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Kulturelle Grammatik & Subversion

Im folgenden geht es um eine eigentlich sehr einfache Frage:

Wie kommt es, daß Menschen in unserer Gesellschaft die vielfältigen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, denen 0dd5ee731e9d7e34e498b5c926110773-img.jpgsie unterworfen sind, so selbstverständlich akzeptieren? Wieso werden diese Verhältnisse als normal angesehen und in der Regel gar nicht erst hinterfragt? Und wie läßt sich dieser 0dd5ee731e9d7e34e498b5c926110773-img.jpggesellschaftliche Konsens, der hinsichtlich der Ausübung von Macht und Herrschaft besteht, stören und durcheinanderbringen?

Verschiedenste gesellschaftliche Institutionen sorgen dafür, daß das Sich-Einfügen in und die Unterwerfung unter Macht- und Herrschaftsverhältnisse von klein auf gelernt werden. In der Schule beispielsweise, einem der wichtigsten Orte gesellschaftlicher Sozialisation, sind Elemente der herrschenden Ideologie von Anfang an Teil des Unterrichtsstoffes – gelehrt werden etwa das herrschende Geschichtsverständnis, das nötige Allgemeinwissen, das gesellschaftliche Werte- und Normensystem. Über solche offen ausgesprochenen Inhalte hinaus jedoch werden die Schüler in einem viel umfassenderen Sinne darüber unterrichtet, daß und wie sie sich in die Normalität von Herrschafts- und Machtbeziehungen einfügen sollen. Auch wenn sich die Sitzordnung immer wieder verändern kann, ist die Einhaltung der jeweils gültigen Form zwingend vorgeschrieben. Selbst wenn die Tische im Kreis aufgestellt werden, zeigt sich die Autorität des Lehrers darin, daß er jederzeit aufstehen, umhergehen, Schüler ansprechen darf. Eine frontale und einseitige Kommunikationsordnung legt fest, wer über die Art des Lernens entscheidet – die Lehrerin, und wer sich einfügt – die Schüler. Die präzise Einteilung der Schulstunden wird durch akustische Signale verbindlich gemacht. Hinzu kommen die architektonische Anlage des Gebäudes und seine Umgebung mit Klassenzimmern, Fachräumen, für die Schüler verbotenen Lehrerzimmern ebenso wie die Einteilung der Schüler in Alters- und Leistungskategorien wie Prüfungen und Zeugnisse. In diesem Rahmen ist es ein normaler Vorgang, wenn der Lehrer vor den Schülerinnen steht und ihnen zu von ihm festgelegten Zeitpunkten und Themen das Wort erteilt. Denn es scheint, daß nur diese Vorgehensweise einen geregelten Ablauf des Unterrichts ermöglicht. Damit wird nicht nur immer von neuem die Autorität dessen, der vorne steht, festgeschrieben, sondern auch, daß das System von Autorität und Unterordnung der einzig mögliche Weg ist, soziale Beziehungen zu organisieren.

Im Rahmen der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Konventionen der Schule praktizieren Lernende und Lehrende tagtäglich Verhaltensweisen, die auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Bereichen dazu dienen, eine auf Machtverhältnissen beruhende Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Gesamtheit solcher Regeln bezeichnen wir als

Kulturelle Grammatik : Mit einigen weiteren Beispielen läßt sich deutlich machen, wie dieses Regelsystem der Kulturellen Grammatik Macht und Herrschaft produziert und reproduziert, wie es hierarchische Kommunikationsformen normalisiert – nicht nur unter äußerem Druck wie in der Schule, sondern auch in weitgehend selbstbestimmten Zusammenhängen: Kulturelle Grammatik wird nicht nur unter Zwang, sondern auch bewußt und im eigenen Interesse eingehalten.

