Faken und Faken lassen
Das Herstellen von Fakes ist eines der beliebtesten Betätigungsfelder von Kommunikationsguerilleras . Ein gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen (z.B. durch Fälschung amtlicher Schreiben). Die Fäkerin will allerdings nicht in erster Linie eine unmittelbare materielle Wirkung erreichen oder sich selbst Vorteile verschaffen. Ziel ist vielmehr, einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird. Das Fake entfaltet seine Wirksamkeit im Verlauf des Prozesses, der der Aufdeckung folgt, in der Kette von echten und vielleicht auch falschen Dementis, womöglich ergänzt durch weitere Fakes oder Fälschungen. Die Produktion von Fakes bewegt sich oft am Rande der Legalität oder jenseits davon. Auch wenn die Rechtslage nicht so eindeutig ist wie bei Fälschungen (Betrug etc.), werden sie regelmäßig juristisch verfolgt.
Im folgenden werden keine konkreten Hinweise für das Beschaffen von Briefköpfen, den Zugang zu Daten oder den Gebrauch von Scannern, Kopierern und Desktop-Publishing Systemen gegeben. Fakerinnen haben in dieser Hinsicht immer genügend Phantasie entwickelt. Deshalb geht es hier darum, wie ein Fake wirkt und welche Ziele die Fakerinnen damit verfolgen.
Faketheorie In den heutigen bürgerlichen Gesellschaften wird Macht sehr stark auf diskursivem Wege ausgeübt und legitimiert. Fakes sind ein Versuch, dieses Funktionsprinzip der Macht zu stören und ihre Legitimation zu beschädigen, indem in ihrem Namen falsche, gezielt modifizierte oder auch schlicht sinnlose Informationen verbreitet werden. Dadurch soll die Selbstverständlichkeit der diskursiven Prozesse aufgebrochen werden, in denen sich Macht konstituiert und reproduziert. Das Fake ist ein taktisches Mittel, das in der Regel keine Gegenentwürfe zeigt und keine Gegendiskurse formuliert. Dennoch wirkt es in einem gewissen Sinne aufklärerisch: Es zeigt, daß alles auch ganz anders sein könnte, daß die Strukturen des Sprechens und der Macht so, wie sie den Menschen gegenübertreten, weder zwingend noch selbstverständlich sind. Das Fake läßt in den Kommunikationsprozessen jenes beunruhigende und potentiell widerständige ‚Andere‘ des Bestehenden aufscheinen zu lassen, welches durch die dominanten Diskurse auf allen Ebenen zum Schweigen verurteilt ist, niemals aber zum Verschwinden gebracht werden kann.
Das Fake beruht also auf der Störung bzw. momentanen Umstürzung dessen, was Foucault als „Ordnung des Diskurses“ bezeichnet und als wesentliches Element von Machtausübung identifiziert. Diese Ordnung bestimmt sowohl die in der gesellschaftlichen Kommunikation zulässigen Aussagen als auch die zulässigen Sprecher (► Der Herr Minister spricht zum Volk ). Wer heimlich den
Sprecher austauscht, stört die Regeln, die festlegen, wer wann was sagt und sagen darf und wer nicht. Besonders effektiv ist das in Situationen, die durch starke Machtgefälle strukturiert sind, in denen Name oder Etikett der Sprechenden und nicht die Kraft ihrer Argumente den Stellenwert von Aussagen bestimmen. Durch das Fake werden die verdeckten diskursiven Machtstrukturen plötzlich sichtbar. Denn die Störung scheint gerade von jener Seite aus zu erfolgen, die in der Ordnung des Diskurses die Legitimation hat, zu sprechen und gehört zu werden. Scheinbar sind es die lokalen Behörden, die in Briefen zum Aids-Check verdonnern. Aussage und Sprecher oszillieren: Einerseits glaubt die anständige Bürgerin an die Anständigkeit ihrer Obrigkeit in Sachen Privatsphäre und zweifelt daher an dem Schreiben, andererseits meldet sie sich möglicherweise zum Aidstest an, weil sie eben dieser anständigen Obrigkeit die totale Kontrolle der ‚Volksgesundheit‘ dennoch zugesteht.
