Vorwort
All Information taken from CrImethInc. ex workers‘ CollectIve
Necessary adaptations were made for a contemporary reader living in Australia. For more information on the topic of security culture or any topic relating to resistance against oppressive forces please visit:
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Strictly not for financial gain!
Vorwort zur deutschen Übersetzung
Vor euch liegt eine – so weit uns bekannt – erste deutsche Übersetzung der Broschüre zum Security-Culture-Konzept von Crimethinc. Das englische Original findet ihr bei black-mosquito.org und im Crimethinc.-Reader „Re- cipes for Disaster“. Bei der Übersetzung des Textes aus dem Englischen ins Deutsche, haben wir versucht möglichst nah am Originaltext zu bleiben und den Sinngehalt nicht zu verändern. Die einzige grobe Änderung haben wir auf Seite 23 gekennzeichnet. Auch das Layout haben wir größtenteils kopiert. In den Illustrationen haben wir die Sprechblasen übersetzt.
Wir haben uns entschieden diesen Text zu übersetzen, weil er unseres Er- achtens nach wichtige Diskussionsanstöße zu den Grundlagen sicherer Kommunikation liefert. Daraus ergibt sich auch ein weiterer Grund für diese Übersetzung: wir wollen den Text einer breiteren, nicht-englischspra- chigen Leser*innenschaft zugänglich machen. Außerdem kann er neuen
Aktivist*innen oder solchen, die es werden möchten, ein paar erste Infos über Grundsätze und Verhaltensregeln in aktivistischen Kreisen geben.
Wir selbst haben aber in der Diskussion des Textes schnell gemerkt, dass wir verschiedene Stellen des Textes für kritikwürdig halten. Das betrifft u.a. seine Aktualität und Unvollständigkeit z.B. im Hinblick auf die Erkenntnisse über staatliche Überwachung nach Snowdens Enthüllungen, die Überwachungs- methoden, die von staatlichen und wirtschaftlichen Akteur*innen zunehmend eingesetzt werden und die rasanten technischen Entwicklungen der letzten 10 Jahre.
Wir haben uns zudem gefragt, inwieweit der Text, der aus den USA der 2000er stammt, für Aktivist*innen im deutschsprachigen Raum der späten 2010ern anwendbar ist.
Nichtsdestotrotz, halten wir ihn aber für absolut lesens- und diskussionswür- dig, darum: viel Spaß beim Lesen und lasst euch nicht erwischen!
Einige Übersetzer*innen im Januar 2018
sicherheitskultur ist ein verhaltenskodex, ein weg um unnötige missverständnisse und potenziell verhängnisvolle konflikte zu vermeiden.
DAnke fÜrs besCheID sAgen
ICh freUe mICh,
DAss wIr noCh ZUsAmmenArbeIten kÖnnen
Sicherheitsvorkehrungen sollten nie eine Entschuldigung dafür sein, anderen das Gefühl zu geben ausgeschlossen oder minderwertig zu sein – wobei es einiges an Fingerspitzengefühl brauchen kann, um dies zu vermeiden – genau- so wie niemand das Gefühl haben sollte, ein Recht darauf zu haben an etwas beteiligt zu sein, was andere lieber für sich behalten wollen. Diejenigen, die eine Sicherheitskultur missachten sollten beim ersten Mal nicht zu streng dafür getadelt werden. Es geht nicht darum hip genug zu sein den Benimmregeln einer aktivistischen Szene zu folgen, sondern darum Gruppenerwartungen zu etablieren und anderen vorsichtig dabei zu helfen, ihre Wichtigkeit zu verste- hen. Zudem sind Leute am wenigsten in der Lage konstruktive Kritik anzuneh- men, wenn sie das Gefühl haben, sich verteidigen zu müssen. Trotzdem sollten Personen immer direkt darauf angesprochen werden, wenn sie andere gefähr- den und was die Konsequenzen wären, wenn sie sich weiterhin so verhielten. Wer das nicht versteht, sollte taktvoll aber effektiv aus allen sensiblen Situati- onen ausgeschlossen werden.
sicherheitskultur ist nicht institutionalisierte Paranoia, sondern ein weg um ungesunde Paranoia zu vermeiden, indem risiken von vornherein minimiert werden.

