Die Situationistische Internationale
Über die Situationistische Internationale (SI) sind (seit dem Selbstmord von Guy Debord 1995) kilometerweise Texte in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen fabriziert worden. Uns geht es hier nicht darum, zum aktuellen Situationismushype (beispielsweise mit der einzig richtigen, angemessenen und wahren Interpretation von Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“) beizutragen. Daher sollen nur einige kurze Bemerkungen zu Fragen folgen, die uns im Zusammenhang mit der SI wichtig sind.
Die SI entstand 1957 als Zusammenschluß verschiedener künstlerischer Avantgardegruppen wie der Lettristischen Internationale, der internationalen Bewegung für ein Imaginistisches Bauhaus und dem Psychogeographischen Komitee London. Das auf den ersten Blick auffallendste Element in der Geschichte der SI ist die selbst für eine linke Gruppierung beachtliche Kette von Ausschlüssen, Spaltungen und Säuberungen. Dabei war es vor allem die französische Sektion unter Guy Debord, die ihre Forderung nach „theoretischer Kohärenz“ in der Organisation rigide durchsetzte. So wurde im Januar 1962 die gesamte Gruppe SPUR , die deutsche Sektion der SI, wegen Neigung zu billigem Klamauk ausgeschlossen. Die élitaire und im Grunde typisch avantgardistisch-sektiererische Praxis der SI führte schließlich dazu, daß 1972 nach ihrer Auflösung nur noch zwei aktive Mitglieder (Debord und Sanguinetti) von insgesamt ca. 70 übriggeblieben waren. Einige heutige Gruppen wie ⬤ Unterbliss! die sich auf die SI kritisch beziehen, haben daraus die Konsequenz gezogen, unter einem o multiplen Namen zu agieren. Sie verzichteten also von vorneherein auf jeden Versuch, Kohärenz auf einer formal-organisatorischen Ebene garantieren zu wollen.
Die SI soll hier jedoch nicht als schlechtes Beispiel abgehandelt werden. Auch über die angebliche Vorbildfunktion der SI für die Punks soll kein Wort verloren werden, genauso wenig über ihre häufig übertriebene Bedeutung für den französischen Mai 1968 – auch wenn einige der schönsten Parolen und Graffiti des Pariser Mai 68 zweifellos auf die Situationisten zurückgehen: „Ich vergnügte mich mit den Pflastersteinen ...“, „Die Menschheit wird nicht eher glücklich sein, als bis der letzte Bürokrat an den Gedärmen des letzten Kapitalisten aufgehängt ist“ etc.
Wichtig ist, daß die SI im Unterschied zu anderen Avantgardegruppen die Problematik künstlerisch-politischer Avantgardepositionen klar erkannte und solche Positionen scharf kritisierte. In der aktuellen Rezeption wird der ‚Situationsimus‘ vor allem als künstlerische Bewegung dargestellt. Demgegenüber ist daran zu erinnern, daß die SI nicht nur den bürgerlichen Kunstbegriff ablehnte (das taten und tun andere im Kunstbetrieb agierende Gruppen auch), sondern daß sie sich auch explizit jeder Verwendung der von ihr entwickelten ‚künstlerischen‘ Formen außerhalb des Kontextes eines (politisch-) revolutionären Projekts verweigerte.
