Teilen von Geld in einer Gemeinsamen Ökonomie Mein Geld? Dein Geld? – Unser Geld! Stell dir vor, dein Geld gehört nicht mehr nur dir allein. Stattdessen teilst du es mit anderen – und gemeinsam sorgt ihr dafür, dass es für alle reicht. Genau das ist die Idee der Gemeinsamen Ökonomie: Kleingruppen, die ihr Geld zusammenlegen, Bedürfnisse ehrlich besprechen und füreinander da sind. Leistung und Gegenleistung werden voneinander entkoppelt und ein Raum für authentische Beziehungen entsteht. Klingt nach ferner Utopie? Ist es nicht! Mit einer Gemeinsamen Ökonomie kannst auch du deinen Alltag zu einer kleinen Revolution machen und neue Selbstverständlichkeiten erforschen und leben. Denn Geld teilen kann jede*r! Das Handbuch „Nie mehr Pleite und Allein“ nimmt dich mit – vom ersten Treffen über die gemeinsame Geld-Organisation bis hin zum Potenzial für einen gesellschaftlichen Wandel. Es bietet das nötige Wissen, erprobte Werkzeuge und echte Erfahrungen, die dich einladen, den Schritt zu wagen: Zu einem anderen Umgang mit Geld. Denn Teilen bedeutet nicht Verlust, sondern Gewinn – für alle. Von nie-mehr-pleite-und-allein.net 1. Einleitung 1.1 Warum das Teilen von Geld sinnvoll ist In einer Welt, in der viele auf sich allein gestellt wirtschaften, kann das Teilen von Geld eine revolutionäre Kraft entfalten. Ob in der WG, im Freund*innenkreis, in der Familie oder im Gemeinschaftsprojekt: Geld zu teilen ist mehr als nur praktisch. Gemeinsam mit anderen über Geld nachzudenken und es gleichberechtigt zu teilen, bringt nicht nur Entlastung im Alltag, sondern auch Nähe, Vertrauen und neue Möglichkeiten. Plötzlich wird aus »mein« und »dein« ein »unser« – es ist eine kleine ·Revolution· im Alltag. Warum sich allein in einem Hamsterrad abstrampeln, wenn ein solidarisches Miteinander genau dieses Hamsterrad überflüssig machen könnte? Statt Rücklagen für sich selbst zu horten, entsteht ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe, große finanzielle Herausforderungen verlieren ihren Schrecken – und bestenfalls bleibt mehr Zeit und Energie für das, was euch wirklich bewegt. Durch das Teilen von Geld und anderen Ressourcen kommen wir dem guten Leben für alle ein Schrittchen näher – einem vielfältigen Miteinander, das auch ohne Geld funktionieren kann. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Dieses Handbuch will Mut machen, das Geldteilen in einer Gemeinsamen Ökonomie (GemÖk) auszuprobieren. Hier findest du Inspiration, konkrete Tipps und Erfahrungsberichte, die zeigen: Geld zu teilen bedeutet nicht Verlust, sondern Gewinn – für alle. 1.2 Über uns Wir, die vier Autor*innen und Herausgeber*innen dieses Handbuchs, sind selbst in unterschiedlichen Gemeinsamen Ökonomien organisiert. Wir alle haben irgendwann zum ersten Mal von der aberwitzigen Idee gehört, das eigene Geld mit anderen zu teilen, nicht nur ausnahmsweise an einem Kneipenabend, sondern grundsätzlich und langfristig.  Verschiedene Gründe – von der Freude am Experimentieren, über den Anspruch nach solidarischer Organisierung bis hin zur Sehnsucht nach mehr Verbindlichkeit – haben jede*n von uns schlussendlich dazu bewogen, es auszuprobieren. Diesen Schritt konnten wir wagen,  weil uns viele Menschen und Projekte inspiriert haben, die bereits Gleiches oder Ähnliches verwirklicht haben und dies auch weiterhin tun. Wir sind dankbar für die Vorarbeit und Inspiration Anderer, und für das Netzwerk toller Menschen um uns herum, mit denen wir zusammen jeden Tag das Leben utopischer Selbstverständlichkeiten ausprobieren, scheitern und neu versuchen können. Wir möchten dieses Handbuch als einen Beitrag zu diesem weit verflochtenen Netzwerk verstehen. Es ist eine Momentaufnahme unserer (begrenzten) Perspektive auf die Theorie und Praxis der Gemeinsamen Ökonomie. Ideen, Good Practices und Recherchen, die wir über die Zeit sammeln durften – zusammengefasst und möglichst zugänglich gemacht. Das Ganze immer wieder gespickt mit Erfahrungsberichten und Gastbeiträgen von GemÖks aus unserem erweiterten Umfeld.Dieses Handbuch ist dabei nicht nur geprägt von unseren individuellen GemÖk-Erfahrungen, sondern auch von unserer gesellschaftlichen Positionierung und dem Kontext, in dem wir leben. Wir sind alle weiß , jung, gesellschaftlich nicht-behindert und haben einen deutschen Pass, wir alle leben mit unseren GemÖks (hauptsächlich) in Deutschland. Wir teilen den politischen Anspruch nach einer herrschaftsfreieren, solidarischeren Welt und engagieren uns gegen Autoritarismus und Ausbeutungsverhältnisse. Wir stehen Staat und Eigentum kritisch gegenüber und versuchen in unseren Umfeldern Alternativen zu leben. 1. Einleitung Geld ist mehr als nur ein Mittel zum Bezahlen – es verbindet und trennt uns zugleich. Geld prägt unsere persönlichen Träume und Lebenswege, unsere Beziehungen zueinander und oft sogar, wie wir uns selbst und andere bewerten. Stell dir vor, Geld wäre nicht der Taktgeber unseres Zusammenlebens, sondern nur ein Werkzeug unter vielen, welches wir irgendwann auch einfach zurücklassen könnten. Wie würde sich dadurch dein Leben verändern? 1.3 Über dieses Handbuch Dieses Handbuch besteht aus fünf Teilen. Einleitung: Was ist eine GemÖk und warum ist Geldteilen eine gute Idee? Praxis-Teil: Leitfaden zum GemÖk-Gründen und Infos zu den häufigsten Konfliktfeldern Nachschlage-Teil: Sammlung häufiger Sach- und Fachfragen rund ums Geldteilen Ausblick: Einordnung von GemÖks in größere gesellschaftliche Zusammenhänge Anhang: Ergänzende Informationen, wie Glossar, weiterführende Medien und Bestellinfos Das Handbuch ist ein Versuch, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und verschiedenen gesellschaftlichen Analysen von der Idee der Gemeinsamen Ökonomie zu erzählen und hoffentlich möglichst viele mit unserer Begeisterung dafür anzustecken. Wir haben uns beim Schreiben um eine allgemein verständliche Sprache bemüht. Trotzdem tauchen im Text immer mal wieder Begriffe auf, die nicht allen bekannt sein werden. Deswegen findest du im Anhang ein Glossar, in dem wir diese Begriffe erklären. Im Text sind sie bei ihrem ersten Auftauchen mit ·Punkten· hervorgehoben. Es kann gut sein, dass manche Teile des Handbuchs für die Einen sehr hilfreich und für die Anderen unwichtig, langweilig oder irritierend sind. Wir laden Euch als Lesende ein, Positionen, mit denen Ihr nicht übereinstimmt, einfach im Buch zu lassen und eine eigene Form und Kultur von GemÖk zu entwickeln, die mit Euren Werten übereinstimmt! Für alle Neuen hier: Es ist nicht nötig, das gesamte Handbuch gelesen zu haben, um eine GemÖk zu gründen, aber es kann euch mit Sicherheit dabei unterstützen. Über das Online-Handbuch Zu Beginn des Projektes dachten wir, dass wir innerhalb von sechs Monaten ein dünnes Zine (= Heftchen) über Gemeinsame Ökonomien schreiben. Ein Jahr später haben wir stattdessen dieses Handbuch zusammengestellt, prall gefüllt mit Informationen und Perspektiven aufs Geldteilen. Einige Ideen für weiterführende Informationen und politische Einordnungen haben es letztendlich doch nicht in den Druck geschafft. Weil wir euch diese Teile aber nicht vorenthalten und den Austausch über GemÖks außerdem aktuell und im besten Fall sogar interaktiv halten wollen, gibt es zum Handbuch noch diese ständig wachsende digitale Erweiterung. Wenn du selbst zum Online-Handbuch beitragen willst, schicke uns gerne deine Texte und Informationen, damit wir sie zur Website hinzufügen können. 1.4 GemÖk – Was ist das? GemÖk steht für Gemeinsame Ökonomie. Was dieser Begriff genau beschreibt, ist jedoch von Person zu Person, sowie nach Ort und Zeitpunkt in der Geschichte unterschiedlich. In diesem Handbuch bezeichnen wir mit GemÖk eine feste Gruppe, die hauptsächlich ihr Geld teilt und gemeinsam darüber entscheidet. Diese GemÖks können im Rahmen von WGs, Kommunen und Projekten stattfinden. Die Mitglieder können sich aber auch ganz unabhängig von Wirk- und Wohnort zusammenschließen. Jede GemÖk findet ihre eigene Organisierungsform und Schwerpunkte. Hier ein paar Stimmen von GemÖk-Mitgliedern: Die Gemeinschaft »Freie Feldlage« in Harzgerode definiert ihre gemeinsame Ökonomie im Jahr 2021 so: »Kurz gesagt: Alle unsere Einkommen fließen in einen gemeinsamen Topf. Aus diesem bedienen wir uns alle je nach unseren Bedürfnissen. Das heißt, unsere individuellen Ausgaben sind unabhängig von unseren individuellen Einnahmen. Bei uns gibt es bisher nur eine gemeinsame Alltagsökonomie (= nur Einkünfte werden geteilt). Eine gemeinsame Vermögensökonomie (= auch die Vermögen werden vergemeinschaftet) ist für uns der folgerichtige nächste Schritt, bedarf aber intensiver Vorplanung.« Die Kommune Niederkaufungen sagt zur GemÖk: »[Bei der gemeinsamen Ökonomie] geht es letztlich um die Aufgabe von Privateigentum zu Gunsten von Gemeinschaftseigentum. Es geht also um die Umsetzung einer Vision nicht-kapitalistischen Wirtschaftens. […] ›Gemeinsame Ökonomie‹ bezeichnet also selbstbestimmtes wirtschaftliches Handeln zur Absicherung der materiellen Bedürfnisse der an ihr beteiligten Menschen. Es umfasst alles, was in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist.« In der Schweizer WOZ wird das RaAupe-Kollektiv zitiert: »Unsere Einkommen sollen nicht nur zum angenehmen Leben reichen, sondern auch politische Arbeit finanzieren, solidarisch, über die Gruppe hinaus. Mit geteiltem Geld ist mehr möglich. Wir versuchen, soziale Ungleichheit aufzulösen und ·Antikapitalismus· konkret zu leben.« »GemÖk« in diesem Handbuch GemÖks organisieren sich auf unterschiedliche Arten. Viele teilen nur ihr alltägliches Geld (=Einkommen), andere ·kollektivieren· ihr gesamtes Vermögen und wieder andere sind irgendwo dazwischen. Um Entscheidungen gemeinsam zu treffen und Bedürfnisse in der Gruppe gleich wertzuschätzen, sind für uns zwei Aspekte entscheidend, die später noch ausführlicher erläutert werden: 1. Tauschlogikfrei Tauschlogikfrei bedeutet, dass das Geben vom Nehmen entkoppelt ist, also für eine Leistung keine Gegenleistung gefordert wird. Stattdessen liegt der Fokus auf den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Beteiligten. Anders gesagt: Gib rein, was du kannst und bekomme, was du brauchst. Im Bezug auf GemÖks bedeutet das, dass alle ihr Einkommen in einen Topf werfen und sich die Menschen das herausnehmen, was sie brauchen. 2. Hierarchiekritisch In der Gesellschaft gibt es formale Hierarchien (z.B. eine Person ist Chef und darf über andere bestimmen) und informelle, häufig eher versteckte Hierarchien (z.B. wenn eine Person durch ihren hohen Redeanteil mehr Einfluss auf die Gruppe hat als andere). In hierarchiekritischen Gruppen gilt, dass keine Person über einer anderen stehen soll. Der Anspruch ist, dass alle gleichberechtigt sind und von der Gesellschaft vorgegebene ·Privilegien· (z.B. Höherstellung des männlichen Geschlechts) hinterfragt und aktiv abgebaut werden. In Bezug auf GemÖks bedeutet das, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und die Bedürfnisse aller gleich viel wert sind. Bei Uneinigkeiten sucht die Gruppe in einem Aushandlungsprozess eine Lösung, die für alle (möglichst gut) passt. Dabei sollten informelle Hierarchien, die sich in der Gruppendynamik widerspiegeln, soweit wie möglich erkannt, benannt und abgebaut werden. Andere Arten des Teilens Der Fokus dieses Handbuchs liegt auf GemÖks, wie sie zuvor skizziert wurden. Es gibt aber auch eine Vielzahl weiterer Konzepte für das tauschlogikfreie und hierarchiefreie Teilen von Ressourcen . Diese Ansätze begegnen uns schon heute im Alltag – Umsonstläden, Repair-Cafés oder offene Projekthäuser sind nur ein paar Beispiele. Diese Konzepte unterscheiden sich beispielsweise dadurch von GemÖks, dass sie nicht an eine exklusive Gruppe gebunden, sondern für alle offen zugänglich sind. Oder dadurch, dass sie nicht hauptsächlich Geld, sondern andere Ressourcen teilen. Mehr Informationen zu tauschlogikfreien und hierarchiearmen Projekten und Visionen finden sich weiter hinten bei → 4. Ausblick . 1.5 Wieso diese Welt mehr GemÖks braucht Sind wir mal ehrlich: Irgendwas läuft in dieser Welt gehörig schief. Das hast du sicher schon mal gedacht und gefühlt. Und trotzdem, im Strudel des Alltags, den eigenen Themen und Problemen gelingt es uns manchmal, die eigentliche Situation, in der wir uns alle befinden, auszublenden. Bis die nächste schlechte Nachricht kommt, denn die Realität ist: der Faschismus nimmt weltweit rasant zu, die Folgen der Klimakrise zeigen sich immer deutlicher, ·queere· Personen werden angegriffen, Menschen sterben an Grenzen. Und diese Liste ist noch längst nicht vollständig. Was genau die Wurzeln dieser Probleme sind und was es nun zu tun gilt, darüber gibt es so viele Meinungen wie Menschen auf der Welt. Eines ist aber klar und gilt für jeden Ansatz: Um eine neue Welt zu schaffen, brauchen wir Zeit. Die ist in unserer Gesellschaft sehr knapp, da wir, um zu überleben und den Erwartungen an uns zu entsprechen, die meiste Zeit in Arbeit und Konsum stecken. Sollten wir in Anbetracht dieser Situation nicht etwas anderes tun, als dieses Gesellschaftskonzept mit unserer Energie und Arbeit weiter zu unterstützen (oder uns durch Bildung darauf vorzubereiten)? Eine Gemeinsame Ökonomie ist nicht nur selbst schon eine kleine radikale Alternative zum aktuellen System. Sie setzt auch Energie frei, die wir aktuell noch in die alte Welt stecken. Und mit dieser Energie können wir dann mit mehr Luft zum Atmen, Freiheit und klarem Blick die Veränderung bewirken, die wir in der Welt sehen wollen. Sie ist ein Fels in der Brandung, wenn uns der Normalwahnsinn mal wieder zu verschlingen versucht. Wenn die Nebenkosten steigen, dein Job dich depressiv macht oder du dich in der Gesellschaft verloren fühlst, ist sie da und übernimmt Verantwortung für das, was früher dein alleiniges Problem gewesen wäre. Gemeinsame Ökonomie ist Verbundenheit und Gemeinschaftlichkeit, ist Revolution in Zeitlupe, ist Halbinsel gegen den Strom. Das Problem heißt Tauschlogik! In der aktuellen Gesellschaft werden die meisten Bedürfnisse wie Essen, Wohnen, Kultur, Spiritualität und häufig sogar auch Liebe und Freund*innenschaft nach dem Prinzip der ·Tauschlogik· verhandelt. Das bedeutet kurz gesagt: Zu jeder Leistung gehört eine Gegenleistung. Die Wohnung gibt’s nicht ohne Miete, das Konzert nicht ohne Ticket und den Abwasch mache ich nur, weil du ja vorhin gekocht hast. Ah, aber fürs Badputzen schulde ich dir ja noch etwas, dann könnte ich vielleicht noch saugen. Oder ich zahl es dir einfach aus? Diese Logik, bei der wir zu allem einen angeblich »fairen« Tauschwert (meist in Form von Geld) errechnen, sorgt für allerlei Probleme. Allen voran: Sie geht an unseren Bedürfnissen vorbei. Anstatt uns zu fragen »Was brauche ich wirklich?« und »Was kann ich beitragen?«, treffen wir unsere Entscheidungen nach den Prinzipien »Kann ich mir das leisten?« und »Das habe ich mir verdient!«. Sorgearbeit Im ·Kapitalismus· legen Markt und Staat fest, welche Arbeit wie viel Wert ist, welche Waren produziert werden und was bzw. wer überhaupt eine Ware ist. Dabei steht die Maximierung von Profit immer an erster Stelle. Arbeiten, die keinen oder nur wenig Profit generieren, wie grundlegende Sorgearbeiten, sind in dem System nur ein notwendiges Übel. Klar, irgendwer muss trotzdem kochen, putzen, sich mit Kindern beschäftigen oder emotionale Fürsorge leisten, also sich um grundlegende Bedürfnisse kümmern. Wertgeschätzt werden diese Tätigkeiten aber nicht und diejenigen, die sie ausführen, bekommen weniger oder gar kein Geld, um ihre eigenen Grundbedürfnisse zu erfüllen. Ressourcenverschwendung Eigentlich ist allen klar, dass wir nur das verbrauchen sollten, was wir wirklich brauchen, und dass z.B. Essen in den Magen und nicht in den Müll gehört. Im System der Tauschlogik wird dagegen selbst das, was schon produziert und übrig ist, nicht ohne Gegenleistung weggegeben. So schmeißen Supermärkte lieber tonnenweise essbare Lebensmittel weg, anstatt sie kostenlos zur Verfügung zu stellen. Umgekehrt haben diejenigen, die viel Geld besitzen, das Recht, begrenzte Ressourcen wie Energie, Wohnfläche und Rohstoffe verschwenderisch für sich zu beanspruchen. Das zerstört die Lebensgrundlagen von uns allen. Beziehungen Und zu guter Letzt: Das Tauschen verhindert authentische Begegnungen und echte Beziehung. Wie schön ist es, sich umeinander zu kümmern? Und wie viel Dankbarkeit und Freude erfahren wir, wenn jemand für uns da ist, einfach aus sich heraus? Die Tauschlogik vergiftet solche Situationen, indem sie aus etwas Unbezahlbarem (z.B. ein offenes Ohr in schweren Zeiten) einen Gefallen macht, den man dem Anderen nun schuldig ist. Raus aus der Tauschlogik Wie viel besser wäre diese Welt, würden wir als Kollektive darauf achten, dass für alle gesorgt ist? Wenn alle sich mit dem einbringen, was sie beitragen können und Verantwortung für das übernehmen, was notwendig ist? Genau das kannst du mit einer Gemeinsamen Ökonomie ausprobieren. Und dabei deine Werte und neue Selbstverständlichkeiten nicht nur besprechen, sondern tatsächlich leben. Wir werden die Tauschlogik und ihren treuen Begleiter Geld nicht von heute auf morgen überwinden. Aber wir können jetzt damit anfangen, das Vorhandene solidarisch zu nutzen und aus dem individuellen Problem mit Geld und Tauschlogik wenigstens ein kollektives Problem zu machen, das uns verbindet statt uns zu trennen. Lasst uns dem System frech die Zunge herausstrecken und sagen »Nö, ich bin jetzt nicht mehr alleine!« und aus meinem und deinem Geld unser Geld machen. Vielleicht denkst du dir jetzt, dass das ja alles schön klingt, aber total unrealistisch ist. Oder dass du, um dich auf so etwas einzulassen, erst mal durchtherapiert und erleuchtet werden musst. Genau das ist glücklicherweise nicht der Fall. Wir alle haben problematische Denkmuster und Umgangsweisen tief verinnerlicht. Eine Gemeinsame Ökonomie ist genau der Begegnungsraum, in dem wir sie verlernen und durch neue ersetzen können. Das »Experiment GemÖk« auszuprobieren und damit einen solchen Lernraum zu eröffnen, dazu laden wir dich im nächsten Teil ein. Erfahrungsbericht – Vom GemÖk-Dating bis zum Moneymoon J. von »Moneymoon« | 6 Personen | besteht seit 4 Monaten Unsere große Lovestory begann mit einer Workshop-Tour zum Thema GemÖk im Frühjahr 2024, an der wir alle, z.T. in unterschiedlichen Städten, teilnahmen. Zu dem Zeitpunkt kannten sich noch nicht einmal alle von uns, auch wenn wir bei der gleichen Klimagerechtigkeitsgruppe organisiert waren. Inspiriert vom Workshop folgten viele Gespräche mit anderen Teilnehmenden und Freund*innen: Ob wir uns eine GemÖk vorstellen könnten, wenn ja, wie und mit wem. Dann kannte die Eine die Andere und die wiederum den Nächsten mit ähnlichen Bedürfnissen, sodass sich nach wenigen Wochen unsere 5er-Gruppe im April zum ersten Kennenlernen traf. Es hat gefunkt! Ab dann haben wir uns wöchentlich sonntags zusammengeschaltet, ohne Zeitstress ganz viele W-Fragen besprochen und Ergebnisse und Absprachen im Moneyflux (flexibles Manifest) festgehalten. Im Juli war es dann soweit: Wir haben uns das feierliche GemÖk-Jawort gegeben, unser Hauptkonto eröffnet, Bargeld verteilt und alles final eingerichtet. Der »Moneymoon« konnte starten. Ach mist! Da war doch was. Vor dem Jawort hätte man sich vielleicht noch den Eltern vorstellen sollen. Die waren teilweise doch eher skeptisch. Upsi! Naja, wir haben das dann einfach nachgeholt. In einem Online-Elterntreffen konnten Skepsis und Unverständnis der Eltern gelindert und unser Wunsch, ihnen das Prinzip GemÖk näherzubringen, erfüllt werden. Nach Vorstellungsrunden der GemÖk-Mitglieder und ihrer Beweggründe, der Elternteile und einer kurzen Fragerunde am Ende waren auch die skeptischen Elternpaare überzeugt: Aus »Bedürfnisorientiert leben? Das ist Sozialismus und funktioniert nicht« wurde »Unsere Ehe ist also auch eine Mini-GemÖk!«, »Wohin kann ich euch denn mal Geld überweisen?« und »Das ist ja fast schon revolutionär in unserem kapitalistischen System«. Gerade nochmal gut gegangen. Nachdem die Hürde mit den Eltern genommen war, konnten wir uns endlich darauf konzentrieren, den Alltag unserer GemÖk zu organisieren. Der besteht weiterhin zu großen Teilen aus den wöchentlichen Online-Treffen zur »Kohlekommission«, bei der wir Freundschaftliches, Organisatorisches und Emotionales im Bezug auf die GemÖk und darüber hinaus besprechen. Dazu kommt die monatliche »Krötenwanderung«, also das Verschieben von Geld zwischen den Privatkonten und dem gemeinschaftlichen Hauptkonto (dem »Gönnto«). Mittlerweile haben wir uns nicht nur selbst in die neue Selbstverständlichkeit des Geldteilens eingelebt, sondern auch im direkten Umfeld Menschen inspiriert. Durch den Kontakt zum radikalen Entwurf der GemÖk reflektieren viele das eigene Verhältnis zu Geld und ändern ihr Handeln hin zu einem solidarischeren Umgang mit Geld. Hierzu abschließend drei unserer Lieblingsmomente: Der Mitbewohner mit dem neuen Job, welcher nun die Nebenkosten der Bürgigeld–Mitbewohnis mitträgt. Die Kleinanzeigen-Verkäuferin, die nach einem Gespräch über unsere GemÖk ganz begeistert war und den Staubsauger kostenlos weitergab (»bei euch ist das Geld besser aufgehoben«). Der Sportverein, in dem die Trainer*innen inspiriert von unserer GemÖk ihr Honorar jetzt bedarfsorientiert untereinander aufteilen. Mittlerweile haben wir uns nicht nur selbst in die neue Selbstverständlichkeit des Geld-Teilens eingelebt, sondern auch im direkten Umfeld Menschen inspiriert. Weiter zu Teil 2 „Praxis“ → 2. Praxis 2. Praxis Als Konzept mag die Gemeinsame Ökonomie eine nette Anregung sein. Die Grundidee der GemÖk ist allerdings, weg von rein theoretischen Überlegungen und hin zu einer alltäglichen Praxis neuer Selbstverständlichkeiten zu kommen. Darum wollen wir dich in diesem Teil bei der Gründung einer GemÖk begleiten. Vielleicht denkst du jetzt: »Schön und spannend, dass andere sich ihr Geld teilen, aber ICH könnte das niemals!