstellst. So schlau sind die nicht. Sie tendieren dazu sich am meisten mit dem Widerstand von Organisationen aufzuhalten, deren Taktiken ihren eigenen ähneln. Macht euch das zu nutzen. Die besten Taktiken sind die, die Menschen erreichen, aussagekräftig sind und Einfluss nehmen ohne auf den Radar der Mächtigen zu geraten, zumindest nicht bis es zu spät ist. Im Idealfall sind eure Aktivitäten allen bekannt, mit Ausnahme der Staatsorgane.

Sicherheitskultur beinhaltet eine norm der Verschwiegenheit, aber nicht der Sprachlosigkeit.

Die Geschichten unserer verwegenen Taten im Kampf gegen den Kapitalismus müssen erzählt werden, damit alle erfahren können, dass Widerstand eine reale Möglichkeit ist, die von echten Menschen umgesetzt wird. Über eine aktivistische Praxis sollte insofern offen geredet werden, dass es möglich wird sie zu etablieren und sich dafür zu vernetzen, nicht nur um gemeinsame Aktionen zu planen, sondern auch um sich aufeinander zu beziehen und sich miteinander (offen) solidarisch zu zeigen. Eine gute Sicherheitskultur sollte gerade soviel Geheimhaltung aufrechterhalten, dass Personen während ihrer Aktivitäten sicher sind, und gleichzeitig die Sichtbarkeit von radikalen Perspektiven ermöglichen. Viele Sicherheitsstandards heutiger Aktivist*innen entstammen verschiedenen radikalen Bewegungen der letzten Jahrzehnte und ihren Erfahrungen mit staatlicher Repression.1 Daher eignen sie sich wunderbar für die Arbeit in kleinen Gruppen, die einzelne illegale Aktionen durchführen. Sie sind aber oft nicht angemessen für öffentliche Kampagnen, die zu generellem Ungehorsam aufrufen. In manchen Fällen kann es Sinn ergeben, offen mit Normen zu brechen, um die Sicherheit der einzelnen Person durch die Masse herzustellen.

Finde die balance zwischen der Notwendigkeit nicht erwischt zu werden und der Notwendigkeit ansprechbar für potenzielle Freund*innen zu sein.

Die Wahrheit ist, wenn wir erfolgreich darin sind Veränderungen herbeizuführen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir letztendlich erwischt werden. Und wenn niemand sonst versteht was wir machen und was wir wollen, wird es leicht sein uns ohne Konsequenzen zum Schweigen zu bringen. Nur die Macht der informierten und sympathisierenden Öffentlichkeit, kann uns dann helfen. Es sollte immer eine Möglichkeit geben, in Gemeinschaften, die Direkte Aktionen durchführen, aufgenommen zu werden, damit mehr und mehr Menschen mitmachen können.

1 An dieser Stelle haben wir eine kleine Änderung des Textes vorgenommen, weil er uns einerseits zu dogmatisch vorkam und sich andererseits zu sehr auf Entwicklungen militanter ökologischer Bewegungen in den USA bezogen hat.