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Kulturelle Grammatik & Subversion

Im folgenden geht es um eine eigentlich sehr einfache Frage:

Wie kommt es, daß Menschen in unserer Gesellschaft die vielfältigen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, denen 0dd5ee731e9d7e34e498b5c926110773-img.jpgsie unterworfen sind, so selbstverständlich akzeptieren? Wieso werden diese Verhältnisse als normal angesehen und in der Regel gar nicht erst hinterfragt? Und wie läßt sich dieser 0dd5ee731e9d7e34e498b5c926110773-img.jpggesellschaftliche Konsens, der hinsichtlich der Ausübung von Macht und Herrschaft besteht, stören und durcheinanderbringen?

Verschiedenste gesellschaftliche Institutionen sorgen dafür, daß das Sich-Einfügen in und die Unterwerfung unter Macht- und Herrschaftsverhältnisse von klein auf gelernt werden. In der Schule beispielsweise, einem der wichtigsten Orte gesellschaftlicher Sozialisation, sind Elemente der herrschenden Ideologie von Anfang an Teil des Unterrichtsstoffes – gelehrt werden etwa das herrschende Geschichtsverständnis, das nötige Allgemeinwissen, das gesellschaftliche Werte- und Normensystem. Über solche offen ausgesprochenen Inhalte hinaus jedoch werden die Schüler in einem viel umfassenderen Sinne darüber unterrichtet, daß und wie sie sich in die Normalität von Herrschafts- und Machtbeziehungen einfügen sollen. Auch wenn sich die Sitzordnung immer wieder verändern kann, ist die Einhaltung der jeweils gültigen Form zwingend vorgeschrieben. Selbst wenn die Tische im Kreis aufgestellt werden, zeigt sich die Autorität des Lehrers darin, daß er jederzeit aufstehen, umhergehen, Schüler ansprechen darf. Eine frontale und einseitige Kommunikationsordnung legt fest, wer über die Art des Lernens entscheidet – die Lehrerin, und wer sich einfügt – die Schüler. Die präzise Einteilung der Schulstunden wird durch akustische Signale verbindlich gemacht. Hinzu kommen die architektonische Anlage des Gebäudes und seine Umgebung mit Klassenzimmern, Fachräumen, für die Schüler verbotenen Lehrerzimmern ebenso wie die Einteilung der Schüler in Alters- und Leistungskategorien wie Prüfungen und Zeugnisse. In diesem Rahmen ist es ein normaler Vorgang, wenn der Lehrer vor den Schülerinnen steht und ihnen zu von ihm festgelegten Zeitpunkten und Themen das Wort erteilt. Denn es scheint, daß nur diese Vorgehensweise einen geregelten Ablauf des Unterrichts ermöglicht. Damit wird nicht nur immer von neuem die Autorität dessen, der vorne steht, festgeschrieben, sondern auch, daß das System von Autorität und Unterordnung der einzig mögliche Weg ist, soziale Beziehungen zu organisieren.

Im Rahmen der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Konventionen der Schule praktizieren Lernende und Lehrende tagtäglich Verhaltensweisen, die auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Bereichen dazu dienen, eine auf Machtverhältnissen beruhende Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Gesamtheit solcher Regeln bezeichnen wir als

Kulturelle Grammatik : Mit einigen weiteren Beispielen läßt sich deutlich machen, wie dieses Regelsystem der Kulturellen Grammatik Macht und Herrschaft produziert und reproduziert, wie es hierarchische Kommunikationsformen normalisiert – nicht nur unter äußerem Druck wie in der Schule, sondern auch in weitgehend selbstbestimmten Zusammenhängen: Kulturelle Grammatik wird nicht nur unter Zwang, sondern auch bewußt und im eigenen Interesse eingehalten.

Bei Vereinssitzungen ist die Vorsitzende dazu berechtigt und verpflichtet, den Ablauf der Veranstaltung zu lenken, was ihre herausragende Position den anderen gegenüber immer wieder manifestiert. Damit werden hierarchische gesellschaftliche Strukturen akzeptabel – schließlich organisiert man sich selbst in gleicher Weise. Bei Vorträgen ist allen Beteiligten klar, daß die Referentin eine Autoritätsperson ist, die die diskutierten Themen bestimmt und der zumindest in der ersten Hälfte der Veranstaltung das alleinige Recht zu reden gebührt. Die Zuhörerinnen sind zwar freiwillig anwesend, sie verhalten sich aber nur dann richtig und unproblematisch, wenn sie schweigend und aufmerksam auf den in Richtung des Redepults ausgerichteten Stühlen sitzen.

