2. Praxis
- 2. Praxis
- 2.1 6 Monate GemÖk – Anleitung zum Starten
- 2.1.3 Fragen – und Methodensammlung
- 2.2 Trouble in Paradise – Konflikte, Krisen, Aushandlungen
- 2.2.7 Kommunikation
- 2.2.8 Fazit: …und es lohnt sich deswegen
- Erfahrungsbericht – Sprung ins kalte Wasser
- Erfahrungsbericht – Lachen in der GemÖk
- 2.1.4 6 Monate geteiltes Geld – und jetzt?
2. Praxis
Als Konzept mag die Gemeinsame Ökonomie eine nette Anregung sein. Die Grundidee der GemÖk ist allerdings, weg von rein theoretischen Überlegungen und hin zu einer alltäglichen Praxis neuer Selbstverständlichkeiten zu kommen. Darum wollen wir dich in diesem Teil bei der Gründung einer GemÖk begleiten.
Vielleicht denkst du jetzt: »Schön und spannend, dass andere sich ihr Geld teilen, aber ICH könnte das niemals!«. Keine Sorge, so geht es ziemlich vielen am Anfang, doch die Erfahrung zeigt: Die meisten, die sich erst einmal darauf einlassen, wollen später nicht mehr zurück.
Das soll natürlich nicht heißen, dass es immer einfach ist, in einer GemÖk zu sein. Um euch auch für schwierige Zeiten gut zu wappnen, gehen wir deshalb am Ende dieses Teils auch noch auf häufige Konfliktpunkte ein und warum wir finden, dass es sich trotzdem lohnt.
2.1 6 Monate GemÖk – Anleitung zum Starten
Sich langfristig all sein Geld zu teilen ist schon ein recht großer Schritt. Um diesen zu vereinfachen, gibt es die Möglichkeit, mit einem zeitlich begrenzten Experiment von ein paar Monaten zu starten. Wir empfehlen einen Zeitraum von sechs, auf keinen Fall weniger als drei Monaten.
Eine weitere Eingrenzung ist ratsam: Teilt euch in diesem Zeitraum euer Einkommen und lasst Angespartes und ·Eigentum· erst mal außen vor. Das macht den Einstieg deutlich leichter, denn das persönliche finanzielle Risiko ist sehr gering. Sollte der Versuch scheitern, musst du zwar wieder alleine wirtschaften, doch das ist ja im Moment auch der Fall. Also frei nach Rio Reiser: Ihr habt nichts zu verlieren außer eurer Angst!
Willst du es wagen? Juhu! Dann geht es los!
Reflexionsfragen für dich
- In welchen Situationen teilst du dir jetzt schon Geld mit Anderen?
- Was sind für dich drei gute Gründe für eine GemÖk?
- Was könnte idealerweise am Ende dieses Experiments stehen?
2.1.1 Eine Gruppe finden
2.1.1 Eine Gruppe finden
Deine erste Aufgabe lautet: Finde Gleichgesinnte für das Abenteuer! Mit wem möchtest du dieses Experiment gerne machen? Mit Mama und Brudi, deiner WG und Freund*innen oder doch mit Fremden aus dem Internet? Wie nah möchtest du den Menschen schon vorher stehen? Vielleicht hast du schon ein diffuses Bauchgefühl, welche Personen in deinem Umfeld für dich in Frage kämen. Das kann ein guter Startpunkt sein, anderen Leuten von der Idee der GemÖk zu erzählen.
Später werdet ihr als Gruppe konkrete Bedürfnisse besprechen und Rahmenbedingungen festlegen. Wichtige Voraussetzungen für den Start sind deshalb erst einmal eine gegenseitige Sympathie und die Bereitschaft aller, sich für die kommenden Monate mit den anderen Gruppenmitgliedern auseinanderzusetzen und gemeinsame Vereinbarungen einzuhalten.
Mögliche Kontexte, in denen du Mitstreiter*innen finden kannst, sind z.B.:
- Dein Freund*innenkreis
- Deine WG
- Politische Gruppen und Netzwerke
- Arbeitskolleg*innen oder Kommiliton*innen
- Deine Familie
- Die GemÖk-Mitgliederbörse (Link auf der arrow_right_altWebsite)
Eine wichtige Frage für die Gruppengründung ist außerdem: Mit wie vielen Leuten wollt ihr euch organisieren? Je mehr ihr seid, desto stabiler können eure Finanzen sein, aber desto mehr Meinungen, Sorgen und Wünsche müssen auch unter einen Hut gebracht werden, und desto mehr Geldströme gilt es zu koordinieren.
Unsere Empfehlung: Startet mit 3 bis 7 Leuten.
Reflexionsfragen zur Gruppenfindung
- Wie gut möchte ich die Menschen kennen, mit denen ich das Experiment starte?
- Wäre es gut, wenn wir uns ähneln, wo sind Unterschiede wertvoll?
- Wer kommt in Frage? Wie finde ich diese Menschen?
- Welche Gruppengröße fühlt sich stimmig an?
Um deine zukünftigen Mitstreiter*innen für die Idee zu gewinnen, hilft vielleicht eine flammende Rede über die leuchtende Zukunft in einer Gemeinsamen Ökonomie. GemÖk für das gute Leben, GemÖk gegen Vereinzelung, GemÖk für eine simplere Geld-Orga, GemÖk für Gerechtigkeit, GemÖk gegen das System. Was davon könnte dein Gegenüber inspirieren? Bei welchem Thema springt der Funke über? Für mehr Infos und Ideen gib ihnen zum Beispiel dieses Handbuch oder verweise sie auf die Website.
Ihr habt eine Crew? Perfekt, der erste Schritt ist geschafft, dann startet hiermit das Experiment.