Bei Vereinssitzungen ist die Vorsitzende dazu berechtigt und verpflichtet, den Ablauf der Veranstaltung zu lenken, was ihre herausragende Position den anderen gegenüber immer wieder manifestiert. Damit werden hierarchische gesellschaftliche Strukturen akzeptabel – schließlich organisiert man sich selbst in gleicher Weise. Bei Vorträgen ist allen Beteiligten klar, daß die Referentin eine Autoritätsperson ist, die die diskutierten Themen bestimmt und der zumindest in der ersten Hälfte der Veranstaltung das alleinige Recht zu reden gebührt. Die Zuhörerinnen sind zwar freiwillig anwesend, sie verhalten sich aber nur dann richtig und unproblematisch, wenn sie schweigend und aufmerksam auf den in Richtung des Redepults ausgerichteten Stühlen sitzen.

Nach demselben formalen Muster wie Vorträge laufen – um ein Beispiel aus einem explizit politischen Kontext zu betrachten – Wahlveranstaltungen mit Parteipolitikern ab. Solche Veranstaltungen illustrieren auf eindrücklichste Weise ein zentrales Element bürgerlich-demokratischer Herrschaft: Sie beruht nicht in erster Linie auf offener Gewalt des Staatsapparates, sondern auf der Produktion von Konsens. Mit zahllosen Praktiken wird die Fiktion aufrechterhalten, daß d57b6be8f71ad3ed20e986bff929f479d-img.jpgieser Konsens durch gleichberechtigte Kommunikation („Dialog mit dem Bürger“) zwischen Herrschenden und Beherrschten über die Formen und Praxen der Herrschaft hergestellt werde. Gleichzeitig wird das reibungslose Funktionieren der Herrschaft aber durch die Art und Weise sichergestellt, in der diese scheinbare Kommunikation erfolgt. So bedient sich eine Wahlveranstaltung der kulturellen Form des Vortrags, ohne daß bei der daran anschließenden Fragerunde tatsächlich eine inhaltliche Diskussion stattfindet. Der Inhalt des Vortrags selbst ist für die Aufrechterhaltung der Fiktion gleichberechtigter Konsensproduktion relativ unwichtig; die Aussage der ganzen Veranstaltung ist vor allem: Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, in der alle das Recht haben, ihre Meinung zu äußern – solange sie dies in einer Weise tun, die den Regeln dieser Art von Veranstaltung entspricht, solange sie sich in Thema und Wortwahl an die gesellschaftlich akzeptierten Konventionen halten. Daß dieses Recht auf Meinungsäußerung letztlich folgenlos bleibt, weil die möglichen Themen ebenso wie die Art, in der sie diskutiert werden, schon durch den formalen Rahmen vorgegeben und eingeschränkt sind, fällt niemandem auf – denn dieser Rahmen und seine Regeln sind verinnerlicht und werden als normal und natürlich empfunden. Wenn der Bundeskanzler inmitten einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei und umringt von Ordnern und Leibwächtern einen Marktplatz mit ohrenbetäubenden Phonozahlen beschallt, demonstriert er damit Bürgernähe – und bis zu einem gewissen Grad funktioniert diese Fiktion. Dabei ist es geradezu lächerlich, eine solche Vorführung von Macht als Möglichkeit der Kommunikation, d. h. des reziproken und gleichberechtigten Austauschs zu deuten. Das Ganze läßt sich viel schlüssiger als Inszenierung zur Darstellung und Selbstvergewisserung von Macht interpretieren. Trotzdem werden solche Veranstaltungen von den ZuhörerInnen nicht unbedingt in diesem Sinne empfunden, denn die in die Formen der Kulturellen Grammatik eingeschriebene Inszenierung und Ausübung von Herrschaft wird in der Regel nicht als solche wahrgenommen.