«. Keine Sorge, so geht es ziemlich vielen am Anfang, doch die Erfahrung zeigt: Die meisten, die sich erst einmal darauf einlassen, wollen später nicht mehr zurück. Das soll natürlich nicht heißen, dass es immer einfach ist, in einer GemÖk zu sein. Um euch auch für schwierige Zeiten gut zu wappnen, gehen wir deshalb am Ende dieses Teils auch noch auf häufige Konfliktpunkte ein und warum wir finden, dass es sich trotzdem lohnt. 2.1 6 Monate GemÖk – Anleitung zum Starten Sich langfristig all sein Geld zu teilen ist schon ein recht großer Schritt. Um diesen zu vereinfachen, gibt es die Möglichkeit, mit einem zeitlich begrenzten Experiment von ein paar Monaten zu starten. Wir empfehlen einen Zeitraum von sechs , auf keinen Fall weniger als drei Monaten . Eine weitere Eingrenzung ist ratsam: Teilt euch in diesem Zeitraum euer Einkommen und lasst Angespartes und ·Eigentum· erst mal außen vor. Das macht den Einstieg deutlich leichter, denn das persönliche finanzielle Risiko ist sehr gering. Sollte der Versuch scheitern, musst du zwar wieder alleine wirtschaften, doch das ist ja im Moment auch der Fall. Also frei nach Rio Reiser: Ihr habt nichts zu verlieren außer eurer Angst! Willst du es wagen? Juhu! Dann geht es los! Reflexionsfragen für dich In welchen Situationen teilst du dir jetzt schon Geld mit Anderen? Was sind für dich drei gute Gründe für eine GemÖk? Was könnte idealerweise am Ende dieses Experiments stehen? 2.1.1 Eine Gruppe finden 2.1.1 Eine Gruppe finden Deine erste Aufgabe lautet: Finde Gleichgesinnte für das Abenteuer! Mit wem möchtest du dieses Experiment gerne machen? Mit Mama und Brudi, deiner WG und Freund*innen oder doch mit Fremden aus dem Internet? Wie nah möchtest du den Menschen schon vorher stehen? Vielleicht hast du schon ein diffuses Bauchgefühl, welche Personen in deinem Umfeld für dich in Frage kämen. Das kann ein guter Startpunkt sein, anderen Leuten von der Idee der GemÖk zu erzählen. Später werdet ihr als Gruppe konkrete Bedürfnisse besprechen und Rahmenbedingungen festlegen. Wichtige Voraussetzungen für den Start sind deshalb erst einmal eine gegenseitige Sympathie und die Bereitschaft aller, sich für die kommenden Monate mit den anderen Gruppenmitgliedern auseinanderzusetzen und gemeinsame Vereinbarungen einzuhalten. Mögliche Kontexte, in denen du Mitstreiter*innen finden kannst, sind z.B.: Dein Freund*innenkreis Deine WG Politische Gruppen und Netzwerke Arbeitskolleg*innen oder Kommiliton*innen Deine Familie Die GemÖk-Mitgliederbörse (Link auf der arrow_right_alt Website ) Eine wichtige Frage für die Gruppengründung ist außerdem: Mit wie vielen Leuten wollt ihr euch organisieren? Je mehr ihr seid, desto stabiler können eure Finanzen sein, aber desto mehr Meinungen, Sorgen und Wünsche müssen auch unter einen Hut gebracht werden, und desto mehr Geldströme gilt es zu koordinieren. Unsere Empfehlung: Startet mit 3 bis 7 Leuten. Reflexionsfragen zur Gruppenfindung Wie gut möchte ich die Menschen kennen, mit denen ich das Experiment starte? Wäre es gut, wenn wir uns ähneln, wo sind Unterschiede wertvoll? Wer kommt in Frage? Wie finde ich diese Menschen? Welche Gruppengröße fühlt sich stimmig an? Um deine zukünftigen Mitstreiter*innen für die Idee zu gewinnen, hilft vielleicht eine flammende Rede über die leuchtende Zukunft in einer Gemeinsamen Ökonomie. GemÖk für das gute Leben, GemÖk gegen Vereinzelung, GemÖk für eine simplere Geld-Orga, GemÖk für Gerechtigkeit, GemÖk gegen das System. Was davon könnte dein Gegenüber inspirieren? Bei welchem Thema springt der Funke über? Für mehr Infos und Ideen gib ihnen zum Beispiel dieses Handbuch oder verweise sie auf die Website. Ihr habt eine Crew? Perfekt, der erste Schritt ist geschafft, dann startet hiermit das Experiment. 2.1.2 Ein erstes Treffen Hinweis: Die folgenden Reflexionsfragen gibt es auch als separates Dokument digital oder zum Ausdrucken unter »Leitfaden zur GemÖk-Gründung« auf der arrow_right_alt Website . Alles beginnt mit einem ersten Treffen. Nehmt euch dafür mindestens drei Stunden Zeit, besser ein ganzes Wochenende. Manche GemÖks haben den folgenden Prozess über mehrere Monate gestreckt, um wirklich genug Zeit für alles zu haben. Es gibt nicht nur Organisatorisches zu klären, sondern auch wichtige soziale Fragen, mit denen ihr euch besser kennenlernen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen könnt. Überlegt euch, was ihr euch als Gruppe für diesen Prozess wünscht. Wollt ihr lieber schnell ins kalte Wasser springen oder euch sehr viel Zeit nehmen, um alles zu klären? Wollt ihr euch in Präsenz treffen oder lieber online? Soll das Treffen gut vorbereitet und strukturiert sein oder ergibt sich das schon, wenn man dann erst mal zusammensitzt? Kleiner Tipp für jeden Fall: Plant genug Snacks und Pausen ein . 2.1.3 Fragen – und Methodensammlung Im Folgenden findet ihr eine lange Liste an Fragen zur Reflexion und Organisierung, mit der ihr euch in der Gruppe beschäftigen könnt. Schaut euch gemeinsam die Fragen an und sucht euch einfach die raus, die für euch relevant sind. Wir empfehlen euch, die wichtigsten Absprachen mitzuschreiben. Soziales hat Vorrang Die GemÖk ist unserer Erfahrung nach vor allem eins: Eine Gruppenerfahrung. Deswegen stehen die »sozialen« Fragen am Anfang der GemÖk-Gründung. Achtet hier besonders darauf, dass alle die Gelegenheit bekommen, ihre Position darzustellen. Motivation Warum wollt ihr mitmachen? Wo steht ihr idealerweise am Ende des Experiments? Worauf freut ihr euch am meisten? Methoden-Idee 1: Der Heißluftballon Malt auf ein großes Blatt Papier einen Heißluftballon als Symbol für die Reise der nächsten 6 Monate. Die erste Frage, die ihr euch stellen könnt, ist »welche Bedenken habe ich?«. Alle Mitglieder können ihre Antworten in die Sandsäcke des Ballons schreiben. Sie stehen dafür, was einen runterzieht oder zurückhält. In den Antrieb, das Feuer, schreiben alle, was sie motiviert, die GemÖk zu gründen: »Warum brenne ich für dieses Projekt?«. Schreibt in den Ballon eure Wünsche und Vorstellungen bezüglich der Erfahrung in einer GemÖk zu sein. Schließlich schreibt ihr in die Wolken über dem Heißluftballon eure Träume: »Wie würde ich mich optimalerweise in 6 Monaten fühlen?«, »Was ist bis dahin alles Tolles passiert?«. Beim Träumen ist alles erlaubt, beschränkt euch also nicht auf das, was ihr für realistisch haltet. Methoden-Idee 2: Die Kerzenmethode Setzt euch in einem Kreis um 10 Kerzen und zündet die Hälfte davon an. Brennende Kerzen stehen für Positives (z. B. »Darauf freue ich mich«), ausgepustete für Negatives (z. B. »Ich habe Bedenken, weil…«). Nun ist der Raum offen für Redebeiträge. Wer sprechen möchte, zündet eine Kerze an oder pustet eine aus – je nachdem, ob Positives oder Negatives geteilt wird. Sind alle Kerzen an, darf nur noch etwas Negatives geteilt werden. Sind alle aus, nur noch etwas Positives. So entsteht ein Gleichgewicht und sowohl Freude als auch Sorgen finden ihren Platz in der Runde. Die Methode endet, wenn niemand mehr etwas sagen möchte oder nach einer vorher festgelegten Zeit. Wünsche an die Gruppe Was wünscht ihr euch von der Gruppe und den einzelnen Mitgliedern? Welches Verhältnis wünscht ihr euch von den Mitgliedern zur Gruppe? Was sind eure Ängste in Bezug auf die Gruppe? Was sollte auf gar keinen Fall passieren? Was wollt ihr neben Geld noch miteinander teilen? Biografie & Verhältnis zu Geld In welchem Verhältnis zu Geld seid ihr aufgewachsen? Was davon prägt euch noch heute? Wann habt ihr euer erstes eigenes Taschengeld bekommen? Wisst ihr noch, wie viel das war? Wofür habt ihr es ausgegeben? Wie wurde in euren Familien über Geld geredet? Habt ihr neben der Schule für Lohn gearbeitet? Wie war das? Welche Jobs/ Lohnarbeiten hattet ihr bisher? Wie war das? Was war eure größte Ausgabe/ Investition bisher? Warum habt ihr euch dafür entschieden? Was würdet ihr gerne an eurem Verhältnis zu Geld ändern? Wofür gebt ihr gerne Geld aus? Wofür gar nicht? Fällt es euch leicht, euch etwas zu gönnen? Und Anderen? Privilegien und Hierarchien Welche ·Privilegien· und Diskriminierungen prägen das Gruppengefüge? Welchen Umgang wünscht ihr euch jeweils damit? Welche Hierarchien gibt es schon jetzt in der Gruppe, welche befürchtet ihr? Wie wollt ihr euren Umgang miteinander organisieren, sodass möglichst alle Mitglieder gleichberechtigt wahrgenommen werden? Rote Linien Was sind für euch nicht verhandelbare Grenzen… im Umgang miteinander? im Umgang mit Geld? beim Konsum (z.B. keine Tierprodukte)? bei politischen Themen? Ist an dieser Stelle wirklich eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf, oder gibt es von den Anderen Vorschläge für einen gemeinsamen Umgang, mit dem ich leben könnte? Finanzen Wenn ihr euch über das Soziale ausgetauscht und besser kennengelernt habt, geht’s ans Konkrete: Eure finanziellen Verhältnisse. Beginnt am besten bei den alltäglichen Einnahmen und Ausgaben. Später könnt ihr auch über Vermögen und Erbe sprechen, wenn ihr wollt. Welches Geld wollt ihr teilen? (aktuelles Einkommen, Erspartes, Teile des Vermögens…) Welche Ausgaben wollt ihr teilen? (Alltagskosten, Schuldenrückzahlung, Versorgung von Mitmenschen, Spenden,…) Bei welchen Ausgaben (Höhe/Art) wünscht ihr euch Rücksprache mit der Gruppe, bevor Geld ausgegeben wird? Hängen noch weitere Menschen irgendwie an der GemÖk dran, z.B. Kinder, Beziehungspersonen etc.? Was bedeutet das für die Finanzen? Wie hoch sind eure voraussichtlichen individuellen Einnahmen und Ausgaben? Was braucht ihr als Gruppe mindestens? Wenn ihr wollt, legt einen Minimalbedarf pro Monat fest. Wann habt ihr wirklich mehr Geld, als ihr selbst benötigt? Wenn ihr wollt, legt einen Maximalbetrag fest, ab dem ihr Geld weiterverschenken wollt. Empfehlung: Teilt euer gesamtes aktuelles Einkommen und eure gesamten alltäglichen Ausgaben. Methode: Finanzüberblick Schreibt alle individuellen Einnahmen und Ausgaben, die ihr im nächsten halben Jahr (oder einem anderen Zeitraum) erwartet, auf. Dabei ist es hilfreich, zwischen regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben (Lohn, Miete, Lebensmittel) und einmaligen (Ferienjob, Urlaub, neue Schuhe) zu unterscheiden. Stellt dann den anderen eure Ergebnisse vor, um ein Gefühl für die finanzielle Situation und den Lebensstil der Anderen zu bekommen. Manchmal kommen in diesem Prozess Diskussionspunkte auf – nehmt euch Zeit, sie zu besprechen. Reflexionsfragen: Wie fühlt es sich an, die eigenen Einnahmen und Ausgaben transparent zu machen? Was macht es mit euch, das Einkommen der anderen zu sehen? Was macht es mit euch, zu sehen, wofür die anderen Geld ausgeben? Was ist für euch selbstverständlich, was für andere undenkbar ist? Und andersherum? Im nächsten Schritt könnt ihr die Zahlen direkt nutzen, um einen groben Überblick über eure Gesamtfinanzen zu bekommen: Addiert die erwarteten Gruppen-Einnahmen und -Ausgaben und schreibt das Ergebnis auf. Trennt dabei wieder die monatlichen und einmaligen Posten. Jetzt schaut euch die Ergebnisse gemeinsam an: Seid ihr im Plus? Wenn nicht, überlegt euch, wie ihr damit umgehen könntet (Ideen bei 3.1 Finanzierung der GemÖk ). Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt auch über Maximal- und Minimalbeträge reden. Reflexionsfragen: Wie fühlt es sich an, alle unsere Einnahmen und Ausgaben in einem Topf zu sehen? Was macht die Vorstellung mit mir, mehr/weniger Geld als andere einzubringen ? Fühle ich mich mit den finanziellen Aussichten der GemÖk sicher genug? Erfahrungsgemäß können bei den Fragen rund um Finanzen Spannungen auftreten, da Menschen von unterschiedlichen Standpunkten kommen. Wenn ihr das bemerkt, dann seid ihr genau richtig! Das ist der Punkt, an dem ihr ansetzen solltet. Sprecht die Spannung an, auch wenn der Prozess dadurch vermeintlich unterbrochen wird. Teilt dann miteinander, wie es euch gerade geht, welche Gefühle und Gedanken ihr dazu habt und ob ihr etwas von der Gruppe braucht, um mit dieser Spannung gut umzugehen. Buchhaltung und Geldschieberei Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt und euch sicher seid, dass ihr wirklich eine GemÖk gründen wollt, dann bleibt nur noch die Frage zu klären, wie das Geld denn nun geteilt wird. Von einer Truhe mit Bargeld bis zum gemeinsamen Verein mit Vereinskonto gibt es viele Möglichkeiten und ihr könnt individuell herausfinden, was es in eurem Fall braucht. Generell ist es bei neuen GemÖks empfehlenswert, nicht zu viel Neues zu erschaffen und bürokratische Monster zu bauen. Lieber einfach mit dem anfangen, was leicht zugänglich ist und dafür mehr Zeit haben, das Gefühl von »das ist alles unser Geld« zu nähren. Geld-Logistik Wie wollt ihr das Geldteilen logistisch organisieren? (Ideen dazu bei 3.2 Konten und Co. ) Wollt ihr eine Buchhaltung führen? Wenn ja, wie detailreich? Und wo? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen bei eurer Geld-Logistik berücksichtigt werden (Steuern, Sozialleistungen, Erbschaften, Pfändungen etc.)? (Mehr dazu bei 3.5 Rechtliches ) Rahmen des Experiments Macht euch einen Plan für den Verlauf des Experiments. Wie lange wollt ihr euer Geld teilen? Wann wollt ihr anfangen? Wie oft wollt ihr euch wo und in welchem Rahmen treffen? Was passiert bei den Treffen und wer bereitet sie vor? Gibt es bestimmte Punkte, die bei jedem Treffen besprochen werden sollen? Was passiert am Ende des Experiments? Was macht ihr, wenn eine Person das Experiment vorzeitig verlassen will? (Mehr dazu bei 3.4 Ausstieg und Ausstiegsvereinbarungen ) Kommunikation und Technologie Über welchen Kanal wollt ihr in Kontakt bleiben? Was wird wo besprochen? Wollt ihr eure Treffen und Vereinbarungen protokollieren? Wie wollt ihr eure Daten schützen?Einfach loslegen! Wenn das Gröbste geklärt ist, seid ihr bereit zum Loslegen. Auch wenn noch nicht alle Details klar sind: Ein Gefühl für alles entwickelt sich am besten in der Praxis, also let’s go GemÖk! 2.2 Trouble in Paradise – Konflikte, Krisen, Aushandlungen Im besten Fall ist die GemÖk unsere Absicherung gegen Krisen des Lebens und der Welt. Sicherheit heißt aber nicht Stillstand. In einer GemÖk zu sein bedeutet, sich immer wieder neu auf Aushandlungen und Konflikte einzulassen. Denn gerade das Thema Geld kann ein Auslöser für Streit sein. Dabei fühlen sich vermeintliche »Kleinigkeiten« schnell groß an, weil sich dahinter riesige Themen wie Privilegien und Diskriminierungen, Ängste und Bedürfnisse oder schon lange verinnerlichte Glaubenssätze und Verhaltensmuster verstecken. Und auch bei anderen Konflikten in der Gruppe liegen die Wurzeln oft in Kommunikationsproblemen oder im sozialen Gefüge. Auf einige dieser Grundkonflikte möchten wir im Folgenden eingehen. 2.2.1 Privilegien und die Beziehung zu Geld Trotz möglicher Schamgefühle ist es wichtig, über Privilegien zu reden, denn sie haben Einfluss auf das individuelle Sein in der GemÖk. Der Begriff der Privilegien beschreibt dabei für Einzelne oder eine Gruppe geltende, besondere Rechte und Zugänglichkeiten, von denen andere ausgeschlossen bleiben. In einer GemÖk sind das zunächst klar benennbare Unterschiede, wie z.B. das individuelle Vermögen und Einkommen, mit dem wir in die GemÖk starten. Andere Privilegien können wesentlich schwerer sichtbar sein. Zum Beispiel sind Menschen davon geprägt, aus welcher gesellschaftlichen Klasse sie kommen, und ob sie Erfahrungen mit Armut haben. Unsere bisherigen Lebenserfahrungen und die eigene finanzielle Situation prägen unsere Beziehung zu Geld, unsere Gewohnheiten, Wünsche und Bedürfnisse. Menschen, die wissen, dass sie erben werden, können sich entspannter auf den Versuch GemÖk einlassen als jene, die sich Sorgen um ihre Altersvorsorge machen. Auch wie viel Zeit Menschen in die GemÖk stecken können, hängt von Privilegien ab. Unausgesprochen können sie zu Differenzen in der Gruppe führen. Dabei reicht die Spanne an möglichen Vorwürfen von »Wieso bringst du dich nicht mehr ein?« hin zu »Lass’ mir mehr Zeit, das ist für mich eine große Entscheidung!«. Auch an unterschiedlichen Konsumgewohnheiten können sich Konflikte rund um Privilegien auftun. Eine Person sagt z.B. »am Bio-Gemüse würde ich niemals sparen«, während eine andere noch nie Geld hatte, sich überhaupt solches Gemüse zu kaufen. Ihr könnt euch als GemÖk das explizite Ziel setzen, Privilegien miteinander – und auch mit Anderen außerhalb der GemÖk – zu teilen und abzubauen. An die Grenzen dieses Wunsches zu kommen, ist dabei so frustrierend wie unausweichlich, solange wir in einer ungerechten Welt leben. 2.2.2 Hierarchien und Ausschluss-Dynamiken Wie in allen Gruppen können sich auch in GemÖks soziale Hierarchien etablieren. Menschen, die z. B. weniger finanziell beitragen oder neu in der Gruppe sind, nehmen oft eine unsichere, zurückhaltende Position ein. Andere, die länger dabei sind oder enge Verbindungen zu vielen Mitgliedern haben, wirken sicherer und einflussreicher. Wer wie viel Raum bekommt, wem zugehört wird und wer sich eher zurücknimmt, sind wichtige Hinweise auf das Machtgefüge. Auch Ausschluss-Dynamiken können auftreten – etwa wenn bestimmte Menschen besser miteinander auskommen. In einer GemÖk müssen nicht alle beste Freund*innen sein, doch die Bedürfnisse Aller sollten ernst genommen werden. Problematisch wird es, wenn sich eine Person dauerhaft als Außenseiter*in fühlt oder ständig im Widerspruch zur Gruppenstimmung steht. Diese Strukturen zu erkennen und offen anzusprechen ist essenziell, um Veränderung möglich zu machen. Sprecht darüber, wie ihr gemeinsam Räume für Verbindung schaffen könnt: In welchen Situationen fühlt sich wer als Teil der Gruppe? Wo entstehen Nähe und Zugehörigkeit – beim Kochen, im Plenum oder beim Spieleabend? Ein achtsamer Umgang miteinander kann helfen, solche Dynamiken rechtzeitig zu erkennen. Die Verantwortung für ein gleichwertiges Miteinander liegt dabei bei allen Beteiligten. 2.2.3 (Gefühlter) Mangel Wenn es um Geld geht, sind Entscheidungen nicht immer rational. Ob Mitglieder in einer Gruppe entspannt mit ihrer finanziellen Situation sind, sich bspw. gegenseitig Ausgaben gönnen, hängt viel mit der Grundstimmung zusammen. Liegt ein Mangelgefühl in der Luft, kann das schnell zu Konkurrenzdenken und -verhalten führen. Sprecht in solchen Momenten über eure Sorgen und Gefühle. Je nach Situation kann es wertvoll sein, die Ursachen der Emotionen zu ergründen (bspw. Vorerfahrungen mit Mangel). Organisatorische Entscheidungen und Diskussionen sollten dann erst mal warten. 2.2.4 Kontrolle und Verheimlichen von Ausgaben Nah beieinander sein ist schön. Manchmal fühlen sich Menschen dadurch aber eingeengt. In Alltagsentscheidungen gibt es dann plötzlich »die GemÖk« im Hinterkopf, die jede Bewegung kontrolliert und beurteilt. Für jeden ausgegebenen Euro musst du eine Rechtfertigung parat haben, jede Entscheidung rational begründen. Das ist auf Dauer kein gutes Gefühl. Besonders zu Beginn einer GemÖk ist es total normal, sich so zu fühlen, schließlich ist das Ganze eine große Umstellung. Für Menschen ist es teilweise einer sehr persönliche Entscheidung, wofür sie ihr Geld ausgeben. Diese mit anderen zu teilen, ist gruselig. Dieses Unbehagen kann dazu führen, dass Mitglieder (Kauf-)Entscheidungen vor der GemÖk verheimlichen. Gründe dafür können sein, dass die Person sich schämt, nicht verurteilt werden will oder nicht in die Aushandlung gehen möchte. Vielleicht liegt es daran, dass ihre (Kauf-)Entscheidung eigentlich nicht zu den Werten der GemÖk passt und es Sorge vor einer Grundsatzdiskussion gibt. In solchen Situationen kann es helfen, sich einzelnen Mitgliedern der GemÖk anzuvertrauen, damit nicht »DIE GEMÖK« als krasse Übermacht und Projektionsfläche wahrgenommen wird. Dabei muss die GemÖk natürlich nicht alles wissen. Man kann sich auf Grundpfeiler einigen, wie das gemeinsame Geld ausgegeben werden soll. Doch die GemÖk wird immer aus Individuen mit unterschiedlichen Meinungen und Konsumverhalten bestehen. Entscheidet zusammen, wie detailliert ihr individuelle Ausgaben dokumentieren wollt, und wo gegenseitiges Vertrauen vor absoluter Transparenz stehen kann. Wollt ihr einen Topf für »nicht erklärte« Ausgaben einführen? Wie bei allen anderen Konflikten gilt auch hier: Wenn das Gefühl von Enge anhält, ist es ratsam, einen ehrlichen Austausch zu machen. In welchen Situationen fühlt ihr euch durch die GemÖk kontrolliert oder eingeschränkt? Auf der anderen Seite lohnt es sich genauso, die Frage zu stellen »Wann habe ich den Impuls, Andere kontrollieren zu müssen?«. Denn auch ständig zu überwachen oder darüber verfügen zu wollen, was andere mit dem Geld machen, kann auf Dauer zu schwer aushaltbaren Dynamiken führen. Anstatt Energie in die Überprüfung jeder Ausgabe der Anderen zu stecken, ist es ratsam, sich darin zu üben, Vertrauen aufzubauen und im Zweifel auch Widersprüche auszuhalten. 