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Haltung zueinander

Über die folgenden Hinweise für die Gestaltung von Treffen hinaus gibt es sicher viele weitere wichtige Empfehlungen.

Am wichtigsten für angenehme und produktive Sitzungsabläufe sind jedoch keine Tipps, sondern die eingenommene Haltung der Teilnehmenden zueinander. Ist diese geprägt durch Respekt, Wertschätzung, Kommunikation auf gleicher Augenhöhe und den Versuch, sich in die Anderen hineinzuversetzen, so lässt sich letztlich wenig falsch machen.

Ich selbst bevorzuge dafür das Bild einer „Haltung der Freundschaft“. Freundschaft ist dabei allerdings nicht im Sinne des bürgerlichen Begriffsverständnisses gemeint, sondern geht über dessen exklusives und personalisiertes Konzept deutlich hinaus.

In einem Lied von Brecht/Eisler heißt es: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern, er will unter sich keinen Sklaven sehen und über sich keinen Herrn“. Selbstorganisierte Zusammenhänge sind solche, die Hierarchien ausmachen – im doppelten Sinne (einerseits „erkennen“ und andererseits „ausschalten“).

Alle Teilnehmenden haben etwas mitzuteilen, haben Erfahrungen, Kenntnisse oder Fertigkeiten. Nur eine weit gehend herrschaftsfreie Diskussion ermöglicht die optimale Nutzung aller vorhandenen Kompetenzen.

Damit soziale Situationen möglichst hierarchiefrei sind, ist eine transparente Kommunikation eine zwingende Voraussetzung. Intransparente Kommunikation lässt sich z.B. an entscheidungsrelevanten Seitengesprächen erkennen, an Verweisen auf andere unklare Entscheidungsebenen, an nicht allen zugänglichen Informationen oder daran, dass sich nicht alle trauen, Fragen zu stellen. Transparente Kommunikation ist jedoch eines der zentralen Mittel, um (formelle und informelle) Hierarchien auszuhebeln sowie notwendige Voraussetzung, um Selbstorganisation zu ermöglichen.

Alle TeilnehmerInnen an einem Treffen haben eine eigene Weltsicht und Welterkenntnis. Bei allen sinnvollen Bemühungen um Vereinheitlichung ist zu gewährleisten, die Vielfalt der Anwesenden als eine

wichtige Ressource anzuerkennen. Immer schon war umstritten, ob es „die“ objektive und allgemeingültige Wahrheit gibt. Letztlich ist es aber egal, ob diese philosophische Position bejaht oder verneint wird, denn entscheidend für das weitere Miteinander ist immer, was die Einzelnen denken und empfinden.

Dies soll allerdings nicht bedeuten, dass die Zukunft in allgemeiner Beliebtheit liegt. Das Streiten über Analysen des Bestehenden sowie über Strategien und Taktiken, ist wesentlicher Bestandteil emanzipatorischer Praxen. Dieses ist notwendig und braucht Zeit. Es ist aber dabei wichtig, immer wieder zu prüfen, ob für gemeinsames Handeln weitere Vereinheitlichung überhaupt notwendig ist.

Einen weiteren Ausdruck findet die eingenommene Haltung im Umgang mit dem Verhältnis zwischen Ziel- und Prozessorientierung. Zielorientierung ist wichtig – alle wollen Ergebnisse erreichen. Wird ein Ziel dabei jedoch auf Kosten eines unangenehmen Entstehungsprozesses erreicht, so bedeutet dieses spätestens mittelfristig eine Schwächung des Arbeitszusammenhangs. Prozessorientierung  , also das Beachten dessen, ob alle Beteiligten einen Entscheidungs- oder Diskussionsprozess mitgehen können, mag zunächst mehr Zeit erfordern, erhöht aber mittelfristig die Effizienz. Die Schwierigkeit besteht darin, Ziele zu erreichen und gleichzeitig den Prozess des Miteinander im Auge zu behalten. Schließlich werden Zusammenhänge nicht nur durch die Qualität der Argumente, sondern auch durch die Quantität der Mitwirkenden schlagkräftig. Deswegen ist die Frage „kommen alle mit?“ von zentraler Bedeutung.


Diese Seite bassiert auf Plenum.PDF von peter_wolf@ipberlin.de, juni 2006