Nicht immer sind bei solchen Ritualen die Anwesenden nur Staffage für die Repräsentation der Macht. Bei einem öffentlichen Empfang glauben auch die Gäste selbst nicht wirklich daran, daß sie gekommen sind, um den wichtigen und erhellenden Worten des Gastgebers zu lauschen. Die rasierwassergetränkten „sehr geehrten Herren“ in Anzügen von Hugo BOSS und die „hochverehrten Damen“, die ebenso teuer duftend in ihrem besten Abendkleid erscheinen, wissen sehr genau, daß es um die Kulturelle Grammatik geht – darum, zu sehen und gesehen zu werden, das Bundesverdienstkreuz vorzuführen, Kontakte aufzunehmen und zu erhalten, wichtigen Personen vorgestellt zu werden – kurz: sich selbst im vorgegebenen Rahmen möglichst vorteilhaft zu inszenieren und damit Nutznießer wie Publikum im Schauspiel der Macht zu stellen. Die Teilnahme an dem durch die Kulturelle Grammatik geregelten Ritual ermöglicht dem Publikum nicht nur Selbstvergewisserung, sondern bis zu einem gewissen Grade auch Partizipation an den Machtverhältnissen.

Was ist Kulturelle Grammatik?

Die Metapher Kulturelle Grammatik bezieht sich auf die Sprachwissenschaft.

Grammatik ist das der Sprache zugrunde liegende Regelsystem, das wir erlernen, ohne uns dessen bewußt zu sein; sie ist die Struktur, die die Verwendung und den Zusammenhang der einzelnen Elemente sprachlicher Aussagen bestimmt.

Ohne Grammatik lassen sich komplexe Zusammenhänge nicht ausdrücken, obwohl die wenigsten Menschen beim Sprechen in ihrer eigenen Sprache über Satzteile und Konjugationen nachdenken. Grammatikalische Regeln einzuhalten ist weitgehend normal und wird selten hinterfragt.

Mit Kultureller Grammatik bezeichnen wir das Regelsystem, das gesellschaftliche Beziehungen und Interaktionen strukturiert. Es enthält die Gesamtheit der ästhetischen Codes und der Verhaltensregeln, die das gesellschaftlich als angemessen empfundene Erscheinungsbild von Objekten und den normalen Ablauf von Situationen bestimmen.

Die kulturelle Grammatik ordnet die zahllosen, auf allen Ebenen einer Gesellschaft sich alltäglich wiederholenden Rituale. Auch gesellschaftliche Raum- und Zeiteinteilungen, die Bewegungsformen und Kommunikationsmöglichkeiten vorgeben, sind darin enthalten.

Trotz ihrer strengen Kodifizierung ist Grammatik niemals endgültig festgelegt – umgangssprachliche Übereinkünfte gehen in die Schriftsprache ein, Subkultur-Slangs werden salonfähig, die spezielle Grammatik von Dialekten paßt sich der Hochsprache an. Entsprechend verändert sich auch die kulturelle Grammatik – neben dem Knigge des guten Benehmens im Privatleben wie im öffentlichen Raum existieren subkulturelle und klassenspezifische Formen der Selbstdarstellung, des Sich-in-Szene-Setzens, und sie bleiben nicht ohne Einfluß aufeinander.

Kulturelle Grammatik und Macht

Doch trotz dieser Flexibilität von Grammatik im sprachlichen wie im kulturellen Sinn ist ihr Regelwerk keineswegs neutral, für alle veränderbar, zugänglich, erlernbar und nutzbar. Kulturelle Grammatik ist im Gegenteil Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsbeziehungen, und ihre Regeln spielen eine wichtige Rolle bei deren Produktion und Reproduktion. Als innere Struktur durchdringt sie den gesamten sozialen und kulturellen, öffentlichen wie nicht-öffentlichen, kurz den gesellschaftlichen Raum. An unterschiedlichen Orten, in Schulen, Vereinen, auf Tagungen, am Arbeitsplatz wie auch in den nicht institutionalisierten Bereichen der Gesellschaft, in Kneipen, Familien und Alltagswelten, bringt sie oft ähnliche Formen des gesellschaftlichen Umgangs hervor, regelt aber zugleich Abstufungen und Differenzierungen. Sie ermöglicht den Menschen, sich im gesellschaftlichen Raum zu orientieren. Sie liefert Handlungsanweisungen, vor allem aber legt sie bestimmte Interpretationen von Situationen, Orten, Texten und Gegenständen nahe. Deren Bedeutungen sind nämlich nicht fest, sondern je nach Kontext unterschiedlich: Das Bier auf einer Hochzeitsfeier ist ein anderes als das im Fußballstadion. Es ist ein Pils und wird aus dem Glas getrunken, während es im Stadion nur Export aus Plastikbechern gibt und eine Bockwurst dazu nicht fehlen darf. Der etwas aus der Mode gekommene Bruderkuß zweier Politiker hat wenig mit Annäherungsversuchen in einer Kneipe zu tun, und ein Mann im Minirock löst andere Assoziationen aus als eine ebenso gekleidete Frau. Wer sich ‚normal‘ verhalten will, muß also die Kontexte auseinanderhalten und kulturelle Ausdrucksformen entsprechend interpretieren. Wer sinnlos betrunken auf einer Wahlkampfanveranstaltung aufkreuzt, benimmt sich genauso daneben wie derjenige, der bei einer Sauf tour nüchtern bleibt.