2.2.5 Nahe Beziehungen in der Gruppe GemÖk-Mitglieder haben unterschiedlich nahe Beziehungen zueinander. Sie können beispielsweise als Mitbewohner*innen zusammenleben oder in einer romantischen Beziehung sein. Besonders nahe Konstellationen haben aus zwei Gründen einen Einfluss auf die Gruppendynamik: Erstens nehmen Menschen in solchen Beziehungen immer eine Doppelrolle ein, zum Beispiel als Mitbewohner*in und GemÖk-Mitglied. Dies kann zu Interessenskonflikten führen. Ein Beispiel: Als Mitbewohner*in unterstütze ich die Idee einer Popcorn-Maschine, weil ich ein schönes Heimkino will. Als GemÖk-Mitglied finde ich die Ausgabe ehrlich gesagt eher unnötig. Zweitens haben Konflikte zwischen einzelnen Personen immer auch Auswirkungen auf die ganze Gruppe. Das kann stressig sein, manchmal ist es aber auch ein großer Segen, wenn die Gemeinschaft einen Konflikt zwischen einzelnen mitträgt. So kann ein Raum (für Abstand oder Begegnung) entstehen, innerhalb dessen sich die Dinge bewegen können. Auch wenn es sehr ungewohnt ist, lohnt es sich, als Gruppe über mögliche Szenarien, wie eine Trennung innerhalb der GemÖk oder langfristige Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedern zu reden. Wie wollen wir damit umgehen, wenn sich Beziehungen in der Gruppe ändern? Was wünschen sich die Beteiligten? 2.2.6 Verbindlichkeit und Verantwortung Die Bereitschaft zur Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit gegenüber der GemÖk kann unterschiedlich stark sein, das ist normal. Zu Konflikten führt das meistens dann, wenn es sich auf das grundlegende Verantwortungsgefühl der Mitglieder für die Gruppe überträgt. Zum Beispiel, wenn eine Person selten zu den gemeinsamen Calls kommt oder die Buchhaltungs-Tabelle nicht zuverlässig ausfüllt, weil es ihr zu viel ist. So kommt das grundlegende Sorgen und Kümmern um die Gruppe auf Dauer zu kurz. Eine GemÖk funktioniert letztendlich wie jede langfristige Beziehung: Wir wollen uns von den anderen angenommen fühlen, auch mit unseren Fails, Macken und Lebenskrisen. Gleichzeitig sollten wir uns aufeinander verlassen können, nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch organisatorisch und finanziell. Hier geht es dann oft um die Priorisierung füreinander als langfristige Bezugsgruppe. Wenn bei einzelnen in der Gruppe diese Priorität nicht mehr klar vorhanden ist, kommt es schnell zu einer Dynamik von »Wenn du dir nicht die Zeit dafür nimmst, warum sollte ich es tun?« und zu einem Gefühl von »Wenn dir das nicht wichtig ist, bin ich dir nicht wichtig, warum sollte ich weiter in die Beziehung investieren?«. Sprecht über euren Frust und eure Erwartungen an die anderen, um einen Teufelskreis von Enttäuschung und ungleicher Verantwortungsübernahme zu verhindern. 2.2.7 Kommunikation Es ist unmöglich, jeden denkbaren Konflikt im Vorhinein zu besprechen und damit jedes Konfliktrisiko auszuschließen. Dieser Versuch würde spätestens daran scheitern, dass Menschen in Stress-Situationen häufig ganz anders reagieren, als sie selbst erwartet hätten. Also: Sich nach Bedürfnissen und Fähigkeiten zu begegnen bedeutet immer auch, bereit für die Aushandlungen zu sein, die gerade anstehen. Ob diese Aushandlungen und Konflikte uns (zusammen-)wachsen lassen oder uns auseinander treiben, hängt vor allem von einem ab: unserer Kommunikation. Wenn wir auch bei unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen eine solidarische, wohlwollende und wertschätzende Haltung zueinander behalten und aus dieser heraus kommunizieren, wächst das Vertrauen ineinander. So schaffen wir eine Atmosphäre, in der alle sein dürfen, wie sie sind. Ein Raum, in dem alle sich zeigen können und gesehen werden. So eine Kommunikationsfähigkeit zu entwickeln ist nicht trivial und will geübt werden. Es gibt sehr viele Konzepte und Ratgeber zur Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen und auch zu Entscheidungsprozessen in Gruppen. Hier haben wir einige Standard-Methoden zur Kommunikation in der Gruppe gesammelt. Standard-Methoden zur Kommunikation in der Gruppe Runde Jede Person ist der Reihe nach ein mal dran mit reden. Achtet darauf, dass niemand u nterbrochen wird und alle genug Zeit zum Sprechen haben. Es ist auch möglich, sich vorher auf eine Redezeit, z.B. 5 min pro Person zu einigen. Rückfragen können am Ende des Beitrags gestellt werden, wenn die Person dem zustimmt. Konsens / Konsent-Entscheidungen Statt Mehrheitsentscheiden, bei denen die Einen die Anderen überstimmen, sollten Fragestellungen offen diskutiert, Widerstände gesehen und kreative Lösungen gesucht werden, mit denen alle mitgehen können. Findet sich zu einer Fragestellung kein Konsens (= alle finden den Vorschlag gut), kann auf eine Einigung im Konsent (= niemand hat Widerstände gegen den Vorschlag) zurückgegriffen werden. Mehr Infos zu Konsensentscheidungen gibt es auf der arrow_right_alt Website . Selbstmoderierte Redeliste Wer bei Besprechungen oder Diskussionen etwas sagen will, hebt die Hand, um die Person, die aktuell spricht nicht zu unterbrechen. Möchten mehrere Personen etwas sagen, werden die Meldungen der Reihe nach abgearbeitet. Um den Überblick nicht zu verlieren, zeigen alle mit ihren Fingern ihre Position auf der Redeliste an. Wenn ich mich also als Erstes melde, zeige ich eine 1, wenn ich mich als Zweites melde eine 2, usw. Wenn dann die aktuelle Redner*in fertig und damit die nächste Person dran ist, nehmen alle einen Finger weg – aus der 3 wird eine 2, aus der 2 wird eine 1. Weitere Handzeichen Es gibt noch viele andere Handzeichen, die eine gleichberechtigte Verständigung in Gruppen vereinfachen. Hier ein paar gängige Konventionen: Mit beiden Zeigefingern melden: Direkte Antwort Mit beiden Händen oben wedeln: Zustimmung Mit beiden Händen unten wedeln: Ablehnung Ein T mit beiden Händen formen: Technischer Punkt Ein P mit beiden Händen formen: Prozessvorschlag Ein L mit einer Hand formen: Language – Ich verstehe die Sprache/dieses Wort nicht Das ist nur eine kleine Übersicht, detaillierte Infos zu Handzeichen gibt es unter Handzeichen . Gewaltfreie Kommunikation (GFK) Gewaltfreie Kommunikation hilft, klar und respektvoll miteinander zu sprechen – auch in schwierigen Situationen. Sie besteht aus vier Schritten: Beobachtung –Was ist tatsächlich passiert, ohne zu bewerten? Gefühl – Was löst es in mir aus? Bedürfnis – Welches Bedürfnis steckt dahinter? Bitte – Welche konkrete, umsetzbare Bitte habe ich? Statt Vorwürfe zu machen (»Du hörst nie zu!«), könnte man sagen: »Wenn du mich unterbrichst (Beobachtung), bin ich frustriert (Gefühl), weil mir wichtig ist, gehört zu werden (Bedürfnis). Kannst du mich erst ausreden lassen? (Bitte).« Diese vier Schritte bilden das Fundament der GFK – darüber hinaus gibt es noch viel mehr zu entdecken, etwa in Büchern, auf Websites oder in Kursen. Social Sauna Diese Konfliktbearbeitungsmethode für Gruppen bietet einen emotionalen Austauschraum und läuft in folgenden Schritten ab: Rahmen festsetzen (Zeitraum, Telefone ausschalten, Getränke, etc.) Minute der Stille »Was beschäftigt dich zurzeit?«-Runde (im Uhrzeigersinn) Themensammlung Soziales Saunieren Check-Out-Runde (gegen den Uhrzeigersinn) Bei der Themensammlung schreiben alle emotionale Themen auf mehrere Zettel auf und platzieren diese verdeckt auf einer Skala von wichtig bis nicht so wichtig (z.B. auf dem Boden). Anschließend werden alle Zettel umgedreht und ggf. zusammengefasst, falls sich zwei Zettel sehr ähneln. Beginnend bei dem wichtigsten Zettel erläutert die jeweilige Person ihr Anliegen und nennt eine gewünschte Methode, ob und in welcher Form darüber weiter geredet werden soll (z.B. Runde, Antwort von einer bestimmten Person, keine Reaktionen). Es besteht die Möglichkeit auch zwei andere Personen zu bitten, über einen Konflikt miteinander vor der Gruppe zu reden. So wird ein Thema nach dem anderen besprochen, bis keine Themen mehr übrig sind oder die Zeit rum ist, um abschließend mit einer Wertschätzungsrunde oder Checkout-Runde zu enden. 2.2.8 Fazit: …und es lohnt sich deswegen Das klingt alles nach ziemlich vielen Schwierigkeiten, die ihr euch da ins Leben holt? Bestimmt hat jede GemÖk auf die eine oder andere Art all die beschriebenen Konfliktlinien schon erlebt und gibt sich trotzdem – oder gerade deswegen – weiter Sicherheit. Diese entsteht nämlich, indem wir über Privilegien reden, Hierarchien aufdecken, Zeiten von Mangel durchstehen, uns öffnen und Geheimnisse teilen, wir uns unwohl fühlen können, Unterschiede anerkannt werden und Beziehungen sich ändern dürfen, wir mal richtig gut kommunizieren und auch mal daneben hauen, Menschen weggehen und ihre Spuren hinterlassen, wir uns trauen anzusprechen, was uns stört und Konflikten nicht ausweichen. Wie gesagt, Sicherheit ist kein Stillstand. Für eine GemÖk bedeutet sie nicht, dass keine Krisen kommen, sondern dass sich die Gruppe in den Krisen immer wieder füreinander entscheidet. Wir finden, allein für diese Erfahrung lohnt sich die Sache mit der GemÖk schon Erfahrungsbericht – Sprung ins kalte Wasser buerokratiehaeckse | besteht seit 3-4 Jahren | 3 Personen Die meisten GemÖks, die ich kenne, haben, bevor sie losgelegt haben, sehr viel darüber geredet. Über detaillierte Absprachen. Über Bedürfnisse. Erscheint ja auch sinnvoll, ist schließlich eine große Sache. Meine Erfahrungen sind aber völlig andere. Ich möchte hier einen alternativen Ansatz schildern, der ja vielleicht auch für andere Menschen taugt. Wir haben, bevor wir unsere GemÖk ins Leben gerufen haben, kaum darüber geredet. Die Situation war eher folgende (etwas verkürzt geschildert): Wir haben zusammen gewohnt und haben gemerkt, dass in unserer Konstellation eine GemÖk eigentlich Sinn ergibt. Dann haben wir ohne viel vorher über detaillierte Absprachen zu reden, unser Bargeld und unsere Bankkarten samt PINs in eine Kiste geworfen und einfach damit angefangen. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Irgendwann haben wir dann festgestellt, dass es Bedürfnisse gibt, für die es Vereinbarungen braucht. Zum Beispiel ab welcher Höhe man Ausgaben miteinander abspricht. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit für den Fall eines Scheitern der GemÖk gibt. Dann haben wir uns gemeinsam darauf geeinigt, dass wir persönliche Rücklagen-Töpfe haben, wo monatlich übriges Geld reinkommt. Wir haben festgestellt, dass ein gemeinsames Bankkonto gut wäre, also haben wir einen Verein gegründet. Und irgendwann war bei einer Person das Bedürfnis nach der Möglichkeit da, teurere Dinge zu kaufen ohne das der GemÖk unbedingt transparent machen zu müssen. Dann haben wir einen Geldtopf für solche »anonymen« Ausgaben ins Leben gerufen. Das Spannende daran war: Diese Absprachen sind alle entstanden, während wir schon als GemÖk gelebt haben. Wir haben also quasi nicht vorher ein Konzept entworfen, sondern das Konzept in Nutzung entwickelt. Das war natürlich nicht immer einfach. Aber tatsächlich bereue ich das im Nachhinein nicht und finde diesen Weg eigentlich sinnvoll. Was genau ist denn der Vorteil davon? Naja, vor allem, dass man in der Theorie nicht erraten kann, wie etwas in der Praxis tatsächlich sein wird. Gerade wenn man bisher keine GemÖk-Erfahrung hat, ist es im Grunde Spekulation, wie man sich damit fühlt und wie Bedürfnisse tatsächlich sind. Deshalb geht Vorab-Kommunikation oft sehr an den Realitäten des Lebens als GemÖk vorbei. Es kann also sinnvoll sein, über bestimmte Dinge erst dann zu reden, wenn sie aufkommen. Mit einer gemeinsamen Ökonomie zu beginnen, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser, egal wie viel man vorher bespricht. Und ein Sprung ins kalte Wasser wird nicht einfacher dadurch, dass man vorher viel darüber redet. Im Gegenteil: Oft führt das dazu, dass man es dann lieber sein lässt. Deshalb möchte ich euch ermutigen: Denkt doch nicht zu viel drüber nach, macht die Augen zu und springt einfach. Denn es hat das Potential wunderbar zu werden! Erfahrungsbericht – Lachen in der GemÖk M. von »obl‘obl« (Organisation für befreites Leben ond bedürfnisorientierten Lifestyle) | 7 Menschen | 4 Jahre alt Herbst 2024, ein Projekthaus, mit Rucksäcken bepackte Menschen trudeln ein, ein weiteres obl‘obl- GemÖk-Treffen beginnt. Umarmungen und Wiedersehensfreude werden ausgetauscht, Anreisegeschichten geteilt, es wird gelacht und ein altbekanntes, wohliges Gefühl der Vertrautheit macht sich breit. Bei Geld hört die Freundschaft auf! So heißt es in einem alten Sprichwort. Und wo die Freundschaft aufhört, da hört auch der Spaß auf, oder? Dass Geld und Spaß in einer kapitalistischen Gesellschaft kein naheliegendes Assoziationspaar ergeben, ist nicht verwunderlich. Dass das auch ganz anders laufen kann merken wir mit obl’obl immer wieder. Mittlerweile teilen wir seit fast vier Jahren unsere Ressourcen, sowohl finanziell als auch in Form von Wissen und Fähigkeiten. Wir begegnen uns mit unseren Ängsten, Wünschen, Träumen und auch unseren Macken und Eigenheiten. Und so ist über die Jahre eine ganz besondere Atmosphäre des Vertrauens entstanden, die auf emotionale Nähe, Unterstützung und auch geteilte Freude baut. Bei obl’obl hat mit dem Geld die Freundschaft erst so richtig angefangen. Unsere GemÖk hat sich mit der Zeit immer mehr zu einem Hafen entwickelt, in dem wir mit all unseren Emotionen anlegen können. Und die eine Emotion, die wirklich jedes unserer Treffen prägt, ist Freude – ausgedrückt im gemeinsamen Lachen. Wir lachen über unsere Eigenarten und Angewohnheiten, die wir über die Jahre so gut kennengelernt haben. Wir lachen, weil wir uns miteinander freuen und wir lachen, wenn es mal nicht so läuft wie gedacht. Wir lassen aus Versehen große Summen Bargeld im Zug liegen – und lachen. Den Verlust vermerken wir als »Spende an Unbekannt« im Buchhaltungssystem. Wir fahren städtische Mülleimer an und müssen ihn kostspielig ersetzen – und lachen, ab jetzt wird alles in Mülleimer verrechnet (»ich hab in dem Urlaub nur einen halben Mülleimer ausgegeben!«). Wir gestehen uns, dass wir das im Januar gekaufte Fitness-Abo doch nie genutzt haben, wir gehen für hundert Euro im Bastelladen shoppen, weil alles dort so schön ist, wir kaufen Groschenromane am Bahnhof – und wir lachen. Wir machen all diese Erfahrungen gemeinsam; die schönen, die ärgerlichen, die unnötigen, die herausfordernden – und lachen, mal aus Freude, mal aus Verzweiflung, mal ohne Grund. Und das verbindet. Dass wir »ja so viel lachen würden« ist eine der häufigsten Rückmeldungen, die wir von Menschen bekommen, an deren Wohnorten wir unsere Treffen machen. Meistens erstaunt unsere Gelassenheit die Gastgebenden, denn es geht schließlich um Geld. Und ja, Geld teilen bedeutet vieles; viel Organisation, viel Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Ängsten, Unsicherheiten und denen der Anderen. Und für uns bedeutet es vor allem auch viel zu lachen. Miteinander, mit dem Leben, über das Leben, über uns. Weiter zu Teil 3 „Infos zum Nachschlagen“ → 2.1.4 6 Monate geteiltes Geld – und jetzt? Ihr habt es geschafft! Ihr habt 6 Monate lang euer Geld geteilt! Nehmt euch Zeit für ein Treffen, um euch zu feiern, euch über die Zeit auszutauschen und dann nach vorne zu schauen. Wie soll es weitergehen? Impulse für ein Reflexionstreffen Ganz offen: Wie erging es euch während des Experiments? Was lief gut, was lief schlecht? Was hat euch überrascht? Wie hat sich euer Verhältnis zu Geld verändert? Wie hat sich eure Beziehung zueinander verändert? Blickt zurück auf eure Gründungsphase. Vielleicht gibt es Notizen zu den Reflexionsfragen, die ihr euch nochmal anschauen könnt. Was hat sich seitdem bewegt? Was hat sich so entwickelt, wie ihr es erwartet habt, was kam ganz anders? Gab es unbegründete Sorgen und Regeln? Oder anfängliche Naivität? Traut euch, ehrlich miteinander zu sein und Feedback zu geben. Methoden-Idee: 5-Finger-Feedback Die 5-Finger-Methode ist eine Hilfestellung zum Reflektieren und Feedback geben. Nehmt euch zunächst ein bisschen Zeit, um über die Punkte alleine nachzudenken. Teilt dann mit der Gruppe, was ihr für euch herausgefunden habt. Daumen: Das finde ich super. Zeigefinger: Darauf möchte ich hinweisen Mittelfinger: Das stinkt mir/finde ich richtig doof. Ringfinger: Das nehme ich mit – Wertschätzung Kleiner Finger: Das kam mir zu kurz. Und jetzt? Folgende Möglichkeiten könnten in Frage kommen Ihr verlängert das Experiment für einen bestimmten Zeitraum. Ihr wollt auf unbestimmte Zeit als GemÖk zusammenbleiben. Die Konstellation der GemÖk ändert sich – Es kommen neue Leute hinzu und/oder einzelne Mitglieder verlassen die Gruppe. Das Experiment geht zu Ende und ihr wirtschaftet erst einmal wieder allein. 3. Infos zum Nachschlagen 3. Infos zum Nachschlagen In diesem Teil gehen wir genauer auf einzelne Aspekte und häufige Fragen im Bezug auf GemÖks ein. Manches davon, wie die Frage nach der Konto-Organisation, wird für die meisten relevant sein. Anderes ist sehr spezifisch und nur in bestimmten Situationen wichtig. Dieser Teil ist also als Nachschlagewerk zu verstehen – nehmt euch hier was ihr braucht und spart euch den Rest für den Tag, an dem ihr die Infos wirklich benötigt. 3.1 Finanzierung der GemÖk Finanzierungskonzepte von Gemeinsamen Ökonomien sind sehr unterschiedlich. Bei manchen gehen alle Mitglieder einer ·Lohnarbeit· nach, andere beziehen Sozialleistungen und wieder andere versuchen mit möglichst wenig Geld zu leben. In jedem Fall kann die GemÖk ein Ort sein, um mit Formen der Finanzierung zu experimentieren und gemeinsam Lösungen zu finden, die möglichst gut zu den Bedürfnissen der Mitglieder passen. 3.1.1 Lohnarbeit Auch mit einer GemÖk im Rücken kann es notwendig sein, einer Lohnarbeit nachzugehen. Der große Vorteil ist allerdings, dass sich eine spielerische Leichtigkeit im Umgang damit einstellen kann. Denn wer gemeinsam kreativ überlegt, welche Möglichkeiten es zum Füllen der Finanzierungslücke gibt, kommt mit Sicherheit auf schöne und lustige Ideen. Wie wäre es mit einer Runde Straßenmusik mit der GemÖk? Oder mit einem Ferienjob, den alle gemeinsam machen? Vielleicht gibt es auch diese eine Fabrik, die ihr sowieso mal von innen sehen wolltet, um die nächste Aktion zu planen? Eine GemÖk gibt euch mehr Freiheit bei der Wahl der Arbeit. Weil ihr Einkommensausfälle gemeinsam tragt, könnt ihr mithilfe der GemÖk ausbeuterischen Jobs mit blödem Chef und schlechten Arbeitsbedingungen leichter eine Absage erteilen. Mit gestärktem Rücken kannst du deine Arbeitszeit verkürzen oder eine Lohnarbeit finden, die dich erfüllt statt ausbeutet. Was ist dein Traum, was willst du beitragen in der Welt? Lässt sich damit Geld verdienen? Vielleicht bist du auch glücklich damit, mit deinem Normalo-Job einen wichtigen Beitrag zur GemÖk zu leisten, damit die anderen ohne Geldsorgen die Welt verändern können? Vielleicht gibt es für das, was du beitragen kannst und möchtest gar kein Geld? Dann sind Sozialleistungen vielleicht eine gute (Übergangs-)Lösung. 3.1.2 Sozialleistungen Engagement »für alle« sowie ·Sorgearbeit· werden in der Wirtschaft kaum entlohnt, während Management-Jobs in der IT-, Hightech- und Finanzbranche die meiste Kohle abwerfen. Wer mit seiner Arbeit möglichst konsequent seinem Gewissen folgen will, dem droht deshalb oft ein persönlicher Geldmangel. Eine Möglichkeit ist deswegen die Perspektive »Sozialleistungen sind da, um genutzt zu werden!«. Sozusagen im Sinne eines »Staatlichen Grundeinkommens« für gesellschaftliches Engagement. Einige Möglichkeiten, die finanzielle Lage der GemÖk durch Sozialleistungen aufzupeppen sind: BaföG, Arbeitslosengeld, Bürgergeld, Wohngeld, Kindergeld. Zur rechtlichen Lage bei Sozialleistungen in Verbindung mit GemÖk findest du mehr bei 3.9 GemÖk und Sozialleistungen . 3.1.3 Fördergelder Je nachdem, welcher Tätigkeit und welchen Projekten du nachgehst, könnten auch Fördergelder für dich in Frage kommen. Viele Stiftungen sowie staatliche Stellen fördern bspw. politische Projekte. Dabei ist es oft auch möglich, projektbezogene Honorare auszuzahlen. Für Studierende kommt möglicherweise auch ein Stipendium in Frage. 3.1.4 Geldfreier leben Die GemÖk stellt auch einen Gegenentwurf zu einer Lebensweise dar, in der wir unsere Bedürfnisse vor allem durch Kaufen erfüllen. Ein wichtiger Aspekt kann also darin liegen, gemeinsam Wege zu finden, um weniger abhängig von Geld zu sein. Suffizient leben – Was brauchst du wirklich? Mal ehrlich: Brauchst du alles, was du kaufst? Bestimmt fällt dir die eine oder andere Sache ein, für die du eigentlich unnötig Geld bezahlst, z.B. weil du versuchst, mit materiellem ·Besitz· ein Gefühl von Zufriedenheit oder Zugehörigkeit zu erfüllen. In vielen Lebensbereichen haben wir uns auf eine kostenaufwendige Bedürfnisbefriedigung eingestellt, weil unser Umfeld sie als ·Norm· vorgibt. Fährst du zum Beispiel mit dem eigenen Auto zur Arbeit, nur um dort genug Geld zu verdienen, um das Auto abzubezahlen? Stell dir vor, du verabschiedest dich von dem Anspruch, dieser Norm zu entsprechen. Trampen, Bahnfahren oder ein Fahrrad sind günstiger und oft stressfreier. Finde heraus, was du wirklich für ein gutes Leben brauchst. Wenn sich z.B. rausstellt, dass es mehr arbeitsfreie Zeit ist, um dich für sinnvolle Projekte engagieren zu können, dann unternimm Schritte in die gewünschte Richtung. Teilen statt kaufen Dinge wie ein Auto oder einen Akkuschrauber kannst du mit anderen teilen und pflegen, anstatt dass sich jede Person in deinem Umkreis ein privates Exemplar kaufen muss. Das ist nicht nur ressourcenschonend und effizient; wenn alle alles teilen, ist für alle auch mehr da. Gemeinsam statt einsam – Solidarisch organisieren In Kooperation mit anderen kannst du viel besser deine eigenen Finanzbedarfe reduzieren. Ein Beispiel dafür sind ·Commons· wie z.B. ein Hausprojekt mit spendenbasierter Mietzahlung oder ein schnell aufgebautes Umsonstregal für Kleidung an einem belebten Ort. Im Teil 4. Ausblick erfährst du mehr zu diesen Themen. 