Es ist unproduktiv mehr Energie darauf zu verwenden, sich über mögliche Überwachung zu Sorgen, als nötig ist, um die Gefahr, die sie birgt, zu reduzie- ren. Genauso ist es lähmend, ständig getroffene Vorkehrungen zu hinterfragen und die Authentizität derer in Frage zu stellen, mit denen du zusammenar- beitest. Eine gute Sicherheitskultur sollte dazu führen, dass alle entspannter und selbstbewusster werden, nicht das Gegenteil bewirken. Gleichzeitig ist es kontraproduktiv diejenigen, die striktere Sicherheitsvorkehrungen treffen als du, der Paranoia zu bezichtigen. Denk‘ dran, unsere Feind*innen sind darauf aus uns zu kriegen.
lass nicht zu, dass Argwohn gegen dich eingesetzt wird.
In eInem vollstänDIgen Anonymen
gestänDnIs, wUrDen DIe nAmen Der beteIlIgten
krImInellen genAnnt. wenn sIe sICh stellen, wIrD Ihre strAfe gemInDert.
Wenn eure Feind*innen nicht in der Lage sind eure Geheimnisse zu erfah- ren, werden sie dazu übergehen euch gegeneinander auszuspielen. Verdeckte Ermittler*innen können Gerüchte und Anschuldigungen verbreiten um Zwie- tracht, Misstrauen und Ärger zwischen oder innerhalb von Gruppen zu kre- ieren. Sie könnten Briefe fälschen oder ähnliche Maßnahmen ergreifen, um Aktivist*innen etwas anzuhängen. Die Mainstream-Medien können sich hie- ran beteiligen, indem sie berichten, dass es in einer Gruppe eine Informantin gibt, obwohl es keine gibt, indem sie die Politik oder Geschichte einer Person oder Gruppe falsch darstellen, um mögliche Verbündete abzuschrecken. Oder indem sie immer wieder betonen, dass es einen Konflikt zwischen zwei Strö-
mungen einer Bewegung gibt, bis diese sich schließlich tatsächlich misstrauen.
Nochmal: eine ausgeklügelte Sicherheitskultur, die ein angemessenes Maß an Vertrauen fördert, sollte derartige Provokationen auf persönlicher Ebene nahezu unmöglich machen. Im Bezug auf Verfechter*innen unterschiedlicher
Taktiken und Organisationen, denk‘ an die Bedeutsamkeit von Solidarität und der Vielfalt von Taktiken und vertraue darauf, dass andere das auch tun, selbst wenn die Medien etwas anderes nahe legen. Akzeptiere Gerüchte und Berichte nicht als Fakten, sondern prüfe immer die Quellen für ihre Bestätigung. Sei hierbei diplomatisch und stoße niemanden vor den Kopf.
lass dich nicht von bluffs einschüchtern.
Die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen, ist nicht unbedingt ein Indikator dafür, dass sie Details über deine Pläne oder Aktivitäten haben. Oft ist sie ein Anzeichen dafür, dass sie nichts wissen und versuchen, dir Angst einzujagen, damit du sie nicht weiterführst. Lerne einzuschätzen wann du tatsächlich aufgeflogen bist und wann deine Feind*innen nur versuchen dich dahingehend zu ängstigen, ihre Arbeit zu übernehmen.
sei immer auf die möglichkeit vorbereitet observiert zu werden, aber verwechsle Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen nicht mit effektivität.
Selbst wenn alles was du tust legal ist, kannst du die Aufmerksamkeit und die Belästigung durch Firmen oder Sicherheitsdienste auf dich ziehen, wenn sie das Gefühl haben, dass du ihnen unbequem werden könntest. Einerseits kann das gut sein: je mehr sie zu überwachen haben, desto verstreuter sind ihre Ka- pazitäten und desto schwieriger wird es für sie, Störer*innen zu identifizieren und zu neutralisieren. Andererseits solltest du dich nicht zu sehr darüber freu- en, dass du überwacht wirst und dies als ein Zeichen dafür sehen, dass du eine Gefahr für deine Feind*innen darstellst. So schlau sind die nicht. Sie tendieren dazu sich am meisten mit dem Widerstand von Organisationen aufzuhalten, deren Taktiken ihren eigenen ähneln. Macht euch das zu nutzen. Die besten Taktiken sind die, die Menschen erreichen, aussagekräftig sind und Einfluss nehmen ohne auf den Radar der Mächtigen zu geraten, zumindest nicht bis es zu spät ist. Im Idealfall sind eure Aktivitäten allen bekannt, mit Ausnahme der Staatsorgane.
sicherheitskultur beinhaltet eine norm der verschwiegenheit, aber nicht der sprachlosigkeit.