Dinge und Verhaltensweisen, Interaktionen und Rituale sind Zeichen, sie bedeuten etwas.

Mit dem Prozeß der Bedeutungsproduktion zugunsten der bürgerlichen Gesellschaft hat sich der Semologe Roland Barthes beschäftigt. Wir beziehen uns auf seine theoretischen Überlegungen, weil sie Anhaltspunkte dafür geben, wie Kulturelle Grammatik als etwas historisch Gewordenes zu einer scheinbar natürlichen Gegebenheit wird und wie Macht hinter dieser Natürlichkeit unsichtbar wird.

Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964.

Gemäß Barthes setzt sich ein Zeichen aus zwei Elementen zusammen:

Dem Bedeutungsträger oder Signifikanten und der damit ausgedrückten Bedeutung, dem Signifikat. Wichtig für die Funktionsweise von Kultureller Grammatik ist, daß sich oft zwei Zeichensysteme unterscheiden lassen: Im ersten System haben die Signifikanten eine offensichtliche, sprachlich ausgedrückte Bedeutung, also ein Signifikat. Aus dem Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikat ergibt sich ein Sinn. In diesem ersten Zeichensystem hat etwa eine Vereinssitzung mit ihren festgelegten Strukturen den Sinn, die Belange des Vereins rational und wirksam zu regeln. Im zweiten Zeichensystem wird die Sitzung zur bloßen Form, zum Signifikanten. Es ist nicht mehr wichtig, ob Herr A oder Frau B in den Vorstand gewählt wird, ob der Verein seinen Jahresausflug in den Schwarzwald oder an den Bodensee macht. Vielmehr kommt es darauf an, daß die Sitzung ordentlich entsprechend der Kulturellen Grammatik durchgeführt wird – daß die Mitglieder passend gekleidet sind, daß die Hierarchie von Vorstand und gewöhnlichen Mitgliedern eingehalten wird, daß sich alle entsprechend ihrem Status verhalten. In diesem zweiten Zeichensystem, das Barthes als System des Mythos bezeichnet, bedeutet die Vereinssitzung nichts anderes, als daß Macht akzeptiert und gesellschaftliche Prozesse hierarchisch geregelt werden müssen. Und diese Bedeutung wird in unzähligen alltäglichen Situationen und gewöhnlichen Verhaltensmustern transportiert. Als Signifikanten im mythischen System bringen sie die Normalität der herrschenden Verhältnisse und damit die Legitimität von Macht und Herrschaft zum Ausdruck.

In diesem Sinne ist die Kulturelle Grammatik Teil einer Mythologie des Alltags, in der Macht und Herrschaft als natürliche Gegebenheiten erscheinen. Diese Mythologie ist so selbstverständlich Teil des Lebens der Menschen, daß sie kaum jemals thematisiert wird: Die Kulturelle Grammatik ist kein Gegenstand von Diskussionen. Es ist schwierig, eine Alternative zu den bereits in den Formen des alltäglichen Umgangs enthaltenen Hierarchien und Machtverhältnissen zu denken. Denn die Kulturelle Grammatik unterwirft die Menschen nicht nur den herrschenden Verhältnissen, sondern bietet ihnen ebenso Identitfikationsangebote; sie zu akzeptieren eröffnet Möglichkeiten, zumindest in einigen Momenten selbst Macht auszuüben.