3.2 Konten und co. – Logistik des Geldteilens Eins vorweg: Am wichtigsten ist es, das Gefühl zu kreieren, dass das Geld, mit dem ihr umgeht, nicht »meins«, sondern »unsers« ist. Dabei kann ein geteiltes Konto oder eine gemeinsame Buchhaltung helfen. Aber auch wenn alle noch ihr eigenes Konto benutzen, kann sich dieses Gefühl einstellen. Ein paar Möglichkeiten, die dieses Gefühl unterstützen könnten, sind: Sich gegenseitig Zugriff zum Online-Banking geben Gemeinsam Geld abheben und unter den Mitgliedern verteilen Gemeinsam Geld ausgeben Bank- und Kreditkarten rotieren Austausch, Austausch, Austausch! Einfach darüber reden. Kommen wir nun zu einer (unvollständigen) Übersicht von konkreten logistischen Lösungsansätzen: Bargeld-Topf Privatkonto als Hauptkonto Gemeinschaftskonto Verteilte Konten Jede GemÖk hat hier andere Anforderungen und in der Regel wird es eine Kombination aus verschiedenen Lösungen geben. 3.2.1 Bargeld-Topf Die GemÖk trifft sich regelmäßig in Präsenz oder wohnt zusammen. Alle heben dann einmal im Monat ihr gesamtes Einkommen ab und schmeißen das Bargeld in einen Topf. Aus diesem nehmen sich dann alle das raus, was sie (bis zum nächsten Treffen) brauchen. Tipp: Bargeld ist immer eine gute Option, um zu vermeiden, dass Behörden Geldflüsse nachvollziehen können. 3.2.2 Privatkonto als »Hauptkonto« Das persönliche Bankkonto eines Mitglieds wird zum Hauptkonto der GemÖk. Die anderen Mitglieder nutzen ihre persönlichen Konten bei Bedarf nur als Zwischenstation für das gemeinsame Geld und für individuelles Vermögen, das nicht Teil der GemÖk ist. Die Ausgaben werden wenn möglich alle vom Hauptkonto getätigt. Wie Einnahmen auf das Hauptkonto kommen Direkt aufs Hauptkonto Du gibst allen, die dir Geld überweisen – also z.B. deinem Arbeitgeber – die Daten des Hauptkontos anstatt deines persönlichen Kontos. Manche werden sich wundern, warum sie das Geld an jemand anderen überweisen sollen – eine super Gelegenheit über das Prinzip GemÖk in den Austausch zu kommen und andere zu inspirieren! Einnahmen weiterleiten Einnahmen fließen weiterhin aufs persönliche Konto und werden dann per Überweisung auf das Hauptkonto geschickt. Das geht als regelmäßiges To-Do, oder bei gleichbleibendem Einkommen auch als Dauerauftrag. Wie alle Ausgaben vom Hauptkonto tätigen können Wenn ihr euch dafür entscheidet, ein persönliches Konto zum GemÖk-Konto zu erklären, ist die naheliegende nächste Frage: Wie kommen denn jetzt auch alle Mitglieder ans gemeinsame Geld ran? Es ist schließlich ziemlich unpraktisch, wenn eine Person sämtliche Überweisungen, Online-Käufe und Kartenzahlungen erledigen muss. Deswegen hier eine Ideensammlung zum Zugriff-Teilen: Regelmäßige Ausgaben Umziehen Du teilst allen, die per Lastschrift Geld bei dir einziehen, die neue Kontoverbindung mit und richtest Daueraufträge über das Online-Banking des Hauptkontos neu ein. Regelmäßige Ausgaben Bilanzieren Du machst es wie beim Punkt »Einnahmen weiterleiten«, überweist aber nur dein Einkommen abzüglich der monatlichen Ausgaben wie Miete, Strom, Handyvertrag, etc. auf das Hauptkonto. Ist dein monatliches Einkommen niedriger als deine monatlichen Ausgaben, machst du es einfach andersherum: du überweist den fehlenden Betrag vom Hauptkonto auf dein Privatkonto. Online-Banking-Zugang teilen Alle bekommen die Zugangsdaten des Hauptkontos. So können alle Kontostand und Umsätze einsehen. Für Überweisungen braucht es allerdings eine 2-Faktor-Bestätigung, also eine TAN. Leider ist es selten möglich, mehr als 3 Geräte zum Generieren von TANs einzurichten. Konto-Vollmachten Mensch kann recht unkompliziert Vollmachten für das Hauptkonto ausstellen. Die Bevollmächtigte bekommt dann einen eigenen Online-Banking-Zugang und eine Girokarte. Manchmal wird das Konto, für das die Vollmacht gilt, sogar direkt ins eigene Online-Banking hinzugefügt. Da Vollmachten eigentlich für den Notfall und nicht für den Alltagsgebrauch gedacht sind, kann es aber auch sein, dass ihr bei manchen Banken auf Unverständnis stoßt und die Situation etwas erklären müsst. PayPal PayPal ist deutlich weniger restriktiv, was die gemeinsame Nutzung eines Accounts angeht. Dort kann mensch sehr viele Telefonnummern für die 2-Faktor-Authentifizierung hinterlegen. Für Online-Ausgaben (Bahn, Vinted, Kleinanzeigen…) ist das auf jeden Fall ein angenehmer Weg. Zu beachten ist, dass Paypal in der Regel nicht mit einem Pfändungsschutzkonto genutzt werden kann. Mit dem Smartphone zahlen Ebenfalls über PayPal, teilweise auch direkt über die Bank, kann mensch mehrere Smartphones für kontaktloses Zahlen einrichten. Das ermöglicht allen Mitgliedern das Zahlen an der Kasse vom Hauptkonto. Bei vielen Supermärkten ist es damit auch möglich, bis zu 200€ Bargeld abzuheben. Taschengeld Eine Art Zwischenlösung ist das »Taschengeld«. Vom Hauptkonto wird Geld auf dein persönliches Konto überwiesen, welches du dann für deine Ausgaben nutzt. Sobald es leer ist, wird eine neue Runde Taschengeld überwiesen. 3.2.3 Gemeinschaftskonto Gemeinschaftskonten gibt es Stand 2025 in Deutschland leider nur für 2 Personen. Aber es gibt einen Workaround, den Verein oder die GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts). Verein oder GbR Falls ihr euch entscheidet, eure GemÖk als Verein oder GbR rechtlich abzusichern, könnt ihr eure Satzung bei der Bank einreichen und damit ein Geschäfts- oder Vereinskonto eröffnen. So können alle einen Zugang und eine Karte für das Konto bekommen. In dieser Variante ist das Geld auf dem gemeinsamen Konto dann wirklich auch auf dem Papier ·kollektiver· Besitz, anders als bei den Varianten 1-3. Mehr Infos zu Rechtsformen bei 3.10 Rechtsformen gründen . 3.2.4 Verteilte Konten (ohne Hauptkonto) Viele GemÖks nutzen Systeme, mit denen sie sich auch ohne Hauptkonto ihr Geld teilen können. In der einfachsten Variante benutzen alle weiterhin ihre eigenen Konten und schieben sich bei Bedarf, also auf Anfrage Geld hin und her. Dazu kommt vielleicht noch eine Chatgruppe oder ein Online-Dokument, in der regelmäßig der private Kontostand mitgeteilt wird, um ein wenig Transparenz über die finanzielle Lage der GemÖk zu schaffen. Es gibt auch sogenannte »Multi-Banking«-Dienste, also Banking-Apps und -Portale, bei denen mehrere Konten von unterschiedlichen Personen und Banken auf einmal angezeigt und verwaltet werden können. Ähnlich funktioniert es mit Vollmachten: Wenn alle Konten bei derselben Bank sind, können alle Konten mit erteilter Vollmacht direkt im eigenen Online Banking angezeigt werden. Für einen genaueren Überblick, mehr Transparenz und einen gemeinsamen Kontostand eignet sich das »virtuelle Gemeinschaftskonto«. Das virtuelle Gemeinschaftskonto Logisch funktioniert das so: Wenn alle Einnahmen und Ausgaben an einer Stelle stehen, lässt sich der Gesamtkontostand der GemÖk errechnen. Was dabei von welchem Konto oder Bargeldstapel bezahlt wird, ist zunächst egal. Denn solange durch die Buchhaltung sichergestellt ist, dass nicht mehr Geld ausgegeben als eingenommen wird, muss das Geld sich irgendwo befinden. Bei Bedarf oder regelmäßig kann das »echte« Geld dann dorthin verteilt werden, wo es gerade gebraucht wird. Eine einfache Variante des virtuellen Gemeinschaftskontos ist eine Online-Tabelle (»Excel-Datei«). Diese kann entweder online, also direkt im Browser bearbeitet werden (z.B. über Cryptpad) oder über einen Cloud-Dienst (z.B. Nextcloud) zwischen allen Mitgliedern synchronisiert werden, sodass alle immer die aktuelle Version haben. In diese Tabelle tragen alle Mitglieder ihre Einnahmen und Ausgaben ein. Ihr könnt euch in der Gruppe überlegen, wie kleinteilig die Buchführung sein soll: von »Bilanz Februar: +140€« bis »jede Ausgabe mit Beschreibung einzeln eintragen« ist alles denkbar. Überblicks-Liebhaber*innen können sich praktische Funktionen als Formeln einrichten. Wie wäre es mit einer monatlichen Einnahmen- und Ausgaben-Bilanz, verschiedenen Ausgaben-Kategorien oder virtuellen Spar-Töpfen? Die meisten Online-Tabellen können Informationen auch grafisch als Diagramme darstellen. Das virtuelle Gemeinschaftskonto bringt einige Vorteile: Sofort loslegen können, ohne irgendwas an der realen Kontosituation ändern zu müssen Einen super Überblick über die Ausgaben und Einnahmen Die Möglichkeit, Einnahmen anteilig in verschiedene Töpfe zu sparen Regelmäßige Interaktion mit dem virtuellen Konto und ein gemeinsamer Kontostand helfen dem Gemeinschaftsgefühl Ein möglicher Nachteil daran ist, dass alle Ausgaben und Einnahmen eingetragen werden müssen. Außerdem passt in der Praxis der virtuelle Kontostand manchmal aufgrund von Fehlern in der Buchhaltung doch nicht ganz zur realen Geldsituation. Es lohnt sich also, ab und zu einen Kassensturz zu machen und zu prüfen, ob der virtuelle Kontostand tatsächlich stimmt. Wer es genau nimmt, geht dann bei Abweichungen auf Fehlersuche (»ah! Ich hatte ja noch 50€ von Oma zugesteckt bekommen, die ich nicht eingetragen habe.«). Wer es nicht so genau nimmt, lässt den Fehler einfach im System oder korrigiert ihn nur in der digitalen Buchhaltung, ohne dem Ursprung auf den Grund zu gehen. 3.3 Schulden und Vermögen Um den Start in die GemÖk möglichst niedrigschwellig zu gestalten, beschränken sich die meisten zunächst darauf, alltägliche Einnahmen und Ausgaben zu teilen. Bereits angehäuftes Vermögen bleibt zunächst im privaten Besitz und auch Schulden werden zunächst nicht kollektiviert. Diese Art der GemÖk wird auch als »gemeinsame Einkommensökonomie« oder »gemeinsame Alltagsökonomie« bezeichnet – in Abgrenzung zur »gemeinsamen Vermögensökonomie«. 3.3.1 Vermögen und Macht Wichtig beim gemeinsamen Umgang mit Vermögen sind die potenziellen Ungleichheiten und Unsicherheiten, die auftreten können, wenn einige Mitglieder Zugriff auf Erspartes und andere kein Vermögen oder sogar Schulden haben. Es beeinflusst das individuelle Sicherheitsgefühl in der GemÖk erheblich, ob ich im Notfall mehrere Monate (oder sogar Jahre) ohne Einkommen überbrücken könnte. Außerdem ist es ein Privileg, unabhängig von der GemÖk Ausgaben tätigen zu können, indem ich auf mein privates Vermögen zurückgreife. Um solche Unterschiede abzumildern, entscheiden sich manche GemÖks dafür, private Ersparnisse »einzufrieren«, das heißt sie gar nicht oder nur mit gemeinsamer Absprache zu verwenden, solange die GemÖk besteht. Bei Schulden ist Einfrieren in der Regel keine Option, doch da gibt es andere Möglichkeiten, die Ungerechtigkeiten zu adressieren: 3.3.2 Schulden Viele sagen: »Bevor ich in eine GemÖk gehen kann, muss ich meine Schulden abbezahlen«. Das stimmt auf keinen Fall! Auch bei Schulden kann man solidarisch füreinander einstehen und sie zu einer gemeinsamen Herausforderung machen. Zum Beispiel dadurch, dass mit dem Vermögen des einen GemÖk-Mitglieds die Schulden des anderen getilgt werden. Oder dadurch, dass eine monatliche Schuldenrückzahlung als feste gemeinsame Ausgabe eingeplant wird. Für viele mag es undenkbar sein, dass Andere die eigenen Schulden mittragen. Das liegt vermutlich daran, dass verschuldet zu sein sehr stigmatisiert ist und das Thema dadurch oft mit vielen negativen Gefühlen wie Schuld und Scham einhergeht. Gerade um das aufzubrechen lohnt es sich sehr, den Schritt trotzdem zu gehen und mit der Gruppe über die emotionale und gesellschaftliche Ebene dieses Themas zu reden. Mit der emotionalen und finanziellen Last von Schulden nicht mehr alleine dazustehen, kann eine riesige Befreiung sein! Übrigens: Ein ganz anderer Ansatz zum Umgang mit Schulden ist der »organisierte Bankrott«. Dazu gibt es ein paar Infos unter 3.8 GemÖk und Pfändung und detaillierter unter weitere Infos und Texte 3.3.3 Grenzfälle zwischen privat und kollektiv In einigen Fragen ist es gar nicht so leicht, zwischen Vermögensökonomie und Einkommensökonomie zu unterscheiden. Was ist z. B., wenn Teile des alltäglichen Gelds angespart werden? Dann hat die Alltagsökonomie eben doch ein gemeinsames Vermögen. Und wenn von diesem Vermögen nun eine große (private) Anschaffung wie ein Auto getätigt wird, geht diese dann ins Eigentum der Nutzer*in über, oder wird es zum gemeinsamen Eigentum der GemÖk? Wenn ich eine kleine Geldsumme erbe, ist das dann eine alltägliche Einnahme oder schon Vermögen? Und wie verhält es sich, wenn ich eine große Summe oder eine Briefmarkensammlung erbe? Auf diese Fragen braucht es Antworten, die zur speziellen Situation der Gruppe und den Bedürfnissen ihrer Mitglieder passen. Sich grundsätzlich über Vermögen auszutauschen ist sicher hilfreich, aber manche Dinge können auch erst besprochen werden, wenn die konkrete Situation da ist. Da kann jede Gruppe ihre eigene Balance finden. Tipp: Gerade beim Vermögen empfiehlt es sich, Absprachen aufzuschreiben, um Missverständnisse zu vermeiden und Sicherheiten zu geben. Praktische Lösungen: Trennung von privatem Vermögen Wenn ihr angespartes Geld auf einem Konto habt, das nicht in die GemÖk einfließen soll, muss das irgendwie vom Alltagsgeld der GemÖk getrennt werden. Dazu gibt es ein paar Möglichkeiten: Die neue Null Ihr haltet den Kontostand von vorher fest und betrachtet diesen als 0. Das Geld parken Ihr könnt das private Geld auf ein anderes Konto schieben, Verwandten überweisen oder abheben und sicher lagern. Anlegen/Tagesgeldkonto Bei vielen Banken gibt es die Möglichkeit, neben dem Girokonto noch weitere Sparkonten oder Tagesgeldkonten anzulegen. Oft sogar ohne zusätzliche Gebühren. So kann privates Vermögen unabhängig vom Alltagsgeld gelagert werden.3.3.4 Die Vermögensökonomie Manche Gruppen entscheiden sich irgendwann dazu, ihr gesamtes Vermögen (inklusive Schulden) zu kollektivieren. Das geht entweder ganz formell und rechtlich abgesichert, beispielsweise als Spende oder Schenkung an einen GemÖk-Verein. Es kann aber auch die informelle Entscheidung sein, über Vermögen, welches offiziell noch Einzelpersonen gehört, gemeinsam zu verfügen. Auch dabei gibt es Abstufungen: Geht es nur um finanzielles Vermögen, oder auch um wertvolle Dinge wie Instrumente oder Häuser? Es wird klar: Die Übergänge sind fließend, und es ist an euch, Absprachen zu finden, die sich stimmig anfühlen. Tipp: Ihr könnt euch auch auf eine stufenweise Übertragung des Vermögens einigen, um das auch für neu einsteigende GemÖk-Mitglieder niedrigschwelliger zu gestalten. Beispiel: 20% des finanziellen Vermögens fließt pro Jahr an einem festgelegten Tag in die GemÖk, bis 100% erreicht sind. 3.4 Ausstieg und Ausstiegsvereinbarungen Manchmal braucht es Klarheit über den Weg raus, um den ersten Schritt hinein wagen zu können. Deshalb sprechen viele GemÖks schon bei der Gründung über Ausstiegs- und Auflösungsszenarien. Allerdings kann es zu Beginn eines solchen Abenteuers auch demotivierend oder schlicht fehl am Platz sein, schon über sein mögliches Ende zu sprechen. Schaut für euch, an welchem Punkt ihr wie viel darüber reden und festlegen wollt. Für den Fall, dass man sich wider erwarten doch in einem starken Konflikt trennt, ist es sinnvoll, Vereinbarungen schriftlich festzuhalten, damit man sich später darauf berufen kann. Aspekte, über die ihr vielleicht nachdenken und Vereinbarungen treffen wollt: Prozess: Wie soll ein Ausstiegsprozess laufen? Wünscht ihr euch, dass Zweifel erst gemeinsam besprochen werden, bevor jemand für sich alleine entscheidet zu gehen? Soll es bei einem Ausstieg so etwas wie emotionale Nachsorge oder Reflexion geben? Darf die Gruppe entscheiden, dass jemand aussteigen muss bzw. ausgeschlossen wird? Zeitpunkt: Erfolgt ein Ausstieg immer zu einem Stichtag, z.B. zum Monatsanfang (macht die Abrechnung leichter)? Gibt es eine Art »Kündigungsfrist« für die Ausstiegsentscheidung, damit sich alle darauf einstellen können? Finanzielles: Erhält die aussteigende Person eine Auszahlung als Absicherung für den Übergang ins individuelle Wirtschaften? Einen festgelegten Betrag oder einen festen Anteil des aktuellen GemÖk-Geldbesitzes? Muss Geld dafür zurückgelegt werden, damit im Ernstfall so eine Auszahlung auch wirklich gemacht werden kann? Vor allem bei dem letzten Punkt kann es sehr sinnvoll sein, individuelle Ausstiegsvereinbarungen zu treffen und aufzuschreiben. Dann kann nämlich berücksichtigt werden, wie sicher sich jede Person fühlt wieder alleine klar zu kommen (z.B. wegen Jobperspektiven oder eingefrorenem Privatvermögen) und wie groß der Bedarf für eine Übergangsabsicherung eigentlich ist. In individuellen Verträgen kann auch festgelegt werden, ob während der GemÖk angeschaffte Wertgegenstände bei der Gruppe bleiben oder bei der Person, die es sich gekauft hat. Erfahrungsbericht – Gedanken zum Ausstieg L. (ehemals obl‘obl) | 8 Menschen | damals 2 Jahre alt Es ist nun ziemlich genau 1 Jahr her, dass ich nach 2 Jahren GemÖk ausgestiegen bin. Wir waren bei meinem Ausstieg frisch zu acht, die GemÖk bestand schon ein Jahr, bevor ich dazugestoßen bin. Aus einer GemÖk Aussteigen fühlt sich an wie Schluss machen mit den ans Herz gewachsenen Menschen, führt unweigerlich zu Verletzungen und zum Verlust von guten Freunden. Das ist eine Sache, die ich am Konzept GemÖk nicht mag, auch wenn sie für mich immer eine der Hauptgründe für die GemÖk war: Freundschaft bleibt nicht aus, GemÖk ist Beziehungsarbeit. Ein starker Bezug zueinander ist von großem Vorteil, erleichtert das ineinander einfühlen und damit das gemeinsame Treffen von Geldentscheidungen. Wir haben uns alle 2 Monate für unsere GemÖk Treffen gesehen, teils mit weiter Anreise. Es waren meist schöne Treffen, mit viel Lachen, gemeinsam kochen, die gegenseitigen Zuhause-Orte von uns kennenlernen. Durchaus auch anstrengend, der bürokratische Aufwand des Geld Teilens frisst viel Zeit und Kapazitäten. Wir entwickelten ein Buddy-System, um die Zeit zwischen unseren Treffen zu überbrücken. So waren die Reaktionen auf meinen Ausstieg verständlicherweise mit Enttäuschung, Trauer und Wut verbunden und die Verhandlung darüber, mit wie viel Geld ich aus der GemÖk gehen sollte, für beide Seiten emotional und aufreibend. Trotzdem kann ich im Rückblick sagen, dass wir den Prozess gut gemeistert haben und ich persönlich, aber bestimmt auch die GemÖk gestärkt daraus hervorgeht. Ich habe den Ausstieg an sich nie bereut, am meisten schmerzt der Verlust toller Menschen. Umso mehr freue ich mich über Briefaustausche und zaghafte Kontakte, die zeigen, dass man aneinander denkt. Mein Bezug zum Thema Geld hat sich wenig verändert, meine Ausgaben und Einnahmen kaum. Schon aber mein Umgang damit, ich verwalte meine Buchhaltung nicht mehr monatlich und schaue selten auf mein Konto. Das entspannt mich, auch in Bezug auf »unnötige« Ausgaben, wie die für die Ausbildung meines Hundes oder abgefahrene Autospiegel, die ich vor niemandem rechtfertigen muss. Es ist lächerlich, denn ich weiß, während ich das schreibe, dass man in einer guten Gemök wie ich sie hatte, über all das reden kann und es keinen Grund gibt, sich für Ausgaben zu schämen. Und doch kennen wir alle diese Gefühle, es war eine intensive Zeit der Auseinandersetzung damit und doch bin ich froh, sie nicht mehr alltäglich zu haben. 3.5 Rechtliches – Ist Geldteilen erlaubt? Da wir in einer kapitalistischen Eigentumsgesellschaft leben, kannst du frei entscheiden, was mit dem Geld passiert, das dir »gehört«. Du kannst es sparen, ausgeben oder verschenken. Grundsätzlich spricht also juristisch nichts dagegen, es mit anderen zu teilen. An der ein oder anderen Stelle will der Staat aber doch mitreden, z.B. durch Besteuerung oder Bedingungen für Sozialleistungen. Der Staat hat viele Regelungen und Kategorien für das gemeinsame Wirtschaften entwickelt, die theoretisch für eine GemÖk Anwendung finden könnten. Es ist also (wie auch beim »Alleine-Wirtschaften«) hilfreich und sinnvoll, wenn ihr euch mit den gesetzlichen Grundlagen eurer individuellen Umstände auskennt. Oder als Frage formuliert: »Was könnte das Finanzamt, die Ausländerbehörde, das Jobcenter, das BAföG-Amt, das Gericht, usw. dagegen haben, wenn wir das soundso machen?« »Oh oh, jetzt wirds kompliziert«, denkt ihr euch? Keine Sorge – mit der richtigen Einstellung und ein paar einfachen Tricks lässt sich das Behörden-Spiel kinderleicht spielen. Denn weder das Finanzamt noch irgendeine andere Institution haben in ihren Computern die Kategorie »GemÖk« zur Auswahl. Ihr könnt also nirgendwo anrufen und sagen: »Hallo, ich möchte eine GemÖk anmelden!« Dadurch entsteht glücklicherweise auf Seiten der Behörden viel Verwirrung und Interpretationsspielraum, den wir nutzen können. Neue Spielregeln Eine GemÖk versucht mit den kapitalistischen Spielregeln von Vereinzelung, Misstrauen, ökonomischem Druck, Konkurrenz und Angst zu brechen und durch neue zu ersetzen. An dessen Stelle kommen Vertrauen, freie Vereinbarungen, Verbindlichkeit, Verantwortung, Solidarität. Soweit zumindest die Idee. Natürlich ist es ein langer Weg dorthin, auf dem viel gelernt und viel verlernt werden darf. Das alles aufzubauen braucht Zeit und Sicherheit. Rechtliche Absicherung der GemÖk Gerade deshalb scheint es manchen Personen oder Gruppen naheliegend, Vereinbarungen auch formaljuristisch abzusichern. Rechtssichere Verträge abzuschließen, Rechtsformen zu gründen, Notartermine wahrzunehmen und sicherzustellen, dass das Geld auch auf dem Papier allen gehört. Entweder aus Struktur-Liebe oder aus Angst, dass doch jemand das Vertrauen missbraucht. Doch ist es wirklich nötig, uns auf diese Weise mithilfe des Staates »voreinander zu schützen?