Situationisten
Ebensowenig aber dachten die Situationisten daran, als politische Avantgarde im traditionellen Sinne aufzutreten. Sie lehnten jeglichen theoretischen oder praktischen Führungsanspruch ab und formulierten eine ätzende Kritik an marxistisch-leninistischen Positionen. Aus ihrer Kritik des politischen Avantgardedenkens heraus entstanden Formulierungen wie „Die situationistische Theorie ist in den Köpfen aller“, oder „Jeder kann Situationist sein, auch ohne je von der SI gehört zu haben“. In der Praxis gelang es der SI mit ihrer sektiererischen und elitären Auffassung von theoretischer Kohärenz allerdings gerade nicht, eine Theorie und Praxis jenseits des Avantgardedenkens zu entwickeln. Auch die Vorstellung der Situationisten, so verstandene „Kohärenz“ sei ein Mittel, sich gegen Rekuperation, also gegen Vereinahmung durch die herrschende Ordnung, zu schützen, erscheint merkwürdig. Sie hat jedenfalls nicht einmal die schägige Art und Weise verhindert, in der zur Zeit die SI und der ganze ‚Situationsismus‘ als Kunstbewegung gehandelt und rekurpiert werden. Zuletzt entstanden rechthaberische und wehleidige Texte wie ‚Die wirkliche Spaltung in der Internationalen‘, die die Kritik von Luther Blissett motivieren: Die situationistische Theorie konzipiere sich in letzter Konsequenz doch als ‚heiliger Geist, der in die bewußtlose Materie (das Proletariat, die Massen, was auch immer) hinabsteigt‘. Die von der SI formulierte grundsätzliche Ablehnung traditioneller Politikkonzepte beschränkt sich nicht auf eine Kritik der hierarchischen und bürokratischen Struktur attlinker Gruppen und Parteien. Die SI versuchte zugleich, neue Formen der Subversion und Propaganda zu entwickeln. Die Situationisten gehörten zu den ersten, die „die Einführung der Guerilla in den Massenmedien ...“ forderten. „Man kann eine Zeitung noch daraus Vorteile ziehen, daß die Rundfunk- und Fernsehstudios nicht von Truppen bewacht werden. Auf einer bescheideneren Ebene, auf der eines Stadtviertels, kann jeder Radioamateur mit geringen Kosten Sendungen stören und auch selbst senden. ... Durch gefälschte Ausgaben dieser oder jener Zeitschrift kann der Feind verwirrt werden.“
Dabei waren sich die Situationisten des taktischen Charakters und der Möglichkeiten wie Grenzen einer solchen Praxis klar bewußt: „Der illegale Charakter solcher Aktionen verbietet es jeder Gruppe, die sich nicht für den Untergrund entschieden hat, auf diesem Gebiet ein zusammenhängendes Programm aufzustellen, da dies die Bildung einer spezifischen Organisation in ihrem Schoß notwendig machen würde – was ohne Abschnürung und folglich ohne Hierarchie weder denkbar noch wirksam sein kann, will man – kurz gesagt – nicht auf dem Weg in den Terrorismus landen.“ Stattdessen forderten sie eine Praxis, in der „Individuen, die eigens dafür zusammengekommen sind, improvisieren und die Formen verbessern können, die anderswo von anderen ausprobiert worden sind. Diese Art von nicht verabredeter Aktion kann zwar nicht zur endgültigen Umwälzung führen, kann aber auf nützliche Weise das Bewußtsein hervorheben, das zum Vorschein kommen wird. Übrigens darf man sich durch das Wort Illegalität nicht benebeln lassen. Die meisten Aktionen auf diesem Gebiet werden die bestehenden Gesetze keineswegs übertreten“. Auch die Praxis der Detourne- (Detourment) wurde von den Situationisten zugleich propagiert und in allen möglichen Zusammenhängen eingesetzt. Mit neuen Texten versehene Comics waren ein beliebtes Propagandamittel, und auch die theoretischen Texte der Situationisten spielen in komplexer Weise mit mehr oder weniger veränderten Zitaten und Plagiaten.
Über die Entwicklung neuer politischer Formen hinaus forderten die Situationisten die „Abschaffung der Politik“ durch eine revolutionäre Praxis auf der Ebene des alltäglichen Lebens. Mit den Methoden der ‚Psychogeographie‘ ( London Psychogeographical Association ), beispielsweise der Praxis des ‚Umherschweifens‘ ( Dérive ) untersuchten sie Orte und die mit ihnen verbundenen Wahrnehmungen und Emotionen. Damit verbunden sie das Ziel, neue Verhaltensweisen, Spiele und Leidenschaften zu entwickeln: „Die Leidenschaften wurden nur verschieden
interpretiert, es kommt jetzt darauf an, neue zu erfinden“ (Debord). Das erklärte Ziel war es, neue Aktionsformen im Bereich der Kultur und des Alltagslebens zu entwickeln, um dort die Perspektive einer revolutionären Veränderung zu schaffen: „Unsere Theorien sind nichts anderes als die Theorie unseres wirklichen Lebens ... Es ist ausgeschlossen, daß wir durch die Askese die Revolution des alltäglichen Lebens vorbereiten.“ ☉
Eine Sammlung zentraler Texte findet sich in:
- Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten. Hamburg 1995.

- Vgl. Anti-spektakuläre Bibliographie:
http://machno.hsh-stuttgart.de/7hk/si/ - Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg 1978.
- Bredlow, Lutz: Die Dimension der Abwesenheit in der Inszenierung des öffentlichen Raumes. In: anschläge (Berlin) Nr. 6/1983. S. 41-46.
- Marcus, Greil: Listick Traces. München 1992. Vgl. demgegenüber Home, Stewart: The Assault on Culture. Edinburgh 1991 (1988).
- Blissett, Luther: Guy Debord is Really Dead. London 1995.
- Situationalistische Internationale 1958–1969 Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale. Bd. 1. Hamburg 1976.