Tauschlogik Welche Logik 2025
Zur Kritik und Verteidigung
des Tauschprinzips
TAUSCH
WELCHE
LOGIK?
LOGIK
Imma Harms (Hg.)
mit
Superfood-Schleudergang
PaG-Lernwerkstatt
Carmen
Bolle
und Freund:innen
Tauschlogik – welche Logik?
Zur Kritik und Verteidigung des Tauschprinzips
Von
Imma Harms (Hg.)
mit
der Superfood-Schleudergang
der Lernwerkstatt der PaG
Carmen
Bolle
und Freund:innen
Impressum
Erschienen Berlin/Brandenburg, 2025
Umschlag-Gestaltung: seefood productions, Reichenow
Druckerei: Printelix, Rüsselsheim
V.i.S.d.P.: Stiftung Dissidente Subsistenz, Richardstraße 99, 12043 Berlin
Kontakt zur Herausgeberin: post@tauschlogik.de
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Inhalt
| Vorweg | 7 |
| Ein Diskussionsabend im März 2021 und seine Folgen | |
| Es gibt nichts im Tausch (Schleudergang-Broschüre) | 9 |
| Können wir die Welt positiv verändern, wenn wir aufhören zu tauschen? | |
| Kollektive Subsistenz (Carmen) | 16 |
| Das Abseits als widerständiger Ort – zum Spannungsverhältnis zwischen Subsistenz und Kapitalismus | |
| Revolutionäres Vertrauen (Imma) | 21 |
| Wie können nicht-marktförmige ökonomische Projekte Bestand haben und wie können sie sich ausweiten? | |
| Kritiken zum Text „Revolutionäres Vertrauen“ | 47 |
| von Bolle, Carmen, Klaus, der PaG-Lernwerkstatt | |
| Diskussion mit der PaG-Lernwerkstatt | 56 |
| Theorie und Praxis, Vertrauen in Menschen oder Strukturen, Offenheit, Tauschlogikfreiheit | |
| Imma an Arno und Lernwerkstatt | 59 |
| Der Abgleich mit der eigenen Praxis. Gegen vorbehaltloses Vertrauen. | |
| Uwe an Imma | 61 |
| Gegen das individualistische Menschenbild; Beziehungen müssen in Gruppenkontexten gedacht werden. | |
| Imma an Uwe | 66 |
| Teilen und Verteilen von Verantwortung durch den bewussten Verzicht auf individuelle Absicherung | |
| Nochmals Uwe an Imma | 69 |
| Die Gruppe ist mehr als die Summe ihrer Individuen | |
| Erste Diskussion auf dem Karlahof | 71 |
| Vertrauen als widerständige Kraft, Bedingungen von gesellschaftlicher Wirksamkeit, Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe | |
| Plädoyer für das Prinzip des Tauschens (Imma) | 96 |
| Jede menschliche Kommunikation und Interaktion ist ein Akt des Tauschens. | |
| Kritik des Tauschs (Uwe) | 98 |
| Tauschlogik ist die Ausgrenzung aller, die nichts oder nicht genug haben um zu tauschen | |
| Ist denn wirklich alles Tausch? (Niklas) | 101 |
| Die Definition verwischt gravierende Unterschiede zwischen ganz unterschiedlichen sozialen Interaktionen | |
| Erwiderung an Niklas (Imma) | 103 |
| Es geht immer auch um die Situation von Knappheit | |
| Zweite Diskussion auf dem Karlahof | 105 |
| Das Problem mit dem Tauschlogikfreiheits-Postulat | |
| Der Zwang der Rückhol-Feder (Carmen) | 123 |
| Warum im Kapitalismus eher verrechnet als getauscht wird | |
| Vom Tauschen, Täuschen und Enttäuschen (Bolle) | 127 |
| Vertrauen ist gut, soziale Kontrolle ist notwendig | |
|
Vorteilsnahme, Gerechtigkeit, Verantwortung
(Gespräch Imma – Bolle) |
134 |
| Um vertrauensvolle, gleichberechtigte Beziehungen haben zu können, ist Selbstkontrolle und Selbstdisziplin erforderlich | |
| Nachwort | 145 |
| Was ich in der Debatte gelernt habe |
Vorweg
Ein Diskussionsabend im März 2021 und seine Folgen
Wie leben, wie arbeiten, wie sich vergesellschaften, ohne Rädchen im zerstörerischen kapitalistischen Getriebe zu sein? An die Entwürfe einer nicht-kapitalistischen Lebensweise gibt es zwei Annäherungen – die eine von oben nach unten: mit Planungen für eine bedürfnisorientiert und solidarisch organisierte Gesellschaft, deren Durchsetzungsmöglichkeiten allerdings fraglich sind, die andere von unten nach oben: durch Keimzellen eines anderen Wirtschafts- und Lebensverständnisses, solidarische Projekte, kollektive Experimente, deren Übertragungsmöglichkeiten in den gesellschaftlichen Raum allerdings ebenfalls fragwürdig sind. Der zweite Weg hat gegenüber dem ersten den Vorteil, dass er auf konkreten Erfahrungen aufbauen und versuchen kann, sie zu verallgemeinern.
Die hier versammelten Dokumente sind Ergebnis einer ausführlichen, sich über drei Jahre hinziehenden Debatte darüber, ob und wie im Kleinen praktizierte solidarische Wirtschaftsformen gesellschaftliche und damit antikapitalistische Ausstrahlung haben können.
Es geht darin um die Bewertung von Begriffen wie kollektiver Subsistenz, Tauschlogik, Gebrauchswert-Orientierung, Nicht-Kommerzialität, Beitrags- und Schenk-Ökonomie, aber auch um Vertrauen und Verbindlichkeit. Zentral wurde der Konflikt um die sogenannte Tauschlogik. Ist die entscheidende, die kapitalistischen Verhältnisse produzierende Größe der (äquivalente) Tausch oder die räuberische Aneignung von Ressourcen, also der Profit?
Ausgangspunkt der Debatte war die Einladung der „Superfood-Schleudergang“, über die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit zu diskutieren. Die kleine Gruppe produziert aus dem Gemüse, das auf dem Karlahof subsistent angebaut wird, vegane Aufstriche, die sie ohne Gegenwert oder-gabe zur Verfügung stellt. Der Karlahof ist ein ländliches Projekt in der Nähe von Templin im Norden Brandenburgs. Etwa 20 Menschen leben auf dem Bauernhof, bauen an, versorgen sich selbst und heißen auch täglich Menschen von außerhalb willkommen.
Bei dem Treffen im März 2021 wollte die Schleudergang zusammen mit ein paar Gästen ihre bisherige Praxis reflektieren. Carmen und ich hatten übernommen, grundsätzliche Überlegungen zur kollektiven Subsistenz beizutragen. Wir hatten kritische Anmerkungen zu dem von der Gruppe hochgehaltenen Prinzip der Tauschlogikfreiheit. Ich habe meine Kritik an dem Ansatz der Schleudergang später in einem umfassenden Text besser abzuleiten versucht, nachdem das erste Gespräch darüber mehr oder weniger versandete. Zeitgleich hat die Schleudergang eine Broschüre zu ihrem Verständnis verfasst, in der auch andere Teile des Hofes ihr Selbstverständnis darstellen.
Ein Jahr später habe ich meinen Text im Kreis der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PaG) zur Debatte gestellt. Die PaG ist der Zusammenschluss verschiedener Projekte, zu denen auch der Karlahof gehört und die als Gesamteigentümerin für diese „entprivatisierten“ Grund- und Wohnflächen die Verantwortung übernommen hat. Es gab viele verschiedene Reaktionen auf meine Ausarbeitung, auf die ich teilweise auch erwidert habe.
Wiederum ein Jahr später gab es zwei Treffen mit allen Interessierten aus der PaG, besonders aber mit den Mitgliedern der Schleudergang. In diesen zwei Treffen haben wir die Kontroverse zu entfalten versucht. Die Debatte wurde immer wieder auch mit Briefen und Antworten auf diese Briefe vorangetrieben.
Alle diese Dokumente sind hier in etwa der zeitlichen Reihenfolge zusammengestellt. Den Schluss bildet ein Text von Bolle, einem Gründungsmitglied und langjährigem Mentor der PaG, sowie eine abschließende Diskussion zwischen Bolle und mir über die weiterführenden Fragen, in die die Debatte über Tauschlogik und Vertrauen schließlich mündet.
Bis auf Bolle, Carmen, Uwe und Klaus habe ich alle Beteiligten in der mündlichen und schriftlichen Debatte mit ihrem Einverständnis pseudonymisiert, auch weil ich es nicht leisten konnte, die Texte von allen, die irgendwie vorkommen, autorisieren zu lassen. Ihr / unser Umgang mit Gender-relevanten Begriffen ist unterschiedlich, und das darf nach meiner Auffassung auch so sein.
Ich möchte allen danken, die an den Gesprächen und schriftlichen Wortwechseln teilgenommen haben.
Aber wieso danke ich? Wer bin ich, dass ich danke? Das Suchen nach einer anderen, einer nicht-kapitalistischen Form des gemeinsam-Handelns ist unser aller Projekt, zu dem wir beitragen, so wie wir es können 1 . Das Ergebnis gehört niemandem, also hat auch niemand jemandem zu danken. Oder? Und schon sind wir mitten im Thema...
Imma Harms
1 Einige Arbeiten, die auf die eine oder andere Weise Grundlagen auch für diese Diskussion gebildet haben, möchte ich hier nennen. Das sind z.B. die Veröffentlichungen aus dem Kreis des Common-Institutes, z.B. von Friederike Habermann, Silke Helfrich, Simon Sutterlütti und Stefan Meretz ( https://commons-institut.org/theorie/buecher/ ), aber auch die Broschüre „Ich tausche nicht mehr, ich will mein Leben zurück“ aus dem PaG-Zusammenhang ( https://ich-tausch-nicht-mehr.net/#toc )
Es gibt nichts im Tausch (Schleudergang-Broschüre 2 )
Können wir die Welt positiv verändern, wenn wir aufhören zu tauschen?
Das ist eine der Grundfragen, die die Superfood_Schleudergang 3 vom Karla*hof nun seit knapp fünf Jahren in der Praxis zu ergründen versucht. Hier ist der Versuch eines Zwischenfazit.
Das für uns Einzigartige an unseren Produkten ist, dass es keinen direkten Tausch gibt. Weder können sie gekauft werden, noch gibt es eine dafür vorgesehene Spendenbox, geschweige denn eine Spendenempfehlung. Gleichzeitig handelt es sich auch nicht um einen karitativen Akt der Nächstenliebe. Es geht um nichts weniger als um die praktische Erprobung der Verweigerung von Markt, Wertlogik und Waren-tausch . Es geht um eine reale Alternative zum Kapitalismus – tauschlogikfrei eben. Hier und jetzt.
Zugegeben, das klingt etwas großspurig und ist auch mehr Provokation als Realität. Aber es ist auch eine Praxis, die seit knapp fünf Jahren Bestand hat und die sich ausweitet.
ALLES „FOR FREE“?
„There ain't no such thing as a free lunch“? Richtig. Auch wenn niemand für unsere Produkte bezahlen muss, sie also frei zugänglich sind, sind doch Arbeit, Energie und auch Geld hineingeflossen. Das funktioniert auf verschiedenen Wegen. Zum einen werden viele Lebensmittel für den Gläserinhalt von solidarischen Gruppen ökologisch angebaut oder hergestellt und für die nicht-kommerzielle Weiterverarbeitung zur Verfügung gestellt. Was (noch) nicht aus unserem Netzwerk kommt, wird im Bio-Großhandel dazugekauft, v.a. Öl, Salz und Zucker. Um diese Kosten decken zu können, suchen wir nach (regelmäßigen) Spender*innen. Saubere Gläser kommen von außen (zurück).
Zum Anderen ist keine*r der Involvierten oder Unterstützer*innen ökonomisch von der Produktion abhängig. Sie basiert auf politischer Überzeugung, Spaß, unverdienten Privilegien und einem solidarischen Umfeld, dass sie mitträgt. Laufende Kosten und Investitionen werden teils über zusätzliche interne Anstrengungen und Kreativität, teils über Spenden finanziert. Das Ganze ist eingebettet in die solidarischen Strukturen des Karla*hofs und der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PaG) . Sie stellen Infrastruktur, tatkräftige Unterstützung und solidarische Begleitung bereit. Und so machen sie das Unterfangen erst möglich. Zwar sind unsere Produkte damit nicht „kostenlos“ ( free ), denn Arbeit, Energie und Materialien wurden dafür aufge-
2 Der ganze Text ist hier zu finden: https://www.karlahof.de/initiativen-ags/superfood-schleudergang/veroeffentlichungen/
3 Kern der Gruppe sind Uwe, Tobi und Berit, die auch Teilnehmende der hier dokumentierten Debatte waren (s.u.)
wandt. Aber sie sind frei zugänglich ( free ), denn das ist die Absicht ihrer Produktion, anders als beispielsweise bei einem Restaurant, wo die Absicht die Erzielung von Gewinn ist.
BRUCH MIT MARKT UND KONKURRENZ
Nach vielem Ausprobieren und einigen Fehlschlägen gibt es erste Antworten auf die eingangs gestellte Frage nach dem Tausch. Tauschen meint hier den direkten Äquivalenztausch , also das, was wir meistens mit Geld machen: Dinge mit einem (abstrakten) Gegenwert bezahlen. Das nicht mehr zu tun, also nicht mehr im Kopf aufzurechnen, was wohl der Wert eines Aufstrichglases ist, ist eine große Herausforderung. Aber so lange wir an einen messbaren Wert glauben, den wir zwecks des Tauschens versuchen zu ermitteln, spielen wir das Spiel der Marktlogik mit. Wir treten miteinander in Konkurrenz um den günstigsten Preis. Verkürzt gesagt: Wer sich durchsetzt, eignet sich über erzielte Gewinne genug Kapital an, das wieder in beispielsweise neue Maschinen investiert werden kann. Das wiederum bedeutet eine günstigere Produktion, mehr Gewinn und Kapital, erneute Investitionen, etc. Durch immer größere Produktionsmengen wird das einzelne Produkt günstiger und gleichzeitig die erzielten Gewinne höher.
In der bereits vorhandenen und sich so weiter festigenden Chancenungleichheit innerhalb dieser Konkurrenz auf dem „freien Markt“ sind immer die im Vorteil, die bereits über viel Kapital verfügen. „Wachse oder weiche!“ – alle anderen werden „geschluckt“, sind nicht konkurrenzfähig oder-willig und damit ökonomisch gescheitert. Das Resultat sind ein paar wenige sehr reiche Menschen, eine global ungleich verteilte und von ihnen abhängige Mittelschicht und viel Verelendung, die den Reichtum produziert.
Auf der Suche nach einer friedlichen und gerechteren Welt ist die Frage nach dem fairen Preis (dem Tauschwert ) irreführend. Stattdessen könnten wir uns fragen: Was braucht jede*r Einzelne zum Leben? Wie können wir gemeinschaftlich so viel beschaffen, dass alle genug haben? Was will ich dazu beitragen, wenn meine Bedürfnisse gemeinschaftlich erfüllt werden? Der Tauschwert hingegen beruht immer auf Eigentum (Kapital) und Konkurrenz (Gewalt), egal wie er ausfällt. Es gibt immer ein paar Gewinner*innen und jede Menge Verlierer*innen die für sie arbeiten müssen.
Und noch schlimmer: alle Gesellschaftsbereiche werden im Kapitalismus dem Diktat des Preises unterworfen, da dadurch Gewinn erwirtschaftet wird. Egal, ob es sich um Gesundheit, Wohnen oder Nahrungsmittel handelt. Verzichten wir in unseren Leben auf den Tauschwert, bricht die Marktlogik zusammen, denn Arbeit und Produkte können dann nicht mehr in ihrem Wert miteinander verglichen und in Konkurrenz zueinander gesetzt werden. Es kann kein Gewinn erwirtschaftet werden.
KULTUR DER SCHULD
Mit dem direkten Tausch aufzuhören, reicht aber leider nicht, zeigt die Praxis der Schleudergang. Wir Menschen des globalen Nordens haben den Vorgang des Aufrechnens so sehr verinnerlicht, um ihn einfach so abzulegen. Wenn ich etwas bekomme, verspüre ich den sofortigen Drang etwas „Gleichwertiges“ zurückzugeben, denn hier kommt die Schuld ins Spiel. Schulden haben etwas mit moralischer Verpflichtung zu tun, die im Kapitalismus zur Not mit Gewalt durchgesetzt wird, zum Beispiel durch Gerichtsvollzieher* innen. Selbst bei freiwilligem Geben und Nehmen wie bei Geschenken denken wir meist implizit mit, dass wir etwas zurückschenken müssten. Der Fokus menschlicher Interaktionen liegt so sehr auf dem Tauschwert, der wiederum so tief in unser kulturelles Verständnis von Schuld eingearbeitet ist. Anderes Verhalten wird moralisch sanktioniert oder löst emotionale Verwirrung bei Menschen aus, bis hin zu Wut.
Es ist ein Problem, in dieser Beziehungslogik damit konfrontiert zu werden, nichts gleichwertig zurückgeben zu dürfen, um die gefühlte „Schuld“ loszuwerden. Das ist auch ein großes Problem der Tauschlogikfreiheit , weil es bei uns keine kulturelle Selbstverständlichkeit für dieses Handeln gibt. Darum reicht es nicht, einfach nur mit der Tauschlogik zu brechen. Andere einfach nur vom direkten Tausch abzuhalten, schafft meist kein konstruktives Potenzial und kein Gefühl der Verbundenheit und Gegenseitigkeit.
Dafür fehlt ein Bindeglied, das die Aufmerksamkeit weg von der Schuld und hin zu einer neuen Art der Beziehung miteinander lenkt. Aus einer Gesellschaft von Individuen, die ständig versuchen miteinander „quitt“ zu werden und so unbewusst langfristige Beziehungen vermeiden, sollen Menschen erwachsen, die die Kooperation und das gemeinsame Handeln in den Vordergrund stellen. Der Fokus soll vom selbstverantwortlichen Individuum zur Gruppe, zur Gesellschaft, zum Gemeinsamen wandern, mit dem sich das Individuum umgibt. Die Kritik des Wertes wird damit auch zu einer Kritik der gesellschaftlichen Werte.
UNSERE ALTERNATIVE: SOLIDARISCHE GEGENSEITIGKEIT
Eine Möglichkeit der Verschiebung dieses Handlungsrahmens ist die Idee der solidarischen Gegenseitigkeit . Damit ist die noch utopische Idee gemeint, gesellschaftliche Arbeitsteilung solidarisch und in Form gegenseitiger Unterstützung zu gestalten. Über gemeinsame Absprachen werden Bedarfe (Essen, Kleidung, Gesundheitsversorgung, ...) gedeckt und die Tätigkeiten an unseren Bedürfnissen (Sinnhaftigkeit, Spaß, Kreativität, ...) ausgerichtet. Menschen handeln dabei nicht aus Schuld, sondern aus dem Wunsch sinnhaft beizutragen. Das ist ohne eine neue Kultur der Kooperation nicht möglich.
Unser aller Leben sind aber momentan auf Markt und Tausch getrimmt und hängen davon ab. Wir müssen also auch unsere Beziehungen untereinander ändern. Weg
vom eigenverantwortlichen unternehmerischen Ich und hin zum beitragenden Teil einer kooperierenden Gemeinschaft. Bereits jetzt können dafür kollektiv neue Spielräume geschaffen werden, indem wir uns gegenseitig vor Krisen absichern, z.B. indem wir unser Einkommen oder Eigentum solidarisch teilen, wie in einer gemeinsamen Ökonomie oder der PaG . Und wir können jetzt schon anfangen, alle unsere Lebensbereiche mit anderen gemeinsam zu organisieren, indem wir miteinander und füreinander produzieren, Care-Arbeit als wichtige Arbeit sichtbar machen, uns gegenseitig emotional und fürsorglich unterstützen und die Fragen und Konflikte des alltäglichen Zusammenlebens kollektiv angehen.
Unsere Gläser sind ein bescheidener Beitrag und ein erfahrbares Erlebnis, dass neue Beziehungen auf Basis einer anderen Kultur jetzt schon möglich sind – beschränkt und im Kleinen. Je größer jedoch das Netzwerk solidarischer Gegenseitigkeit wird, desto schlagkräftiger und bedeutsamer wird es auch. Und desto größer ist aber auch die Gefahr, versehentlich in den Kapitalismus integriert zu werden. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass über Kolonialismus und die kapitalistische Globalisierung der größte Teil der Menschheit, vor allem im globalen Süden , zu Rohstofflieferant*innen und Billiglohnheeren versklavt wurde – wenn notwendig auch durch Kriege. Durch den gleichzeitigen Import neoliberaler Ideologie von Wettkampf und Konkurrenz und dem Versprechen, dass alle es bis nach oben schaffen können, wenn sie nur hart genug arbeiten, werden falsche Anreize zur Beteiligung an dieser gewaltsamen Art des Gegeneinanders gesetzt.
Unser Projekt ist auch immer als Unterstützung weltweiter Erhebungen, Aufstände und Revolutionen gedacht, die sich von Ausbeutung und Unterdrückung durch den globalen Norden befreien wollen. „Im Herzen der Bestie“ mit dem Kapitalismus zu brechen ist eine Form, diesen zu schwächen. Gleichzeitig experimentieren wir mit dem, was stattdessen sein könnte. Und irgendwann kann es dann vielleicht wirklich im Großen eine konkrete Alternative zur kapitalistischen Warenproduktion werden und die Welt positiv verändern.
Einer der Ideenstränge, der uns viel beschäftigt, ist der Wunsch nach einer unkapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise. Wir sind unzufrieden mit einer Gesellschaft, in der das Streben nach ökonomischem Wachstum über der Versorgung der Weltgemeinschaft steht. Und wir sind mal wieder nicht die Ersten mit unserer Erkenntnis. Schon viele Menschen, Gruppen, Bewegungen haben sich auf die Suche gemacht. Auf die Suche nach umsetzbaren Wirtschafts- und Lebensweisen, und sie haben dabei eine sehr große Menge an Gedanken gedacht, Theorien entwickelt, Sachen versucht, Erfahrungen gemacht, Widerstand gelebt und neue Praktiken entwickelt. Wir können nicht alle aufzählen, mit denen wir uns in einer Linie sehen, die was Ähnliches gemacht oder uns inspiriert haben, denn wir wollen kein sehr dickes Buch schreiben. Im Groben und Ganzen sind wir Teil einer Bewegung, die die Marx'sche Analyse der Politischen Ökonomie plausibel findet, sich ohne und gegen Herrschaft organisiert
will und sich eine grundlegende Transformation der Gesellschaft nicht ohne die Abschaffung des Patriarchats vorstellen kann. Ganz praktisch und kleinteilig sind wir inspiriert und Teil von dem, was in unserem Kontext „ Nicht-Kommerzialität “ heißt.
DER TAUSCH UND DAS PROBLEM MIT DEM TAUSCHEN
Es gibt sehr viele Projekte und Bewegungen, die irgendwie nach Alternativen zum aktuellen, neoliberalen Kapitalismus suchen. Viele von ihnen übersehen unserer Ansicht nach aber wichtige Aspekte, die wir als problematisch empfinden. Die Gruppen in unserem Umfeld und die, die sich vor unserem Experiment als nicht-kommerzielles Netzwerk organisiert haben, versuch(t)en auszumachen, was die Kernprobleme des Kapitalismus sind. Nur wenn wir den Kern des Problems richtig identifizieren, können wir auch eine Alternative dazu entwickeln. Uns scheint, dass die grundsätzlichen Probleme am Kapitalismus die Tauschlogik (das schließt Eigentum mit ein), die Individualisierung und der Leistungsgedanke sind. Es geht also sowohl um materielle, soziale als auch kulturelle Dinge.
EIGENTUM UND TAUSCHLOGIK
Mit Tauschlogik meinen wir die Idee, dass jedem Ding ein Wert zukommt und dass die Werte der Dinge miteinander vergleichbar sind. Um etwas zu tauschen, muss ich erst einmal etwas besitzen. Das Eigentum kann ich mir aus der Natur einfach „nehmen“, wie z.B. Wasser, Holz, wilde Früchte, Bodenschätze oder sogar Lebewesen. Das bedeutet allerdings auch, dass keine andere Person darüber verfügen darf. Anstatt also gemeinsam beispielsweise über die Nutzung eines Waldes und seiner Erträge zu entscheiden, mache ich mir den Wald zu eigen und verteidige ihn zur Not mit Gewalt davor, dass ihn andere nutzen.
Dafür, dass ich ganz alleine über den Wald bestimmen darf, gibt es keine Rechtfertigung, außer dass ich die Macht dazu habe, mein Eigentum auch durchzusetzen, wenn nötig mit Gewalt. (Heute wird Eigentum durch Nationalstaaten und deren Recht und Polizei durchgesetzt und geschützt. Zwar gibt es wunderschöne Papiere, auf denen Eigentumstitel festgeschrieben sind und die von Generation an Generation weitervererbt werden. Warum z.B. ein Wald aber ausgerechnet dieser Person gehören darf, wird darin nicht erklärt)
Eigentum ist also eigentlich ein soziales Verhältnis. Ich schließe alle anderen aus der Nutzung einer Sache aus. Nur ich ganz allein als Individuum darf darüber bestimmen und wenn ich das will, die Sache auch weitergeben. Meistens, indem ich sie mit einem anderen Individuum tausche. Eigentum beinhaltet also immer Konkurrenz und verunmöglicht gemeinschaftliches Handeln. Und Eigentum ist die Bedingung für Tausch .
Wenn ich ein Brot backe, ist es mein Eigentum. Will ich herausfinden, wie sehr es von anderen gewollt wird, dann werde ich sehr verschiedene Antworten bekommen.
Je nachdem ob ich eine hungrige oder eine satte Person frage, eine Person, die kein Gluten verträgt, oder eine, die ihren Käse gerne irgendwo drauflegen möchte, fällt die Antwort anders aus. Wie sehr das Brot begehrt wird, ändert sich je nach Mensch, je nach Situation.
Wofür das Brot zu gebrauchen ist, das bleibt im Groben und Ganzen gleich. Die allermeisten Menschen werden es als Nahrung benutzen und aufessen. Es hat auch einen bezifferbaren Nährwert in Kalorien und kann jedem Menschen die gleiche Menge Energie geben. Der tatsächliche Nutzen des Brotes ist also eigentlich unveränderlich, das kann mensch auch den Gebrauchswert nennen. Wenn aber verschiedene Menschen das Brot verschieden doll begehren, wie entscheide ich, wer es bekommt? Im Kapitalismus wird das darüber geregelt, dass einem Ding, zum Beispiel unserem Brot, ein zweiter Wert gegeben wird. Der Tauschwert .
DER TAUSCHWERT
Eine andere Bedingung für den Tauschwert ist häufig, dass ich das Brot nur abgebe, wenn ich etwas Anderes dafür bekomme. Das ist die Tauschlogik. Und die andere Bedingung ist, dass das, was ich bekomme irgendwie „gleich“ ist wie das, was ich abgebe. Das ist der Wert. Es macht aber nicht wirklich viel Sinn, das Brot gegen etwas wirklich Gleiches, also ein anderes Brot, zu tauschen. Deswegen wird im Kapitalismus ein Wert erfunden, der nicht so konkret ist. Heutzutage wird er meistens in Geld angegeben. Da wird dann gesagt „Ein Brot hat den gleichen Wert wie 2 Euro“. Das Sagen übernimmt dabei allerdings keine Person oder Organisation, sondern wir haben uns über die letzten Jahrhunderte an diese Praxis gewöhnt und nehmen von ganz alleine einfach an, dass es normal ist, so zu denken, und dann muss es auch niemand mehr wirklich sagen. So wird dann geregelt, dass ich mein Brot nur an die Person gebe, die mir zur gleichen Zeit 2 Euro gibt. Ob ich es allerdings gegen 1 Euro, 2 Euro oder 10 Euro abgebe, das kann sich auch verändern. Der Kapitalismus bringt uns bei, beim Tauschen immer so viel wie möglich zu nehmen, wenn wir etwas geben. Und so kann es sein, dass ich für mein Brot sogar 10 Euro von der Person, die den Käse irgendwo drauflegen will, bekomme, weil sie bereit ist, ihre 10 Euro gegen mein Brot zu tauschen, und keine andere Person mir mehr dafür anbietet.
Wir erinnern uns, dass die Menschen das Brot verschieden doll begehren können und es auch verschieden doll brauchen. Wie doll jemand ein Brot braucht und wie viele Euros ein Mensch hat, sind allerdings zwei sehr verschiedene Sachen. Der Tauschwert bringt diese sehr verschiedenen Sachen in Verbindung und macht so „genug/viele Euros haben“ zur Bedingung für „ein Brot bekommen“.
Das Problem an der Tauschlogik ist, dass sie sehr ungerecht ist. Denn mit den oben beschriebenen Annahmen, Regeln und Gewohnheiten wird nicht sichergestellt, dass die Person, die das Brot am meisten braucht, es bekommt, sondern am Ende be-
kommt es die Person, die am meisten dafür gibt. Die Menschen mit viel Eigentum sind hier also klar im Vorteil gegenüber denen, die mittellos sind.
Wir wollen aber eine Welt, in der die Menschen, die etwas wirklich brauchen, es auch bekommen, und in unserem Beispiel wäre das wohl die hungrige Person ohne Käse. Egal ob die uns direkt oder später mal etwas dafür geben kann oder nicht.
RÄUME FÜR NEUE ARTEN DER KOOPERATION SCHAFFEN
In den nicht-kommerziellen Projekten wird deshalb eine andere Art der Lebens- und Wirtschaftsweise erprobt. Eigentum wird kollektiviert. Es wird auf eine Art produziert oder Dinge und Leistungen bereitgestellt, die sich nicht an den Logiken des kapitalistischen Marktes orientiert. Durch Entschärfung von Eigentum, Abschaffen von Preis und des direkten Tauschs und gleichzeitiger Ablehnung einer durch Zwang oder Hierarchie geregelten Arbeitszeit, eröffnet sich ein Raum, in dem neu verhandelt werden kann und muss, wer wieviel Energie, Geld und Ressourcen reinsteckt, wo diese herkommen und was Menschen beitragen können, denen das Produkt zu Gute kommt. Dazu müssen wir aber auch unsere kulturellen Gewordenheiten überdenken.
Wenn wir aufhören, zu tauschen und zudem anfangen, (nur) dann und dort zu arbeiten, wo und wann und wie es uns gefällt, es uns guttut oder es zumindest sinnstiftend ist, dann stellen sich viele kleine und große Fragen neu. Diese Fragen immer wieder anders zu betrachten und mit dem Ziel einer gerechten, bedürfnisorientierten Wirtschaftsweise neu zu beantworten, bietet unserer Ansicht nach ein großes Potenzial für Veränderung. Sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich. Nicht-kommerziell wirtschaften bedeutet für uns, zu versuchen eine Wirtschaftsweise zu entwickeln, die kollektiv ohne Tauschlogik und ohne Leistungszwang auskommt. Das Ziel ist, wirklich da anzukommen, dass alle nach ihren Bedürfnissen bekommen, was sie brauchen und nach ihren Fähigkeiten das beitragen, was sie können und wollen.
Kollektive Subsistenz (Carmen 4 )
Das Abseits als widerständiger Ort; zum Spannungsverhältnis zwischen Subsistenz und Kapitalismus 5
Vorweg: Wie verwende ich den Begriff „Natur“ und „natürlich“? Gerade im queer-feministischen Diskurs wird er kritisch bis ablehnend beäugt. Insofern zurecht, als dass mit dieser Begrifflichkeit oftmals kulturelle Phänomene „naturalisiert“ werden.
Ich verwende den Begriff „Natur“ dagegen in Abgrenzung zur Maschine: Auch wenn wir kulturell geprägte Wesen sind, sind wir als menschlicher Organismus Ausdruck natürlicher Prozesse. Natürliche Organismen sterben, verrotten und vergehen – Maschinen gehen kaputt und sind Müll.
SUBSISTENZ ALS UNTERFUTTER KAPITALISTISCHER AUSBEUTUNG
Subsistenz wird oftmals (ausschließlich) als notwendige Kehrseite der Warenproduktion gesehen, quasi als Unterfutter und Bedingung, dass kapitalistische Verwertung und Ausbeutung stattfinden kann. Die Auffassung dieser Perspektive ist es, dass der Erhalt und Ausbau kapitalistischer Strukturen eben auch subsistente Systeme braucht, die außerhalb bezahlter Arbeit bestehen. Zum Beispiel in familiären und freundschaftlichen Strukturen: Wir erhalten uns gegenseitig ohne abzurechnen außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik. So regenerieren sich die Arbeitenden in unbezahlter Haus-, Pflege- und Versorgungsarbeit und können dadurch wieder fit sein für die „eigentliche“ Arbeit in der kapitalistischen Megamaschine. Damit fließt quasi das Produkt von subsistenten Lebenssphären, nämlich ein leistungsfähiger Mensch, der Verwertungssphäre des Kapitalismus zu.
Ein anderes Beispiel für Subsistenz als Unterfutter-Funktion ist bei der Produktion von cash crops in Ländern des globalen Südens zu beobachten: Um als Lohnabhängige für transnationale Konzerne zu arbeiten, unterhalten Menschen oftmals noch „nebenher“ ihre Subsistenzwirtschaft, d.h. Lebensmittelproduktion zum Selbsterhalt. Geringere Lohnzahlungen sind dadurch möglich und macht cash crop -Produktion für Eigentümer profitabler.
4 Carmen Losmann (geb. 1978), Dokumentarfilmerin mit Schwerpunkt auf ökonomischen, Kapitalismus-kritischen Themen, lebt und engagiert sich seit 12 Jahren auf dem zur PaG gehörenden Karlahof bei Templin und ist dort hauptverantwortlich im Gemüsebau tätig
5 Ausgangspunkt für diesen Text war ein Workshop zum gleichen Thema, der im April 2021 auf dem Karlahof stattfand. Der Workshop war als Input gedacht, um mit der Schleudergang darüber ins Gespräch zu kommen, inwieweit Tauschlogik(freiheit) wirklich der zentrale Ankerpunkt für die Beschreibung einer sozialrevolutionären Praxis sein sollte.
Heißt das im Umkehrschluss, dass Subsistenz lediglich kapitalistische (Aneignungs-) Strukturen und herrschende Verhältnisse nährt, anstatt ihnen das Wasser abzugrauben?
Oder anders gefragt: Arbeitet Subsistenzwirtschaft strukturell dem Kapitalismus zu oder kann sie auch ein antikapitalistisches Modell für selbstorganisierte Versorgungsstrukturen sein?
Und falls ja, was wären Kriterien für solche Strukturen, damit Subsistenz aus ihrer Komplementärfunktion zum Kapitalismus heraustritt und eine herrschaftsfrei-kooperative, soziale Praxis ist?
KOLLEKTIVE SUBSISTENZ 6 ALS WIDERSTÄNDIGE, ANTIKAPITALISTISCHE PRAXIS ALS SELBSTORGANISATIONSFORM, ALS SELBSTORGANISATIONSFÄHIGKEIT, ALS GESELLSCHAFTLICHES ÜBERLEBENSWISSEN
Ich möchte den Versuch unternehmen, die Subsistenz als antikapitalistische Praxis zu politisieren und darunter verstehe ich, die Subsistenz, also das gesellschaftlich vorhandene Überlebenswissen aus seiner kompensatorischen Funktion für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktion zu befreien, es kreativ umzuformen und auf die Bearbeitung der sozialen und ökologischen Weltprobleme anzuwenden. Was heißt das konkret?
Grundlegend geht es um Erinnerung und Wiederaneignung: Wir sind als Menschen und sozial begabte Wesen dafür gedacht, in Kollektiven zu leben. Damit verfügen wir über die vielfältigsten, in einer befreiten Gesellschaft einsetzbaren Fähigkeiten, die wir in uns wiederbeleben können. Meistens tun uns Kooperation besser als Konkurrenz, uns tut Zusammensein und Zugehörigkeit besser als neoliberaler Einzelkämpfertum à la „Jeder gegen Jeden“. Und auch unsere materiellen Bedürfnisse sind keineswegs bis in die letzten Poren hinein kapitalistisch geformt – die Erfahrung, mit weniger auszukommen und mehr Zeit zu haben für soziale Prozesse, kann genauso beglückend sein und eine soziale Sicherheit vermitteln, die uns ‚normalerweise‘ über materielle Angebote und Eigentumsrechte verkauft wird.
Kurzum: Diese Prozesse der Wiederbelebung unserer sozialen Fähigkeit begreife ich als politische Arbeit, um den Aufbau von widerständigen, subsistenten, kollektiven Selbstorganisationsformen zu ermöglichen. Dazu braucht es meiner Erfahrung nach sowohl ein klares Commitment zu innerer Arbeit als auch – und hier kommt das subsistente Wirtschaften zentral ins Spiel – eine selbstorganisierte und von den kapitalistischen Verhältnissen entkoppelte Form der materiellen Produktion. In dem Moment,
6 „Kollektive Subsistenz“ benutze ich als Begriff für eine offene Struktur, die zum Mitmachen und Nachmachen gedacht ist und auch so gelebt wird. Er bezeichnet zudem den Versuch einer Verbindung zwischen aufwändigem Arbeitsalltag, den eine Subsistenz-orientierte Lebenspraxis mit sich bringt, und den (weltweiten) politischen Kämpfen, die von unserer Lebensrealität nicht abgetrennt sind.
wo sich auf lokaler Ebene subsistente Versorgungsstrukturen entwickeln, erleben wir ganz direkt: Es gibt ganz basal was zu essen, der kleinräumig erzeugte Solarstrom wird selbst verbraucht – kurzum: wir sind weniger dazu gezwungen, immerzu genügend finanzielle Mittel aufzutreiben, um uns Lebensnotwendiges kaufen zu können. Und zusätzlich entkoppeln wir uns ein kleines Stück weit von dem Konsum an Gütern, die an anderen Orten der Welt unter schrecklichen Bedingungen hergestellt werden.
Bei dieser Form von Autonomie geht es eben gerade nicht um die vielbeschworene Freiheit, die der Neoliberalismus explizit hervorhebt, und die auch die kapitalistische Eigentumsordnung ideologisch zur Grundlage hat: die Freiheit des (von den anderen abgetrennten) Individuums, unternehmerisch tätig zu werden und alle Kauf- und Verkaufsentscheidungen unabhängig und alleine zu treffen, losgelöst von allen anderen menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen.
Stattdessen geht es bei dieser hier aufgeworfenen Idee einer Ernährungs- und Energieautonomie darum, uns als sozial begabte Lebewesen zusammen zu tun und uns gemeinsam um unsere Bedürfnisse zu sorgen. Und damit einen politischen Weg einschlagen, nicht länger (hundertprozentig) von einem technokratisch-kapitalistischen System abhängig zu sein (weil es den eigenen Lebensunterhalt sichert), obwohl es die Lebensbedingungen der meisten Lebewesen auf die Dauer untergräbt. Und auch, wenn solche kleinräumigen Ansätze in Anbetracht der globalen Krisen naiv erscheinen, wird es in dem Sammelband „Zeitgeist mit Gräten – Politische Perspektiven zwischen Ökologie und Autonomie“ folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Es gibt in unserer Welt in einem sehr starken Sinne keine lokalen Lösungen mehr (Ökologie, Welthandel etc.) und es wird künftig in einem ebenso starken Sinne nur noch lokale Lösungen geben können (Aufbau herrschaftsloser Lebensformen).“ 7
Bei dieser Idee einer kollektiven Subsistenz geht es auch darum, die Tätigkeiten, die mit (Selbst-)Versorgung und Reproduktion zu tun haben, als sinnstiftend wiederzuentdecken. Hilfreich in dem Prozess der Wiederentdeckung ist meines Erachtens die politische Perspektive, dass das Freiheitsversprechen der kapitalistischen, liberalen Moderne auch eine materielle Seite hat, die in der Befreiungsfantasie von allen reproduktiven Tätigkeiten zum Ausdruck kommt: die Produktion von Nahrungsmitteln, die Beschaffung von Heizmaterial, das Putzen und Waschen, die Betreuung abhängiger Personen, der Bau und die Instandhaltung von Wohnraum. Diese Tätigkeiten werden von vielen als langweilig, mühsam und „nieder“ eingestuft und Menschen, die es sich finanziell leisten können, befreien sich von diesen Tätigkeiten, um anderen Arbeiten nachgehen zu können, die gesellschaftlich als wertvoller, interessanter oder erfreulicher gelten.
Abgesehen davon, dass diese ‚Befreiung‘ auch soziopolitische und ökologische Auswirkungen hat, bringt uns diese Inanspruchnahme individueller Freiheit von repro-
7 Aus: Schwertfisch (Hg.) „Zeitgeist mit Gräten – Politische Perspektiven zwischen Ökologie und Autonomie“ , 1997, S. 106f
duktiver Arbeit weiter weg von der Erfahrung, das Leben gemeinsam in die eigenen Hände nehmen zu können. Die Wiederentdeckung, dass in der Praxis der kollektiven Subsistenz auch eine Praxis des Zusammenstuns und des sozialen Eingebundenseins enthalten ist, vermag möglicherweise tiefgreifende menschliche Bedürfnisse zu beantworten. Die Notwendigkeit in der kollektiven Subsistenz, die täglichen Sorge- und Versorgungsarbeiten gemeinsam zu bewältigen, bringt uns unmittelbar der Notwendigkeit näher, uns mit unseren Beziehungs-, Konflikt- und kollektiven Selbstorganisationsfähigkeiten zu beschäftigen. Schließlich sind wir ideologisch nicht nur tief durchdrungen von der Erzählung, anderen Menschen sei grundsätzlich zu misstrauen, weil sie meine Konkurrent:innen im Kampf um knappe Ressourcen seien. Sondern wir sind auch geprägt von einer seit Generationen traumatisierten und traumatisierenden Kultur und machen real die Erfahrung, andere Menschen als bedrohlich, beängstigend, überwältigend, beunruhigend und schlichtweg als nervig zu erleben.
Deshalb halte ich beim Aufbau von kollektiven subsistenten Strukturen die Entwicklung einer regenerativen Beziehungs- und Konfliktkultur für ebenso zentral wie die Ebene der materiellen Versorgung. Dabei dreht es sich um die Beantwortung ganz basaler Fragen: Wie halte ich ein entspanntes Grundgefühl im Alltag, obwohl die anderen da sind? Wie kann ich ‚da bleiben‘ und im Kontakt bleiben, obwohl andere etwas Anderes wollen oder eine andere Meinung haben? Wie kann ich verbindende Grenzen setzen, ohne die anderen vor den Kopf zu stoßen oder von anderen Meinungen oder Stimmungen überflutet zu werden? Wie kann ich (wieder) Vertrauen in andere fassen, obwohl ich vielfältige Beziehungsverletzungen erfahren habe?
Dieser kontinuierliche gemeinsame Selbsterforschungsprozess ist wesentlich und grundlegender Teil einer sich selbsterhaltenden und sich selbst organisierenden Kultur, die kleinräumig und lokal außerhalb kapitalistischer Inwertsetzungen agiert und sich versorgt.
WIE KANN ES (BESSER) GELINGEN?
Nach innen ist die Reflexion und Bearbeitung des „Systems in mir selbst“ notwendig, sowohl auf individueller, als auch auf Gruppen-Ebene: Wie können wir uns von unseren verkörperten kapitalistischen Denk- und Handlungsanweisungen emanzipieren? Und es geht um die Verbindung untereinander: Ein Kollektiv, das „anti-kapitalistische“ Werte lebt, wirkt auch auf andere attraktiv (Kooperation statt Konkurrenz; Weichheit statt Härte; transparente Kommunikation statt Hidden Agendas; Gleichwertigkeit statt Abwertung; etc.).
Nach außen bedarf es einer öffentlichen Erkennbarkeit, sodass mehr Menschen von der Möglichkeit kollektiver Subsistenz und von existierenden widerständigen Orten erfahren.
Außerdem muss die Anschlussfähigkeit verbessert werden, z.B. durch niedrigschwellige Andock-Möglichkeiten wie offene Mitmach-Tage, regelmäßige Aktionen und Vernetzungs-Treffen. Die Offenheit für andere politische Biografien, Milieus, Denk-, Sprach- und Handlungsmuster ist wichtig. Voraussetzung sind geteilte Grundwerte (z.B. bedürfnisorientierte, solidarische, die Gleichwertigkeit von Menschen anerkennende Struktur).
Es muss auch das Grundbedürfnis nach materieller und finanzieller Sicherheit ernst genommen werden. Das bedeutet, eine Weich- und Offenheit für ‚hybride‘ Lebensweisen ist wichtig, z.B., wenn individuelle Zeit teilweise für den Gelderwerb verwendet wird.
Vorallem hinsichtlich der Schaffung regionaler Versorgungsnetzwerke braucht es eine Durchlässigkeit für ‚unorthodoxen‘ Praktiken, um möglichst vielfältig anschlussfähig zu sein. Auch fairer, geldvermittelter Austausch von Gütern gehört dazu, ebenso wie das Aushandeln von sachwertbasierten Tauschverhältnissen.
Revolutionäres Vertrauen (Imma)
Wie können nicht-marktförmige ökonomische Projekte Bestand haben und wie können sie sich ausweiten?
Eine gesellschaftliche Umwälzung ändert die Machtverhältnisse nicht, sondern ersetzt die alten durch neue Machthaber:innen – es sei denn, die Verhältnisse haben sich bereits verändert und befreien sich durch die Umwälzung von ihrer alten Form.
Das Neue muss im Alten angelegt sein, auch wenn es sich darin (noch) nicht entfalten kann. In unseren Kämpfen gegen kapitalistische, patriarchale und koloniale Ausbeutung sind wir auf solidarische Strukturen untereinander angewiesen und entwickeln sie dabei gleichzeitig. Denn sie müssen bereits ein Teil des Neuen sein, oder es wird dieses Neue nicht geben.
Was uns aneinander bindet, ist, von außen betrachtet, der Druck der Verhältnisse, von innen gesehen, das Wagnis des Vertrauens. Aber unter neoliberalen Bedingungen sind Vertrauensverhältnisse ständig von innerer Erosion bedroht. Können wir uns auch morgen noch aufeinander verlassen, oder werden wir der kapitalistischen Vereinnahmung vereinzelt gegenüberstehen?
Alle, die hier und jetzt schon versuchen, anders zusammenzuleben und zu wirtschaften, in egalitären, offenen, kollektiven Strukturen, sind mit dem Problem konfrontiert. Der folgende Text versucht, diese Erfahrungen auszuwerten und zu verallgemeinern. Wie fallen wir die Entscheidung zwischen den Polen: Eigentum, Sicherheit, Gesetzesschutz auf der einen Seite und dem Risiko des ungeschützten Schrittes in solidarische und gleichzeitig offene Beziehungen auf der anderen? Welche Rolle spielt Vertrauen und Selbstvertrauen darin? Wie macht Vertrauen offene Konflikte möglich und erzeugt es dabei gleichzeitig?
Der Erfahrungsraum, auf den ich mich hier beziehe, ist metropolitane und mehr oder weniger bürgerlich. Aber das Problem der Entscheidung zwischen individualistischer Eigensicherung und der Bereitschaft, sich einander anzuvertrauen, stellt sich überall auf der Welt.
Durch unseren Alltag verläuft eine unsichtbare Grenze. Diesseits organisieren wir 8 unsere Lebensbedürfnisse aus unserer eigenen Kraft, unserem Wissen, unseren Erfahrungen und mit der Hilfe von Menschen, die uns nahe stehen oder wohl gesonnen sind. Jenseits der Grenze steht das Angebot bereit, uns die notwendigen Produkte und Dienstleistungen für Geld zur Verfügung zu stellen. Das Geld müssen wir uns verdienen, dafür Tätigkeiten ausführen, die hauptsächlich durch den notwendigen Gelderwerb bestimmt sind. Und diese Grenze ist umkämpft. Denn das Geld, das jenseits der Grenze die Regie führt, will und muss sich vermehren; es ist das Reich des Kapitals mit allen seinen Gesetzmäßigkeiten und dem Zwang, sein Herrschaftsgebiet ständig zu erweitern, hinein in den Raum der Subsistenz, der Produktion von reinen Gebrauchswerten und der Tätigkeit zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung.
Der Kampf um die Grenze ist mal mehr, mal weniger erbittert und dramatisch. Wenn ich versuche, meinen Wasserhahn selbst zu reparieren, anstatt den Klempner zu rufen, (den ich ja dann mit Lohnarbeit bezahlen muss,) oder wenn ich, statt einer Freundin das Herz auszuschütten, eine Therapeutin aufsuche (die ich ebenfalls mit Lohnarbeit bezahlen muss), dann sind das wenig spektakuläre Alltagsentscheidungen. Ich fälle sie, weil ich meine Möglichkeiten zur Selbsthilfe realistisch einschätze.
Aber wie ist es zum Beispiel, wenn ich umziehe oder meine Wohnung renoviert werden muss? Mit Freund:innen wird das zu einem kollektiven Ereignis, das Spaß macht, bei dem wir voneinander lernen können und uns am Ergebnis gemeinsam freuen können. Es ist eine Gelegenheit, sich gegenseitig zu zeigen, dass man sich etwas bedeutet, und bei der man ganz nebenbei praktische Erfahrungen miteinander macht. Ich könnte eine Umzugsfirma oder eine Malerfirma beauftragen (die ich wiederum auch mit meiner Lohnarbeit bezahlen muss); dann geht die Sache schnell und „professionell“ vonstatten; ich selbst muss mich nicht weiter damit befassen. Und je nachdem, wie man es betrachtet, entgeht mir etwas oder bleibt mir etwas erspart.
8 Wer ist „wir“ – die Frage stellt sich, sobald der Leser, die Leserin dieses begriffliche Netz nach sich ausgeworfen sieht. „Ich und meinsgleichen“ könnte ich übersetzen, ohne dass das viel hilft.
Das „Ich“ kann ich beschreiben: Seit über 50 Jahren immer neue Versuche, mit immer neuen „Wirs“ den kapitalistischen Selbstverständlichkeiten und Zwängen zu begegnen. Theoretische und praktische Suche nach Wegen, nicht-kapitalistisch oder womöglich antikapitalistisch zu leben und sich zu vernetzen. Stichworte: Solidarische und subsistente Ökonomie, Kollektivität, Nicht-Kommerzialität. Alle diese Versuche in einem – weltweit gesehen – winzigen Segment von Realitäten, die durch Privilegien und dem damit einhergehenden beschränkten Blick gekennzeichnet sind.
„Meinsgleichen“ sind die Menschen, mit denen ich diese Anstrengungen geteilt habe oder die anderen Orten Ähnliches ausprobiert haben. Unser Blick ist beschränkt, unsere Bedingungen sind privilegiert und beileibe nicht einfach übertragbar. Dennoch gehe ich davon aus, dass es überall in der Welt die Sehnsucht danach gibt, nicht nur zu überleben, sondern in selbstbestimmten und solidarischen Strukturen zu leben. Ob unsere Erfahrungen und die Schlüsse, die ich hier daraus ziehe, für andere in anderen Lebenszusammenhängen trotz der großen Unterschiede nützlich sein können, weiß ich nicht. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als es mir zu wünschen.
SUBSISTENZ UND GELDWIRTSCHAFT – EIN KAMPFVERHÄLTNIS
Auch bei diesem Beispiel wird das Kampfverhältnis vielleicht nicht wirklich deutlich, denn die Malerfirma oder das Umzugsunternehmen versucht im Allgemeinen nicht, mir mit aller Kraft die Selbsthilfe madig zu machen. Nehmen wir ein drittes Beispiel. Mein Toaster ist kaputt. Ich habe Werkzeug und versuche, ihn selbst zu reparieren. Das Werkzeug habe ich mir gekauft, damit ich mir selbst helfen kann, und genau mit diesem Versprechen wird es mir angeboten. Jetzt stelle ich fest, dass der Toaster auf eine Weise verschlossen ist, dass ich mit meinem Werkzeug nicht weiterkomme. Ich habe zwei Möglichkeiten: mir weiteres Spezialwerkzeug zu kaufen oder den Toaster eben wegzuworfen und einen neuen zu besorgen. Entweder Toaster kaufen oder Spezialwerkzeug kaufen: Sieg nach Punkten für die Kapitalfraktion.
Für die absichtliche Verhinderung von Selbsthilfe gibt es viele Beispiele; denken wir nur an hermetisch verschlossene Handys oder das Verfallsdatum von Software. Aber auch die Rebellion dagegen formiert sich immer wieder neu, z.B. in Foren, in denen Alltagswissen und Tricks ausgetauscht werden. Jedes Verbot kann übertreten werden, jedes Hindernis kann umgangen werden. Jede Übertretung kann mit einem neuen Verbot belegt und jede Umgehung wiederum behindert werden, usw. Darin besteht der Kampf.