Die Legitimation, im Namen der Macht zu sprechen, wird durch die Verwendung von Zeichen konstituiert, die für die Macht reserviert sind. Das können Signets wie der Briefkopf eines Amtes sein, Titel, Namen oder auch das verwendete Medium selbst. Solche Zeichen sollen die Einheit von Autor und Text garantieren, die für diskursive Machtausübung wesentlich und dementsprechend durch Gesetzesparagraphen und Strafdrohungen abgesichert ist: Nur die legitimierten Institutionen der Macht dürfen die Autorität haben, bestimmte Aussagen zu treffen. Das Fake bricht diese Einheit auf. Daß dies als massiver Angriff empfunden wird, läßt sich daran ablesen, daß selbst auf den ersten Blick erkennbare Fakes fast unweigerlich ein Dementi nach sich ziehen.
Ein gelungenes Fake spielt mit der Zuordnung von Autor und Text. Seine Wirkung entfaltet es genau dann, wenn sich keine eindeutige Beziehung zwischen beiden mehr herstellen läßt. In diesem Moment beginnen auch die Bedeutungen der getroffenen Aussagen zu oszillieren, werden neue Interpretationen sichtbar und zugänglich. Das Prinzips der Interpretationsvariabilität (► Warum hört mir keiner zu? ), das in konventionellen Kommunikationsprozessen als unvermeidlicher Störfaktor wirkt, wird bei Fakes zum Fundament, das die Kommunikationsweise des Fakes überhaupt ermöglicht – das Fake will nicht wörtlich genommen werden, sondern Reflexionen über den Urheber und den Inhalt der Botschaft auslösen. Seine Offenheit bedeutet aber auch, daß seine Resultate niemals mit Sicherheit vorhersagbar sind.
Das Fake will subversive Lesarten in die Texte und Sprechweisen der Macht einschleusen. Jedes überzeugende Fake ist eine spielerische Negation des strukturalistischen Prinzips „der Text schreibt den Autor“. Doch es ist auch nicht die Fakerin, die den Text des Fakes schreibt: Der vorhandene Text der Macht ist existent, er ist dem Zugriff der Faker zugänglich, ein Teil unserer Sprache. Das Prinzip der Sprache selbst erlaubt es, daß die Position derjenigen, die eine bestimmte Aussage ausspricht (zumindest potentiell) von jeder eingenommen werden kann: Auch von denen, die in der Ordnung des Diskurses vorgesehene Legitimation nicht besitzen, kann der Tonfall der Macht imitiert werden. In diesem Sinne ist Sprache vieldeutig und anarchisch. Dieselbe Entwicklung, die die Wirkungen der Macht in die Sprache der Individuen verlagert hat und die Praktiken des Sprechens selbst zu Instrumenten der Machtausübung werden ließ, eröffnet den Fakerinnen Möglichkeiten der Subversion. Alle kennen nun die Sprache der Macht: So kann das Fake zur subversiven Alltagspraxis werden. Da die Ausübung der Macht überall in der Gesellschaft stattfindet, also nicht mehr nur Sache einer kleinen Elite ist, wird auch die entsprechende Sprache (anders als z.B. Latein im Mittelalter) von vielen gesprochen. Besonders gut beherrschen den Tonfall der Macht diejenigen, die sich im Umfeld und am Rande der Herrschenden bewegen. (In den USA sind viele „pranksters“ hauptberuflich Universitätsdozenten!) In diesem Sinne ist das Fake eher eine Praxisform von MittelklassendissidentInnen als von denjenigen, die, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, der Unterdrückung am meisten ausgesetzt sind. Das Fake funktioniert vielleicht dann am besten, wenn sich die Identitäten der Faker und der Gefakten berühren. (Deleuze/Guattari fassen dies unter dem Begriff der kleinsten minimalen Differenz.)
Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht. Berlin 1976.
Deleuze, Gilles/Guattari, Felix: Tausend Plateaus. Berlin 1992.