« Ist das nicht Teil von genau der Logik, die wir hinter uns lassen wollen? Oder anders gefragt: Möchte ich wirklich in einer GemÖk sein, in der im Zweifel vor Gericht entschieden wird, wem nun was zusteht? Wenn es uns gelingt, die Spielregeln des Systems so gut wie möglich aus der GemÖk rauszuhalten und Vertrauen zueinander jenseits von Institutionen herzustellen, entsteht die Möglichkeit, als Kollektiv besser mit den (ungerechten) Regeln des Systems umzugehen. Vorteile von strategischen Rechtskonstrukten Unsere bevorzugte Einstellung beim Rechtskonstrukte-Basteln ist also Folgende: Es geht nicht darum, die Realität abzubilden oder sich voreinander zu schützen. Stattdessen sollten sie uns den besten Umgang mit den Regeln des Systems ermöglichen. So können beispielsweise verschuldete Menschen Geld in der GemÖk sparen, solange es auf dem Papier jemand anderem gehört. Sozialleistungen empfangen ist kein Problem, solange die Person offiziell alleine wirtschaftet. Und vielleicht lohnt es sich langfristig auch, innerhalb der GemÖk zu heiraten, um Steuern oder Krankenversicherung zu sparen? Ob und welche strategischen Rechtskonstrukte sinnvoll sind, hängt von vielen Faktoren ab. Wichtig ist aber immer, die beiden Ebenen »unsere Vereinbarungen untereinander« und »was erzählen wir offiziellen Stellen« im Kopf klar getrennt zu halten. Dabei gilt es auch zu bedenken, dass man sich der Wirkmächtigkeit juristischer Rahmenbedingungen nicht vollständig entziehen kann. Sollte es in irgendeiner Form zu einem Gerichtsverfahren kommen, würde eine GemÖk vor Gericht sehr wahrscheinlich als GbR betrachtet werden. Dann kämen die allgemeinen Regeln zur Anwendung, wie sie im BGB (Bürgerlichen Gesetzbuch) definiert sind, sofern nicht andere Regeln in einer formalen Satzung festgelegt wurden. Außerdem kann es bei internen Konflikten im schlimmsten Fall eben doch eine Auswirkung auf die Gruppendynamik haben, zu wissen, wer im Zweifel vor Gericht gewinnen würde und wer nicht — selbst wenn niemand ernsthaft vorhat, vor Gericht zu ziehen. Ist das nicht illegal? Wir wollen niemanden dazu auffordern, Straftaten zu begehen. Das ist auch gar nicht unbedingt nötig, da die Behörden, wie gesagt, selbst gar nicht so genau wissen, wie sie die GemÖk einordnen sollen. Da gibt es also auf jeden Fall eine Grauzone. Und die meisten Amtsträger*innen nehmen es dankbar an, wenn wir ihnen zuvorkommen und einen Vorschlag machen, wie denn dieser oder jener Sachverhalt in eine ihrer vorgefertigten Kategorien passen könnte. Es empfiehlt sich also, genauer zu verstehen, welche Behörde sich wann für was interessieren könnte und ihnen im besten Fall zuvorzukommen. Das bedeutet entweder zu vermeiden, dass sie überhaupt erst auf etwas aufmerksam werden, oder eben bereits eine gute Erklärung parat zu haben. Wichtig ist hier natürlich ein gemeinsames Grundverständnis, dass man in einem Boot sitzt und im Fall des Falles bei der gemeinsam vereinbarten Rechtsauffassung bleibt und sich nicht gegenseitig bei Behörden in Schwierigkeiten bringt. Aus der Praxis können wir sagen: Auf diese Weise funktioniert es erstaunlich gut, in einer GemÖk zu leben, ohne von Behörden geplagt zu werden. Zumindest wenn man weiß, was es zu beachten gibt. Im Folgenden gibt es deshalb einen kleinen Abriss der wichtigsten Fallstricke und Good Practices im Umgang mit verschiedenen Behörden. Erfahrungsbericht – Zwischen Erbe und Excel Über das Altwerden mit der Finanzcoop Kerstin von »Finanzcoop« | besteht seit 1998 | 7 Erwachsene (+ Kinder) Die Hausmitbewohnerin – noch keine 40 – teilt kürzlich beim Hoffest mit, dass sie sich jetzt mit Altersvorsorge beschäftigt und mit der Frage, ob sie ihren Partner nicht doch heiraten soll. »Kann man ja schon mal machen, grade wegen der Altersgeschichte – und ausserdem sind wir echt lange zusammen«. Einige nicken wissend, ich suche hektisch nach einem anderen Gesprächsgegenstand. Ich verweigere mich einfach gerne wider besseren Wissens einer Vostellung der näheren Zukunft, in der alles plötzlich ganz anders ist. – Krankheiten, Unfälle, Ausfälle. Der einzige Ort, an dem ich es gerade so ertrage, über Rentenmodelle und Altersarmut in einer sachlichen und pragmatischen Weise (!) zu sprechen ist meine Finanzcoop (=GemÖk). Wie wir in unserem Buch »Revolution in Zeitlupe« erzählen, hat das Thema da zwischendrin durchaus immer wieder enorm für Zündstoff gesorgt – Stichworte: Spießertum, Privilegien vs Angst vor Altersarmut, Sicherheiten – auch für Kinder und andere nahestehende Personen. Die gute Nachricht: in kleinen Häppchen serviert, geht das über Jahre ganz gut und es lässt sich immer wieder sehr empathisch wenden – anstatt dass es zu Zerwürfnissen führt, die nicht so leicht wieder zu reparieren sind. Annäherung findet statt. Oder sagen wir: Der Punkt »Rente« wurde stoisch immer wieder auf die Tagesordnung gehievt, manchmal ignoriert, bestöhnt, im besten Fall kurz gefasst. Als Beispiel: Es gibt Menschen bei uns, die werden wahrscheinlich ein Einfamilienhaus erben, welches sie ebenso wie die Gegend, in der es steht, eigentlich gern vergessen möchten. Sie sind froh, dass sie sich dank Finanzcoop damit nicht alleine damit befassen müssen, sondern ihnen andere mit Wissen und Vorschlägen zur Seite stehen. Was ich, auch dank der FC lernen durfte: Vorbereitungen für den Fall des Falles treffen, gerade solche, die auch immer noch verändert werden können, ist ziemlich empfehlenswert. Zum Beispiel: Vorsorgebevollmächtigungen ausfüllen und sich gemeinsam mit anderen nahestehenden Personen darüber informieren, wer da welche Rolle übernehmen kann. Testamente schreiben, Menschen berücksichtigen, die zur Wahlfamilie gehören, die der Staat aber niemals anerkennen würde. Von Eltern eine Erbteilsverzichtserklärung erbitten. Das mag manchen morbide und manchen albern vorkommen. Das mal anzugehen ist aber zumindest für den deutschen Staat, der ein hoch kompliziertes Erbrecht hat, tendenziell weniger einträglich. Oder andersrum: Es dauert einen halben Tag, sich drum zu kümmern und spart einen Haufen Steuern. Bezüglich Rente haben wir uns über die Jahre auf folgendes geeinigt: Alle, die nicht über ihre Berufsverbände Rentenzahlungen erhalten werden, schließen eine freiwillige Rentenversicherung mit einem für alle ähnlichen Betrag ab. Und weil es dazu ab und zu neue Zahlen gibt, tippen wir die dann in eine Excel-Tabelle (kann auch Spaß machen) und sehen so die gemeinsame Altersversorgung vor uns. Excel-Tabellen, die den Eingang und Ausgang und das verfügbare Geld aktuell und in Zukunft visualisieren, sind eine hilfreiche Variante, um sich auch als Gruppe sicher zu sein darüber, was finanziell geht oder nicht. Und wieder eine gute Nachricht: Wenn man es erstmal geregelt hat, ist das alles gar nicht mehr so schlimm. 3.6 Grundsätzliche Strategien im Umgang mit Behörden Bevor es um konkrete Probleme und Fallstricke geht, wollen wir euch einen (unvollständigen) Baukasten voller kreativer Strategien im Umgang mit Behörden an die Hand geben. Er soll als Impuls- und Ideenspende dienen, sodass ihr euch eure ganz eigene Lösung zusammenbasteln könnt. 3.6.1 Auf dem Papier alleine wirtschaften Für viele Szenarien, insbesondere wenn Sozialleistungen involviert sind, ist Geldteilen von Nachteil. Denn Geldeingänge werden oft standardmäßig als Einkommen gewertet und auch Zugriff auf Geld von anderen kann zu Problemen führen. In solchen Fällen ist es am einfachsten, wenn alles danach aussieht, dass man alleine wirtschaftet. So vermeidet man nervige Rückfragen, Leistungskürzungen und ewiges Hin und Her. Tipps, um scheinbar alleine zu wirtschaften Für alltägliche Einnahmen und Ausgaben ein persönliches Konto nutzen Eine Lösung mit verteilten Konten anstatt einem Hauptkonto nutzen ( 3.2.4 Verteilte Konten ) Keine Überweisungen von anderen Konten auf das persönliche Konto Keine (regelmäßigen) Überweisungen vom persönlichen Konto auf andere Konten Transferzahlungen in Bar machen oder gut begründen ( 3.6.3 Gegenleistung simulieren ) Statt offiziellen Vollmachten für andere Konten inoffizielle Wege nutzen, z.B. PayPal oder Online-Banking Log-Ins teilen Wichtig: Verschiedene Behörden sind unterschiedlich streng, weshalb nicht in jedem Fall alle diese Tipps befolgt werden müssen. 3.6.2 Sonderfall: Zusammen wohnen Bei manchen Sozialleistungen wird es deutlich schwieriger, sobald GemÖk-Mitglieder zusammenwohnen. Denn wer in einem Haushalt lebt und wirtschaftlich füreinander aufkommt, bildet aus Sicht der Behörden meistens eine Haushalts- oder Bedarfsgemeinschaft. Die Folge davon ist meist mehr Bürokratie und weniger Geld. Hier lohnt es sich häufig, dagegen vorzugehen bzw. gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, dass man gemeinsam wirtschaftet. Ein paar Ideen dazu: Eigene (Unter-) Mietverträge haben Darauf pochen, dass es sich um eine »normale Wohngemeinschaft« handelt Sich auf Datenschutz berufen So wenig Angaben wie möglich zu den Mitbewohnenden machen Dokumente (z.B. Mietverträge) anonymisieren3.6.3 Gegenleistungen simulieren Um zu vermeiden, dass Geldeingänge als Einkommen oder Schenkung gewertet werden, kann eine Gegenleistung erfunden werden. Ein paar Beispiele für Verwendungszwecke: »Rückzahlung Urlaub« (Am besten sollte man dann schon im Urlaub gewesen sein) »Danke!« (kann alles heißen) »Kamera« (Ist leider direkt nach Kauf verloren gegangen) »Rückzahlung Leihgabe« (die war natürlich in Bar) Wer es richtig ernst meint, kann auch Rechnungen, Verträge oder Quittungen erstellen. 3.6.3 Gegenleistungen simulieren Um zu vermeiden, dass Geldeingänge als Einkommen oder Schenkung gewertet werden, kann eine Gegenleistung erfunden werden. Ein paar Beispiele für Verwendungszwecke: »Rückzahlung Urlaub« (Am besten sollte man dann schon im Urlaub gewesen sein) »Danke!« (kann alles heißen) »Kamera« (Ist leider direkt nach Kauf verloren gegangen) »Rückzahlung Leihgabe« (die war natürlich in Bar) Wer es richtig ernst meint, kann auch Rechnungen, Verträge oder Quittungen erstellen. Darlehen Eine besondere Form der Gegenleistung ist das Darlehen. Hier wird ein Vertrag aufgesetzt, der belegt, dass das Geld nur geliehen ist. Das kann man zur Not auch erst im Fall des Falles rückdatiert machen. Theoretisch muss das Geld dann zwar irgendwann zurückgezahlt werden, praktisch kann das aber auch erst in ein paar Jahrzehnten passieren oder die Schulden werden einfach erlassen. Für Sozialleistungen ist das nicht so hilfreich, aber für das Umgehen von Schenkungssteuer schon. Achtung: Das Erlassen von Schulden/Zinsen kann als Schenkung gewertet werden. 3.7 GemÖk und Steuern 3.7.1 Einkommenssteuer Für Angestellte bereitet die GemÖk wenig Probleme bei der Einkommenssteuer. Durch die Lohnsteuer kennt das Finanzamt über den Arbeitgeber schon das Gehalt (und hat eine Vorauszahlung bekommen). Somit spricht eigentlich auch nichts dagegen, den Lohn direkt auf ein Gemeinschaftskonto überweisen zu lassen. Für Selbstständige empfiehlt es sich in den meisten Fällen, ihre Arbeit über ein Privatkonto abzurechnen, da für die Berechnung der Einkommenssteuer gegenüber dem Finanzamt die Einnahmen detailliert offengelegt werden müssen. Hier könnte es bei einer Prüfung zu Problemen mit dem Gemeinschaftskonto kommen, da dort auch noch andere Einnahmen landen als die aus der eigenen Selbstständigkeit. Allerdings ist das eher eine Sache, die sich mit etwas Aufwand auch klären ließe. 3.7.2 Schenkungssteuer Schenkungssteuer fällt immer dann an, wenn eine Person A einer Person B im Zeitraum von 10 Jahren mehr als 20.000 € schenkt (bei Verwandtschaft oder Ehepaaren ist der Betrag höher). Das gilt auch für die meisten juristischen Personen wie Vereine. Als Schenkung zählt dabei jede Überweisung zwischen einzelnen Privatkonten, die ohne Gegenleistung erfolgt und streng genommen auch materielle Geschenke (z.B. wenn A für B einen Fernseher kauft). Gerade bei GemÖks, die ein Hauptkonto haben, sind die 20.000 € recht schnell überschritten. Allerdings zeigt die Erfahrung aus sehr vielen GemÖks, dass die alltäglichen Geldtransfers in einer Einkommensökonomie kein Finanzamt interessieren. Beim Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz geht es nämlich eigentlich um Steuerhinterziehungen und Vermögensübertragungen. Da sind die Geldflüsse einer GemÖk einfach unter dem Radar. Uns ist sogar ein Fall bekannt, in dem das Finanzamt von der (Vermögens-) GemÖk weiß und trotzdem keine Schenkungssteuer berechnen will. Das könnte auch daran liegen, dass die Rechtslage im Fall »GemÖk« wirklich nicht sehr eindeutig ist und es an sich schon fraglich ist, ob man da juristisch gesehen überhaupt von Schenkungen ohne Gegenleistung sprechen kann. Schließlich geht es nicht darum, sich Geld zu schenken, sondern um eine Solidargemeinschaft zur Absicherung der Lebenshaltungskosten. Es gibt bisher keinen Präzedenzfall, aber vermutlich könnte man mit so einer Argumentation sogar einen Rechtsstreit gewinnen. Für die Vorsichtigen unter euch wollen trotzdem ein paar Ideen aufzählen, um Stress mit dem Finanzamt unwahrscheinlicher zu machen: Ideen zu Schenkungssteuer Transferzahlungen in Bar machen Eine Lösung mit verteilten Konten anstatt einem Hauptkonto nutzen ( 3.2.4 Verteilte Konten ) Inhaber*in des Hauptkontos wechseln, bevor die Schenkungsgrenze überschritten ist Gegenleistungen simulieren, insb. Darlehensverträge Rechtsformen oder Verträge aufsetzen, die die Gegenseitigkeit und den Zweck »gegenseitige Absicherung der Bedarfsdeckung« festhalten (geht auch rückdatiert) Gemeinnützige Rechtsform gründen ( 3.10 GemÖk als Verein ) Vermögensökonomie und Schenkungssteuer Wenn ihr eine Vermögensökonomie gründen und dabei Vermögen auch rechtssicher auf alle übertragen wollt, wird Schenkungssteuer wahrscheinlich relevant für euch. In diesem Fall empfehlen wir, sich zur individuellen Situation von Profis beraten zu lassen. 3.8 GemÖk und Pfändung Um Schulden oder sogenannte »zivilrechtliche Forderungen« wie Schadenersatz, Gebührenbescheide, Gerichtskosten, Kredite, usw. nicht zahlen zu müssen, entscheiden sich manche Menschen für ein verschuldetes Leben unterhalb der Pfändungsgrenze. Das bedeutet grob runtergebrochen, dass mensch kein großes Vermögen haben und nur 1500 € (Stand: 2025) monatlich verdienen kann. Alles darüber hinaus wird von Gläubigern »weggepfändet«. Eine GemÖk kann sich sehr gut in ein solches Konzept einfügen. Schließlich soll diese ein solidarisches Netz sein, das dich vor Armut und Vereinzelung schützt. Doch wie lässt sich verhindern, dass Mitglieder sich strafbar machen oder dass das gemeinsame Vermögen gepfändet wird? Die wichtigste Regel für ein pfändungssicheres Leben in der GemÖk lautet: Alle verschuldeten Mitglieder dürfen nur Geldbeträge unterhalb der Pfändungsgrenze »in ihrem Namen« besitzen und einnehmen. Verschuldet sein ist ein großer Schritt (heraus aus dem bürgerlichen Leben). Wer darüber nachdenkt, sollte sich gut informieren und mögliche Konsequenzen abwägen. Einen guten Einstieg bietet der Reader »Von uns bekommt ihr nix!«. Eine Online-Version des Readers gibt es auf vonunsbekommtihrnix.noblogs.org . Da dort allerdings nicht explizit von der Kombination »Pfändung + GemÖk« gesprochen wird, sammeln wir weitere Informationen dazu unter weitere Infos und Texte . Tipps für Pfändung + GemÖk Auf dem Papier alleine wirtschaften Verein gründen 3.9 GemÖk und Sozialleistungen Wenn du Sozialleistungen beantragst, prüft der Staat meistens, ob du deinen finanziellen Bedarf nicht auch woanders decken kannst, bevor er dir Geld gibt. Das kann auch für GemÖks relevant sein. Hier haben wir diesbezüglich nur die allerwichtigsten Grundlagen zu den häufigsten Sozialleistungen gesammelt. Achtung: Die gesetzlichen Regelungen ändern sich hier regelmäßig, zukünftig werden sie sich wohl eher verschärfen. Bürgigeld (SGB II) Es gibt ein paar Fallstricke beim Umgang mit Jobcenter und GemÖk, die Kombination ist aber absolut machbar und Alltag vieler GemÖks. Rein auf Grundlage der Gesetzestexte hat die GemÖk keinen Einfluss auf den Anspruch auf Sozialleistungen für Bürgigeld-Beziehende. Eine Bedarfsgemeinschaft liegt nämlich erst dann vor, wenn neben der gegenseitigen finanziellen Unterstützung auch ein gemeinsamer Haushalt besteht. Falls ihr mit (Teilen) der GemÖk zusammen wohnt, müsste die Gruppe allerdings schon vorrangig einspringen, bevor es Geld vom Amt gibt. Leider neigen Jobcenter dazu, einem aus allem einen Strick zu drehen und in der GemÖk in jedem Fall erst mal eine Bedarfsgemeinschaft zu vermuten, wenn sie davon erfahren. Klärungsprozesse sind langwierig, deshalb ist es gut zu wissen, was mensch dem Jobcenter mitteilen muss und was sie nichts angeht. Lösungen zu Bürgigeld Auf dem Papier alleine wirtschaften Geldeingänge auf dem persönlichen Konto sollten unbedingt vermieden werden Mehr Infos zu GemÖk und Bürgigeld sammeln wir unter weitere Infos und Texte . Wohngeld Bei Wohngeld sind die Regelungen analog zum SGB II (Bürgigeld). Sozialhilfe (SGB XII) Bei Sozialhilfe sind die Regelungen ähnlich wie beim Bürgigeld. Allerdings wird, wenn Menschen zusammen wohnen, immer davon ausgegangen, dass sie eine Haushaltsgemeinschaft bilden und gemeinsam wirtschaften. Beziehende müssen dann eben das Gegenteil beweisen, also nachweisen, dass sie nicht gemeinsam wirtschaften (z.B. durch getrennte Konten, Mietverträge, Kühlschrankfächer etc.). Lösungen zu Sozialhilfe Auf dem Papier alleine wirtschaften Geldeingänge auf dem persönlichen Konto sollten vermieden werdenLeistungen nach dem AsylbLG Leistungen nach diesem Gesetz können erst beansprucht werden, wenn sämtliches verfügbares Einkommen und Vermögen des Leistungsberechtigten und seiner im selben Haushalt lebenden Familienangehörigen aufgebraucht ist. Die Bedingungen sind damit noch härter als beim Bürgergeld und die Behörden sicher auch noch mal strenger und ambitionierter, Leistungen zu versagen. Lösungen zu AsylbLG Auf dem Papier alleine wirtschaften Geldeingänge auf dem persönlichen Konto sollten vermieden werden Achtung: Für Menschen mit gefährdetem Aufenthaltsstatus sollte das Risiko von Strafverfahren und Abschiebung genau abgewogen werden. BAföG Im Falle von BAföG ist finanzielle Bedürftigkeit ein Kriterium, allerdings richtet es sich hier primär nach dem Einkommen der Eltern. Beziehende selbst dürfen allerdings auch nur begrenzt dazu verdienen, ohne Abzüge zu kassieren. Im Normalfall bis zur Minijob-Grenze. Lösungen zu BAföG (für Eltern und Beziehende) Auf dem Papier alleine wirtschaften Nur das eigene Einkommen sollte auf dem persönlichen Konto landen Ausgaben und Überweisungen auf andere Konten sind hingegen unproblematisch, da es ja nur um Einnahmen geht Unproblematische Sozialleistungen Sozialleistungen, bei denen es für GemÖks nichts zu beachten gibt sind: Kindergeld Arbeitslosengeld (ALG 1) 3.10 Rechtsformen gründen Wenn Behörden und Gerichte sich für euch interessieren, zum Beispiel um Sozialleistungen zu prüfen, Pfändungen durchzusetzen oder Steuern einzutreiben, werden sie versuchen, eure Finanzflüsse in die Logik zivilrechtlicher Konstrukte wie GbR, Bruchteilsgemeinschaft, Schenkungsverträge usw. einzuordnen. