Lila Eier
Es war ein grüner Rasen, schön gepflegt und ohne Unkraut, immer gestutzt und sauber. Darauf stand dieser weiße Stier. Strahlend und vor Kraft strotzend glotzte er arrogant von seinem Sockel, mitten im Münchener Arbeiterviertel Giesing. Jedesmal, wenn ich dort vorbeikam, mußte ich den Stier bewundern, ob ich wollte oder nicht.
Manchmal machte ich mich mit meinen Freundinnen auch über sein Geprötze lustig. ‚Schau, heute ist er aber besonders potent.‘ Es hätte uns nicht überrascht, wäre er eines Tages von seinem Sockel gesprungen und uns hinterhergaloppiert. Er präsentierte sich wie ein typischer Anmacher auf der Straße: Breiter Gang, damit die prallen Hoden zwischen den strammen Schenkeln nicht Schaden nehmen.
Und genau die waren eines Tages nicht mehr – nein, nicht weg, aber eben nicht mehr weiß, sondern pink glänzend wie ein Pavianpopo. Der arme Stier auf seinem grünen saftigen Rasen schien fast ein bißchen zartrosa anzulaufen, als wir vorbeifuhren und seine poppige Männlichkeit belachten.
Er wechselte sogar seine Farben. Immer wenn sein Gehänge wieder gesäubert worden war, verfärbte es sich aufs neue. Zum Gespött aller vorbeiflanierenden Damen und zum Ärgernis der umstehenden Männer geworden, muß er sich zum endgültigen Rückzug entschlossen haben. Nur sein Sockel steht noch im grünen Gras, und es geht das Gerücht, daß alle Schwanzträger einen großen Bogen um diesen Ort machen.