Aber warum verteidigen wir das Reich der Subsistenz, der Selbsthilfe und Eigenversorgung? Einmal natürlich, weil wir uns den ständigen Neukauf und all die angebotenen Dienstleistungen vielleicht schlicht nicht leisten können. Aber auch, weil wir darin einander zugewandt, autonom und frei sein können, weil wir kooperativ sein können, während unter der Herrschaft des Geldes der Kampf um den eigenen Vorteil die Verhältnisse bestimmt und die Beziehungen untereinander konkurrenz- und tendenziell feindselig werden.
Ist es so einfach? Nein. Das Reich jenseits der Grenze verspricht individuellen Wohlstand und Absicherung (wenn man sich durchsetzen kann). Diesseits wartet viel (wenn auch selbstbestimmte) Arbeit, ständige Auseinandersetzungen über das richtige Zusammenwirken und – ja – unter Umständen auch Mangel und Verzicht. Und so ist es immer auch ein Kampf mit uns selbst, ein Kampf zwischen Bequemlichkeit und Selbstbestimmtheit, zwischen Anpassung und Rebellion.
Wie ist der Raum der Subsistenz so zu gestalten, dass wir uns trotz unserer inneren Widersprüche, trotz Unsicherheiten und vielleicht Mangel darin gut aufgehoben fühlen und es uns ein „schönes Leben“ ermöglicht? Wie ist es gegen die beharrlichen Vereinnahmungsversuche der Kapitaleseite zu sichern? Und weiter: Wie ist es zu vergrößern, die Kapitalsphäre zurückzudrängen, sodass mehr Menschen die Möglichkeit zum kooperativen, nicht Geld-vermittelten Zusammenwirken haben? 9 Was
9 Die Hoffnung, dass es einmal alle sein können, ist die Utopie hinter der Revolution!
also macht das subsistente Leben antikapitalistisch? Dieser Frage gehen die folgenden Überlegungen nach.
DIE SOZIOLOGIE ENTDECKT DIE SUBSISTENZ
Subsistenz gilt als die Wirtschaftsform, die das Überleben sichert, und zwar auf eine sehr direkte Weise. Was es früher bedeutet hat, davon haben wir alle ein Bild: Die Bauernfamilie, die mit ein wenig Feld, kleinem Garten, und ein paar Tieren „zur Not“ ihr Auskommen hat. Oder die proletarische Familie, die in ihrem Schrebergarten Gemüse anbaut oder ein paar Kaninchen hinterm Haus hält. Im Fall von Arbeitslosigkeit und Streik ermöglichte die subsistente Grundlage das „Durchhalten“. Oder die dörflichen Gemeinschaften im globalen Süden, die sich (meist durch die Tätigkeit von Frauen) eine karge Lebensgrundlage sichern können. Das ist alles – aus meiner metropolitanen Perspektive – entweder weit weg oder lange her. Subsistenz – ein Thema für Ethnolog:innen?
Seit einiger Zeit ist wieder viel von Subsistenz die Rede, und zwar nicht von Anthro- oder Ethnolog:innen, sondern von Soziolog:innen. Sie untersuchen, wie nichtmarkt- und warenförmige Weisen des Wirtschaftens und Austauschens unseren Alltag durchziehen, in Stadt und Land, bei der Produktion von materiellen und immateriellen Gütern, und welche Rolle sie spielen könnten. Offensichtlich geht es den meisten darum, wie Subsistenzproduktion sinnvoll den kapitalistischen Alltag ergänzen und abfedern kann 10 . Dahm und Schwerhorn unterscheiden in ihrem Buch „Urbane Subsistenz“ 11 dabei defensive und offensive Formen von Subsistenz. Die defensive Subsistenz sichert die Existenz in Zeiten oder Situationen von Mangel; die offensive versucht, Mängel längerfristig abzuwenden und die Daseinsvorsorge zu verbessern. Ihr Selbstorganisationswille dringt in vom kapitalistischen Betrieb verlassene oder vernachlässigte Bereiche vor, um diese mit Eigeninitiative auszufüllen, solange, bis der Staat bzw. der Markt es für sie übernimmt.
Weder das eine noch das andere entspricht einer kritischen und emanzipativen Idee von Subsistenz, zumal von kollektiver Subsistenz, die dem intensiven Wunsch entspringt, das harte kapitalistische Regime nicht nur für einige zu umgehen, sondern seine zerstörerische Kraft zu brechen, seine Macht einzudämmen.
SOZIALER METABOLISMUS
Eigentlich ist der Zusatz „kollektiv“ überflüssig. Subsistenz beruht im Grunde immer auf dem Zusammenwirken von Menschen, die sich helfen, sich ergänzen, sich oder das zum Leben Notwendige austauschen. Wenn wir ausdrücklich von kollektiver Sub-
10 Sie knüpfen damit an die politische Philosophie des Kommunitarismus an, wie sie in den USA von Charles Taylor, in Deutschland z.B. von Richard David Precht oder Hartmut Rosa vertreten wird. Sie propagieren den Gemeinsinn gegen den Egoismus, ohne die Ursachen für den Egoismus ins Visier zu nehmen.
11 Daniel Dahm, Gerhard Scherhorn: Urbane Subsistenz: die zweite Quelle des Wohlstands, München, 2008
sistenz sprechen, betont das die Perspektive auf die Art der Beziehungen, die sich durch die subsistente Tätigkeit unter den Beteiligten bildet.
In der Literatur zum Thema ist in diesem Zusammenhang gelegentlich von „Sozial-metabolismus“ die Rede 12 . Metabolismus bezeichnet Stoffwechselprozesse in der Biologie und der Medizin – in einer doppelten Bedeutung: Zum einen wechselt der Stoff seine Form oder Zusammensetzung, zum anderen wechselt er den Träger; es wird also Materie oder Energie ausgetauscht.
Das Bild des Stoffwechsels ist vielleicht geeignet, um die Austauschprozesse auf den verschiedenen Ebenen genauer zu betrachten:
Der Austausch zwischen Mensch und „Natur“ (also der uns umgebenden organischen und anorganischen Materie): Karl Marx schreibt im ersten Band des „Kapitals“: „Die Arbeit ist ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt und regelt und kontrolliert.“ Stoffwechsel – ein anderer Begriff für Arbeit.
Die zweite Ebene ist der Austausch zwischen Mensch und Mensch, das Helfen, das Beitragen, das sich-Organisieren.
Die dritte Ebene wäre der Austausch zwischen sozialen Gruppen, also im weiteren Sinne die Frage danach, wie aus den Austauschprozessen lebendiger Arbeit ein Organismus wird, wie wir uns darüber „vergesellschaften“.
Wenn man so will, könnte man auch den Austausch zwischen den ökonomischen Sphären, hier also der subsistenten, solidarischen auf der einen Seite und der kapitalistisch-verwertenden Sphäre auf der anderen als einen metabolischen Prozess auffassen, in dem allerdings nicht friedlich zusammengetragen, sondern um die Verwertbarkeit heftig gerungen wird.
SOLIDARISCHE UND MORALISCHE ÖKONOMIE
Um zu sehen, wie sich die Austauschbeziehungen im gemeinsamen Produzieren gestalten, möchte ich kollektive Subsistenz in den größeren Zusammenhang der Formen von Solidarischer Ökonomie einordnen. Hierzu zähle ich alles Kooperieren und Austauschen, das sich in einem mehr oder weniger ausbalancierten Gleichgewicht zwischen den Akteur:innen befindet. Der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Gruppe und Gruppe ist in einer Art dynamischen Balance. Entscheidend für meine Zuordnung ist, dass die Prozesse von der Bereitschaft zur Kooperation gekennzeichnet sind und dass dies auch voneinander angenommen wird.
12 z.B. Christian Boldt-Mitzka, „Historische Theorie der Subsistenz“, Bielefeld 2015
Historisch hat die Solidarische Ökonomie ihren Vorläufer in der „Moralischen Ökonomie“, wie Edward P. Thompson sie für die englische Landbevölkerung des 18. Jahrhunderts beschreibt 13 , die sich der Knute der Lohnarbeit zu widersetzen versuchte. Der Begriff der Moralischen Ökonomie legt dabei den Schwerpunkt auf das gesellschaftlich geteilte Gefühl für das, was fair und gerecht ist.
ANEIGNUNGSÖKONOMIE
Im Gegensatz dazu braucht die kapitalistische oder „politische“ Ökonomie die Dynamik der ständigen Ausweitung. Wachstum ist für die kapitalistische Produktion keine Möglichkeit, sondern eine Existenzbedingung, ein unendlicher Wettlauf unter endlichen Bedingungen. Das bindende Element, das unter diesem Prinzip alle Vergesellschaftung prägt, ist die Konkurrenz und die Grundannahme, dass das Gegenüber eher Gegner:in als Partner:in ist.
Zum Selbsterhalt ist jeder teilnehmende Organismus gezwungen, sich immer weiter aufzublähen. Damit befindet sich der Stoffwechsel in keinem Gleichgewicht, sondern in einer fatalen Dynamik der Ausweitung, des erzwungenen Wachstums, bis hin zu einem Kipppunkt, der sich in Krisen, Kriegen und Katastrophen manifestiert oder über diese herbeigeführt wird.
Die Basis für jede kapitalistische Entwicklung ist dabei die Umwandlung aller Aspekte des Lebens in Geld-vermittelte Tauschprozesse, die einen Profit abwerfen, also die Anhäufung von Kapital ermöglichen, und die Umwandlung von vorgefundenen Ressourcen in Eigentum.
Das, was in der klassischen marxistischen Terminologie „ursprüngliche Akkumulation“ genannt wird, ist dabei keineswegs ursprünglich im historischen Sinn. Es findet ein permanenter und sich permanent erneuernder Aneignungsprozess von Ressourcen jeder Art statt, der nach jeder ökonomischen, sozialen oder politischen Krise neue Nahrung findet. Und diese Aneignung beruht auch nicht auf fairen Verträgen, die im Prinzip allen offen stehen würden, sondern sie geschieht durch Gewalt oder List, durch Raub, Diebstahl, Betrug oder Manipulation. Eine „clevere“ Geschäftsidee entpuppt sich bei näherem Hinsehen oft als Ausnutzen eines Informationsgefälles, einer Mangelsituation oder einer Zwangslage. 14 In dem Sinn ist Kapitalismus die Systemgewordene Ungerechtigkeit!
13 Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt M 1987
14 Ein Tatbestand, der übrigens streng genommen das Geschäft nach §138 des Bürgerlichen Gesetzbuches nichtig machen würde! „(2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.“
ANGEEIGNETE RESSOURCEN
Die Stoffe und Stoffwechselprodukte, die dabei angeeignet oder auch anderen enteignet werden, sind vielfältig und entgehen oft unserer unmittelbaren Aufmerksamkeit: Es ist nicht nur der Boden, seine Fruchtbarkeit und die darin verborgenen Rohstoffe, nicht nur die Meere mit ihrem Reichtum, die Luft, das Grundwasser und vor allem die Arbeitskraft der dem Lohndiktat unterworfenen Menschen. Genauso werden tradiertes Wissen oder neue Ideen angeeignet, ebenso die Ergebnisse menschlichen Zusammenlebens wie zum Beispiel Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft, selbst Empörung und Angst. Spendenbereitschaft wird „bewirtschaftet“, wie es so harmlos heißt, oder auch das Bedürfnis, sich zu informieren, an der gesellschaftlichen Kommunikation teilzunehmen.
„Bewirtschaftung“ heißt, Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die auf die angesprochenen Bedürfnisse reagieren, sich an die Stelle traditioneller gegenseitiger Hilfe schieben und diese langfristig verdrängen.
NEOLIBERALE INWERTSETZUNGS-DYNAMIK
Der Neoliberalismus hat seit den 1980er Jahren mit der Privatisierung aller irgendwie erreichbaren staatlichen und öffentlichen Institutionen die Bereiche gesellschaftlichen Handelns in ein verwüstetes Feld der Profitmaximierung verwandelt. Gleichzeitig wandern mit dem nomadisierenden Kapital auch die Arbeitsplätze um die Welt oder verschwinden im Orkus der Automatisierung. Im globalen Süden wird die Ausbeutung hemmungslos, und in den Metropolen verschwinden gesicherte Arbeitsverhältnisse. Praktika, Projekte-Hopping, Drittmittel-Forschung, Zeitarbeitsverträge, immer mit der drohenden Bürgergeld-Minimalversorgung vor Augen, bestimmen die Arbeitswelt und die Biografien der Menschen. JedeR wird gezwungenermaßen zur Vermarkter:in seiner/ihrer selbst.
Das hat Konsequenzen für unseren Umgang miteinander, die bis tief in die persönlichen Verhältnisse hineinreichen. Bekantschaften werden zu Kontakten, die im „Networking“ als zukünftige Sprungbretter gepflegt werden. Entscheidungsmöglichkeiten werden als Optionen so lange, wie es geht, offengehalten, um keine Chancen zu verspielen. Biografien müssen nach Karriere aussehen. Der eigene Name wird zum Markenzeichen, an dessen Bekanntheit, also Verwertbarkeit, mit allen Mitteln der sozialen Medien gearbeitet wird. Das Ja-Sagen, das Alles-toll-Finden, der Verzicht auf jede Art von Widerspruch – außer gegen bereits öffentlich aussortierte Meinungen – wird zum durchgängigen Verhaltensmuster. Schließlich könnte sich aus jedem Kontakt, jedem Informationszugang soziales oder kulturelles Kapital gewinnen lassen!
HUMAN RESOURCES
Im Kampf um ein abgesichertes, „erfolgreiches“ Leben werden die Verhältnisse kannibalisches. So ist die Sorge, von seinem Gegenüber instrumentalisiert, als mögliche Ressource betrachtet zu werden, durchaus berechtigt. Arglosigkeit und Gutgläubigkeit im Umgang miteinander weichen dem Misstrauen und dem Bedürfnis, sich gegen eine befürchtete Ausnutzung abzusichern.
Weil wir der Grundstimmung, die den ganzen gesellschaftlichen Raum durchzieht, nicht ausweichen können, wirkt diese auch in die Verhältnisse hinein, in denen wir uns solidarisch miteinander zu organisieren versuchen. Wir wissen nicht, wie haltbar unsere Beziehungen wirklich sind und ob unsere Gefährt:innen nicht schon morgen ihre wissenschaftliche Karriere oder ihr neues Geschäftsmodell auf unserer gemeinsamen Arbeit aufbauen, während wir ohne Absicherung zurückbleiben.
Die Veränderungen haben einen Domino-Effekt. Noch vor zwanzig oder dreißig Jahren ging man in Projekte solidarischer Ökonomie mit der Zuversicht: Wenn es hier endet, wird es wohl woanders weitergehen! Man musste also keine individuellen Sicherheiten im Hintergrund schaffen, man konnte die Ergebnisse der eigenen Arbeit guten Gefühls anderen überlassen, weil man ja woanders vergleichbare Ergebnisse vorfinden würde. Das individuelle Horten von Zukunftsoptionen stand nicht so im Zentrum der Lebensentscheidungen 15 . Auf diese Zuversicht ist auch das Konzept der PaG 16 aufgebaut. Sonst wären wohl die Wenigsten bereit, Zeit, Geld und Mühe in ein Projekt zu stecken, das sie nach dem Scheitern ihrer Gruppe möglicherweise aufgeben müssen. Polemisch könnte man die veränderte Situation so formulieren: Großmut, Altruismus und die Bereitschaft zum Vertrauen muss man sich leisten können! Das ist für die praktischen Ansätze kollektiver Subsistenz unter neoliberalen Randbedingungen natürlich fatal.
FORMEN SOLIDARISCHER ÖKONOMIE
Wenn es um die Frage geht, wie unter solchen Bedingungen Formen solidarischer Ökonomie Bestand haben und sich auch noch ausweiten lassen, können wir deshalb das wachsende individuelle Sicherheitsbedürfnis und ein möglicherweise ebenfalls gewachsenes Misstrauen untereinander nicht außer Acht lassen.
Der uns umgebende gesellschaftliche Raum ist von einem ständig zunehmenden Sicherheitsbedürfnis gekennzeichnet: Exklusion auf der Basis von Eigentumsrechten bestimmt das Alltagsleben. Alles wird abgeschlossen, verschlüsselt, versichert. Wie sollte es möglich sein, sich in diesem Raum einander zu öffnen, sich aus der Perspektive der Sicherheitslogik „fahrlässig“ zu verhalten? Schauen wir auf uns selbst: Wie ist es uns
15 Das ist vielleicht die positive Interpretation des 80er-Jahre Slogans „no future!“
16 Die Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PaG) und die Stiftung Dissidente Subsistenz stellt Gruppen Grundstücke und Häuser für deren Zwecke zur Verfügung, ohne sie ihnen zu übereignen.
möglich, unsere eigenen Ressourcen – Zeit, Arbeit, materielle Mittel – einander anzuvertrauen, ohne Rückversicherung?
Ich möchte zur Beantwortung dieser Frage drei Formen Solidarischer Ökonomie untersuchen, die ich zunächst danach unterscheide, welche Rolle Vertrauen auf der einen Seite und Absicherung auf der anderen darin einnehmen. Anschließend will ich diese Unterscheidung wieder infrage stellen und zeigen, dass die Übergänge fließend sind und dass sich zwischen den Polen „Vertrauen“ und „Sicherheit“ ein kontinuierliches Feld aufspannt, das von einem zunehmend formalisierten Gerechtigkeitsverständnis gekennzeichnet ist. Das macht es vielleicht möglich, kollektive Subsistenz in diesem Feld einzuordnen und die Bedingungen für ein Gelingen besser und konkreter in den Blick zu nehmen.
SCHENKÖKONOMIE
Etwas schenken bedeutet die einseitige Aufgabe eines Eigentumsanspruchs. Da Eigentum die Materialisierung von Sicherheit ist, ist Schenken die einseitige Aufgabe von Sicherheit. Was tritt an die Stelle dieser Absicherung? Das Vertrauen darauf, dass im Notfall jemand anderes mit der gleichen Bereitwilligkeit schenken oder helfen würde? 17
Die Schenk-Ökonomie durchzieht, oft unbemerkt, unseren Alltag. Genau genommen schenken (und helfen) wir dauernd, bzw. werden beschenkt und erhalten Hilfe. Vom Mitbringsel über den (kostenlosen) Rat bis zum Türaufhalten kommen wir in den Genuss von Geschenken, die den Alltag angenehm und freundschaftliche Verbundenheit sichtbar machen. Zu einem Teil der ökonomischen Basis wird es allerdings erst, wenn es mehr als eine Geste ist, und das setzt meist feste und enge Beziehungen voraus. Klassischerweise sind Familienstrukturen und enge, langjährige Freundschaften durch bedingungsloses Schenken und Helfen gekennzeichnet, oder auch geschlossene Gruppen mit festen gemeinsamen Vorstellungen wie zum Beispiel Kommunen oder Ordensgemeinschaften.
Was Eltern ihren Kindern geben, erwarten sie nicht zurück. Wenn Kinder ihren Eltern im Alter beistehen (mal vom Spielen auf ein mögliches Erbe abgesehen), ist das ebenfalls eine Einbahnstraße, vielleicht von Dankbarkeit gespeist oder von einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck angetrieben.
Ein metabolisches Gleichgewicht stellt sich in der Schenk-Ökonomie nur über einen langen Zeitraum oder in gedachten großen offenen Räumen der gegenseitigen Verantwortlichkeit her.
17 Die Schenkökonomie hat zwar auch eine ethnologische Seite. Wie Marcel Mauss in der Untersuchung des Potlatch beschreibt, war sie strukturbildend für bestimmte Ethnien; diese exotisch anmutende Komponente will ich hier nur am Rande erwähnen.
Wenn Überfluss verschenkt wird (Verschenkeläden, Freeboxes, Spenden), ist das zwar nicht als Aufgeben von Sicherheit, wohl aber als Verzicht auf die Akkumulation des Eigentums und damit auf einen Zuwachs an Verfügungsmacht zu betrachten. 18
Das bedingungslose Schenken, Zur-Verfügung-stellen oder Helfen ist sicherlich die Form solidarischer Ökonomie, die die meisten Freiheiten schafft. Es setzt aber, wenn es nicht einfach ein Abschmelzen von Überfluss ist, ein hohes Maß an Vertrauen, an Verbundenheit unter den beteiligten Personen voraus, und auch an Selbstvertrauen, im Krisenfall mit der Situation des Mangels zurechtzukommen. Vielleicht setzt es auch voraus, dass Verzicht und möglicher Mangel nicht nur als Schreckgespenst am Horizont erscheint, sondern als Perspektive auf eine andere Art von Lebensführung – ob besser oder schlechter, ist durchaus offen. 19
Die traditionellen Schenk-ökonomischen Zusammenhänge sind oft durch Hierarchien patriarchaler oder ideologischer Art gekennzeichnet. Es ist daher durchaus zu fragen, wieweit das Schenken freiwillig passiert, die Struktur also nicht nur außerkapitalistisch, sondern auch emanzipativ ist. Aber es gibt inzwischen z.B. mit Gruppen, die eine gemeinsame Einkommens- oder Eigentums-Ökonomie praktizieren, auch viele Beispiele von egalitären „familiären“ Strukturen 20 .
Zwei Bemerkungen noch zum Thema Schenken: Wie erwähnt bedeutet Schenken die Aufgabe (Bewertung) eines Eigentumsanspruchs, setzt also Eigentum voraus und ist damit integraler Bestandteil der herrschenden ökonomischen Ordnung. Das Eigentumsverhältnis ist janusköpfig: einerseits verbrieft uneingeschränkte Verfügungsmacht, andererseits aber auch Fürsorgeverhältnis. Das Fürsorgeverhältnis hat seinen Grund darin, die uneingeschränkte Verfügungsmacht auch in Zukunft voll aus-schöpfen zu können, aber auch darin, dass das Eigene einen „Eigensinn“ entfaltet und damit eben nicht „das Eigene“, sondern sein Eigenes ist. Wenn die Betonung auf dem Fürsorgeaspekt und damit auf der Respektierung des Eigensinns des Besitztums liegt, wird es eher gegeben als geschenkt , sozusagen seinem Eigensinn überantwortet. Es wäre also besser nicht von Schenk-Ökonomie sondern von Gaben-Ökonomie die Rede 21 .
Andererseits muss angemerkt werden, dass das „Schenken“ zu einer dominanten Geschäftsanbahnungspraxis in der Internet-basierten kapitalistischen Ökonomie ge-
18 Schenken aus Überfluss kann eine überhebliche Note haben – eine huldvolle Geste, mit der die soziale Überlegenheit demonstriert wird. In Korrespondenz dazu das demütige Schenken als Geste der Unterwerfung, um das mächtige Gegenüber Gegenüber günstig zu stimmen.
19 Es gibt ja die erstaunliche Erfahrung, dass Menschen in Krisenzeiten und auch Menschen, die selbst kaum etwas haben, oft hilfs- und Verzicht-bereiter sind, als Menschen aus gesicherten Verhältnissen.
20 beschrieben z.B. in Sigrun Preissig, Beitragen und äquivalentes Tauschen , Sulzbach 2016
21 Lewis Hyde propagiert dazu in seinem 1983, 2008 in Deutsch erschienenen Buch The Gift den schönen Dreisatz: „Geben – Annehmen – Weitergeben“. Danach gehören die Dinge sich selbst, kein Eigentums-Titel bestimmt ihre Bewegungen!
worden ist (vom Werbegeschenk bis zum kostenlosen Download) und eigentlich eine Investition darstellt, die schnell entzogen wird, wenn sie sich als nicht profitträchtig erweist 22 . Also Vorsicht: der Wolf im Schafspelz!
BEITRAGSÖKONOMIE
Während das Schenken und Helfen ein anderes Tätig-sein unterstützt, das nicht der eigenen Verfügung unterliegt, bezieht sich das Beitreten im Allgemeinen auf ein Projekt oder ein Produkt, von dem wir in irgendeiner Weise Teil sind. Es wird mit vereinten Anstrengungen etwas aufgebaut und möglich gemacht, das von allen Beteiligten gewünscht oder gebraucht wird und ihnen nützt. Nehmen wir als Beispiel das gemeinsame Anlegen eines Nachbarschaftsgartens oder eines Kinderspielfeldes oder das Entwickeln eines offen verfügbaren Software-Tools. Auch diese beiden Spielarten finden wir in unserem Alltag wieder. Das Ergebnis dieser Arbeit hat keinen Eigentumscharakter, sondern ist im Besitz von allen; es ist Almende, Gemeingut, jedenfalls gemeinsames Gut, das auf nicht näher quantifizierte Weise allen (Beteiligten) zusteht und geteilt werden kann.
Im Gegensatz zur Schenkökonomie, die auf dem Vertrauen basiert, im Bedarfsfall von jemand anderem Hilfe zu bekommen, beruht die Beitragsökonomie auf der Erwartung, dass alle Beteiligten etwas einbringen, so gut sie eben können. Das kann zeitlich oder auch nach Personen sehr unterschiedlich sein, schließt aber alle ein.
Ein metabolisches Gleichgewicht hat diese Form des ökonomischen Austausches in einem deutlich engeren Raum und Zeitrahmen als die Schenkökonomie. Es entsteht allerdings nicht durch das Quantifizieren der jeweiligen Beiträge, sondern durch das Kennen und Akzeptieren unterschiedlicher Bedingungen. Es setzt Vertrauen in die Gegenseitigkeit, erwartet sie aber auch.
Die Beitragsökonomie ist fragil, wenn die Beteiligten existenziell darauf angewiesen sind. Wieviel an Unterschiedlichkeit von den anderen jeweils mitgetragen wird, kann sich aus zwei Gründen zu einem Problem entwickeln. Einmal, wenn den Beitrags-ökonomischen Beziehungen Schenk-ökonomische Beziehungen eingelagert sind. Wenn ich einer aus der Sicht der Gemeinschaft „außenstehenden“ Person, z.B. Kinder, Eltern, Freund:innen, meine Ressourcen (Geld, Zeit, Arbeit) zur Verfügung stelle, fehlen sie unter Umständen in dem Beitrags-ökonomischen Zusammenhang. Daraus ergibt sich die Frage, ob und unter welchen Umständen Vertrauen transitiv sein kann. 23 Zum Zweiten ist die Unterschiedlichkeit des Beistehens unter den oben dargestellten Bedingungen eines alltäglichen und tiefenwirksamen Neoliberalismus' anfällig für das allgegenwärtige Misstrauen, ob der/die Andere nicht heimlich Vorteile hortet. Dazu später mehr.
22 Zitat eines ehemaligen IT-Managers aus dem Film „The social dilemma“: Wer glaubt, dass er ein Produkt im Internet umsonst kriegt, übersieht, dass er selbst das Produkt ist!
23 Damit ist gemeint: Ich vertraue dir, du vertraust X, also kann ich auch X vertrauen!
FAIRER TAUSCH
Der faire Tausch beruht auf einer Absprache der Beteiligten, wie Ressourcen (Gegenstände, Arbeit) ausgetauscht werden, also auf einer Festlegung, an die sich beide Seiten gebunden fühlen. Das zu Tauschende wird dabei mehr oder weniger quantifiziert, unter Umständen auch in Geld umgerechnet. Der faire Tausch ist das, was Thompson in seinen historischen Untersuchungen als „moralische Ökonomie“ bezeichnet. Sie unterscheidet sich vom (kapitalistischen) Marktgeschehen dadurch, dass die Beteiligten sich nicht zu übervorteilen versuchen, sondern ein Interesse daran haben, dass das Gegenüber auch zu seinem Recht kommt.
Das kann durch Verhandlungen oder besser gesagt: durch Beratungen geschehen, in denen das Äquivalenz-Denken in den Hintergrund tritt, zugunsten einer gemeinsamen Einschätzung, welchen Gebrauchswert das zu Tauschende tatsächlich für die Betroffenen hat. Wenn sie sich kennen und dadurch einen Einblick in Bedürfnisse und Möglichkeiten der jeweils anderen Person haben, erleichtert das den Verzicht auf den maximalen Eigennutzen aus dem Tausch und kann den auf den Nenner des Geldes gebrachten Äquivalenzgedanken verschwimmen lassen. Die kooperative Einschätzung des richtigen Tauschverhältnisses macht den fairen Tausch aus.
Ein metabolisches Gleichgewicht ergibt sich durch das freiwillige Einhalten der vereinbarten Äquivalenz und durch den „weichen“ Tausch im beiderseitigen Einverständnis 24 .
Der Tauschakt mag auf die beschriebene Weise fair ablaufen, wenn es Raum für Empathie und Großzügigkeit gibt. Wenn dies aber nicht der Fall ist, z.B. in einer Mangel-situation oder bei aufkeimendem gegenseitigem Misstrauen, kommt die Frage auf, ob er auch gerecht ist. Die Kategorie der Gerechtigkeit wird dabei zur Falle. Denn gerecht in welcher Hinsicht? Geht es um formale Gleichheit oder um individuelle Angemessenheit? Was ist der Maßstab, bzw. wer setzt seinen/ihren Maßstab durch? Es gibt also zwar einen fairen Tauschakt, aber keinen gerechten. Das spricht dafür, das Aufrechnen nicht als Lösung zu sehen.
UNTERSCHIEDE UND ÜBERGÄNGE
Die Schenkökonomie wird durch Vertrauen in die umfassende Struktur zusammengehalten, die Beitragsökonomie durch die Erwartung auf Ausgleich und Reziprozität unter den jeweils Beteiligten, die Tauschökonomie dagegen durch die Verpflichtung , das als äquivalent Vereinbarte einzulösen. Im letzten Fall entsteht durch die Absprache ein Anspruch, der unter Umständen auch rechtlich bindend sein kann. Denn Tauschen beruht wie Schenken auf dem Vorhandensein von Eigentum und das wird vom geltenden Recht erfasst, das Beiträgen dagegen nicht.
24 „Weichen Tausch“ nenne ich alle Tausch- und (Ver)kaufshandlungen, in denen sich die beteiligten Personen gegenseitig einen Ermessensspielraum einräumen.
Der Akt des Beitragens, so wie er hier beschrieben ist, lässt sich nicht in ein Rechtsverhältnis überführen. Das Produkt der gemeinsamen Arbeit ist allerdings formell, wenn vielleicht auch nicht ideell, das Eigentum von irgendjemand. Daraus ergibt sich eine Krisenanfälligkeit für die Zusammenarbeit, denn das eigentlich offene, gemeinsame Projekt oder Produkt könnte unter der Hand – jetzt oder später – durch Inanspruchnahme des Rechtstitels angeeignet werden.
Genauso ist es mit den Fähigkeiten, Erfahrungen, Kontakten usw., die im Rahmen der Zusammenarbeit entstehen: Sie können angeeignet werden, also individuell und unter Ausschluss der anderen weiterverwendet werden als das, was „symbolisches Kapital“ 25 genannt wird. Und da sind wir in der Sphäre der erzwungenen neoliberalen Selbstvermarktung, die auch im persönlichen Verkehr vorgefundene oder arglos überlassene Ressourcen als Starthilfe für die Absicherung privater Bedürfnisse oder den Aufbau einer eigenen Karriere zu nutzen versucht bzw. versuchen muss.
Es ist nicht verwunderlich, wenn Menschen in schenkökonomischen und in beitragsökonomischen Strukturen sich nicht so ohne weiteres in blindem Vertrauen aufeinander einlassen. Wir reden ja hier von kollektiver Subsistenz, also von einer existenziell tragenden ökonomischen Struktur, und nicht von einer den kapitalistischen Alltag tragenden Freizeitstruktur. Daher muss das Gefühl ständig erneuert werden, dass die anderen Beteiligten bzw. die ganze Struktur, in der man sich bewegt, verlässlich sind und dass sie nicht, durch einen hehren Anspruch verdeckt, ihren Eigennutz vorantreiben.
ENTSCHWINDENDES VERTRAUEN
Es wird zur zentralen Frage, wie Vertrauen entsteht und wie es sich erneuert oder nach schweren Konflikten wieder hergestellt werden kann. Wo das nicht gelingt, geht das Vertrauens-basierte Verhältnis Schritt für Schritt in ein Absprachen- und dann in ein Vertragsverhältnis über. Wenn die Beteiligten am Anfang über so etwas wie Gerechtigkeit – oder sagen wir: Balance – gar nicht nachgedacht haben, entwickeln sie jetzt eine Vorstellung oder vielleicht auch nur ein Gefühl für die Balance in der Gegenseitigkeit. Das ist der Schritt von der Schenkökonomie zur Beitragsökonomie. Wenn die Balance unterschiedlich empfunden wird, wird sie, ebenfalls Schritt für Schritt, bewertet und quantifiziert, zunächst vielleicht nur im eigenen Kopf, dann auch explizit. Die Angemessenheit der verschiedenen Beiträge, bzw. das richtige Tauschverhältnis wird formalisiert; und so steht die Beitragsökonomie mit einem Bein immer schon in der Ökonomie des Tauschens.
25 Symbolisches Kapital, auch Bildungs- oder kulturelles Kapital, nennt der französische Soziologe Pierre Bourdieu Fähigkeiten, Kenntnisse, gesellschaftliche Stellung etc., die nicht nur den Zugang zu besser bezahlten Tätigkeiten oder einflussreicheren Verbindungen ermöglichen, sondern sich dabei auch vermehren lassen, also akkumulationsfähig sind.
Dies ist meine These: Alles Schenken und Beitragen enthält immer schon den Tauschgedanken. Das Maß an Vertrauen zwischen den Beteiligten entscheidet darüber, welches Gewicht er bekommt. Die unterscheidbaren, aber doch ineinander übergehenden beschriebenen Formen bilden eine Art Achse, die das Feld der Solidarischen Ökonomie zwischen dem bedingungslosen Schenken und Helfen über das Beitragen bis zum Tauschen durchzieht, von dem grenzenlosen Vertrauen auf der einen Seite bis zur formalisierten Gerechtigkeit aufgrund des individuellen Sicherheitsbedürfnisses auf der anderen. Und nur einen Schritt entfernt, aber als Schatten immer präsent, die um ihren Vorteil konkurrierende, ungerechte, aber rechtlich abgesicherte, kapitalistische Ökonomie.
ANPASSUNGSSPIRALE
Irgendeine Erwartung auf Gegenseitigkeit, auch wenn wir es Vertrauen oder Hoffnung nennen, ist im Feld der Solidarischen Ökonomie bei den Gebenden immer vorhanden, behaupte ich. Es ist nicht unwichtig, welche Ausprägung sie hat: Vertrauen auf das (Mit-)Verantwortungsgefühl der anderen, Erwartung von spürbarer Gegenseitigkeit oder der Anspruch auf Einlösung einer eingegangenen Verpflichtung.
Auf der anderen Seite gibt es bei den Nehmenden oder den weniger Beitragenden, die sich in irgendeiner Weise defizitär fühlen, immer ein Gefühl von Schuld, besser zu bezeichnen vielleicht als ein Gefühl von Schuldigkeit oder Zuständigkeit dafür, dass in den enger oder weiter gezogenen Kreis, der sie erhält, etwas hineingegeben werden sollte – früher oder später, auf die eine oder andere Weise. 26 Dieses Gefühl von Schuldigkeit empfinden viele Menschen als eine Last, als einen unablässigen Druck, noch etwas tun oder geben zu müssen, ein Gefühl, das sie unfrei macht, weil es sie dem Erwartungsdruck der Anderen aussetzt. 27
Wenn sie sich diesem Druck nicht mehr gewachsen fühlen, suchen sie sich zu entziehen, indem sie lieber klare Absprachen treffen, Regeln einführen, lieber zahlen statt Gegenleistungen schuldig bleiben. Sie kommen damit denjenigen in den solidarischen Strukturen entgegen, die immer wieder das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, nur
26 Im Gegensatz dazu kennt aneignende kapitalistische Ökonomie zwar Schulden, also die Notwendigkeit, den Verpflichtungen aus einem abgeschlossenen Vertrag nachzukommen, weil dessen Nichteinhaltung nämlich sanktioniert würde. Aber sie basiert nicht auf der Verantwortung dafür, dass das metabolische Gleichgewicht im engen oder im weiteren Rahmen aufrechterhalten werden muss. Das beginnt mit dem Raubbau an natürlichen Ressourcen und endet (noch lange nicht) mit dem achselzuckenden Hinterlassen von Atommüll und anderem Produktionsdreck. Diese Verantwortungslosigkeit hat nichts mit der Charakterlosigkeit der Beteiligten zu tun, sondern folgt dem kapitalistischen Zwang zum Wachstum um jeden Preis. „Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer“, diese zynische Feststellung beschreibt den Mechanismus leider ziemlich genau. Insofern ist das Gerede von „Nachhaltigkeit“ in der kapitalistischen Ökonomie natürlich ein Etikettenschwindel, denn es wird unter diesem Label ganz sicher nicht weniger produziert und weniger ausgebeutet. Nichts als eine neue Maske, ein neues Betrugsmanöver
27 Warum Schuld und Schuldigkeit von Menschen im privaten Umgang als Belastung empfunden wird – in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, das vollkommen auf Schulden-machen aufgebaut ist – ist eine eigene Untersuchung wert.
reinbuttern zu müssen, auszubluten, sich zu erschöpfen. Und damit erschöpft sich auch der Großmut, beim abgesprochenen Beitragen oder dem expliziten Tauschen, das Wohl des Gegenübers als wichtiges Kriterium zu sehen, was den fairen Tausch auszeichnet. Die Abwehr eines (vielleicht nur vermeintlichen) persönlichen Nachteils wird zum Absichern des persönlichen Vorteils. So verwandeln sich Beitragsverhältnisse in Äquivalenz-Tauschverhältnisse. Aus dem offenen Feld der gemeinschaftlichen Aufgabe, des Gemeinschaftlichen Besitzes entsteht das individualisierte Eigentum, auf das ein Rechtsanspruch erhoben werden kann. Gemeinsam erworbene Fähigkeiten werden zum symbolischen Kapital, das sich verkaufen lässt. Die Bedingungen für das Überwechseln in den kapitalistisch geprägten Markt sind geschaffen.
Zusammengefasst möchte ich festhalten:
Der Tauschaspekt ist in allen Formen solidarischer Ökonomie immer schon enthalten; wie ausgeprägt, hängt von dem Spielraum ab, in dem sich gegenseitiges Vertrauen und Selbstvertrauen bilden, erhalten und regenerieren kann. Das aufrechnende Tauschen ist aber prekär, es kann das offene, Vertrauens-basierte Interagieren nicht ersetzen, weil es Unvergleichbares zu vergleichen versucht.
Vertrauen ist unter neoliberalen Bedingungen eine ebenso prekäre, stets gefährdete Beziehungs-Eigenschaft, weil die Bereitschaft dazu als Ressource bewirtschaftet werden kann und wird.
Heißt dies, dass kollektive Subsistenz und andere Formen solidarischer Ökonomie im Neoliberalismus zum Scheitern verurteilt sind? Wie kann unsere Bereitschaft, uns gegenseitig zu vertrauen, also ohne Absicherungen miteinander umzugehen, vor der zerstörerischen Vereinnahmung geschützt werden?
Die Frage hat nicht nur defensive Bedeutung: Da das Vertrauen die Kraft ist, die den Grundbedingungen den Kapitalismus – Rechtsanspruch auf Eigentum – diametral gegenübersteht, ist sie auch eine wesentliche antikapitalistische Kraft, die geeignet ist, weitere Inwertsetzungs-Dynamiken zu unterspülen.
VERTRAUEN UND VERTRAUENSWÜRDIGKEIT
Damit wird das Vertrauensproblem zur zentralen Frage: Was sind die Voraussetzungen für vertrauensvolle Beziehungen? Wie können sie sich ausdehnen? Wie sind sie übertragbar? Wie kann vermieden werden, dass Enttäuschungen zu Abbrüchen, d.h. zur Rückkehr in die Systeme individueller Absicherung führen?
Eine grobe erste Definition von Vertrauen ist: die Bereitschaft, sich der Willkür 28 einer anderen Person oder allgemeiner, einer Instanz, auszusetzen. Das Vertrauen ist immer Risiko-behaftet, weil das Verhalten der anderen Person weder einzufordern noch kalkulierbar ist. Es beruht immer auf partiellem Wissen, auf Vorannahmen oder
28 Willkür meint hier Handlungen, die nicht an Regeln, Gesetze oder Absprachen gebunden sind, sondern vollkommen der situativen Entscheidung der Einzelnen unterliegen.
auch schlicht auf Glauben im Sinne von Zuschreibungen und Erwartungen. Der Soziologe Georg Simmel hat behauptet: „Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen.“ 29 Das ist natürlich eine idealisierte Grenzbetrachtung. Tatsächlich wissen wir immer etwas und nie alles über unser Gegenüber und über die Umstände, unter denen wir miteinander verbunden sind. Und daraus ziehen wir unsere Schlüsse über die Vertrauenswürdigkeit der anderen Person.
Wie kommen wir zu einer Einschätzung über die Vertrauenswürdigkeit anderer? „Vertrauen ist fehlende Evidenz für begründetes Misstrauen“, formuliert Martin Hartmann 30 und meint damit, dass wir keine Gründe finden, der anderen Person schlechte Absichten zu unterstellen, so zum Beispiel Rücksichtslosigkeit, Feindseligkeit oder Berechnung. Hier wird deutlich, dass Misstrauen keineswegs das Gegenteil von Vertrauen ist, sondern gewissermaßen seine Tentakeln. Es funktioniert anders, aber richtet sich auf das Gleiche, nämlich die Einschätzung der anderen Person. Das Gegenteil von Vertrauen und Misstrauen ist nach der Auffassung von Hartmann die Gleichgültigkeit. Gleichgültig, so würde ich behaupten, kann mir eine andere Person nur sein, wenn sie nicht die Möglichkeit hat, mich zu enttäuschen oder zu verletzen. Das ist nur gegeben, wenn ich von ihr entkoppelt bin, also wenn die Verhältnisse zwischen uns durch Eigentumstitel und Verrechtlichung abgesichert sind.
DAS VERTRAUENSFENSTER
Ich finde die Definition von Hartmann etwas zu eng. Vertrauen schenke ich nicht nur, weil ich keinen Grund für Misstrauen sehe, sondern auch, weil es viele Vorteile bietet, anderen zu vertrauen, bzw. wir gar nicht vermeiden können, das zu tun. Nach dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann ist Vertrauen „ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ 31 . Wir gestalten die sozialen Beziehungen übersichtlicher, indem wir „einfach vertrauen“, und können uns dadurch leichter darin bewegen.
Allerdings spielt es eine Rolle, wie groß das „Vertrauensfenster“ ist, in dem wir uns der Willkür einer anderen Person aussetzen. Das Vertrauen, jemandem 50 Euro zu leihen, mit dem Risiko, sie nicht wiederzukriegen, können wir vielleicht noch aus Prinzip aufbringen, weil wir das eben richtig finden. Allerdings bevor wir der gleichen Person den unbeschränkten Zugang zu unserem Bankkonto ermöglichen, werden wir vielleicht doch nach Spuren suchen, die uns davon abhalten könnten.
Es sind bei der Vertrauensfrage also drei Bezugsgrößen im Spiel: die Vertrauensgeberin, die Vertrauensnehmerin und das Vertrauensgut, um das es geht. Das kann eine Kleinigkeit sein wie die Auskunft über den richtigen Weg; das kann aber auch die gan-
29 Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1908, S.263
30 z.B. in: Michael Hartmann, Vertrauen, die unsichtbare Macht, 2020
31 So lautet der Untertitel seines Standardwerkes Vertrauen , 1968
ze Existenz umfassen wie beim Kind, das seinen Eltern vertraut, oder dem Soldaten, der sich „für die gute Sache“ in den Krieg schicken lässt.
VERTRAUEN IN MACHTVERHÄLTNISSEN
Die beiden letzten Beispiele verweisen darauf, dass man manchmal gar keine Wahl hat. Sowohl das (kleine) Kind als auch der Soldat stehen unter der Macht ihrer „Vertrauensnehmer“; ihr Vertrauen ist im Kern die innere Akzeptanz des Ausgeliefertseins. Nach dem Edelman-Report von 2021, dem Jahr, in dem die internationalen Konzerne ihre Gewinne als Folge der Corona-Maßnahmen potenzieren konnten, ist das weltweite Vertrauen ausgerechnet in Unternehmen deutlich gestiegen, und zwar am deutlichsten in besonders ausgebeuteten Ländern wie Indien und Indonesien. 32 (Ich kann mir das nur so erklären, dass die den jeweiligen Machtverhältnissen Unterworfenen zum Schutz ihrer Selbstachtung und Integrität bereit sind, sich den Unterdrückten „schönzureden“ und sich bemühen, Ohnmacht in „Vertrauen“ zu verwandeln. Das will ich hier aber nicht weiter untersuchen.)
Auch der mächtige Vertrauensnehmer ist daran interessiert, ein bestehendes Machtverhältnis als Vertrauensverhältnis aufzufassen und darzustellen, weil es ihm die widerstandslose Nutzung des Vertrauensspielraums ermöglicht. Unter dem Stichwort „Vertrauen“ entwirft derbank-blog neue Geschäftsideen, die mittels KI ein noch effektiveres Data-Mining betreiben und die Kunden rechtzeitig und zielgenau damit bedienen. Sehr freimütig wird das so begründet: „Es geht immer darum, das „richtige“ Geschäft und vor allem auch mehr Geschäft zu ermöglichen“. 33
Vertrauen braucht immer auch eine Entscheidungsmöglichkeit – oder es ist keins. Es kann immer nur ein autonomer Akt sein. Vorsicht, wenn wir um unser Vertrauen gebeten oder dazu überredet werden! „Hör auf mich, glaube mir! Augen zu, vertraue mir!“ singt die Schlange Kaa im Disney-Film „Dschungelbuch“, um den kleinen Mowgli davon zu überzeugen, dass sie es gut mit ihm meint. Dabei wickelt sie ihn langsam ein.
Die Bank will unser Vertrauen, aber sie vertraut uns nicht. Die Regierung will unser Vertrauen, aber sie vertraut uns nicht. Beide wollen den Spielraum, den das Vertrauen einräumt, ohne ihn ihrerseits zu gewähren. Das macht misstrauisch.
Kann es überhaupt ein einseitiges Vertrauensverhältnis geben? Möglicherweise doch; auch dies ist wieder von Vertrauensgut oder Vertrauensfenster abhängig. Auf einem bestimmten Gebiet kann es sein, dass ich einer anderen Person voll und ganz vertraue, von ihr das gleiche aber überhaupt nicht erwarte. Wenn diese Person umgekehrt aber nicht nur in Einzelfragen zögert, mir ihr Vertrauen zu schenken, sondern ein grundsätzliches Misstrauensverhältnis zu mir hat, werde ich wahrscheinlich doch
32 https://www.edelman.de/research/edelman-trust-barometer-2021
33 https://www.der-bank-blog.de/data-driven-banking/marketing/3768311/
Zweifel an ihrer Vertrauenswürdigkeit, also an dem ihr unterstellten Wohlwollen bekommen und auch selbst vorsichtiger werden.
VERTRAUEN ODER SICH-VERLASSEN
Hartmann differenziert hier zwischen Vertrauen und Sich-verlassen-auf. Einer Institution oder einer technischen Einrichtung können wir nicht vertrauen, allenfalls den Menschen, die dahinter stecken, falls wir sie kennen oder wir uns eine Vorstellung von ihnen machen. Trotzdem „vertrauen“ wir der Bank unser Geld an. Hartmann sagt, wir verlassen uns auf sie, was unter Umständen zu einer Ernüchterung oder Enttäuschung führen, also einen Nachteil für uns bedeuten kann, aber nicht so eine tiefgreifende Verletzung erzeugt, wie ein erschüttertes Vertrauen sie bewirkt. „Kann ich mich auf dich verlassen?“ fragt nach etwas anderem als: „Kann ich dir vertrauen?“ Beim ersten geht es um die Einhaltung von Regeln und Absprachen, beim zweiten ist das Terrain viel unsicherer und weiter gefasst; es geht um ein allgemeines Wohlwollen und moralische Standards. Gebrochenes Vertrauen erzeugt Empörung und hinterlässt ein Gefühl der allgemeinen Verunsicherung, unter Umständen auch einen Einbruch im Selbstvertrauen, dass man sich so krass täuschen konnte.
Der möglichen Gefährdung steht der Wunsch, ja, die Sehnsucht, nach tragfähigen Vertrauensverhältnissen gegenüber. Das Leben ist so viel einfacher, wenn ich nicht alle Türen abschließen muss. Und es macht so viel mehr Freude, wenn ich mich nicht ständig absichern muss, anderen mein Herz öffnen kann, und wenn ich bedenkenlos die Verantwortung mal jemand anderem überlassen kann. Und – das ist ja der Zusammenhang dieser Überlegungen – Vertrauensverhältnisse sind der Schlüssel zu nicht-warenförmigen, nicht Eigentums- und Vertrags-basierten Verkehrsformen.
OFFENHEIT UND SICHTBARKEIT
Also noch einmal die Frage: Wie entsteht Vertrauen, was hilft uns, so eine Beziehung aufzubauen? Wie können wir sie aufrechterhalten? Und was tun, wenn wir das Gefühl haben, uns getäuscht zu haben?
Wir können pauschal und zunächst unscharf sagen: die Offenheit unseres Gegenübers ist eine Grundbedingung. Damit ist mehr gemeint als Aufrichtigkeit im Sinne eines Verzichts auf Lügen oder taktisches Verschweigen, Verdrehen oder Bemänteln. Offenheit meint zum Teil mehr, zum Teil anderes; es meint die Sichtbarkeit der inneren Verfasstheit eines anderen Menschen; nennen wir es Charakter, psychische Disposition oder die gelebte moralische Grundhaltung. All dies ist gebündelt in dem Begriff „Authentizität“. Zur inneren Verfasstheit eines Menschen zählen sowohl die Fähigkeiten als auch seine Unfähigkeiten, und diese sind – aus Gründen, die noch betrachtet werden sollen – sogar bedeutender für das Entstehen von Vertrauen.
Die Offenheit der anderen Person kann von dieser bewirkt oder zugelassen werden. Dann handelt es sich um jemanden mit wenig Angst, also mit wenig innerer Notwen-
digkeit, sich zu verstecken oder zu verstellen. Wir können uns eine Vorstellung davon machen, wie sie mit dem, was wir ihr anvertrauen wollen, umgehen wird. Die Offenheit kann aber auch situativ entstehen, wenn wir eine Person z.B. in einer Situation erleben, in der sie ihren Eindruck auf andere nicht kontrollieren kann oder will, in der sie sich spontan und intuitiv verhält. Das können Not- und Ausnahmesituationen sein, in denen schlicht die Kraft fehlt, eine Fassade aufrechtzuerhalten.
Vertrauensverhältnisse entstehen oft in Krisenzeiten. Aber auch die gemeinsame Praxis erzeugt Vertrauen. In Arbeits- und Alltagserfahrungen erleben wir eine Person nach und nach in sehr verschiedenen Situationen, die unser Bild von ihr formen. So bildet sich Vertrauen einerseits recht spontan Personen gegenüber heraus, die Offenheit und Authentizität ausstrahlen, andererseits ist es eine Funktion der Zeit, in der eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Erfahrungen mit jemandem gemacht wird.
VERTRAUEN AUS UNVERMÖGEN
Paradoxerweise kann gerade das Unvermögen einer Person zu einer Vertrauensbasis werden, ihr Scheitern, ihr Zusammenbruch, ihr Versagen. Und das aus zweierlei Gründen.
Wie oben dargestellt, ist das neoliberal geformte Alltagsverhalten durch Maskeraden gekennzeichnet: immer lächeln, immer zustimmen, immer höflich und verbindlich sein, immer alles offen halten (ohne wirklich offen zu sein ). Das scheint eine Einladung zum Vertrauen zu sein – der man aber nicht recht trauen mag; sie könnte sich als trügerisch erweisen. Denn lächeln, sich höflich und verbindlich zeigen sind Kulturtechniken; man kann sie lernen, sie gehören zur Performance eines bürgerlich-gewandten Auftretens.
Das Gegenteil ist nicht so leicht: Wer übelläunig, abweisend, unhöflich oder schroff ist, tut das im Allgemeinen nicht aus Berechnung. Entweder ist es ihm/ihr nicht so wichtig, einen positiven, einen „vertrauenserweckenden“ Eindruck zu machen, oder es ist ihm/ihr nicht möglich. Auf jeden Fall kann eine Vertrauensgeberin relativ sicher sein, es nicht mit einer Maskerade zu tun zu haben und eben auch nicht mit der Absicht, das Vertrauensbonus zu erschleichen 34 . Das soll kein Plädoyer für einen ruppigen Umgang miteinander sein, nur umgekehrt darauf hinweisen, dass Freundlichkeit zwar eine Einladung zum Vertrauen sein kann, aber nicht unbedingt eine Grundlage dafür.