  1. Kleine Bevor wir uns damit auseinandersetzen, wie sich die über die Kulturelle Grammatik vermittelten Mechanismen der Produktion und Reproduktion von Macht und Herrschaft möglicherweise stören lassen, soll hier noch etwas zur Problematik dieser Begriffe gesagt werden. Wir gehen davon aus, daß Begriffe wie Herrschende und Beherrschte durchaus Sinn machen, auch wenn sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht einfach nach einem Oben-Unten-Schema erklären und schon gar nicht personalisieren lassen.

In einer komplexen kapitalistischen Gesellschaft bestehen gleichzeitig offensichtliche Herrschaftsbeziehungen und alltägliche, überall und auf allen Ebenen der Gesellschaft präsente Formen der Ausübung von ‚Macht im Kleinen‘. Beide bedingen und stabilisieren sich gegenseitig. Macht funktioniert nicht nur über Zwang, sondern auch über Identifikationsangebote: In einer Dominanzkultur, in der gesellschaftliche Konflikte vor allem über Hierarchisierungen geregelt werden und folglich auch nur in dieser Weise lösbar erscheinen, arbeiten (fast) alle an der Erhaltung der Verhältnisse mit, indem sie versuchen, ihre Position gegenüber denjenigen auszubauen, die noch schlechter dran sind als sie selbst. Nicht nur Klassengegensätze, sondern auch ethnische Hierarchisierungen und das Geschlechterverhältnis funktionieren (wenn auch in unterschiedlicher Weise) durch die Prinzipien der Unterdrückung und der Selbstpositionierung innerhalb des eng gesteckten gesellschaftlichen Rahmens. Ein Beispiel ist die Selbstethnifizierung als Folge gesellschaftlicher Zuschreibungen. Sie kann zwar ein revolutionäres Potential haben, weil gerade diejenigen Gruppen eine eigene, von ihnen selbst festgelegte Identität einfordern, die von außen auf holzschnittartige, von Vorurteilen geprägte Stereotypen festgelegt werden. Gleichzeitig kann sie gesellschaftsstabilisierend wirken, weil sich durch die Übernahme des von der Macht angebotenen Identifikationsmodells ‚race‘ diejenigen Zuschreibungen fortschreiben, die die Unterdrückung begründen.

Die Art und Weise, in der in entwickelten bürgerlichen Gesellschaften Herrschaft ausgeübt und aufrechterhalten wird, ohne daß dazu unmittelbare Gewalt ausgeübt werden muß, läßt sich durch den von Antonio Gramsci entwickelten Begriff der Hegemonie charakterisieren. Die Herrschaft der bürgerlichen Klasse beruht nicht allein auf ihrem Zugang zu Produktionsmitteln, sondern produziert und reproduziert sich wesentlich auf der Ebene des Überbaus, der Ideologie. Allerdings ist es wohl vergeblich, nach einer eindeutigen und verbindlichen herrschenden Ideologie als ‚Ideologie der Herrschenden‘ zu suchen. Denn die bürgerliche Klasse geht ständig Bündnisse mit anderen Klassen und Gruppen ein. So sind in die herrschende kapitalistische Ordnung Elemente zahlreicher anderer Ideologien integriert. Der so entstehende Konsens verbindet Herrschende und Beherrschte auf der Ebene von Ideen und Vorstellungen. Er ist nicht widerspruchsfrei, sondern vereint heterogene, ungleichzeitige Elemente und läßt auch Konflikte zu. Die Art, in der solche Konflikte ‚natürlicherweise‘ ausgetragen werden, ist jedoch von bürgerlichen Vorgaben über die Form gesellschaftlicher Beziehungen bestimmt. In der Fähigkeit, auch soziale und kulturelle Widersprüche in die bürgerliche Gesellschaftsordnung einzubinden, manifestiert sich das, was Gramsci die Hegemonie der herrschenden Klasse nennt.