Gerade die Tatsache, daß diese Nähe bei vielen Linken besteht, mag auch eine Ursache für ihre Schwierigkeiten mit einer solchen Praxis sein. Beim Faken ist es wichtig, sich der Vielfältigkeit der eigenen Identitäten und Zugehörigkeiten bewußt zu sein und damit spielerisch umzugehen. Nur dann können die Identitäten und Identitätsfragmente der Schreibenden in ihren Sprachmöglichkeiten auch ausgeschöpft werden. Nichts ist für das Fake tödlicher als der alte linke Aberglaube, daß ein linkes Subjekt nur einen, nämlich DEN RICHTIGEN Text zulässigerweise aussprechen dürfe.
Funktionsweise des Fakes
Die Taktik des Fakens beruht auf einem Paradox: Das Fake sollte einerseits möglichst wenig als solches erkennbar sein (die Fälschung muß gut sein), es soll aber zugleich einen Kommunikationsprozeß auslösen, in dem klar wird, daß die Information falsch war: Das Fake muß aufgedeckt werden. Kurzgefaßt lautet die Formel: Fake = Fälschung + Aufdeckung/Dementi/Bekenntnis. Dabei liegen auf beiden Seiten Stolpersteine für die Fäkerinnen.
Ein Fake, das sofort erkannt wird, weil die Fälschung schlecht ist, wird im besten Fall als gute Satire gelesen, im schlechtesten Fall als schlechtes Flugblatt. Heute ist es kein Problem mehr, optisch überzeugende Fälschungen zu produzieren. Viel schwieriger ist es, den Tonfall und die Rhetorik der Macht überzeugend zu imitieren. Linke Jargonausdrücke beispielsweise führen dazu, daß die Leserinnen den Fakern spätestens nach zwei Sätzen auf die Schliche kommen.
Andererseits ist ein Fake, das überhaupt nicht erkannt wird, im Sinne der Urheber für die Katz. Im schlimmsten Falle verdoppelt und bekräftigt es den imitierten Machtdiskurs. Ein Beispiel wäre ein Aushang, der Menschen mit bzw. ohne deutschen Paß verschiedene Eingänge zu einem Gebäude zuweist. Solche ‚Fakes‘, die scheinbar von legitimierten Institution ausgehen, wurden schon widerspruchlos akzeptiert. Für Menschen mit fremdem Paß wirkten sie als reale Bedrohungen, und daran konnte auch eine nachfolgende lautstarke Aufdeckung durch die Initiatoren nichts ändern. Entscheidend für die Wirkung des Fakes ist, daß Imitationen über eine zunächst scheinbar eindeutige Kommunikationssituation entstehen. Ziel ist es, einen Kommunikationsprozeß über Fragen auszulösen wie: Kann es sein, daß diese Aussage von jenem Sprecher kommt? Wenn ja: Was ist davon zu halten? Wenn nein: Warum nicht, und von wem dann? Die Aussage ist zwar plausibel, aber irgendetwas stimmt nicht, nur was? Zum Beispiel: „... eine Autorität fordert ein Verhalten, das antiautoritär ist. Die Leute stehen vor der Wahl: entweder sie gehorchen der Autorität, indem sie sich antiautoritär verhalten, oder sie verhalten sich autoritär, indem sie der Autorität nicht gehorchen“. Solche Paradoxe führen häufig zu Rückfragen beim (scheinbaren) Urheber. Unter Umständen kommt ein Fake aber auch erst durch das Bekenntnis der Fakeinnen in die Diskussion. Das gilt insbesondere dann, wenn die Medien einem Fake aufgesessen sind, da diese wenig Interesse haben, ihre Pannen an die große Glocke zu hängen. Meist ist aber ein explizites Bekenntnis unnötig, da es einen sonderbaren Brauch gibt, der den Fakern diese Mühe fast zuverlässig erspart: das Dementi.
SpassGuerilla. Münster 1994 (Berlin 1982). S. 116.