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, dem vorzugreifen und selbst eine Rechtsform für die GemÖk zu wählen. Zwei gängige Möglichkeiten dafür sind die GbR und der Verein. GemÖk als GbR Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) ist eine einfache Personengesellschaft mit gemeinsamen Zweck, die auch durch mündliche oder stillschweigende Verträge entstehen kann. Das heißt, durch die Praxis des Geldteilens könnt ihr als GemÖk als GbR gewertet werden, ohne es zu wollen und wissen. Der gemeinsame Zweck könnte dann, falls nichts vereinbart ist, z.B. darin bestehen, für ein gutes, auskömmliches Leben für alle Beteiligten zu sorgen. Dann gelten formal die allgemeinen Bestimmungen in §705 – §740 BGB. Diese Standard-Bestimmungen sind jedoch im Grunde recht nah an der Realität vieler GemÖks. Wenn ihr die Gründung einer GbR selbst formal angeht, können abweichende Vereinbarungen festgehalten werden, was mehr Handlungsspielraum mit sich bringt, wie die Möglichkeit ein Bankkonto zu eröffnen oder Immobilien zu kaufen. Zur Gründung genügt es, einen Gesellschaftsvertrag miteinander abzuschließen, vielleicht habt ihr ja ohnehin schon Werte, Entscheidungsverfahren oder ähnliches festgehalten. Bei Ein- oder Austritten wird dann einfach der Vertrag geändert oder neu gefasst. Eine Registrierung ist nur nötig, wenn ihr z.B. im Grundbuch stehen wollt. Dann werdet ihr zu einer eGbR. Manche Menschen schrecken vor einer GbR zurück, weil diese vorsieht, dass jede Person mit ihrem Privatvermögen haftbar gemacht wird. Das stimmt, gilt allerdings nur für Rechtsgeschäfte, die im Namen der GbR eingegangen werden — nicht für das, was Einzelne als Privatperson tun. Konkret heißt das: man haftet nicht für Schäden oder Schulden der anderen Mitglieder. Die private Haftung greift nur, wenn ihr ein gemeinsames Rechtsgeschäft als GbR eingeht, z.B. einen Kredit aufnehmt. Vorteile einer GbR Rechtliche Absicherung der Vereinbarungen Geschäftskonto als GemÖk-Konto Gemeinsame Definition im Gesellschaftsvertrag kann das Gefühl für die GemÖk stärken Eigentum kann rechtssicher ·kollektiviert· werden Juristische Gleichrangigkeit der Mitglieder Nachteile einer GbR Bürokratischer Aufwand (z.B. bei der Steuererklärung) »Einlagen« sind nicht sicher vor Pfändung Private Haftung für die GbR selbstGemÖk als Verein Ein Verein ist ähnlich wie eine GbR recht unkompliziert zu gründen. Laut den allgemeinen Bestimmungen (§21 – §79a BGB) müssen dabei bestimmte Vorschriften beachtet werden; insbesondere braucht es mindestens sieben Mitglieder, eine Satzung und einen Vorstand, der von der protokollierten Mitgliederversammlung gewählt wird und nach außen Entscheidungen für den Verein treffen kann. Im Gegensatz zur GbR gibt es hier also eine Logik der Repräsentation und die Grundidee, dass die Rechtsstruktur unabhängig existiert, selbst wenn die Mitglieder sich ändern. Die Ungleichheit zwischen Mitgliedern und Vorstand kann verringert werden, indem z.B. einfach alle in den Vorstand gewählt werden, per Satzung soweit möglich alle Entscheidungen der Mitgliederversammlung übertragen werden, oder in der Praxis ·Konsensentscheidungen· mit allen gelten. Wer die Mitglieder sind und wer im Vorstand sitzt, ist im Grunde auch egal; es ist denkbar und gängig, dass Menschen außerhalb der GemÖk den Verein gründen und sogar im Vorstand sind, z.B. um Vereinsgeld besser vor Pfändung zu schützen, oder wenn die GemÖk weniger als sieben Mitglieder hat. Bei einem Verein haftet, im Gegensatz zur GbR, nur der Vorstand mit Privatvermögen und nur im Falle von »grob fahrlässigem Verhalten«. Da ist das Risiko also ziemlich gering, für irgendwelche Dinge privat belangt zu werden. Wenn geklärt ist, wer in den Verein kommt, braucht es nur noch eine formal korrekte Satzung sowie ein Gründungsprotokoll und der Verein ist offiziell gegründet. Verein eintragen Es gibt die Möglichkeit, einen Verein eintragen zu lassen — allerdings bringt das einige bürokratische Anforderungen mit sich. Vorteile sind eine größere Rechtssicherheit, da ein nicht eingetragener Verein unter bestimmten Bedingungen vor Gericht auch als GbR betrachtet werden könnte. Außerdem kann der Verein nach der Eintragung die Gemeinnützigkeit beantragen, was zwar bürokratisch anspruchsvoll ist, aber einen Haufen steuerrechtlicher und finanzieller Vorteile mit sich bringt. Hierfür braucht es dann eine kreative Begründung, warum die Ausgaben der GemÖk einem der Zwecke aus §52 der Abgabenordnung entsprechen, also das Allgemeinwohl fördern. Insbesondere, wenn eure GemÖk ohnehin nach außen wirkende Projekte umsetzt, könnte es sich anbieten, diese Projekte im Rahmen eines (gemeinnützigen) Vereins zu machen . Der wirtschaftliche Verein Alternativ zur Eintragung kann ein Verein auch die Rechtsfähigkeit von einer Behörde verliehen bekommen. Dann ist es ein w.V. nach § 22 BGB. Diese Rechtsform ist eigentlich für GemÖks sehr passend, da sie genau für die Situationen gedacht ist, in denen ein Verein eben nicht ideelle Zwecke verfolgt, sondern die Mitglieder gemeinsam wirtschaften. Allerdings darf er nur verwendet werden, wenn keine andere Rechtsform in Frage kommt. Das muss mit einer Behörde ausgehandelt werden. Es gibt einige Beispiele, bei denen das funktioniert hat, für die meisten Behörden ist das aber neu. Vorteile eines Vereins Rechtliche Absicherung der Vereinbarungen Vereinskonto als GemÖk-Konto Gemeinsame Definition des Vereinszwecks kann das Gefühl für die GemÖk stärken Eigentum kann rechtssicher kollektiviert werden Ein gängiger Weg, um Geld vor Pfändung zu schützen Beschränkte private Haftung der Mitglieder Bei Gemeinnützigkeit: Keine Schenkungssteuer! Nachteile eines Vereins Bürokratischer Aufwand Der Verein ist für ideelle Zwecke gedacht. Das gemeinsame Wirtschaften darf eigentlich nur eine Nebensache sein. Offizielle ·Hierarchie· zwischen den Mitgliedern Bei Gemeinnützigkeit Mehr dauerhafte Buchhaltung notwendig Geld muss Satzungskonform ausgegeben werden Weitere Rechtsformen Es gibt noch eine Reihe weiterer Rechtsformen, die in einzelnen Fällen sinnvoll sein können. Meist ist der Aufwand aber so groß, dass es sich nur lohnt, wenn ihr größere Projekte zusammen angeht oder wenn ihr eine übergeordnete Struktur für mehrere GemÖks bauen wollt. Die Genossenschaft wurde eigentlich genau dafür entwickelt, gleichberechtigt gemeinsam zu wirtschaften. Leider waren die Versuche, die Gesetze so zu ändern, dass auch ohne Prüfungsverbände, Bilanzen usw. gestartet werden kann, noch nicht erfolgreich. Eine Stiftung kann auch interessant sein. Dabei entwickelt das gemeinsame Vermögen quasi auf Dauer ein Eigenleben. Auch hier ist es möglich, ohne Eintragung oder ähnliches zu starten. Eine solche Treuhandstiftung kann aber nicht selbst handeln, sondern muss von z.B. einem Verein verwaltet werden. Denkbar wäre z.B. einen Verein o.ä. zu schaffen, der dann für mehrere GemÖks das Vermögen besitzt und rechtlich für sie handelt. Das Bundesministerium der Justiz plant seit 2024 die Einführung der Institution der Verantwortungsgemeinschaft , mit der es bis zu sechs Menschen rechtlich erleichtert wird, sich gemeinsam zu organisieren. 3.11 Fazit: Klärt das Nötigste und legt los! Ob Geldteilen nun erlaubt ist oder nicht, kann pauschal nicht beantwortet werden. Genauso wenig wie die Frage, ob das überhaupt relevant ist. Vielmehr geht es um eine Abwägung: Wann ist welches Rechtskonstrukt sinnvoll? Was sind eure Bedürfnisse, eure GemÖk rechtlich abzusichern? Was sind Vor- und Nachteile welches Rechtskonstrukts? Wie tief in die Grauzone wollt ihr eintauchen? Welche konkreten Schritte braucht es? Wie immer gibt es also viel zu besprechen. Unser Tipp zum Schluss: Kümmert euch, um alles was ihr braucht, damit ihr gut schlafen könnt und lasst den Rest einfach sein! Erfahrungsbericht – Geldteilen über die GemÖk hinaus L. von »GönnÖk« | 3 Personen | besteht seit 3 Jahren Wir sind seit zwei Jahren zu dritt in unserer GemÖk und es ist sehr schön! Wir haben uns über den Aktivismus kennengelernt, erst kam die Aktion, dann die Freund*innenschaft, dann die GemÖk. Den Großteil unserer Lebenszeit verbringen wir mit selbstorganisierter politischer Arbeit, für die es oft kein Geld gibt. Wir lohnarbeiten daneben aber auch in Jobs, die uns sinnvoll erscheinen, nämlich in der politischen Bildung und der Betreuung von Geflüchteten. Das machen wir nicht nur fürs Geld, sondern auch, um Struktur in unser Leben zu holen, um mal aus der Bubble rauszukommen, und ja, auch für die gesellschaftliche Anerkennung, die ein richtiges Anstellungsverhältnis mit sich bringt. Zusammen mit einem konsumkritischen Lebensstil und dem Zugang zu vielen Kollektivstrukturen bleibt dabei mehr Geld übrig, als wir im Alltag ausgeben. Es sammeln sich also wachsende Geldbeträge auf unseren Konten, was in ziemlichen Widerspruch zu unserer antikapitalistischen politischen Überzeugung steht, nach der privates Vermögen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten schürt. Um nicht einfach endlos Geld anzuhäufen, haben wir deswegen nach einem Jahr in der GemÖk einen Maximalbetrag für unser Vermögen festgelegt. Dafür haben wir zuerst überlegt, wie viel Geld wir brauchen, wenn eine Person für ein Jahr garkeine Einnahmen hat, aber gestiegene Ausgaben, zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit. Mit einem zusätzlichen anfänglichen »Wohlfühl-Puffer« liegt unser Maximalbetrag damit bei 15.000€. (I know: Das ist verdammt viel Geld, und damit sind wir deutlich reicher als viele GemÖks in unserem Umfeld.) Einmal im Quartal schauen wir jetzt auf unsere Gesamtbilanz, also das gesamte Geld, das wir als GemÖk haben. Liegen wir damit über dem Maximalbetrag, spenden wir alles darüber an politische Organisationen oder Einzelpersonen, die das Geld gerade gebrauchen können. Liegen wir darunter, passiert nichts. Meine bisherige Erfahrung damit: Es ist ein cooles Gefühl große Summen zu spenden. Gleichzeitig beobachte ich kritisch, wie schnell mich dabei ein »·White Savior·-Gefühl« oder ein bürgerliches gutes Gewissen einholen können. Um unsere gemeinsamen Finanzen zu verwalten, haben wir einen Verein gegründet, der sich nach Satzung der Unterstützung selbstorganisierter politischer Arbeit verschrieben hat. Über das Vereinskonto können wir jetzt Geldbeträge abseits der Privatkonten verwalten. Das ist auch ein hilfreiches Konstrukt, um nach einer Privatinsolvenz gut und solidarisch leben zu können. Der Verein hilft mir persönlich außerdem dabei, das GemÖk-Geld weniger als »privat« anzusehen. Weil der Verein politische Arbeit fördern soll, fällt es mir damit viel leichter, mit dem Geld auf dem Vereinskonto Aktivistis und politischen Projekten außerhalb der GemÖk Geld zu geben. Letztendlich entscheiden aber trotzdem ausschließlich wir drei GemÖk-Mitglieder über das Geld, und gerade die ersten aufkommenden Sorgen über eine Altersvorsorge schränken die utopischen Ansprüche schon wieder ein, bevor sie sich richtig etabliert haben. Es bleibt also eine andauernde Aufgabe für uns auch in der GemÖk zwischen den äußeren Zwängen, den eigenen Ängsten und Sorgen und den politischen Ansprüchen zu vermitteln. Weiter zu Teil 4 „Ausblick“ → 4. Ausblick 4. Ausblick GemÖks – Kleingruppen, die Geld teilen – durchbrechen die Logik von Tausch, Eigentum und Konkurrenz. Sie sind lebendige Gegenentwürfe – und stoßen doch an Grenzen: Abhängigkeit von Lohnarbeit, begrenzte Reichweite, die Gefahr der Nischenexistenz. Teil einer GemÖk zu sein macht noch lang keine Revolution. Genau diese Einschränkungen zwingen uns zur Frage: Wie werden aus solchen Experimenten gesellschaftliche Alternativen? Wie wachsen sie über ihre eigenen Grenzen hinaus? Mit diesem kleinen Ausblick möchten wir dir Inspiration geben, wie du mit deiner (zukünftigen) GemÖk an den bestehenden Verhältnissen rütteln und ein gutes Leben für alle mitgestalten kannst. 4.1 Die Grenzen der GemÖk GemÖks sind mehr als private Selbsterfahrung – sie sind lebendige Beweise, dass solidarisches Wirtschaften im Hier und Jetzt funktionieren kann. Doch wer sie als einfache Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme versteht, übersieht ihre grundlegenden strukturellen Einschränkungen: Gefangen im System Selbst die engagierteste GemÖk bleibt Teil des Kapitalismus: Miete fließt an Vermieter*innen, Steuern an den Staat. Das Geld dafür muss erst erwirtschaftet werden – oft durch Jobs, die das System stützen, das man eigentlich überwinden will. Das Problem der politischen Blase Während GemÖks für politisch Engagierte funktionieren, erreichen sie bisher selten Menschen ohne aktivistischen Hintergrund. Ihre ·impliziten Codes· wie zum Beispiel Sprache, Äußerlichkeiten, Insider oder Verhaltens·normen· schaffen Barrieren. Ohne bewusste Brückenbildung bleiben sie Inseln der Privilegierten. Repression durch Staat und Markt Kleine alternative Projekte werden belächelt. Aber stellen wir uns einmal vor, aus GemÖks wird eine weitverbreitete Praxis. Je erfolgreicher GemÖks werden, desto härter werden die Reaktionen vonseiten des Staates und Marktes voraussichtlich sein: Steuerprüfungen, rechtliche Schikanen, mediale Hetze. Die Geschichte sozialer Bewegungen zeigt: Das System wehrt sich, sobald es ernsthaft herausgefordert wird. Fehlende Auseinandersetzung mit Herrschaftsstrukturen Einige GemÖks verstehen sich als fertige Alternative statt als Teil eines größeren Wandels. Sie beschäftigen sich nur mit dem internen Miteinander, während draußen die alten Machtverhältnisse weiterwirken. Doch herrschaftskritische Veränderung braucht beides: die gelebte ·Utopie· im Kleinen und den Kampf um gesamtgesellschaftliche, strukturelle Veränderungen. Dies sind nur ein paar Grenzen der GemÖk. Sie machen deutlich, dass alleine in einer GemÖk zu sein nicht ausreicht, um eine größere Transformation zu erreichen. Mehr dazu findest du unter weitere Infos und Texte GemÖk als Puzzleteil in einem größeren Netzwerk GemÖks können ein wichtiges Puzzleteil sein, um einem guten Leben für alle näher zu kommen. Doch sie reichen alleine nicht aus, um ·Tauschlogik·, Herrschaft und ·Kapitalismus· zu überwinden. Dafür müssten sie Teil eines breiteren Widerstands sein, der auch den Aufbau gesamtgesellschaftlicher Alternativen, transnationale Vernetzung und kollektive Konfrontation mit den bestehenden Machtstrukturen umfasst. Die GemÖk sollte also nur als eines von vielen Werkzeugen angesehen werden, um die aktuellen Strukturen von Markt und Staat zu überwinden und eine Welt zu gestalten, in der viele Welten Platz haben. 4.2 Offene und geschlossene Formen tauschlogikfreier Praxis Neben GemÖks existieren zahlreiche verwandte Ansätze mit hierarchiekritischem und tauschlogikfreiem Anspruch, bei denen solidarisch Geld und andere Ressourcen miteinander geteilt werden. Doch nicht alle Projekte funktionieren gleich. Zwei Merkmale, nach denen sich diese Ansätze analysieren lassen, sind die Zugänglichkeit zur Gruppe und die Art der geteilten Ressource. Der Zugang variiert zwischen geschlossenen Gruppen (mit Aufnahmeprozessen) und offenen Strukturen (für alle). Ressourcen reichen von Geld über Lebensmittel bis zu Räumen und Werkzeugen oder sogar Produktionsmitteln, wie Gemeinschaftsgärten oder Werkstätten. Diese Unterschiede prägen, wer teilhaben kann und in welche Lebensbereiche der Ansatz hineinwirkt. Die folgende Übersicht zeigt beispielhaft vier Arten tauschlogikfreier Gruppen – entlang der Achsen »offen« vs. »geschlossen« und »Geld teilen« vs. »andere Ressourcen teilen«: Matrix: Formen tauschlogikfreier Praxis Geld teilen Andere Ressourcen teilen Geschlossene Gruppen GemÖks Kleingruppen, in denen Geld ·kollektiv· verwaltet und tauschlogikfrei geteilt wird. Der Zugang ist begrenzt – z. B. durch Aufnahmeprozesse oder persönliche Nähe. Netzwerk »Freier Fluss« (Wendland) Menschen in mehreren Dörfern teilen regelmäßig selbstgebackenes Brot und andere Dinge – ohne Tausch, aber innerhalb eines geschlossenen Netzwerks. Zugang erfolgt meist über persönliche Beziehungen. Offene Gruppen Black Communities (USA) Innerhalb einzelner Communities wird Geld solidarisch geteilt – etwa bei Krankheit, für Kinderbetreuung oder als Nothilfe. Keine formelle Mitgliedschaft, aber geteilte politische oder soziale Erfahrung. KüfA (Küche für Alle) Ob regelmäßig für die Nachbarschaft oder zu einer bestimmten Veranstaltung: Eine Gruppe kocht und alle Menschen können ohne Gegenleistung essen. Es gibt keine Preise, meistens aber eine Spendendose. Wer möchte, kann Teil des Kollektivs werden, muss es aber nicht. Zwischen Offenheit und Abgrenzung Geschlossene Gruppen bieten oft starke Bindung und gegenseitige Verlässlichkeit. Doch sie laufen Gefahr, ausschließend zu wirken – etwa wenn der Zugang auf eine bestimmte Personenzahl begrenzt oder nur Menschen mit bestimmten Codes oder Vorerfahrungen möglich ist. Offene Gruppen ermöglichen breiteren Zugang, fördern Spontanität und niedrigschwellige Teilhabe. Auch hier können aber informelle Machtstrukturen entstehen – z. B. wenn ein innerer Kern viele Entscheidungen trifft, während andere außen vor bleiben. Sowohl bei offenen als auch geschlossenen Gruppen ist die Frage des Zugangs auch daran gebunden, wer davon erfährt. Über welche Informationskanäle wird eingeladen, welche Sprache genutzt und welche Barrieren reproduziert? All das kann zu Zugangsbeschränkungen führen. Mischformen sind Alltag In der Praxis gibt es viele Gruppen, die weder ganz offen noch ganz geschlossen sind – oder unterschiedliche Zugänge je nach Ressource haben. Beispiel: Ein Umsonstladen kann öffentlich zugänglich sein: Alle dürfen Dinge mitnehmen. Das Spendenkonto verwaltet aber nur eine kleine Gruppe, die sich regelmäßig um den Laden kümmert. Wer bei diesen Entscheidungsprozessen mitmischen will, muss gegebenenfalls erst von der bisherigen Gruppe aufgenommen werden. Fazit Diese verwandten Formen des Teilens zeigen: Es gibt bereits Ansätze, die den Wirkungsbereich von GemÖks erweitern und ergänzen – weil sie durch eine offene Struktur mehr Menschen erreichen und durch das Teilen verschiedener Ressourcen Einfluss auf weitere Lebensbereiche nehmen. Gerade aus dem Zusammenspiel konkreter Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten entstehen komplexe Strukturen mit transformatorischen Potential. 4.3 Netzwerke des Teilens Im Folgenden wollen wir kurz drei Möglichkeiten umreißen, wie sich Kleingruppen-GemÖks in größere Netzwerke der Solidarität einbinden können: Die GemÖk hoch 2 ·Commons·-Strukturen ·Commons·-Verbünde Tiefergehende Infos zu den verschiedenen Ansätzen findest du bei 5.1. Weiterführende Medien 4.3.1 GemÖk hoch 2 Das spezifische Konzept der Kleingruppen-GemÖk lässt sich potenzieren, wenn sich mehrere GemÖk-Gruppen zu einem solidarischen Netzwerk zusammenschließen. Eine »GemÖk hoch zwei« sozusagen, in der weite Bereiche der konkreten Geld-Orga und des sozialen Miteinanders weiterhin in der Kleingruppe organisiert werden. Geld und andere Ressourcen werden aber auch gruppenübergreifend tauschlogikfrei geteilt. Dadurch wird die Reichweite des Teilens erheblich erweitert und kollektive Handlungsmacht aufgebaut. So eine Vernetzung adressiert zentrale Grenzen einzelner GemÖks: Instabilität durch Fluktuation überwinden: Wenn eine Person eine GemÖk mit nur wenigen Mitgliedern verlässt, kann die gesamte Gruppe in Gefahr geraten. In einem Netzwerk mehrerer GemÖks bleiben Strukturen auch bei individuellen Veränderungen stabil. Menschen können zwischen Gruppen wechseln oder neue gründen, ohne dass bestehende Solidarstrukturen zusammenbrechen. Solidarischer Ausgleich statt ungleicher Verteilung: Manche GemÖks haben mehr finanzielle Möglichkeiten als andere – etwa wenn Mitglieder gut bezahlte Jobs haben. Andere teilen prekäre Verhältnisse und kämpfen mit chronischem Geldmangel. Durch gruppenübergreifendes Teilen wird dieser strukturelle Unterschied ausgeglichen. Mehr Selbstbestimmung, weniger Marktabhängigkeit: Je mehr GemÖks sich vernetzen, desto mehr Bedürfnisse können jenseits des Marktes befriedigt werden – durch gegenseitige Unterstützung, ·Skill-Sharing· und den Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen. Die Abhängigkeit von ·Lohnarbeit· und Marktstrukturen sinkt für alle Beteiligten. Politische Sichtbarkeit und gesellschaftliche Relevanz: Einzelne GemÖks bleiben oft unsichtbar oder sind in ihrem Wirken nach innen gerichtet. Vernetzte Strukturen können öffentlich wirksamer auftreten, Wissen verbreiten und weitere Menschen inspirieren. In den letzten Jahren haben Projekte wie das »Solidarnetz« erste Schritte in Richtung einer GemÖk² unternommen – als Plattform für Austausch, gegenseitige Unterstützung und übergreifendes Ressourcen-Teilen zwischen verschiedenen solidarischen Bezugsgruppen. Diese Ansätze zeigen, dass eine Vernetzung praktisch möglich ist, auch wenn sie mit Herausforderungen einhergeht. Hier liegt ein weites Experimentierfeld für neue Formen der Solidarität: Wie können GemÖks sich vernetzen, ohne neue Hierarchien oder exklusive Strukturen zu schaffen? Wie lässt sich Verbindlichkeit herstellen, ohne Freiheit einzuschränken? Solche Versuche sind keine fertigen Lösungen, sondern lebendige Prozesse – und genau darin liegt ihre transformative Kraft. Tipp: Unter Der Weg zur GemÖk Hoch2 findest du Ideen, wie du eine GemÖk² selbst mit aufbauen kannst. 4.3.2 GemÖks und Commons Während GemÖks auf solidarisches Wirtschaften in Kleingruppen setzt, folgen Commons einem anderen, aber ergänzenden Ansatz. Commons sind Güter, Ressourcen oder Räume, die gemeinschaftlich gepflegt und genutzt werden – jenseits von Markt und Staat. Sie gehören weder einzelnen Personen noch werden sie zentral verwaltet, sondern von einer Gruppe oder einem losen Netzwerk von Individuen selbstorganisiert bewirtschaftet. In der Praxis gibt es vielfältige Beispiele für Commons: Nachbarschaftsgärten , die Lern- und Begegnungsräume für alle schaffen und Lebensmittel produzieren Mitmach-Cafés, Offene Theken und Infoläden , in denen jede Person nach ihren Möglichkeiten beiträgt Solidarische Wohnprojekte und Seminarhäuser , um die sich die Menschen kümmern, die dort wohnen bzw. die sie nutzen Repair-Cafés oder Fahrradwerkstätten , in denen Werkzeug für alle zur Verfügung steht und Wissen miteinander geteilt wird Leih-Läden und Umsonstläden , in denen Gegenstände entweder kostenlos ausgeliehen werden können oder verschenkt werden Digitale Commons wie Open-Source-Software, freie Bildungsmaterialien oder Creative CommonsMatrix: GemÖks und Commons GemÖk Commons Tendenziell geschlossene Gruppe Tendenziell offene Zugänglichkeit Fokus auf solidarischem Umgang mit Geld Fokus auf nicht-finanziellen Ressourcen Verbesserter Lebensstandard und zeitliche Freiräume für Einzelne Verbesserter Lebensstandard für viele Reduziert Geldabhängigkeit, schafft aber selbst keine Alternative zum Geldsystem und der kapitalistischer Produktion Kann langfristig Geld überflüssig machen, indem Commons für alle Lebensbereiche (Lebensmittel, Wohnen, …) aufgebaut werden Stell dir vor, wie diese Ansätze zusammenwirken könnten: Du lebst in einem selbstorganisierten Wohnprojekt mit tauschlogikfreier Mietzahlung und beziehst deine Lebensmittel über eine Solidarische Landwirtschaft. Gleichzeitig bist du Teil einer GemÖk, die dir nicht nur finanzielle Sicherheit gibt, sondern auch emotional für dich da ist. Stell dir vor, was du mit deiner Zeit anfangen könntest, wenn du dich nicht ständig um dein Einkommen sorgen müsstest, weil immer weniger Lebensbereiche direkt an Geld gekoppelt sind. Du könntest einen Großteil deiner Zeit und Energie in tauschlogikfreie Projekte stecken, die möglichst vielen Menschen grundlegende Dinge ohne Geld zugänglich machen. Vielleicht baust du eine solidarische Küche auf oder teilst dein Handwerkswissen in einer offenen Werkstatt? Das ist keine ferne Utopie! An verschiedenen Orten leben Menschen bereits so. Sie verbinden die hohe Verbindlichkeit der Kleingruppe mit der Offenheit der Commons und entwickeln damit konkrete Alternativen zum Bestehenden – Alternativen, die nicht nur für wenige Eingeweihte funktionieren, sondern für immer mehr Menschen und andere Lebewesen (wieder) zugänglich werden. 