Nach demselben formalen Muster wie Vorträge laufen – um ein Beispiel aus einem explizit politischen Kontext zu betrachten – Wahlveranstaltungen mit Parteipolitikern ab. Solche Veranstaltungen illustrieren auf eindrücklichste Weise ein zentrales Element bürgerlich-demokratischer Herrschaft: Sie beruht nicht in erster Linie auf offener Gewalt des Staatsapparates, sondern auf der Produktion von Konsens. Mit zahllosen Praktiken wird die Fiktion aufrechterhalten, daß d57b6be8f71ad3ed20e986bff929f479d-img.jpgieser Konsens durch gleichberechtigte Kommunikation („Dialog mit dem Bürger“) zwischen Herrschenden und Beherrschten über die Formen und Praxen der Herrschaft hergestellt werde. Gleichzeitig wird das reibungslose Funktionieren der Herrschaft aber durch die Art und Weise sichergestellt, in der diese scheinbare Kommunikation erfolgt. So bedient sich eine Wahlveranstaltung der kulturellen Form des Vortrags, ohne daß bei der daran anschließenden Fragerunde tatsächlich eine inhaltliche Diskussion stattfindet. Der Inhalt des Vortrags selbst ist für die Aufrechterhaltung der Fiktion gleichberechtigter Konsensproduktion relativ unwichtig; die Aussage der ganzen Veranstaltung ist vor allem: Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, in der alle das Recht haben, ihre Meinung zu äußern – solange sie dies in einer Weise tun, die den Regeln dieser Art von Veranstaltung entspricht, solange sie sich in Thema und Wortwahl an die gesellschaftlich akzeptierten Konventionen halten. Daß dieses Recht auf Meinungsäußerung letztlich folgenlos bleibt, weil die möglichen Themen ebenso wie die Art, in der sie diskutiert werden, schon durch den formalen Rahmen vorgegeben und eingeschränkt sind, fällt niemandem auf – denn dieser Rahmen und seine Regeln sind verinnerlicht und werden als normal und natürlich empfunden. Wenn der Bundeskanzler inmitten einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei und umringt von Ordnern und Leibwächtern einen Marktplatz mit ohrenbetäubenden Phonozahlen beschallt, demonstriert er damit Bürgernähe – und bis zu einem gewissen Grad funktioniert diese Fiktion. Dabei ist es geradezu lächerlich, eine solche Vorführung von Macht als Möglichkeit der Kommunikation, d. h. des reziproken und gleichberechtigten Austauschs zu deuten. Das Ganze läßt sich viel schlüssiger als Inszenierung zur Darstellung und Selbstvergewisserung von Macht interpretieren. Trotzdem werden solche Veranstaltungen von den ZuhörerInnen nicht unbedingt in diesem Sinne empfunden, denn die in die Formen der Kulturellen Grammatik eingeschriebene Inszenierung und Ausübung von Herrschaft wird in der Regel nicht als solche wahrgenommen.

Nicht immer sind bei solchen Ritualen die Anwesenden nur Staffage für die Repräsentation der Macht. Bei einem öffentlichen Empfang glauben auch die Gäste selbst nicht wirklich daran, daß sie gekommen sind, um den wichtigen und erhellenden Worten des Gastgebers zu lauschen. Die rasierwassergetränkten „sehr geehrten Herren“ in Anzügen von Hugo BOSS und die „hochverehrten Damen“, die ebenso teuer duftend in ihrem besten Abendkleid erscheinen, wissen sehr genau, daß es um die Kulturelle Grammatik geht – darum, zu sehen und gesehen zu werden, das Bundesverdienstkreuz vorzuführen, Kontakte aufzunehmen und zu erhalten, wichtigen Personen vorgestellt zu werden – kurz: sich selbst im vorgegebenen Rahmen möglichst vorteilhaft zu inszenieren und damit Nutznießer wie Publikum im Schauspiel der Macht zu stellen. Die Teilnahme an dem durch die Kulturelle Grammatik geregelten Ritual ermöglicht dem Publikum nicht nur Selbstvergewisserung, sondern bis zu einem gewissen Grade auch Partizipation an den Machtverhältnissen.