2.1.2 Ein erstes Treffen
Hinweis: Die folgenden Reflexionsfragen gibt es auch als separates Dokument digital oder zum Ausdrucken unter »Leitfaden zur GemÖk-Gründung« auf der arrow_right_altWebsite.
Alles beginnt mit einem ersten Treffen. Nehmt euch dafür mindestens drei Stunden Zeit, besser ein ganzes Wochenende. Manche GemÖks haben den folgenden Prozess über mehrere Monate gestreckt, um wirklich genug Zeit für alles zu haben. Es gibt nicht nur Organisatorisches zu klären, sondern auch wichtige soziale Fragen, mit denen ihr euch besser kennenlernen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen könnt.
Überlegt euch, was ihr euch als Gruppe für diesen Prozess wünscht.
- Wollt ihr lieber schnell ins kalte Wasser springen oder euch sehr viel Zeit nehmen, um alles zu klären?
- Wollt ihr euch in Präsenz treffen oder lieber online?
- Soll das Treffen gut vorbereitet und strukturiert sein oder ergibt sich das schon, wenn man dann erst mal zusammensitzt?
Kleiner Tipp für jeden Fall: Plant genug Snacks und Pausen ein.
2.1.3 Fragen – und Methodensammlung
Im Folgenden findet ihr eine lange Liste an Fragen zur Reflexion und Organisierung, mit der ihr euch in der Gruppe beschäftigen könnt. Schaut euch gemeinsam die Fragen an und sucht euch einfach die raus, die für euch relevant sind. Wir empfehlen euch, die wichtigsten Absprachen mitzuschreiben.
Soziales hat Vorrang
Die GemÖk ist unserer Erfahrung nach vor allem eins: Eine Gruppenerfahrung. Deswegen stehen die »sozialen« Fragen am Anfang der GemÖk-Gründung. Achtet hier besonders darauf, dass alle die Gelegenheit bekommen, ihre Position darzustellen.
Motivation
- Warum wollt ihr mitmachen?
- Wo steht ihr idealerweise am Ende des Experiments?
- Worauf freut ihr euch am meisten?
Methoden-Idee 1: Der Heißluftballon
Malt auf ein großes Blatt Papier einen Heißluftballon als Symbol für die Reise der nächsten 6 Monate. Die erste Frage, die ihr euch stellen könnt, ist »welche Bedenken habe ich?«. Alle Mitglieder können ihre Antworten in die Sandsäcke des Ballons schreiben. Sie stehen dafür, was einen runterzieht oder zurückhält. In den Antrieb, das Feuer, schreiben alle, was sie motiviert, die GemÖk zu gründen: »Warum brenne ich für dieses Projekt?«.
Schreibt in den Ballon eure Wünsche und Vorstellungen bezüglich der Erfahrung in einer GemÖk zu sein. Schließlich schreibt ihr in die Wolken über dem Heißluftballon eure Träume: »Wie würde ich mich optimalerweise in 6 Monaten fühlen?«, »Was ist bis dahin alles Tolles passiert?«. Beim Träumen ist alles erlaubt, beschränkt euch also nicht auf das, was ihr für realistisch haltet.
Methoden-Idee 2: Die Kerzenmethode
Setzt euch in einem Kreis um 10 Kerzen und zündet die Hälfte davon an. Brennende Kerzen stehen für Positives (z. B. »Darauf freue ich mich«), ausgepustete für Negatives (z. B. »Ich habe Bedenken, weil…«).
Nun ist der Raum offen für Redebeiträge. Wer sprechen möchte, zündet eine Kerze an oder pustet eine aus – je nachdem, ob Positives oder Negatives geteilt wird.
Sind alle Kerzen an, darf nur noch etwas Negatives geteilt werden. Sind alle aus, nur noch etwas Positives. So entsteht ein Gleichgewicht und sowohl Freude als auch Sorgen finden ihren Platz in der Runde.
Die Methode endet, wenn niemand mehr etwas sagen möchte oder nach einer vorher festgelegten Zeit.
Wünsche an die Gruppe
- Was wünscht ihr euch von der Gruppe und den einzelnen Mitgliedern?
- Welches Verhältnis wünscht ihr euch von den Mitgliedern zur Gruppe?
- Was sind eure Ängste in Bezug auf die Gruppe?
- Was sollte auf gar keinen Fall passieren?
- Was wollt ihr neben Geld noch miteinander teilen?
Biografie & Verhältnis zu Geld
- In welchem Verhältnis zu Geld seid ihr aufgewachsen?
- Was davon prägt euch noch heute?
- Wann habt ihr euer erstes eigenes Taschengeld bekommen? Wisst ihr noch, wie viel das war? Wofür habt ihr es ausgegeben?
- Wie wurde in euren Familien über Geld geredet?
- Habt ihr neben der Schule für Lohn gearbeitet? Wie war das?
- Welche Jobs/ Lohnarbeiten hattet ihr bisher? Wie war das?
- Was war eure größte Ausgabe/ Investition bisher? Warum habt ihr euch dafür entschieden?
- Was würdet ihr gerne an eurem Verhältnis zu Geld ändern?
- Wofür gebt ihr gerne Geld aus? Wofür gar nicht?
- Fällt es euch leicht, euch etwas zu gönnen? Und Anderen?
Privilegien und Hierarchien
- Welche ·Privilegien· und Diskriminierungen prägen das Gruppengefüge?
- Welchen Umgang wünscht ihr euch jeweils damit?
- Welche Hierarchien gibt es schon jetzt in der Gruppe, welche befürchtet ihr?
- Wie wollt ihr euren Umgang miteinander organisieren, sodass möglichst alle Mitglieder gleichberechtigt wahrgenommen werden?
Rote Linien
- Was sind für euch nicht verhandelbare Grenzen…
- im Umgang miteinander?
- im Umgang mit Geld?