Der zweite Grund dafür, dass auch das Unvermögen oder Scheitern einer Person nicht ausschließt, ihr Vertrauen zu schenken, liegt darin, dass wir diese Person vielleicht weniger fürchten müssen. Ihre Macht über uns hat sich als begrenzt gezeigt. Wenn wir ihr den Spielraum geben, den wir „Vertrauensvorschuss“ nennen, kann
34 Ein schönes Wortspiel verbirgt sich in dem – meist positiv konnotierten – Ausdruck des „gewinnenden“ Auftretens. Wer soll gewonnen werden? Wer gewinnt? Und was eigentlich?
sie uns nicht wirklich schaden. Mit anderen Worten: durch das Scheitern oder das offen zutage getretene Unvermögen hat die andere Person ein „menschliches Maß“ angenommen; sie braucht ihrerseits Verständnis und muss vertrauen, dass ihre Fehler nicht gegen sie verwandt werden. Wer mächtig und fehlerlos ist, braucht nicht zu vertrauen. Wer selbst verwundet ist, hat Verständnis – oder sagen wir besser: eine Antenne – für die Verwundbarkeit anderer. Das ist eine Basis für Empathie und Reziprozität, die einen Vertrauensspielraum eröffnen, wenn sie auch kein Garant dafür sind.
CARTE BLANCHE
Eine möglicherweise provokativ wirkende Frage ist: kann Vertrauen überhaupt enttäuscht werden? Spontan würde man „Ja, selbstverständlich!“ antworten. Aber schauen wir uns die Definition von oben an: die Bereitschaft, sich der Willkür einer anderen Person auszusetzen. Die Akzeptanz der Willkür bedeutet ja gerade, auf die Wertung, wie die Willkür genutzt wird, zu verzichten. Vertrauen ist eine Carte Blanche. Wenn ich bestimmte Vorstellungen oder Vorgaben dazu habe, wie der eingeräumte Spielraum von der anderen Person genutzt werden soll, oder was das Ergebnis sein soll, dann habe ich ihn eben nicht eingeräumt. Und es handelt sich eher um das von Hartmann abgegrenzte sich-Verlassen-auf.
Einfaches Beispiel: „Ich vertraue deiner Aussage!“ Das bedeutet, dass ich auf die Prüfung der Richtigkeit oder Wahrhaftigkeit der Aussage verzichte. Insofern kann ich nicht enttäuscht werden.
Der ausdrückliche Kontrollverzicht ist ein wesentlicher Bestandteil des Vertrauens. Erwartungen können enttäuscht werden, vielleicht Erwartungen, die an das Einräumen des Vertrauensspielraums geknüpft waren. Dann aber ist die Frage zu stellen, ob es sich um ein strategisch eingeräumtes Vertrauen handelt, das eben keines ist. Es ist ein Manöver, um die Vertrauensnehmerin in die Pflicht zu nehmen, ohne den Wunsch nach einer bestimmten Verhaltensweise explizit auszusprechen.
ÜBERTRAGUNG VON VERANTWORTUNG
Um verständlich zu machen, wie dieses Manöver funktioniert, muss ich die oben formulierte Definition von Vertrauen ausweiten: Es geht nicht nur um das Einräumen eines Willkürspielraums, sondern auch um die Übertragung der Verantwortung dafür, wie er genutzt wird. Das ist der Vertrauensnehmerin im Allgemeinen auch bewusst. Und es kann durchaus ein Grund sein, das Vertrauen einer anderen Person gar nicht annehmen zu wollen.
Verantwortung ist ein weiterer, schwerwiegender Begriff für das Zusammenspiel in kollektiven Strukturen. Sehr weit ausgelegt bedeutet er, die Konsequenzen, die aus einer Handlung entstehen, auf sich zu nehmen, dafür „gerade zu stehen“, könnte man formulieren. Wörtlich genommen heißt er zunächst nichts anderes als die Bereitschaft, auf (prüfende) Fragen zu antworten, also das eigene Verhalten zu rechtferti-
gen. Wem gegenüber? Sicher nicht der Person gegenüber, die mit der Übergabe ihres Vertrauens auch die Verantwortung für das Vertrauensgut abgegeben hat. Eventuell den anderen Beteiligten gegenüber, vor denen sich auch die Vertrauensgeberin selbst hätte verantworten müssen. Möglicherweise muss sich die Vertrauensnehmerin aber auch nur sich selbst gegenüber verantworten. Eine gewählte Abgeordnete – wenn wir mal den idealisierten Fall annehmen, dass sie das Vertrauen ihrer WählerInnen besitzt – ist laut Gesetz nur ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich. „Gewissen“ ist ein anderes Wort für die oben erwähnten moralischen Standards, und zwar nicht im Sinne einer – möglicherweise zur Schau getragenen – Überzeugung, sondern als gelebte, in der Praxis sichtbare, innere Wertvorstellungen.
VERTRAUENSMISSBRAUCH
Nach dieser Betrachtung möchte ich auf die Frage, ob Vertrauen enttäuscht werden kann, noch einmal zurückkommen. Wenn die Vertrauensnehmerin ihre Willkür nicht durch Verantwortungsbereitschaft selbst einschränkt, kann die Vertrauensgeberin sehr wohl Enttäuschung empfinden und wird den Vertrauensvorschuss wohl nicht erneuern. Allerdings müsste sie sich genau fragen, ob sie mit dem Ergebnis nicht einverstanden ist oder mit der Haltung der Vertrauensnehmerin dazu.
Davon abzugrenzen ist der Missbrauch von Vertrauen, der viel schwerer wiegt. In dem Fall wird der Willkür-Spielraum eigenmächtig über das gewährte Maß hinaus ausgeweitet, die übertragene Macht wird zur Erlangung von mehr Macht gebraucht. Ein Beispiel, um den Unterschied deutlich zu machen: Einer Person im Kollektiv wird die Kasse des Projektes anvertraut; sie erweist sich als nicht so umsichtig und genau, wie die Aufgabe es erfordert und wie die anderen angenommen haben; die Finanzlage wird immer undurchsichtiger und prekärer. Das ist das Risiko, das mit dem geschenkten Vertrauen in Kauf genommen wurde. Bedient sie sich daraus aber insgeheim für eigene Bedürfnisse oder benutzt sie die Macht über das Geld, um damit Maßnahmen zu ermöglichen, die sie als einfaches Kollektivmitglied nicht hätte durchsetzen können, dann hätte sie das Vertrauen missbraucht.
Der Missbrauch von Vertrauensräumen löst Empörung aus und hinterlässt einen großen Schaden. Die Vertrauensgeberin ist nicht einfach enttäuscht , sondern sie fühlt sich getäuscht : der Missbrauch ist mit Absicht geschehen! Die Verantwortungsbereitschaft den anderen gegenüber fehlt, das Gewissen der Vertrauensnehmerin funktioniert nicht oder jedenfalls anders als angenommen oder vorgespielt. Die moralischen Standards weichen von denen der Vertrauensgeberinnen empfindlich ab.
ERKENNBARKEIT IM KONFLIKT
Damit sind wir wieder bei der Frage, wie diese inneren Wertvorstellungen und ganz allgemein: das tatsächliche Verhältnis zu den anderen erkennbar werden. Ich hatte schon gesagt: in Ausnahme- oder Stress-Situationen, in denen die Selbstkontrolle
zusammenbricht. Eine andere Situation, in der Vertrauensbeziehungen unter Druck geraten, aber auch – wiederum paradoxerweise – entstehen können, sind Konflikte! Es gibt signifikante Verbindungen zwischen den beiden Beziehungsformen Vertrauen und Konflikt. Deshalb möchte ich diesem Thema den letzten Teil meiner Überlegungen widmen.
Der Begriff „Konflikt“ deckt ein weites Bedeutungsspektrum ab, das von der einfachen Meinungsverschiedenheit über sich gegenseitig behindernde Interessen, verbissene Richtungsstreits bis zum offenen Vernichtungskampf reicht. Konfliktforscher:innen unterscheiden verschiedene Stufen, die sich hinsichtlich ihrer Schwere, ihres Verletzungspotentials, aber auch hinsichtlich der Möglichkeit zur Beilegung durch Verständigung oder Schlichtung unterscheiden. 35 Kriegerische Handlungen zur Vernichtung oder Bestrafung des Feindes möchte ich hier nicht weiter betrachten; ich glaube, dass Vertrauen, wie auch immer geartet, darin kaum noch eine Rolle spielt. Interessant sind allerdings die Übergänge, also was die Eskalation bei der Intensivierung und Ausweitung des Konfliktgeschehens vorantreibt.
MEINUNGEN UND ÜBERZEUGUNGEN
Bei einer reinen und harmlosen Meinungsdifferenz ist es möglich, sich hinzusetzen und die zugrunde liegenden Fakten oder Hinweise gemeinsam zu prüfen und dann zu entscheiden, wer in seinen Annahmen richtig lag, wie bei einer mathematischen Aufgabe, bei der zwei Beteiligte zu einem unterschiedlichen Ergebnis gekommen sind. Warum ist es oft so schwer, eine Meinungsverschiedenheit auf diese Weise beizulegen (abgesehen davon, dass die Beweise sich selten so einfach erzeugen lassen wie in der Mathematik)? Ich denke, weil es dabei oft nicht mehr um Meinungen, sondern um Überzeugungen geht. Die Überzeugung ist in viel stärkerem Maß zu einem Teil der streitenden Person geworden. Die Meinung ist gewissermaßen das Hemd, die Überzeugung aber die Haut. Ich glaube, die meisten können aus Selbstbeobachtung bestätigen, wie schwer es fällt, eine einmal gewonnene Überzeugung infrage zu stellen und vor allem: infrage stellen zu lassen. Fakten, die sie zu bestätigen scheinen, werden wie Trophäen vorgezeigt, solche, die sie widerlegen, werden ignoriert oder uminterpretiert. Unter den Streitenden entstehen Überzeugungsgemeinschaften, und Zweifel führen nicht nur zur Bedrohung des eigenen Identitätsgefüges, sondern auch zur Isolation in der Gemeinschaft. So entstehen die fatalen Überzeugungsblasen und Echokammern.
Im Innern der Blasen herrscht ein – wie ich sagen würde – unheilvolles Vertrausklima, das von einer Wagenburg-Mentalität getragen ist: „Der/die Andere gehört zum selben Lager, also wird er/sie schon Recht haben mit dem, was er/sie sagt, auch wenn ich es nicht wirklich nachvollziehen kann! Ich bin entschlossen, seiner eingenommenen Position zu vertrauen. Auf keinen Fall widerspreche ich, denn das würde die
35 Siehe Friedrich Glasl, Konfliktmanagement , 2023
Position der Gruppe im Konflikt mit anderen Überzeugungslagern schwächen!“ Der Konflikt ist hier bereits Machtkampf, das Vertrauen untereinander nichts anderes als internalisierter Konformitätsdruck. Dazu gehört, den Mitgliedern des anderen Überzeugungs-Lagers grundsätzlich mit Misstrauen zu begegnen. Es scheint sicher, dass ein Zugeständnis an Vertrauens-Spielraum über die Lager-Grenze hinweg auf jeden Fall missbraucht und zur Ausweitung an Macht und Einfluss der jeweils anderen Seite benutzt würde.
VERTRAUEN ÜBER GRÄBEN HINWEG
Was passiert, wenn ich einer Person, die mir deutlich misstraut, trotzdem mein Vertrauen schenke? Ich gehe das Risiko ein, verletzt zu werden, und zeige das auch. Ich weiß (und die andere Person weiß, dass ich weiß) dass sie gute Gründe hat, mich nicht zu schonen. Wenn ich mich dagegen nicht schütze, sondern ihr geradewegs die Tür dazu öffne, kann sie das auf dreierlei Weise interpretieren und sich in ihrem Misstrauen bestätigt fühlen:
Mein Vertrauensvorschuss ist strategisch gemeint; ich habe die Absicht, seinen Missbrauch zur „Demaskierung“ der anderen Person zu benutzen. Das Geschenk ist vergiftet.
Mein Vertrauen stammt, wie oben beschrieben, aus reiner Ohnmacht, ist also Unterwerfung und Ausdruck von fehlender Selbstachtung. Das Geschenk ist nichts wert.
Mein Vertrauen ist risikolos, weil ich weiß, dass die andere Person mir nichts anhaben, mich nicht verletzen kann; es ist in Wirklichkeit eine Demonstration meiner Überlegenheit. Das Geschenk ist eine Ohrfeige.
Die Hindernisse für ein Vertrauen über Gräben hinweg sind groß, aber nicht unüberwindbar. Vielleicht muss das Angebot wiederholt werden, vielleicht muss das Gegenüber erst realisieren, dass ich zur Not bereit bin, eine mir zugefügte Verletzung zu ertragen, bevor mein Friedensangebot ernst genommen wird. Vielleicht muss mit Mitteilungen und Fragen ausgelotet werden, ob die andere Person bereit ist, sich aus der Umklammerung ihres Lagers zu lösen, nicht um Teil eines anderen Lagers zu werden, sondern adressierbare Einzelperson mit eigener Position, eigenen Entscheidungen und eigener Verantwortungsbereitschaft.
VERTRAUEN IN DIE EIGENE RESILIENZ
Noch einmal verschiebt sich der Fokus: Was macht es mir möglich, „einseitig abzurüsten“, eine Verletzung zu ertragen, ihre Möglichkeit tatsächlich in Kauf zu nehmen? Diese Frage stellt sich nicht nur in verhärteten Konfliktsituationen, wenn auch da in besonderem Maße. Teil einer Antwort kann sein: Selbstvertrauen, die Erfahrung von Resilienz und Klugheit: Ich habe keine bodenlose Angst vor einer möglichen Verletzung; ich muss sie nicht um jeden Preis vermeiden, weil ich bereits die Erfahrung
gemacht habe, dass ich dadurch nicht völlig entwurzelt werde! Das Vertrauen auf die eigene Resilienz kann man lernen, wenn man möglichen Gefahren eher entgegen-erkennbar und schafft die nötige Nähe für Empathie und Reziprozität. Sie schafft auch die Bedingungen dafür, dass mein Gegenüber sein grundsätzliches Misstrauen mir gegenüber infrage stellen kann und seinerseits mit einem Vertrauensspielraum antwortet.
Die aufrichtige, im beschriebenen Sinn „authentische“, also nicht strategische Bereitschaft, eine Verletzung zu riskieren, macht mich meinem Gegenüber als Mitmensch erkennbar und schafft die nötige Nähe für Empathie und Reziprozität. Sie schafft auch die Bedingungen dafür, dass mein Gegenüber sein grundsätzliches Misstrauen mir gegenüber infrage stellen kann und seinerseits mit einem Vertrauensspielraum antwortet.
LATENTE UND MANIFESTE KONFLIKTE
Entscheidend ist in jedem Fall die direkte Auseinandersetzung, denn nur darin können neue Erfahrungen miteinander gemacht werden. Es kommt also darauf an, latente in manifeste Konflikte zu überführen.
Der latente Konflikt ist ein unausgesprochener, aber spürbarer Dissens zwischen zwei oder mehreren Personen, ein unterschiedliches Wollen, gegensätzliche Interessen, sich gegenseitig behindernde Rollen in der Gruppe. Dieser Dissens ist mit Vorurteilen über die jeweils andere Person aufgeladen und wird von der misstrauischen Interpretation von allem, was diese macht oder sagt, weiter genährt. Im manifesten Konflikt wird der Dissens explizit – durch geäußerte Kritik, aber auch durch Vorwürfe, Angriffe oder Unterstellungen, nicht zuletzt durch Provokationen, die die Sichtbarkeit von Konflikten erzwingen. Die kritisierte Person muss sich nun auch äußern, anderenfalls erlangen die Behauptungen der Angreiferin vor den Augen der übrigen Beteiligten Gültigkeit. Es kommt (im günstigsten Fall) zum Austausch von Argumenten oder (im weniger günstigen Fall) zu verbalen oder tätlichen Angriffen mit hohem Verletzungspotential.
Auf den ersten Blick erscheint es so, dass es – zur Herstellung von Nähe und Vertrauen – in jedem Fall gut wäre, einen latenten in einem manifesten Konflikt zu überführen. Denn nur durch das Explizit-Werden von Vorurteilen und Unterstellungen können diese hinterfragt und so von einer allgemeinen Voreingenommenheit zu einem konkreten (und lösbaren) Dissens eingegrenzt werden. Damit wäre die Grundlage zu einem Perspektivwechsel und zur Möglichkeit von Empathie gelegt.
Allerdings kann eine latente Konfliktualität auch das Ergebnis eines ausgetragenen Konfliktes sein, nicht nur seine Vorstufe. Denn nicht jeder Konflikt lässt sich „lösen“. Vieles, vielleicht sogar das meiste an Unterschiedlichkeiten und Interessensgegensätzen lässt sich vielleicht nur „ertragen“, und die offene Auseinandersetzung hat lediglich zur Folge, die Bereitschaft dazu herzustellen. Dennoch ist der Gegensatz nicht aufgehoben, sondern schlummert als latenter Konflikt – vom Grummeln bis zum
handfesten Trauma – unter der Oberfläche der Beziehung, bis er durch aktuellere Anlässe neu bestätigt und zusätzlich aufgeladen wird.
Die Gefahr besteht – oder je nach Perspektive: die Option – die latente Konfliktualität durch die Ziehung von Grenzen zu befrieden, die Beziehung zu entkoppeln damit das Dauer-Unwohlsein loszuwerden. Was als persönliche Schutz- und Entspannungsmaßnahme nur allzu verständlich ist, ist systematisch betrachtet der Schritt in die kapitalistische Gesellschaftsordnung: individuelle Rechte gegeneinander geltend machen, das Eigene definieren, es gegen den vermuteten Expansionswillen der andern absichern und mehren, usw.
TEMPORÄRE GRENZEN
Wenn man das als Rückschritt empfindet und vermeiden möchte, ergibt sich die Frage, wie ein nicht lösbar erscheinender Dissens dauerhaft zu ertragen ist, und was überhaupt „ertragen“ heißt. Es bedeutet ja, mit einem Gefühl der permanenten Gefährdung der eigenen Interessen zu leben. Ich kann meine Ideen dazu nur andeuten. Vielleicht muss man dem Impuls widerstehen, Dauerlösungen anzustreben und mehr nach situativen Entlastungsmöglichkeiten suchen, Teilungs-, Trennungs- und Sicherungsmaßnahmen rückholbar gestalten und ihre aktuelle Notwendigkeit immer wieder neu prüfen.
Die Möglichkeit von neuen Erfahrungen mitzudenken, Sicherheiten immer wieder aufzugeben, sich einem Konflikt neu auszusetzen, erfordert die gleiche Risikobereitschaft und das gleiche, im Grunde positive Menschenbild wie die Bereitschaft zu vertrauen. Was gäbe es für Gründe, die mühsam gewonnene individuelle Freiheit, in Harmonie und Sicherheit zu leben (endlich eigenes Zimmer, eigene Küche, eigenes Konto!) wieder infrage zu stellen? Die gleichen, die es für das Geschenk des Vertrauens gibt:
Das (Selbst)vertrauen auf die eigene Resilienz, also die Überzeugung, auch von Verzicht und Mangel nicht ins Unglück gestürzt zu werden.
Die Lust am Wagnis, die mit einer Erweiterung der Welt um ihre verunsichernden Faktoren belohnt wird.
Die Aussicht auf Freundschaften, auf tragfähige und hilfreiche Beziehungen. Denn die Bereitschaft, auf Grenzen und Rechte zu verzichten, zu vergessen und Neuanfänge zu probieren, ist ansteckend, wenn sie nicht, wie oben beschrieben, Ausdruck von Unterwerfung oder von Überheblichkeit sind.
NICHT-KAPITALISTISCH ODER ANTIKAPITALISTISCH?
Ich habe versucht zu zeigen, wie die kapitalistische Ökonomie, zumal die neoliberal zugespitzte, die kollektive Subsistenz und auch alle anderen Formen von solidarischer Ökonomie permanent bedroht, an ihren Grenzen knabbert und sie innerlich erodiert.
Ich bin der Frage nachgegangen, wie wir uns mit Vertrauens- und Konfliktbereitschaft dagegen schützen können, auch wenn dieser Schutz immer temporär und fragil bleiben muss. Es bleibt die Frage, ob dabei mehr zu gewinnen ist als jene „freien Zonen“, in denen es uns gelingt, eine Vertrauensbasis zu entwickeln und mit wenig Hierarchie und frei von Konkurrenz miteinander zu leben und zu arbeiten. Die Frage ergibt sich umso mehr, als das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ja keine Abneigung gegen solche eingegrenzten Experimentierfelder hat, wie wir wissen.
Wir werden mit unseren Versuchen von kollektiver Subsistenz, von Beitragen, Schenken und fairem Tausch das kapitalistische System nicht aushebeln. Wir können aber unsererseits an seinen Rändern knabbern, ohne Angst und mit Vertrauens- und Konfliktbereitschaft in die konkurrenten Beziehungen und Verhältnisse vordringen und die verschütteten Bedürfnisse nach zugewandter Kooperation freilegen.
Die wichtigste Bedingung dafür ist, die Schutzwälle zwischen „uns“ und „denen da drinnen“ niederzureißen. So wie die Gefährten:innen in den solidarischen Projekten nicht frei vom Schielen auf die kapitalistischen Versprechungen auf Erfolg und Sicherheiten sind, besitzen andererseits auch die ganz gewöhnlichen Menschen in ganz gewöhnlichen Berufen und Lebenssituationen die Fähigkeit zu Kooperation und die Sehnsucht nach einem unentfremdeten Dasein.
Muten wir uns ihnen zu! Suchen wir Berührungspunkte, gehen in einen metabolischen Austausch, in dem konkurrente, feindselige und formalisierte Verhältnisse die Chance haben, sich in Vertrauensverhältnisse zu verwandeln! Machen wir Lust auf solidarische Beziehungen, machen wir Lust darauf, Schwellenängste zu überwinden, indem wir selbst unsere Schwellenangst überwinden! Laden wir ein dazu, auf Absicherungen zu verzichten, indem wir selbst uns dem Wagnis der Unsicherheit aussetzen!
Und zeigen wir, dass die kollektive Selbstorganisation – materiell und mental – der beste Schutz gegen die Zumutungen des kapitalistischen Normalzustandes ist!
Kritiken zum Text „Revolutionäres Vertrauen“
von Bolle, Carmen, Klaus, der PaG-Lernwerkstatt
VON BOLLE 36
Ich kann die meisten Deiner Gedanken nachvollziehen und finde sie nicht abwegig. Meine Stellungnahme wünscht sich, Dir eine Auseinandersetzung mit Deinem Text zu liefern, die hilfreich ist.
Auch wenn Du Dich als Subjekt zu erkennen gibst, sprichst Du davon, DIE Erfahrungen zu verarbeiten und wechselst dabei zwischen persönlichen Erfahrungen und Deinen allgemeinen Beobachtungen, aus denen Du Deine Schlüsse ziehst. Dabei setzt Du die Gültigkeit Deiner Schlüsse als gegeben.
In dem Zusammenhang erscheint mir der Bezug und die Art des Bezuges auf die Vertrauensfrage als beengend. Z.B. schreibst Du, dass unter „neoliberalen Bedingungen“ das Vertrauen ständig der Erosion ausgesetzt ist. Wäre das nicht eine zu untersuchende Frage, welche Bedingungen das Vertrauen zwischen Menschen und Gruppen erodieren lassen? Um nicht den Fehler zu machen, ausschließlich beim Neoliberalismus stehen zu bleiben und Bedingungen auch miteinander vergleichen und dann unterscheiden zu können.
Auch finde ich den Neoliberalismus zu wenig selbsterklärend, um zu dem Schluss zu kommen, dass nur noch zu allem ja gesagt wird und alles toll gefunden wird. Das Prägende auf der ökonomischen Ebene im Kapitalismus und Neoliberalismus ist doch eben die Perversion der Innovation. Auf der Ebene der Produktivität arbeiten sich doch die Widersprüche dieser Wirtschaftsweise an Mensch und Natur und aneinander ab – mit den auch von Dir richtig beschriebenen Folgen. Das Auflehnen gehört systemimmanent zum Erfolg dazu – und sei es noch so taktisch angelegt.
Der von Dir beschriebene Dominoeffekt im Verschwinden gemeinsamer Verbindlichkeit hin zu individueller Absicherung und/oder Vereinzelung ist, denke ich, ein Merkmal der Experimente unserer Generation. Also biographisch nachvollziehbar. Nur gibt es ja auch in unserem Alter jene (kleine) Menge von Übriggebliebenen, die weiter versuchen, was gemeinsam zu machen – und denen das Vertrauen ineinander und zueinander nicht verloren gegangen ist.
Die nächstjüngere Generation, die wir auf dem Karlahof und in Wukania 37 treffen, erscheint mir da bereits „ausdauernder“. Die Ursachen dafür wären interessant zu
36 Heinz Bollweg, geb. 1955, seit vielen Jahren in unterschiedlichen kollektiven Strukturen mitarbeitend oder beratend tätig, Gründungsmitglied der PaG.
37 Ein Projekthof in Biesenthal, der ebenfalls zur PaG (s.o.) gehört.
ermitteln. Unter anderem erlebe ich ja gerade von den etwas Jüngeren, dass uns gegenüber mehr Vertrauen (auch gerade im Sinne von uns annehmen, wie wir erkannt werden) als teilweise unter uns – und insbesondere gegenüber unserer Vorgängergeneration – möglich ist bzw. war.
Das mit dem „Großmut, Altruismus und Bereitschaft zu vertrauen“ als vereinende Aufzählung finde ich schwierig. Wenn ich mich selber betrachte, nehme ich Großmut nicht für mich in Anspruch. Altruismus ist nicht mein Ding.
Die Bereitschaft zu vertrauen dagegen ist da und ist experimentierfreudig. Immer aber ist mein Vertrauen von persönlicher Entscheidung, vom Einschätzen der Gegenüber abhängig. Und ich habe leider auch schon Vertrauen kriminellen, gestörten Persönlichkeiten gegenüber gehabt. Die hatten mich angezogen, weil ich als Kind nicht mit den Schmuddelkindern spielen sollte. Dies, obwohl selbst in Armut aufgewachsen – und gleichwohl aufgrund der Bürgerlichkeit suchenden Klassen-Illusion meiner Mutter von „meinesgleichen“ separiert.
Trotz einiger schlechter Erfahrungen überwiegen die positiven Erfahrungen mit Vertrauen!
Eine Ursache dafür ist auf jeden Fall, seine Umgebung so zu wählen, dass Vertrauen und Widerspruch gefragt sind. Also vielleicht ein Hinweis darauf, wie „Ertüchtigung“ aussehen könnte.
Dazu gehört aber in jedem Fall das Bewusstsein, dass es mir (z.B.) mehr nutzt als schadet, wenn ich mir dementsprechend Menschen aussuche. Von Bewusstsein und dem Verstehen der Wirkungsmächte ist in Deinem Text wenig die Rede – auch wenn Du ja einige Wirkungsmächte versuchst zu erklären.
Da Du Dich ja auch mit meinem Zugang zu verwandten Themen auseinandergesetzt hast, was ich sehr schätze, war für Dich doch zu erkennen, dass ich gerade die Gegenvorstellung (zum Vertrauenskonzept) einer umfassenden Erfassung von Bedürfnissen (des Verbrauchs) – und die damit verbundene umfassende Kontrolle ablehne. (Ich bin sogar geneigt, diese Ansätze als Finte des Kapitals zu verdächtigen).
Was das „sich leisten können“ angeht, stimme ich Dir nur zu, wenn wir den Begriff weg vom Monetären öffnen. Sich „leisten können“ hieße doch in einem umfassenden Sinne, über die psychischen, sozialen und materiellen Voraussetzungen für gegenseitiges Vertrauen zu verfügen.
Dem entspricht doch wohl der akzeptable Wunsch, dass wir uns selbst nicht schaden wollen.
Das ist ja nun für uns beide nicht darauf eingeengt, „Verluste“ zu erleiden – sondern eben auch: nicht verletzt zu werden. „Leisten können“ bedeutet dann ja auch nichts
anderes als, dass nur wer selbstbewusst ist und sich sorgsam seine Vertrauten aussucht, sich dem Verletzt-werden freiwillig aussetzen kann.
Ist Vertrauen deshalb elitär?
Irgendwie meine ich, schon. Denn häufig ist ja tatsächlich selbst das, was Vertrauen genannt wird, eine Funktion von Ohnmacht. Ein Kind ist ohne Vertrauen in seine SorgenInnen nicht überlebensfähig. Und wir wissen wiederum, welche Schäden (gerade auch für die späteren Mitmenschen) entstehen werden, wenn das Vertrauen von Kindern massiv missbraucht wird.
Erkennbar hier aber auch, dass sich alle Menschenkinder (klein und groß) vom lebensnotwendigen Urvertrauen (weil ohnmächtig) emanzipieren müssen. Wenn wir so wollen – und so wollen wir offenbar – hin zu einer Vertrauensfähigkeit unter Gleichen. Nur so erscheint Gleichberechtigung überhaupt möglich, wenn erwachsene Menschen nicht weiterhin Urvertrauen – oder dessen traumatisierte Reste – gegenüber den Überlegenen haben. Sondern ein „dialektisches Vertrauen“. Was durchaus alle positiven Aspekte von Vertrauensverhältnissen beinhaltet, die Du auch benennst. Wahrscheinlich ist die gemeinsame Analyse der persönlichen Vertrauenssubstanz untereinander eine notwendige Technik, um da weiterzukommen.
In jedem Fall gehört aus meiner Sicht aber dazu, als vertrauensbildende Maßnahme Vereinbarungen und Verträge miteinander zu schließen. Das sehe ich offensichtlich anders als Du. Für mich bilden Absprachen und nachvollziehbare Vereinbarungen, also „Verträge“, die Basis der Vertrauensbildung. Damit ist nicht der bürgerliche Begriff von „Brief und Siegel“ gemeint. Wohl aber das Ausbalancieren der Interessen und Möglichkeiten. Denn da gilt meiner Meinung nach die Regel der gleichberechtigten Fürsorge: Vereinbaren kann nur der freie Wille unter der gegenseitigen Überprüfung, ob die jeweiligen Gegenüber überhaupt in der Lage und willens sind, sich an die Vereinbarung zu halten.
Hier gewinnt plötzlich der wenig verwandte Begriff des Zutrauens an Bedeutung: Es gibt zahlreiche Menschen, denen ich vertrauen kann, dass sie mir nicht schaden wollen. Es gibt aber immer nur sehr spezifisch von mir beurteilte Menschen, denen ich spezifische Fähigkeiten zutraue. Da komme ich überhaupt nicht raus. Und ich kann mir keine gesellschaftliche Situation vorstellen, in der dies je unerheblich würde.
Deshalb stehe ich auch dem transitiven Vertrauen sehr misstrauisch gegenüber. Wie jemand anders einen Film beurteilt? Mit wem man über was sprechen kann? Eine Arzt-Empfehlung nach eigener Erfahrung? Natürlich steht die Skepsis gegenüber der Transition der Vorstellung im Wege, Vertrauen in größeren „anonymen“ Strukturen zu denken. Quasi als gesellschaftliches Fundament. Aber gerade dafür gibt es ja in der Geschichte erschreckende Beispiele der Übertragung. Vielfach hat das zu Verrat geführt und häufig korrumpierend gewirkt.
Ich befürchte, intrinsische Schuldgefühle, von denen du sprichst, sind direkt nicht zu beseitigen. Mein Sohn hat mir gegenüber z.B. das Schuldgefühl, etwas leisten zu müssen. Er empfindet es als belastend, dass er besonders von mir nicht mit Leistungsanforderungen konfrontiert wird. Das erhöhe den Druck auf ihn. Da kann ich aber nichts machen. Wie solche Schuldgefühle entstanden sind, muss immer hinterfragt werden. Eine weniger neurotische, gesellschaftlich erforderliche, milde Form ist sicher das Verantwortungsgefühl. Das möchte ich wiederum nicht missen, sondern kultivieren.
Wie oben geschildert, sind für mich klare Absprachen und gemeinsam entwickelte Regeln kein Gegensatz zu Vertrauensverhältnissen. Sie sind für mich vielmehr ein Werkzeug derselben.
Unter diesem Gesichtspunkt kann ich Deinen abstrakt ausgedrückten Appellen, Anforderungen und Vorzügen einer vertrauensbasierten Sozialität nicht einfach zustimmen. Da sie abstrakt und umfassend sind, lasten Deine Anforderungen schwer auf den Lesenden, ohne dass die Vorzüge sich als erstrebenswert abbilden können.
Ich denke, wir verstehen unter revolutionärem Vertrauen bzw. Bewusstsein (old school) Unterschiedliches.
VON CARMEN
Zu der Textstelle „Und – das ist ja der Zusammenhang dieser Überlegungen – Vertrauensverhältnisse sind der Schlüssel zu nicht-warenförmigen nicht Eigentums- und Vertrags-basierten Vergesellschaftungsformen.“
Noch nachgefragt: Warum eigentlich?
Unterschied von Vertrauen und sich Verlassen auf: „Das bedeutet, dass ich auf die Prüfung der Richtigkeit oder Wahrhaftigkeit der Aussage verzichte. Insofern kann ich nicht enttäuscht werden.“
Das halte ich für Quatsch. Den Verweis auf die formale Definition (Akzeptanz der Willkür) hilft nicht darüber hinweg, dass wir normalerweise nicht blind sind, falls sich eine Person unvertrauenswürdig verhält. Kurzum: Vertrauengeben ist ja kein einmal festgelegter formaler Zustand, sondern ein sich immer wieder herstellender Prozess einer sozialen Interaktion.
Mögliche Gründe für den Schritt aus der Sicherheits- in die Vertrauenszone: Hier fehlt mir etwas, m.E. ein wichtiger Aspekt bei der Annäherung an deine Frage: die Bereitschaft, sich mit der eigenen inneren, seelischen, psychischen Verfasstheit auseinanderzusetzen, eigene Konflikt- und Überlebensmuster zu erkennen, die eigenen Traumatisierungen (wir sind meistens selbst von traumatisierenden Beziehungserfahrungen geprägt) als Bestandteil von ‚sich (gegenseitig) nicht ertragen können‘ zu erkennen. Müssten wir – um uns gegenseitig vertrauen zu können – nicht erstmal
„Ja“ sagen zu einem aufarbeitenden Therapieprozess, um unsere eingeschränkten Kontakt-, Beziehungs- und Vertrauensfähigkeiten zu erkennen, zu bearbeiten und zu überwinden?
„zumal das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ja keine Abneigung gegen solche eingegrenzten Experimentierfelder hat, wie wir gesehen haben“
Wo haben wir das gesehen? Und inhaltlich: nur solange sie eingegrenzt, möglicherweise profitverwertbar und nicht Systemgefährdend sind...
„...ohne Angst und mit Vertrauens- und Konfliktbereitschaft in die konkurrenten Beziehungen und Verhältnisse vorging und die verschütteten Bedürfnisse nach zugewandter Kooperation freilegen.“
Hier ist Raum für mehr! Unsere Bedürfnisse nach zugewandter Kooperation – und zwar trotz Unterschiedlichkeiten, nach versöhnlichem und sinnstiftenden Miteinander, nach einer Sozialität, die unserem Menschsein gerecht wird.
VON KLAUS 38
Deine Überlegungen zur solidarischen Ökonomie habe ich gelesen.
Inhaltlich kann ich nicht viel zur Diskussion beitragen, das steht mir schon deshalb nicht zu, weil ich gar nicht über die Erfahrungen verfüge, die den Hintergrund Deines Textes bilden. Du wendest Dich an Erfahrungsgenossen.
Emotional haben Deine Gedanken und Betroffenheiten einiges in mir ausgelöst und wachgerufen. Vor allem ist mir – wieder mal – bewusst geworden, wie eng Eigentum und Psyche miteinander verquickt sind. Du fächerst diesen Zusammenhang breit und eindringlich auf – und damit bin ich erst mal beschäftigt. Beim Lesen hab’ ich gespürt, was sich körperlich in mir abspielt: Eigentumsverlust, Angst vor Unsicherheit, aber auch Resignation gegenüber dem, was möglich sein könnte.
Scharoun 39 hat mal über die Berliner Philharmonie gesagt, dass das eine Architektur ist, die besser von den Menschen denkt, als sie sind (das macht Musik immer). Was möglich sein könnte unter Menschen, darüber denkst Du doch nach. Das lässt sich nicht abschließen und wegräumen, das lässt sich bestenfalls eine Zeit lang unterbrechen. Ich kann nicht genau beschreiben, was mich umtreibt bei der Frage nach meinem Verhältnis zum Eigentum oder auch zum Geld, es hat zu tun mit Leben und Sterben und verästelt sich in die eigene Triebstruktur. Was im Urgrund schlummert und von welchen erotischen bzw. antierotischen Kräften ich getrieben bin – da gibt es Nebel mit gelegentlichen Blitzen.
38 Klaus Möser, geb. 1944, Architekt, Lehrer, Kunstsachverständiger; seit Jahrzehnten politisch-kultureller Gesprächspartner der Herausgeberin.
39 Hans Scharoun, 1892-1972, Architekt der Berliner Philharmonie
Ich habe mich beim Lesen Deiner Ausführungen an zwei Texte erinnert, die ich vor langer Zeit gelesen habe: Horst Kurnitzky hat etwas geschrieben über die „Triebstruktur des Geldes“ und Georges Bataille über „die Aufhebung der Ökonomie“. Damals habe ich das noch als intellektuelle Auseinandersetzungen auffassen können, mittlerweile frage ich mich, wieviel Freiheit ich mir zumuten kann und wie es mit meinen Zukunftsvorstellungen – die ja über mich hinausgehen müssen, um welche zu sein – aussieht. Nüchterne Bilanz oder romantische Verklärung?
Ich schreibe Dir das alles mit einem gewissen trockenen Humor ohne irgendeine Anklage. Aber mitunter muss ich doch lachen über die eigenen Ungereimtheiten. Also – so viel kann ich sagen – Deine Ausführungen sind angekommen und ich danke Dir dafür.
VON DER PAG-LERNWERKSTATT 40
Beim Treffen der Lernwerkstatt haben wir vor allem über den Teil des Textes geredet, bei dem es um Vertrauen ging. In unserer Diskussion wurde erst einmal klargestellt, dass sich im Text Vertrauen v.a. auf das Vertrauen in selbstorganisierten Projekten beziehen würde. Dabei sei weniger das Vertrauen in sogenannten Feierabendprojekten, wie die Lernwerkstatt, gemeint, sondern eher Projekte, welche die Lohnarbeitszeit in Anspruch nehmen würden und dazu da seien, die Grundbedürfnisse der Einzelnen zu befriedigen. Also Projekte, bei denen mehr riskiert werde.
Interessante Probleme zum Weiterdiskutieren:
Wie kann dieses Vertrauen hergestellt werden?
Ist es notwendig, die Grundsicherung in den Projekten mehr zu institutionalisieren, und nicht nur über persönliche Beziehungen, die auf Vertrauen basieren, abzusichern?
Lassen sich die Gedanken des Vertrauens auch auf normale Arbeitskollektive in Betrieben, Unternehmen, Verwaltungen übertragen?
Bei einem zweiten Treffen wurde der Text weiterdiskutiert. Dabei wurde zunächst auf den interessanten Punkt hingewiesen, dass die Projekte (auch wenn sie keine Feierabendprojekte sind), dennoch Projekte sind, die nicht einer ökonomischen Notwendigkeit entspringen wie zum Beispiel Cecosesola 41 . Dabei wurde auch diskutiert, wann Projekte größer werden wollen und wann nicht. Bei den Diskussionen mit Cecosesola wurde bemerkt, dass Cecosesola größer werden möchte, aber die Projekte in Deutschland nicht. Wir diskutierten, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Wunsch, größer zu werden, und der ökonomischen Notwendigkeit in den Projekten. Als ökonomische Notwendigkeit wurde verstanden, dass wenn die Projekte nicht
40 https://wukania.net/page/wukania-de/lernwerkstatt.php
41 Verbund von Kooperativen in Venezuela, https://wukania.net/page/wukania-de/lernwerkstatt.php
mehr funktionieren, Menschen nicht mehr ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Hier gibt es, so die These, die wir diskutierten, einen Zusammenhang mit dem Vertrauen. Die These ist, dass je größer die ökonomische Notwendigkeit, desto größer das notwendige Vertrauen.
Hier kamen wir nun darauf, dass es eventuell verschiedene Formen von Vertrauen gibt, die in unseren Diskussionen immer wieder durcheinandergehen. In Immas Text meint Vertrauen, dass jemand einem nichts Böses will. In dem, was wir bisher diskutierten, meinte Vertrauen eher das Vertrauen, dass jemand zuverlässig seine Aufgabe erledigt. Man könnte dann noch weitergehen und sagen, Vertrauen ist gar nicht personenabhängig, sondern das Vertrauen besteht in den ganzen sozialen oder gesellschaftlichen Zusammenhang an sich. Als Beispiel wurde die Beitragsökonomie genannt. Man vertraut dann, dass wenn man selbst einen Beitrag leistet, alle anderen auch ihren Beitrag leisten und man die Güter bekommt, die man braucht.
Es kam dann die Frage auf, ob dieses Vertrauen naiv sei. In einer Gesellschaft gebe es immer wieder Menschen, die sich auf Kosten anderer bereicherten. Es müssten Wege gefunden werden, wie mit diesen Menschen umgegangen werde. Es könne nicht, so der Einwurf, einfach auf die moralische Forderung, einen Beitrag zu leisten, gesetzt werden.
Hier kamen wir zu einem Dissens: Einerseits müsste Vertrauen daraus resultieren, dass man die Erfahrung macht, dass es funktioniert. Als Positiv-Beispiel wurde das Prinzip der weißen Kasse 42 in manchen Kollektivprojekten genannt. Das wäre dann Vertrauen darin, wie etwas gemacht wird, und nicht in den Menschen. Andererseits gab es die Meinung, dass es Institutionen geben müsse, dieses Vertrauen sicherzustellen (die Institutionen heute seien Rechtsprechung und Polizei).
VON NIKLAS (LERNWERKSTATT)
Eine Fragestellung die mich in der Beschäftigung mit Immas Text bewegt, will ich nochmal kurz skizzieren.
Von den verschiedenen Ökonomietypen, die Imma im ersten Teil ihres Textes beschreibt, interessiert mich eigentlich nur die Beitragsökonomie, denn nur hier sehe ich durch die Abschaffung des Privateigentums eine wirkliche Alternative zum Kapitalismus und durch das freiwillige Beitragen eine wirkliche Alternative zu bürokratischer/staatlicher Herrschaft.
Inwiefern kommt es in beitragsökonomischen Projekten auf das Vertrauen meiner Mitstreiter*innen an? Brauche ich nicht vielmehr ein Vertrauen in das grundsätzliche Funktionieren des Projektes, seiner Strukturen und gilt das nicht noch vielmehr für eine beitragsökonomische Gesellschaft? Kann ich ganz entspannt damit sein, dass ich
42 Jedes Mitglied zahlt nicht anonym, aber nach eigener Einschätzung für die gemeinsamen Lebenshaltungskosten ein. Wenn es nicht reicht, wird in einer zweiten oder dritten Runde nachgelegt.
weiß, dass nicht alle mit voller Kraft ihren Beitrag leisten, vielleicht die Beiträge anderer sogar ausnutzen, wenn trotzdem das Ganze weiterhin funktioniert? Oder anders gesagt, muss ich dem Bäcker vertrauen, den ich eventuell noch nicht einmal kenne, wenn ich zuverlässig immer meine Brötchen bekomme? Oder anders herum, was nützt mir das Vertrauen in den Bäcker, wenn ich meine Brötchen nicht bekomme?
Ein konkretes Beispiel, die sogenannte „WhiteBox“ in Wukania: Diskutiert und gestartet durch das erste Wohnprojekt, benutzen alle Wohnprojekte in Wukania dieses System und auch die Beiträge der Projekte an die PIV funktionieren so. Alle Bewohner*innen in Wukania bezahlen keine Miete, sondern leisten einen völlig selbstgewählten Beitrag in die Kasse ihres Wohnprojektes. Die Höhe der Beiträge wird nicht diskutiert, ist aber vollkommen transparent, deswegen „WhiteBox“ und nicht wie ganz ursprünglich mal angedacht „Blackbox“. In dieses Solidarsystem hab' ich Vertrauen, weil es funktioniert. Mein Vertrauen ist also aus einer funktionierenden Praxis heraus entstanden, unabhängig von meinem Vertrauen in die einzelnen Bewohner*innen von Wukania. Da gibt es einzelne, die aus meiner Sicht eigentlich mehr in die gemeinsamen Kassen stecken könnten, aber das ist mir schlussendlich egal, weil das System an sich funktioniert.
VON ARNO (LERNWERKSTATT)
Von den drei Formen der „solidarischen Ökonomie“ interessiert mich primär die „Schenk-Ökonomie“.
Imma fragt: „Was sind die Voraussetzungen für vertrauensvolle Beziehungen? Wie können sie sich ausdehnen? Wie sind sie übertragbar? Wie kann vermieden werden, dass Enttäuschungen zu Abbrüchen, d.h. zur Rückkehr in die Systeme individueller Absicherung führen?“
Genau diese Frage würde ich gerne diskutieren, aber nicht mit Bezug auf die angeführten Autoren, sondern auf „unsere Empirie“. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich viel „Material“ angesammelt, haben sehr viele Menschen in unterschiedlichen Phasen mit vertrauensvollen Gruppen „experimentiert“ – und auf dieser Grundlage bewegen wir uns auch aktuell mit z.B. den drei Projekten in der PaG 43 , mit den Versuchen der Schleudergang. Die folgenden Beobachtungen und Bemerkungen in Immas Text berühren wichtige Aspekte – aber ich denke, dass sie immer noch zu allgemein-abstrakt sind. Ich würde mir für mich/uns/unsere Gespräch eher wünschen, dass wir die Offenheit untereinander zuzulassen versuchen:
43 Wohn- und Lebenszusammenhänge in Templin (Karlshof), Biesenthal (Wukania), Leipzig (A&V); siehe https://gegenseitig.de
Wie und wobei habe ich Vertrauen entwickeln können, wobei ist es mir abhanden gekommen, hat sich verflüchtigt, ist sogar zu schmerzlicher Enttäuschung geworden, welche Beziehungen will ich deshalb auf keinen Fall mehr eingehen?
Wie geht es mir aktuell in Liebesbeziehungen, engen Freundschaften, festen Gruppenzusammenhängen, größeren überpersönlichen Strukturen wie der PaG, Netzwerken von „Bewegungen“?
Welches Vertrauen (welche Skepsis) habe ich gegenüber „unseren Zusammenhängen“, kleiner Teil einer antikapitalistischen Tendenz zu sein und zu bleiben?
Abschließend zu den Schluss-Bemerkungen von Imma: So wie die GefährhtInnen in den solidarischen Projekten nicht frei vom Schielen auf die kapitalistischen Versprechungen auf Erfolg und Sicherheiten sind, besitzen andererseits auch die ganz gewöhnlichen Menschen in ganz gewöhnlichen Berufen und Lebenssituationen die Fähigkeit zu Kooperation und die Sehnsucht nach einem unentfremdeten Dasein...
Schön (der Ausdruck mit den „ganz gewöhnlichen Menschen“ überlese ich schnell) – auch da wäre ich sehr neugierig darauf, die vermutlich nur wenigen Erfahrungen mit Menschen außerhalb unserer Blasen uns gegenseitig zu berichten.
VON BELA (LERNWERKSTATT)
Frage nach dem Menschenbild: In dem Text finde ich ein sehr individualistisches Menschenbild vor. Könnte nicht eher anders herum gedacht werden: Vertrauen ist schon da und Misstrauen entsteht erst? Im ersten Teil ist so eine Art Bild, dass die Menschen einzeln wären und sich erst finden müssen, auch für konkrete Projekte. Aber ist es nicht eher so, dass die Menschen schon zusammen sind und was zusammen machen? Manchmal auch, wenn es nichts nützt, nur um etwas gemeinsam zu machen?
Diskutieren würde ich auch gerne das „Prinzip der Vergesellschaftung“ (in diesem Zusammenhang). Denn werden die Einzelmenschen nicht eher erst hergestellt in Sozialzusammenhängen, die erst auseinandergerissen und neu geordnet werden, sodass der einsame Einzelmensch entsteht? Das Prinzip der Konkurrenz ist für mich in seiner Schärfe „nur“ auf dem Arbeitsmarkt gegeben, in den anderen Bereichen weniger. Das „Horten von Zukunftsoptionen“ finde ich in diesem Zusammenhang interessant. (Optimierung des Lebenslaufes, Reputation, Identität als „Ich-Unternehmer“).
Kooperation: Wenn man was gemeinsam macht, wer bestimmt dann? Wie viele Freiräume gibt es, wenn Rollen verteilt und Ideen bestimmt werden? Das ist auch auf die Figur der „Willkür“ bezogen, die im Text angesprochen wird. Ich hatte das eher so verstanden, dass wenn man zum Beispiel ein gemeinsames Projekt hat, jemand doch ursprünglich die Anfangsidee hatte und es geschafft hat, andere für „sein“ Projekt
zu begeistern, die dann helfen (sollen), dieses zu verwirklichen. Das schafft eigentlich auch Konflikte. Der Konflikt darüber, wo es lang geht.
Diskussion mit der PaG-Lernwerkstatt (in Stichpunkten)
Theorie und Praxis, Vertrauen in Menschen oder Strukturen,
Offenheit, Tauschlogikfreiheit
1. THEORIE UND PRAXIS
Diskussion darüber, in welchem Verhältnis Theorie und Praxis stehen. Arno möchte eher von der Praxis der Schleudergang ausgehen und die Überlegungen von Immas Text darauf beziehen. Wir beschlossen, diese Diskussion erst einmal nicht zu führen, sondern uns eher auf den Text zu beziehen. Dennoch wurde in der Diskussion oft auf die Schleudergang verwiesen.
2. MENSCHENBILD
Imma: Es ist emanzipativ, vom Einzelnen auszugehen. Das Ich hat einen Körper und entscheidet sich. Das ist auch gegen die französischen Philosophen gerichtet, die den Tod des Subjektes ausgerufen haben.
Bela: Andererseits ist der Gedanke der „Franzosen“ gut, dass das Subjekt erst hergestellt werden muss. Nicht jeder ist emanzipiert.
3. VERTRAUEN
Vertrauen im Sinne von „Wenn Du eine Aufgabe hast, dann vertraue ich Dir, dass Du sie gut erledigst“, wäre auch eine Abschiebung von Verantwortung. Fraglich, ob der- oder diejenige ein solches Vertrauen haben will. Es könnte auch so sein, dass die Person bei der Erfüllung ihrer Aufgabe begleitet und ihr geholfen wird. Es könnte auch an die Person die Frage gestellt werden, wie sie mit der Aufgabe zurechtkommt oder warum sie sich nicht beteiligt. Das Bild besteht darin, dass das Miteinander gemeinsam gestaltet wird.
Später in der Diskussion wurde Vertrauen auch mit Eigentum in Verbindung gebracht: Auch hier gibt man Verantwortung ab – Vertrauen auch als Verzicht auf Absicherung (auch Verzicht auf Eigentum). In der Diskussion fielen auch die Worte wie Risiko, Abenteuer, Experiment, etwas zu wagen. (Also stellt dies eine andere Form von Vertrauen dar. Vertrauen eher in die individuellen und kollektiven Fähigkeiten, Probleme zu lösen und mit Herausforderungen umgehen zu können.)
Es wurde auch die Frage gestellt, ob Vertrauen etwas mit Kontrolle zu tun hat. Man gibt Kontrolle ab.
Eigentum aber auch als Rückzugsraum (als Recht, für sich sein zu dürfen).
Zum Misstrauen: Unterscheidung von Misstrauen als Unterstellung, Kooperation aus Böswilligkeit, Faulheit oder Nichtkooperativität zu unterlassen, vs. Misstrauen, das Ergebnis schlecht zu finden.
Was ist das Gegenstück zum Kapitalismus? Es ist nicht Misstrauen und Vertrauen..., sondern?