4.3.3 Commons-Verbünde Stell dir vor, du bist Teil mehrerer Commons-Projekte – vielleicht einer Offenen Werkstatt, eines Hausprojekts und einer selbstorganisierten Kita. Du liebst die Grundideen, aber die praktische Umsetzung wird manchmal stressig: Für jedes Projekt gibt es separate Beitragsrunden, Diskussionen über Finanzen und viele Treffen. Hier setzt die Idee eines Commons-Verbunds an. Ein Commons-Verbund ist ein Netzwerk verschiedener Commons-Projekte, die zusammenarbeiten, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Statt jedes Projekt einzeln zu organisieren und zu finanzieren, werden Ressourcen, Verantwortung und auch finanzielle Mittel gemeinsam verwaltet. Dabei bleibt die Entscheidungsmacht über die konkreten Projekte bei den jeweiligen Gruppen – es entsteht keine zentralisierte Entscheidungsstruktur. Die Vorteile liegen auf der Hand: Weniger Organisationsaufwand Statt für jedes Projekt einzeln Beiträge zu sammeln, können gemeinsame Finanzierungsrunden stattfinden. Die Projekte geben ihre Bedarfe an, und Menschen im Verbund entscheiden, wie viel sie insgesamt beitragen können – ob mit Zeit, Geld oder anderen Ressourcen. Direkte Kooperation statt Umwege Wenn Projekte unmittelbar zusammenarbeiten – etwa wenn die Kita ihre Lebensmittel von der solidarischen Landwirtschaft bezieht – werden Geldtransaktionen unnötig. Die Projekte können sich direkt unterstützen, ohne den Umweg über Rechnungen und Zahlungen. Mehr Freiheit für alle Je mehr Projekte sich gegenseitig ergänzen, desto weniger Geld wird benötigt. Menschen können sich stärker darauf konzentrieren, sinnvoll tätig zu sein, statt Geld verdienen zu müssen. Die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt sinkt. Ein Commons-Verbund bedeutet nicht, dass alle Projekte gleich sein müssen oder dass eine zentrale Instanz die Regeln vorgibt. Im Gegenteil: Die Projekte bleiben eigenständig, vernetzen sich aber horizontal und unterstützen sich gegenseitig. Diese Dezentralität ist ein Schlüssel zum Erfolg – sie ermöglicht Vielfalt, Flexibilität und echte Selbstbestimmung. 4.3.4 Widerständige Netzwerke gelebter Utopie GemÖks und andere solidarische Ansätze mit Fokus auf dem Aufbau von alternativen Lebensweisen werden nicht ausreichen, um die Ungerechtigkeit, Gewalt und Ausbeutung von herrschaftlichen Systemen wie Patriarchat und Kapitalismus zu überwinden. Denn wer sich nur zurückzieht, um gelebte Utopien im Kleinen zu erschaffen, wird früher oder später mit der Dystopie im Großen in einen existenziellen Konflikt geraten. So wird zum Beispiel der Aufbau und die Pflege von ·queer·freundlichen Räumen nicht reichen, um die stetig heranwachsende queerfeindliche Gewalt abzuwehren. Und auch der ökologischste Gemüsegarten wird nicht allein durch seine Existenz den Ölkonzern aufhalten, der vor der Haustür das Grundwasser vergiftet. GemÖks, Commons und andere solidarische Formen des Miteinanders müssen deshalb eigene kreative Werkzeuge entwickeln, die eine konstruktive sowie destruktive Widerständigkeit besitzen. Einfach gesagt: Damit ein gutes Leben für alle entstehen und bestehen bleiben kann, muss auch mal was kaputt gemacht werden, um herrschaftsförmige Strukturen zu überwinden. Dies kann Besetzungen, Diskursverschiebungen, Sabotageaktionen oder andere kreative Formen direkter Aktion umfassen. Erst aus dem Zusammenspiel dieser verschiedenen Ansätze – im Dialog, in der Kooperation und in der gemeinsamen Praxis – können widerständige Netzwerke gelebter Utopie entstehen, welche den dystopischen Zuständen und Entwicklungen dieser Zeit etwas entgegensetzen können. ^ Erfahrungsbericht – Meine GemÖk und Beziehungsanarchie Q. von »Mochki« | 2019 gegründet | 3 Personen (seit 2023) Unsere GemÖk ist durch eine der »klassischen« Vertrauensbrücken entstanden: Zuerst waren da Noé und Any. Die beiden waren gemeinsam reisen und hatten dabei angefangen, sich zu zweit ihr Geld zu teilen. Das ist ja vielleicht gar nicht so unüblich, wenn Menschen eine nahe Beziehung miteinander führen, die romantische und sexuelle Ebenen beinhaltet. Das Besondere: Noé und Any haben nicht mit der GemÖk aufgehört, als sich ihre Beziehung verändert hat und sie sich voneinander entfernten. Das ist gelebte Beziehungsanarchie. Eine solche Beziehung wird nicht anhand gesellschaftlich geprägter Regeln ausgerichtet, sondern immer wieder neu ausgehandelt und sich dabei gefragt: Welche Dinge möchte ich mit einer bestimmten Person teilen? Es gibt dann keine vorgefertigten Skripte, wie meine Beziehungen mit Freund*innen, Partner*innen, Liebhaber*innen oder auch Familie aussehen. Das Vertrauen zwischen Noé und Any blieb, anstatt dass die beiden für immer getrennte Wege gehen. Die Berührungspunkte wurden weiter wertgeschätzt, auch das Teilen von Geld. Es gab eine Tabelle für die Organisation der gemeinsamen Finanzen und Gespräche, wie das Geldteilen weiterhin gut funktioniert. Und es geht, JUHU!!! …denn jetzt kam ich erst dazu! Zwischen Any und mir entwickelte sich ein enge Beziehung. Auch wir reisten und leben viel miteinander und das Geldteilen schlich sich als Thema ganz automatisch ein. Also beschlossen wir ganz offiziell eine GemÖk zu dritt zu starten. Tatsächlich teilen viele Menschen um uns herum ihr Geld: In verschiedenen GemÖks oder z.B. in Hausprojekten mit Bietkonzepten, d.h. es werden freiwillige Beiträge hinzugegeben, um den Finanzbedarf zu decken, statt feste Mietpreise zahlen zu müssen. Außerdem gibt es vor Ort eine solidarische Lebensmittelkooperation und weitere Projekte, die sich auch nach außen offen solidarisch finanzieren, wie zum Beispiel ein Bahnhofscafé ohne feste Preise, also nur mit Spenden. Damit werden Ressourcen allen Menschen zugänglich gemacht. Solche Projekte werden auch Commons genannt. Diese Netzwerke geben uns ein bisschen Sicherheit, sodass wir erst mal ohne Lohnarbeit auskommen – auch für den Fall, dass staatliche Leistungen mal wegfallen sollten. Obwohl ich und Noé uns zu Beginn quasi nicht kannten, hatten wir viel voneinander gehört und Vertrauen stellte sich schnell ein. Denn wir vermuteten und entdeckten viele gemeinsame Themen – auch durch eine Art Vertrauensvorschuss über Any. Also über die Person, der wir beide auf unterschiedliche Weise nahestehen. Diese vermittelnde Rolle wurde durch Zeit, die dann Noé und ich verbrachten, immer mehr aufgelöst. Einige wundert diese eher unübliche Beziehungskonstellation (denn in anderen Köpfen spuken noch klassische Labels wie »Ex-Partner*in« herum) – für mich fühlt es sich allerdings organisch gewachsen an. Es hat einiges an Absprachen und Austausch gebraucht, weil sich alle unterschiedlich wohl damit fühlen, ihr Geld zu teilen. Wichtig ist zum Beispiel, dass Any und ich nicht allein viel Austausch zur GemÖk haben, weil wir mehr gemeinsame Zeit miteinander verbringen. Denn Noé mag nicht vor vollendeten Tatsachen stehen, sondern am gemeinsam Austausch beteiligt sein. Es gibt also mit der GemÖk als Praxis die Chance, dass wir Strukturen aufbrechen, die durch gesellschaftliche Hierarchien entstehen. Beispielsweise die Kleinfamilie oder Partner*innenschaft als Institution zum Teilen von Geld und der langfristigen Fürsorge. Dies ist ein Aspekt, der für uns auch aus queerer Perspektive wichtig ist. Außerdem machen Veränderungen in Beziehungen vielleicht ein bisschen weniger Angst, wenn wir nicht die Brüche erwarten, die wir gesellschaftlich eingebläut bekommen haben. So können wir in unsere Beziehungen vertrauen, selbst wenn wir uns verändern. Erfahrungsbericht – Revolutionäre Solidargemeinschaft Tuk von »ST« |aktuell 10 Personen | besteht seit 7 Jahren ST erwächst aus den Erfahrungen im Hambacher Forst. Dort machten Teile der heutigen Gruppe die Erfahrung, dass es sehr frustrierend und schmerzhaft sein kann, wenn man sich innerhalb eines politischen Projekts nicht aufeinander verlassen kann und aufgrund unterschiedlicher politischer Strategien und Weltanschauungen sogar beginnt, gegeneinander zu arbeiten. Ausgehend von den Reflexionen hierüber entstand der Wunsch und dann bald auch ein erstes Konzept für das, was wir zunächst unsere Bezugsgruppe und zeitweise auch unsere revolutionäre Solidargemeinschaft oder Wahlfamilie nannten (im Folgenden BG, kurz für Bezugsgruppe). Diese sollte uns in die Lage versetzen, unser gesamtes Leben der revolutionären politischen Arbeit zu widmen, vollzeitaktiv für den gesellschaftlichen Wandel zu sein und uns hierfür Halt und Sicherheit geben. Sie sollte sowohl ein Instrument für den politischen Kampf sein, als auch Keim einer neuen Gesellschaft, der bereits neue Beziehungsweisen in sich trägt; sie sollte einen Prozess des gleichzeitigen und wechselseitigen Wandels vorantreiben, der unsere kollektive Selbstveränderung und die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse miteinbezieht. Hierfür sahen wir drei Säulen als zentral an, damit die BG diese Funktionen erfüllen kann. Zunächst war da die politische Säule: Die BG war der zentrale Ort unserer politisch-ideologischen Debatten, Bildung und Weiterentwicklung. Hier diskutierten wir über Strategie und Taktik, Theorie und neue Projekte – diese gingen wir auch von hier aus an. Die zweite Säule war die sozial-emotionale Säule. Gemeinsam die Welt verändern wollen und durch Dick und Dünn gehen, schweißt zusammen, braucht diese Verbindung und den Halt, den sie gibt, zugleich aber auch. Denn die Welt in der wir leben, macht es uns nicht leicht, diesen Weg zu gehen: Überall – in der Familie, Schule, Universität, auf der Arbeit, bei alten Freund*innen, in den Medien usw. – bekommen wir zu hören, dass es verrückt sei, sein Leben der Revolution zu widmen anstatt dem eigenen Wohlbefinden innerhalb des Bestehenden. Die BG ist das Gegengewicht zu dieser Dauerbeschallung. In ihr geben wir uns die Gewissheit, dass es im Gegenteil verrückt wäre, nicht alles auf einen Bruch mit dem Bestehenden und einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft zu setzen. Wir sind füreinander da, wenn es schwer ist, den Weg zu gehen und versuchen auch in Momenten der Ratlosigkeit und des Weltschmerzes, einander beizustehen. Gemeinsam feiern wir Siege, die wir erringen können und blasen so neue Kraft in die Glut. Außerdem unterstützen wir uns kritisch in dem Versuch, verinnerlichte Strukturen der Unterdrückung zu überwinden und wahrhaft revolutionäre Persönlichkeiten zu entwickeln. Die dritte Säule schließlich ist die ökonomische Säule. Nicht nur wird uns von allen Seiten zugerufen, dass unser Weg ein irrsinniger sei und uns nur schaden wird; die gesellschaftlichen und besonders die wirtschaftlichen Verhältnisse selbst vereinzeln uns, stellen uns gegeneinander und strafen uns mit materiellen Entbehrungen, wenn wir nicht nach den Regeln spielen. Dem setzen wir die gemeinsame Ökonomie entgegen. Sie bricht die finanzielle Vereinzelung auf und schafft neue Beziehungsweisen zueinander und zum nun nicht mehr privaten Eigentum. Zugleich gibt sie uns Halt und Sicherheit. Inzwischen besteht unsere BG seit sieben Jahren und seit sechs Jahren haben wir eine GemÖk. Tatsächlich ist die BG das zentrale Werkzeug, durch das ich mein Leben so ausrichten kann, wie ich es will: Auf den Bruch mit dem Kapitalismus und den Aufbau einer anderen Welt. Alleine diese Tatsache verleiht unserem Konzept eine gewisse Bestätigung. Jedoch gibt es auch offene Fragen, die sich uns mit den Jahren gestellt haben und auf die wir noch keine Antworten finden konnten. Wir sind uns zum Beispiel unsicher, ob bzw. inwiefern die BG wirklich alle drei Säulen abdecken kann. Viele von uns sind mittlerweile in verschiedenen politischen Organisationen aktiv, führen viele politisch-ideologische Debatten dort und definieren auch ihre politischen Aktivitäten über diese Organisationen statt über die BG, auch wenn diese ein Ort der Debatten und politischen Ausrichtung bleibt. Zudem leben wir nicht alle am selben Ort und in der Vergangenheit ist es uns schmerzhafterweise öfter nicht gelungen, füreinander da zu sein, wenn wir uns am meisten brauchten. Letztlich scheint die unerschütterlichste Säule unserer BG die GemÖk zu sein. Ich denke nicht unbedingt, weil sie uns am wichtigsten wäre, sondern einfach, weil sie die am wenigsten widersprüchliche Säule ist und eine materielle Basis darstellt, die uns nahelegt, zusammenzuhalten. 4.6 Abschluss: Fragend schreiten wir voran! Wow, was für ein Ritt. Eigentlich wolltest du nur ein bisschen lockerer mit Geld werden, und stattdessen hast du dich mit ganz schön persönlichen Reflexionsfragen, sehr konkreter Buchhaltungs-Orga und dem Umbau des gesellschaftlichen Systems beschäftigt. Wenn dich die Fülle an Informationen gerade eher erschlägt als inspiriert, dann gönn dir eine kurze Verschnaufpause von der Theorie. Denn Teilen ist am Ende vor allem eins: Eine Sache der Praxis. Sie wird Realität, wenn Leute loslegen. Das Ausprobieren ist entscheidend, nicht der theoretische Unterbau. In einer GemÖk machen wir konkrete Erfahrungen von Solidarität und lernen dabei ganz praktische Fähigkeiten. Wir machen unser eigenes Leben schöner und senden gleichzeitig ein Zeichen nach außen, dass Alternativen zum Bestehenden möglich sind. GemÖks lösen nicht alle Probleme dieser Welt. Aber sie sind ein super Anfang. Auch wenn dieses Handbuch nun am Ende angelangt ist, die Geschichte der GemÖks ist es noch lange nicht. Jedes Gespräch über Geldteilen, Tauschlogikfreiheit oder das Infragestellen von Herrschaftsstrukturen schreibt sie weiter. Jede Neugründung eröffnet ein neues Kapitel und fügt der gemeinsamen Erzählung einen Teil hinzu. Schlag das Buch zu, schau dich um und wage den Schritt, die Geschichte von hier aus selbst weiterzuschreiben. Weiter zu Teil 5 „Anhang“ → 4.4 GemÖk als Gegenentwurf zur Familie Füreinander emotional, materiell und finanziell zu sorgen – dafür gelten in der kapitalistischen Gesellschaft die Herkunftsfamilie und monogame romantische Zweierbeziehung als die am besten geeigneten Beziehungsformen. Privatisiertes gegenseitiges Pflegen, materielle Versorgung und das potenzielle Vererben von Vermögen innerhalb von Familien sind gesetzlich vorgesehen. Darüber hinaus wird es in der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen, dass sich die Familie und romantische Partner*innen um diese Aufgaben kümmern. Die (finanzielle) Sorge wird somit als Merkmal der Familie naturalisiert, das heißt als natürlich gegeben angesehen. Aber es gibt auch andere Beispiele gegenseitiger Fürsorge: Zahlreiche indigene Gruppen lebten vor der Kolonisierung (und teilweise bis heute) in Gemeinschaften, die den Rahmen der heterosexuellen, monogamen Kernfamilie sprengen: Hierzu gehört etwa die kollektive Erziehung von Kindern, das Einbeziehen der nicht-menschlichen Umwelt in die Gemeinschaft und Formen von Polygamie. Viele Personen, die in Armut leben , bauen sich Unterstützungsnetze auf der Grundlage von Freund*innenschaft und Nachbar*innenschaft auf. Hohen Lebenshaltungskosten und niedrigen, unregelmäßigen Einkommen kann man teilweise nur entgegenwirken, indem sich der Kreis an Menschen, mit denen Besitz geteilt wird, von der Kernfamilie auf größere Personenkreise erweitert. Queere Personen – insbesondere diejenigen, die in der Geschichte selbst von queerfeministischen Bewegungen zurückgelassen wurden (z. B. Transpersonen, nichtbinäre Menschen und Queers of Colour) – sind überdurchschnittlich oft von Ausgrenzung aus der Herkunftsfamilie betroffen. Viele organisieren ihr Leben deswegen in sogenannten »Wahlfamilien«, die das Zusammenleben neu denken und erproben. Manche dieser »Wahlfamilien« nähern sich heteronormativen Skripten an (beispielsweise der legalisierten gleichgeschlechtlichen Ehe). Andere queere Communities beruhen jedoch weniger auf geschlechtsspezifischen, romantischen oder biologistischen Hierarchien. Die West-Berliner »Prololesben« organisierten sich in den späten 1980er und frühen 90er Jahren. Zwei Jahre lang führten sie ein anonymes Umverteilungskonto als Sicherheitsnetz für Lesben, die sich in einer prekären finanziellen Situation befanden, aber keine materielle Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilie erhielten. All diese Gruppen erschufen und erschaffen sich jene Strukturen, die von Herkunftsfamilien gemeinhin erwartet werden. GemÖks reihen sich in diese Beispiele ein. Sie können Netze gegenseitiger Unterstützung sein, die nicht auf Verwandtschaft oder Ehe aufbauen. Manche würden sagen, die Mitglieder der eigenen GemÖk sind »wie Familie«. Dabei ist es wichtig, dass wir uns fragen, welche Aspekte der Familie schön und wichtig sind – z.B. gegenseitige Fürsorge – und welche Aspekte wir eigentlich überwinden möchten. Das Ziel der GemÖk wäre damit eben nicht, wie die Familie zu sein, sondern über sie hinauszuwachsen. 4.5 Mehr-als-menschliche GemÖks »Wer gehört dazu, wer nicht?« – Diese Frage stellt sich nicht nur bei Gründung einer GemÖk oder beim Organisieren von ·Commons· sondern immer dann, wenn (bewusst oder unbewusst) Zugangsbeschränkungen zu einer Gruppe etabliert werden. Sind es nur Menschen mit einem bestimmten Pass oder einer bestimmten Hautfarbe? Alle Menschen, alle Tiere oder alle Lebewesen? Und wer bestimmt, was als vollwertiger Mensch, Tier oder Lebewesen gilt? Diese philosophischen Fragen zum Thema Zugehörigkeit sind keineswegs neu und prägen das Leben von Menschen und anderen Lebewesen schon seit Jahrtausenden. Sie haben verschiedene ethische Konzepte hervorgebracht, von rassistischen Weltbildern, über den Humanismus bis zum Posthumanismus, der eine Dezentrierung des Menschen vorsieht. Aus hierarchiekritischer Perspektive ist es nur konsequent, auch die Beziehung zwischen Mensch und anderen Lebewesen auf Machtgefälle zu prüfen und diese abzubauen. Wie kann eine GemÖk aussehen, die diese Gedanken berücksichtigt? Eine Multispezies-GemÖk oder mehr-als-menschliche GemÖk bedeutet, Einkommen und Ressourcen nicht nur unter Menschen zu teilen, sondern auch andere Lebewesen aktiv in die Gemeinschaft einzubeziehen. Die Entscheidung, wer Zugang zu welchen Strukturen hat, wird dann nicht per se über die Spezies festgelegt. Statt also zu sagen »In unser Haus dürfen nur Menschen und Katzen!«, richten sich Zugangsbeschränkungen nach konkreten Bedürfnissen wie z.B. Hygiene. Man könnte sagen: »Ich wünsche mir, dass keine kranken Ratten in unserer Speisekammer wohnen, weil ich fürchte, sonst angesteckt zu werden«. Wie sieht eine mehr-als-menschliche GemÖk aus? Hierarchiekritische Beziehungen zu nicht-menschlichen Tieren Tiere werden nicht als ·Eigentum· oder Produktionsmittel betrachtet, sondern als gleichwertige Akteur*innen im gemeinsamen Handeln für ein gutes Leben. Genau wie ein Kleinkind nicht bei einer emotionalen Austauschrunde dabei sein muss, muss es auch das nicht-menschliche Tier nicht. Dennoch kann sowohl ein Kleinkind als auch ein anderes Tier als ein Lebewesen mit Bedürfnissen und Teil der GemÖk angesehen werden, welches auch das Leben innerhalb der GemÖk-Gruppe mitgestaltet und bereichert. Umgang mit dem Vermögen einer GemÖk Statt beispielsweise Landbesitz als gemeinsames Vermögen nur für menschliche Bedürfnisse innerhalb der GemÖk zu verwalten, kann auch auf nicht-menschliche Gefährt*innen (z.B. Hunde) oder generell andere Lebewesen mittels Empathie Rücksicht genommen werden. Praktische Fragen für die Gruppe sind zum Beispiel: Wie kann trotz aller Verschiedenheiten kreativ und empathisch mit anderen Lebewesen umgegangen werden? Wie können alle nach ihren Möglichkeiten am Gestalten des Miteinanders teilhaben?Beispiele für bestehende Ansätze: Lebenshöfe : Einige Höfe sind bewusst mit dem Ziel konzipiert, Land aus der kapitalistischen Verwertung zu lösen, nicht-menschlichen Tieren Platz zum Leben zu geben und einen Begegnungsraum für menschliche und nicht-menschliche Tiere zu gestalten. Waldbesetzungen : Manche Waldbesetzungen gestalten die Besetzung selbst als Commons und versuchen in Koexistenz mit nicht-menschlichen Gefährt*innen zu leben und füreinander zu sorgen. Eine mehr-als-menschliche GemÖk kann somit eine tiefere Form der kapitalismus- bzw. herrschaftskritischen Praxis sein, da diese nicht nur auf menschliche Solidarität setzt, sondern auch bestehende Herrschaftsverhältnisse zwischen der Konzeption von Mensch und Natur hinterfragt. Sie fordert heraus, wer an Ökonomien teilhat und wie Ressourcen geteilt werden. Eine solche Perspektive führt nicht nur zu einem herrschaftsfreieren Umgang mit anderen Lebewesen, sondern trägt auch dazu bei, Ausbeutungslogiken auf einer grundsätzlichen Ebene zu durchbrechen. 