- beim Konsum (z.B. keine Tierprodukte)?
- bei politischen Themen?
- Ist an dieser Stelle wirklich eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf, oder gibt es von den Anderen Vorschläge für einen gemeinsamen Umgang, mit dem ich leben könnte?
Finanzen
Wenn ihr euch über das Soziale ausgetauscht und besser kennengelernt habt, geht’s ans Konkrete: Eure finanziellen Verhältnisse. Beginnt am besten bei den alltäglichen Einnahmen und Ausgaben. Später könnt ihr auch über Vermögen und Erbe sprechen, wenn ihr wollt.
- Welches Geld wollt ihr teilen? (aktuelles Einkommen, Erspartes, Teile des Vermögens…)
- Welche Ausgaben wollt ihr teilen? (Alltagskosten, Schuldenrückzahlung, Versorgung von Mitmenschen, Spenden,…)
- Bei welchen Ausgaben (Höhe/Art) wünscht ihr euch Rücksprache mit der Gruppe, bevor Geld ausgegeben wird?
- Hängen noch weitere Menschen irgendwie an der GemÖk dran, z.B. Kinder, Beziehungspersonen etc.? Was bedeutet das für die Finanzen?
- Wie hoch sind eure voraussichtlichen individuellen Einnahmen und Ausgaben?
- Was braucht ihr als Gruppe mindestens? Wenn ihr wollt, legt einen Minimalbedarf pro Monat fest.
- Wann habt ihr wirklich mehr Geld, als ihr selbst benötigt? Wenn ihr wollt, legt einen Maximalbetrag fest, ab dem ihr Geld weiterverschenken wollt.
Empfehlung: Teilt euer gesamtes aktuelles Einkommen und eure gesamten alltäglichen Ausgaben.
Methode: Finanzüberblick
Schreibt alle individuellen Einnahmen und Ausgaben, die ihr im nächsten halben Jahr (oder einem anderen Zeitraum) erwartet, auf. Dabei ist es hilfreich, zwischen regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben (Lohn, Miete, Lebensmittel) und einmaligen (Ferienjob, Urlaub, neue Schuhe) zu unterscheiden. Stellt dann den anderen eure Ergebnisse vor, um ein Gefühl für die finanzielle Situation und den Lebensstil der Anderen zu bekommen. Manchmal kommen in diesem Prozess Diskussionspunkte auf – nehmt euch Zeit, sie zu besprechen.
Reflexionsfragen:
- Wie fühlt es sich an, die eigenen Einnahmen und Ausgaben transparent zu machen?
- Was macht es mit euch, das Einkommen der anderen zu sehen?
- Was macht es mit euch, zu sehen, wofür die anderen Geld ausgeben?
- Was ist für euch selbstverständlich, was für andere undenkbar ist? Und andersherum?
Im nächsten Schritt könnt ihr die Zahlen direkt nutzen, um einen groben Überblick über eure Gesamtfinanzen zu bekommen:
Addiert die erwarteten Gruppen-Einnahmen und -Ausgaben und schreibt das Ergebnis auf. Trennt dabei wieder die monatlichen und einmaligen Posten. Jetzt schaut euch die Ergebnisse gemeinsam an: Seid ihr im Plus? Wenn nicht, überlegt euch, wie ihr damit umgehen könntet (Ideen bei
3.1 Finanzierung der GemÖk). Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt auch über Maximal- und Minimalbeträge reden.
Reflexionsfragen:
- Wie fühlt es sich an, alle unsere Einnahmen und Ausgaben in einem Topf zu sehen?
- Was macht die Vorstellung mit mir, mehr/weniger Geld als andere einzubringen ?
- Fühle ich mich mit den finanziellen Aussichten der GemÖk sicher genug?
Erfahrungsgemäß können bei den Fragen rund um Finanzen Spannungen auftreten, da Menschen von unterschiedlichen Standpunkten kommen. Wenn ihr das bemerkt, dann seid ihr genau richtig! Das ist der Punkt, an dem ihr ansetzen solltet. Sprecht die Spannung an, auch wenn der Prozess dadurch vermeintlich unterbrochen wird. Teilt dann miteinander, wie es euch gerade geht, welche Gefühle und Gedanken ihr dazu habt und ob ihr etwas von der Gruppe braucht, um mit dieser Spannung gut umzugehen.
Buchhaltung und Geldschieberei
Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt und euch sicher seid, dass ihr wirklich eine GemÖk gründen wollt, dann bleibt nur noch die Frage zu klären, wie das Geld denn nun geteilt wird. Von einer Truhe mit Bargeld bis zum gemeinsamen Verein mit Vereinskonto gibt es viele Möglichkeiten und ihr könnt individuell herausfinden, was es in eurem Fall braucht.
Generell ist es bei neuen GemÖks empfehlenswert, nicht zu viel Neues zu erschaffen und bürokratische Monster zu bauen. Lieber einfach mit dem anfangen, was leicht zugänglich ist und dafür mehr Zeit haben, das Gefühl von »das ist alles unser Geld« zu nähren.
Geld-Logistik
- Wie wollt ihr das Geldteilen logistisch organisieren?
(Ideen dazu bei 3.2 Konten und Co.) - Wollt ihr eine Buchhaltung führen? Wenn ja, wie detailreich? Und wo?
- Welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen bei eurer Geld-Logistik berücksichtigt werden (Steuern, Sozialleistungen, Erbschaften, Pfändungen etc.)?
(Mehr dazu bei 3.5 Rechtliches)
Rahmen des Experiments
- Macht euch einen Plan für den Verlauf des Experiments.
- Wie lange wollt ihr euer Geld teilen? Wann wollt ihr anfangen?
- Wie oft wollt ihr euch wo und in welchem Rahmen treffen?