4. VERTRAUEN IN STRUKTUREN
Niklas' Anmerkung zu Immas Text können eher im Sinne von „verlassen auf“ verstanden werden und weniger im Sinne von Vertrauen. (Zu Anfang der Diskussion wurde auf den Unterschied von Vertrauen und sich-Verlassen-auf verwiesen)
Die Idee des politischen Wandels, die Niklas' Anmerkung zu Grunde liegt, ist folgende: Wir sind zwar in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf Konkurrenz und Eigentum beruht, wir können aber lernen, anders zu leben. So besteht die Hoffnung, dass wenn Alternativen von Einzelnen oder Gruppen vorgelebt werden, andere davon inspiriert werden und auch so leben möchten.
Dabei soll dieses Vorleben nicht „belehrend“ sein (da herrschte Konsens zwischen Niklas, Arno und Imma) ( Ich finde den Gedanken eines nichtbelehrenden Vorlebens interessant. Ich frage mich, wie das geschehen kann, ergänzt die Protokollantin. )
Für Niklas besteht das Vertrauen darin, dass die Gruppen Risiken eingehen können und diese Risiken auch bewältigen können. Niklas' Zusatz: nicht nur in der Gruppe, sondern in der Gesellschaft. Ihm ist es wichtig, über die Gruppe hinauszugehen und sich auf die Gesellschaft zu beziehen.
5. OFFENHEIT (GEGENÜBER ANDEREN)
Offenheit (kritische Grundakzeptanz) gegenüber anderen Menschen, dass auch diese das gleiche wollen (Die Unterscheidung zwischen „Wir“ und den „Anderen“ passt irgendwie nicht).
Dennoch Kampfverhältnis wegen Rechtsruck?
Arno stellt die Nachfrage, wie wir mit dem Rechtsruck umgehen.
6. TAUSCHLOGIKFREIHEIT
Immas These im ersten Teil ist, dass es keine soziale Beziehung gibt, die nicht auch in Begriffen des Tausches gedacht werden kann. Deswegen ist die Idee der Tauschlogikfreiheit erst einmal eine Utopie und würde auch eine Vorstellung beinhalten, die das soziale Miteinander, den Austausch (als „gut“ bewertet) begräbt. Sie rät insbesondere der Schleudergang davon ab, dieses Label zu benutzen. Vielmehr ist mit der Kritik an der Tauschlogik die Kritik an der Warengesellschaft gemeint.
Imma geht von der Vorstellung eines metabolischen Gleichgewichts aus (bei den drei von ihr im Text beschriebenen Formen der solidarischen Ökonomien). Das bedeutet, dass jeder das Gefühl hat, dass sich das, was er gibt, und das, was er nimmt, im Ganzen ausgleicht.
Die Diskussion dieser These führte uns zu der Frage: Wie kommen Entscheidungen (in einer Gruppe) zustande? Es sei fraglich, so Imma, ob es Gruppenentscheidungen überhaupt geben kann. Letztlich entscheide immer irgendeiner und die anderen laufen mit (Bereits am Anfang der Diskussion wurde hierfür die Unterscheidung von Herde und Schwarm eingeführt).
Hier wurde dann erörtert, dass meist die Kerngruppe Entscheidungen trifft und stets die Frage im Raum steht, ob auch die Mithelfenden Entscheidungen treffen.
Ebenso wurde die Frage der Freiwilligkeit an der Beteiligung der Projekte diskutiert. Hier auch Vertrauen in die Freiheit der anderen (in dem Sinne, dass bei Aktivitäten, zum Beispiel auf Demos, die Mitstreiterinnen nicht für Ziele eintreten, die man selbst verwerflich findet).
Die Schlussdiskussion drehte sich um die Frage der Gerechtigkeit . Auf der einen Seite betonte Imma, dass die Diskussion von Gerechtigkeit wichtig sei. Arno hielt dem entgegen „Jeder nach seinen Bedürfnissen und jeder nach seinen Fähigkeiten“. Auch Carlo meinte, dass die verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht bewertet werden können. Wir konnten diesen Punkt nicht ausdiskutieren, weil wir alle zu müde waren.
Imma an Arno und Lernwerkstatt
Der Abgleich mit der eigenen Praxis. Gegen vorbehaltloses Vertrauen.
1. Wie heißt das, was die Schleudergang da macht? Meine Frage: braucht die „nicht-kommerzielle“, sich um Tauschlogik-Armut bemühende Praxis wirklich ein Label? Und wenn ja, warum? Wirbt die Praxis nicht am besten für sich selbst? Ich hatte ja bei unserem Gespräch schon vorgeschlagen, dass die Schleudergang einfach ihre Aufstriche produziert und verteilt, wie sie Lust hat, und damit gut. Wenn Fragen kommen, kann man das erklären. Aber es geht ja darum, ob sie es wirklich machen, weil sie selbst Lust dazu haben, so zu produzieren, oder weil sie damit etwas demonstrieren wollen. Ist die Praxis die Praxis oder ein Schaufenster? Das ist immer die Gefahr, wenn man seinen Alltag zum „Projekt“ macht. Ich halte nichts davon.
2. Die beziehungsstiftende Bedeutung von „Tauschverhandlungen“ bzw. Auseinandersetzungen um ausbalanciertes Beitragen. Das ist der wichtigste Aspekt, den ich aus unserem Gespräch mitgenommen habe, dass eben nicht nur die Umrechnung in Geld, also die Abstraktion des Tauschprozesses, sondern auf der Gegenseite auch die Einräumung eines vorbehaltlosen Vertrauens diesen Aushandlungsprozess zu umgehen bzw. außer Kraft zu setzen versucht. Damit will ich mich unbedingt noch weiter beschäftigen.
3. Dein vergeblicher Versuch, Arno, unsere eigene Praxis und unsere ganz konkreten Erfahrungen miteinander zur Grundlage des Gesprächs zu machen. Warum auch ich darauf eher bremsend reagiert habe, will ich dir erklären. Ich glaube tatsächlich an den Nutzen von Theorie, von kategorialen, möglichst widerspruchsfreien Denksystemen, um daraus Praxis besser zu verstehen und neue Wege für sie zu finden. Sie ist gewissermaßen eine Trockenübung für die Praxis, weil sie versucht, eben nicht nur die eigenen Erfahrungen zu verallgemeinern, sondern auch mögliche andere Erfahrungen mitzudenken. Wenn ich nun hergehe und auseinanderplücke, wo sich Leute vom Karlahof oder aus der Schleudergang oder aus anderen Winkeln der PaG eben durchaus „tauschend“ verhalten haben, dann beweist das gar nichts. Meine Skepsis muss ich anders begründen.
Wenn ich meine eigenen Prinzipien nicht lebe, nicht (immer) leben kann, dann heißt das nicht unbedingt, dass die Prinzipien falsch sind. Vielleicht heißt es einfach nur, dass sie eben nicht so einfach umzusetzen sind. Kann sein, dass ich persönlich dann unglaubwürdig werde, aber die Sinnhaftigkeit und Brauchbarkeit einer Theorie erschöpft sich ja nicht darin, ob sie deren UrheberIn glaubhaft verkörpert. Dann könnten wir Marx und noch so manchen anderen in die Tonne treten.
Ich finde es überhaupt nicht falsch, sogar unverzichtbar, auch unsere eigenen Möglichkeiten, etwas umzusetzen, zusammen anzuschauen, aber eben nicht in dem Sinn: „Du hast ja selber...“ oder „Du willst ja auch nicht...“ und auch nicht als individualisierende Psychologisierung von Denkansätzen: „Ah, deswegen sagt er das oder tut sie das...“ (was ich dir damit überhaupt nicht unterstellen will!). Der Plausibilität eines theoretischen Ansatzes wird man so nicht gerecht. Insofern, Arno, war es für mich einfach nicht der richtige Zeitpunkt, das „biografische Gepäck“ auspacken.
Uwe 44 an Imma
Gegen das individualistische Menschenbild; Beziehungen müssen in Gruppenkontexten gedacht werden.
Vielen Dank für dein Paper zu revolutionärem Vertrauen. Seit deinen ersten Entwürfen war Vertrauen und seine Konsequenzen immer wieder Thema für einige von uns in der Schleudergang und wird es weiterhin bleiben. Danke für diesen Denkanstoß, unsere Zusammenhänge auch durch diese Brille zu betrachten und nach Schwachstellen oder Entwicklungspotenzial zu überprüfen.
Gerne schreibe ich dir im Folgenden konkreter, wie ich deinen Text wahrgenommen und welche weiteren Gedanken ich dazu habe.
Zunächst einmal zu den Analysekategorien Schenkökonomie, Beitragsökonomie und fairer Tausch. Wie du schreibst, lassen sich diese im Detail oft schwer voneinander abgrenzen, durchmischen sich, entstehen hybride oder unklare Tauschbeziehungen. Da ja oft den Subjekten selbst gar nicht so recht klar ist, was ihre eigene Motivation in einer Beziehung ist, finde ich es schwierig, von bestimmten Prototypen auszugehen, die du mit Schenken, Beitragen und fair Tauschen aufmachst. Wenn ich von meiner subjektiven Erfahrung ausgehe, habe ich das meist nicht so klar, oder auch sich widersprechende Gründe, warum ich welche Art der Beziehung wähle und was ich davon will oder mir verspreche. Meiner Meinung nach ist das oft weniger rational, als von dir dargestellt, und hat mehr mit kulturellen und/oder ansozialisierten Verhaltensmustern zu tun.
Überhaupt findet Kultur, soziale Prägung oder Gruppendynamik, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, Intersektionalität, Wünsche und Träume, Biographie, (Bauch-)Gefühl etc. sehr wenig Beachtung in deinen Ausführungen. Warum? Sicherlich sind diese noch subjektiver, widersprüchlicher und schlechter zu fassen oder zu analysieren, aber haben sie doch gewaltige Auswirkungen auf unser Verhalten, was dann von Wirtschaftswissenschaftler*innen oft als „irrational“ gebrandmarkt wird.
Auch in deiner Betrachtung verschiedener Tauschlogiken vermischt sich die mehrdimensionale Motivation und die vielschichtigen Bedürfnisse und Erwartungen, die Menschen haben, wenn sie sich an diesen Tauscharten beteiligen.
Ich finde es, wie du es geschrieben hast, wichtig, neoliberale Denk- und Handlungsmuster auch in unseren Gruppen sichtbar und besprechbar zu machen. Du hast vollkommen Recht damit, dass persönliche Beziehungen im Kapitalismus immer weiter
44 Uwe Konnerth (geb. 1988), Mit-Initiator der Schleudergang, hat den Karla*hof nach acht Jahren verlassen und ist nach Plum Village, einem buddhistischen Kloster in Südfrankreich, gezogen.
zur Ressource im Konkurrenzkrampf untereinander missbraucht werden, oder zumindest Anreize geschaffen werden, diese Lebensbereiche zu kommerzialisieren oder Unternehmen (oft kostenfrei) zur Verfügung zu stellen. Gerade eine feministische und antipatriarchale Perspektive muss die Bedeutung von Beziehungen, Netzwerken, Care- und Beziehungsarbeit auf dem Schirm haben und Dynamiken der marktwirtschaftlichen Verwertung benennen.
Und es ist auf jeden Fall notwendig den Druck, den die kapitalistische Daueranforderung auf alle ausübt, ernst zu nehmen und wie im Fall der PaG durch Scheiterkriterien 45 eine kapitalistische Aneignung kollektiver Ressourcen zu verhindern.
Wir sollten jedoch aufpassen, die neoliberale Vorstellung vom unternehmerischen Ich, das nur auf seine Vorteile schielt, zu verallgemeinern oder zu naturalisieren. Wie oben beschrieben, und wie du ja auch selber schreibst, haben wir verschiedene Grundhaltungen gelernt und tragen sie in uns. Allen Menschen grundsätzlich die eigene Profitmaximierung als höchstes Ziel zu unterstellen, wäre fatal. Gerade in Lebensbereichen, die nicht gänzlich der Marktlogik unterliegen, zeigen Menschen, die sonst sehr auf Konkurrenz stehen, ja auch andere Seiten.
Ein weiterer Aspekt, der mir aufgefallen ist, ist, dass deine zentrale These sich ja um die Schlüsselselfunktion von Vertrauen zwischen Individuen dreht. Ich frage mich, wieso du zum einen dem Vertrauen übergeordnete Wichtigkeit gibst und damit andere Motivationen und beziehungsrelevante Themen in ihrer Wichtigkeit herabstufst. Und zum anderen, warum du deine Analyse so sehr auf das Individuum und die Einzelbeziehung zwischen (zwei) Individuen basierst.
Zur Wichtigkeit von Vertrauen kann ich dir meine subjektive Betrachtungsweise darstellen, die sich nicht mit der von dir beschriebenen deckt. Ich habe mich bisher nicht gefragt, wie sehr ich den Menschen in meinem Polit- und Lebensumfeld vertraue. Das hat keine explizite Rolle gespielt. Es hat für mich vollkommen gereicht zu wissen, dass es keine Anzeichen dazu gibt, Menschen um mich herum explizit zu misstrauen. Das liegt sicherlich auch daran, dass es mir schwerfällt, deine Definition von Vertrauen in meinem Leben anzuwenden. Ob ich Menschen vertraue oder nicht, spielt ja keine Rolle dafür, ob ich der Willkür von Menschen ausgesetzt bin oder nicht, denn das bin ich so oder so. Ich bin mir der Willkür menschlichen Handelns (und der Komplexität bewussten und unbewussten Handelns) bewusst (zumindest gehe ich davon aus). Ich rechne nicht damit, dass ich von Menschen in meiner Umgebung in jedem Moment ausgeknockt werden könnte, nicht, weil ich ihnen vertraue, sondern weil es nicht meiner Erfahrung entspricht, dass das einfach so passiert. Weder auf dem Karla*hof noch in der Fußgängerzone, wo ich ja niemenschlich kenne, geschweige denn vertraue. Wäre ich in einem Umfeld der allumfassenden willkürlichen Gewalt aufgewachsen,
45 Selbstgewählte Kriterien einer Gruppe, die eine Immobilie der PaG nutzt, dafür, wann sie ihre Gruppenziele für gescheitert hält; dann ist sie verpflichtet, den Ort einer anderen Gruppe zu überlassen.
wäre meine Erwartung vermutlich eine andere. Und doch kann ich von Menschen, denen ich vertraue, verletzt werden, auch physisch.
Zudem scheint es mir verschiedene Bereiche von Vertrauen zu geben. Ich könnte zum Beispiel vielen Leuten vertrauen, dass sie mich nicht bestehen. Gleichzeitig könnte ich den gleichen Menschen nicht vertrauen, dass sie meine oder ihre Grenzen immer auf dem Schirm haben. Oder kann ich darauf vertrauen, dass sie es nicht haben? Es bleibt für mich weiter ungeklärt, was dieses Gefühl des Vertrauens genau bedeutet, wie es sich von Erwartungen, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Sympathie unterscheidet. Wie wichtig ist das in der Praxis? Auch in Konflikten geht es für mich meist nicht um die Frage, ob ich jemandem vertraue oder nicht, sondern ob ich mir das Verhalten einer Person weiter zumuten möchte, oder ich mich ihr. Davon kann komplett unberührt bleiben, ob ich in bestimmten Fragen dieser Person vertraue.
Und jetzt ein Punkt, der mir komplett gefehlt hat: die Gruppe. Wenn es nicht das Vertrauen in die Einzelnen ist, was mir Sicherheit gibt, was dann? Mir geben stabile Gruppenkontexte Sicherheit. Gruppen mit transparentem Wertekodex, klaren Zielen und Vorstellungen des Zusammenlebens. Und ein Rahmen, der individuelle Willkür durch Feedback-Schleifen reduziert (Emo-Plena, Gruppenreflexionen, auch weiche Sanktionen wie Wut/Enttäuschung/Trauer, die ich von anderen erfahre). Ich vertraue also nicht (nur) in die einzelnen Menschen (bzw. in unterschiedlichem Ausmaß), sondern in die Ausrichtung in der und die Erfahrung mit der Gruppe, in den Gruppenprozess und dessen Übereinstimmung mit meinen Vorstellungen vom guten Leben. Oder verlasse ich mich darauf? Und ich passe mich selbst dem stetig an, aktualisiere Beziehungen und Wertevorstellungen, genau wie alle anderen.
Anstatt die Beziehung autonomer Individuen ins Zentrum zu setzen, sehe ich es als hilfreicher an, Beziehungen in Gruppenkontexten zu denken. Der Kapitalismus konnte nur durch Individualisierung und Zerstörung von Gemeinschaften durchgesetzt werden, im Besonderen durch Einhegung von Eigentum. Wenn wir uns weiterhin vornehmlich als selbstverantwortliche isolierte Individuen verstehen, die Einzelkontakte pflegen, wird sich von der Grundstruktur her nichts ändern, egal ob wir schenken, beitragen oder fair tauschen. Erst wenn wir uns als Gruppe konstituieren, mit gemeinsamen Werten und Übereinkünften, kulturellen Normen und Praktiken, gemeinschaftlichen Verantwortungen etc., können wir diesen Zustand der Einzelnen und deren Eigentum überwinden. Natürlich meine ich damit nicht eine allumfassende große Gruppe, sondern Gruppen von Menschen, die sich föderativ zusammenschließen können, aber auch eigene Gruppenautonomie besitzen. Das ist zweischneidig, weil Gruppenzugehörigkeit auch zu Ausgrenzung und Gewalt führen kann, gerade im Zustand der hemmungslosen Konkurrenz untereinander im globalisierten Kapitalismus. Aber bewusste Gruppenprozesse (im Kontrast zu imaginierten
natürlichen Eigenschaften einer Gruppe wie im Nationalismus) können dem entgegenwirken. Ich sehe auch kein Vertrauensdefizit darin, Absprachen zu treffen. Es schafft mehr Klarheit und Sicherheit vom Gleichen auszugehen, anstatt schwammig vom „Vertrauen in die Gruppe“ auszugehen, und dabei völlig aneinander vorbeizurenden, weil Bedürfnisse nicht explizit gemacht werden.
Die freie Assoziation von Individuen zu Gruppen kann die Antwort auf das Dilemma bieten, dass du mit den individuellen Vertrauensverhältnissen aufmachst. Es spielt dann keine (große) Rolle mehr, ob ich den Einzelnen vertraue, wenn ich dem Gesamtkonstrukt vertraue (d.h. ihm zustimme oder mich mit ihm identifiziere) und daran mitwirken kann – und wenn ich nicht mehr damit übereinstimme, kann ich wieder gehen und mir eine andere Gruppe suchen. So kann es sein, dass sich Tausende Menschen bei Cecosesola zusammenschließen, ohne dass sie sich alle persönlich kennen, geschweige denn bedingungslos vertrauen. Das Vertrauen in den Gruppenprozess und die Wirksamkeit der Gruppenzugehörigkeit führen sogar dazu, dass Menschen dort gemeinsam organisiert sind, die sich explizit misstrauen, wie mir neulich von einem cooperativista erzählt wurde. Die Zentralität von individuellem Vertrauen wird somit durch gemeinsames und ständiges Gruppen-Monitoring umgangen, ohne dass das Gesamtkonstrukt in Gefahr gerät.
Dann erübrigt sich auch die von dir aufgemachte Trennung der Tauschbeziehungen. Was davon ist schenken, was beitragen und welche Rolle spielt Gerechtigkeit in einer Gruppe, die sich als gemeinsamen ganzheitlichen Prozess versteht (inklusive persönlicher Transformation), der ständig Bedürfnisse abgleicht und solidarisch dafür sorgt, dass alle bekommen, was sie brauchen, und alle immer wieder den gemeinsamen Prinzipien aktiv zustimmen müssen, um dabei bleiben zu können?
Und zum Schluss noch etwas zum Thema Tauschlogikfreiheit. Ich weiß, dass du den Begriff nicht magst, und dass du davon ausgehst, dass es Tauschlogikfreiheit gar nicht geben kann. Ich vermute da ein Missverständnis. Tauschlogikfreiheit bedeutet nicht Tauschfreiheit. Auch ein asymmetrischer Tausch, wie beim Schenken, ist ein Tausch. Somit ist eigentlich jede menschliche Interaktion ein Tausch, und sei es nur ein Austausch von Wörtern oder Gesten. Tauschfreiheit, kann es also nicht geben, wenn alles Tauschbeziehungen sind.
Wenn ich von Tauschlogikfreiheit spreche, benutze ich einen Begriff, der unscharf ist, weil „tauschen“ in der Regel umgangssprachlich eine spezifische Form des Tauschens meint, nämlich den Äquivalenztasch oder die symmetrische Reziprozität. Richtigerweise müsste ich also von der Äquivalenztaschlogikfreiheit sprechen, was die Sache nicht besser macht.
Was noch wichtiger ist, ist, dass es um die Logik eben dieses Äquivalenztasches geht. Diese beinhaltet die Vorstellung des Individuums als „unternehmerisches Ich“, die
Vorstellung es gäbe einen objektiv erfassbaren (und neutralen) Wert eines Tauschgegenstands (meist durch den Markt bestimmt), der gegeneinander aufgerechnet werden kann, die Vorstellung „tauschen“ spiele sich in einem Vakuum ab, es also keine gesellschaftlichen Machtverhältnisse gäbe und den Wunsch, die Tauschbeziehung als reinen Warenaustausch zu betrachten, ohne soziale Folgen.
Tauschlogikfreiheit soll mit eben diesen impliziten falschen Vorstellungen und einer naturalisierten Ideologie aufräumen, die Logik genau dieser Form des Tauschens sichtbar machen und kritisieren, und nicht bestreiten, dass Menschen schon immer irgendeine Form des Tausches genutzt hätten und dies falsch wäre.
Was ich auf jeden Fall an eigener Kritik daran habe ist, dass sich der Begriff auf vermeintlich rein ökonomische Vorgänge bezieht, also die Abspaltung von Gesellschaft, Kultur und Ökonomie reproduziert. Wenn wir Tauschen als rein ökonomischen Prozess verstehen, werden wir den Äquivalenztasch als Standardtausch, den Warenaustausch als Ort der Profitgewinnung, den Kapitalismus nicht überwinden können. Es geht für mich gar nicht so sehr ums Tauschen, sondern viel mehr darum, neue soziale Beziehungen zu schaffen, die auf einer anderen Logik beruhen und innerhalb eines soziokulturellen Kontextes eingebettet sind. Dass dies die generalisierte Reziprozität beinhaltet, ist nur ein Aspekt, der nicht von den restlichen kulturellen und sozialen Aspekten getrennt werden kann. Das mit einem Schlagwort zu beschreiben, das nicht zu schwammig bleibt, scheint mir gerade nicht möglich.
Imma an Uwe
Teilen und Verteilen von Verantwortung durch den bewussten Verzicht auf individuelle Absicherung
Vielen Dank für deine ausführliche und tiefgründige Kritik an meinem Text. Vieles ist für mich nachvollziehbar; in manchem gebe ich dir auch recht. Die Rolle, die ich dem Vertrauen als Bindeglied und Korrektiv in den menschlichen Austauschprozessen gebe, ist, sagen wir: unausgegoren. Es ist ein komplexes Feld, das merke ich anhand der kritischen Reaktionen so nach und nach.
Ich glaube, ich habe eine Intuition dazu, die ich selbst nicht richtig argumentativ absichern kann. Darin ist Vertrauen tatsächlich was Anderes als, keinen erkennbaren Grund für Misstrauen zu haben, wie du sagst und wie auch eine gängige Definition von Vertrauen lautet. Es ist der bewusste Verzicht auf Sicherheit und damit ein Teilen und Verteilen von Verantwortung. Klarer kriege ich das selbst im Moment nicht.
Zu drei Punkten will ich aber doch noch ein paar (möglichst) kurze Anmerkungen machen.
- Die Rolle von Absprachen, Regeln und Wertekodizes:
In der bürgerlichen Gesellschaft wird die Einhaltung von Gesetzen notfalls durch Sanktionen erzwungen, das ist verlässlich und soll es in einem „Rechtsstaat“ auch sein. Ich denke, wir stimmen darin überein, dass wir Gruppenstrukturen haben wollen, die auf der Freiwilligkeit der darin assoziierten Individuen beruhen. Das freiwillige Einhalten von getroffenen Vereinbarungen bildet jedoch nur eine temporäre Sicherheit. Denn jedes Gruppenmitglied muss sich zu jedem Zeitpunkt neu entscheiden, ob es sich an die Absprachen halten will, und tut das auch.
Menschen verändern sich mit den Erfahrungen, die sie machen, die Überzeugungen verändern sich. Wenn ich mich aufgrund veränderter Bedingungen gezwungen fühle, mich an Absprachen zu halten, die meiner inzwischen gewonnenen Überzeugung widersprechen, dann komme ich in einen Wissenskonflikt. Entscheide ich mich für die Loyalität, verrate ich mich selbst darin; entscheide ich mich für meine Überzeugung, verrate ich die Gruppe, und also auch einen Teil meiner eigenen Geschichte. Das ist kein herangezogenes Konstrukt, sondern eine immer wiederkehrende praktische Erfahrung aus Gruppen, unter anderem auf dem Karlsruh!
Insofern sind freiwillig getroffene Regeln, Absprachen und auch gemeinsam definierte Werte nichts anderes als eine Momentaufnahme kollektiv artikulierten Wollens. Es ist eine Richtschnur, aber keine Sicherheit.
- Das Verhältnis zwischen Gruppe und Individuum:
Du kritisierst, dass ich die Gruppe als Vertrauens-Gegenüber nicht thematisiere oder
unterbewerte. Es kann sei, dass wir an diesem Punkt einen grundsätzlichen Unterschied haben. Für mich bleibt es dabei, dass das Individuum und seine Entscheidungen, bei aller gesellschaftlichen Gemachtheit, der Ausgangspunkt allen Handelns ist. Es ist für mich nicht anders denkbar: Das Individuum hat einen Körper, und zwar einen mit einem Bewusstsein ausgestatteten Körper. Die handelnde Einheit ist der Körper, die steuernde das Bewusstsein. (Oder auch umgekehrt: manchmal entscheidet der Körper durch sein spontanes Handeln, und das Bewusstsein erkennt sich darin.)
Eine Gruppe hat keinen Körper, sie ist kein Körper. Umso schlimmer, wenn sie so funktionieren soll: willenlos Befehle ausführen. Das ist militaristisch, im Großen gedacht: faschistisch. Eine Gruppe kann niemals handeln, nicht einmal Entscheidungen fällen; es sind immer die Individuen, die, darin verbunden, sich entscheiden, etwas zu sagen oder zu tun, oder eben auch nicht. Die Gruppe ist ein Kommunikationszusammenhang, als Vertrauens-Gegenüber eine virtuelle, eine abgeleitete Größe. Damit will ich keinesfalls die Bedeutung der Gruppe schmälern. Die Sehnsucht, in Gruppenzusammenhängen beheimatet zu sein, teile ich. Die Notwendigkeit, vom Ich zum Wir zu kommen, sehe ich. Allerdings geht das Ich niemals im Wir auf.
Du warntst davor, Menschen mit den Augen des Neoliberalismus auf stets konkurrierende Individuen zu reduzieren. Ich warne meinerseits davor, die Gruppe zu mystifizieren und zu essentialisieren.
- Die Tauschlogikfreiheit, die eigentlich als Äquivalenztauschlogik-Freiheit gemeint ist: Ich finde (mal abgesehen von dem Wort-Ungetüm), dass das Problem damit nicht behoben ist. Was ist falsch an der Äquivalenz im Tausch, wenn es um die Gleichwertigkeit des Gebrauchswerts für beide Seiten geht? Das ist das, was wir im Beitrags- oder Austauschprozess als Gerechtigkeit empfinden. Je größer der Vertrauens-Spielraum ist, desto weniger müssen wir uns um die exakte Äquivalenz Gedanken machen. Das ist das Kontinuum, das ich darzustellen versucht habe.
Es geht ja eigentlich um die Gegenüberstellung von Gebrauchswert und Tauschwert. Der Gebrauchswert ist als Personen- und Situations-abhängige Größe nach Marx nicht bezifferbar, der Tauschwert schon, er resultiert aus den Produktionskosten und dem Marktwert. Seine Abstraktion in Wert und Geld legt die Grundlage für die kapitalistische Akkumulation und Weiterverwertung, also für den Profit. An dieser Gegenüberstellung aber, finde ich, stimmt etwas nicht: Der Gebrauchswert kann zwar nicht beziffert, aber schon eingeschätzt werden. Und das tun wir – in der persönlichen Begegnung, in der Anteilnahme an den Bedürfnissen von anderen, in der Vermittlung unserer eigenen Bedürfnisse. Diese Kenntnis untereinander ermöglicht fairen, solidarischen und gleichzeitig ausgewogenen Gebrauchswerte-Tausch.
Ich finde es sehr wichtig, den Begriff des Tausches beizubehalten und positiv zu besetzen, weil, wie du ja selbst sagst, die (Aus-)Tausch-Prozesse das Wesen der
menschlichen Interaktion sind. Ich würde noch weitergehen und sagen: Sie sind es, die Gemeinschaft und Gesellschaft bilden!
Den Tauschprozess von Gebrauchswerten, von Argumenten, von Erfahrungen und von Optionen positiv besetzt zu halten, ist auch deshalb wichtig, weil es dem Menschenbild des Neoliberalismus vom autarken, allseitig gegeneinander abgesicherten Individuum widerspricht. Wir sind voneinander abhängig und wollen es sein! Wir geben nicht nur, wir brauchen auch! Wir handeln unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten miteinander und gegeneinander aus. Dieses immer notwendige und Gesellschaftsbildende Aushandeln wird in dem Begriff der Tauschlogikfreiheit ausgeblendet; darum mag ich ihn nicht.
Nochmals Uwe an Imma
Die Gruppe ist mehr als die Summe ihrer Individuen
Vielen Dank für deine Antwort, mit der ich viel anfangen kann. Bei einem Gespräch ließe sich ja noch besser darüber beraten, wie das mit Vertrauen und Gruppen ist und sein kann.
Deine Ausführungen zum Thema Absprachen in Gruppen teile ich, auch die damit einhergehende Unsicherheit (in die Zukunft gedacht). Deswegen ist, denke ich, eine ständige Reaffirmation oder Aktualisierung der gemeinsamen Absprachen/Wollens wichtig, um sich nicht unbemerkt „auseinanderzuleben“. Auch da bin ich ein Fan von dem, was ich von Cecososola höre: ständige Reflexion.
Beim Thema Individuum und Gruppe scheinen wir tatsächlich von unterschiedlichen Vorannahmen auszugehen. Trotzdem finde ich deine Warnung und Kritik an Mystifizierung und Essentialisierung berechtigt und wichtig. Gleichzeitig behaupte ich, dass Gruppen mehr als nur die Summe ihrer Individuen sind, mit eigenen Dynamiken, die Individuen darin verändern (können). Das Thema der Identität, ob Individuum oder Gruppe, ist für mich jedenfalls noch ein offenes.
Zur Äquivalenztatsache: Ich bin gar nicht gegen die Vorstellung des Austauschs. Allerdings sehe ich da Folgen aus unserem Dissens zu Individuum/ Gruppe. Meine zentrale Frage ist: Wo findet Reallokation statt? Wo wird wie entschieden, wie mit Ressourcen umgegangen wird, wie diese verteilt werden? In deinen Ausführungen verstehe ich, dass das zwischen zwei Individuen stattfindet. Wenn ich jedoch den Reallokationsprozess als ständigen Gruppenprozess verstehe, hat das andere Folgen als zwischen Individuen. Was du als fairen Tausch von Gebrauchswerten beschreibst, sind für mich (aneinandergereichte) jeweils abgeschlossene Tauschprozesse. Menschen werden ständig „quitt“ miteinander, daraus entsteht keine langfristige Beziehung, keine geteilten Verantwortungen, keine Gemeinschaft 46 .
Andersherum bedeutet ein Reallokationsprozess auf Gruppenebene, dass alle Individuen in ständigem Austausch miteinander sind, ohne jemals den Status der
46 Hierzu aus Friederike Habermann zitiert ( https://www.contraste.org/wp-content/uploads/2023/01/CON-460-Januar23-Schwerpunkt-Tauschlogikfreiheit.pdf ):
„So wie Kinder oft nur gerne lernen, bis sie ins Notensystem hineinwachsen, so werden auch die innere Motivation etwas zu tun, Hilfsbereitschaft oder Verantwortungsgefühl durch Geld zerstört. Und zwar praktisch sofort. Dieser als Gummibärencheneffekt bekannte Zusammenhang wurde in vielen Experimenten bestätigt. Scheinbar sind die Menschen durch den Austausch von Geld miteinander quitt. Warum dann noch Rücksicht nehmen? So hatte der Ökonom Uri Gneezy bemerkt, dass im Kindergarten seiner Tochter die Einführung einer Strafgebühr für Eltern, die ihr Kind nachmittags zu spät abholten, nicht zu dem gewünschten Ergebnis führte, denn nun kamen mehr als doppelt so viele Eltern zu spät. Das Verantwortungsgefühl, die betreuende Person nicht warten zu lassen, war offenbar hinfällig geworden, da durch Geld ersetzbar.“
Ausgeglichenheit zu erlangen. Es ist mehr ein dynamisches Gleichgewicht von Geben und Bekommen, das aber auch gar nicht im Mittelpunkt steht, anstelle des Versuchs, immer wieder ein statisches Gleichgewicht zu erlangen.
In der Praxis sind je nach Nähe der Tauschbeziehung natürlich parallele Tauschverhältnisse möglich und wahrscheinlich auch je nach Erfordernissen nötig.
Erste Diskussion auf dem Karlahof
Vertrauen als widerständige Kraft, Bedingungen von gesellschaftlicher Wirksamkeit, Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe
Carmen: In den Kämpfen gegen die kapitalistischen, patriarchalen Verhältnisse sind wir auf solidarische, selbst organisierte Strukturen angewiesen. Und die Frage ist, wie kann diese kollektive Selbstorganisation gelingen? Imma hat in ihrem Text das Vertrauen darin relativ zentral gestellt, also weg von kapitalistischen Beziehungs- und Schuld-Verhältnissen, die auf Konkurrenz und Feindseligkeit hinauslaufen, hin zu Vertrauensverhältnissen. Wie seht ihr das? Habt ihr den Eindruck, dass Vertrauen eine wesentliche Gelingens-Bedingung für das ist, was wir hier miteinander versuchen? Oder gibt es da vielleicht noch andere Voraussetzungen? Aber auch, wenn Vertrauen so eine wesentliche Rolle spielt, wie lässt sich das herstellen?
Die Fragen, die ich auch über unseren Verteiler geschickt habe, können uns dabei vielleicht als Geländer dienen:
+ Was trägt zum Gelingen einer Sozialität bei, die sich von den kapitalistischen, individualisierten Beziehungs- und Schuldverhältnissen emanzipieren möchte und in der Vertrauensverhältnisse eine zentrale Rolle spielen?
+ Wie können wir eine solche Kultur lebbar machen, wie lassen sich Vertrauensverhältnisse herstellen, wenn unser Denken und Fühlen gleichzeitig stark von einer individualistischen Kultur geprägt wurde?
+ In welchem Verhältnis stehen Individuum und Gruppe zueinander und in welchem (Spannungs-)Verhältnis stehen individuelle und kollektive Bedürfnisse?
+ Wie erleben und bewerten wir die soziale Praxis des Tauschens darin?
Zur Illustration der letzten Frage: Spielt Tauschen für uns auf dem Hof eine Rolle? Oder sehen wir uns eher als eine offene Sozialität, wo Menschen von außen gern dazukommen können? Wenn Leute hierherkommen, tauschen wir eigentlich deren Zeit gegen – ja, gegen was? Aber das wäre dann erst der vierte Aspekt.
Dient auch das ein bisschen als Geländer? Und ich schlage vor, wir machen eine Runderunde dazu, damit jede*r sich in Ruhe äußern kann.
VERTRAUEN
Berit: Ich habe in verschiedenen Gruppen die Erfahrung gemacht, dass es vor allem das gemeinsame Interesse ist, was die Gruppe zusammenhält. Das wäre am Hof vielleicht so etwas Vages wie ein emanzipatorisches Landprojekt zu realisieren. In die einzelnen Inis ist das gemeinsame Interesse vielleicht noch konkreter zu fassen, z.B. einen ökologischen, nachhaltigen, subsistenz-fördernden Garten zu machen oder bestimmte Dinge zu produzieren. Wir wollen, dass es diese Dinge gibt, und das ist unser gemeinsames Interesse. Ohne diesen Kern geht es nicht.
Ich kann mit einzelnen Menschen durchaus eine große Nähe haben, vielleicht vage utopische Ziele teilen, wir wären aber nicht Teil einer Gruppe, wenn wir nicht konkrete Interessen miteinander hätten.
Der zweite Punkt, an dem Gruppen immer wieder scheitern, ist das Fehlen einer guten Kommunikationskultur, die für alle Leute innerhalb der Gruppe gut funktioniert. Der Aufwand dafür darf nicht so groß sein, dass er nicht mehr durch das gemeinsame Interesse gerechtfertigt ist. Und an dem Punkt spielt Vertrauen auch eine Rolle, weil Misstrauen einer gelingenden Kommunikation im Weg steht. Fehlende Gründe für Misstrauen finde ich eine ganz gute Definition für Vertrauen. Das kann ich so auch für mich sagen, dass es wenige Leute gibt, denen ich misstraue. Alle anderen kommen grundsätzlich infrage für so ein Netzwerk.
Wie sich das Vertrauen konstituiert, finde ich allerdings schwierig zu sagen, ob z.B. Vertrauen in einer Gruppe hergestellt wird, indem Vertrauensmissbrauch sanktioniert wird. Zum Beispiel in Cecosesola, wo es für Menschen, die arm sind und sich unter Umständen gar nicht untereinander kennen, attraktiv sein kann, sich in der Struktur zu bereichern. Sie ist also eine gute Bedingung für Menschen, die andere auszunutzen versuchen, und es gibt das entsprechende Misstrauen ihnen gegenüber. Und dort wird Vertrauen auch dadurch wieder hergestellt, dass Leute, die Grundvereinbarungen stark verletzen, zum Beispiel, indem sie was klauen, von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Es gibt so eine Art Korridor, in dem sich das kollektive Vertrauen bewegt. Darin gibt es Fehltritte, die man sich erlauben kann, zum Beispiel in gutem Willen eine schlechte Entscheidung zu treffen. Aber wenn jemand klaut oder, wie in einem Fall, am Kollektiv vorbeiwirtschaftet, dann ist der Vertrauenskorridor deutlich überschritten. Diejenigen müssen raus, und es gibt auch keine Rehabilitation.
Ansonsten kann ich für mich persönlich sagen, dass Vertrauen durch gute Erfahrungen entsteht. Ich vertraue den Leuten am meisten, die ich am längsten kenne, mit denen ich am meisten Erfahrungen gemacht habe, besonders in konflikthafter und Krisensituationen.
Miriam: Ich hatte auch das Gefühl, die gemeinsam getragenen Werte sind nicht genug. Wie sich das umsetzt, zeigt sich im konkreten, einfachen Handeln. Und ich häng auch an der Frage: Vertrauen, worauf? Vertrauen in Personen, in die Gruppe oder allgemein in eine Struktur? Vertrauen darauf, dass bestimmten, vielleicht unausgesprochenen Erwartungen entsprochen wird oder dass Regelungen eingehalten werden? Wenn ein System als Ganzes funktioniert, kommt es vielleicht nicht so darauf an, dass ich zu jeder Person ein bestimmtes Vertrauen habe.
Dann ist die Frage, ob das Misstrauen nach einer schlechten Erfahrung, also einem Vertrauensbruch, automatisch generalisiert wird – oder habe ich einen differenzierteren Umgang damit. Und wie reagiere ich auf eine solche Erfahrung; ziehe ich mich zurück? Auch bei uns auf dem Hof taucht seit ein, zwei Jahren das Thema Vertrauen
immer wieder auf. Beruht es auf einem gemeinsamen Werte-Kontext oder auf praktischen Erfahrungen miteinander?
Auch Verlässlichkeit und Verbindlichkeit (wie auch immer dies unterschiedlich verstanden, sichtbar und eingeübt wird) spielt ja in der Gruppe immer eine Rolle; das liegt noch unterhalb von expliziten Regeln oder Absprachen und erzeugt Vertrauen untereinander.
Ich habe eine Anregung aus Cecosola mitgenommen, wie eine Gruppe Krisen-resistent sein und dabei trotzdem Neuem gegenüber offen bleiben kann. Diese Reflexionsrunden dort haben immer einen ganz konkreten Fokus, wenn einzelne Personen im Fokus der Evaluation stehen: nämlich darüber, wie bestimmte Verhaltensweisen gemeinschaftsfördernd oder -schädigend sind. Es geht dabei nicht um ein Urteil über die Person, sondern nur darum, wie sich ihr Verhalten auf die Gemeinschaft auswirkt – und wie die gemeinschaftsfördernden und vertrauensbildenden Elemente gestärkt werden können.
Uwe: Ich habe ein bisschen eine ethnologische Sichtweise auf Gruppen: Sie brauchen irgendeine Art von Identität, die das „Wir“ ausmacht. Dazu gehört eine geteilte Kultur, aber auch das, was du genannt hast, Berit, also Kommunikationsformen und Regeln und in einem frei gewählten Zusammenschluss auch eine bestimmte Art von Affinität zueinander, also ein Sich-mögen.
Für mich spielt die Vertrauensfrage im Alltag überhaupt keine Rolle. Wahrscheinlich checkt man erst, wenn es nicht mehr da ist, dass es eigentlich die ganze Zeit vorher da war. Die anderen Faktoren wie Zugehörigkeit, eine geteilte Kultur, Vertrauen in die Struktur ist für mich viel wirkmächtiger als das individuelle Vertrauen zu Einzelpersonen.
Das kommt aber auch sehr darauf an, was man macht. Wenn ich mit einer klandestinen Gruppe in den Untergrund gehe, dann kriegt die Vertrauensfrage eine ganz andere Bedeutung. Aber das ist ja hier nicht unsere Situation. Wir leben hier in einer weitgehenden Offenheit, wie du beschrieben hast, Carmen. Es ist hier also gar nicht nötig, dass es eine besondere Art von Vertrauen geben müsste.
Ich hätte aber auch Lust, über die anderen Dinge, die ich aufgeworfen habe, mal zu reflektieren, also zu gucken, was sind denn unsere kulturellen Identitäten und Affinitäten auf dem Karlahof?
Miriam: ...aber schon auf die einzelnen Personen bezogen, nicht auf die ganze Gruppe?
Uwe: Ich weiß nicht, ob man das trennen kann. Da kommen wir zur dritten Frage, zu der nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe. Also ist die Gruppe mehr als nur ein Sammelsurium von Individuen? Kann ich ohne Affinität zu irgendeiner Person eine Affinität zur Gruppe entwickeln? Das müsste man genauer untersuchen.
Lisa: Ich frage mich, für was es eigentlich Vertrauen braucht. Nicht um in den Untergrund gehen, sondern dazu, mein Leben für eine nicht-kommerzielle Praxis auszurichten. Es gibt ja auch Menschen, die Lohn-arbeiten, da ist das vielleicht dann weniger relevant.
Vielleicht generell: ich arbeite nicht für die Sicherheit, dass ich viel Geld habe, um im Krankheitsfall gut abgedeckt zu sein, eine gute Rentenversicherung zu haben usw. Um mit der Entscheidung gegen diese individuellen Sicherheitssysteme ernst zu machen, braucht es wohl Vertrauen. Aber in was, das ist dann die Frage. Zum Beispiel in die konkrete Gruppe, dass die eine nicht im Stich lässt? Oder darauf, dass es viele Kollektive gibt und mensch schon irgendwie versorgt werden wird?
Auch wenn ich das anstrebe, frage ich mich doch, ob das eigentlich genug ist, wenn wir wirklich antikapitalistisch sein und das System angreifen wollen. Da braucht es wohl nicht nur die Stimmigkeit nach innen, dass man eine gute Gruppe ist und Vertrauen untereinander hat, sondern man muss nach außen agieren, also die Machtstrukturen tatsächlich angreifen.
Berit: Dafür braucht es noch mehr Vertrauen, oder was meinst du?
Lisa: Nee, das stelle ich erstmal unabhängig von dieser Frage hin. Also um sich persönlich auf ein antikapitalistisches Leben einzulassen, ist die Frage nach dem Vertrauen wohl ziemlich wichtig, neben anderem vielleicht. Es ist die gleiche Frage wie mit dem Konsum: Wenn wir alle uns persönlich ändern, reicht das dann? Und ich würde sagen, nein. Es braucht darüber hinaus ein aktives Angreifen von Machtstrukturen.
Michael: Mein Zugang zu Vertrauen ist deutlich anders. So wie ihr das jetzt gerade bespricht und wie ich auch Immas Text und die Antworten darauf wahrgenommen habe, wird als Voraussetzung angenommen, dass wir alle die Fähigkeit haben zu vertrauen. Da ist mir zu wenig Machtkritik drin. Viele Menschen haben gar nicht die Voraussetzungen dazu. Die haben einfach so viele massive Schädigungen gehabt, haben den Aufbau von Vertrauen und Bindung nicht kennenlernen können, sodass sie auch selbst nicht in der Lage dazu sind, anderen Leuten zu vertrauen.
Ich würde sagen, die Art, wie wir uns organisieren, ist deswegen auch ganz schön exkludierend, also ausschließend. Solche Leute können sich nicht beteiligen, weil sie Verhaltensweisen haben, die für uns nicht akzeptabel sind. In einem Raum, wo es notwendig ist, sich zu vertrauen, sind die sozial nicht kompatibel. Das stellt Immas Text meiner Meinung nach richtig heraus, dass unsere Vertrauens-basierten Beziehungen relativ homogene Strukturen erzeugen. Das betrifft auch bestimmte Positionierungen, zum Beispiel unser Weiß-sein, weil es da natürlich auch nachvollziehbare Vorbehalte gibt, in so eine Struktur von Leuten reinzugehen, die nicht so positioniert sind. Und da besteht dann eben auch kein Vertrauen.
Ich sehe Vertrauen und Misstrauen übrigens auch nicht als Gegensätze an, sondern das Gegenteil wäre für mich sowas wie Apathie, also dass es mir eigentlich egal ist, was die anderen da machen.
Also ich würde sagen: Ich vertraue euch allen, aber ich misstraue euch auch allen! Ich traue euch allen Sachen zu, die Scheiße wären, aber das heißt nicht, dass ich euch in anderen Fragen nicht vertrauen könnte. Ich erinnere nur an das Thema „Corona“. Viele waren der Meinung, dass wir dazu doch eine Gruppen-Haltung haben, weil wir eine gemeinsame Identität haben. Und das wird dann durch so eine krasse Situation von außen infrage gestellt. Und plötzlich steht die Frage im Raum, was an Überzeugungen wir eigentlich wirklich teilen. Da geht Vertrauen verloren oder ist angeknackst. Und dann braucht es einen Prozess, um das wieder herzustellen, oder halt auch nicht. Und dann müssen wir damit einen Umgang finden.
Oder auch mit dem sexuellen Übergriff, der hier vor ein paar Monaten auf dem Hof stattgefunden hat. Da gab es auch so einen Vertrauensvorschuss für eine Person, die herkam und den Raum einfach nutzen konnte. Und die Person verhält sich auch so, wie wir das aufgrund unserer Verhaltenskodizes erwartet haben. Und dann bricht diese Person halt das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wurde. Die Sanktion war dann klar: die Person kann nicht wiederkommen!
Deswegen würde ich sagen: unsere Strukturen basieren total viel auf Vertrauen, und das macht sie zu einem gewissen Teil auch relativ fragil, leicht verletzbar. Deswegen finde ich es auch gut, sich damit auseinanderzusetzen. Aber was heißt das dann?
Tobi: Warum sind wir damals als Lokomotive-Gruppe 47 eigentlich gescheitert? Und meine Antwort darauf ist kurz zusammengefasst: Es gab für die Unterschiedlichkeiten, die es in der Gruppe gab, nicht genug Vertrauen und nicht genug Wohlwollen miteinander. Ja, es ist für die Art, wie wir uns organisieren, total wichtig, dass wir eine Form von Vertrauen miteinander haben, aber eben auch ein Wohlwollen miteinander, was ich so übersetzen würde: Ich bin dir im Großen und Ganzen wohlgesonnen! Auch wenn die Strategien nicht immer die gleichen sind, glaube ich, dass wir im weiteren Sinne das Gleiche wollen!
Wie verletzlich, was angreifbar und damit erschütterbar unsere Strukturen sind, das zeigt sich tatsächlich in den Momenten, in denen von außen ein Druck kommt wie durch Corona zum Beispiel, oder wenn das Finanzamt käme oder die Polizei auf dem Hof stehen würde, dann stellt sich die Frage nochmal ganz anders, wie verlässlich wir für einander sind.
Till: Weil du jetzt nochmal die Lok erwähnt hast: In der Zeit, als ich vor 15 Jahren in der Lok gewohnt habe, hatte ich auch genau das Gefühl, dass das Vertrauen bzw. die Wohlgesonnenheit untereinander fehlte, was wir in der Reflexion darüber später
47 „Lokomotive Karlishof“ war die zweite der NutzerInnen-Gruppen auf dem jetzt Karlahof genannten Gelände. Sie musste, nachdem sie 2011 ihr eigenes Scheitern erklärt hatte, den Hof für eine nachfolgende Gruppe räumen.
auch so rausgearbeitet haben. Ich denke fast, dass die Gruppe schon zu groß dafür war.
Ich würde zwischen einem konstitutionellen Vertrauen und einem persönlichen Vertrauen unterscheiden. Bei einer Gruppe von sechs, acht, vielleicht höchstens zehn Leuten sind Brüche noch besprechbar und darüber lässt sich Vertrauen wieder herstellen. Wenn die Gruppen größer sind, muss man sich Regeln geben. Konstitutionelles Vertrauen funktioniert über Regeln, und die funktionieren, weil bzw. wenn wir einen ähnlichen sozio-kulturellen Hintergrund haben. Das Vertrauen bezieht sich bei größeren Gruppen auf die Einhaltung der Regeln.
Gut, man kann sagen, das wird letztlich auch in unserem Staat so gemacht: das Grundgesetz soll ja auch die Grundlage sein, gegenseitiges Vertrauen möglich zu machen. Wer dagegen verstößt, hat mit Sanktionen zu rechnen, was nötig ist, damit die anderen ihr Vertrauen nicht verlieren.
Ich kann das an einem Beispiel illustrieren: In unserem Taxi-Kollektiv waren wir insgesamt 40 Leute und die waren dann nochmal in Untergruppen organisiert, die immer jeweils für ein Auto zuständig waren. In der großen Gruppe hatten wir Regeln, in den kleinen nicht. Die Folge war, dass die Art der Verständigung in der kleinen Gruppe vollkommen anders war.
Reiner: Ehrlich gesagt, liegt mein Fokus bei diesem ganzen Thema eher auf einem gesellschaftlichen Transformationsaspekt. Ich denke, was ihr hier versucht, das hat tatsächlich nicht diesen Transformationsaspekt. Trotzdem ist es sicher wichtig, ich will das nicht runterspielen. Denn wir sind ja von einer zerstörerischen Gesellschaft umgeben, und das wird noch immer schlimmer. Wir müssen gucken, wie wir innerhalb dieser Verhältnisse am Leben bleiben können. Und da ist natürlich sowas, was ihr hier macht – sich zusammenzutun, um dem ein Stück weit nicht so ausgesetzt zu sein – eine gute Sache.
Aber kollektive Subsistenz halte ich darin für absolut unmöglich, nicht unter den Bedingungen, die wir jetzt hier auf dem Karlahof haben. Eine Subsistenz wäre ja nur in einem ausreichend großen Zusammenhang möglich. Da fehlt mir im Moment jede Fantasie, was das gehen könnte, wenn schon kleine Gruppen nicht funktionieren.
Dieser Vertrauens-Aspekt ist natürlich in so Kollektiv-Situationen ganz wichtig. Allerdings dachte ich, dass wir heute mehr über wirtschaftliche Aspekte reden, wobei vielleicht die Frage ist, wo die Grenzen verlaufen. Also Beitrags-Ökonomie halte ich z.B. eigentlich nicht mehr für eine Frage der Ökonomie. Was ich mir als Ziel vorstelle, ist dann auch keine Ökonomie in dem klassischen Sinne.
Miriam: Kannst du das noch ein bisschen erklären?
Reiner: Wenn sich ein „Wir“ bildet, wird damit meiner Ansicht nach automatisch ein Konkurrenz-Verhältnis geschaffen. Die „Wir“-Gruppe erzeugt immer auch ein Außen, sie exkludiert von vorn herein.