Hegemonie stellt sich nicht nur auf der verbal-diskursiven Ebene her, sondern auch dadurch, wie (bürgerliche) gesellschaftliche Normen das alltägliche Leben der Menschen bestimmen: Sie entsteht durch die Durchsetzung und Praktizierung von Regeln und Verkehrsformen, Symbolen und Kommunikationsweisen; sie entsteht auf der Ebene der Kulturellen Grammatik. Kulturelle Formen sind damit wesentliche Elemente der Reproduktion der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sie sind für deren Bestand mindestens ebensowichtig wie die Institutionen des staatlichen Herrschaftsapparates.

Welche Kultur?

Wenn von Kultureller Grammatik die Rede ist, dann umfaßt der Begriff ‚Kultur‘ mehr als den bürgerlichen Kanon von Bildender Kunst, Musik und Literatur einschließlich des darauf beruhenden Kunstbetriebs, und auch mehr als dessen Erweiterung um Formen von Subkultur. Die Vorstellung, Kultur finde in abgegrenzten gesellschaftlichen Segmenten statt, ist (bürgerliche) Ideologie. In weiterem Sinne umfaßt Kultur alle menschlichen Ausdrucksformen, Bedeutungszuschreibungen, Handlungen und Produkte des Alltags. In dieser Definition beschreibt der Begriff eine bestimmte Sicht auf die Art und Weise, wie Menschen die Setzungen, Anforderungen und Möglichkeiten innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens umsetzen, nutzen und interpretieren. Sie tun dies nicht als beliebige, vereinzelte Individuen, sondern ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Gegebenheiten ist außer von ihrem Selbstbild auch von den Anforderungen geprägt, die die Gesellschaft stellt.

Wenn Kultur die gesamte Gesellschaft durchdringt, können Kultur und Politik nicht als getrennte Bereiche gesehen werden. Eine Veränderung kultureller Formen hat auch politische Implikationen. Andererseits artikuliert sich jedes politische Handeln in kulturellen Formen. Politik ist daher mehr als nur die ‚Kunst der Staatsverwaltung‘: Sie findet überall dort statt, wo über Reproduktion und Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen verhandelt wird. Wenn der Herr Minister nicht zu Wort kommt, wenn die Mitarbeiterin ihren Vorgesetzten streng fragt, warum er zu spät kommt, wenn scheinbar amtliche Schreiben die BürgerInnen auffordern, ihre Volkszählungsbögen wegzuschmeißen, dann wird die Kulturelle Grammatik verschoben, und solche Verschiebungen sind nicht nur kulturell, sondern auch politisch subversiv.

Welche Subversion?

Wer in der Kommunikation die Regeln der Kulturellen Grammatik nicht nur unbewußt praktiziert, sondern kreativ mit ihnen umgeht, kann sie für seine eigenen Zwecke benutzen, instrumentalisieren oder umdrehen, indem er sie mit abweichenden Inhalten füllt, in die ritualisierten Gewänder schlüpft, sich fremde Rollen anmaßt und dabei unter Umständen im Tonfall der Macht spricht (► Der Herr Minister). Aber – hat irgendjemand eine Chance, die politischen Aussagen von derartigen Aktionen zu begreifen, wenn kein Klartext, keine eindeutige Erklärung mitgeliefert wird? Wer wird in einem spaßigen Spektakel der Kommunikationsguerilla, das die Lacher auf seiner Seite hat, eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen erkennen wollen?