- Was passiert bei den Treffen und wer bereitet sie vor?
- Gibt es bestimmte Punkte, die bei jedem Treffen besprochen werden sollen?
- Was passiert am Ende des Experiments?
- Was macht ihr, wenn eine Person das Experiment vorzeitig verlassen will? (Mehr dazu bei 3.4 Ausstieg und Ausstiegsvereinbarungen)
Kommunikation und Technologie
- Über welchen Kanal wollt ihr in Kontakt bleiben?
- Was wird wo besprochen?
- Wollt ihr eure Treffen und Vereinbarungen protokollieren?
- Wie wollt ihr eure Daten schützen?Einfach loslegen!
Wenn das Gröbste geklärt ist, seid ihr bereit zum Loslegen. Auch wenn noch nicht alle Details klar sind: Ein Gefühl für alles entwickelt sich am besten in der Praxis, also let’s go GemÖk!
2.2 Trouble in Paradise – Konflikte, Krisen, Aushandlungen
Im besten Fall ist die GemÖk unsere Absicherung gegen Krisen des Lebens und der Welt. Sicherheit heißt aber nicht Stillstand. In einer GemÖk zu sein bedeutet, sich immer wieder neu auf Aushandlungen und Konflikte einzulassen.
Denn gerade das Thema Geld kann ein Auslöser für Streit sein. Dabei fühlen sich vermeintliche »Kleinigkeiten« schnell groß an, weil sich dahinter riesige Themen wie Privilegien und Diskriminierungen, Ängste und Bedürfnisse oder schon lange verinnerlichte Glaubenssätze und Verhaltensmuster verstecken. Und auch bei anderen Konflikten in der Gruppe liegen die Wurzeln oft in Kommunikationsproblemen oder im sozialen Gefüge. Auf einige dieser Grundkonflikte möchten wir im Folgenden eingehen.
2.2.1 Privilegien und die Beziehung zu Geld
Trotz möglicher Schamgefühle ist es wichtig, über Privilegien zu reden, denn sie haben Einfluss auf das individuelle Sein in der GemÖk. Der Begriff der Privilegien beschreibt dabei für Einzelne oder eine Gruppe geltende, besondere Rechte und Zugänglichkeiten, von denen andere ausgeschlossen bleiben.
In einer GemÖk sind das zunächst klar benennbare Unterschiede, wie z.B. das individuelle Vermögen und Einkommen, mit dem wir in die GemÖk starten. Andere Privilegien können wesentlich schwerer sichtbar sein. Zum Beispiel sind Menschen davon geprägt, aus welcher gesellschaftlichen Klasse sie kommen, und ob sie Erfahrungen mit Armut haben.
Unsere bisherigen Lebenserfahrungen und die eigene finanzielle Situation prägen unsere Beziehung zu Geld, unsere Gewohnheiten, Wünsche und Bedürfnisse. Menschen, die wissen, dass sie erben werden, können sich entspannter auf den Versuch GemÖk einlassen als jene, die sich Sorgen um ihre Altersvorsorge machen. Auch wie viel Zeit Menschen in die GemÖk stecken können, hängt von Privilegien ab.
Unausgesprochen können sie zu Differenzen in der Gruppe führen. Dabei reicht die Spanne an möglichen Vorwürfen von »Wieso bringst du dich nicht mehr ein?« hin zu »Lass’ mir mehr Zeit, das ist für mich eine große Entscheidung!«.
Auch an unterschiedlichen Konsumgewohnheiten können sich Konflikte rund um Privilegien auftun. Eine Person sagt z.B. »am Bio-Gemüse würde ich niemals sparen«, während eine andere noch nie Geld hatte, sich überhaupt solches Gemüse zu kaufen.
Ihr könnt euch als GemÖk das explizite Ziel setzen, Privilegien miteinander – und auch mit Anderen außerhalb der GemÖk – zu teilen und abzubauen. An die Grenzen dieses Wunsches zu kommen, ist dabei so frustrierend wie unausweichlich, solange wir in einer ungerechten Welt leben.
2.2.2 Hierarchien und Ausschluss-Dynamiken
Wie in allen Gruppen können sich auch in GemÖks soziale Hierarchien etablieren. Menschen, die z. B. weniger finanziell beitragen oder neu in der Gruppe sind, nehmen oft eine unsichere, zurückhaltende Position ein. Andere, die länger dabei sind oder enge Verbindungen zu vielen Mitgliedern haben, wirken sicherer und einflussreicher. Wer wie viel Raum bekommt, wem zugehört wird und wer sich eher zurücknimmt, sind wichtige Hinweise auf das Machtgefüge.
Auch Ausschluss-Dynamiken können auftreten – etwa wenn bestimmte Menschen besser miteinander auskommen. In einer GemÖk müssen nicht alle beste Freund*innen sein, doch die Bedürfnisse Aller sollten ernst genommen werden. Problematisch wird es, wenn sich eine Person dauerhaft als Außenseiter*in fühlt oder ständig im Widerspruch zur Gruppenstimmung steht.
Diese Strukturen zu erkennen und offen anzusprechen ist essenziell, um Veränderung möglich zu machen. Sprecht darüber, wie ihr gemeinsam Räume für Verbindung schaffen könnt: In welchen Situationen fühlt sich wer als Teil der Gruppe? Wo entstehen Nähe und Zugehörigkeit – beim Kochen, im Plenum oder beim Spieleabend? Ein achtsamer Umgang miteinander kann helfen, solche Dynamiken rechtzeitig zu erkennen. Die Verantwortung für ein gleichwertiges Miteinander liegt dabei bei allen Beteiligten.