Das ist alles unter den Schutzaspekt im Hier und Jetzt durchaus verständlich und vielleicht auch notwendig. Aber um eine befreite Gesellschaft zu denken, hilft das aus meiner Sicht nicht weiter. Da käme es darauf an, Bedingungen zu schaffen, die bestimmte Verhaltensweisen nahelegen. Aber ab einer gewissen Größe geht das auch nicht mehr mit selbst gewählten Regeln. Regeln in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang brauchen ein Gewaltmonopol, das die Regeln durchsetzt bzw. Verstöße sanktioniert. Und da kommt man dann mit einem herrschaftsfreien Gesellschaftsmodell sofort in Schwierigkeiten.
Es muss einfach an den Bedingungen der Vergesellschaftung angesetzt werden, es müssen Bedingungen geschaffen werden, die es für die Menschen nicht mehr nahelegen, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, sondern zu kooperieren, weil das einfach die besseren Erfolgsaussichten verspricht.
Agnes: Ich empfinde das gar nicht so sehr als Gegensätze. Denn was im Großen funktionieren soll, muss erstmal im Kleinen funktionieren. Ich denke, es geht sowohl um das eigene Vermögen wie auch das gemeinsame Vermögen, anders, nämlich kollektiver, Gemeinschafts-fördernder in die Welt zu blicken.
Ich meine, wir leben seit Tausenden von Jahren in einer Kultur der Zerstörung, wo sollen denn die neuen Bedingungen herkommen, von denen du sprichst? In meinen Augen beginnt das Neue auf der individuellen Ebene, dann können wir es im Kleinen miteinander probieren, und dann kann es sich vergrößern.
Ich glaube nicht, dass es andersrum geht: die Veränderungen vom Großen ins Kleine zu transportieren. Ich meine, das ist ein Versuch, was wir hier machen. Ich halte es für sehr wertvoll, Veränderungen in unserem Zusammenleben zu erproben, in der Hoffnung, dass wir uns auf diese Weise mit mehr Menschen verbinden können, sodass die Veränderung wachsen kann. Wir versuchen das ja auch schon in unterschiedlicher Weise.
Allerdings ist das total schwer. Nach meinem Gefühl ist die kollektive Verstörung so groß, und auch von uns allen hier, dass man sich immer wieder fragt: Wie soll das gehen? Dabei ist es eigentlich gar nichts, was neu erfunden werden muss, wenn ich mir z.B. indigene Kulturen anschau. Vielleicht geht es vielmehr darum, sich zurückzubedenken und das ganze Überformte abzuschälen, um etwas wiederzufinden. Und das beginnt für mich im Kleinen.
Zum Thema Vertrauen möchte ich noch bemerken: Wenn ich nicht nur unser Kollektiv ansehe, sondern mich in dem großen gemeinschaftlichen Kontext der Menschen auf dieser Welt eingebettet sehe, dann stellt sich die Frage für mich anders: Nicht so sehr, was ist für uns als Kollektiv gut und wichtig, sondern wie bin ich förderlich für das Leben schlechthin? Und das führt dann zu der ganz grundsätzlichen Frage: Was ist für Kollektivität förderlich? Die indigenen Kulturen können uns dazu ziemlich viel erzählen, nämlich dass wir uns als eine globale Weltgesellschaft auffassen müssen, die dem Leben dient, die der Erde dient und sie nicht zerstört. Ich würde mich gern
anbinden an das, was ich woanders im Kleinen schon entwickelt sehe, aus dem vielleicht was Größeres werden kann, wenn es von unterschiedlichen Stellen zusammenkommt.
Imma: Meine Kritik an dem Begriff der Tauschlogikfreiheit und auch das Stark-Machen des Vertrauensbegriffs war von einem ähnlichen Impuls angetrieben, wie Reiner ihn formuliert hat, nämlich der Fragestellung: Was macht die Übertragbarkeit aus? Wie können solche Versuche, sich anders zu vergemeinschaften, eine Außenwirkung, also eine Wirkung über die eigenen gezogenen Grenzen hinaus haben?
Ich will vielleicht vorausschicken, dass ich mir aufgrund der Kritik, die von verschiedenen Seiten gekommen ist, nicht mehr so sicher bin, ob die Kategorie des „Vertrauens“ das gut abbildet, was ich da mit „revolutionär“ bezeichnet habe. Worum es mir eigentlich geht, das ist eine bestimmte innere Haltung des Verzichts auf Verrechtlichung und individuelles Sicherheitsdenken. Das lässt sich vielleicht eher mit dem Begriff der Offenheit fassen.
Meine Fragestellung ist also: Was ermöglicht es mir, auf solche individuellen Sicherheitssysteme zu verzichten? Und das im allerweitesten Sinne. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sicherheit die heilige Kuh schlechthin ist. Eigentum, Grenzen und alles das, was wir tendenziell überwinden wollen, hängt natürlich damit zusammen. Vertrauen habe ich, so wie ich es behandelt habe, gemeint als die feste Absicht, auf Sicherheitssysteme schrittweise zu verzichten. Zu den Sicherheitssystemen gehört, auf der Unhinterfragbarkeit des Eigentums zu bestehen, sich bei dessen Verteidigung aufs Recht zu berufen, usw.
Ihr habt gesagt, was die Frage nach der Rolle des Vertrauens bei euch auslöst, und das fand ich hilfreich. Uwe, du hast gesagt, dass wir uns die Leute auch wählen, mit denen wir ähnliche Interessen haben. Über diese Interessen oder einen bestimmten Gleichklang können wir auch sowas wie Vertrauensbeziehungen aufbauen. Aber genau das ist ein gesellschaftlicher Luxus. Das hast du, Michael, vorhin ja auch zu bedenken gegeben.
Also ergibt sich doch die Frage, was es uns ermöglicht, Vertrauensverhältnisse im Sinne einer Offenheit, eines Verzichts auf Absicherung und Abgrenzung mit Personen oder auch Zusammenhängen einzugehen, die in der Weise, wie du, Michael, dargestellt hast, eben nicht vertrauensfähig sind? Da ist vielleicht der Punkt. Was macht es möglich, dass Grenzen porös gemacht werden, dass Grenzen eben keine Grenzen sind, sondern sowas wie Membrane, über die hinweg Austauschbeziehungen entstehen können?
Es geht mir um die Anknüpfungsfähigkeit an die Art, wie andere Menschen in diesem Wechselspiel zwischen Absicherung, Rückversicherung und Vertrauen ihre Beziehungen gestalten, wie genau an diesen Trennungslinien Spielräume entstehen können. Deswegen versuche ich, den Begriff des Tauschens zu retten.
Grenzen werden auch durch Begrifflichkeiten gezogen, vielleicht sogar vor allem. Wenn wir aus unserer Blase rauskommen wollen – und das ist ja die Voraussetzung dafür, eine gesellschaftliche Wirkung zu entfalten – müssen wir das bedenken.
Ich will auch auf die Gegenüberstellung Individuum/Gruppe und offen/geschlossen eingehen. Gruppe heißt für mich noch lange nicht offen, und Individuum heißt für mich auch noch lange nicht geschlossen. Ein „Wir“ kann unglaublich hermetisch sein. Eine Offenheit, eine Art Porosität, die Anschlussmöglichkeiten bietet, kann sowohl eine Eigenschaft oder Verhaltensweise von Individuen als auch von Gruppen sein. Sigg: Meinst du, dass das Wort „Tauschen“ anschlussfähiger für Leute außerhalb unserer Gemeinschaft ist?
Imma: Ja, das denke ich, jedenfalls wenn hinter dem Begriff auch die entsprechende Praxis steht.
Carmen : Ich hatte ja auch die Frage an Immas Text, was die Vertrauensfähigkeit, die sie stark zu machen versucht, eigentlich für Voraussetzungen hat. Was ist mit den ganzen traumatisierenden Strukturen, die uns alle prägen, nicht nur die weniger privilegierten Menschen, von denen Michael gesprochen hat? Wir sind ja alle betroffen von einer traumatisierten Gesellschaft. Die kapitalistische Moderne hat den Effekt, uns in unserer Gemeinschaftsfähigkeit, in unserer Beziehungsfähigkeit enorm zu behindern. Ich habe es nicht von meinen Eltern gelernt, meine Eltern haben es nicht von ihren Eltern gelernt...
Meine Frage ist, wie kann man eigentlich Gemeinschaftlichkeit nicht nur denken, sondern auch ausfüllen, dass sie potentiell auch traumatisierte Strukturen nicht nur integriert, sondern sie auch irgendwie heilt? Wir sind ja keine statischen Wesen. Das Nervensystem lässt sich auch beruhigen. Ich finde es total berührend, was eine Freundin, die in einer psychosomatischen Klinik arbeitet, schildert: Menschen, die sechs bis acht Wochen in einer therapeutischen Gemeinschaft verbracht haben und dann in ihren Alltag zurückmüssen, haben eigentlich total Angst davor, wieder in dieses vereinzelte Leben zurückzukehren.
Offensichtlich gibt es Erfahrungen an Gemeinschaftlichkeit, die uns nicht nur vertrauensfähiger machen, sondern vielleicht auch Sicherheit geben. Und da stelle ich die Frage: Ist das eigentlich ein passendes Oppositionspaar, das Imma in ihrem Text beschreibt – Vertrauen und Sicherheit? Wenn man an kapitalistische Strukturen denkt, die Sicherheit versprechen, dann auf jeden Fall ja. Aber in meinem Leben sind es eigentlich die engsten Beziehungen, die mir Sicherheit geben.
Und ich glaube auch, dass es das ist, was gelingende, nicht-kapitalistische Gemeinschaftlichkeit ausmacht. Wir haben alle ein Bedürfnis nach Sicherheit, allerdings eine anders gefüllte Sicherheit, nämlich auf der Basis von gelingenden Beziehungen.
Und da komme ich nochmal auf die Praxis in Cecesola zurück, wie dort über die Gemeinschaft schädigende Verhaltensweisen gesprochen wird. Das ist nicht mit
Vorwürfen verbunden, sondern die beschädigte oder beschädigende Struktur wird gemeinsam betrachtet. Es ist also wichtig, auch im Konfliktfall in die Beziehung reinzugehen, etwas anzusprechen, wenn es mich stört, anstatt sich abzuwenden und einfach die individuelle Ruhe zu suchen, die mit Abtrennung vom Anderen oder vom Kollektiv einhergeht.
Nochmal zur Frage der Übertragbarkeit, der gesellschaftlichen Transformation, wie Imma und Reiner es angesprochen haben. Kapitalismus ist ja ein riesiges Beziehungsprägendes Verhältnis, was uns eher zu Konkurrenz und Feindseligkeit, zu Eigennützigkeit und Enge treibt. Ihr stellt die Frage: Wie kann man die Gesamt-Struktur so verändern, dass dabei andere Verhaltensweisen herauskommen, wie z.B. der Wunsch nach Kooperation statt Konkurrenz, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit, die auf Gemeinschaft basiert? Allerdings bin ich der Meinung, bevor man da über gesamtgesellschaftliche Konzepte nachdenkt, muss man erstmal rausfinden, wie es im Kleinen gelingen kann und ob es überhaupt gelingen kann. Bevor ich das nicht weiß, weiß ich auch nicht, welche gesellschaftsweiten Strukturen das befördern können.
Sandro: Till hat in Bezug auf das Vertrauen von einer kritischen Gruppengröße gesprochen. Das entspricht so nicht meinen Erfahrungen. In unserer Band waren wir 30 Leute, und ich hatte da durchaus so ein Grundvertrauen, dass wir das, was anstand, auch ohne große Regeln und Absprachen schon irgendwie hinkriegen, also Konzert-Organisation, Reisevorbereitungen usw. Auch wenn es immer Leute gab, die das vielleicht nicht richtig konnten oder auch andere nicht richtig mitgekriegt haben, waren genug Leute da, die für jeden Aspekt was einbringen konnten.
Aber eine Wohngruppe z.B. stellt andere Ansprüche als eine Musikgruppe. In der steht nicht so viel auf dem Spiel, insofern kann ich da zu mehr Leuten auch ohne Regeln das nötige Vertrauen haben als in einer kleinen Gruppe, in der mir die Ereignisse vielleicht viel näher gehen.
Generell fällt es mir nicht schwer, in einem diffusen Sinn zu vertrauen: Also da wird schon noch wer eingreifen und wird das regeln! Vielleicht vertraue ich sogar gerade einer nahestehenden Person nicht, aber irgendwann macht das dann schon, vielleicht sogar eine Person, die ich gar nicht kenne.
Zu diesem revolutionären Aspekt oder anders ausgedrückt: diesem gesamtgesellschaftlichen Wandel. Ich glaube auch, dass unsere Praxis, unsere alltäglichen Versuche hier nicht sonderlich revolutionär sind. Aber ich finde es trotzdem gut, im Kleinen Sachen auszuprobieren und zu durchdenken, wie das ausgedehnt und größer werden kann. Ich glaube auch, dass es ganz viel Veränderung in den Menschen selbst braucht, um dadurch auch die Gesellschaft zu verändern.
Mensch kann erstmal nur im Kleinen anfangen, muss dann aber auch aufpassen, nicht da stecken zu bleiben. Das ist die Angst, die ich habe, dass wir uns am Ende in der Gruppe schön eingerichtet haben, aber vergessen, dass es ja auch noch weitergehen muss, um wirklich was an den gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern.
Siggi : Ich kann mit vielen, was gesagt wurde, etwas anfangen, habe aber Fragezeichen, was Gruppengröße angeht und welche Art von Vertrauen es für Beziehungen von gemeinsam Produzierenden braucht. Gibt es wirklich eine Grenze in der Gruppengröße? Was macht den Unterschied in den Gruppen aus? Und für welche Art von Gruppe brauche ich welche Art von Vertrauen?
Und was den transformativen Aspekt betrifft, läuft das, was wir hier machen, zumindest nicht sehr gradlinig und schnell auf gesellschaftliche Veränderungen hinaus, sondern allenfalls sehr langsam. Trotzdem finde ich es sehr wertvoll. Wir müssen halt Dinge ausprobieren und lernen, wie sie gehen. Und wenn wirklich die Revolution da war, werden wir nachher trotzdem nicht wissen, wie Nahrungsmittelproduktion und auch wie Beziehungen funktionieren, wenn wir es nicht vorher ausprobiert haben.
GRUPPEN
Imma : Was ist eine Gruppe eigentlich? Gibt es sowas wie eine Gruppenmeinung und eine Gruppenentscheidung? Und ich verneine das! Ich sage: das gibt es nicht! Ich behaupte ganz grundsätzlich: Eine Gruppe hat keinen Körper, kann nicht reden und kann auch nicht handeln. Es sind zunächst immer die Individuen, die sich eine Meinung bilden, die etwas sagen oder auch nichts sagen, die agieren oder auch nicht agieren. Und die treten in eine Beziehung zueinander und synthetisieren dann das, was wir Gruppe nennen. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.
Das hat vielleicht Konsequenzen, was das Vertrauen zu einer Gruppe betrifft. Ich würde inzwischen bejahen, dass man Vertrauen auch zu einer Gruppe haben kann. Aber wozu habe ich dann eigentlich Vertrauen? Nicht zur Gruppe als einer Entität, einer Einheit, sondern zu dem funktionierenden Wechselspiel der Individuen innerhalb der Gruppe. Und dieses Wechselspiel nehme ich als Gruppe wahr.
Ich bestreite natürlich überhaupt nicht die Existenz von Gruppen, aber – und das ist für mich sehr wichtig, was beispielsweise die Frage von Verantwortung betrifft – dass letzten Endes der Ausgangspunkt, damit irgendetwas passiert, immer das Individuum ist.
Anders herum ausgedrückt: wenn eine Gruppe wie eine Identität, eine Einheit behandelt werden kann, dann ist es schlimm. Das setzt eine Homogenisierung voraus, die mir Angst macht. Dazu hätte ich kein Vertrauen mehr. Eines Geistes zu sein, so umfassend, dass überhaupt keine Konflikte mehr Raum haben, in denen die Individuen sichtbar werden, oder unter einem Kommando zu stehen, welchem auch immer, das das Verhalten der Einzelnen bestimmt, macht mir Angst. Auch deswegen, weil damit die Verantwortung der Einzelnen wegfällt, und ihr Wissen, dass sie selber es sind, die Impulse geben müssen, die dafür sorgen müssen, dass etwas in Bewegung kommt.
Deswegen teile ich dieses Bild nicht, dass Individualismus Ausdruck dieser separierten, neoliberalen Gesellschaft ist. Nicht dass sie individualisiert sind, ist das Problem,
sondern die bestimmte Art, in der sie in Konkurrenz zueinander treten, sodass sie sich gegenseitig, um es grob auszudrücken, ständig übers Ohr zu hauen versuchen. Das ist ja das eigentlich konstituierende Element der kapitalistischen Gesellschaft. Und Gruppen, die aus diesen Konkurrenz-Beziehungen entstehen, das sind Seilschaften, die zeitweise Bestand haben, bis der/die Einzelne wittert, wie er oder sie mit den besten Bedingungen da rauspreschen kann, um sich einen neuen Kontext zu suchen, in dem er oder sie sich verbessern oder bereichern kann.
Ich würde also gern die Individualität im Sinne von einer Eigenverantwortlichkeit und auch eines Wissens, dass man selber die Dinge machen muss, die passieren sollen, in Schutz nehmen gegen dieses Bild der individualisierten Gesellschaft, wo die Individualisierung von vorn herein nur bedeuten kann, in Konkurrenz zu einander zu treten und sich gegenseitig fertig zu machen.
Carmen: Ich habe den Eindruck, dass dein Blick, Imma, auch Ausdruck und Symptom ist von einer durch Gruppen traumatisierten Gesellschaft, in der ständig die Angst besteht, als Individuum in einer Gruppe unterjocht oder eingesogen zu werden in etwas, was man nicht sein will. Das deutet für mich auf transgenerationale Grenzverletzungen hin. Ich sehe das auch bei mir, frage mich in Gruppen auch immer mal wieder, wo ich da um Gotteswillen gelandet bin? Wir können anscheinend nicht auf eine Erfahrung von Gruppen zurückgreifen, in denen sich Individualität frei entfalten kann und wir uns gleichzeitig zugehörig und sicher fühlen. Stattdessen tragen wir die körperlichen Spuren und Erinnerungen von Gruppenerfahrungen in uns, die grenzverletzend und traumatisierend für die Einzelnen sind und in denen ich mich als Individuum ausgeliefert fühle, der ich mich unterwerfen muss, um zugehörig zu sein.
Ein Treffen mit vier Menschen aus der Kultur der Kogi 48 hat mir gezeigt, dass es da auch noch was Anderes gibt. Das waren vier Individuen, aber dabei hatte ich den Eindruck, dass sie viel selbstverständlicher in ihrem Miteinander sind, als ich das von uns kenne. Ich habe den Übersetzer des Buches, der bei dem Gespräch dabei war, gefragt, wie die eigentlich mit Konflikten umgehen, die aus abweichenden individuellen Wünschen entspringen. Er hat mir geantwortet, dass aus seiner Wahrnehmung dieser eigene Wille als Ausdruck von Individualität ein sehr westliches Konzept ist, was es bei den Kogi so gar nicht so gibt.
So sehe ich das auch: Unser Blick ist sehr geprägt von der westlichen Kultur. Also ich habe auf jeden Fall ein Interesse daran, aufmerksamer zu gucken, wo ich eigenbrötlerisch handle und für mich allein entscheiden will, um von der Gruppe unabhängig zu sein. Wie kann ich mich stattdessen zu einem positiveren Verhältnis zur Gruppe entwickeln, mit den Fragen danach, was das Kollektiv braucht, und wie ich mich da sinnvoll einbringen kann, um zu einem gelingenden Miteinander zu kommen, in dem ich mich individuell zugehörig und sicher fühle und in Kontakt mit mir und den anderen erlebe. Vielleicht – etwas überzeichnet – wie eine Biene im Bienenstock!
48 indigene Bevölkerungsgruppe aus Kolumbien
Sandro: Wenn ich an Ameisen- oder Bienenstaat denke, dann graust es mich auf jeden Fall. Gleichzeitig würde ich aber auch sagen – wie du nach dem Treffen mit den Indigenen – dass mein Bild sehr europäisch, sehr westlich geprägt ist. Ich bin auch daran interessiert, das besser zu verstehen.
Allerdings hänge ich auch an meiner Individualität. Ich bin halt ich und ich spüre mich, und ich bin in diesem Körper! Das Ich-Sein ist etwas ganz Leibliches. Deswegen fühlt sich das für mich als kleinste Organisationsform ganz sinnig an.
Ich denke ja sehr viel in Verantwortlichkeiten und kann mir ganz schlecht vorstellen, dass eine Gruppe als Gruppe Verantwortung übernehmen kann. Am Ende sind es dann doch die einzelnen Leute aus der Gruppe, die das machen.
Das hat auch wieder mit Vertrauen zu tun. Deswegen hänge ich eigentlich an den Individuen, aber finde doch auch, dass Gruppen mehr sind als die Summe ihrer Teile. Das hat mir ein bisschen in dem gefehlt, was Imma gesagt hat, es steht ja fest, dass dadurch, dass Menschen sich zusammentun, Sachen entstehen, die sonst nicht entstehen könnten.
Agnes: Das Interessante an einer Gruppe, finde ich – auch aufgrund der Erfahrungen aus meiner systemischen Ausbildung – ist die Dynamik, die zwischen den Einzelnen entsteht. Sie ergeben in ihrer Vielfältigkeit zusammen das Neue, was im Prozess des Einzelnen nie entstehen würde. Dabei ist jede Gruppe anders, einfach, weil jede Person unterschiedliche Aspekte mit einbringt und die Dynamik dann eine andere wird.
Die Frage ist, ob diese Dynamiken zu etwas werden, das die Individuen voneinander trennt oder sogar schädigt. Oder sind diese Dynamiken, die man miteinander pflegt und sucht, im Sinne der Menschen, die da zusammen sind? Vielleicht ist eine andere Person, die dazu kommt, in einem bestimmten Moment auch gar nicht so förderlich, weil sie zu viel einfordert oder so. Es kann aber auch sein, dass die anderen Individuen das gut mittragen können.
Ich finde Individualität gar nicht so problematisch, frage mich nur, in welchem Rahmen ich mich damit jeweils verorte. Also kreise ich um meine Individualität, kümmerge ich mich nur um mich? Oder gelingt es mir, mich in Verbindung zu setzen, dann etwas Neues zu erfahren und zu erleben, was eben nur durch diese Verbindung überhaupt möglich wird? Das zu erfahren und zu üben, finde ich eine große Herausforderung. Ich habe das Gefühl: wir können es eigentlich nicht oder nur sehr schlecht. Und da ist noch viel zu lernen.
Wie kann ich mich mit meinen Fähigkeiten und Eigenschaften in einen Kontext einbringen und dabei das, was in mir problematisch ist, vielleicht auch transformieren, sodass es für mich als Individuum, aber auch für meine Einbettung in einen Gruppen-Korpus förderlich ist. In den Anfangsjahren, in denen ich hier war, war ich nur am Hof, habe mich ganz in den Sinn der Gemeinschaftlichkeit hier gestellt, habe dann
irgendwann gemerkt, dass ich Abstand brauche. Den habe ich jetzt gewonnen und bin bereit, mich wieder mehr einzubringen. Also es ist eine Hin- und Her-Bewegung auf der Suche nach meiner ganzen Individualität.
Reiner: Ich kann viel von dem teilen, was Imma gesagt hat. Die Zwänge von Gruppen finde ich auch problematisch, aber an einer Stelle gehst du zu weit. Wenn du von Individualismus sprichst, da würde ich mich ganz klar dagegen aussprechen. Das ist tatsächlich eine Erscheinungsform des modernen Kapitalismus. Dahinter steckt ja die Vorstellung, ich könnte für mich allein existieren, und das ist ja im Kapitalismus auch bis zu einem gewissen Grad möglich. Das ist aber eine vollkommene Verzerrung, weil im Kapitalismus die Kooperation ja nur in den Wertbeziehungen versteckt ist. Mir ist dazu der Begriff „Dialektik“ eingefallen.
Die einzigen, die handeln können, sind tatsächlich die Individuen, da stimme ich zu. Ich möchte gern was vorlesen, was Meretz und Sutterlütti dazu schreiben 49 : „1. Befreiung ist individuell: Jede und jeder kann sich nur selbst befreien. 2. Befreiung ist gesellschaftlich: Menschen können sich nur innerhalb der Gesellschaft befreien. Und 3. Befreiung ist kollektiv: wir können uns nur im eigenen, konkreten Lebensumfeld befreien.“ Diesen Kollektivitätsaspekt finde ich wichtig. Es geht ja nicht nur um das reine Überleben, sondern man braucht auch eine Spiegelung, man braucht den Austausch. Du kannst aus deiner eigenen Hirnsuppe nicht so viele Impulse und Ideen entwickeln, wie das mehrere Menschen zusammen können, wenn sie sich gegenseitig spiegeln.
Aber dieses Kollektive ist für mich nichts Geschlossenes. Da sehe ich den Unterschied zwischen einer Gruppe und einem Kollektiv, denn eine Gruppe hat für mich was Geschlossenes, aber ein Kollektiv muss das nicht unbedingt sein. Ich kann mir auch ein Lebensumfeld vorstellen, wo ich mich als Teil eines Kollektivs sehe, aber nicht Teil einer fest begrenzten Gruppe bin. Den Zusammenschluss in Cocosola kann man vielleicht auch als eine Gruppe betrachten...
Berit: Die nennen sich als Gesamtzusammenhang „Familie“.
Till: Dann nehme ich das Stichwort Familie als Anknüpfungspunkt. Ich bin als sechstes Kind in eine neunköpfige Familie geboren worden. In den ersten zehn Jahren meines Lebens hatte ich das Gefühl von Glück, auch als Teil einer katholischen Glaubensgemeinschaft, die natürlich sehr prägend war. Erst danach habe ich entdeckt, dass es sowas wie Individualität gibt, hatte dann aber nicht mehr die Fähigkeiten, das überhaupt auszubilden.
Im weiteren Verlauf meines Lebens bin ich Teil der verschiedensten Gruppen gewesen, und bin immer wieder daran gescheitert, dass ich dort auf Menschen gestoßen bin, die sehr individualistisch waren und ihre Interessen durchsetzen konnten. Für
49 Simon Sutterlütti / Stefan Meretz, Kapitalismus aufheben, 2018
mich blieb dann die Rolle des Hausmeisters und Wegputzers, der sozusagen die Verantwortung für die Gruppe übernommen hat. So kann keine Gruppenverantwortung entstehen.
Ich habe meinen Individualismus darin verlernt, habe das mühevoll nachholen müssen. Auch jetzt noch merke ich, wenn ich den mal deutlich äußere, dann ecke ich schnell an. Und das Anecken habe ich natürlich auch nicht gelernt, bin eher mit Vermeidungsstrategien großgeworden.
Ich denke auch, wir Menschen können nur als Gruppen überleben, brauchen darin aber doch auch unseren Individualismus. Nur, wie soll man Individualismus lernen, wenn man die Gruppe so dringend braucht?
Reiner: Da würde ich das Wort „Individualität“ verwenden, nicht „Individualismus“ ...
Tobi : Danke, dass du ganz konkret zu deinem Background was erzählt hast. Ich glaube, dass es in unserem Verhältnis zu Gruppen eine große Rolle spielt, wo wir herkommen und welche Erfahrungen wir gemacht haben.
Ich habe mir mit meiner Zwillingschwester schon den Raum im Bauch unserer Mutter geteilt. Vielleicht ist das der Anfang von meinem Urbedürfnis nach Verbindung. Wie so eine Motte suche ich das Licht der Gruppe, wobei ich mich auch immer mal wieder verbrenne oder auch verrauche. Wenn mich was richtig beglückt, dann ist das eigentlich Verbindung. Es ist ein Gefühl, das durch meinen ganzen Körper geht.
Aber meine Verbindungsfähigkeit ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Klar, ich lerne dazu und werde hoffentlich immer beziehungsfähiger. Also der Moment, wie wir jetzt hier sind und aufeinander reagieren, der ist irgendwie einmalig. Was auch irgendwie schön ist, aber so komplex, das lässt sich überhaupt nicht greifen. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre es vielleicht eine ganz andere Erfahrung.
Michael : Ich konnte viel mit den anfangen, was du gesagt hast, Till. Vieles ist biographisch begründet. Aus so einem Gewalthaushalt kommend, war für mich Gruppe auch Zwang, also nicht attraktiv. Aber gleichzeitig wurde Kollektivität dann auch eine Überlebensstrategie, weil es die Sicherheit bot, die ich brauchte, um mich aus dem Zwangskontext lösen zu können. Ja, ich möchte als Individuum vorkommen, aber ich brauche auch die Gruppe als Gegenüber und als etwas, von dem ich Teil bin.
Ich würde mich der Analyse anschließen, dass in unserer Gesellschaft Individualität viel zu hoch gehalten wird; das Individuum mit seinen Bedürfnissen steht im Zentrum. Und was die Gesellschaft braucht, dieses große abstrakte Kollektiv, das ist egal! Die Folge sind Verhältnisse, die der einzelnen Person erstmal egal sind, weil es sie nicht unmittelbar betrifft.
Da habe ich eine ganz klare Position: Wir müssen Kollektivität viel mehr in den Vordergrund stellen und auch die gemeinsame Verantwortung für Sachen. Ich verstehe deine Aussage, Imma, gar nicht, dass Gruppen nicht handeln würden. Doch: Gruppen handeln! Wir als Gruppe haben bestimmte Dinge vereinbart, wie wir z.B. den Hof
nutzen und erhalten. Daraus folgen bestimmte Anforderungen, und wir haben uns als Gruppe, nicht als Individuen, darauf geeinigt, den Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, sich zukommen. Und das setzen wir als Gruppe um. Wenn ich das individuell machen müsste, die Verantwortung würde ich ablehnen.
Ich glaube, wir haben ein unterschiedliches Verständnis von Gruppe. Für mich ist Gruppe was Schnellebiges, was ständig im Wandel ist. Auch in meiner Arbeit sehe ich, dass es bestimmte Strukturlogiken gibt, nach denen sich Gruppen verhalten. Und da kann dann auch eine neue Person keine groß anderen Impulse geben, auch wenn sie etwas Anderes will, weil diese Strukturlogik dieselbe geblieben ist. Und das ist dann auch wieder das Gefährliche an Gruppen und Strukturen, dass sich das Sachen reproduzieren, die man eigentlich verändern will. Deswegen meine ich, Gruppen brauchen auch ständige Veränderungen, damit sie nicht versteinern, nach dem Motto: So machen wir das, weil wir das schon immer so gemacht haben!
Für mich ist übrigens auch die PaG ein Beispiel, wo wir als Gruppe, nicht als Individuen handeln, schon allein deshalb, weil wir ja von außen als Gruppe wahrgenommen werden, die als solche auch adressiert wird.
Die Frage von vornhin, wie das mit dem Vertrauen ist, finde ich in diesem Zusammenhang wirklich schwierig. Ich muss als Einzelperson der Gruppe vertrauen, aber die Gruppe muss auch in mich vertrauen können. Da wird es bei mir ein bisschen wirr.
Lisa: Danke für deinen Beitrag, ich finde auch, dass Gruppen handeln und angesprochen werden können und auch eine Verantwortung tragen. Manchmal gibt es allerdings auch eine Verantwortungs-Diffusion. Denn eine Gruppe ist ja keine höhere Einheit, die selbst handeln kann, ohne dass die Individuen darin handeln. Aber sie wirken zusammen als größeres Ganzes und sind in dieser Form auch ansprechbar, strahlen etwas aus. Und dann glaube ich auch, dass ich als Teil einer Gruppe die Verantwortung dafür mittrage, was die Gruppe macht und wie sie nach außen auftritt. Das gilt auch dann, wenn die Gruppe etwas macht, was ich selbst eigentlich nicht will.
Uwe: Imma, du hast gesagt, das Individuum sei das handelnde Subjekt, anders könntest du es dir nicht vorstellen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, weil unsere Vorstellungskraft durch das Leben, in dem wir sind, so begrenzt ist. Wir kennen ja nichts Anderes. Ich wäre so gerne mal vor dem Kapitalismus gewesen, also vor der Einhegung, um zu gucken, wie sich die Leute damals verhalten haben, als sie noch nicht von den jetzigen Bedingungen geprägt waren.
Wir stecken in dieser Ideologie, die über vierhundert, fünfhundert Jahre von Adam Smith und den entsprechenden philosophischen Grundlagen aufgebaut wurde. Die haben wir alle verinnerlicht, auch wenn wir sie vielleicht rational ablehnen. Unsere Gesellschaft ist in diesem Dualismus geprägt: Gruppen – Individuum, entweder Gruppe oder Individuum, entweder statisch oder Bewegung. Es ginge darum, diesen scheinbaren Gegensatz aufzulösen, was auch für mich eine schwierige Vorstellung ist.
Mir hat Bourdieu geholfen, Struktur und Individuum in meiner Vorstellung besser miteinander zu vereinbaren, ohne dabei beliebig zu werden.
Berit: Wie hat Bourdieu dir da geholfen?
Uwe: Die Ausführungen, wie die Struktur das Individuum formt, aber die Individuen auch gleichzeitig die Struktur formen. Diese Gleichzeitigkeit hat er in seinen Büchern beschrieben. Diese Vorstellung von Gleichzeitigkeit ist das, was mich geprägt hat.
Und hier sehe ich auch die Verbindung zur Kritik am Tauschen. Für mich ist Individualismus – im Gegensatz zu Individualität, die es schon immer gab – die Bedingung von Kapitalismus, weil sie an die Existenz von Eigentum gebunden ist. Kapitalismus funktioniert nicht ohne Eigentum. Und durch die Einhegung wurden die Menschen gezwungen, das zu akzeptieren. Die ersten Generationen haben es vielleicht nicht akzeptiert, aber die vierte oder fünfte musste das dann irgendwann. Da sehe ich den Zusammenhang: ohne Eigentum kein Individualismus, ohne Individualismus kein Eigentum.
Was hat das Ganze jetzt mit uns zu tun? Auch wenn wir es uns vielleicht nicht vorstellen können, was können wir trotzdem machen, um aus diesem zwangsläufigen Zusammenhang rauszutreten? Also nicht einfach nur versuchen, das irgendwie besser hinzubiegen, sondern es wegzuwischen und etwas komplett Anderes zu finden, was wir uns heute vielleicht noch gar nicht vorstellen können.
Miriam: Mir verschwimmen hier manchmal auch zu sehr die Begrifflichkeiten (Individualismus, Individualität, Individuum und Egoismus sind unterschiedliche Sachen). Unser Begriff von Individualismus ist ja sehr stark vom Konkurrieren im Kapitalismus und der Konzentration auf die eigenen Bedürfnisse bestimmt. Ich habe das oft in westlich sozialisierten Zusammenhängen empfunden, dass Gruppe als das Aufgeben von Individualität und Freiheit angesehen wird. Interessant wäre, wie es vor dem Kapitalismus in unserer war, und nicht nur, wie es vielleicht woanders in der Welt jetzt noch funktioniert. Ich finde es zwar gut, Impulse von woanders aufzunehmen. Aber es besteht auch die Gefahr der vereinfachenden Romantisierung. Nach meiner Erfahrung sind die Zusammenhänge zu komplex, um sie einfach übertragen zu können. Es bleibt jedoch wann die Frage, welche Impulse von anderswo wir hier sinnvollerweise beleuchten und aufnehmen können.
Es ist gut, dass Till die biografischen Erfahrungen eingebracht hat. Dazu kann ich auch was beitragen. Unsere Großfamilie in der Sowjetunion war was ganz Anderes als später hier die Kleinfamilie. Als wir in die DDR umzogen, hatte ich, ähnlich wie Michael, die Erfahrung von Einengung. Als es dann noch weiter nach Westdeutschland ging (nach 1989), bedeutete das sehr stark die Einübung in den hier vorherrschenden Individualismus. Das wurde dann eingeeißelt als eine Frage des Überlebens in diesem System. Wie bei einer Teflon-Pfanne sollte ich nun alles an mir abprallen lassen, mich abgrenzen und meine (individuellen) Bedürfnisse über alles stellen.
Ich würde Michael und Lisa darin zustimmen, dass Gruppen handeln können. Ich erlebe auch, dass es sowas wie eine Gruppenverantwortung gibt, auch wenn es nur einzelne Personen betrifft. Letztlich geht es aber auch hier in den kollektiven Strukturen immer noch um sehr viel individuelle Verantwortung. Denn auch wenn wir als Gruppe etwas machen, steht die Frage im Raum: Wer hat die Verantwortung dafür? Und die Frage, wer da den Hut aufhat, geht über in die, wer Schuld hat, wenn irgendwas schiefgeht. Und das, finde ich, ist noch super-individualisiert. Da fehlt die kollektive Verantwortungsbereitschaft.
Das habe ich teilweise in Cecosesola anders wahrgenommen. Zwei Beispiele. Es kommt auch da vor, dass für eine bestimmte Situation eine Kleingruppe die Entscheidungen trifft – nach bestimmten Großgruppen-Kriterien – und daran halten sich dann auch erstmal alle bzw. setzen sie mit um – auch wenn es manchmal Zweifel gibt im Netzwerk, ob es die richtige Entscheidung ist. Trotzdem ist das „Go“ da, es zu wagen – und es wird erstmal so gemacht. Wenn es gut geht, ja, dann war es eine gute Entscheidung. Und wenn es schiefgegangen wäre, hätte man gesagt: Ok, es war ein Versuch, und jetzt ein neuer Versuch! Da sehe ich nicht so viel individuelle Verantwortung und da wird auch nicht nach einem Sündenbock gesucht.
Oder als Anna Maria in ihrer Zeit hier überlegt hatte früher zu fahren, weil etwas in ihrer Familie passiert ist, hat sie mit ihrer Entscheidung bis zum Wochenende gewartet, bis die gesamte Cecosesola-Gruppe zusammenkam und dazu eine Meinung äußern konnte. Auch wenn es erstmal nur sie betroffen hat, war für sie klar, dass ihre Entscheidung sich besser auf die Erfahrungen und Impulse/Perspektiven von mehreren stützt.
Das meine ich mit dem Ineinander-übergehen von Grenzen zwischen Gruppenentscheidungen und individuellen Entscheidungen.
Barit: Ich möchte auf die Frage zurückkommen, in welchem Verhältnis persönliche und Gruppen-Bedarfe stehen. Das ist für mich eine der zentralen Problematiken in der Beziehung zwischen Gruppe und Einzelperson. Es ist ja eine Erfahrung, die wir häufig machen, dass das, was es für das Gruppenziel braucht, nicht das gleiche ist, wie das, was ich brauche oder mir wünsche. Jetzt gerade brauche ich für mich eigentlich Ping-Pong und Gelegenheit zu sprechen, aber die Gruppe braucht einen Raum, wo alle möglichst ausgeglichen zu Wort kommen. Da kann ich jetzt entscheiden, ob die Reibung in den unterschiedlichen Interessen so groß ist, dass ich gehe, oder ob ich bleibe und das aushalte. Genau dieses Spannungsfeld haben wir ja in unserem Alltag eigentlich dauernd.
Ich würde in dieses Gemisch noch einen anderen Begriff reinbringen, und zwar Egoismus, der die Fokussierung auf meine eigenen Bedürfnisse bedeutet. Und das kann für den Gruppenprozess sowohl förderlich als auch hinderlich sein, je nachdem wie exzessiv der Egoismus betrieben wird. Es braucht ein funktionierendes, balanciertes Verhältnis von Personen mit ihrer Individualität und der Gruppe als Ganzes, zwischen
Egoismus und Altruismus. Also zum Beispiel morgens hochzukommen und erstmal die Enten rauszulassen oder erstmal in Ruhe für mich einen Kaffee trinken.
Es gibt solche Mikro-Situationen, aber es muss auch in den Makro-Dimensionen funktionieren, also nicht nur gucken, was brauche ich-ich-ich und das in der Gruppe suchen. Dann haben wir keine Gruppe, sondern eine Seilschaft, wie Imma die beschrieben hat, wo am Ende Leute sich an den Fähigkeiten bereichern, die sie aus der Gruppe ziehen können, um danach wieder ihr eigenes Glück zu suchen.
Oder umgekehrt, wo Leute nur gucken, was die anderen wollen, und dabei in das fallen, was man „people pleasing“ nennt, also immer die anderen befriedigen wollen und darin gar nicht mehr bei sich selbst sein. Das ist auch problematisch. Das ist ein bisschen so, wie Till das beschrieben hat, die Erfahrung, die eigenen Bedürfnisse nicht hoch genug halten zu können. Das ist eines der Probleme in Gruppen, wenn das nicht funktioniert. Dann müssen Menschen aus der Gruppe ausbrechen, einen regelrechten Cut machen und vor der Gruppe flüchten, ähnlich wie vielleicht in Religionsgemeinschaften.
Das Ziel, das wir sowohl als Gruppe als auch als Bewegung verfolgen sollten, ist, ein Gruppenwesen zu schaffen, wo diese beiden Pole, das Einzelinteresse und die Gruppenbelange, möglichst gut zusammenpassen, ohne dass das eine oder das andere dabei zurückstehen muss. Deswegen finde ich den Karlahof als Lebensort total sinnvoll, weil es hier um unsere gemeinsamen Grundbedürfnisse geht, aber auch um Kultur und Spaß miteinander.
Zur Frage, ob Gruppen eigentlich etwas Stabiles oder etwas Flüchtiges sind, möchte ich sagen, dass ich beides für richtig halte. Also Gruppen sind superflüchtig und super-fragil, weil sie aus individuellen Beziehungen bestehen, und können dann auch ganz schnell zusammenbrechen. Gleichzeitig sind Gruppen aber auch viel beständiger als persönliche Beziehungen, was wir hier ja auch daran sehen, dass schon viele Leute ausgezogen sind und die Gruppe trotzdem weiter existiert. Auch viele Verabredungen, die wir mit Leuten getroffen haben, die gar nicht mehr da sind, wirken noch fort. Deswegen ist es auch möglich, ein Vertrauen in die Gruppe zu haben, also in die Werte oder die Meta-Ziele, die sie repräsentiert. Vertrauen bedeutet für mich in dem Fall, dass ich die Interaktionen in einer Gruppe so einschätze, dass sie mir nicht schaden werden.
Im Casa 50 war das für mich nicht mehr gegeben. Die Dynamik, die sich dort entwickelt hat, hatte irgendwann eine zerstörerische Kraft, sodass ich der Gruppe nicht mehr vertrauen konnte, obwohl ich mit den einzelnen Personen in einem anderen Setting durchaus hätte weiter wohnen können. Aber die Gruppe hat mir kein Gefühl von Sicherheit mehr gegeben, und da finde ich es notwendig, zwischen kollektiver und individualistischer Sicherheit zu unterscheiden.
50 „Casablanca“, sozio-kulturelles Projekt in Leipzig, das seinen Annäherungsprozess zur PaG abgebrochen hat.
INDIVIDUUM UND GRUPPE
Imma: Ich möchte nochmal betonen, dass ich selbstverständlich diesen Individualismus, der die Grundlage dieser Gesellschaft ist, nicht schönreden möchte, das ist ja klar. Nur in meinen Augen läuft der Zugang zu dem, was passiert, nun mal über das Individuum. Michael möchte ich entgegnen: Selbstverständlich kann eine Gruppe nicht handeln! Eine Gruppe kann nach Prinzipien entscheiden, die vielleicht gut oder auch fragwürdig sind. Und zu dieser Entscheidung verhalten sich immer die Einzelnen. Wenn es heißt: wir entscheiden uns jetzt, den Hof aufzuräumen, dann kann jeder und jede einzelne sagen: Ich geh jetzt! Oder: Ich geh jetzt nicht! Wenn die Person diese Freiheit nicht hat, dann wäre das in meinen Augen recht katastrophal. Denn nur die freie Entscheidung der einzelnen Person ist die Voraussetzung dafür, dass sie auch Verantwortung übernehmen kann.
Dass man diese Freiheit hat, heißt noch nicht, dass sie jeder zu jeder Zeit für sich in Anspruch nimmt, natürlich fühlt man sich als Individuum auch an die Entscheidung einer Gruppe gebunden. Was mir wichtig ist – und ich glaube, das unterscheidet mich von einigen von euch – ich möchte nicht hinter die Aufklärung zurück, die die Fähigkeit des Individuums, zu erkennen, zu zweifeln und zu entscheiden, in den Fokus gestellt hat!
Zum Altruismus: wie entsteht der Altruismus? In welche Beziehung treten die Individuen in einer Gruppe oder auch in einer offenen Struktur, sodass sich so etwas wie Altruismus oder Empathie entwickelt? Man geht ja in eine Beziehung unter anderem über Konfliktualität. Wenn die positiv durchlebt, also entzogen wird, erzeugt sie Nähe, und diese Nähe macht Altruismus möglich.
Reiner: Ich möchte zum Thema Skalierbarkeit unserer Projekte etwas sagen, also zu der Möglichkeit, die von uns gebildeten Gemeinschaften beliebig weit auszu dehnen. Ich denke, diese Vorstellung entbehrt jeder Grundlage, weil das vollkommen andere Beziehungen sind – transpersonale Beziehungen mit anonymen Teilen der Gesellschaft oder interpersonale Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft selbst. Das sind dann vollkommen andere Verhältnisse, weil in der Gemeinschaft das Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. Sie ist ja auch mehr als einfach ein System zur Befriedigung der Bedürfnisse. Na ja, wenn man Bedürfnisse ganz weit fasst, dann fällt darunter natürlich auch das Seelische und Geistige.
Aber wenn es um den großen Zusammenhang geht, stehen ja erstmal die materiellen Bedürfnisse im Vordergrund, weil sie die Grundlage des Lebens bilden. Es geht darum, Produkte zu erlangen, die man nicht selber herstellen kann. Und das Arbeitsteilige zeichnet ja uns Menschen aus, ohne das kommen wir im Grunde gar nicht aus. Dass das zwei verschiedene Ebenen sind, das wollte ich nochmal in Erinnerung rufen. Und das muss man berücksichtigen, wenn man eine Transformations-Perspektive denken will.
Und noch ein Satz zur Aufklärung: Ich finde den Begriff schwierig (Adorno!) Aber was du meinst, das teile ich, ich will nicht ins Mittelalter zurück, will auch nicht wieder die interpersonellen Abhängigkeiten, die es früher gab.
Carmen: Zu Altruismus und Egoismus: Ich bin ganz inspiriert von einem Paartherapeuten, der Terry Real heißt, der das für den Paar-Beziehungsraum beschreibt, aber ich glaube, man kann es auch auf Gruppenbeziehungen anwenden. Ich will anhand des Kochplans was dazu sagen: Ich habe einen Bedarf, dass jeden Mittag gekocht wird, und bin gerne bereit, meinen Beitrag dazu zu leisten. Deswegen bin ich individuell daran interessiert, dass es kollektiv organisiert ist. Wenn ich ganz egoistisch denke, würde ich sagen: Ich habe schon gestern gekocht, das mache ich heute aber nicht mehr, bin erst wieder in zwei Wochen dran! Das wäre ja auch ganz legitim. Aber in dieser Logik gehe ich zurück in meine Küche in der Karla-3 und koche da meine eigene Suppe. Aber dann ist mein ganz eigenes Bedürfnis, dass wir das kollektiv gestalten und ich mit euch gemeinsam Mittagessen kann, überhaupt nicht erfüllt. Das heißt, ich mach's gar nicht aus Altruismus, für andere zu kochen, sondern für mich und für unsere Kollektivität.
Das ist ganz oft so in diesem Beziehungsraum. Terry Real beschreibt das als „Relational Biosphere“. Darin sind wir alle dafür verantwortlich, diese relationale Biosphäre zu pflegen, weil es der Raum ist, in dem wir als Individuen unser Leben verbringen. Er sagt dann beispielsweise zu einem verheirateten Mann: das machst du nicht aus Altruismus für deine Frau, sondern du bist zufällig mit ihr verheiratet, also: Happy wife, happy life! Ein bisschen heteronormativ, das Beispiel, aber ich übertrage es jetzt auf die gemeinschaftliche Ebene : happy community, happy me!
Berit: Ich möchte, dass wir zu einer Form der Sozialität hinkommen, wo nicht aufgerechnet wird. Ich will, dass gekocht wird und dass wir gemeinsam essen, also will ich auch kochen. Also will ich auch, dass andere kochen, und das trifft sich darin. Carmen (geflüstert): Warum steht dann niemand im Kochplan?
Berit: Ja, ich habe schon auf dem Schirm, dass ich noch kochen muss... (Gelächter) Aber noch zur Skalierbarkeit unserer Erfahrungen: Also meine Vorstellung ist nicht, dass der Karlahof immer weiter wächst, dass wir hier irgendwann zu tausend sind. Sondern mein Bild ist – und das gilt nicht nur für Skalierbarkeit, sondern auch für Transformation, für Umbruch – dass wir Teil sind von einem Archipel, von Inseln der Kollektivität in einem Meer von Kapitalismus, und dass das der Versuch ist, Land zu gewinnen. Wir wollen stückchenweise mehr Inseln werden, stückchenweise größere Inseln schaffen. Dafür ist es sinnvoll, dass wir funktionierende Gruppen sind, die sich auch ausweiten, die aber auch Ableger bilden können.
Da ist der Karlahof auch sinnvoll als transformativer Ort, weil wir versuchen, Erfahrungen zu sammeln und zu kultivieren. Menschen, die herkommen, können sehen, dass eine andere Sozialität möglich ist, selbst mit unseren völlig verstörten, trauma-
tisierten Realitäten. So kann der Karlahof ein Ort sein, von wo aus wir andere Leute inspirieren oder unterstützen können, neue Inseln zu schaffen, mit denen wir uns verbinden können. Und damit auch, bezogen auf Immas Text, die Grenzen unserer Subsistenz ausweiten und so dem Kapitalismus, der ständig neue Lebensbereiche einhegt und unterminieren will, Grenzen setzen, indem wir immer neue Bereiche kollektivieren.
Es ist wichtig, dass wir uns dabei nicht auf den intellektuellen Raum begrenzen, sondern auch materielle Güter kollektiv herstellen, nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für den Bedarf von den Gästen oder anderen Leuten wie zum Beispiel über die Aufstriche. Das ist mein Bild von Transformation, nicht das Bild von Revolution als einem einmaligen Ereignis.
Reiner: Um unsere Bedürfnisse umfassend zu sichern, brauchen wir aber doch eine arbeitsteilige Produktion. Und die Arbeitsteilung muss auch weitergehen als bis zum nächsten Kollektiv. Beide Kollektive hier werden keinen Computer herstellen können. Wir brauchen eine höhere Form der Arbeitsteilung. Und das ist mir nicht klar, wie das mit diesen ganzen Archipelen gehen soll. Das ist eine schöne Vorstellung und unter einem anderen Gesichtspunkt ist das auch sehr sinnvoll, weil wir zeigen können, was möglich ist. Aber das ist noch nicht Transformation, allenfalls eine Vorbedingung dafür.
Berit: Hast du „Bolo‘bolo“ gelesen 51 ? So stell ich mir das mit den Computern vor!
Miriam: Ich sehe uns auch eher als Teil von einem Netzwerk. Der Karlahof muss nach innen funktionieren, aber auch nach außen. Es ist vielleicht fraglich, was die Gruppe und was das Netzwerk ist. Cecosola ist auch ein größeres Netzwerk, sie sehen sich jedenfalls als eines, und gleichzeitig gibt’s da kleinere Bezugsgruppen. Trotzdem können sie noch als großer Organismus funktionieren.
Ich würde tatsächlich deiner Bedürfnis-Definition und -Hierarchie/System widersprechen, Reiner, gerade wenn ich an Transformation denke. Ich verstehe schon, was du meinst: Es müssen alle zu essen haben. Aber wir haben auch alle emotionale, psychische und kollektive Bedürfnisse. Und ich finde, im Sinne von Transformation und der Möglichkeit, Teil von Gruppen zu sein, ist der Mangel an erfüllten Bedürfnissen in emotionaler Hinsicht viel eklatanter. Traumatisierungen in diesem Bereich aufzuarbeiten, ist viel nachhaltiger, auch im Gruppenzusammenhang, als der Mangel in materiellen Bedürfnissen.
Tobi: Ich finde interessant, wie Leute von „Gruppe“ sprechen. Ist das eher was, was mir die Individualität nimmt, wo ich mich unterordnen muss, sodass meine Bedürfnisse da untergehen? Oder ist es eher etwas, was mir was gibt?