Mit dem Dementi versucht die Macht, die gestörte Ordnung des Diskurses wiederherzustellen: Der Gefakte meldet sich höchstpersönlich zu Wort und erklärt allen oder möglichst vielen, wie's wirklich ist. Wer tatsächlich im Namen der Macht spricht, traut den Leuten wohl nicht zu, ein Fake selbst zu erkennen. Die Faker wissen's zu schätzen. Denn durch das Dementi erhält das Fake ein quasi amtliches Gütesiegel. Da dies in der Regel über die Massenmedien verbreitet wird, verleiht es ihm außerdem eine Publizität, die oft über seine eigentliche Reichweite weit hinausgeht.
Gerade weil Dementis nahezu automatisch erfolgen, wurden sie von manchen Fakerinnen auch schon bewußt benutzt. Sie bieten eine Spielweise für ganz spezielle Fakes. Diese Fakes höherer Ordnung treiben mit der literarischen Form des Dementi ihr Unwesen. Im einfachsten Fall wirken sie durch das Kopfschütteln, das ausgelöst wird, wenn ein Dementi erfolgt, obwohl alles in Ordnung zu sein scheint. Ein solches Dementi kann durch ein bewußt harmloses Fake provoziert werden, das eigentlich niemandem auffällt. Besonders elegant und arbeitssparend ist es, wenn Fakerinnen die Vertreter der Macht die ganze Arbeit tun lassen. Es genügt, sie von der Existenz eines fiktiven Fakes zu überzeugen – wenn’s klappt, dementieren sie etwas, von dem nie jemand gehört hat.
Auch ein gefälschtes Dementi ohne vorhergehendes Fake wurde schon ausprobiert, wobei die Fakerinnen davon ausgingen, daß das Dementi eines Dementi halsbrecherische diskursive Verrenkungen verlangt. Wenn durch die Medien das gefakte Dementi geht, daß die 1.000 Beschäftigten der Firma XY doch nicht entlassen werden sollen, werden sich alle Betroffenen fragen, was an der Nachricht dran ist. Die Firma ist nun gezwungen zu erklären, daß niemand entlassen wird bzw. nur 300 usw.
Als Mittel zur Wiederherstellung der diskursiven Ordnung ist das Dementi offensichtlich wenig wirksam. Ein gefälschtes Dementi wurde sogar schon dazu genutzt, eine echte Fälschung abzusichern. In einem ersten Schritt passierte gar nichts – es gab keine gefälschten Freifahrscheine. Dann kam das gefälschte Dementi: Es wurde dementiert, daß Freifahrscheine an alle Einwohner verschickt wurden. Erst nachdem dieses Schreiben dementiert war, wurden tatsächlich gefälschte Freifahrscheine verschickt ... Das Ganze ließe sich im Prinzip zu einem ganzen Spiel gefälschter Erklärungen und Dementis ausbauen, zur vollständigen Simulation eines Prozesses, in dem die diskursiven Ordnungen immer von neuem de- und reartikuliert werden.
Auch als Medienstrategie läßt sich das Dementi einsetzen: Die Fäker selbst haben in der Regel wenig Möglichkeiten, ein Thema in die bürgerlichen Massenmedien zu bringen, für Behörden und andere Institutionen ist das aber kein Problem. Was liegt näher, als sie durch ein Fake dazu zu veranlassen, ein Dementi in den Medien zu verbreiten und so den Fakerinnen die Medienarbeit abzunehmen? Dabei verlassen sich die Fakerinnen auf die Interpretationsvariabilität, also darauf, daß die mediale Thematisierung die von ihnen gewünschten Lesarten zumindest möglich macht. Ein Beispiel: Wenn in den Medien erklärt wird, daß im Atomkraftwerk XY kein Störfall stattgefunden habe, löst diese Meldung viel eher Zweifel an seiner Sicherheit aus, als wenn über das AKW gar nicht berichtet worden wäre. Werbefachleute kennen ein ähnliches Prinzip – mit umgekehrtem Vorzeichen: Jede Presse ist eine gute Presse, solange das Produkt nur in den Medien präsent ist. Und so erstaunt es nicht, daß auch sie das Fake für sich entdeckt haben: Der Sender VOX warb für seine popelige Serie „Space“, indem er im Namen einer „Initiative boykottiert Space“ eine gefakte Anzeige gegen seine eigene Serie schaltete.