5. Anhang 5.1 Weiterführende Medien Hier findest du eine unvollständige Liste von Büchern und anderen Medien, die uns beim Schreiben dieses Handbuchs, bei unseren Erfahrungen mit GemÖks und im Leben generell inspiriert und beeinflusst haben. Sie ist sowohl als Quellenangabe als auch als Empfehlungsliste für weiterführende Informationen zu verstehen. Kritik an Kapitalismus und Tauschlogik Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie Vanessa Machado de Oliveira: Hospicing Modernity Friederike Habermann: Ausgetauscht! (online lesbar) Commons Silke Helfrich: Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat (online lesbar) Commons Institut Website: commons-institut.org Gunter Kramp: Commonsverbünde zweiter Anlauf Hierarchiekritik Crimethinc.: Alles verändern (online lesbar) Jörg Bergstedt: Herrschaft. Der Überblick: Formen, Wirkung, Wege zur Herrschaftsfreiheit Crimethinc.: From Democracy to Freedom (online lesbar) Christian Baron, Maria Barankow (Hrsg.): Klasse und Kampf Schwarze Saat: Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus Arbeitskritik Tobi Rosswog: After Work crimethinc.: Work Die Glücklichen Arbeitslosen: Manifest der glücklichen Arbeitslosen David Graeber: Über das Phänomen unsinniger Jobs (online lesbar) Friederike Habermann: Zeitwohlstand. Die Freiheit so zu leben, wie wir es wollen (online lesbar) YouTube-Kanal mit Tipps beim Bezug von Bürgergeld: Jobcenteracademy Startpaket für dein arbeitsfreies Leben ( Linkliste ) Projektwerkstatt Saasen: Selbstorganisierung Reader Gefühle, Bedürfnisse & Kommunikation Bedürfnisse & Kommunikation Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation Vivian Dittmar: Gefühle & Emotionen – eine Gebrauchsanweisung Josephine Apraku: Kluft und Liebe Gruppen, Gemeinschaft, Entscheidungen Eva Stützel: Der Gemeinschaftskompass Rosa Luxemburg Stiftung: Moderation und Grossgruppenbegleitung Antispeziesismus und die mehr-als-menschliche Welt Antispeziesismus und die mehr-als-menschliche Welt Kathryn Gillespie und Rosemary-Claire Collard: Critical Animal Geographies: Politics, Intersections, and Hierarchies in a Multispecies World Donna J. Haraway: When Species Meet Marjorie Spiegel: The Dreaded Comparison: Human and Animal Slavery 5.2 Glossar Antikapitalismus Der Antikapitalismus ist eine politische Idee und Bewegung, die davon ausgeht, dass ein Großteil des Leidens auf der Welt durch ein ungerechtes System verursacht wird: den Kapitalismus. Viele antikapitalistische Positionen streben daher eine gerechte Verteilung von Ressourcen (z.B. Land), Produktionsmitteln (z.B. Fabriken) und Macht an. Seit vielen Jahrhunderten haben sich Menschen gegen den Kapitalismus gewehrt und auch heute kämpfen Antikapitalist*innen in vielen Formen und an vielen Plätzen für eine andere Gesellschaft. Autoritarismus Autoritarismus beschreibt eine Gesellschafts- und Regierungsform, die feste Hierarchien und Gehorsam bejaht und keine kritischen Meinungen zulässt. Ein wichtiges Merkmal von autoritären Strukturen ist der Bezug auf vermeintlich unveränderbare, allgemeine Wertvorstellungen und Traditionen. Die Herrschaft liegt bei einer oder einigen wenigen Personen. Autonomie Autonomie ist ein anderes Wort für Selbstbestimmung, Entscheidungsfreiheit und Selbstständigkeit. Besitz Als Besitz bezeichnen wir die materiellen Dinge, die eine Person (oder eine Gruppe von Personen) tatsächlich benutzt, häufig gebraucht und sich dementsprechend darum kümmert. Besitz wird häufig dem Begriff »Eigentum« gegenübergestellt. Care-Arbeit Care-Arbeit (von engl. care = Fürsorge, Pflege) bezeichnet alle Tätigkeiten, die dem Sorgen für und dem Kümmern um andere Menschen dienen. Dazu gehören Kinderbetreuung, Pflege von Kranken und älteren Menschen, emotionale Unterstützung, Hausarbeit sowie die Organisation des Alltags. Care-Arbeit kann bezahlt oder unbezahlt erfolgen und wird häufig im privaten Umfeld von Angehörigen – meist Frauen – geleistet. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft, wird aber oft gesellschaftlich abgewertet und ökonomisch schlecht oder gar nicht entlohnt. Commons Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte, Ressourcen und Dienstleistungen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die Ressourcen oder Produkte (»Güter«) fokussiert. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons. Vergleiche dazu 4.3 Netzwerke des Teilens: GemÖk und Commons Eigentum Als Eigentum werden die materiellen Dinge bezeichnet, die einem Mensch gehören, unabhängig davon, ob diese Person sie benutzt. Ein Beispiel ist die Mietwohnung, die einer Person als Vermieter*in gehört, während andere darin wohnen und diese nutzen. Sogar wichtige Ressourcen wie Wasser oder Land können zu Eigentum gemacht werden. FLINTA* FLINTA* ist eine Abkürzung. Sie steht für Frauen, , Personen, Menschen, personen und Menschen. Das Sternchen (*) steht für weitere von Queerfeindlichkeit betroffene Personen. GemÖk GemÖk ist eine Abkürzung für Gemeinsame Ökonomie. Als GemÖk bezeichnen wir Kleingruppen, die sich langfristig ihr Geld (entweder Einkommen oder gesamtes Geld inklusive Vermögen) teilen. Hierarchie Hierarchie bedeutet, dass eine Person oder Gruppe Macht über andere ausüben kann, indem sie mehr Befugnisse haben oder Entscheidungen treffen können. Es handelt sich also um eine Rangordnung, in der die Handlungsmöglichkeiten ungleich verteilt sind. Auf welche Art Macht über andere ausgeübt wird, zeigt sich ganz unterschiedlich, z.B. durch Zwangsausübung oder durch unbewusst genutzte Privilegien. Hierarchien entstehen in den meisten sozialen Gegebenheiten, sie können sowohl offensichtlich als auch versteckt (unsichtbar) sein. Vergleiche dazu 1.4. GemÖk Was ist das?: Hierarchiekritisch . implizite Codes Der Begriff Implizite Codes beschreibt nicht ausdrücklich genannte und nicht direkt erkennbare Regeln, Verhaltensweisen und geteilte Meinungen. Das Wissen über implizite Codes und das Vermögen, sie einzuhalten, entscheidet in sozialen Gruppen oft mehr über die Zugehörigkeit als offensichtliche Beschränkungen. Kapitalismus Der Kapitalismus ist ein Gesellschaftssystem, das das Zusammenleben und Wirtschaften maßgeblich bestimmt. Zentrale Merkmale sind das Privateigentum, über das ausschließlich die Eigentümer verfügen dürfen, sowie die Bepreisung von Dingen und Leistungen – allem wird ein fester, oft marktabhängiger Wert zugewiesen. So wird fast alles zur Ware. Typisch für den Kapitalismus ist zudem das Prinzip des stetigen Wachstums: Nur durch fortlaufendes Wachstum können Profite generiert werden. Die Folgen dieses Systems sind vielschichtig: Es begünstigt soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung – und gilt als eine der Hauptursachen der Klimakrise. kollektiv Kollektiv beschreibt etwas, das von einer Gruppe von Menschen gemeinsam getan oder getragen wird. Kollektive Güter, bspw. Fahrräder oder Werkzeuge, gehören nicht einer Person, sondern der ganzen Gruppe. Konsens-Entscheidung Eine Konsens-Entscheidung wird von allen Mitgliedern einer Gruppe gemeinsam getroffen. Einzelne Personen können nicht von der Mehrheit überstimmt werden. Ziel ist es, eine Lösung zu finden, mit der sich alle wohl fühlen und dieser Entscheidung aktiv zustimmen. Lohnarbeit Wenn Menschen für ihre geleistete Arbeit Geld bekommen, wird das als Lohnarbeit bezeichnet. Im Gegensatz dazu gibt es viele Formen der Arbeit, für die es keinen finanziellen Lohn gibt. Beispiele sind Sorgearbeiten wie aufräumen, sich um Andere kümmern o.ä. Normen Eine Norm ist das, was von der Gesellschaft anerkannt und als »Regel« verstanden wird. Normen begegnen uns täglich und oft völlig unbemerkt. Meistens werden sie erst dann wahrgenommen, wenn etwas nicht der Norm entspricht. Häufig wird ein Verstoß gegen Normen bestraft. Privilegien Der Begriff Privilegien beschreibt für Einzelne oder eine Gruppe geltende, besondere Rechte und Zugänglichkeiten, von denen andere ausgeschlossen bleiben. Privilegien können verschiedene Formen annehmen. Sie werden in der Gesellschaft systematisch weitergegeben und verfestigen bestehende Machtverhältnisse. Queer Queer ist eine Sammelbezeichnung für sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Lebensformen. Der Begriff macht die Vielfalt von Lebensrealitäten abseits der gesellschaftlich weiterhin als Regelfall gesehenen Formen von bspw. heteronormativen Beziehungen und cis-Geschlechtlichkeit sichtbar. Revolution Als Revolution wird ein erheblicher Umbruch in allen Lebensbereichen bezeichnet. Häufig wird die Revolution mit einem plötzlichen, gewaltvollen Ereignis in Verbindung gebracht. Im Gegensatz dazu verstehen wir Revolution als fortlaufenden Prozess. Revolution findet statt, wenn Menschen neue Lebens- und Widerstandsformen entwickeln, selbstverwaltete Räume schaffen, sich organisieren oder neue Beziehungen knüpfen. Diese Revolution passiert jeden Tag, schreitet mal schneller, mal langsamer voran und erschafft dabei die Gesellschaft, für die sie kämpft. Skill-sharing Skill- Sharing bezeichnet die Weitergabe von Fähigkeiten an andere Menschen. Häufig wird dabei viel Wert auf einen Umgang auf Augenhöhe zwischen den Beteiligten gelegt. Sorgearbeit Sorgearbeit ist ein deutschsprachiges Wort für Care-Arbeit. Tauschlogik Tauschlogik bedeutet, dass es für jede Leistung eine Gegenleistung braucht. Diese soll denselben Wert haben wie die erhaltene Ware oder Handlung. Vergleiche dazu 1.5. Wieso die Welt mehr GemÖks braucht Utopie Generell bezeichnet eine Utopie eine mögliche, gewünschte oder erträumte Lebensweise oder Gesellschaftsform. Sie entfaltet sich an einem anderen Ort oder in der (fiktiven) Zukunft. Im Gegensatz dazu verstehen wir Utopie nicht nur als Vision für ein besseres Morgen, sondern auch als Möglichkeit, heute schon Alternativen zu leben. Diese gelebten Utopien sind nicht perfekt, bieten aber Raum, auszuprobieren, wie ein gutes Leben für Alle funktionieren kann. weiß »weiß« bezeichnet die bevorzugte Stellung von weißen Menschen innerhalb der Gesellschaft. Es beschreibt damit eine politische und soziale Konstruktion und keine biologische Eigenschaft oder tatsächliche Hautfarbe. Weißsein prägt die Selbstsicht und das Verhalten von weißen Menschen, die wissentlich oder unwissentlich vom rassistischen System profitieren. Oft wird »weiß« kursiv und klein geschrieben, um zu verdeutlichen, dass es nicht um eine ermächtigende Selbstbezeichnung geht, sondern um eine konstruierte gesellschaftliche Kategorie. White Savior White Saviorism (dt. »weißes Retter*innentum«) beschreibt ein Phänomen, bei dem sich weiße Menschen aus dem Globalen Norden dazu berufen fühlen, Menschen aus Ländern des Globalen Südens durch die Mitarbeit an Entwicklungsprojekten oder Geldspenden Hilfestellung zu leisten. Dies geschieht jedoch ohne eine tiefere Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen, den Hintergründen der Missstände oder Einbezug von Betroffenen. Weitere Infos und Texte Handzeichen Es gibt verschiedene Handzeichen, die für nonverbale Kommunikation währen Gruppentreffen genutzt werden. Eine grobe Übersicht gibt es unter →2.2.7 Kommunikation . Genauere Erklärungen inklusive Zeichnungen gibt es unter den Folgeneden Links: https://diskussionshandzeichen.wordpress.com/ https://diskussionshandzeichen.wordpress.com/wp-content/uploads/2010/07/diskussionshandzeichen-3-seitig-a4.pdf https://en.wikipedia.org/wiki/Occupy_movement_hand_signals https://wiki.extinctionrebellion.nl/en/hulpmiddelen/snelstartgids/manier-van-organiseren/handsignalen Wie bei gesprochener Sprache gibt es auch bei Handzeichen Dialekte, deshalb unterscheiden sich die Quellen teilweise. GemÖk und Bürgergeld (detaillierte Infos) Hinweis: Eine Grobe Übersicht über GemÖk und Bürgergeld gibt es unter →3.9 GemÖk und Sozialleistungen Hier wollen wir gerne eine fortlaufende Übersicht über GemÖk und Bürgergeld entstehen lassen. Leider haben wir selbst nicht mehr hilfreiche Infos als das, was im Handbuch unter → 3.9 GemÖk und Sozialleistungen steht. Deshalb brauchen wir deine Mithilfe! Wenn du Lust hast, zu diesem Artikel etwas bei zu tragen, melde dich gerne bei uns ! GemÖk und Pfändung (detaillierte Infos) Hinweis: Eine Grobe Übersicht über GemÖk und Pfändung gibt es unter →3.8 GemÖk und Pfändung Hier wollen wir gerne eine fortlaufende Übersicht über GemÖk und Pfändung entstehen lassen. Leider haben wir selbst nicht mehr hilfreiche Infos als das, was im Handbuch unter →3.8 GemÖk und Pfändung steht. Deshalb brauchen wir deine Mithilfe! Wenn du Lust hast, zu diesem Artikel etwas bei zu tragen, melde dich gerne bei uns ! Weitere Grenzen der GemÖk Hinweis: dies ist eine Ergänzung zum Kapitel →4.1 Die Grenzen der GemÖk Der Start-Up-Effekt: Einige privilegierte Menschen wollen sich gemeinsam in eine finanziell bessere Position bringen und sehen ihr Tun dabei als revolutionär oder disruptiv an. Die Entscheidung, wo viel angehäuftes Geld hinfließt, bleibt bei dieser Gruppe, während Menschen mit weniger leichten Zugang zu Ressourcen weiterhin strukturell unterdrückt bleiben. Fehlende Produktionsmittel: Viele GemÖks konsumieren eher statt selbstbestimmt zu produzieren, was eine dauerhafte Autonomie erschwert. Interne Konflikte: Kollektive Entscheidungsprozesse können zu Spannungen und langwierigen Diskussionen führen, sodass die Gruppe hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist statt nach außen handlungsfähig zu bleiben. Langfristige Stabilität: Insbesondere schlecht vernetzte GemÖks mit wenigen Personen sind oft anfällig für innere und äußere Spannungen. Sobald ein tiefgreifender Konflikt oder eine große finanzielle Belastung aufkommen, kann dies das Ende der gesamten GemÖk bedeuten und Menschen frustriert und resigniert zurücklassen. Gefahr der Selbstausbeutung bei Abhängigkeit von einem solidarischen Umfeld: Um kapitalistische Zwänge zu umgehen, setzen viele GemÖks auf unbezahlte oder schlecht entlohnte Arbeit. Freiwilliges Beitragen wird notwendig sein, um eine Welt jenseits von Markt und Staat zu gestalten. Die Abhängigkeit von einem oder nur wenigen solidarischen Netzen kann jedoch dazu führen, dass eine Person nach intensiven Konflikten allein dasteht. Vereinnahmung durch den Markt: Einige GemÖks müssen Kompromisse eingehen, um sich zu finanzieren, und können dadurch in marktförmige Logiken zurückfallen. Isolation von anderen Kämpfen: Ohne enge Vernetzung mit anderen emanzipatorischen Bewegungen besteht die Gefahr, dass GemÖks zu abgeschotteten Projekten werden, die wenig gesamtgesellschaftlichen Einfluss haben. Der Weg zur GemÖk hoch 2 Hinweis: dies ist eine Ergänzung zum Kapitel →4.3.1 GemÖk hoch 2 Einzelne GemÖks sind mächtige Werkzeuge der Selbstermächtigung, doch ihre transformative Kraft wird um ein Vielfaches potenziert, wenn sie sich vernetzen. Diese Netzwerke, manchmal auch als „GemÖk²“ bzw. „GemÖk Hoch 2“ bezeichnet, verbinden die Praktiken der Kleingruppen zu einem dezentralen Netzwerk gegenseitiger Hilfe. In theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Thema GemÖk Hoch Zwei wurden folgende Gründe für die Notwendigkeit einer engeren Vernetzung zwischen GemÖks benannt 1 : Probleme bei Austritt: Wenn eine Person eine GemÖk mit geringer Personenanzahl verlässt, löst sich die Gruppe eher auf. Unterschiedliche Einnahmen: Manche GemÖks verdienen gut und werden reicher, andere teilen ihre prekären Lebensverhältnisse. Abhängigkeit vom Markt: GemÖks bleiben oft nur bestehen, wenn sie bereit und in der Lage sind, am Markt Geld zu verdienen. Leben auf die Gruppe ausgerichtet: Viele passen ihr Leben an die Gruppe an und nicht an die Anforderungen des Arbeitsmarkts. Wer die Gruppe verlässt, hat oft Probleme, einen normalen Job zu finden oder sich allein um benötigtes Geld zu kümmern. Konflikte durch Enge: Die starke Abhängigkeit von einer Gruppe führt oft zu Spannungen und Streit. Eine GemÖk² sollte also Antworten in der Praxis auf diese Probleme finden, die bei der Vereinzelung von GemÖks auftreten. Die Vernetzung sollte also möglichst so strukturiert sein, dass sie den Wechsel zu einer anderen GemÖk oder Neugründung erleichtert, eine Vielfalt an Gemökformen entwickelt und zulässt, tauschlogikfreien Waren- und Dienstleistungsaustausch sowie Skillsharings zwischen den Gruppen ermöglicht, eine Erhöhung der politischen Relevanz und Wahrnehmbarkeit von GemÖks in der Gesellschaft befördert sowie die Freiräume jenseits des Arbeitsverwertungszwangs erweitert. Zudem lässt sich aus hierarchiekritischer Perspektive noch hinzufügen, dass die Selbstbestimmung der einzelnen GemÖks dennoch erhalten bleiben sollte, um sich nicht von einer großen Organisation abhängig und folglich individuell handlungsunfähiger zu machen. Eine Zentralisierung (insbesondere der Entscheidungsmacht) muss also vermieden werden – auch um am Ende nicht aus Versehen einen neuen Staat geschaffen zu haben. In den Treffen wurde außerdem darauf verzichtet, eine komplett umsetzbare Struktur auszugestalten, da die Bedürfnisse und Situationen der beteiligten GemÖks sehr unterschiedlich sein werden. Daher sind hier einige Anregungen, um so eine GemÖk² anzustoßen: Ein Zusammenschluss kann zeitlich begrenzt und verlängert werden, wenn es gut läuft, um Unsicherheiten und Ängste zu beachten Regelmäßige Treffen möglichst vieler Mitglieder (zu Beginn häufiger, später eventuell auch einmal pro Jahr) erfüllen den Sinn, einen Vertrauensverlust durch zu große Anonymität zu verhindern und bei Bedarf in Kleingruppen vordiskutierte Veränderungen zu entscheiden. Experimente zu machen und das Ganze auch als veränderbar zu sehen, kann beim Zusammenwachsen helfen. Reinspüren, wie sich Prozesse anfühlen und funktionieren ist sinnvoller, als alles zu sehr zu zerdenken und gar nicht erst mit dem Versuchen anzufangen. Die Einigung auf ein niedrigschwelliges Einstiegsmodell könnte den Start erleichtern. Beispiel 1 – Gleiches Grundeinkommen für alle: Alle GemÖks zahlen ihr gesamtes Einkommen auf ein reales (z.B. Vereinskonto) oder fiktives (z.B. Excel-Tabelle oder anderes Buchhaltungstool) Konto ein. Jede Gruppe bekommt davon erstmal die gleiche Menge Geld pro Person. Dadurch kann jede Person schauen (z.B. nach 1 Monat), ob dann jeweils genug da ist. Wenn das nicht reicht, weil z.B. Gesundheitskosten von manchen Personen deutlich höher sind und wenig über bleibt, während andere Gruppen deutlich mehr Geld über haben, dann passt ihr es zukünftig bedarfsorientierter an und kommt so in ein weiteres Abwägen und Abschätzen, wer wie viel braucht. Beispiel 2 – Bedarfsorientiertes Grundauskommen : Alle GemÖks zahlen auf ein reales oder fiktives Konto ein. Jede Gruppe nimmt sich davon erstmal nur, was zur Deckung der Alltagskosten nötig ist (z.B. indem jede Gruppe dafür einen Bedarf pro Monat ermittelt hat, der dann monatlich auf den jeweiligen GemÖk-Konten bleibt oder überwiesen wird). Einmalige größere Ausgaben werden dann einzeln über einen Messenger oder ähnliches gesammelt besprochen oder einfach transparent angekündigt. Zudem kann versucht werden Geldausgaben unnötig zu machen (z.B. weil eine Person einer GemÖk die Fähigkeiten und Ressourcen hat, die in einer anderen Gruppe gebraucht werden und so nicht erkauft werden müssen). Beispiel 3 – Zusammenwachsen durch wachsenden prozentualen Anteil: Alle GemÖks zahlen erstmal nur einen prozentualen Anteil ihres Einkommens auf ein Konto, auf dass alle Zugriff haben. Insbesondere GemÖks, die im Schnitt eher im Minus sind, können sich, wie prinzipiell auch alle anderen, aus dem gemeinsamen Konto das Geld nehmen, was sie zusätzlich brauchen. Der Prozentsatz wird dann über die Zeit gesteigert, bis alles komplett zusammenfließt und bedarfsorientiert geregelt wird. Ein praktisches Beispiel für eine GemÖk² aus den letzten Jahren ist das Solidarnetz, das eine Plattform für solidarische Vernetzung und Kooperation von (Anzahl der Gruppen und beteiligten Menschen rausfinden und wie lang das genau existierte) GemÖks war. 2 Das Selbstverständnis dieses Netzwerks wurde auf der Website solidarnetz.org folgendermaßen beschrieben: „ Wir sind Menschen aus verschiedenen sozialen Bewegungen, die sich bereits in solidarischen Bezugsgruppen organisieren oder auf dem Weg dorthin sind. Um das Konzept der solidarischen Bezugsgruppen zu verbreiten, unsere Gruppen gegenseitig zu unterstützen und uns allen langfristige Sicherheit zu bieten, haben wir uns zu einem regelmäßigen Austausch zusammengeschlossen. Wir leben überall in der BRD verteilt in unterschiedlichen Lebenssituationen. Manche von uns machen Vollzeit-Aktivismus, andere studieren, machen eine Ausbildung oder lohnarbeiten und die meisten von uns machen ein bisschen was von allem. Wir wohnen einzeln, in WGs, Baumhausdörfern oder Kommunen. Es gibt nicht DEN Lebensstil von solidarischen Bezugsgruppen – wir ermöglichen es uns allen, nach unseren Bedürfnissen und unseren Fähigkeiten zu leben, zu lernen und aktiv zu sein. Wir treffen uns zweimal monatlich mit allen Interessierten aus den solidarischen Bezugsgruppen. In diesen Treffen arbeiten wir an einer gemeinsamen Werteebene des Netzwerks und daran, solidarische Bezugsgruppen für mehr Menschen zugänglich zu machen. Im Moment arbeiten wir daran, Bezugsgruppen-übergreifend finanzielle und andere materielle und immaterielle Ressourcen zu teilen. Wir sind offen für alle Menschen, die bereits in solidarischen Bezugsgruppen organisiert sind oder es sein möchten. Die Arbeit des Netzwerks wird von uns allen geformt und vorangebracht.“ Das Solidarnetz und ähnliche Ansätze zeigen, wie vernetzte GemÖks nicht nur ihre individuelle Praxis stärken, sondern auch die Grundlage für eine neue gesellschaftliche Logik schaffen können. Diese Netzwerke sind mehr als die Summe ihrer Teile: Sie bauen idealerweise Hierarchien ab und stützen sich auf Kooperation statt auf Konkurrenz. So entstehen Keimformen einer dezentralen, solidarischen Gesellschaft. Dennoch beruhen die (zumindest hier vorgestellten) theoretischen und praktischen Ansätze auf einem eher geschlossenen Organisationsmodell, da bei GemÖk²-Netzwerken die jeweiligen Gruppen erst ein gegenseitig anerkanntes Mitglied des Netzwerks werden müssen, um tauschlogikfreien Zugang zu gemeinsamen Konten und kollektiv verwalteten Ressourcen zu haben. Für Fremde, anonyme Unbekannte bzw. Nicht-Mitglieder besteht dieser tauschlogikfreie Zugang nicht oder wenn dann eher nur eingeschränkt, nachdem sich die Mitglieder dazu entschieden haben, bestimmte Zugänge zu Ressourcen für Personen außerhalb des Netzwerks zu öffnen. 1 Hier sind nur die Treffen zwischen mehreren GemÖks gemeint, die in und um das Jahr 2012 in Deutschland stattfanden. 2 Die Website des Solidarnetz ist im März 2023 offline gegangen.