Ich habe den Eindruck, es macht einen großen Unterschied, wie lange Leute hier sind. Wie schnell ziehen sie wieder aus, oder auch nicht. Ich glaube, das Transforma-
51 Hans Widmer, bolo‘bolo , 2015
tivste, das wir anbieten können, ist es, Erfahrungen zu machen. Also Leute kommen hierher; wir entwickeln was Kollektives; wir holen Holz aus dem Wald; wir arbeiten im Garten; wir produzieren Auftriche. Und uns geht's gut dabei, wir können uns kennenlernen, unsere eigenen Grenzen vielleicht auch, neue entdecken usw. Das ist das, was dieser Hof ermöglicht. Orte müssen auf eine bestimmte Weise gestaltet sein, dass es funktioniert, sich dort kooperativ zu begegnen.
Carmen: ...und wie gestaltet?
Tobi: Habe ich nicht so klar. Große Räume, Flipchart natürlich... (Gelächter).
Berit: Was es braucht, damit so ein Ort funktioniert? Neben den materiellen Voraussetzungen ist es hier so, dass Leute tatsächlich bereit sind, in Kontakt zu gehen, und dass sie bereit sind, fremde Leute in den kollektiven Prozess einzubeziehen. Das ist, glaube ich, eine relative Seltenheit in deutschen Kollektiven, eine gute Grundvoraussetzung, die wir weiter kultivieren sollten.
Das hat auch mit dem Vertrauens-Thema zu tun: Wenn wir uns den Hinzukommenden so vorbehaltlos öffnen, dann ist das ein Vertrauensvorschuss, der ansonsten selten in der Gesellschaft erlebt wird, also dieses: Ich kenn dich nicht, aber komm, sei Teil von unserer Gruppe! Das ist ja auch eine Erfahrung, die wir in kapitalistischen Strukturen nicht so häufig machen, ohne dass dann etwas Schlechtes direkt hinter der Tür lauert.
Ich fände es interessant, nochmal auf die verschiedenen Arten von Vertrauen einzugehen, die in den verschiedenen Ebenen möglich oder nötig sind. Also das zwischenmenschliche Vertrauen ist eine ganz andere Sorte von Vertrauen als das, was ich in eine Gruppe und ihre Dynamik setze. Und das ist wieder anders, als das Vertrauen, das ich in andere Kollektive mit gleicher Zielsetzung, mit denen ich mich verbinde, setze. Und das ist nochmal anders als das Vertrauen, das ich brauche, um kapitalistische Sicherheiten aufgeben zu können.
Und da würde ich sagen: Das, was ich brauche, um meine Lebensumstände auf ein antikapitalistisches Leben einzustellen, ist eher eine Art von Glauben, was also keine materielle Referenz mehr hat. Meine Erfahrung widerspricht dem eigentlich. Ich weiß, dass Gruppen scheitern. Ich muss gegen dieses Wissen daran glauben können, dass Kollektive nicht nur möglich, sondern auch gut für mich sein werden, um darauf zu verzichten, im bürgerlichen Sinn Karriere zu machen. Ich muss diesen Glauben haben, dass es eventuell auch nach dieser Gruppe ein weiteres Kollektiv geben wird, dass es, auch wenn ich alt oder krank werde, eine Lösung geben wird. Dabei gibt es ja niemanden, der mir dieses Versprechen macht – im Gegensatz zu einer Versicherungsgesellschaft! Von Glauben zu reden, kommt mir selbst ein bisschen problematisch vor, weil ich nicht so auf Religion stehe. Trotzdem fand ich, dass dieser Begriff mit dazu gestellt werden muss, wenn es um diese ganz große Metaebene geht.
Carmen: Muss ich denn an die Möglichkeiten der Kollektivität glauben , um meine Karriere dafür aufzugeben? Ich sehe es so, dass ich nicht daran glauben muss, sondern dass ich einfach Lust haben muss, daran mitzuarbeiten, also daran, wie wir unsere Gruppen so gestalten können, dass sie nicht scheitern. Ich hätte Lust mit euch gemeinsam Diane Leafe Christian 52 zu lesen: „Sieben Gründe für gelingende Gemeinschaft“. Vielleicht weil ich so protestantisch erzogen wurde, denke ich eher an Arbeit als an Glauben.
Uwe: Mich würde das tatsächlich interessieren, weiter über die Frage des Tauschens zu reden unter Einbeziehung meiner Behauptung, dass Eigentum die Grundlage des Tauschens ist. Wollen wir das wirklich? Oder ist das ein Schritt zu was Anderem hin? Müssen wir nicht das Eigentum und alles, was aus der Philosophie des Eigentums entstanden ist, wegwischen, weil wir etwas Anderes brauchen? Und was wäre da eine neue Kultur, das ist entweder Beitragen oder...
(geflüstert): ...ausgleichen?
Uwe: Ich weiß nicht, wie wir es nennen können. Mit dem Wissen, dass wir halt trotzdem Kinder von dem sind, was da ist. Da sehe ich Potential, wenn wir fragen, was wir statt tauschen tun können, weil tauschen ja ein Prinzip ist, was aus Eigentum entstanden ist.
Till: Ich finde das einen richtigen Gedanken, dass der Tausch nur möglich ist, wenn es sowas wie Eigentum gibt. Und Eigentum ist eigentlich das, was wir eher nicht wollen. Aber um dahin zu kommen, müssen wir kollektive Verantwortung lernen. Also wenn es kein Eigentum gibt, muss sich jede um das kümmern, was da ist. In der Garage hier sehe ich lauter schicke Fahrräder, die einzelnen Leuten gehören, alles individualisierte Fahrräder. Und ich seh daneben den Schuppen von früher, von der Lok, da gab es nach meinem Wissen nur Gemeinschaftsräder und da waren mehr oder weniger nur Ruinen drin. Das heißt, um zur Abschaffung des Eigentums zu kommen, muss man die Gruppenprozesse so analysieren und umgestalten, dass das Eigentum nicht mehr nötig ist, weil sich alle um alles kümmern.
Carmen: Dass Eigentum die Basis des Tauschens wäre, sehe ich anders. Eigentum ist ja historisch viel später entstanden als die soziale Praxis des Tauschens. Also muss es Tauschen schon vor dem Eigentum gegeben haben. Ich meine Eigentum als Vermögens-Recht, als Rechtstitel, der eingeklagt werden kann. Wir leben in einer Eigentumsordnung, da sind diese Vermögenstitel einklagbar. Wenn ich Holz mache auf dem Karlahof, ist das erstmal vom Bürgerlichen Gesetzbuch her niemandes Eigentumstitel, der einklagbar wäre.
Imma: Gehört das nicht rein rechtmäßig der Stiftung 53 ?
52 Diane Leafe Christian: Creating a Life Together: Practical Tools to Grow Ecovillages and Intentional Communities , 2003, New Society Publishers
53 Stiftung Dissidente Substanz (SDS), der rechtliche Träger der PaG
Carmen: Sehe ich anders, ist zumindest ein Graubereich. Ich würde sagen, Tauschen ist eine viel ältere Kulturtechnik als Eigentum. Eigentum ist die Voraussetzung für kapitalistische Kreditvergabe und damit Geldproduktion, aber das ist ein anderes Thema.
Imma: Ich hatte den gleichen Impuls einzuwenden, dass Tauschen nicht an Eigentum gebunden ist. Man kann alles Mögliche tauschen; das kommt ganz darauf an, wie man den Begriff benutzt. Aber ich denke, das müssen wir uns nochmal getrennt vornehmen und gucken, was das heißt: beitrugen, schenken, tauschen. Ich wollte nur, ähnlich wie Carmen, dass sich das nicht so festsetzt. Tauschen im Sinne von Aus-tauschen ist wirklich was Anderes.
Plädoyer für das Prinzip des Tauschens (Imma)
Jede menschliche Kommunikation und Interaktion ist ein Akt des Tauschens.
Vor unserem Treffen zur zweiten Diskussionsrunde möchte ich in ein paar Worten meine Haltung zum Tauschen bzw. zur Tauschlogikfreiheit skizzieren.
Warum ist mir das überhaupt so wichtig?
Ich sehe in dem Begriff der „Tauschlogikfreiheit“, der derzeit als eine Art Gütesiegel für fairen, solidarischen Umgang untereinander etabliert wird, einen Ausgrenzungsmechanismus mit denen in der Gesellschaft gegenüber, die sich das einfache, erwartungslose Weggeben oder Beitragen nicht leisten können bzw. fürchten, es sich nicht leisten zu können. Die sogenannte Tauschlogikfreiheit beruht in wohl fast allen Fällen auf einem Kissen von Spenden und Hilfsbereitschaft, die eben auch ein Privileg derer sind, die Zugang zu solchen Spenden oder Hilfen haben. Ich möchte mich von Menschen, die keine Stiftungen oder begüterte bzw. hilfsbereite Menschen kennen, nicht abgrenzen, sondern ihre möglicherweise vorhandene Angst, zu kurz zu kommen, lieber aufweichen und die Spielräume darin sichtbar machen.
Die ganz einfache Form des solidarischen Miteinanders ist ja die Nachbarschaftshilfe, die nicht direkt aufrechnet, aber doch von der Erwartung ausgeht, dass die Hilfsbereitschaft gegenseitig ist. Die Übergänge zwischen Wunsch, Erwartung, Forderung und Geltend-machen eines Rechtsanspruchs sind fließend, wie ich in meinem Papier zum „revolutionären Vertrauen“ abgeleitet habe. Auch das Geben und Bekommen geht von einer prinzipiellen Gegenseitigkeit aus, mehr oder weniger direkt oder eben langfristig und unscharf.
Die VerfasserInnen der Tauschlogik-Broschüre 54 haben diese unterschiedlichen Formen von Gegenseitigkeit auch eingeräumt, reduzieren sie aber auf ihre beiden Extreme: „Äquivalenztausch“ und „generalisierter Tausch“. In der Praxis des solidarischen Umgangs miteinander sind diese beiden Formen aber gar nicht voneinander abzugrenzen. (Ob es sich um zwei, drei oder zehn Personen handelt, die etwas „in die Mitte legen“ bzw. sich daraus bedienen, kann ja wohl nicht das Kriterium sein.) Denn „äquivalent“ bedeutet zunächst mal nichts Anderes als „angemessen“. Wer einen angemessenen Ausgleich für empfangene Dinge oder Hilfeleistungen geben möchte, handelt vielleicht aus Dankbarkeit oder auch aus Sorge und Interesse an der anderen Person; sie soll nicht „zu kurz“ kommen. Und wer darüber nachdenkt, wem er/sie seine Hilfe anbieten möchte, wird dabei auch berücksichtigen, wer seiner-/ihrerseits dazu bereit ist, anderen beizustehen oder ihnen abzugeben. Auch dies ist im weiteren Sinn ein Tauschvorgang.
54 https://ich-tausch-nicht-mehr.net/
Das Prinzip der Gegenseitigkeit (das die PaG ja auch im Namen führt) ist ein zutiefst menschliches; ich möchte sogar sagen: es ist die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Deshalb möchte ich meine These so formulieren: Jede menschliche Kommunikation und Interaktion ist ein Akt des Tauschens . Ist sie es nicht, handelt es sich um einen Akt der Aneignung bzw. Inbesitznahme und auf der anderen Seite um einen der Aufgabe, des meist unfreiwilligen Weggebens, das durch List oder Zwang bestimmt ist. (Die Rolle des Eigentums ist dabei zentral, was vielleicht nochmal separat diskutiert werden sollte.)
Der sogenannte Äquivalenztasch, der die Grundlage der kapitalistischen Akkumulation bildet, ist eben kein Äquivalenztasch; er ist weder gerecht noch fair noch solidarisch, sondern er ist eine Mischung aus Tasch und Aneignung; der/die Lohnabhängige wird um einen Teil des Äquivalentes betrogen. Auch der/die KonsumentIn wird um einen Teil ihres Geldes betrogen – der Teil, der den Firmen-EigentümerInnen und AktionärInnen ohne Gegenleistung in die Tasche fließt.
Also nicht der Tasch ist das Problem, sondern die darin versteckte Aneignung. Die abstrakten Vermittlungsfaktoren Wert, Geld und Markt machen es möglich, diese Aneignung zu verschleiern. Daher teile ich das Ziel, im Tasch den jeweiligen Nutzen der Beteiligten nicht in Geld oder andere quantifizierbare Größen umzurechnen, sondern den Ausgleich von Gebrauchswerten bzw. Nutzen zu suchen, und zwar in Gegenseitigkeit, also unter Berücksichtigung der eigenen Interessen wie der des Gegenübers.
Es geht also um Tauschen im Sinne des ausgleichenden Beitragens; je freier dieses Ausgleichen gedacht werden kann, desto wohler – zwar dankbar, aber eben nicht verschuldet – werden wir uns in einer so bestimmten Gemeinschaft/Gesellschaft fühlen. Hier spielt wieder das Vertrauen eine Rolle, über das wir ja schon geredet haben.
Kritik des Tauschs (Uwe)
Tauschlogik ist die Ausgrenzung aller, die nichts oder nicht genug haben um zu tauschen.
Tauschlogikfreiheit bedeutet zu bekommen, ohne (etwas Vorgegebenes) geben zu müssen ,und zu geben, was Menschen geben können. Wie kann mensch da zu kurz kommen?
Es ist der Versuch, eben diese angesprochenen Privilegien zu nutzen, um Ungleichheiten im Eigentum und gegenseitiges Ausspielen über Konkurrenz aufzubrechen.
Tausch bedeutet Transaktion (Veränderung des Status eines Guts oder Leistung zwischen Individuen oder Gruppen). Die Frage ist nicht, ob wir tauschen, sondern mit welcher dahinterstehenden Logik wir Transaktionen eingehen. Erwarte ich eine „gleichwertige“ Gegenleistung von meiner chronisch kranken Nachbarin für meine Hilfe? Oder erwarte ich, Teil einer Community zu sein, die sich auch um mich kümmert, wenn es mir schlecht geht (egal, von wem dann die Hilfe genau kommt)?
Äquivalenztaschlogik geht vom Individuum als abgeschottetem Subjekt aus, das mit anderen abgeschotteten Subjekten Deals eingeht. Zwei Parteien/Individuen geben und fordern gleichzeitig etwas für sie Gleichwertiges von der anderen Partei/Person. Der Fokus bleibt auf den isolierten Individuen und dem Vorgang des Tauschs nach materiell bezifferbaren Werten (ob er nun reale Vorteile oder Nachteile bringt). Das ist die Grundlage des Warentauschs, des Kapitalismus, des Neoliberalismus. Das Individuum ist selbstverantwortlich und seines eigenes Glückes Schmied. Das Leben ist eine Ansammlung von (Tausch-)Entscheidungen (materialisiert im Privateigentum). Wir handeln nur aus Eigennutz/Profitmaximierung. Es gibt keine Gesellschaft, nur eigenverantwortliche Individuen; solche und andere Glaubenssätze.
In Realität sind wir immer Teil eines oder mehrerer Kontexte, Gruppen oder Gemeinschaften, in unterschiedlichen Intensitäten und gleichzeitig bzw. parallel. In all diesen Kontexten wenden wir unterschiedliche Arten des Tauschs an. In der Regel so, dass je weiter eine Person/Institution/Gruppe von mir entfernt ist, desto wichtiger ist mir der ausgleichende Tausch bzw. „dass ich nicht zu kurz komme“. Je näher mir eine Person ist, desto mehr verschiebt sich der Fokus vom Materiellen/Wertorientierten hin auf die soziale Beziehung zu der Person innerhalb eines Gruppenkontextes (Die Skala geht von Paarbeziehung bis zu Weltbevölkerung). In der Nachbarschaft helfe ich nicht aus Kalkül aus, in der Familie erwarte ich nicht eine direkte Gegenleistung für mein Tun, in meiner Wohngruppe rechne ich nicht auf, wie viele Stunden ich in die Gruppe investiere.
Es gibt in allen Fällen ein Geben und Bekommen, eine Transaktion, einen Tausch, aber keine Tauschlogik dahinter, im Sinne des Supermarkts oder des rein zweckorien-
tierten Markttauschs zwischen Fremden. Handlungsleitend sind dabei Ethik, Werte, Leistungsfähigkeit (in dem Moment), Liebe und Sympathie, Freiwilligkeit und sinnstiftende Momente. Je weiter Personen von mir weg sind, desto mehr tendiere ich zur Tauschlogik, zum Aufrechnen, zum nicht übervorteilt werden. Desto mehr Misstrauen und Angst habe ich. Desto sorgenvoller bin ich, in meinem Leben „zu kurz zu kommen“, desto mehr „objektive“ Absicherung brauche ich durch Verträge, Gerichte, Polizei und Staaten/Könige/Oberhäupter/etc.
Der große Vorteil unseres Experiments der Tauschlogikfreiheit ist eben unser Privileg, dass wir nicht davon abhängen. Wir können Vertrauensvorschüsse geben, es uns leisten „nichts zurückzubekommen“. Aber es ist auch dieses Moment, dass den Raum aufmacht, weg vom Kalkül der Tauschlogik zu kommen und zu überlegen, ob ein Leben ohne ständiges Aufrechnen und „Auf-der-Hut-sein“ nicht doch erstrebenswert wäre. Es ist ein Angebot, Gegenseitigkeit zu erfahren, ohne dafür ein Risiko eingehen zu müssen; ein Angebot zu bekommen, ohne leisten zu müssen; ein Angebot geben zu dürfen, ohne Druck und Erwartung, ganz nach den eigenen Wertvorstellungen.
Die Aneignung im Warentausch und der darin enthaltene Betrug wird selbstredend durch asymmetrische Machtbeziehungen begünstigt. Darin sollte die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet werden, denn selbst der „gute“ Lohn, der ja schon Nicht-ausbezahlung der eigentlichen Wertschöpfung durch Arbeit beinhaltet, basiert auf der noch weniger äquivalenten Bezahlung aller, die die Vorprodukte liefern (Rohstoffe, Zulieferer, Logistik, günstige Lebensmittel etc.). Die deutsche Mittelschicht wird mit dem Geld bezahlt, um das der globale Süden und Präkäre im globalen Norden geprellt werden, und gleichzeitig wird sie immer noch von den Kapitaleignern betrogen, nur dass die Konsequenz nicht so desaströs ist, weil zwei Urlaube im Jahr, Eigenheim und zwei Autos immer noch drin sind. Von den erst später zu zahlenden Kosten durch Umweltzerstörung und Tierleid müssen wir gar nicht erst sprechen.
Ich teile die Meinung, dass nicht der Tausch (die Transaktion), das Problem ist. Wert, Geld und Markt sind hingegen für mich auch nur Symptome, aber auch Bedingung der Entfremdung und, ja, auch der Verschleierung asymmetrischer Machtbeziehungen. Die Logik dahinter beruht auf der „Freiheit“ des Einzelnen (aus historischen Gründen bleibe ich beim generischen Maskulinum), sich in Isolation und Konkurrenz zu anderen zu betrachten und danach zu handeln und andere mit Gewalt zu zwingen, es ihm gleichzutun (siehe ursprüngliche Akkumulation). Das ist das, was der Tauschlogik zu Grunde liegt, nicht dem Tausch und der Transaktion per se.
Gegenseitigkeit ist für mich hier nur eine Krücke, um den Weg zu bahnen zum Verständnis, dass die eigenen Interessen und die Interessen der Anderen im Grunde genommen die gleichen sind, im Sinne des kategorischen Imperativs. Ich existiere nicht unabhängig von anderen Menschen, von Geburt an nicht. Andere sind genauso von
mir abhängig, wie ich von ihnen (auf die Lebensspanne gesehen in unterschiedlichen Bereichen und Zeiten in unterschiedlichem Ausmaß).
Wir könnten uns entscheiden gemeinsam einen Weg zu finden, der die freie Entfaltung des Ichs, vermittelt über die Gemeinschaft, ermöglicht, ohne Gewalt und Zerstörung. In der Gegenseitigkeit muss sich dabei das Beitragen nicht ausgleichen. Wie soll es auch, da Immaterielles nicht mit einem Wert versehen werden kann. (Ich rette dir das Leben, wie willst du das jemals ausgleichen?)
Beitragen muss sich nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten Aller richten und gleichzeitig die Bedarfe Aller decken. Und Menschen müssen sich darin wohl, gesehen und wertgeschätzt fühlen. Dann gibt es auch keine großen Unzufriedenheiten, auch ohne objektives Ausgleichen. Dass es immer zu Spannungen kommen wird, gerade bei Menschen mit Kapitalismushintergrund, ist klar. Es ist unsere Aufgabe, kulturelle Praktiken zu entwickeln, damit umzugehen.
Die Alternative ist: wir bleiben Konkurrent*innen, eine Ansammlung von isolierten Ichs, die nichts weiter tun als eigenverantwortlich (Tausch-)Entscheidungen treffen, für die der Warentausch gemacht wurde, mit all seinen zerstörerischen Tendenzen, Machtspielen und Konsequenzen, die wir aus der Geschichte kennen und noch kennenlernen werden.
Ist denn wirklich alles Tausch? (Niklas)
Die Definition verwischt gravierende Unterschiede zwischen ganz unterschiedlichen sozialen Interaktionen
Imma schreibt in ihrem letzten Text in der Debatte zur „Tauschlogikfreiheit“: „ Jede menschliche Kommunikation und Interaktion ist ein Akt des Tauschens. “ Ich halte diese Definition für wenig hilfreich, denn wenn alles Tausch ist, wozu gibt es dann diesen Begriff? Diese Definition verwischt gravierende Unterschiede zwischen ganz unterschiedlichen sozialen Interaktionen und deren Folgen und Voraussetzungen.
Bei wikipedia (übrigens auch ein tauschlogikfreies Projekt) finde ich folgendes: „ Tausch ist eine rechtswirksame gegenseitige Übertragung von Waren, Dienstleistungen und/oder Werten zwischen natürlichen und/oder juristischen Personen. Ein Tausch wird abgegrenzt von der Gabe und von der Schenkung durch das jeweils einseitige aktive Handeln aus eigenen Motiven. “ Und weil es etwas deutlich macht, sei hier auch noch folgendes aus wikipedia zitiert: „ Das neuhochdeutsche Verb tauschen geht zurück auf das mittelhochdeutsche tuschen in der Bedeutung von unwahr reden, lügnischer versichern, anführen. Die heute allein übliche Bedeutung, Waren oder dergleichen auswechseln, gegen etwas anderes geben, hat sich im 15. Jahrhundert hieraus entwickelt. “
Es ist etwas vollkommen Anderes, ob ich etwas gebe oder zur Verfügung stelle oder tue, nur dann, wenn ich dafür eine entsprechende Gegenleistung bekomme, oder ob ich etwas beitrage in der Gewissheit oder Annahme oder Hoffnung, dass Andere auch etwas beitragen werden. Umgekehrt heißt das, dass ich nur etwas bekomme, wenn ich auch mit einer entsprechenden Gegenleistung tauschen kann (und davon hängt in Gesellschaften, die auf Tausch basieren, mein Überleben ab) oder ich einfach das bekomme, was ich brauche, unabhängig davon, was ich wie beigetragen haben und ob überhaupt.
In einer postkapitalistischen oder freien oder anarchistischen Gesellschaft (egal, wie wir das Kind nennen) gibt es kein Eigentum mehr. Alles steht allen zur Verfügung. Damit gibt es auch überhaupt gar keine Grundlage und auch gar keinen Grund mehr für den Tausch. Es ist eine Gesellschaft des Einschlusses statt des Ausschlusses. Wir können uns in unseren Beziehungen zu anderen Menschen auf ganz andere Dinge konzentrieren, ohne Aushandlungsprozesse rund ums Tauschen und ohne das damit verbundene Misstrauen und ohne die entsprechenden Ängste. In freier Assoziation werden wir uns stattdessen gemeinsam organisieren, um durch unseren Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft beizutragen (commoning).
Ich halte es auch für irreführend, sich in der Diskussion immer wieder auf die Mikro-Ebene des ganz direkten Zwischenmenschlichen zu beziehen. Auch eine freie Gesell-
schaft wird eine hochkomplexe und hocharbeitsteilige Gesellschaft sein. Das heißt, ich bin mit ganz vielen Menschen eher indirekt und funktional verbunden. Die meisten Menschen, die etwas beitragen zu alldem, was ich brauche, werde ich nicht kennen oder werde zu diesen auch keine direkten Beziehungen führen. Es geht also gar nicht so sehr um das Vertrauen in andere Menschen und mein enges Umfeld, sondern um das Vertrauen in die freie Gesellschaft. Und dieses Vertrauen stellt sich nur durch das Funktionieren der Gesellschaft her.
Ein Beispiel: Wenn ich in einen Linienbus steige, dann lerne ich vielleicht die Busfahrer*in kennen, aber eher nicht die Schrauber*innen und Linienplaner*innen usw. Und ich werde nichts bezahlen und auch sonst nix zum Tauschen dabeihaben müssen. Das nenne ich Freiheit!
Wenn wir mit unseren kleinen „tauschlogikfreien“ Projekten rumexperimentieren, dann geht es für mich vor allem auch darum, Menschen mit dieser Idee einer utopischen Gesellschaft in Berührung zu bringen, eine Alternative zum Kapitalismus überhaupt denkbar zu machen! Und dazu gehört so ein Label wie „Tauschlogikfreiheit“ einfach dazu. Ohne damit zu behaupten, mitten in der kapitalistischen Gesellschaft widerspruchsfrei leben zu können.
Imma schreibt auch: „ Ich sehe in dem Begriff der „Tauschlogikfreiheit“ (...) einen Ausgrenzungsmechanismus (...) “. Das nehme ich vollkommen anders wahr, selbst in unseren eigenen Projekten gelten wir oft eher als weltfremde Spinner. Und um den Rest der Gesellschaft auszuschließen, sind wir wohl doch eher viel zu wenig und zu unbedeutend. Eher müssen wir wohl aufpassen, dass wir uns nicht selber noch stärker ausschließen, indem wir uns in ganz kleine, relativ kuschelige Netzwerke zurückziehen und so den Kontakt zur Gesellschaft verlieren.
Und wir sollten überlegen, wie wir hier und jetzt mehr Menschen das lustvolle Experimentieren mit der „Tauschlogikfreiheit“ ermöglichen können, z.B. durch gemeinsame Ökonomie wie der Kaskade 55 und dem zur-Verfügung-stellen von Land und Gebäuden wie in der PAG.
Nebenbei bemerkt: So über eine mögliche utopische Gesellschaft nachzudenken, zu reden, zu schreiben, bereitet mir immer öfter schlechte Laune. Nicht nur weil diese Träume schon so viele Menschen so viele Jahrhunderte hatten und dafür so schrecklich erfolglos gekämpft haben. Die Barbare hat sich immer durchgesetzt! Und nun scheint es mir auch so, dass es sich durch den Klimawandel mit der Menschheit ganz bald komplett erledigt hat. Und doch kann und will ich davon nicht lassen!
55 Finanz-Gemeinschaft, die ihre unterschiedlichen Einkommen untereinander ausgleicht.
Erwiderung an Niklas (Imma)
Es geht immer auch um die Situation von Knappheit
Ich habe vorgeschlagen, die Grenzziehung nicht zwischen Beitragen und Tauschen zu errichten, sondern zwischen Tauschen und (illegitimem) Aneignen, um die Formen des fairen, solidarischen Tauschs nicht auszugrenzen und die Durchlässigkeit zwischen den „unterschiedlichen sozialen Interaktionen“ zu retten. Es ist also nicht alles Tauschen, wie ich auch ausgeführt habe, sondern es gibt auch das entschädigungslose Ent-/Aneignen.
Zum Bezug auf die Wikipedia-Wortherleitung: Es kann mit dem und in dem Tauschen betrogen werden, das habe ich ja auch so benannt: dass der Tausch, besonders der Geld-basierte Tausch, eine „gerechte“, von beiden Seiten als angemessen empfundene Komponente enthält, und eine durch List oder Zwang hergestellte illegitime Aneignungskomponente. Die mittelhochdeutsche Ursprungsbedeutung als Diskreditierung des Tausches heranzuziehen, finde ich nicht schlüssig, denn der Begriff steckt auch im „Austausch“, den wohl niemand von uns grundlegend verwerfen möchte. Also wir müssen uns schon auf den heutigen Sprachgebrauch beziehen; und darum ringen wir ja zurzeit!
Im Übrigen ist Wikipedia ein Beispiel dafür, dass Beitragen immer einen Kern von Tauschen enthält. (Ich finde Wikipedia eine wahnsinnig tolle und wichtige Errungenschaft!) Es gibt Debatten über die Verwendung der jährlich eingesammelten Spenden von knapp 10 Mio. Euro in Deutschland. Die Ausgaben für Technik, Infrastruktur und Organisation steigen, die Zahl der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen dagegen stagniert bzw. geht sogar deutlich zurück, und das bei exponentiell sich ausweitenden Artikeln. Das drückt aus, dass die Motivation der Ehrenamtlichen im Laufe der Zeit nachlässt. Bisher wurde ihre Mitarbeit in „symbolischem Kapital“ vergütet, d.h. in Anerkennung, Renommee bzw. in der Möglichkeit, die eigene Kompetenz in Szene zu setzen. (Die erbitterten Auseinandersetzungen – vor allem männlicher – Rechthaberei auf den Diskussionsseiten spricht da eine deutliche Sprache.) Der Genuss daraus verbraucht sich wohl nach ein paar Jahren; die Mitarbeit lässt nach. Jetzt wird überlegt, den Ehrenamtlichen vielleicht doch eine Vergütung zukommen zu lassen...
Wenn du dich auf die post-kapitalistische Gesellschaft beziehst, möchte ich dazu sagen: Die postkapitalistische, freie, anarchistische Gesellschaft ist eine Utopie (d.h. ein „Nicht-Ort“), die unsere Fantasie beflügelt und unsere Wünsche ausdrückt. Wenn sie sich aber nicht von den real bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen herleiten lässt, bleibt sie die Fata Morgana eines kleinen Kreises, eine Art Religion. Sie muss die Menschen in dieser Gesellschaft dort abholen, wo sie stehen. Und sie muss vor allem ehrlich und unideologisch mit der eigenen Praxis umgehen.
„Alles steht allen zur Verfügung“? Nein, in den meisten Fällen bedeutet es: Was die einen bekommen, können die anderen nicht mehr haben, und: Was die einen nicht bereit sind zu tun, bleibt an den anderen hängen! Und dieses Prinzip der relativen Knappheit gilt mit der Klima-Katastrophe und den vermutlich nachfolgenden Kriegen immer mehr. Seien wir aufrichtig! Wir werden weiter unsere Bedürfnisse untereinander in ein Verhältnis setzen müssen, und das bedeutet, über Gerechtigkeit zu reden. Wie wollen wir aber über Gerechtigkeit reden, wenn wir jeden Vergleichsmaßstab negieren? (Dass der entsprechende Geld- oder auch Zeitwert dafür denkbar ungeeignet ist, steht auch für mich außer Frage.)
Im Moment wird das Problem des gerechten Ausgleichs nach meiner Beobachtung durch Abspaltung erledigt. Konflikte über Unmut wegen unterschiedlicher Beteiligung, mangelnder Verantwortung etc. in Tauschlogik-frei operierenden Zusammenhängen werden separat verhandelt.
Wenn du von Rumexperimentieren in unseren kleinen Gruppen redest, scheinst du, wie auch die Schleudergang, nur in Netzwerken von Gleichgesinnten und Gleichgestellten zu denken, also welchen, die ähnliche Voraussetzungen wie ihr bzw. wir haben. Übrigens etwas, das du im Absatz zuvor selbst als Problem benannt hast. Aber genau das muss doch überwunden werden, wenn es um gesellschaftliche Wirksamkeit und nicht die Symbiose der Privilegierten geht! Warum mein Vorschlag, den fairen, solidarischen Tausch gegen den unfairen, aneignenden „Tausch“ stark zu machen, dazu nicht geeignet ist, dazu habt ihr bisher nichts gesagt.
Und noch eine Bemerkung zu aktuellen Formen der ökonomischen Beziehungen: Viele Geschäftsanbahnungs-Praktiken im Internet knüpfen an das Prinzip der Beitrags-Ökonomie, der „peer-to-peer-Produktion“ an, die sich speziell bei Software-Projekten entwickelt hat, geben sich also wie diese „tauschlogik-frei“. Der direkte Tausch bzw. Verkauf ist gar nicht mehr vorherrschend. Alles Mögliche, vor allem der Zugang zu Informationen wird frei und kostenlos angeboten, aber indirekt mit der Lenkung von Aufmerksamkeit, dem Abzapfen von persönlichen Daten, dem Generieren von Klickzahlen oder auch dem Einwerben von Spenden bezahlt. Könnte es sein, dass das Postulat der Tauschlogikfreiheit sich mitten im Trend befindet, ohne sich dessen bewusst zu sein?
Zweite Diskussion auf dem Karlahof
Das Problem mit dem Tauschlogikfreiheits-Postulat
(Die Diskussionsanordnung war zunächst das „fish bowl“-Verfahren: drei Personen, die sich nach Wunsch und Bedarf gegenseitig austauschen, führen das Gespräch; die anderen hören zu.
Die erste halbe Stunde hat das Gerät leider nicht aufgenommen. Darin hat Imma Uwe befragt, was er genau unter Tauschen versteht und wo die Grenze zum Beitragen verläuft. Es ging dabei auch um Gerechtigkeit und ganz konkret um Verteilungsfragen, an die dann Moritz im Folgenden anknüpft.)
Moritz: ... 'ne Menge von irgendwas verteilt wird. Bei Dienstleistungen gibt es immer eine automatische Akkumulation von Wissen. Die kann man versuchen aufzulösen, aber letztendlich wird es immer eine Gruppe von Menschen geben, die aufgrund von einem Wissensvorsprung besondere Dinge können. Und es gibt andere Leute, die daran gar nicht interessiert sind, das selbst zu wissen, die aber daran interessiert sind, dass diese Dienstleistungen erbracht werden. Und da wird die Verteilungsfrage wichtig: Wer bekommt diese Dienstleistungen, vor allem in der Situation des Mangels, in der der Bedarf höher ist als das Angebot, weil die Ressourcen nun mal beschränkt sind.
Wenn es um Verteilung geht, könnten wir uns darauf fokussieren, wie Ende des 19. Jahrhunderts zwischen kommunistischen und anarchistischen Kollektivismus unterschieden wurde. Die waren sich einig, dass es in der Zukunft kein Eigentum mehr geben soll. Die Kontroverse lief darüber, wie die Verteilung der Güter dann stattfindet.
Miriam: Bedarfs- oder Gerechtigkeits-orientiert?
Moritz: Bedarfs- oder Beteiligungs-orientiert. Bedarfsorientiert hieß: es gibt eine treuhänderische Verwaltung von jeglichen Gütern und Waren und auch der Zeit von Menschen, die Dienstleistungen erbringen, und wer das bekommt. Es sollten ja alle nach ihrem Bedarf bekommen, aber verwaltet werden musste es trotzdem irgendwo. Diese Problematik wurde auch nicht aufgelöst, sondern es wurde akzeptiert, dass es diese treuhänderische Verwaltung geben muss. Und die andere Seite, die kollektivistischen Anarchisten waren eher der Ansicht, dass die Verfügung über die Waren und Dienstleistungen in der Hand der Kollektive liegen sollte, die sie produziert und erbracht haben, und dass die Verteilung innerhalb dieser Kollektive stattfindet, je nach eingebrachter Zeit und Leistung. Die Überschüsse werden zwischen den Kollektiven getauscht. Und das Getauschte wird dann in den anderen Kollektiven nach deren Schema verteilt, das festlegt, wer Vorrang hat oder schneller was kriegt.
Reiner: Aber wo ist jetzt der Unterschied zum Eigentum?
Moritz : Beide wollten weg vom Eigentum...
Reiner : Wenn eine Gruppe Verfügungsgewalt über Dinge hat, dann ist das Eigentum...
Moritz : Dann erklär mir den Prozess der Entstehung von Waren und den Prozess der Verteilung von Zeitressourcen, wie du ihn dir vorstellst, ohne Eigentum. Denn wenn es jemanden gibt, der verteilt, dann ist das, wie du ja selbst sagst, ein Eigentumsverhältnis.
Reiner : Über ein offenes System. Dass Leute ihren Bedarf decken können... Es wird weiterhin Knappheit geben, das gebe ich zu. Und das ist auch ein Problem in der Diskussion über Tauschlogikfreiheit, wenn von so einer Art Fülle ausgegangen wird. Dass für alle gesorgt ist, das wird nicht so schnell passieren. Es wird Diskussionen geben, das ist völlig klar, aber wenn du diese Diskussionen vorstrukturiert, durch juristisch festgelegte Verfügungsgewalten, dann schaffst du sofort Ungleichheit.
Miriam : Ich hatte dich (Moritz) so verstanden: Das Juristische ersetzt du durch Kommunikation, dass dadurch die Verteilung strukturiert wird. Für mich geht es auch nicht darum, für eine unbestimmte Masse zu produzieren, zu der man gar keine Beziehung hat. Alle möglichen Almende- und Commoning-Formen gehen ja davon aus, dass es eine bestimmte Gruppe gibt, die darüber gemeinschaftlich verfügt, und die dann in kommunikativen Austausch mit anderen tritt.
So stelle ich mir das auch vor: dass es nicht um so ein großes unbestimmtes wabern-des Etwas geht, sondern dass es viele kleine Commoning-Gruppen gibt, die zusammen kollektiv produzieren und entscheiden und auch in kommunikativen Austausch mit anderen treten. Denn dieses ganz Offene funktioniert nicht so richtig, was ja auch als Tragödie bezeichnet wird. Es geht letztlich darum, mehr in Beziehung zu treten. Wo ich mir das nicht einfach über Geld erschließen kann, muss Kommunikation stattfinden.
Du meinst ja, Tausch funktioniert nicht ohne Verrechnen, sonst wäre es Beitragen. Da geht es mir so wie Imma; so ganz klar sind mir die Grenzen nicht, da schwimmt es ein bisschen. Für mich heißt auch nicht, dass Tauschen immer Verrechnen ist.
Carmen : Tauschlogikfreiheit ist das, wohin wir wollen, hast du, Uwe, vorhin gesagt. Ich habe ja nochmal gefragt: Wer ist dieses Wir? Die Schleudergang, hast du gesagt. Aber ist es wirklich das, wohin wir wollen? Für mich beinhaltet dieser Begriff nur, wovon wir weg wollen, und nicht wo wir hinwollen, nämlich zu einer anderen Versorgungskultur und damit auch einer anderen Beziehungskultur. Wobei ich ja gern mal mit euch diskutieren würde, ob die Abgrenzung von Tauschen tatsächlich eine Abgrenzung von kapitalistischen Verhältnissen ist, weil im Kapitalismus nicht getauscht wird, sondern Schulden gegeneinander verrechnet werden, und das ist
meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied. 56 Ich würde lieber an einem Begriff arbeiten, der beschreibt, wofür wir sind. Ich verstehe total, dass Reiner das Tauschen, so wie er es beschreibt, ablehnt, aber das müssen wir nicht vor uns hertragen, sondern wir sollten eher nach vorne stellen, worum es uns positiv gewendet geht.
Und die andere Frage bleibt: Wie können wir eigentlich das verrechnungsfreie Geben und Bekommen – mit dem Begriff würde ich unsere Praxis lieber beschreiben – für Menschen niedrigschwelliger zugänglich machen, die eine andere Lebensrealität haben als wir hier, die vielleicht darauf angewiesen sind, dass sie auf direkterem Weg was zurückbekommen.
Miriam: ...durch Kommunikation!
Carmen: Aber durch Kommunikation bezahlt sich noch keine Miete! Ich will nicht dahin, dass wir Leute fürs Holzmachen bezahlen, aber wir sind ja in der Widerspruchlichkeit gefangen, dass Leute auf dem Karlahof beitragen und, wenn sie hier nicht wohnen, gleichzeitig ihre Wohnung in der Stadt bezahlen müssen. Das sind sicher fließende Übergänge: Wo kann ich was ohne weitere Erwartung beitragen und wo kriege ich vielleicht auch was Direkteres zurück, also: Wo habe ich was davon, dass sich der Karlahof unterstütze, weil ich dann darüber auch abgesichert bin? Das sind offene Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Der Begriff der Tauschlogikfreiheit ist mir da zu hermetisch, nicht porös genug, um solche unterschiedlichen Verhältnisse zu beschreiben.
Miriam: Mit Kommunikation meinte ich, in Interaktion treten und darin zu verhandeln, was es an Bedarfen braucht. Also theoretisch würde für mich dazu auch gehören: Wenn anderswo Miete aufgebracht werden muss, dass das auch in unserem Kontext als zu berücksichtigender Bedarf auftaucht. Ich würde dem übrigens auch widersprechen, dass wir nur Lösungen in den jetzigen Verhältnissen finden können. Für einen ganz anderen Umgang können wir keine praktikablen Lösungen im jetzigen System finden. Da müssen wir ganz neu denken.
Eine Anmerkung habe ich noch zu der Gerechtigkeitsdiskussion. Geht es dabei um Gerechtigkeit im Sinne von Gleichwertigkeit? Und inwieweit sind darin auch strukturelle Machtverhältnisse vertreten und werden die mitverhandelt?
Imma: Du hast ja vorhin versucht, das Eigentum sozusagen downzugraden, indem du es zu einem Gegenstand von Auseinandersetzung erklärst. Also reden wir mal nicht davon, ob das rechtlich und durch Macht durchgesetzt wird, sondern durch Kommunikation. Aber das bedeutet dann ja, dass es nur im Kleinen geht. Das ist ja das Problem. In der Gemeinschaft kann man versuchen, Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen, indem man sich gegenseitig etwas von sich erklärt, sodass man über-
56 siehe nachfolgender Text.
haupt erst die Möglichkeit kriegt, mit den Bedürfnissen der anderen empathisch zu sein. Dann gibt es die Chance, zu dem Ergebnis zu kommen, dass das Bedürfnis der anderen vielleicht wichtiger ist als das eigene. Das gleiche Problem stellt sich bei der Frage nach Gerechtigkeit: Es geht immer um den Abgleich von Bedürfnissen, also darum, den Ausgleich zu finden zwischen unseren jeweiligen Möglichkeiten und unseren Bedürfnissen. Das ist ja die einzig mögliche Alternative zu dem formalistischen Eigentumsbegriff. Aber da ist dann eben das Problem: wie kann das gesellschaftsweit funktionieren?
Miriam : Ich denke ja nicht in so einem großen anonymen Netzwerk, sondern im Kleinen...
Imma : ...in kleinen Netzwerken, ja. Dass du das denkst, das finde ich richtig fatal! (Gelächter) Ihr (die Schleudergang) hattet in eurer Broschüre die Longo Mais, also den Ulenkrug 57 , als ein Beispiel dargestellt. Die haben genau so ein Netzwerk von kleinen Gruppen, die in eurem Sinn tauschlogikfrei funktionieren, die wirklich Beitrags-Verhältnisse haben. Aber eben nur nach innen! Und nach außen haben sie knallharte Tauschbeziehungen, also verkaufen ihre Produkte am Markt. Wahrscheinlich geht das dann auch gar nicht anders. Und genau die Gefahr sehe ich, wenn du sagst: Wir gucken erstmal, dass das in unserem kleinen Kontext gut funktioniert! Ihr wollt euch auf andere Kontexte beziehen, die ähnliche Voraussetzungen haben, wir können auch sagen: die ähnliche Privilegien haben. Mit denen geht ihr dann tauschlogikfreie Beitragsbeziehungen ein. Das ist aber überhaupt nicht übertragbar, weil die Gesellschaft draußen anders funktioniert. Und auch wir selbst funktionieren in diesem „Draußen“ ja anders. Auf diese Weise formt sich sowas wie eine Sekte, eine Elite, eine In-Group, von der aus eine Gesellschaft überhaupt nicht verändert werden kann. Zumindest sehe ich diese Gefahr.
Deswegen stellt sich für mich die Frage, auch unter Berücksichtigung der Skalierbarkeit eigener Aktivitäten, was ist gesellschaftsweit als Gegenmodell zu Eigentumstiteln zu etablieren? Also wenn du sagst: Kommunikation und Aushandlungsprozesse muss an die Stelle treten, ist das gesellschaftsweit überhaupt denkbar?
Inzwischen wird ja wieder viel über mögliche Formen der Planung diskutiert. Wie wäre es möglich, eine sozialistische Gesellschaft zu organisieren, also jetzt nicht bottom-up, wie wir das eher gewohnt sind, sondern top-down. Wie ist das zu denken? Wie kann man diesen Ausgleich von Bedürfnissen organisieren, wenn es nicht über den Markt, über Eigentum und Geld läuft? Da gibt es ja in der sogenannten Planungsdebatte die Überlegungen, das übers Internet zu machen, wo dann alle Bedürfnisse angemeldet und bewertet werden. Und je nachdem, wie die Bedürfnisse sich darstellen, wird dann produziert. Meiner Ansicht nach ist das naiv und formalistisch, aber
57 Der Ulenkrug ist eine landwirtschaftliche Kooperative, die zum internationalen Verbund Longo Mai gehört.
ich finde es trotzdem unverzichtbar, auf so einer gesellschaftsweiten Ebene darüber nachzudenken.
Also wie kann das, was jetzt, wenn es gelingt, in der direkten Kommunikation geklärt wird, irgendwie ausgeweitet werden? Und ich kann es mir praktisch nur durch so kleine Grenzüberschreitungen zwischen unserem bisherigen Innen und Außen vorstellen, indem ich mich in anderen Beziehungen auch so verhalte, wie ich mich intern verhalten würde, also, dass ich sage: Vielleicht brauche ich das nicht unbedingt, vielleicht ist mir dein Interesse jetzt doch wichtiger, oder wie dringend brauchst du das oder brauche ich das?
Miriam: Für mich gilt in dem Sinne schon der Slogan „small is all“. Ich gehe gar nicht davon aus, dass ich eine gesamtgesellschaftliche Version schaffe. Für mich ist da der Unterschied zum Beispiel zu früheren feministischen Science Fiction, wo ein Modell der Gesellschaftsorganisation für alle gelten muss. Sondern es gibt verschiedene Modelle, die wir in verschiedenen Kontexten ausprobieren.
Meine Devise wäre: Lass uns hier starten und gucken, wie wir in dieser kleinen Gesellschaft das hinkriegen. Und ich habe das Vertrauen darauf, dass in anderen Kontexten, in anderen Regionen andere Experimente laufen, wo ähnliches ausprobiert wird. Dann kann man in Verbindung gehen. Da orientiere ich mich an der Haltung der Zapatistas, die gesagt haben: „Wir wollen gar nicht, dass die ganze Welt hierherkommt. Wir möchten eigentlich auch nicht überall hinfahren und euch sagen, wie ihr das machen sollt! Entwickelt eigene Strategien für euch!“ Das ist für mich dieser Ansatz, das in kleineren Kontexten zu probieren und im Prozess, im Gehen 58 Lösungen zu finden, die darüber hinausgehen.
Imma: Gut, aber was machst du mit der Tatsache, dass die Experimente, also die Art, wie wir versuchen, zu leben und uns zu organisieren, auf der Basis von Privilegien stattfinden? Du hattest ja vorhin selbst gesagt, dass es eigentlich darum geht, von den Privilegien was abzugeben. Aber wie denn dann, wenn du es eigentlich doch in diesem Kreis der im Prinzip Privilegierten halten willst? Wenn du sagst: Alle sollen auf ihre Weise versuchen, das hinzukriegen! Die haben aber andere Bedingungen. Ich lebe zwar nicht auf dem Karlahof, aber ich fühle mich schon auch in bestimmter Weise verpflichtet dazu, diese Grenzübergänge im Kleinen auch zu schaffen und nicht mich immer nur im Kreis der Leute zu bewegen, bei denen ich sicher sein kann, dass die genauso funktionieren wie ich und wo ich kaum ein Risiko eingehen muss.
Moritz: Also ich gehe auch von einer Struktur aus, in der sich eine kleine Gruppe von Menschen organisiert. Dann gibt es sowas wie Netzwerke, z.B. die PaG oder Longo Mai. Zwischen den verschiedenen Gruppen gibt es einen Austausch dadurch, dass Leute andere Gruppen besuchen und sich in verschiedener Form sozial austauschen.
58 Slogan der mexikanischen Zapatistas: „Fragend schreiten wir voran!“
Dann gibt es Arbeitsgruppen, die sich zwischen den Einzelgruppen bilden, denen dann innerhalb der Netzwerke auch eine gewisse Kompetenz zugeschrieben wird und damit auch Entscheidungsmöglichkeiten zugebilligt werden. Die einzelnen Personen in diesen Gruppen haben dann aber nicht nur Kontakte in den Netzwerken, sondern z.B. auch mit ihrer Nachbar:innenschaft oder ihrem erweiterten Freund:innenkreis. Leute werden eingeladen oder reingeholt. Darüber entsteht eine weitere Kaskade, über die die Projekte wachsen und auch die darin verfolgten Ideen wachsen können. Vielleicht auch dadurch, dass Menschen anfangen, über das Erlebte nachzudenken, sich anschließen oder vielleicht auch was Eigenes auf die Beine stellen.
In dem Sinne, finde ich, ist die Skalierbarkeit schon da; das teile ich mit Miriam. Man muss natürlich im Blick behalten, dass dieser Austausch ein wichtiges Element des ganzen Experimentierens ist, um ein Wachsen zu ermöglichen.
Anstelle des Tauschens würde ich gern den Begriff des Schenkens setzen, also von Schenk-Ökonomie reden, obwohl ich den Begriff „Ökonomie“ eigentlich nicht besonders mag. Denn ich weiß, dass in der früheren Zeit, bevor der Begriff der Ökonomie durch den Kapitalismus so zentral wurde, um über Geld reden zu können, im Begriff der Ökologie eigentlich der der Ökonomie mitgefasst war, also das Wirtschaften untereinander. Also gute Begrifflichkeiten wären für mich solche, in denen „Ökologie“ und „Schenken“ vorkommen.
In meiner Vorstellung sollten miteinander vernetzte Kollektive sich ihre Produkte und Dienstleistungen untereinander schenken. Und dann ist die Frage, ob wir versuchen, aus dieser Struktur des netzartigen Wirtschaftens auch eine Struktur der gemeinsamen Entscheidungen entwickeln können. Alle meine weitergehenden Gedanken betreffen dann eigentlich diese Sphäre der gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Pia: Von welchem Menschenbild gehen wir eigentlich aus? Hängt die Vorstellung, dass wir immer um Vorteile bedacht sind, mehr haben wollen und den anderen übers Ohr hauen wollen, nur an der Eigentumslogik oder hat das auch was damit zu tun, welches Menschenbild wir haben? Dabei ist die Vorstellung von dem, was da gegeneinander getauscht wird, doch ziemlich begrenzt. Also ich kann sagen, wenn ich hierherkomme und beim Holzmachen helfe – ich kann Holz gar nicht gebrauchen, ich habe eine Zentralheizung! – Wenn ich herkomme um zu helfen, dann habe ich was anderes bekommen, was gar nichts mit materiellen Gütern zu tun hat. Immer geht es um Kohlköpfe oder wer kriegst das gemeinsam geschlagene Holz? Aber ich bekomme hier so viel frische Luft wie sonst nie oder ich bekomme eine Form von In-Gemeinschaft-sein, die ich mit in meinen Alltag nehme. Also ich muss hier gar nichts mit meinen Händen wieder raustragen, weil darum geht's mir gar nicht. Das verbinde ich auch eher mit dieser Tauschlogikfreiheit.
Und der Punkt, der mich auch noch beschäftigt, ist, dass die Gegenseitigkeit, die in dem Tauschgedanken steckt, für viele ja so gar nicht hinhaut. Was ist mit den Men-
schen, die gar nichts zurückgeben können? Was ist mit Kindern? Die brauchen viel Versorgung, können aber gar nichts zurückgeben, oder mit Menschen, die eine Behinderung haben oder die alt sind, auch die sind noch gar nicht aufgetaucht.
Imma : Die können auch was reingeben...
Pia : ...Aber auf jeden Fall können die nichts reingeben, was ich dann mit raus-tragen könnte, höchstens in meinem Herzen, aber nicht in meiner Tasche. Als wenn es nur um eine Gesellschaft geht, die sich mit Materiellem versorgt, also, dass alle genug zu essen haben! Das kommt mir dann irgendwie arm und karg vor. Es gibt ja so viele Dinge, die gar nicht im ersten Schritt mein Überleben sichern, aber im zweiten Schritt vielleicht doch.
Carmen : Moritz, was du meinstest zum Schenken? Da habe ich innerlich gezuckt, Schenken ist für mich mit etwas konnotiert, was ich hier gar nicht erlebe. Das würde ich eher als ein gemeinsames Beitragen bezeichnen. Jede trägt so bei, wie er und sie es gerade einrichten kann. Ich versuche unsere Debatten ja immer auch daran zu überprüfen, ob ich das in unserer kleinen Versorgungseinheit hier so wiederfinden kann. Und da passt dieses Schenken als Begriff für mich gar nicht hin.