Die Geschichten unserer verwegenen Taten im Kampf gegen den Kapitalismus müssen erzählt werden, damit alle erfahren können, dass Widerstand eine reale Möglichkeit ist, die von echten Menschen umgesetzt wird. Über eine mili- tante Praxis sollte insofern offen geredet werden, dass es möglich wird sie zu etablieren und sich dafür zu vernetzen, nicht nur um gemeinsame Aktionen zu planen, sondern auch um sich aufeinander zu beziehen und sich miteinander
(offen) solidarisch zu zeigen. Eine gute Sicherheitskultur sollte gerade soviel Geheimhaltung aufrechterhalten, dass Personen während ihrer Untergrundak- tivitäten sicher sind, und gleichzeitig die Sichtbarkeit von radikalen Perspekti- ven ermöglichen. Viele Sicherheitsstandards heutiger Aktivist*innen entstam- men verschiedenen radikalen Bewegungen der letzten Jahrzehnte und ihren Erfahrungen mit staatlicher Repression.1 Daher eignen sie sich wunderbar für die Arbeit in kleinen Gruppen, die einzelne illegale Aktionen durchführen. Sie sind aber oft nicht angemessen für öffentliche Kampagnen, die zu generellem Ungehorsam aufrufen. In manchen Fällen kann es Sinn ergeben, Gesetzte offen zu brechen, um die Beteiligung größerer Massen zu provozieren und die Sicherheit der einzelnen Person durch die Masse herzustellen.
finde die balance zwischen der notwendigkeit nicht von deinen feind*innen erwischt zu werden und der notwendigkeit ansprechbar für potenzielle freund*innen zu sein.
Die Wahrheit ist, wenn wir erfolgreich darin sind Veränderungen herbeizu- führen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir letztendlich erwischt werden. Und wenn niemand sonst versteht was wir machen und was wir wollen, wird es leicht sein uns ohne Konsequenzen zum Schweigen zu bringen. Nur die Macht der informierten und sympathisierenden Öffentlichkeit, kann uns dann helfen. Es sollte immer eine Möglichkeit geben, in Gemeinschaften, die Direkte Akti- onen durchführen, aufgenommen zu werden, damit mehr und mehr Menschen mitmachen können. Die, die wirklich ernsthafte Sachen machen, sollten dies natürlich für sich behalten, aber jede Gemeinschaft sollte auch ein oder zwei Mitglieder haben, die lautstark über Direkte Aktionen sprechen, diese erklären und bewerben und die diskret dabei helfen können vertrauenswürdige Neu- linge miteinander bekanntzumachen.
1 An dieser Stelle haben wir eine kleine Änderung des Textes vorgenommen, weil er uns einerseits zu dogmatisch vorkam und sich andererseits zu sehr auf Entwicklungen militanter ökologischer Bewegungen in den USA bezogen hat.
wenn du eine Aktion planst, beginne damit ein angemessenes sicherheitslevel zu etablieren und dich entsprechend zu verhalten.
Zu lernen das Risiko einer Aktivität oder Situation einzuschätzen und zu wis- sen, wie damit umgegangen werden sollte, ist nicht nur ein ausschlaggebender Teil davon nicht im Knast zu landen, es hilft auch dabei zu entscheiden, wann du dir keine Sorgen machen musst und wann du keine Energie in sorgfältige, arbeitsintensive Sicherheitsmaßnahmen stecken musst. Denk daran, dass eine Aktion verschiedene Aspekte haben kann, die verschiedene Sicherheitslevel erfordern und trenne diese voneinander. Hier ist ein beispielhaftes Bewer- tungssystem für Sicherheitsstufen:
- Nur die bei einer Aktion direkt Involvierte wissen von ihrer Existenz.
- Unterstützungspersonen, denen vertraut wird, wissen von der Aktion, aber die Gruppe entscheidet gemeinsam, wer diese Personen sind.