2.2.3 (Gefühlter) Mangel
Wenn es um Geld geht, sind Entscheidungen nicht immer rational. Ob Mitglieder in einer Gruppe entspannt mit ihrer finanziellen Situation sind, sich bspw. gegenseitig Ausgaben gönnen, hängt viel mit der Grundstimmung zusammen. Liegt ein Mangelgefühl in der Luft, kann das schnell zu Konkurrenzdenken und -verhalten führen. Sprecht in solchen Momenten über eure Sorgen und Gefühle. Je nach Situation kann es wertvoll sein, die Ursachen der Emotionen zu ergründen (bspw. Vorerfahrungen mit Mangel). Organisatorische Entscheidungen und Diskussionen sollten dann erst mal warten.
2.2.4 Kontrolle und Verheimlichen von Ausgaben
Nah beieinander sein ist schön. Manchmal fühlen sich Menschen dadurch aber eingeengt. In Alltagsentscheidungen gibt es dann plötzlich »die GemÖk« im Hinterkopf, die jede Bewegung kontrolliert und beurteilt. Für jeden ausgegebenen Euro musst du eine Rechtfertigung parat haben, jede Entscheidung rational begründen. Das ist auf Dauer kein gutes Gefühl.
Besonders zu Beginn einer GemÖk ist es total normal, sich so zu fühlen, schließlich ist das Ganze eine große Umstellung. Für Menschen ist es teilweise einer sehr persönliche Entscheidung, wofür sie ihr Geld ausgeben. Diese mit anderen zu teilen, ist gruselig.
Dieses Unbehagen kann dazu führen, dass Mitglieder (Kauf-)Entscheidungen vor der GemÖk verheimlichen. Gründe dafür können sein, dass die Person sich schämt, nicht verurteilt werden will oder nicht in die Aushandlung gehen möchte. Vielleicht liegt es daran, dass ihre (Kauf-)Entscheidung eigentlich nicht zu den Werten der GemÖk passt und es Sorge vor einer Grundsatzdiskussion gibt. In solchen Situationen kann es helfen, sich einzelnen Mitgliedern der GemÖk anzuvertrauen, damit nicht »DIE GEMÖK« als krasse Übermacht und Projektionsfläche wahrgenommen wird.
Dabei muss die GemÖk natürlich nicht alles wissen. Man kann sich auf Grundpfeiler einigen, wie das gemeinsame Geld ausgegeben werden soll. Doch die GemÖk wird immer aus Individuen mit unterschiedlichen Meinungen und Konsumverhalten bestehen. Entscheidet zusammen, wie detailliert ihr individuelle Ausgaben dokumentieren wollt, und wo gegenseitiges Vertrauen vor absoluter Transparenz stehen kann. Wollt ihr einen Topf für »nicht erklärte« Ausgaben einführen?
Wie bei allen anderen Konflikten gilt auch hier: Wenn das Gefühl von Enge anhält, ist es ratsam, einen ehrlichen Austausch zu machen. In welchen Situationen fühlt ihr euch durch die GemÖk kontrolliert oder eingeschränkt?
Auf der anderen Seite lohnt es sich genauso, die Frage zu stellen »Wann habe ich den Impuls, Andere kontrollieren zu müssen?«. Denn auch ständig zu überwachen oder darüber verfügen zu wollen, was andere mit dem Geld machen, kann auf Dauer zu schwer aushaltbaren Dynamiken führen. Anstatt Energie in die Überprüfung jeder Ausgabe der Anderen zu stecken, ist es ratsam, sich darin zu üben, Vertrauen aufzubauen und im Zweifel auch Widersprüche auszuhalten.
2.2.5 Nahe Beziehungen in der Gruppe
GemÖk-Mitglieder haben unterschiedlich nahe Beziehungen zueinander. Sie können beispielsweise als Mitbewohner*innen zusammenleben oder in einer romantischen Beziehung sein. Besonders nahe Konstellationen haben aus zwei Gründen einen Einfluss auf die Gruppendynamik:
Erstens nehmen Menschen in solchen Beziehungen immer eine Doppelrolle ein, zum Beispiel als Mitbewohner*in und GemÖk-Mitglied. Dies kann zu Interessenskonflikten führen.
Ein Beispiel: Als Mitbewohner*in unterstütze ich die Idee einer Popcorn-Maschine, weil ich ein schönes Heimkino will. Als GemÖk-Mitglied finde ich die Ausgabe ehrlich gesagt eher unnötig.
Zweitens haben Konflikte zwischen einzelnen Personen immer auch Auswirkungen auf die ganze Gruppe. Das kann stressig sein, manchmal ist es aber auch ein großer Segen, wenn die Gemeinschaft einen Konflikt zwischen einzelnen mitträgt. So kann ein Raum (für Abstand oder Begegnung) entstehen, innerhalb dessen sich die Dinge bewegen können.
Auch wenn es sehr ungewohnt ist, lohnt es sich, als Gruppe über mögliche Szenarien, wie eine Trennung innerhalb der GemÖk oder langfristige Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedern zu reden. Wie wollen wir damit umgehen, wenn sich Beziehungen in der Gruppe ändern? Was wünschen sich die Beteiligten?
2.2.6 Verbindlichkeit und Verantwortung
Die Bereitschaft zur Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit gegenüber der GemÖk kann unterschiedlich stark sein, das ist normal. Zu Konflikten führt das meistens dann, wenn es sich auf das grundlegende Verantwortungsgefühl der Mitglieder für die Gruppe überträgt.
Zum Beispiel, wenn eine Person selten zu den gemeinsamen Calls kommt oder die Buchhaltungs-Tabelle nicht zuverlässig ausfüllt, weil es ihr zu viel ist. So kommt das grundlegende Sorgen und Kümmern um die Gruppe auf Dauer zu kurz.