Zum Eigentum möchte ich mich eigentlich am liebsten gar nicht äußern, weil ich es in der Verknüpfung zur Kulturtechnik des Tauschens für ein Missverständnis halte, wie ich schon bei unserem letzten Gespräch eingewandt habe. Ich glaube nicht, dass Menschen erst tauschen, seit es Eigentum gibt. Da habe ich vielleicht ein sehr römisches Verständnis von Eigentum, aber darauf geht unser Eigentumsrecht ja eben zurück. Menschen haben schon viel früher getauscht, und da gab's noch gar kein Eigentum, sondern nur eine Verfügungsgewalt, die aber rechtlich gar nicht als Vermögenseigentitel einklagbar war. Vor der Entstehung des Eigentums und der Eigentumsordnung haben Menschen Dinge besessen, also eine Verfügungsgewalt über sie gehabt, dabei handelt es sich also um Besitz und nicht um Eigentum.
Ich zweifle daran, inwieweit die Debatte über Eigentum uns darin weiterhilft, einen für unsere Praxis angemessenen Begriff zu finden. Es geht ja darum, wer verfügt eigentlich über die gemeinsam hergestellten Produkte? Meistens diskutieren wir darüber ja gar nicht, sondern wir verteilen unsere Güter. Ich erlebe unsere Praxis so, dass die Schleudergang auch was für uns auf dem Karlahof produziert, dabei Sachen zurückstellt für Aktionen, und der Rest steht in der Sommerküche für alle, die hier sind, zur freien Verfügung. Da wird ja gar nicht groß über einen Verteilungsschlüssel verhandelt. Und das finde ich auch völlig ok.
Ich möchte gern mit einem besseren, attraktiveren Begriff für unsere Praxis werben. „Tauschlogikfreiheit“ ist für mich unattraktiv. Der Begriff muss so sein, dass er Lust macht, da mitzumachen und miteinander in Beziehung zu treten, aber auch auf eine andere ökonomische Kultur verweisen. Also was sozial-ökologisch Ansprechendes,
was mich auch in meinen immateriellen Bedürfnissen anspricht, so wie Pia das stark-gemacht hat, eine menschlichere Sozialität. Aber gleichzeitig sollten wir die Bedeutung der materiellen Absicherung nicht unterschätzen. Ich freue mich darüber, wenn du, Pia, herkommst und was in deinem Herzen mitnimmst, aber das sagst du natürlich aus deiner Position, in der deine materiellen Bedürfnisse schon anderswo gedeckt sind. Aber wenn es um Übertragbarkeit und die Möglichkeit der Ausweitung geht, stellt sich die Frage, wie man die materielle Versorgung untereinander sichern kann, oder überhaupt nur das Gefühl von Sicherheit herstellen, dass nicht nur die, die auf dem Karlahof wohnen, in den Genuss von dem Gemüse kommen. Und die anderen können nur was „im Herzen“ mit nach Hause tragen. Darauf habe ich keine richtige Antwort.
Miriam: Wen meinst du mit „untereinander“?
Carmen: Mit „untereinander“ meine ich hier: gesamtgesellschaftlich. Ich habe viel übrig für den Begriff der „counter economics“. Den Kapitalismus kann ich nicht abschaffen, der ist einfach zu machtvoll und zu gewalt(tät)ig. Aber welche alternativen Versorgungsstrukturen kann ich ein Passant eintragen? Die counter economics 59 schieben sich als Geflecht irgendwie unter die offizielle Ökonomie und Menschen können sich, wenn sie in dem System nicht mehr funktionieren – burn out oder Wohnungsverlust z.B. – entscheiden, in ein Versorgungsgeflecht zu gehen, das nach anderen Kriterien funktioniert.
Siggi: Ich möchte auf Pias Frage nach dem Menschenbild eingehen. Ich glaube, Menschen können sowohl sehr solidarische Wesen sein, das zeigt sich in Familien und in Gemeinschaften, können aber auch sehr egoistisch und konkurrenzmäßig sein. Es gibt nicht das natürliche Menschenbild. Das ist sehr stark davon geprägt, was wir erlebt haben, wie wir sozialisiert sind und worauf wir vertrauen.
Dann wollte ich auf den Begriff des Schenkens eingehen. Da gruselt es mich, weil das was Karitatives hat, gnädig jemandem etwas schenken. Und ich kann ja auch nur was schenken, wenn ich Überschüsse habe.
Dann ist mir sehr stark die Frage hängen geblieben, wie wir Verteilung organisieren, wen frage ich, wenn ich einen Kohlkopf mitnehmen will, oder frage ich überhaupt jemanden? Hat die Gruppe, die was angebaut hat, die Verfügungsmacht, und was genau heißt das? Das klingt für mich auch nach Eigentum, zwar nicht einer einzelnen Person, aber nach dem Eigentum eines Kollektivs. Und was muss ich tun, um Mitglied von diesem Kollektiv und damit Mit-Eigentümerin zu werden? Brauche ich Beziehungen? Muss ich erstmal die Gruppe kennenlernen? Praktisch wird das an dem Regal, in dem die Aufstriche der Schleudergang stehen. Ok, es kann sich jede Person davon mitnehmen, aber wer kennt dieses Regal? Wer weiß davon, wer kommt hier auf den
59 Beispiel für counter economics ist etwa die Zeitvorsorge St. Gallen in der Schweiz, ein alternatives Versorgungssystem, das als eine Art Zeitsparkasse geldfrei funktioniert und die staatliche Altersvorsorge ergänzt.
Hof? Das sind ja alles starke Zugangsbeschränkungen. Ich will das gar nicht kritisieren. Es würde auch nicht unsere Idee weiterbringen, wenn es einfach ein Regal an der Straße wäre.
Uwe : Ich fand deinen Punkt spannend, Carmen, dass wir als Hof viel davon profitieren, dass andere herkommen und uns helfen und dann aber irgendwie wenig mit nachhause nehmen. Ich habe bisher immer das andere Bild gehabt, dass wir es sind, die verschenken, nicht nur die Aufstriche. Leute kommen her und machen hier eine Woche Urlaub, ohne dass von ihnen erwartet wird, dass sie in der Zeit auch was beitragen. Auf der anderen Seite erlebe ich es, dass Menschen sich gar nicht trauen, so viel Aufstriche oder Sauerkraut mitzunehmen, weil sie denken: Ich muss doch was dafür geben, und grad weiß ich aber gar nicht, was ich geben kann!
Miriam : Geld...
Uwe : ...Geld nehmen wir immer!
(Gelächter)
Siggi : Da frage ich mich, wie kommen wir dahin, dass Leute sich trauen, etwas anzunehmen. Also Sachen mitzunehmen, den Ort hier auch als Urlaubsort nutzen und dadurch vielleicht Geld sparen, weil sie nicht für Urlaub bezahlen müssen, und dann vielleicht eher ihre Miete bezahlen können. Das ist ja auch Teil des Kreislaufs. Wie können wir das möglich machen, sodass sich daraus dann auch konstante Beziehungen entwickeln?
Sandro : Wenn ich von Tauschlogikfreiheit spreche, dann geht es für mich nicht darum, was wir hier machen. Dass wir uns hier gemeinschaftlich organisieren, finde ich nicht so außergewöhnlich, das machen viele Gruppen. Wenn ich Tauschen so verstehe: Ich gebe dir was und dafür krieg ich etwas!, setzt das ja voraus, dass die andere Person etwas hat. Ich will eigentlich eine Gesellschaft, in der Leute auch was kriegen, wenn sie nichts haben. Und diese Voraussetzung hängt für mich einfach an dem Begriff. Klar, es gibt das Wort „Austausch“; da steckt das schon nicht mehr drin. Deswegen würde ich auch sagen, der Begriff ist ganz schön schwammig.
Für mich gibt es eine Parallelität, wo ich hinwill und was ich dafür brauche. Das hastest du, Miriam, ja auch schon gesagt: dass du im Hier und Jetzt was ausprobieren willst. Deswegen ist es im Moment so eine Art fauler Kompromiss. Wir können nicht behaupten, dass wir keinen Besitz- oder keinen Eigentums-Anspruch haben an dem, was wir produzieren. Und gleichzeitig ist es aber trotzdem das, wo ich hinmöchte.
Wenn jetzt unser AfD-Nachbar fragen würde, ob wir ihm eine Tonne Kartoffeln geben, weil er die gut gebrauchen kann, bräuchte ich schon gute Gründe, ihm die zu überlassen. Wahrscheinlich würde ich sagen, dass wir gerade begrenzte Ressourcen haben. Ich finde es ok, den Leuten unsere Ressourcen zu überlassen, die mit uns in
einen Prozess gehen wollen oder die ähnliche Ziele wie wir verfolgen. Gleichzeitig finde ich es aber doch auch wichtig, nicht nur in der Blase zu bleiben, dass nur ähnlich privilegierte Menschen davon profitieren.
Till : Mit deinem AFD-Nachbarn, das wäre dann so ein Beispiel für „counter economics“, von dem Carmen gesprochen hat, was ja eigentlich ein etwas hochgestochener Begriff für Nischenökonomie ist. Der Begriff der Parallelgesellschaft würde mir dafür besser gefallen, weil er etwas Subversives hat. Von der Mehrheitsgesellschaft wird uns ja immer gesagt: Parallelgesellschaften sind gefährlich! Und insofern ist der Begriff schön! Der Nachteil: wir bleiben so unter uns. Ich sehe darin nicht die sprengende Kraft. Muss ja vielleicht auch nicht sein, aber dann sollten wir von dem hohen Ross runterkommen, dass wir eine Systemveränderung herbeiführen wollen.
Übrigens, Carmen, dein Beispiel aus der Schweiz, das gibt es auch anderswo schon, zum Beispiel grenzüberschreitend in Frankfurt und Slubice, und es heißt „Zeitbank“. Damit ist im Grunde eine Erwartung auf Ausgleich verbunden, insofern ein klares Beispiel für Tausch.
Carmen : Den lehne ich ja auch nicht ab!
Till : Ich finde das eigentlich auch ganz ok.
Miriam : Zum Schenken nochmal, nicht, dass ich daran hänge. Ich bin in der letzten Zeit häufig mit Aktivisten aus dem globalen Süden in Berührung gekommen, da ist der Begriff anders kontextualisiert. Die dekonstruieren gegenwärtig viele Konzepte aus dem Westen und bringen Schenken und Gabe und Dankbarkeit wieder in die Diskurse rein, und zwar als politischen Akt.
Siggi : Wollen sie Dankbarkeit dekonstruieren oder wieder einbringen?
Miriam : Wieder einbringen, also Schenken, Erhalten, Dankbarkeit als soziale Akte fernab von kapitalistischem Denken.
Till : ...als Teil von „counter economics“...
Imma : Das gibt es ja überall auf der Welt – Nachbarschaftshilfe, Nachbarschaftsverhältnisse. Es gibt nicht nur Seilschaften und Freundschaften. Wenn man z.B. aufs Dorf zieht, dann merkt man das erstmal, wie klar und selbstverständlich das ist. Wenn da jemand Unterstützung braucht, wird nicht als erstes gefragt: Was kriege ich dafür? Sondern das wird erstmal einfach gemacht, und nicht nur in Notsituationen. Wir sehen das bei Leuten, die aus der Stadt kommen und eher anders sozialisiert sind, die aufs Land ziehen oder hier zu Besuch sind, wie die das andere Normensystem wie eine Ressource betrachten und wie das dadurch verdorben wird. Die Haltung ist: Auf dem Land kriegt man alles umsonst! Da gibt es Beziehungen, die man anzapfen kann! Und da gibt es dann oft gar nicht den umgekehrten Impuls: Was kann ich dazu beitragen? Wie könnte ich helfen? Was könnte ich denn geben?
Und das ist das, was in diesem Tausch- oder Austauschvorgang, den ihr kritisiert, meiner Meinung nach gerettet werden muss: Nicht nur sich beschenken zu lassen – Was gibt's hier alles? Und was habe ich für einen Vorteil daraus? – was dem Ressourcen-Denken entspricht, sondern die Positionen auch mal umzudrehen: Wie kommt das in ein Gleichgewicht? Ich habe auch Lust, dir was zu geben, oder anzuerkennen, dass das, was ich bekomme, einen Wert darstellt!
Deswegen ist es mir so wichtig, sich nicht abzuschotten, auch nicht über Begrifflichkeiten in der Formulierung des eigenen Selbstverständnisses, damit man sich auf das, was um einen herum an Mitmenschlichkeit und Altruismus schon da ist, beziehen kann und es anerkennt.
Der Begriff der Tauschlogikfreiheit hat ja schon eine gewisse Karriere gemacht. Er ist griffig und vielversprechend, ein bisschen wie mit der der Nicht-Kommerzialität, den auch viele übernommen haben. Aber es ist eben auch die Gefahr dabei, sich selbst damit ein Label für die eigene Andersartigkeit zu verpassen. Deswegen geht es meiner Ansicht nach darum, einen politischen Begriff zu finden, der sich nicht abgrenzt, aber deutlich artikuliert, was wir uns wünschen, bzw. von dem wir uns wünschen, dass noch mehr Leute mit uns oder miteinander so umgehen.
Carmen: Ich würde es gar nicht auf eine Begriffsfindung reduzieren, sondern darauf, um unser Konzept hier auf dem Gesamt-Karlahof darzustellen ist. Im Moment ist es so, dass ich mit einer von der Schleudergang festgelegten Benennung adressiert werde, in der ich mich gar nicht so gut aufgehoben fühle. Es geht mir letzten Endes um unser politisches Konzept, nach dem wir hier zusammen leben und arbeiten, damit wir besser in Austausch gehen und dann den nächsten Schritt machen können.
Uwe: Der Begriff der Tauschlogikfreiheit ist ja aus der Praxis der Schleudergang heraus entstanden. Das soll nicht unsere Utopie beschreiben, die wäre eher die solidarische Gegenseitigkeit . Tauschlogikfreiheit ist eher so zu verstehen wie: Wir bauen etwas an im Garten und machen das Bio! Bio ist dabei nicht das Ziel, sondern einfach die Art und Weise, wie wir es machen . Und so ist auch die Tauschlogikfreiheit nicht das Ziel, sondern die Art und Weise, wie wir das machen . Und das zu benennen, finde ich wichtig, um zu erklären, was anders ist, anders als das, was sonst so passiert, zum Beispiel bei Tauschringen oder bei CSA, die meiner Ansicht nach in der Tauschlogik bleiben. Um diese Kritik benennen zu können, brauche ich die Begrifflichkeit. Deswegen ist das für mich ein wichtiges Werkzeug, aber das ist nicht das eigentliche Ziel.
Reiner: Kooperation und Kooperative sind auch gute Begriffe, um die Richtung eines gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsels deutlich zu machen. Wir haben ja momentan den Begriff des Wettbewerbs, der in der kapitalistischen Gesellschaft paradigmatisch wirkt. Wer es besser kann, der setzt sich durch. Und das ist in bestmöglicher Hinsicht auch sehr erfolgreich, weil der Wettbewerb natürlich Leute zu
Höchstleistungen anspricht, wobei alle die schädlichen und nachteiligen Aspekte ausgeblendet sind. Dagegen stelle ich den Kooperationsbegriff.
Imma: Die Notwendigkeit der Abgrenzung von der Wettbewerbsgesellschaft, wo die Konkurrenz, das Sich-gegenseitig-übertreffen und Profit machen im Vordergrund steht, kann ich nachvollziehen und teile sie. Aber wenn du, Uwe, sagst, ihr wollt euch deutlich auch von CSA 60 und Tauschringen abgrenzen, dann würde ich das kritisieren. Das kann doch nicht der Hauptgegner sein!
Sich von Leuten, die gemeinsam einen Hof betreiben, um ihr Gemüse zum Essen zu kriegen, scharf abgrenzen zu wollen, halte ich für einen großen Fehler. Das sind doch eher Leute, mit denen man sich in der Praxis, also konkret auseinandersetzt. Und wenn man von vorn herein darauf besteht: Wir sind was vollkommen Anderes als Ihr! – also das finde ich schade und auch falsch. Gerade, wenn ihr der Kommunikation so eine zentrale Rolle darin einräumt, die Verhältnisse zu verändern, dann muss man diese Kommunikation auch ermöglichen. Da finde ich es einen notwendigen Schritt, zu unterscheiden zwischen Leuten, die sich auf eine andere, aber eben auch solidarische Weise zu organisieren versuchen, und Leuten, die von vorn herein unsolidarisch ihre Sachen durchziehen.
Siggi: Mit einzelnen SoLaWi's haben wir ja auch schon zusammengearbeitet. Ich denke schon, dass wir die auch als potentielle Mitstreiter:innen sehen sollten. Aber vom Konzept her ist das, was wir hier auf dem Karlahof machen, meiner Ansicht nach dann doch was Anderes, und das sollten wir auch begrifflich nach außen tragen. Wenn wir nur von Kooperieren reden, wie Reiner sagt... Kooperative ist ein schönes Wort, aber das wird für ganz viele Dinge benutzt, die auch im Kapitalismus funktionieren. Darunter können sich Leute nicht wirklich vorstellen, was wir hier anders zu machen versuchen, als in den Food-Coop's oder den Solawi's. Und deshalb: Ja, positive Begriffe sind gut, aber ich finde die Abgrenzung eben auch wichtig.
Carmen: Ich will mich eigentlich von kapitalistischen Verhältnissen abgrenzen und da taugt mir die Tauschlogikfreiheit gar nicht dazu. Das hat einen elitären Geschmack für mich, da schwingt mit: Wir können es uns halt leisten! Mir ist es fast immer ein bisschen peinlich, weil Leute aus ganz anderen Zusammenhängen oft so reagieren: Oh Gott, das könnte ich ja gar nicht! Ich versuche dann, in Gesprächen deutlich zu machen, wie widersprüchlich das ist, dass wir natürlich auch Rechnungen bezahlen müssen, dass wir außerhalb arbeiten gehen, um die Gelder dafür ranzuschaffen. In dem Begriff der Tauschlogikfreiheit steckt so eine ideologische Reinheit, die dem, was wir machen, gar nicht entspricht. Das ist mir unbehaglich, ja.
Pia: Wenn es um Kooperation geht, wie Reiner gesagt hat, möchte ich ergänzen, dass es auch um Ko-Kreativität geht. Für das, was man braucht, und auch für das, was
60 „Community-supported agriculture“ oder auch „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) sind kollektiv organisierte ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Gemeinschaften.
man produzieren will, ist man immer auf Andere angewiesen. Und eben nicht nur auf andere Menschen, auch auf andere Lebewesen und auf die Erde. Das beschäftigt mich auch in Bezug auf die Frage nach Ressourcen. Woher kommt denn eigentlich das Land, auf dem ihr wirtschaftet, und wem gehört das eigentlich?
Ich kann mich damit anfreunden, dass die Tauschlogikfreiheit all das beschreiben soll, was grundsätzlich anders sein soll, eine andere Art von menschlichem Miteinander, wo es nicht um Konkurrenz geht, sondern gemeinsam etwas zu gestalten und zu erschaffen. Dafür sind wir aufeinander angewiesen, nicht nur auf die Menschen, die hier wohnen, sondern auch auf die, die von außerhalb kommen, auf Ideen und andere Dinge, die von außerhalb kommen.
Lunn: Es ist schon interessant, was der Begriff „tauschlogikfrei“ auslöst. Wenn ich Leuten erzählt habe, dass ich hier auf den Karlahof gehe, und versucht habe, das kurz zu erklären, dann kamen all diese Fragen wie: „Häh, wie finanzieren die sich denn?“ Ja sicher, es ist schon mit krassen Privilegien verbunden, so leben zu können. Aber etwas zu geben, ohne einen Anspruch auf eine Gegenleistung zu haben, bzw. etwas zu bekommen, für das man nichts zurückgeben muss, ist schon ein neuer Gedanke für viele Menschen, ein Anstoß, anders zu denken, sich was anderes vorzustellen. Allein dafür finde ich den Begriff gar nicht so schlecht.
Miriam: Es ist doch ein Unterschied, ob ich mich von etwas abgrenze oder ob ich etwas schärfe, um genauer sagen zu können, was wir hier machen. Und dann ist auch wichtig, ob wir mit anderen Formen des Experimentierens weiter in Kontakt bleiben oder uns drüberstellen.
Gerade weil wir wissen, dass es ein Privileg ist, dieses Land zu haben und mit den Produkten daraus experimentieren zu können, ist da für mich nicht einfach Schluss. Wir leben in den globalen kapitalistischen Strukturen, und aus den Privilegien entsteht uns die Verantwortung, für die Umverteilung der Machtverhältnisse zu kämpfen.
Carmen: Lunn, du hast ja gesagt, „ohne den Anspruch auf Gegenleistung“, also eine Entkopplung. Und genau diese Assoziation finde ich das Problem, weil man mit dem Begriff „tauschlogikfrei“ eben gerade nicht ein gemeinsames Beziehungsgeflecht assoziiert. Ich stelle meine Vorstellung von einem Beziehungsgeflecht aus verrechnungsfreiem Geben und Bekommen dagegen, so würde ich es gern beschreiben. Aber wenn Tauschlogikfreiheit einfach nur das Geben ohne den Anspruch auf Gegenleistung meint, wird dieses Beziehungsgeflecht dadurch gar nicht angesprochen, sondern das Gegenteil assoziiert.
Tobi: Ich will diesen Begriff auch gar nicht unbedingt retten. Und gleichzeitig... Also wir sind ja gemeinsam auf der Suche nach was Neuem, nach was Anderem, für das es in dem Jetzt nicht so wirklich eine Form gibt. Wir tapen da Schritt für Schritt
vor. Letztendlich ist es doch super, dass wir diesen Begriff haben, denn wegen dem sitzen wir jetzt hier und führen die Auseinandersetzung!
Imma : Also ich möchte mal daran erinnern, dass wir hier sitzen, weil ich den Begriff infrage gestellt habe!
Tobi : ...und es tut mir leid, Carmen, wenn das bei dir sowas auslöst, als wäre das arrogant. Das ist nicht meine Intention. Ich will mich gar nicht über die Praxis von anderen stellen. Aber ich habe ein Interesse daran, zu einer anderen Form von Miteinander zu kommen. Und ich habe den Eindruck, dass wir bestimmte Paradigmen, die wir verinnerlicht haben, erstmal in Frage stellen müssen und gucken, was in dem Raum passiert, der sich dadurch aufspannt. Ich muss erfahren, wie das mein Verhältnis zu meiner Arbeit beeinflusst, wenn ich weiß, ich kann dafür erstmal nichts erwarten. Mach ich das dann trotzdem? Aus welchen Gründen mache ich das? Wie ist mein Miteinander mit Leuten? Also alles das, dem wir ausweichen, wenn wir an der Supermarktkasse zwei Euro hinlegen und gar keine Beziehung eingehen müssen. Den Begriff hintenan, aber die Praxis ist doch super!
Carmen : Aber beschreibt der Begriff denn deine Praxis?
Tobi : Nee, habe ich ja schon gesagt, dass der Begriff mir auch zu beziehungslos ist.
Sandro : Ich gehe nochmal einen Schritt zurück. Ich finde die Unterscheidung von Abgrenzung und begrifflicher Schärfung von Miriam gut. Für die Schärfung von Begriffen habe ich viel übrig. Denn es gibt auch das genaue Gegenteil: Ich studiere ja an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Alles ist immer ganz nachhaltig ! Und alles ist für die bessere Welt später! Deswegen ist eine begriffliche Schärfung auch immer eine Klarstellung dessen, was wir machen bzw. machen wollen, im Gegensatz zu anderen. Was nicht heißen soll, dass das Scheiße ist, was die machen, oder dass das, was wir machen, das einzig Richtige ist. Und da taugt der Begriff der Tauschlogikfreiheit für mich schon immer noch. Das soll ja kein großes Label sein, das über der Toreinfahrt hängt, da bräuchten wir vielleicht was Anderes. Aber das sehe ich ähnlich wie mit den Schlagwörtern im PaG-Selbstverständnis. Unter den zehn Punkten, die uns beschreiben, würde ich den gern auch als Schlagwort nennen, gerade weil er irritiert.
Ich sehe deinen Punkt, Carmen, dass wir das auf jeden Fall nicht auf irgendwelche Labels schreiben. Du sagst, wir wollen in Beziehung treten, und das steckt da gar nicht mehr drin! Da habe ich eine andere Auffassung. Ich möchte mit Leuten in Beziehung treten, ich möchte Leute kennenlernen, mich mit ihnen austauschen, mich mit ihnen organisieren, von ihren Bedürfnissen hören, usw. Aber ich habe nicht den Anspruch, dass ich das mit allen machen kann. Und wenn ich mir das hier ein bisschen größer vorstelle, dann ist es für mich auch ok, dass Leute, ohne dass ich sie kenne, was von mir bekommen. Das ist auch Teil meiner Utopie. Klar, beim Getreide ist das einfach, da fahre ich halt eine Viertelstunde länger über den Acker und habe dann ein paar
hundert Kilo mehr zu verteilen. Bei der Rebekka 61 in Leipzig hatte ich auch mehr Brote, als wir essen konnten. Manchmal ist es auch einfacher, gesichtslosen Menschen irgendwas in die Hand zu drücken. Aber meine Utopie ist auch, dass nicht unbedingt krasse Beziehungen nötig sind, um Teil von unserem Netzwerk sein zu können.
Siggi : Mir fehlt im Grunde auch der Beziehungsaspekt in dem Begriff Tauschlogikfreiheit. Aber wie du, Sandro, auch sagst: Wenn wir das Konzept größer denken, können wir gar nicht mehr mit jeder Person eine Beziehung haben, mit der wir irgendwie unsere Produkte teilen. Also ich hänge auch gar nicht an dem Begriff. Ich wünsche mir aber, dass ein neuer Begriff nicht zu so einem weichgespülten Gemeinschafts-Miteinander-Tralala wird, was halt auch der Kapitalismus überall verwendet. Es muss dieses Irritationsmoment drin sein und Fragen provozieren wie: Hey, wie macht ihr das?, sodass man über die Fragen, die so ein Begriff aufwirft, ins Gespräch kommt. Was ich an dem tauschlogikfreien oder auch dem verrechnungsfreien Geben und Bekommen mag, ist die Auflösung der Zweiseitigkeit. Wenn ich dir ein Aufstrichglas gebe, erwarte ich ja nicht, dass genau du die Person bist, die mir irgendwann hilft. Sondern ich erwarte, dass du irgendwann Reiner hilfst, und Reiner Agnes, und Agnes dann irgendwann vielleicht mir. Das find ich wichtig, dass es über die Zweierbeziehung hinausgeht.
Till : Wie Uwe vorhin gesagt hat: Wir brauchen einen Begriff, mit dem wir sagen können: Wir machen das auf der Grundlage von... Wir machen das auf der Grundlage von Bio oder eben von Tauschlogikfreiheit. Da möchte ich mal in Erinnerung rufen: Der Karlahof existiert deswegen, weil Privilegien weitergegeben worden sind. Also müsste es analog heißen: Wir machen die Tauschlogikfreiheit auf der Grundlage von an uns weitergegebenen Privilegien.
Mich irritiert im Übrigen, dass heute Abend so oft der Begriff des Helfens benutzt worden ist. Ich bin, glaube ich, nie hierhergekommen um zu helfen, sondern um beizutragen. Ich finde dieses Helfen so einen verquasten Versuch, die eigenen Privilegien zu verstecken. Denn ich kann ja eigentlich nur helfen, wenn ich Privilegien habe. Mit dem Angebot zu helfen stelle ich mich über die Person, der geholfen werden muss, was ich gar nicht will. Ich frage allenfalls: Kann ich dich unterstützen? Andere Begrifflichkeiten sind mir da tatsächlich wichtig.
Carmen : Und wenn du von beitragen redest: beitragen zu was? Das ist ja wesentlich.
Till : Ich möchte dazu beitragen, dass hier eine Gemeinschaft sein kann, die auf einem Weg ist, auf dem ich auch bin.
61 Brotbackkollektiv in Leipzig
Imma: Vielleicht zum Aufbau von Strukturen beitragen, die uns auch mittragen! Beitragen unterscheidet sich vom Helfen ja dadurch, dass man selbst was davon hat, und wenn auch im allerweitesten Sinne.
Nachdem wir jetzt so lange über Tauschlogikfreiheit – ja oder nein – geredet haben, fände ich es in einer Schlussrunde interessant, von allen so eine Art Arbeitsbegriff zu hören. Niemand hat den perfekten Begriff und einige finden ja auch, dass es gut ist, Tauschlogikfreiheit weiterzuverwenden. Aber vielleicht könntet ihr ja sagen, welche Begriffe in die Nähe von dem kommen, was wir bezeichnen möchten?
Reiner: Irgendwie war nicht richtig klar, worüber wir sprechen, und so ist alles ein bisschen sehr durcheinander gegangen. Ich bin hauptsächlich hergekommen, um so eine Art Theoriediskussion zu führen. Mein Interesse daran ist die Frage, was in einer zukünftigen befreiten Gesellschaft weiterhelfen kann, und was vielleicht eher nicht. Dann ging die Diskussion aber in eine völlig andere Richtung: Was können wir hier und jetzt machen? Wie können wir uns in dieser widersprüchlichen Situation, in der wir uns befinden, unmittelbar verhalten? Zum Schluss kam nochmal raus, dass es eigentlich darum geht, für den Karlahof einen neuen Begriff zu finden.
Till: Ich habe am Anfang schon gespürt, dass es wesentlich um Begriffe geht. Und ich habe mich an ein Treffen vor 10 Jahren in Kassel erinnert, bei dem es um gemeinsame Ökonomie ging. Da haben wir uns die Köpfe heißgeredet, und hinterher hatten wir das Gefühl, wir hätten mit dem Begriff des „Vertrauens“ was ganz Neues gefunden. Danach mussten wir feststellen: so ein Quatsch! Der Begriff ist vom herrschenden System vollkommen vernutzt! Ich denke, wir finden nichts Anderes, darum ist Tauschlogikfreiheit eigentlich schon ganz gut, weil der kaum vernutzbar ist.
Wir müssen uns den Begriff des Privilegs nochmal mehr vor Augen halten und ein stärkeres Bewusstsein über die Privilegien, die alle haben, mehr in den Mittelpunkt stellen. Daran anknüpfend die Frage: Wie können wir in unserer Praxis offensiv unsere Privilegien überwinden bzw. weitergeben?
Moritz: Ich persönlich bin gar nicht so auf eine neue Begriffsfindung aus. Wenn, dann käme mir „Beitrags- oder Schenk-ökologisch“ in den Kopf. Tauschlogikfreiheit ist für mich auch kein Begriff, über den ich viel nachgedacht habe bisher, ob der gut oder nicht so gut ist. Was ich viel spannender fand, ist die Frage, was uns verbindet, welche gemeinsame Vision wir haben. Der Mensch ist für mich ein Geschichten-erzählender Affe, und eine gemeinsame Geschichte war immer wichtig für eine Bewegung und jegliche Kulturschaffung – gemeinsame Geschichte und gemeinsame Vision. Da fand ich spannend, was wir über Verteilung und Verteilungsgewalt geredet hatten. (Anm.: Am Anfang des Gesprächs, leider nicht protokolliert )
Siggi: Ich finde es wichtig, einen Begriff zu haben, der dazu führt, dass wir ins Gespräch kommen. Ich fand es schön, die verschiedenen Aspekte von euch zu hören,
habe aber selbst keinen Vorschlag, könnte mich wahrscheinlich mit vielem anfreunden. Allerdings „Ausgleich“ löst bei mir tatsächlich eher das Gefühl aus, dass ich was ausgleichen muss, also doch wieder, dass ich irgendwas geben muss, wenn ich etwas bekomme.
Miriam: Ich bin ja ein Fan davon, einfach zu gucken, wohin die Reise an so einem Abend geht. Bei Begriffen fallen mir nur sperrige Sachen ein, wie „revolutionäre tauschlogikfreie Kooperationsbeziehungen“. (Gelächter)
Carmen: In Bezug auf dich, Reiner, dass du eine andere Diskussion erwartet hast: Ich habe ja fünf Fragen in dieses Gespräch reingegeben, aber ich sehe es nicht als meine Verantwortung, dass die auch aufgenommen werden. Was die Begriffsvorschläge betrifft: Ich mag ja „counter economics“, finde auch die Bezugnahme auf Soziale Revolution wichtig, vielleicht „sozial-revolutionäre counter economics“? Mir ging es mehr darum, nochmal grundsätzlich konzeptuell zu schauen. Und ich denke, ich habe da im Laufe des Gesprächs was verstanden und konnte auch von mir was teilen. Für mich war es ein ganz guter Resonanzraum.
Tobi: Für mich ist es wahrscheinlich immer noch am ehesten „solidarisch gegenseitig“ irgendwas. Ich gehe nicht ganz so beschwingt aus diesem Gespräch raus wie aus dem letzten. Und die Frage bleibt für mich, ob unsere Praxis wirklich so abgehoben und wenig anschlussfähig ist, wie das an dem Begriff „tauschlogikfrei“ kritisiert wird.
Pia: Ich mochte den Begriff der „alternativen Versorgungsgeflechte“, auch wenn der sperrig ist. Da habe ich die Assoziation von etwas Moosigem, das sich überall ausbreitet, Wurzeln schlägt und dabei untergründig verbunden bleibt. Es gibt ein Buch der US-amerikanischen Aktivistin Adrienne Maree Brown mit dem Titel „Emergent Strategy“ 62 . Das bezieht sich auf ein Prinzip, das aus der Biologie bekannt ist, dass jede kleinste Zelle die gleiche Form hat wie alles, was sich darauf aufbaut.
Imma: ... eine fraktale Struktur.
Pia: Genau: fraktale Versorgungsgeflechte...
Uwe: ...in Klammern: privilegiert! (Gelächter)
Pia: „Privilegien-kritische fraktale Versorgungsstruktur“!
WIE WEITER?
Imma: Nach meiner Ansicht sind so Fragen wie die nach der Rolle von Eigentum und von Gerechtigkeitsvorstellungen offen, und dabei, wie wir uns das vorstellen und
62 Adrienne Maree Brown: „Emergent Strategy“, 2017, AK Press.
wie wir das in unserem Alltag umsetzen können. Allerdings muss es, um im Gespräch nicht so hin und her zu wabern, Leute geben, die dazu einen Aufschlag machen.
Siggi : Warum muss es vorher einen schriftlichen Aufschlag geben? Uwe und Reiner haben dazu heute schon was gesagt, das können sie das nächste Mal ja wieder tun.
Carmen : Aber das war ja einfach nur eine Behauptung, dass das Eigentum eine Voraussetzung fürs Tauschen ist. Es ginge nochmal um eine genauere Herleitung, warum Eigentum problematisch ist. Also ich sage ja, dass Eigentum für das Tauschen nicht so wesentlich ist, wie das hier behauptet wurde. Ich kann natürlich diese Behauptung dagegen stellen, aber das bringt uns ja nicht weiter. Weiterbringen würde uns eine gemeinsame forschende Haltung und der Abgleich mit unserer Praxis. Theorie ist für mich eher ein Analyse-Instrument um zu verstehen, mit was wir in unserer alltäglichen Praxis konfrontiert sind.
Imma : Reiner hat das vorhin am schärfsten formuliert: Wenn das Eigentum nicht abgeschafft wird, dann kann man die Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft eigentlich aufgeben. Das wäre für mich schon ein lohnendes Thema: Wenn Eigentum das entscheidende Hindernis ist, was heißt das für unsere Praxis heute? Denn die Vorstellung, dass erst „nach der Revolution“ alles anders sein kann und heute die Verhältnisse eben so sind, wie sie sind, das ist natürlich eine unsinnige Entkopplung von Gegenwart und Zukunft. Also wenn das möglich wäre, so darüber zu reden: Wie versuchen wir, die Abschaffung des Eigentums in unserer heutigen Lebensorganisation vorwegzunehmen?, das wäre schon spannend und wichtig.
Carmen : ...falls wir davon ausgehen, dass tatsächlich das Eigentum der Kern des Problems ist!
Der Zwang der Rückhol-Feder – Warum im Kapitalismus eher verrechnet als getauscht wird (Carmen)
Eine kurze Nachbemerkung zur Frage, ob Tauschlogikfreiheit eine passende Antwort auf das kapitalistische Wirtschaftssystem ist.
Seit der Begriff und die Idee der Tauschlogikfreiheit populär geworden sind, stellt sich mir die Frage, inwiefern es eigentlich ein angemessener Ansatz ist, um (Versorgungs-) Alternativen zum Kapitalismus zu erfassen und auszuprobieren. Ausgangspunkt der Tauschlogikfreiheit erscheint mir die Annahme, dass im herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem getauscht werde (wenn auch mit Geld als universellem Tauschmittel, quasi als Stellvertreterware) 63 und dass diese Praxis des Tauschens der Kern des Problems sei. Diese Annahme möchte ich mit meinen folgenden Ausführungen in Frage stellen. 64
Stattdessen ist meine These, dass wir unter den herrschenden kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen nicht tauschen , sondern verrechnen – und dass diese Unterscheidung eine wesentliche Rolle spielt, um zu verstehen, worin die sozial-ökologische Problematik kapitalistischen Wirtschaftens besteht. Worin besteht also der Unterschied? Ein tatsächliches Tauschmittel, ein anderer Wertgegenstand wie beispielsweise Zigaretten 65 , hat keine ihm bei seiner Erzeugung eingestanzte zeitliche Rückhol-Feder – es will sozusagen nichts von alleine. Zigaretten werden produziert, repräsentieren einen bestimmten Tauschwert, könnten freilich auch aufgeraucht werden, und eines ist klar: nirgends wartet die Zigarettenfabrik darauf, dass die ausgegebenen Zigaretten wieder in die Fabrik zurückgebracht werden. Bei unserem „Tauschmittel“ Geld ist das anders! 66
63 In dieser Perspektive wird Geld mit seinem Wert gleichgesetzt und damit sozusagen mit seiner Eintauschbarkeit identifiziert. Die dieser Perspektive zugrundeliegende Theorie wird auch Warentheorie des Geldes genannt in dem Sinne, dass Geld und Waren durch dieselben Eigenschaften bestimmt sind, nämlich eigentumsfähig und tauschbar zu sein.
64 Dabei beziehe ich mich u.a. auf Forschungsarbeiten rund um die Modern Monetary Theory (MMT), die versucht die Gesamtarchitektur kapitalistischer Mechanismen und Wirkungszusammenhänge evidenzbasiert zu betrachten – also eine Theorie, die von der Praxis ausgeht und analysiert, was wirklich vor sich geht, um daraus eine Beschreibung der Wirtschaftsrealität abzuleiten.
65 Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde in Dtl. aufgrund des Mangels an einer verlässlichen Währung mit Zigaretten getauscht. Ich nehme sie in diesem Text als griffiges Beispiel für ein Tauschmittel, das über dieselben Eigenschaften wie eine Ware verfügt und ohne Schuldentragung erzeugt wird.
66 Vgl. Dullien, Sebastian; Tober, Silke (2019): Stärken und Schwächen der Modern Monetary Theory, Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, S. 91-101; „Bereits John Maynard Keynes hatte 1936 herausgearbeitet (...): „Eine moderne Marktwirtschaft ist keine Tauschwirtschaft, in der ein besonders geeignetes Gut die Rolle als Tauschmittel (Transaktionsmittel) ausübt. An erster Stelle steht nicht die Transaktionsmittel-Funktion des Geldes, sondern die Funktion als Inhalt von Kontrakten (Schuldentilgungsmittel) und damit einhergehend die Funktion als Rechnungseinheit.“
Unser modernes, kapitalistisches Geld entsteht als Schuldeintragung in der Bilanz einer Bank 67 . Es wird bei einer Kreditvergabe erzeugt und hat eine Tilgungsfrist. Es handelt sich somit um eine Auszahlung mit Rückzahlungsverpflichtung 68 . Auf jedem Geldschein könnte also vermerkt sein: Schuldschein, der zur Tilgung benötigt wird. Unser Geld besteht aus Schulden, die je nach Ausgabedatum zu bestimmten Fristen bei einer Bank getilgt werden müssen. Meistens merken wir das im Alltag nicht, es sei denn, wir haben selbst einen laufenden Kreditvertrag, bei dem monatliche Tilgungsraten fällig sind. Nichtsdestoweniger tragen wir bei jeder Zahlung (z.B. Miete, Einkäufe, Beiträge, etc.) dazu bei, dass anderswo Einnahmen gemacht werden, die für eine Kreditrückzahlung nötig sind. Bei Rückzahlung wird die entsprechende Schuldeintragung in der Bankbilanz gelöscht und damit verschwindet auch der damit verbundene Geldbetrag.
Durch diese Brille betrachtet erscheint die kapitalistische Ökonomie vielmehr als Praxis der ständigen Ver- und Entschuldung und weniger als ein Prozess des Tauschens von an sich neutralen Wertgegenständen. Und die wirtschaftliche Praxis einer permanenten Ver- und Entschuldung hat ganz andere Voraussetzungen und Wirkungen, als eine Warentauschwirtschaft mit einem neutralen Tauschmittel.
Ein kleines Gedankenspiel sei zur Verdeutlichung eingefügt: Wenn wir tatsächlich mit einem neutralen Tauschmittel handeln würden, wären die privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht derart stark auf Einnahmen für die Rückzahlung ihrer laufenden Kredite angewiesen. Aber der unter anderem daraus resultierende Konkurrenzdruck unter den Marktteilnehmer:innen, an das begehrte (Rück-) Zahlungsmittel zu kommen, wäre weniger. In einer Tauschwirtschaft kämen Unternehmen, falls sie in einem Monat aufgrund sinkender Nachfrage weniger ihrer produzierten Waren eintauschen könnten, nicht in Rückzahlungsschwierigkeiten, sondern hätten allenfalls das Problem, dass sie auf ihren Waren sitzen blieben. Die Arbeiter:innen hätten möglicherwei-
67 Vgl. Deutsche Bundesbank (2017): Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess. Monatsbericht April, Frankfurt/M., S. 15–36: „Die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben und Geld zu schaffen, hängt nicht davon ab, ob sie bereits über freie Zentralbankguthaben oder Einlagen verfügen.“ Dieser unscheinbare Satz gesteht die Existenz eines bedeutenden Privilegs ein. Er besagt, dass Banken vor einer Kreditvergabe kein Kapitaleigentum akkumulieren müssen. Ihre (Kreditsaus-)Zahlungen sind nicht von einem Haben abhängig, sondern sie haben mit ihrer Lizenz als Bank die Lizenz zur Gelderzeugung. Dies macht deutlich, dass die Erzeugung von Kapital nichts mit dem Vorhandensein von Eigentum zu tun hat. Und auch wenn ich als kreditnehmende Person leichter und mit besseren Konditionen an Kredite komme, wenn ich über Eigentum in Form von Sachwerten und geldformigem Eigenkapital verfüge, so ist es doch möglich, eine Aktie, ein Auto, ein Haus zu kaufen ohne vorher was anzusparen. Stattdessen finanziere ich mit einem Kredit und dem damit neu erzeugten Geld bezahle ich das zu erwerbende Gut und es wird mein Eigentum. Entscheidend bei diesem Vorgang ist, ob ich der Bank glaubhaft vermitteln kann, dass ich zur Rückzahlung des Kredits befähigt bin.
68 Dass bei dieser Rückzahlungsverpflichtung üblicherweise noch ein Preisaufschlag (Zins) dazu kommt, ist dabei übrigens völlig unerheblich. Auch wenn Zinskritiker:innen immer wieder den Zins als Wachstums- und Krisenursache ausmachen, stimmt das in meinen Augen nicht. Das wurde bspw. anhand der sogenannten Nullzinsphase in den 2010er Jahren deutlich: trotz sehr geringen oder teilweise negativen Zinsen, ging die kapitalistische Wachstumsdynamik davon unbeeindruckt weiter.
se ein Versorgungsproblem, weil sie nicht über genügend neutrales Tauschmittel verfügen würden, um damit andere Waren einzutauschen. Aber ein Unternehmen in einer Tauschwirtschaft wäre bei sinkendem Absatz nicht in gleichem Maße von einem Zahlungsausfall und der Insolvenz bedroht. In einer solchen Tauschwirtschaft wäre es möglich, dass das Umsatzvolumen stagniert oder schrumpft, ohne dass die Marktteilnehmer:innen in die Zahlungsunfähigkeit gerieten.
Dagegen entsteht durch die ins kapitalistische Geld eingebaute Rückhol-Feder eine zeitliche Dynamik, die kein Anhalten des Wirtschaftsgetriebes möglich macht. Damit die laufenden Rückzahlungsforderungen bedient werden können, braucht es entsprechende Mehreinnahmen bei Privatleuten und Unternehmen, um daraus ihre Kredite tilgen zu können. Die kapitalistische Geldwirtschaft kann auch als ein Geflecht aus interdependenten und befristeten (und deswegen riskanten) Schuldbeziehungen gelesen werden und ist deshalb ständig in einer prekären Dynamik. Schließlich werden die wechselseitig voneinander abhängigen Rückzahlungsversprechen ständig erfüllt (getilgt) oder gebrochen (Kreditausfall) und müssen so (systemlogisch) immerfort durch neue Schulden ersetzt werden. Die Aufgabe von kapitalistisch wirtschaftenden Gesellschaften ist es demnach, immer wieder Akteure dazu zu motivieren, Schuldnerinnen und Schuldner zu werden und gleichzeitig akzeptierte Arrangements zu schaffen, in denen Kredite in der Masse rückzahlbar sind und zurückgezahlt werden und Bilanzen ausgeglichen bleiben. 69 Das gelingt (bislang) nur über ständiges Wirtschaftswachstum, und der damit verbundenen Aussicht auf Mehreinnahmen (auch Gewinne bzw. Profite genannt) – mit allen ökologischen und sozialen Kollateralschäden.
Wenn nun das reine Tauschen gar nicht ursächlich ist für die sozial und ökologisch sehr destruktive Wirkungsweise kapitalistischen Wirtschaftens – wäre es dann nicht auch möglich, auf verspieltere und offenere Weise das Tauschen als wichtige materielle Versorgungsvariante mit in Betracht zu ziehen? Gerade wenn wir wirklich umfassender über alternative Versorgungsmöglichkeiten zur kapitalistischen Wirtschaft nachdenken, braucht es doch Ideen, wie auch breitere Bevölkerungsschichten einbezogen werden können, die aufgrund von kultureller Prägung, ökonomischem Background, Herkunft, Alter, etc. andere Bedarfe an materielle Sicherheit haben, als es die nischenhaften und sehr begrenzt wirkenden tauschlogikfreien Räume bisher leisten können. Sich in regionalen Bezügen mit der lokalen Bevölkerung zu verbünden und gegenseitig auszuhandeln, unter welchen Tauschmöglichkeiten und -verhältnissen eine wechselseitige Produktion stattfinden kann, würde möglicherweise eine weiterreichendere materielle Versorgung ermöglichen als völlig tauschlogikfreie Ordnungen.
Sich dabei bewusst zu machen, dass bei einem Äquivalententausch (à la 1kg Kartoffeln gegen 2kg Äpfel) die kapitalistische Expansionswirtschaft genauso unterlaufen wird, und wir uns damit autonome, nichtkapitalistische Räume zurückerobern,
69 Vgl. Sahr, Aaron: Zwischen Pflichten und Fiktionen, Zeitschrift für Soziologie 2019; 48(3), S. 209–225
wäre meines Erachtens ein wichtiger gedanklicher Schritt. Das Potential, kapitalistische Wirtschaftsordnung in Unordnung zu bringen und sie quasi mit anderen alternativen Versorgungsgeflechten zu unterwandern, sehe ich vielmehr in einer Praxis, die das gerechte und faire (Aus-)Tauschen als Teil einer sozialrevolutionären Kultur begreift.
Vom Tauschen, Täuschen und Enttäuschen (Bolle)
Vertrauen ist gut, soziale Kontrolle ist notwendig
Die Auseinandersetzung, ob Interaktion „nicht ohne Tausch sein kann“ oder nicht, ist etwas verebbt. Beide Positionen nähern sich einander an, wenn ich sowohl Tausch als auch Nichttausch als interagierende Kommunikationsform charakterisiere. Mir ist aufgefallen, dass es sich bei der Diskussion, vor allem zwischen Imma und Uwe, um eine Auseinandersetzung handelt, die sich auf der gemeinsamen Basis einer „Solidaritätsforschung“ bewegt. Und da gibt es bei dem oberflächlichen Gegensatz die große Gemeinsamkeit, Vertrauen zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Position zu machen: Was Imma „revolutionäres Vertrauen“ nennt, ist bei der Schleudergang und Uwe als „Tauschlogikfreiheit“ deklariert. Dieser sperrige Begriff, den ich nicht leiden kann, drückt nichts anders aus, als die Forderung nach einer Solidarität, die auf umfassendem Vertrauen beruht. Nichts anderes postuliert Imma. Beide Positionen knüpfen die soziale Existenz und Sicherheit der einzelnen Personen und Gruppen an das gegenseitige Vertrauen. Sich vorzunehmen, auf Tausch-Äquivalente zu verzichten, experimentiert quasi mit dem „revolutionären Vertrauen“. Ein „revolutionäres Vertrauen“ wiederum ließe zu, auf Reziprozität zu verzichten und würde darauf setzen, dass Solidarität sich auch mittelbar herstellen kann und Gegenseitigkeit eben nicht bilaterale – sondern multilaterale Gegenseitigkeit bedeutet.
An diesem einen Punkt ist es nicht einmal notwendig, zwischen den persönlichen und den gesellschaftlichen Verhältnissen zu unterscheiden. Denn: Eine solidarische Gesellschaft, die funktionieren könnte, müsste auch auf einem umfassenden Vertrauen der Beteiligten in eine derartige Ordnung beruhen.
Dies wäre ein anderer – ein utopischer – Maßstab zu dem, was wir ausprobieren. Die historischen Erfahrungen mit Euphorie und Scheitern gesellschaftlich-solidarischer Experimente sprechen gegen eine Vertrauens-basierte Solidarität und unsere persönlichen und Projekterfahrungen mit Vertrauen und Solidarität sind mindestens ambivalent.
Das Grundproblem jeder Vertrauens-basierten Solidarität liegt in deren Anfälligkeit gegenüber Vorteilsnahmen (nicht nur der materiellen Vorteilsnahmen).
Diese Problematik unterteile ich hier in drei aufeinander bezogene Einzelaspekte:
- 1. Die Angst vor Vorteilsnahme anderer (landläufig auch Misstrauen genannt) ist ein Hemmnis für Vertrauensbereitschaft. Die Angst ist berechtigt, beruht sie doch auf den Erfahrungen aus familiären und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen.
- 2. Die eigene Vorteilsnahme als Handlungsmacht/Herrschaftsprinzip und ggfs. persönlichen Entschädigungsmodus für subjektiv erlittene Benachteiligung (s.1).
- 3. Die Angst davor, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, als Angst vor möglichen Sanktionen, aus Empathie oder als sozial entwickelte, verinnerlichte Selbstkontrolle.
Vom großen Ganzen...
Für einen vertrauensvollen, solidarischen Umgang miteinander können die unter 1. und 3. genannten Faktoren auf unterschiedliche Weise positive Elemente sein:
Dem Misstrauen unter 1. kommt eine evolutionäre und um Emanzipation kämpfende Rolle in allen Gesellschaftsformationen zu: Menschen wehren sich gegen die Vorteilsnahme anderer.
Punkt 3 kennzeichnet im besten Fall eine solidarische Selbstdisziplin, die über Generationen hinweg einen eigenen, kulturellen Standard weiterentwickelt.
Derartige Standards hat es bereits in allen Gesellschaftsformationen gegeben – sie finden sich in Kultur, Religion, Herrschaftsform und Rechtssystem der jeweiligen gesellschaftlichen Formation wieder. Es ist weder romantisch noch nostalgisch gemeint, wenn ich auf Gesellschaften verweise, deren kollektive Selbstdisziplin als Kultur weiter entwickelt waren (in Resten noch vorhanden) als der individualisierende Kapitalismus des globalen Nordens. Dort haben sich die Möglichkeiten der individuellen Vorteilsnahme, der entsprechenden Ideologie und ihrer Verbreitung auf einen immer größer werdenden Personenkreis ausgeweitet und intensiviert. Oben genannter Punkt 2 wird zu Recht von Betroffenen hier (und zunehmend in aller Welt, z.B. auch durch indigene Bevölkerungen) als zerstörend erlebt und gehört folgerichtig bekämpft.