- Es ist in Ordnung für die Gruppe, andere Menschen dazu einzuladen mitzumachen – die sich dann auch dagegen entscheiden können – das bedeutet, dass einige Unbeteiligte von der Aktion erfahren, aber von ihnen erwartet wird, dass sie das Geheimnis für sich behalten.
- Die Gruppe erstellt keine Liste darüber, wer eingeladen wird, sondern Teilnehmer*innen können unabgesprochen weitere Personen einladen und diesen anbieten das gleiche zu tun. Allerdings wird hierbei deutlich gemacht, dass die Info nur an Personen weitergeben werden soll, denen Geheimnisse anvertraut werden können.
- „Gerüchte“ über die Aktion können weit und quer durch die Gemein- schaft gestreut werden, doch die Identitäten derer, die sie organisieren, werden geheim gehalten.
- Die Aktion wird öffentlich, aber mit einem gewissen Maß an Diskretion, angekündigt, sodass die verschlafeneren unter den Staatsorganen nichts von ihr mitbekommen.
- Die Aktion wird öffentlich und über alle Kanäle angekündigt.
Um Beispiele zu geben:
#1 wäre angemessen für eine Gruppe, die vorhat ein Autohaus abzufackeln. #2 wäre akzeptabel für Gruppen, die kleinere Sachbeschädigungen, wie Graf- fitisprühen, durchführen.
#3 oder #4 wären angemessen, wenn im Vorfeld eines großen Schwarzen Blocks auf einer Demo ein Deligiertentreffen einberufen wird oder für eine Gruppe, die eine autonome Zeitungsbeilage herausgeben möchte. Immer ab- hängig vom Verhältnis des Risikos zur nötigen Anzahl an Leuten.
#5 wäre perfekt für ein Projekt, das eine spontane, unangemeldete Demons- tration plant. Zum Beispiel hören alle davon, dass eine Kundgebung in eine
„spontane“ Demo übergehen soll, sodass alle sich vorbereiten können, aber niemand die genauen Pläne kennt und als Organisator*in belangt werden kann. #6 wäre angemessen um einen Critical-Mass-Bike-Ride anzukündigen: Flyer können um Ampelmasten und Fahrradlenker gewickelt werden, aber an die Zeitungen werden keine Ankündigung geschickt, sodass die Polizei erst Wind davon bekommt, wenn die Demo schon losgefahren ist und nicht zugreifen kann, wenn die Teilnehmer*innen noch einzeln anreisen oder rumstehen und angreifbar sind.
#7 ist angemessen für eine angemeldete Großdemo oder eine öffentliche Film- vorführung.
Es ist außerdem sinnvoll, eure Kommunikationswege an die verschiedenen Sicherheitsstufen anzupassen. Hier ist ein Beispiel verschiedener Level von Kommunikationssicherheit, entsprechend der gerade angeführten Sicherheits- stufen:
- Keine Kommunikation über die Aktion außer persönlich, außerhalb der Wohnungen der Beteiligten, an überwachungsfreien Orten.
- Gruppentreffen finden im Freien statt. Die Gruppenmitglieder dürfen die Aktion an überwachungsfreien Orten besprechen.
- Diskussionen sind an definitiv nichtüberwachten Wohnorten erlaubt.
- Kommunikation über verschlüsselte Mails und sichere Telefone ist erlaubt.
- Per Telefon, Email, etc. kann über die Aktion gesprochen werden, vo- rausgesetzt es wird darauf geachtet, dass Details über das wer was wann wo etc. nicht preisgegeben werden.
- Telefone, E-mail, usw. dürfen genutzt werden. Emaillisten, Flyern an öffentlichen Orten, Anzeigen in Zeitungen, sind vielleicht erlaubt und werden einzeln besprochen.
- Kommunikation und Bewerbung über alle Kanäle ist erlaubt und er- wünscht.
Wenn du alle belastenden Informationen unter Verschluss hältst und bei jedem Projekt, dass du unternimmst, angemessene Sicherheitsvorkehrungen triffst, solltest du auf einem guten Weg sein die erste Pflicht eines*r Revolutionär*in zu erfüllen: Nicht erwischt werden.
Alles Gute bei deinen Abenteuern und Missgeschicken.
AdAptionen, LAyout und iLLustrAtionen von
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2014
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