Eine GemÖk funktioniert letztendlich wie jede langfristige Beziehung: Wir wollen uns von den anderen angenommen fühlen, auch mit unseren Fails, Macken und Lebenskrisen. Gleichzeitig sollten wir uns aufeinander verlassen können, nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch organisatorisch und finanziell. Hier geht es dann oft um die Priorisierung füreinander als langfristige Bezugsgruppe.
Wenn bei einzelnen in der Gruppe diese Priorität nicht mehr klar vorhanden ist, kommt es schnell zu einer Dynamik von »Wenn du dir nicht die Zeit dafür nimmst, warum sollte ich es tun?« und zu einem Gefühl von »Wenn dir das nicht wichtig ist, bin ich dir nicht wichtig, warum sollte ich weiter in die Beziehung investieren?«. Sprecht über euren Frust und eure Erwartungen an die anderen, um einen Teufelskreis von Enttäuschung und ungleicher Verantwortungsübernahme zu verhindern.
2.2.7 Kommunikation
Es ist unmöglich, jeden denkbaren Konflikt im Vorhinein zu besprechen und damit jedes Konfliktrisiko auszuschließen. Dieser Versuch würde spätestens daran scheitern, dass Menschen in Stress-Situationen häufig ganz anders reagieren, als sie selbst erwartet hätten. Also: Sich nach Bedürfnissen und Fähigkeiten zu begegnen bedeutet immer auch, bereit für die Aushandlungen zu sein, die gerade anstehen.
Ob diese Aushandlungen und Konflikte uns (zusammen-)wachsen lassen oder uns auseinander treiben, hängt vor allem von einem ab: unserer Kommunikation. Wenn wir auch bei unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen eine solidarische, wohlwollende und wertschätzende Haltung zueinander behalten und aus dieser heraus kommunizieren, wächst das Vertrauen ineinander. So schaffen wir eine Atmosphäre, in der alle sein dürfen, wie sie sind. Ein Raum, in dem alle sich zeigen können und gesehen werden.
So eine Kommunikationsfähigkeit zu entwickeln ist nicht trivial und will geübt werden. Es gibt sehr viele Konzepte und Ratgeber zur Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen und auch zu Entscheidungsprozessen in Gruppen. Hier haben wir einige Standard-Methoden zur Kommunikation in der Gruppe gesammelt.
Standard-Methoden zur Kommunikation in der Gruppe
Runde
Jede Person ist der Reihe nach ein mal dran mit reden. Achtet darauf, dass niemand u
nterbrochen wird und alle genug Zeit zum Sprechen haben. Es ist auch möglich, sich vorher auf eine Redezeit, z.B. 5 min pro Person zu einigen. Rückfragen können am Ende des Beitrags gestellt werden, wenn die Person dem zustimmt.
Konsens / Konsent-Entscheidungen
Statt Mehrheitsentscheiden, bei denen die Einen die Anderen überstimmen, sollten Fragestellungen offen diskutiert, Widerstände gesehen und kreative Lösungen gesucht werden, mit denen alle mitgehen können. Findet sich zu einer Fragestellung kein Konsens (= alle finden den Vorschlag gut), kann auf eine Einigung im Konsent (= niemand hat Widerstände gegen den Vorschlag) zurückgegriffen werden. Mehr Infos zu Konsensentscheidungen gibt es auf der arrow_right_altWebsite.
Selbstmoderierte Redeliste
Wer bei Besprechungen oder Diskussionen etwas sagen will, hebt die Hand, um die Person, die aktuell spricht nicht zu unterbrechen. Möchten mehrere Personen etwas sagen, werden die Meldungen der Reihe nach abgearbeitet. Um den Überblick nicht zu verlieren, zeigen alle mit ihren Fingern ihre Position auf der Redeliste an. Wenn ich mich also als Erstes melde, zeige ich eine 1, wenn ich mich als Zweites melde eine 2, usw. Wenn dann die aktuelle Redner*in fertig und damit die nächste Person dran ist, nehmen alle einen Finger weg – aus der 3 wird eine 2, aus der 2 wird eine 1.
Weitere Handzeichen
Es gibt noch viele andere Handzeichen, die eine gleichberechtigte Verständigung in Gruppen vereinfachen. Hier ein paar gängige Konventionen:
- Mit beiden Zeigefingern melden: Direkte Antwort
- Mit beiden Händen oben wedeln: Zustimmung
- Mit beiden Händen unten wedeln: Ablehnung
- Ein T mit beiden Händen formen: Technischer Punkt
- Ein P mit beiden Händen formen: Prozessvorschlag
- Ein L mit einer Hand formen: Language – Ich verstehe die Sprache/dieses Wort nicht
Das ist nur eine kleine Übersicht, detaillierte Infos zu Handzeichen gibt es unter Handzeichen.
Gewaltfreie Kommunikation (GFK)
Gewaltfreie Kommunikation hilft, klar und respektvoll miteinander zu sprechen – auch in schwierigen Situationen. Sie besteht aus vier Schritten:
- Beobachtung –Was ist tatsächlich passiert, ohne zu bewerten?
- Gefühl – Was löst es in mir aus?
- Bedürfnis – Welches Bedürfnis steckt dahinter?
- Bitte – Welche konkrete, umsetzbare Bitte habe ich?
Statt Vorwürfe zu machen (»Du hörst nie zu!«), könnte man sagen: »Wenn du mich unterbrichst (Beobachtung), bin ich frustriert (Gefühl), weil mir wichtig ist, gehört zu werden (Bedürfnis). Kannst du mich erst ausreden lassen? (Bitte).«
Diese vier Schritte bilden das Fundament der GFK – darüber hinaus gibt es noch viel mehr zu entdecken, etwa in Büchern, auf Websites oder in Kursen.
Social Sauna
Diese Konfliktbearbeitungsmethode für Gruppen bietet einen emotionalen Austauschraum und läuft in folgenden Schritten ab:
- Rahmen festsetzen (Zeitraum, Telefone ausschalten, Getränke, etc.)