Parallel dazu haben sich die Möglichkeiten, ungerechtfertigte Vorteilsnahmen zu erkennen, zu beurteilen und abzulehnen, dadurch ausgeweitet, dass sich die Arbeitenden im Zuge der industriellen Produktion organisieren konnten. Der Akkumulationsdruck der Profitwirtschaft (als eine prägnante Form der Vorteilsnahme) erforderte einerseits stete Rationalisierung der Produktion. Andererseits konnten die Arbeitenden des globalen Nordens einen Teil der Rationalisierungseffekte für mehr Konsum, Bildung, soziale Absicherungen und kürzere Arbeitszeiten in Anspruch nehmen.
Dabei ist nicht zu übersehen, dass hierfür:
- – die gesamte gesellschaftliche Reproduktion u.a. auf dem Rücken der Frauen kostenfrei funktionalisiert wurde (schwer, darin einen Tausch zu erkennen),
- – die natürliche Umwelt und Lebensgrundlagen verbraucht und zerstört werden (schwer, darin einen Tausch zu erkennen),
- – koloniale und rassistische Ausbeutung des globalen Südens eine Voraussetzung bildeten (auch hier schwer, einen Tausch zu behaupten, selbst wenn von weiterhin aktiven Kolonisatoren unermüdlich behauptet wird, als Tauschgegenstand seien Infrastruktur und „Zivilisation“ gegeben).
Noch immer ist eine Position anzutreffen, nach der die arbeitende Klasse des globalen Nordens unterprivilegiert sei und die – im Windschatten des Kapitals erworbenen – materiellen Vorteile (gegenüber dem Rest der Welt) bewahren könne und müsse. Diese Klein-Privilegien des Konsums werden jedoch weiterhin um den Preis der weltweiten Ausbeutung von Menschen und Natur erworben. Wenn die arbeitenden Menschen des Nordens diese Koalition aufrechterhalten wollen, kommen sie für eine Koalition mit den unterprivilegierten Menschen des Südens nicht in Betracht.
Das Rechtsempfinden mag sich in diesen Fragen gegenwärtig ändern – allerdings ist keine eindeutige Richtung zu erkennen. Es macht nicht den Eindruck, als wachse die Bereitschaft zum Verzicht auf Vorteile – eben auch nicht aus unfairen Tauschbeziehungen.
Die drei oben skizzieren Praxen der Ausbeutung finden kontinuierlich weiter statt und werden von ihren Profiteuren gerechtfertigt und verteidigt – im Zweifelsfall auch mit Gewalt.
Immerhin finden aufgrund des sich verändernden Rechtsbewusstseins vielfältige Auseinandersetzungen und Kämpfe darüber statt, ob Geschlechter, Arbeit und Herkunft in Tauschbeziehungen gleichberechtigt zu berücksichtigen sind – und Eingriffe in Natur und Klima nicht wenigstens durch einen entsprechenden Ausgleich tauschartig abzumildern wären.
Nun ist es aber etwas anderes, den Kapitalismus auszuhalten – als ihm zu vertrauen.
Im Laufe der verschiedenen Phasen des Kapitalismus mangelte es nicht an Analysen, die dessen schädliche Mechanismen für eine solidarische Weltordnung benannt haben. Aktuell steht da im Wesentlichen die Bedeutung des Akkumulationsgebots für die Zerstörung des Klimas und der Lebensgrundlagen im Fokus. Dies unter den Bedingungen von Neo-Liberalismus,-Imperialismus,-Kolonialismus und-Patriarchat. (Neosteht zur Erinnerung an die Illusion, dies alles schon mal überwunden zu haben).
Ich unterstelle hier all jenen, die aus den beschriebenen Umständen keine Vorteile erzielen – oder auch nur erträumen – dass sie diesen Verhältnissen eben nicht „vertrauen“, sondern sie lediglich aushalten. Eben auch, weil Alternativen zum Kapitalismus auf gesellschaftlicher Ebene bis heute entweder durch Erfahrungen aus der jüngeren Geschichte diskreditiert – oder aber theoretische Konstruktion bzw. vage Sehnsuchts-Idee geblieben sind.
Die Weltgesellschaft ist von einem Zustand multilateraler, solidarischer Gegenseitigkeit weit entfernt. Selbst schon der Reziprozität von Tauschverhältnissen (etwa als Anspruch einer sozialistischen Ordnung) stehen die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse im Weg. Will heißen: Die Tauschenden treten sich nicht gleichberechtigt gegenüber, und dies hat leider entscheidenden Einfluss auf die unterschiedliche Bewertung der Tauschinhalte. Trotzdem vermittelt der Tausch (nicht nur von Dingen)
gegenüber dem Prinzip solidarischen Vertrauens eine relative und trügerische Sicherheit. Aus der Perspektive der potentiell Benachteiligten erscheint hier der Tausch gar als das kleinere Übel („besser als nix“).
Tausch ist damit nicht nur bloße Geschäftsgrundlage. Die Erfahrungen aus Tauschbeziehungen bilden historisch den Bodensatz von Gerechtigkeitsempfinden in den unterschiedlichsten Gesellschaften. Daraus erwachsende Rechtsbeziehungen stellen dann die Regeln für einen Tausch von Vergehen gegen Strafen her (stets unter den Bedingungen der jeweiligen Herrschaftsstruktur). Darin liegt für rechtlich verfasste Gesellschaften die eigentliche und einzige Möglichkeit, Handelnde „zur Verantwortung“ zu ziehen. Strafen – als Ersatzhandlung – sind also Teil eines mehr oder weniger erkennbaren Tauschvorgangs.
Wenn wir uns aber auf der gesellschaftlichen Ebene bemühen, den eigenen Wert der Natur und die Gleich„wertigkeit“ aller Menschen überhaupt erst durchzusetzen, erscheint es mir verführt, für „Vertrauens-basierte Solidarität“ als gesellschaftliche Perspektive zu werben. Zumal die Ideologie des Neoliberalismus eine angebliche Gleichberechtigung und Eigenverantwortung von Menschen suggeriert, die aber eben auf extrem ungleicher Handlungs-, Wirkungs- und Schädigungsmacht innerhalb existierender Tauschverhältnisse beruht.
Für mich persönlich liegt ein besonderes Problem darin, dass ich es zwar für absolut notwendig halte, diese Ungleichheiten zu benennen und zu bekämpfen – ich aber wiederum eine sozialistische Leistungsgesellschaft, die darauf abstellt, Tausch- und Leistungsgerechtigkeit gleichzusetzen, für einen Zustand halte, in dem sich die Vorteilsnahme unter den Bedingungen veränderter Eigentumsverhältnisse nurmehr neu orientiert und organisiert.
Auf ein Bestrafen der Verantwortlichen für Ausbeutung und Zerstörung kann aus meiner Sicht allerdings nicht verzichtet werden. „Bestrafen“ bedeutet mir nicht mehr und nicht weniger, als die Möglichkeiten zur Ausbeutung von Mensch und Natur radikal zu unterbinden. Das betrifft alle Formen der Aneignung, mit denen die Gleichberechtigung der Bedürfnisse anderer verletzt wird.
Über unsere Versuche...
In unseren kleinen gemeinschaftsbasierten Experimenten versuchen wir dagegen, uns dem Prinzip „Jede nach ihren Fähigkeiten, jede nach ihren Bedürfnissen“ anzunähern. Dennoch sind wir direkt verstrickt in die drei problematischen Aspekte der Vertrauens-basierten Solidarität. Immerhin können wir behaupten: Wir arbeiten dran.
Das wiederum halte ich nach wie vor nicht für verkehrt – sondern gemeinschaftlich und für mich persönlich notwendig.
Für unsere Umgebung ist Vertrauens-basierte Solidarität eher eine Provokation (Herausforderung) als verlockender Zielpunkt für Sehnsüchte. Dies wiederum hängt mit den unter Punkt 1 und 3 formulierten Ängsten zusammen: Während sie auch bei uns nach wie vor noch nicht ganz ausgeräumt sind, schrecken Ängste das Interesse bei Außenstehenden für eine Teilhabe an unseren Versuchen eher ab.
Das Überwinden des unter 1 und 3 als Ängste formulierten Misstrauens ist in unseren sozialen Experimenten Gegenstand eines mehr oder weniger bewussten und mehr oder weniger erfolgreichen Kommunikationsprozesses.
Welches Misstrauen?
In meiner direkten und politischen Umgebung habe ich nun nicht die Riesen-Angst davor, „übers Ohr gehauen zu werden“. Ich befürchte dagegen, dass die Akteure (mich eingeschlossen) und Akteurinnen es sich bequem machen und sich im Kleinen wie im Großen der Verantwortung für das eigene Handeln entziehen. Dies, weil es beidseitig als nervig und übergriffig empfunden wird, dafür „verantwortlich zu sein, andere zur Verantwortung zu ziehen“.
Misstrauen zu eigenen Erfahrungen und Befürchtungen:
So totalitär und unbrauchbar das alte, Lenin zugeschriebene, Wort „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!“ für Prozesse Vertrauens-basierter Solidarität klingen mag, so notwendig sehe ich für mich und meine Umgebung das Entwickeln einer sozialen Kontrolle. Eben, weil ich ganz persönlich natürlich auch mit den aus den Punkten 1. und 3. resultierenden Problemen konfrontiert bin.
Abgewandelt und angewandt auf unsere Verhältnisse würde ich das so formulieren:
„Vertrauen ist gut – soziale Kontrolle ist notwendig“
Mein aus der Angst zu 1. resultierendes Misstrauen betrifft in Wirklichkeit nicht nur die Herrschenden, sondern ist allgemeiner und persönlicher Art. (Es besteht auch mir selbst gegenüber.)
Darüber, wie ich mir den Umgang mit den herrschenden VorteilsnehmerInnen wünsche, ist oben ausreichend gesagt – und da wünsche ich mir ein gemeinsames Kampfverhältnis der Benachteiligten mit den weniger Privilegierten. Bei Latour/Schultz wird das „ökologische Klasse“ genannt 70 , verstehe ich aber eher als Metapher.
Sozialer Kontrolle misstrauen?
Das wäre immer mein erster Impuls. Besonders wenn Menschen, die ich nicht einschätzen kann und denen ich nicht vertraue, sich in mein Leben einmischen. Da würden sich automatisch die Ängste von 1. (Angst vor Unterdrückung) und die Angst von
70 Bruno Latour, Nicolay Schultz, Zur Entstehung einer ökologischen Klasse , 2022
3. (Angst vor Sanktionen) kumulieren. Wenn dem so wäre, befände ich mich bereits an einem unteren Ende von realen oder empfundenen Herrschaftsverhältnissen.
Ich nehme an, wir alle unterscheiden zwischen Menschen, von denen wir uns was sagen lassen – und solchen, die wir nicht an uns ranlassen. Diese selbstbestimmte Auswahl, die nicht statisch sein muss, führt uns aber heran an eine Selbstkontrolle, die Ergebnis eines sozialen Prozesses ist. Dagegen ist nichts zu sagen und ich habe das nie als schmerzhaft oder einschränkend empfunden. Nee, das war für mich Konvention (oder wer es so will: Tausch) dafür, in der sozialen Umgebung zu leben, für die ich mich entschieden habe.
Ist die Vorstellung herrschaftsfreier Kontrolle paradox?
Es versteht sich auch hoffentlich von selbst, dass eine soziale Kontrolle in unserem sozialen Leben und in der Kooperation mit Benachteiligten niemals zum Herrschaftsinstrument (auch nicht als Moral verkleidet) werden darf. Das ist nur unter den Bedingungen gleichberechtigter Gegenseitigkeit möglich. Ausschließlich in diesem Zusammenhang hat Reziprozität einen Sinn.
Gemeint ist eine soziale Kontrolle „untereinander“ (oder besser „miteinander?“), die sich unter den Bedingungen tatsächlicher Gleichberechtigung darin ausdrückt, sich in gegenseitiger Kritik und Förderung weiterzuentwickeln. Dazu ist,
- 1. ein Grundvertrauen Bedingung, dass dem Gegenüber unterstellt, keinem der Beteiligten schaden zu wollen,
- 2. ein Selbstbewusstsein darüber notwendig, persönlich niemandem schaden zu wollen,
- 3. und ein gemeinsames Selbstverständnis darüber, dass die Freiheiten und Handlungsermächtigungen, die aus den Möglichkeiten einer sozialen Gruppe hervorgehen, den Einzelpersonen auferlegen, diese nach ihren persönlichen Möglichkeiten zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Die Entwicklung der drei formulierten Bedingungen ist für jede soziale Formation ein langwieriger Prozess. In seinem Verlauf kann es im besten Falle möglich sein, zunehmend auf formale Regeln und selbstkontrollierende Vereinbarungen zu verzichten.
Befürchtungen
- 1. Auf gesellschaftlicher Ebene – also auch in unserer näheren und fernerer Umgebung – ist nicht erkennbar, dass sich ein System sozialer Kontrolle oder verinnerlichter Selbstkontrolle entwickelt.
Es müsste dann ja einerseits das Ungleiche in Tauschverhältnissen berücksichtigt und bekämpft, andererseits sowohl in die kollektive Gleichberechtigung als auch Gleichbeschränkung eingestiegen werden.
Zweifeln lässt mich insbesondere, wenn die weniger Privilegierten des globalen Nordens Seit' an Seit' mit ihren Ausbeutern einen imperialen Lebensstil beibehalten wollen. Auch Äußerungen, die erkennen lassen, man würde sich notfalls gesetzlichen Regelungen unterwerfen (wie z.B. Tempolimit, Co 2 -Abgaben) lassen an der Bereitschaft zweifeln, sich stattdessen einer sozialen Kontrolle unter Gleichen anzuschließen.
2. Dies lässt mich befürchten, dass es ebenso schwer wie notwendig für uns sein wird, sich in den zukünftigen Auseinandersetzungen zwischen Nord und Süd zu positionieren und zu verhalten.
3. Die Ansätze Vertrauens-basierter Solidarität in unseren Innenverhältnissen, die sich unter relativ komfortablen materiellen Bedingungen entwickeln konnten, lassen es uns vergleichsweise gut gehen. So sehr, wie sie uns intern dabei helfen, Entfremdung zu überwinden (dazu sind sie schließlich da), so sehr entfremden sie uns einer gesellschaftlichen Umgebung, zu der wir immer stärker in Widerspruch geraten. Auf Konflikte mit dem Außen sind wir auf diese Weise nicht vorbereitet. Ich habe aber auch keine Idee, wie das anders sein könnte, als sich schon jetzt in gesellschaftliche Konflikte einzubringen. Das machen wir allerdings bisher wohl eher persönlich als kollektiv.
Vorteilsnahme, Gerechtigkeit, Verantwortung
(Gespräch Imma – Bolle)
Um vertrauensvolle, gleichberechtigte Beziehungen haben zu können, ist Selbstkontrolle und Selbstdisziplin erforderlich
Imma: Ich glaube, ich habe verstanden, wo du die Klammer zwischen Uwes und meiner Position siehst, nämlich, dass beide Positionen ein Vertrauensverhältnis voraussetzen.
Bolle: Du forderst ja als Handlungsgrundlage revolutionäres Vertrauen, und gleichzeitig sagst du, dass wir uns im Wesentlichen in Tauschbeziehungen bewegen. Uwe argumentiert zwar für die sogenannte Tauschlogikfreiheit, was aber nichts Anderes ist. Wenn nicht getauscht wird, und man handelt, ohne explizit eine Gegenleistung zu erwarten, ist man in der Sphäre von Vertrauen zueinander, nicht nur bilateral, sondern multilateral. Sonst wären ja Gemeinschaften und auch Gesellschaften nicht in der Lage, sich zu versorgen, also die notwendigen Arbeiten und Kommunikation zu leisten.
Ich habe nicht revolutionäres Vertrauen gefordert, sondern gesagt, dass in einer Gesellschaft, die auf Tausch, und zwar auf unfairm Tausch beruht, Vertrauen sowas wie eine revolutionäre Kraft darstellen würde. Sie wäre höchstens im Ergebnis revolutionär. Trotzdem hast du Recht, dass Vertrauen die Grundlage beider Positionen ist. In der Diskussion beider Perspektiven wendest du ein, dass das Grundproblem von Vertrauens-basierten Beziehungen in seiner Anfälligkeit gegenüber Eigennutz und Vorteilsnahme liegt. Warum wählst du diesen Begriff der Vorteilsnahme?
Das soll eine Sammelbezeichnung für Verhaltensweisen sein, die auf Kosten und zum Schaden anderer passieren.
Vorteilsnahme bedeutet ja, etwas zu nehmen, entweder es anzunehmen, weil es einem angeboten wird, oder es wegzunehmen, weil man dazu in der Lage ist.
Man kann es auch mit dem Begriff der Aneignung bezeichnen...
...unter bestimmten Bedingungen, nämlich da, wo eigentlich Vertrauensverhältnisse herrschen sollten?
Ja, sie sind für Prozesse der Aneignung besonders anfällig.
Das heißt, Vertrauensverhältnisse müssen sich – vielleicht paradoxerweise – ganz besonders gegen Aneignung schützen. Das habe ich ja in meinem Papier auszuloten versucht, dass es unter neoliberalen Bedingungen besonders schwer ist, sich davor zu schützen, weil scheinbar erstmal alles über Treu' und Glauben läuft, also sich entgegenkommen, Geschenke machen, unbezahlte Möglichkeiten anbieten. Alles, was sich in diesem Milieu der Vertrauens-basierten Beziehungen abspielt, kann in einen Aneignungs-Zusammenhang umschlagen.
In den Verhältnissen, in denen wir leben, ist ja die Aneignung das übergeordnete gesellschaftliche Prinzip. Wir leben in Strukturen, die im Grunde ständig dazu auffordern, dass man sich auf Kosten anderer oder auf Kosten der Natur oder der zukünftigen Gesellschaften bereichert.
Ich weiß nicht, ob ich da zustimme. Es gibt da eine Doppelbödigkeit. Es wird ja immer von gerechten Verhältnissen, von Gerechtigkeit geredet, auch wenn dies vielleicht nur eine formale Maxime ist. Aber deshalb muss sich Aneignung immer maskieren. Ihre Ungerechtigkeit darf nicht offen zutage treten.
Dass jede gesellschaftliche Formation eine Legitimation für das Recht zur Aneignung braucht, das die Herrschenden sich herausnehmen, das ist ja schon immer so.
Aber warum muss sich das legitimieren?
Um stabile Verhältnisse zu haben und die jeweilige Herrschaft abzusichern, damit es kein Aufbegehren von denjenigen gibt, die enteignet werden.
Also die, die herrschen, müssen davon ausgehen, dass sie ihre Herrschaft in einem System legitimieren müssen, was im Grunde genommen ein anderes Gerechtigkeitsideal hat, als es ihrem tatsächlichen Handeln entspricht? Wenn man seine Maßnahmen legitimieren muss und nicht einfach offen sagen kann: „Ich habe die Macht, dich auszubeuten, also beute ich dich auch aus!“, dann heißt das ja, dass man sich eigentlich in einem gesellschaftlichen Klima bewegt, in dem Ausbeutung verurteilt wird. Es mag zwar normal sein, aber es ist offenbar moralisch nicht akzeptiert.
Ja, aber es wird auch in jeder Gesellschaft neu definiert, was Ausbeutung ist. Der Kapitalismus, wie wir ihn im Augenblick erleben, suggeriert, dass in der nördlichen Hemisphäre Ausbeutung nicht mehr stattfindet, ignoriert dabei natürlich die Geschäftsverhältnisse zwischen Norden und Süden, hat lange Zeit das Geschlechterverhältnis ignoriert, usw.
Das illustriert nur, wie die Legitimation jeweils funktioniert, nämlich durch Ausblendung, Unsichtbarmachung, falsche Bewertung. Aber die Legitimation scheint jeweils notwendig zu sein.
Beschreibt denn für dich der Begriff der Aneignung dasselbe wie Vorteilsnahme? Für diese konkreten Situationen ist mir eher der Begriff des Vertrauens-Missbrauchs gekommen. Wenn du von Aneignung sprichst, ist das schon ein Schritt weiter. Der Vertrauens-Missbrauch besteht darin, unter Vertrauensverhältnissen anzuzeignen.
Ich habe nicht unterschieden zwischen einer Welt, die generell auf Vertrauen basiert, und einer, wo Vertrauen nur als ein zartes Pflänzchen an einigen Stellen zu realisieren versucht wird. Deswegen beurteilen wir beide auch Misstrauen unterschiedlich. Für dich ist es ein Bremsklotz. Ich halte unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen Misstrauen für ein absolut notwendiges Instrument der Emanzipation gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Für mich hat also Misstrauen einen positiven Aspekt...
...eine notwendige Funktion. Das ist vielleicht was anderes.
Ich möchte gern auf die drei Punkte eingehen, die du genannt hast, die drei Varianten der Vorteilsnahme, wie du es nennst. Wenn du damit meinst: Vorteilsnahme durch Aneignung unter Verhältnissen, die es mir ermöglichen anzuzeigen, da ist es ja erstmal egal, ob das die unendliche Vertrauensbereitschaft einer Umgebung ist oder ob du eine Lücke im Gesetz findest. Was meinst du also bei Punkt 1 mit der „Angst vor Vorteilsnahme anderer“?
...die Angst, beschissen zu werden, benachteiligt zu werden.
Wenn ich Angst habe, von anderen ausgebeutet zu werden, vor was genau habe ich dann Angst? Warum möchte ich nicht Ressource für andere sein? Fürchte ich um meine eigene Existenzgrundlage? Nachteil ist das Gegenteil von Vorteil. Aber diese Kategorien, Vorteil und Nachteil, sind ja Bestandteil des Wettbewerbssystems, dem wir entgegenkommen wollen. Ich versuche, deinen Einwand in das Vertrauens-basierte Verhältnis zu übersetzen, das wir eigentlich wollen, und die Frage, was darin die Hemmnisse sind.
Aber wir bleiben in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingebettet, wie wir sie erstmal haben. Ich hätte vielleicht nochmal deutlicher zwischen den Innenverhältnissen und den Außenverhältnissen unterscheiden sollen.
Das habe ich in meinem Text auch aufzugreifen versucht, dass ich das nie wirklich weiß, ob ich mich in Binnenverhältnissen oder Außenverhältnissen bewege, und dass das vielleicht auch nie wirklich entschieden ist, weil die meisten von uns mit dem einen Fuß drinnen und dem anderen draußen stehen. Deswegen entsteht immer die Frage, was man von dem anderen zu befürchten hat. Wenn ich Angst habe, vom anderen das Fell über die Ohren gezogen zu kriegen, betrogen zu werden, ausgenutzt zu werden, dann heißt das nicht automatisch, dass es mir im Grunde darum geht, dass meine eigenen Chancen, den anderen auszubeuten, dadurch schlechter werden! Das ist meine Kritik an der Wortwahl „Vorteilsnahme“. Denn es geht dabei auch um Selbstschutz.
Wie meinst du das?
Ich benutze dafür den Begriff der Ressource. Niemand möchte die Ressource für jemand anderes sein, und zwar nicht nur deswegen, weil damit die eigenen Möglichkeiten torpediert oder begrenzt werden, sondern weil damit die eigene Subjektivität, oder besser Subjekthaftigkeit, streitig gemacht wird.
Man möchte nicht zum Objekt gemacht werden, meinst du? Das setzt aber Gesellschafts-historisch die Entwicklung des Individuums voraus. In anderen Gesellschaften wird das nach wie vor anders behandelt...
...wo die Menschen keine Angst davor haben, Objekt zu sein? Vielleicht, weil sie in andere Vertrauensbeziehungen eingebettet sind, die das gar nicht so notwendig machen, dagegen anzukämpfen oder sich dagegen zu schützen.
Ich habe von der Uneindeutigkeit des Rechtsempfindens gesprochen, denn gleichzeitig gibt es offensichtlich auch bei uns eine Sehnsucht danach, Objekt zu sein, d.h. sich nach der Regelung der eigenen Lebensverhältnisse durch übergeordnete Autoritäten zu sehnen.
Aber das ist das Bedürfnis nach Vertrauensverhältnissen in der Gesellschaft, nach einer Autoritätsperson, der du vertrauen kannst, dass sie dich nicht ausbeuten will.
Das ist kein egalitäres Vertrauensverhältnis; es macht einen Unterschied, ob man den Verhältnissen vertraut oder ob man sie aushält. Und die Sehnsucht nach Vertrauen, die sich zum Beispiel in der Hoffnung auf eine bedeutende Rolle für Herrn Höcke ausdrückt, ist keine emanzipierte Sehnsucht nach Vertrauen, sondern eine sich unterordnende.
Das, was wir dagegen probieren, ist zu versuchen, ein gleichberechtigtes Vertrauen zueinander herzustellen. Und ich finde, da sind wir auch gar nicht so schlecht drin, gemessen an der Umgebung, in der wir uns bewegen. Und insofern halte ich für unsere Binnenverhältnisse den dritten von mir genannten Punkt, also die Angst vor Sanktionen, die uns daran hindert, selber Vorteilsnehmer:innen zu sein, für das größere Hemmnis, Vertrauensverhältnisse einzugehen.
Diesen dritten Punkt habe ich tatsächlich kaum verstanden.
Es gibt da einen Selbstregulations-Mechanismus, denn es ist nicht nur die Angst davor bestraft zu werden, die uns daran hindert, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen, sondern auch die Empathie mit anderen, weil wir sie eben nicht übervorteilen wollen . Die Angst geht so weit, dass sich Menschen nicht in Projekte reintrauen, weil sie sich nicht stark genug dafür fühlen, sich in diesen Vertrauens-basierten Verhältnissen zu bewegen. Wenn Leute sagen: „Das ist ja ganz toll, was ihr da macht. Aber ich könnte das nicht! Ich könnte dieses Vertrauen nicht entwickeln!“ Gerade das Fehlen von Sanktionen und Absicherungen macht Selbstdisziplin und Selbstkontrolle notwendig. Es geht also um das Misstrauen sich selbst gegenüber.
Jetzt verstehe ich das. Du hast Angst davor, der Nutznießer der Beziehung zu sein? Dass man, ohne sich Rechenschaft darüber abzuliegen, in das Vertrauensverhältnis nur reingeht, weil man etwas davon hat?
... und dann auf die eine oder andere Weise Sanktionen fürchten muss.
Sag doch mal ein Beispiel dafür.
Du hast zum Beispiel eine gemeinsame Ökonomie in Form eines gemeinsamen Kühlschrankes und du bist diejenige oder derjenige, der immer die besten Sachen daraus isst...
...also wer einen individuellen Vorteil davon hat, dass Dinge gemeinsam organisiert werden. Die Angst, teilst du auf in drei verschiedene Ängste, die erste ist, dass es sanktioniert wird in dem Sinne, dass es dir irgendwann vorgehalten werden könnte...
...die empathische Seite ist die, dass ich weiß, dass jemand anderes auch gern diesen Joghurt hätte. Und das dritte ist eigentlich die Konsequenz daraus, nämlich ein entwickeltes soziales Verhalten.
Insofern liegen die drei Aspekte Sanktionen, Empathie und Selbstkontrolle nicht auf der gleichen Ebene. Die Angst besteht vor Sanktionen und davor, unempathisch zu sein. Die verinnerlichte Selbstkontrolle ist dann eine Reaktion darauf, also ein Versuch, dieser Angst beizukommen.
Das ist ein Erfahrungs- und Erziehungsergebnis. Also man kann auch ablehnen, in Vertrauens-basierte Beziehungen zu gehen, weil man genau diese Selbstkontrolle nicht haben möchte.
Ja, und das bedeutet dann: „Lass uns lieber tauschen, dann weiß ich immerhin, dass du formulierst, was du brauchst! Und wir reden lieber explizit darüber, wie wir das ausgleichen!“
Das verlagert das Problem dann aber darauf, die Wertigkeit im Tauschverhältnis festzulegen.
Ja, da kommen wir in den anderen Bereich, der kritisch ist. Ich denke, da sind wir beide uns einig, dass, ein Tauschverhältnis stark zu machen, nicht heißt, ein Äquivalenzverhältnis verteidigen zu wollen, sondern es geht um eine Balance. Also um möglichen Sanktionen zu entgehen, oder der eigenen Schuldhaftigkeit, musst du umso mehr Selbstkontrolle aufbringen, je freier der Austausch gestaltet ist. Das heißt, komplette Vertrauensverhältnisse, sprich: Tauschlogikfreiheit, bedeutet, dass die Selbstkontrolle extrem ausgebildet sein muss.
Da würden Uwe und die anderen vielleicht entgegenen, dass in der Angst vor der Sanktionierung eines möglichen eigenen Vorteils genau die von ihnen kritisierte Tauschlogik steckt. Ist es denn so klar, dass ich selbst mich durch Empathie oder Selbstkontrolle in Schach halten muss; kann ich nicht auch darauf vertrauen, dass andere ihre Bedürfnisse von sich aus anmelden?
Der Begriff der Selbstkontrolle macht vielleicht einen zu statischen Eindruck.
Du schreibst: die Erfahrungen aus Tauschbeziehungen bilden den Bodensatz von Gerechtigkeitsempfindungen, und zwar in den unterschiedlichen Gesellschaften auf unterschiedliche Weise. Diesen Zusammenhang sehe ich ganz genauso.
Das so zu formulieren, ist vielleicht etwas provokativ. Es stellt aber den Begriff der Verantwortung ins Zentrum. Hier in diesem Zusammenhang will ich sagen: Verantwortung bildet sich nie direkt ab, sondern wird immer über einen Strafmechanismus hergestellt.
Also die Rechtssysteme sind sozusagen eine Materialisierung von Gerechtigkeitsvorstellungen, und die Gerechtigkeitsvorstellungen bilden sich durch Tauschbeziehungen, genauer gesagt, durch Austauschbeziehungen.
Die Grundvorstellung von Gerechtigkeit ist Gleichheit, aber das funktioniert ja nicht als Grundprinzip, denn: gleich, in welcher Hinsicht? Gemessen woran?
Ich sehe drei Grundvarianten von Gerechtigkeitsvorstellungen. Einmal das Prinzip des Glücksspiels. Um ein Beispiel zu nennen: Den Menschen aus der DDR, die dafür gestimmt haben, der BRD beizutreten und damit den hier herrschenden kapitalistischen Verhältnissen, war mehrheitlich wahrscheinlich klar, worauf sie sich einlassen, dass also in dieser Gesellschaft Gerechtigkeit völlig anders geregelt wird. Nämlich, die einen verlieren und die anderen gewinnen. Wenn man sich in solche Verhältnisse hineinbegibt, heißt das, dieses Risiko zu verlieren, in Kauf zu nehmen. Unter solchen Bedingungen ist Gerechtigkeit nicht mehr Gleichheit, sondern sogenannte Chancen-Gleichheit. Alle sollen die gleiche Chance haben – haben sie natürlich nicht, aber das ist die Ideologie, auf die sich Gerechtigkeit damit reduziert.
Das zweite ist eine Art sozialdarwinistischer Ansatz. Darin wird akzeptiert, dass es gerecht ist, wenn die Besten das Meiste haben. Also die, die sich durchsetzen können, sollen auch das Recht haben, die anderen zu beherrschen. Das ist eine Zuspitzung des Chancen-Gleichheits-Modells: Wenn die einen zu schwach sind, na, dann unterliegen sie halt!
Und das dritte wäre eine gerechte Aufteilung – auch sprachlich im Gegensatz zur Verteilung, die ja immer eine regelnde Instanz voraussetzt – also eine Aufteilung, die nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgeht, sondern bei der alle das für sie angemessene kriegen bzw. beitragen. Und das setzt voraus, dass man die Bedürfnisse der anderen kennt und beurteilen kann und in die eigene Überlegung mit einbezieht, und zwar in dem Sinne, wie du das hier formuliert hast: der Selbstkontrolle. Also ich kontrolliere, wie ich mich aus dem gemeinsamen Fundus bediene, worauf auch immer bezogen. Und dabei korreliere ich meine Bedürfnisse mit den erkannten Bedürfnissen der anderen.
Das bedeutet natürlich, dass man diese Prozesse organisieren muss. Denn von selbst stellt sich das Wissen darüber nicht her. Das hat viel mit Empirie und Kommunikation zu tun, durchaus auch mit Auseinandersetzungen über Bedürfnisse.
Genau, das ist der Punkt, an den man immer wieder stößt, und du benennst es auch: Vertrauens-basierte Verhältnisse brauchen ein Klima, in dem man die Bedürfnisse voneinander überhaupt erkennen kann, in dem also die dafür notwendigen Auseinandersetzungen möglich sind. Und daher kommt auch die Frage, ob eine ganze Gesellschaft überhaupt Vertrauens-basiert sein kann, weil es ja nicht möglich ist, sich so kennenzulernen.
Da könnte man vielleicht einwenden, dass man auf die Bedürfnisse von anderen nicht unbedingt gestoßen werden muss, sondern sie auch aus einem generellen Wissen heraus vermuten und berücksichtigen kann. Z.B. Menschen, die kleine Kinder haben, haben andere Bedürfnisse also solche ohne; das weiß man, auch wenn es nicht explizit eingefordert wird...
Das, was wir als Gerechtigkeit kennen und erlebt haben – immer eingedenk, dass sich das über Tauschbeziehungen über die verschiedenen Gesellschaftsformationen hergestellt hat – ist immer eine Gerechtigkeitsvorstellung, die sich aus einer Perspektive von oben denkt und insofern untrennbar mit den Herrschaftsverhältnissen zusammenhängt. Also es ist eine Gerechtigkeit, die patriarchal organisiert ist, weil sie immer dieses Sanktions-berechtigte Oben hat, von dem aus die Gerechtigkeitsvorstellung sich durchsetzt. Die Sehnsucht nach einer Vertrauens-basierten Gesellschaft bedeutet auch, dass sich Menschen gleichberechtigt begegnen wollen und ein dauerhaftes Oben nicht mehr existiert.
...Revolution?
Ich würde es so formulieren: daran zu arbeiten, dass dieses Oben immer blasser und unwichtiger wird.
Du hast in deinem Text die Formulierung der gleichberechtigten Begegnung benutzt. Ist diese Kategorie des „Gleichen“ nicht fragwürdig, nach dem, was wir feststellt haben?
Das heißt erstmal nur, dass die Bedürfnisse gleich berechtigt sind.
Sind sie das denn? Sie sind doch auch unterschiedlich stark! Und sie sind weder messbar noch vergleichbar. Bedeutet es nicht, wenn man von gleichberechtigten Bedürfnissen spricht, diese zu formalisieren?
Das bedeutet, dass die Bedürfnisse zunächst mal eingekleidet werden in das Machbare. Und das würde jetzt auch bedeuten, die Überlebensfähigkeit der Natur in die Bewertung unserer Bedürfnisse mit einzubeziehen.
Die Probleme des Bedürfnis-Abgleichs stellen sich immer nur im Zusammenhang mit knappen Gütern. Wie willst du denn entscheiden, wer von zwei Interessent:innen in einer WG in das sonnige Zimmer kommt, wenn beide sagen, dass sie das brauchen? Die eine Person kann vielleicht stark machen, dass sie sonst den ganzen Tag danebenhängt, und die andere, dass sie schon an ihrem Arbeitsplatz die ganze Zeit im Dunkeln sitzen muss. Was heißt „gleichberechtigt“ in einer Situation von Unvergleichbarkeit?
Gleichberechtigt heißt erstmal nur, dass die Bedingungen, unter denen Personen in das Aushandeln des Möglichen gehen, gleichberechtigt sind, dass ich nicht zwei Stimmen oder andere Vorrechte habe, um für mich zu sprechen.
Ich würde das für mich so übersetzen, dass der Begriff der gleichberechtigten Bedürfnisse in die Sphäre der Ausbalancierung von Verhältnissen gehört. Aber eben nicht formal: „Alle haben die gleiche Redezeit, Punkt, aus!“ Sondern: „Lass uns mal sehen, dass sich das irgendwie stimmig anfühlt!“ Und wie sich etwas „anfühlt“, erhellt sich erst durch den Austausch. Also der Begriff Gleichberechtigung würde für mich im Zusammenhang mit reinen Vertrauens-Verhältnissen, reiner „Tauschlogikfreiheit“ keinen Sinn machen.
Das sehe ich aber anders. Ich denke, dass die gleichen Rechte die Grundlage sind, auf der man überhaupt nur die Vertrauens-basierten Verhältnisse aufbauen kann.
Stimmt, in deinem Begriff von Gleichberechtigung steckt nicht „Gerechtigkeit“ sondern „Recht“ drin. Aber welches Recht haben wir denn gegeneinander, wenn wir uns nicht auf das von oben verordnete und überwachte Recht beziehen wollen? Recht ist doch – im besten Sinne – eine Formalisierung von Gerechtigkeitsvorstellungen.
Da gibt es nun seit 1948 die Menschenrechte, denen wir skeptisch gegenüberstehen, weil wir keine Instanz sehen, die in der Lage wäre, das auszuformulieren und diese Rechte für Einzelne durchzusetzen. Und von den asiatischen Kulturen wird, durchaus nachvollziehbar, beklagt, dass die Menschenrechte keine Menschenpflichten beinhalten. Andere Gesellschaften würden die Pflichten mitformulieren, weil sie eine weniger individualisierte Kultur haben.
Universelle Rechte, die wir gegeneinander haben, ist zum Beispiel das Recht zu leben. Das Recht zu leben konkretisiert sich in den Lebensbedingungen. Da haben sich bei der Formulierung der Menschenrechte der Ostblock und der Westblock schon in die Haare gekriegt, weil das Recht auf Arbeit, um leben zu können, völlig unterschiedlich interpretiert worden ist – aus der westlichen Sicht nach dem „Glücksspiel“-Prinzip, wie du es genannt hast, und vom Ostblock als eine Lebensbedingung, die eine Gesellschaft ihren Individuen zu bieten haben muss.
Recht – hm... Also ich komme irgendwo rein und sage: „Ich habe das Recht, hier zu sein!“ Wovon leite ich das ab? Wenn ich ein Recht für mich in Anspruch nehme, dann muss ich das ja irgendwie begründen und auf ein Normensystem stützen, das von denen, denen gegenüber ich das geltend mache, akzeptiert wird.
Ja, so ist es immer.
Also „berechtigt“ kommt von Recht, während Gerechtigkeit immer eine Frage des subjektiven Empfindens ist, oder? Gerechtigkeit kann man nicht objektivieren. Oder gibt es Bedingungen, unter denen die Aussage: „Das ist objektiv ungerecht!“ einen Sinn macht?
Das ist eine Anmaßung! Denn diese behauptete Objektivität kann man nicht belegen.
Genau, es bleibt immer meine Perspektive. Ich empfinde das als ungerecht! Und andere vielleicht auch!
Man kann auch sagen: „Wir alle finden das ungerecht!“ Das muss man aber numerisch belegen.
Ich möchte nochmal auf die Frage von Kontrolle zurückkommen. In dieser warmen Suppe des unbegrenzten gegenseitigen Vertrauens zu schwimmen, ist über einen kleinen, stabilen Rahmen hinaus erstmal schwer vorstellbar. Wir wünschen uns eine gesellschaftliche Entwicklung, die in diese Richtung geht, und überlegen, was dabei
Faktoren sein könnten, die das begünstigen. Aber erstmal befinden wir uns in gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen wir weder darauf verzichten können noch wollen, uns irgendwie abzusichern...
...misstrauisch zu sein...
...vorsichtig zu sein, nach der Balance zu gucken, auch uns auszutauschen in dem Sinne: „Wenn’s möglich ist, hätte ich schon gern was zurück für das, was ich irgendwo reingegeben habe!“ Auf diesen weichen Tauschbegriff, denke ich, haben wir beide uns verständigt. Und du hast gesagt, es erscheint dir doch notwendig, das zu kontrollieren. Damit, denke ich, meinst du, ob wir in dem jeweiligen Zusammenhang eine ungefähr ähnliche Vorstellung von Balance haben.
Du schreibst, der Begriff der Kontrolle ist für dich mit einer Autorität behaftet, der man sich nicht unterwerfen möchte und die es auch nicht unbedingt gut mit einem meint. Du hast das verbunden mit der elterlichen Kontrolle, wobei es eine Frage von Selbstbehauptung und Freiheit ist, sich dem zu entwinden. Dann fragst du, was an die Stelle davon tritt, und dann kommst du auf die soziale Kontrolle.
Was unter sozialer Kontrolle verstanden wird, ist gesellschaftlich-kulturell sehr unterschiedlich. Das kann ein Blockwart sein, kann auch eine Hausgemeinschaft sein, die eine Hausmeisterin installiert. Eine Institution, die die soziale Kontrolle ausdrückt. Man kann auch die Stasi als eine Form sozialer Kontrolle ansehen, die natürlich autoritär war, die in Wirklichkeit nicht von den Menschen ausgesucht war, die davon betroffen waren.
Man kann das aber auch ganz anders fassen. Soziale Kontrolle in einem Vertrauensbasierten System kann auch heißen, Dinge offen anzusprechen, Auseinandersetzungen zu führen. Wenn man es nochmal verschränkt mit dem Begriff der Selbstkontrolle, den ich vorher gebraucht habe, dann bedeutet das, dass ich mich in meiner Umgebung so bewege, dass ich Teil dieser Umgebung bleiben kann. Ich habe in meinem Leben gelernt, was an Verhalten notwendig ist, um dazuzugehören. Und ich werde mich nicht so verhalten, dass ich nicht mehr dazugehöre! Da sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs.
Ich klebe etwas am dem Begriff. „Kontrolle“ bedeutet ja was ganz bestimmtes, nämlich den Abgleich zwischen dem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand, egal, ob ich mich selbst kontrolliere oder andere kontrolliere. Der Abgleich besteht in Einwänden wie diesem: „Wir haben das und das vereinbart, und du verhältst dich aber soundso!“ Oder: „Das und das sind die Auflagen, oder das und das hast du neulich gesagt, und jetzt machst du es aber anders!“ Hast du das bewusst so ausgedrückt oder meinst du: Man ist vorsichtig oder umsichtig?
Das wäre mir zu subjektiv. Ich denke, dass es schon notwendig ist, gemeinsam auch Maßstäbe zu entwickeln.
...also dass man sich selber Regeln gibt, Grundsätze gibt, auf die man sich in der gegenseitigen Kontrolle berufen kann, meinetwegen einen Leihvertrag 71 formulieren, und dann gucken, wie weit das eingehalten ist. Das heißt, dass in einem Vertrauens-Klima solche Absprachen, solche Regeln oder formulierte Grundprinzipien wie Leitplanken funktionieren. Kontrolle würde dann zu so einer Aussage führen: „Pass mal auf, wenn du so weiterfährst, stößt du an die Leitplanke!“
Ja. Und das beinhaltet aber auch, dass wir sagen: „Heute müssen wir mal drüber reden, ob wir die Leitplanken nicht ganz anders verlegen!“
...dass man die Regeln neu formuliert. Das wäre aber keine Aktion der Kontrolle, sondern der Aufweichung der Kontrolle...
Nein, das wäre eine Konsequenz aus Kontrolle. Kontrolle dient ja nicht der Beherrschung, sondern der Weiterentwicklung. Du könntest auch sagen, dass Kontrolle eine Funktion von Empirie ist, dass Empirie ein erster Schritt von Kontrolle ist, Erfahrungen zu sammeln und abzugleichen. Und der zweite Schritt ist, aus Erfahrungen Schlüsse zu ziehen, teils individuell, teils gemeinsam.
Das würdest du als Kontrolle bezeichnen?
Ja. Das ist ja sozusagen eine Erfolgskontrolle für das, was man sich vorgenommen hat.
Dann würde ich wahrscheinlich einfach den Begriff anders wählen, z.B. Systematisierung von gemeinsamen Erfahrungen, die zu einem Kontroll-Instrument führen können. Auch, um der Assoziation zu entgehen, die du selbst erwähnt hast, nämlich, dass wir Kontrolle vor allem als autoritäres Instrument kennen.
Du verbindest damit...
...ein festes Normensystem. Kontrolle ohne eine Norm, die auch einen Verbindlichkeitsanspruch erheben kann, ist für mich nicht vorstellbar.
Wenn die Normen aus Absprachen bestehen, habe ich damit überhaupt kein Problem. Das ist ja notwendig.
Wir haben offensichtlich ein unterschiedliches Verständnis von dem, was „Kontrolle“ ist.
Ich möchte den Begriff der Kontrolle tatsächlich eher schärfen. Ich habe persönlich einen sehr milden Begriff davon, aber in der politischen Auseinandersetzung ist das eher ein Begriff, der mehr an Schärfe bräuchte, also eine Kategorie, die auf der Grundlage der gemeinsam entwickelten Normen wirkungsmächtiger ist.
Ich hätte zwei Synonyme dafür anzubieten, auch um der traditionell autoritären Funktion der Kontrolle entgegen zu wirken. Das eine ist der Begriff des Abgleichs und das andere der Begriff des Einspruchs. Ich hatte den Eindruck, dass Kontrolle dir
71 Gruppen formulieren ihre Prinzipien, die Grundlage für das „Ausleihen“ einer Immobilie im Rahmen der PaG werden.
genau in dieser Weise wichtig ist, also, dass wir uns alle gegenseitig nicht aus der Verantwortung entlassen, Einspruch zu erheben. Das auf Einspruch zu reduzieren, hätte für mich den Vorteil, die große Bedeutung geltender und zum Teil von uns infrage gestellter Normen darin zu reduzieren. Denn Einspruch kann ich auch aus anderen Gründen erheben, z.B. auch, weil ich andere Erfahrungen habe oder, weil ich bei meinem Gegenüber einen Widerspruch sehe. Das, was dir wichtig ist, also der Bezug auf die gemeinsam getroffenen Vereinbarungen, wäre durch den Abgleich abgedeckt.
Die Begriffe von Abgleich oder Einspruch halte ich nicht für verkehrt. Da muss ich denn zu einer eigenen Unterstellung zurückkommen, einer Grundunterstellung, die auch in meinem Text durchkommt, dass wir nämlich feige sind und uns drücken – vor Auseinandersetzungen einerseits, aber auch davor, andere zur Verantwortung zu ziehen! Die Verantwortung, die wir einfordern würden, ist natürlich immer eine, die unseren Normen entspricht, was adäquates Verhalten angeht. Insofern hat meine Wiedereinführung des Kontrollbegriffs, auch in der schärferen Version, ein fast pädagogisches Moment...
Ich verstehe. Du willst einen Mechanismus entwickeln, der verhindert, dass du dich selbst aus der Verantwortung stielst?
Ja, kann man so sagen.
...und du findest, auch andere sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen?
Genau.
...und wenn andere sich aus der Verantwortung stehlen und du lässt das zu, dann wirst auch du deiner Verantwortung nicht gerecht?
Ja. Das entspricht ungefähr dem, was du immer als Konfliktfähigkeit oder Konfliktbereitschaft formulierst und einforderst.
Jetzt haben wir die Funktion der Kontrolle oder Selbstkontrolle in Vertrauens-basierten Beziehungen auf die der Verantwortung übertragen... Aber was das eigentlich ist, Verantwortung, wie es funktioniert und welche Erwartungen daran zu stellen sind, ist eine andere Frage.
Ja, es ist ein weiterer Schlüsselbegriff darin, wie Vertrauensverhältnisse hergestellt werden können. Das müssen wir noch weiter bearbeiten.
Nachwort
Was ich in der Debatte gelernt habe
Vier Jahre sind vergangen, seit die hier dokumentierte Debatte mit dem Reflexions-Abend der Superfood-Schleudergang auf dem Karlahof begann, drei Jahre, seitdem ich meinen Text „revolutionäres Vertrauen“ dazu vorgelegt habe; zwei Jahre sind es her, seit wir uns schriftlich und mündlich über meine Kritik auseinandersetzt haben. Danach haben Bolle und Carmen ihre Texte noch eingebracht bzw. überarbeitet. Nun möchte ich die Texte und Diskussionen dazu einem breiteren Publikum zum Lesen geben. In welcher Form und auf welchem Weg das geschehen kann, ist noch nicht klar.
Die Zeit und die Welt haben sich weitergedreht und die Perspektiven verschoben – auch für uns in unseren kleinen, antikapitalistischen Rettungsbooten. Überall gewinnen die Superreichen im Verbund mit den neuen autoritären „FührerInnen“ an Boden. Perverserweise können sie dazu das Instrumentarium der modernen Demokratie benutzen; die Grenzen zwischen Wahl und Putsch verschwimmen.
Das wirft einen düsteren Schatten auf die im Vorangegangenen diskutierte These, Vertrauen sei die Alternative zu individualisierten, uns trennenden Sicherheitssystemen und insofern eine revolutionäre, eine system-untergrabende Kraft. Das Vertrauen, das gegenwärtig viele Menschen in charismatische Großmäuler vom Schlage Donald Trumps setzen, scheint von anderer Qualität zu sein. Es ist eine Identifikation mit dem scheinbar Unvermeidlichen, es drückt nicht Freiheit, sondern Hoffnungslosigkeit und Unterwerfungsbereitschaft aus, das ist mein Eindruck.
Dies ist einer der Punkte, die ich selbst aus der Debatte mitgenommen habe: Vertrauen, das im Aufgeben von Verantwortungsbereitschaft mündet, ist alles andere als emanzipativ! Ich gebe dennoch meine These nicht auf, hätte sie allerdings präziser fassen müssen: Es geht nicht um das blinde oder sogar fahrlässige Vertrauen in Personen oder Strukturen, das die Sicherheit verleihen könnte, die sonst durch Regeln, Gesetze, und – ja: den Preis, den festgelegten Tauschwert, versprochen wird. Es geht um das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen und die eigene Resilienz im Konfliktfall, was uns hilft, uns weniger an Eigentumsordnungen und gesetzlichen Regelungen festzukrallen. Dieses Selbstbewusstsein ermöglicht es uns, tauschlogik-frei oder vertrauensvoll die Spielräume im Geben und Bekommen, im Austauschen und Beitragen zwischen uns zu erweitern.
Bolle hat in seinem Beitrag zu Recht darauf hingewiesen, dass die beiden Pole der Debatte, „vertrauensvoll“ und „tauschlogikfrei“, durchaus aufeinander abzubilden sind. Carmen gibt zu bedenken, dass die Kritik an der Tauschlogik den eigentlichen Charakter der kapitalistischen Wirtschaft als Verschuldungssystem verkennet – zwei weitere Punkte, die ich gelernt habe.
In einem anderen Punkt hat sich meine Position eher gefestigt. Wir können in unseren Prozessen von Austauschen und Beitragen nicht auf den Vergleich verzichten. Wir können und wir sollten es nicht. Wenn wir nicht mehr zu beurteilen versuchen, was vergleichbar, was jeweils angemessen ist, gibt es keine Grundlage für die Einschätzung dessen, was gerecht ist. Jeder Gerechtigkeits-Diskurs hat in irgendeiner Weise den Vergleich zur Basis. Auch wenn damit vollkommen ungeklärt ist, wie das intersubjektiv zu machen ist, ist der Verzicht auf die Einschätzung dessen, was gerecht oder ungerecht ist, keine Option. Damit würden wir ein wesentliches Argument gegen die „herrschenden Verhältnisse“ aus der Hand legen. Denn wir stellen uns gegen Kapitalismus, (Neo-)Kolonialismus und patriarchale Strukturen nicht nur deswegen, weil sie uns zu unfreien Objekten machen, weil sie die Menschen mit Leid und Vernichtung bedrohen, sondern weil sie einfach ungerecht sind!
Was ganz grundsätzlich die Bedingungen für einen emanzipierten und emanzipierenden Diskurs über Gerechtigkeit in kollektiven Strukturen sind, so wie wir alle ihn uns wünschen, – diese Untersuchung steht für mich noch aus.
Februar 2025
Imma Harms
Kapitalismus ist eine Urgewalt; sie unterwirft alle Rebellion – und erzeugt sie dabei neu: als System-transzendierende Theorie und als widerständige Praxis. Fluchtpunkt und Ziel ist die Sehnsucht nach selbstbestimmtem Handeln, nach solidarischer Wirtschaftsweise und einem guten Leben für alle.
In der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit , einem Zusammenschluss von Menschen, die entprivatisierte Immobilien gemeinsam verwalten und nutzen, wird seit 25 Jahren mit Formen solidarischer Ökonomie und subsistenter Lebensweise experimentiert. Diese materielle Basis ermöglicht es Teilhabenden, zentrale Kategorien der Commons-Debatte wie Nichtkommerzialisierung und Tauschlogik-Freiheit im praktischen Handeln umzusetzen und dabei zu hinterfragen.
Das Buch fasst die aus der Sphäre praktischer Versuche entstandene kritische Debatte zum Postulat der Tauschlogik-Freiheit zusammen. Hat die Forderung das Potential, kapitalistische Verhältnisse infrage zu stellen? Ist sie von ihnen vernehmbar? Ist sie unrealistisch? Oder handelt es sich dabei schlicht um ein falsches Kriterium?