Dies ist im Grunde die Frage nach der Vermittlung kritischer Inhalte, die sich auch bei klassischer Agitation oder Aufklärung durch Texte und Reden stellt. Weder bei einer Aktion der Kommunikationsguerilla noch bei einer Aufklärungskampagne ist davon auszugehen, daß das Publikum sich in irgendeiner Weise überzeugen oder auch nur informieren lassen will. Jede Aktion braucht Anknüpfungspunkte bei den AdressatInnen – sei es ein gemeinsamer politischer Standpunkt (der oft nicht gegeben ist), sei es ein Alltagswissen in Gramscis Sinn, das sich aus den täglichen Erfahrungen der einzelnen speist, ein feines Gespür für Macht und Unterdrückung. Dieses Alltagswissen äußert sich manchmal weniger im Diskutieren, Analysieren, Theoretisieren und Dozieren, als in einem spontanen Lachen.

Das heißt allerdings nicht, daß Kommunikationsguerillas keine theoretische Gesellschaftskritik brauchen. Um die politische Dimension der Kulturellen Grammatik der Herrschenden zu kritisieren bzw. anzugreifen, muß sie zuerst einmal entschlüsselt werden. Auch Aktionen der Kommunikationsguerilla funktionieren nur, wenn ihnen ein Verständnis für Machtstrukturen vorausgeht. Erst mit einer kritischen Sicht läßt sich beispielsweise die Funktion von Regierungsdemos (z. B. am 8. 11. 1992) gegen ‚Ausländerfeindlichkeit‘ als Demonstration eines Konsenses zwischen ‚Volk‘ und ‚Herrschaft‘ entziffern, und erst mit dem begrifflichen Instrumentarium der Kulturellen Grammatik wird es möglich, an dieser verborgenen Bedeutung anzusetzen.

Wir setzen auf Aktionen, die ästhetische Momente von Herrschaft dekonstruieren und die Regeln der Kulturellen Grammatik durcheinanderwerfen – manchmal auch die Regel, daß Interventionen nur dann politisch subversiv seien, wenn sie Klartext reden. Solche Aktionen können zum bloßen Spektakel verkommen. Wir gehen jedoch davon aus, daß gute Kenntnisse in Kultureller Grammatik davor schützen, in die Falle der Beliebtheit zu geraten. Zumeist werden Interventionen der Kommunikationsguerilla im Zusammenhang mit gesellschaftlich relevanten Themen oder Ereignissen stattfinden. Der öffentliche Raum, in dem sie sich abspielen, ist bereits mit bestimmten Assoziationen, Vorstellungen und Erwartungen verknüpft. Dieses Gerüst von Normalitäten kann durch eine unerwartete Aktion durcheinandergebracht, enttäuscht oder weit übertroffen werden. Jedes öffentliche Ereignis ist zugleich ein Ritual aus Formen und Konventionen, die selbst wieder Aussagen über Verfaßtheit und Selbstverständnis der Gesellschaft machen, in der sie stattfinden. Eine Intervention, die sich darauf bezieht, kann auch ohne Klartext Inhalte transportieren, die als solche wahrgenommen und verstanden werden.

Politische Praxis heißt für uns nicht das Verbindlichmachen einer besseren Ideologie. Wenn wir fragen, warum Leute Machtstrukturen in unserer Gesellschaft so weitgehend akzeptieren, müssen wir diese Frage auch auf der Ebene der Kulturellen Grammatik stellen. Wenn wir unsere Überlegungen zum Ausgangspunkt politisch-kultureller Aktionen machen, bedeutet das den Versuch, die Kulturelle Grammatik der Herrschenden in konkreten Situationen zu durchbrechen und zu überschreiten. In diesem Sinne soll der soziale und politische Kampf ein Kampf sein „um eine andere Wirklichkeit, in der unter uns erlebbar und spürbar wird, wofür es sich morgen noch lohnt zu kämpfen.“

Autonome L.U.P.U.S.-Gruppe: Der Faschismusvorwurf – oder die linke Illusion vom bürgerlichen Staat. In: Dies.: Lichterkeiten und andere Irrlichter: Texte gegen finstere Zeiten. Berlin/Amsterdam 1994, S. 102-113.