- Minute der Stille
- »Was beschäftigt dich zurzeit?«-Runde (im Uhrzeigersinn)
- Themensammlung
- Soziales Saunieren
- Check-Out-Runde (gegen den Uhrzeigersinn)
Bei der Themensammlung schreiben alle emotionale Themen auf mehrere Zettel auf und platzieren diese verdeckt auf einer Skala von wichtig bis nicht so wichtig (z.B. auf dem Boden). Anschließend werden alle Zettel umgedreht und ggf. zusammengefasst, falls sich zwei Zettel sehr ähneln. Beginnend bei dem wichtigsten Zettel erläutert die jeweilige Person ihr Anliegen und nennt eine gewünschte Methode, ob und in welcher Form darüber weiter geredet werden soll (z.B. Runde, Antwort von einer bestimmten Person, keine Reaktionen). Es besteht die Möglichkeit auch zwei andere Personen zu bitten, über einen Konflikt miteinander vor der Gruppe zu reden. So wird ein Thema nach dem anderen besprochen, bis keine Themen mehr übrig sind oder die Zeit rum ist, um abschließend mit einer Wertschätzungsrunde oder Checkout-Runde zu enden.
2.2.8 Fazit: …und es lohnt sich deswegen
Das klingt alles nach ziemlich vielen Schwierigkeiten, die ihr euch da ins Leben holt? Bestimmt hat jede GemÖk auf die eine oder andere Art all die beschriebenen Konfliktlinien schon erlebt und gibt sich trotzdem – oder gerade deswegen – weiter Sicherheit. Diese entsteht nämlich, indem wir über Privilegien reden, Hierarchien aufdecken, Zeiten von Mangel durchstehen, uns öffnen und Geheimnisse teilen, wir uns unwohl fühlen können, Unterschiede anerkannt werden und Beziehungen sich ändern dürfen, wir mal richtig gut kommunizieren und auch mal daneben hauen, Menschen weggehen und ihre Spuren hinterlassen, wir uns trauen anzusprechen, was uns stört und Konflikten nicht ausweichen.
Wie gesagt, Sicherheit ist kein Stillstand. Für eine GemÖk bedeutet sie nicht, dass keine Krisen kommen, sondern dass sich die Gruppe in den Krisen immer wieder füreinander entscheidet. Wir finden, allein für diese Erfahrung lohnt sich die Sache mit der GemÖk schon
Erfahrungsbericht – Sprung ins kalte Wasser
buerokratiehaeckse | besteht seit 3-4 Jahren | 3 Personen
Die meisten GemÖks, die ich kenne, haben, bevor sie losgelegt haben, sehr viel darüber geredet. Über detaillierte Absprachen. Über Bedürfnisse. Erscheint ja auch sinnvoll, ist schließlich eine große Sache. Meine Erfahrungen sind aber völlig andere. Ich möchte hier einen alternativen Ansatz schildern, der ja vielleicht auch für andere Menschen taugt.
Wir haben, bevor wir unsere GemÖk ins Leben gerufen haben, kaum darüber geredet. Die Situation war eher folgende (etwas verkürzt geschildert): Wir haben zusammen gewohnt und haben gemerkt, dass in unserer Konstellation eine GemÖk eigentlich Sinn ergibt. Dann haben wir ohne viel vorher über detaillierte Absprachen zu reden, unser Bargeld und unsere Bankkarten samt PINs in eine Kiste geworfen und einfach damit angefangen.
Das hat erstaunlich gut funktioniert. Irgendwann haben wir dann festgestellt, dass es Bedürfnisse gibt, für die es Vereinbarungen braucht. Zum Beispiel ab welcher Höhe man Ausgaben miteinander abspricht. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit für den Fall eines Scheitern der GemÖk gibt. Dann haben wir uns gemeinsam darauf geeinigt, dass wir persönliche Rücklagen-Töpfe haben, wo monatlich übriges Geld reinkommt.
Wir haben festgestellt, dass ein gemeinsames Bankkonto gut wäre, also haben wir einen Verein gegründet. Und irgendwann war bei einer Person das Bedürfnis nach der Möglichkeit da, teurere Dinge zu kaufen ohne das der GemÖk unbedingt transparent machen zu müssen. Dann haben wir einen Geldtopf für solche »anonymen« Ausgaben ins Leben gerufen.
Das Spannende daran war: Diese Absprachen sind alle entstanden, während wir schon als GemÖk gelebt haben. Wir haben also quasi nicht vorher ein Konzept entworfen, sondern das Konzept in Nutzung entwickelt. Das war natürlich nicht immer einfach. Aber tatsächlich bereue ich das im Nachhinein nicht und finde diesen Weg eigentlich sinnvoll.
Was genau ist denn der Vorteil davon? Naja, vor allem, dass man in der Theorie nicht erraten kann, wie etwas in der Praxis tatsächlich sein wird. Gerade wenn man bisher keine GemÖk-Erfahrung hat, ist es im Grunde Spekulation, wie man sich damit fühlt und wie Bedürfnisse tatsächlich sind. Deshalb geht Vorab-Kommunikation oft sehr an den Realitäten des Lebens als GemÖk vorbei. Es kann also sinnvoll sein, über bestimmte Dinge erst dann zu reden, wenn sie aufkommen.
Mit einer gemeinsamen Ökonomie zu beginnen, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser, egal wie viel man vorher bespricht. Und ein Sprung ins kalte Wasser wird nicht einfacher dadurch, dass man vorher viel darüber redet. Im Gegenteil: Oft führt das dazu, dass man es dann lieber sein lässt. Deshalb möchte ich euch ermutigen: Denkt doch nicht zu viel drüber nach, macht die Augen zu und springt einfach. Denn es hat das Potential wunderbar zu werden!
Erfahrungsbericht – Lachen in der GemÖk
M. von »obl‘obl« (Organisation für befreites Leben ond
bedürfnisorientierten Lifestyle) | 7 Menschen | 4 Jahre alt
Herbst 2024, ein Projekthaus, mit Rucksäcken bepackte Menschen trudeln ein, ein weiteres obl‘obl- GemÖk-Treffen beginnt. Umarmungen und Wiedersehensfreude werden ausgetauscht, Anreisegeschichten geteilt, es wird gelacht und ein altbekanntes, wohliges Gefühl der Vertrautheit macht sich breit.
Bei Geld hört die Freundschaft auf! So heißt es in einem alten Sprichwort. Und wo die Freundschaft aufhört, da hört auch der Spaß auf, oder? Dass Geld und Spaß in einer kapitalistischen Gesellschaft kein naheliegendes Assoziationspaar ergeben, ist nicht verwunderlich. Dass das auch ganz anders laufen kann merken wir mit obl’obl immer wieder. Mittlerweile teilen wir seit fast vier Jahren unsere Ressourcen, sowohl finanziell als auch in Form von Wissen und Fähigkeiten.
Wir begegnen uns mit unseren Ängsten, Wünschen, Träumen und auch unseren Macken und Eigenheiten. Und so ist über die Jahre eine ganz besondere Atmosphäre des Vertrauens entstanden, die auf emotionale Nähe, Unterstützung und auch geteilte Freude baut.
Bei obl’obl hat mit dem Geld die Freundschaft erst so richtig angefangen. Unsere GemÖk hat sich mit der Zeit immer mehr zu einem Hafen entwickelt, in dem wir mit all unseren Emotionen anlegen können. Und die eine Emotion, die wirklich jedes unserer Treffen prägt, ist Freude – ausgedrückt im gemeinsamen Lachen.
Wir lachen über unsere Eigenarten und Angewohnheiten, die wir über die Jahre so gut kennengelernt haben. Wir lachen, weil wir uns miteinander freuen und wir lachen, wenn es mal nicht so läuft wie gedacht. Wir lassen aus Versehen große Summen Bargeld im Zug liegen – und lachen. Den Verlust vermerken wir als »Spende an Unbekannt« im Buchhaltungssystem. Wir fahren städtische Mülleimer an und müssen ihn kostspielig ersetzen – und lachen, ab jetzt wird alles in Mülleimer verrechnet (»ich hab in dem Urlaub nur einen halben Mülleimer ausgegeben!«).
Wir gestehen uns, dass wir das im Januar gekaufte Fitness-Abo doch nie genutzt haben, wir gehen für hundert Euro im Bastelladen shoppen, weil alles dort so schön ist, wir kaufen Groschenromane am Bahnhof – und wir lachen.
Wir machen all diese Erfahrungen gemeinsam; die schönen, die ärgerlichen, die unnötigen, die herausfordernden – und lachen, mal aus Freude, mal aus Verzweiflung, mal ohne Grund. Und das verbindet. Dass wir »ja so viel lachen würden« ist eine der häufigsten Rückmeldungen, die wir von Menschen bekommen, an deren Wohnorten wir unsere Treffen machen. Meistens erstaunt unsere Gelassenheit die Gastgebenden, denn es geht schließlich um Geld.
Und ja, Geld teilen bedeutet vieles; viel Organisation, viel Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Ängsten, Unsicherheiten und denen der Anderen. Und für uns bedeutet es vor allem auch viel zu lachen. Miteinander, mit dem Leben, über das Leben, über uns.
2.1.4 6 Monate geteiltes Geld – und jetzt?
Ihr habt es geschafft! Ihr habt 6 Monate lang euer Geld geteilt! Nehmt euch Zeit für ein Treffen, um euch zu feiern, euch über die Zeit auszutauschen und dann nach vorne zu schauen. Wie soll es weitergehen?
Impulse für ein Reflexionstreffen
- Ganz offen: Wie erging es euch während des Experiments? Was lief gut, was lief schlecht? Was hat euch überrascht?
- Wie hat sich euer Verhältnis zu Geld verändert?
- Wie hat sich eure Beziehung zueinander verändert?
- Blickt zurück auf eure Gründungsphase. Vielleicht gibt es Notizen zu den Reflexionsfragen, die ihr euch nochmal anschauen könnt. Was hat sich seitdem bewegt? Was hat sich so entwickelt, wie ihr es erwartet habt, was kam ganz anders?
- Gab es unbegründete Sorgen und Regeln? Oder anfängliche Naivität?
Traut euch, ehrlich miteinander zu sein und Feedback zu geben.
Methoden-Idee: 5-Finger-Feedback
Die 5-Finger-Methode ist eine Hilfestellung zum Reflektieren und Feedback geben. Nehmt euch zunächst ein bisschen Zeit, um über die Punkte alleine nachzudenken. Teilt dann mit der Gruppe, was ihr für euch herausgefunden habt.
- Daumen: Das finde ich super.
- Zeigefinger: Darauf möchte ich hinweisen
- Mittelfinger: Das stinkt mir/finde ich richtig doof.
- Ringfinger: Das nehme ich mit – Wertschätzung
- Kleiner Finger: Das kam mir zu kurz.
Und jetzt? Folgende Möglichkeiten könnten in Frage kommen
- Ihr verlängert das Experiment für einen bestimmten Zeitraum.
- Ihr wollt auf unbestimmte Zeit als GemÖk zusammenbleiben.
- Die Konstellation der GemÖk ändert sich – Es kommen neue Leute hinzu und/oder einzelne Mitglieder verlassen die Gruppe.
- Das Experiment geht zu Ende und ihr wirtschaftet erst einmal wieder allein.