4. Ausblick

4. Ausblick

GemÖks – Kleingruppen, die Geld teilen – durchbrechen die Logik von Tausch, Eigentum und Konkurrenz. Sie sind lebendige Gegenentwürfe – und stoßen doch an Grenzen: Abhängigkeit von Lohnarbeit, begrenzte Reichweite, die Gefahr der Nischenexistenz. Teil einer GemÖk zu sein macht noch lang keine Revolution.

Genau diese Einschränkungen zwingen uns zur Frage: Wie werden aus solchen Experimenten gesellschaftliche Alternativen? Wie wachsen sie über ihre eigenen Grenzen hinaus?

Mit diesem kleinen Ausblick möchten wir dir Inspiration geben, wie du mit deiner (zukünftigen) GemÖk an den bestehenden Verhältnissen rütteln und ein gutes Leben für alle mitgestalten kannst.

4.1 Die Grenzen der GemÖk

GemÖks sind mehr als private Selbsterfahrung – sie sind lebendige Beweise, dass solidarisches Wirtschaften im Hier und Jetzt funktionieren kann. Doch wer sie als einfache Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme versteht, übersieht ihre grundlegenden strukturellen Einschränkungen:

Dies sind nur ein paar Grenzen der GemÖk. Sie machen deutlich, dass alleine in einer GemÖk zu sein nicht ausreicht, um eine größere Transformation zu erreichen. Mehr dazu findest du unter weitere Infos und Texte

GemÖk als Puzzleteil in einem größeren Netzwerk

GemÖks können ein wichtiges Puzzleteil sein, um einem guten Leben für alle näher zu kommen. Doch sie reichen alleine nicht aus, um ·Tauschlogik·, Herrschaft und ·Kapitalismus· zu überwinden. Dafür müssten sie Teil eines breiteren Widerstands sein, der auch den Aufbau gesamtgesellschaftlicher Alternativen, transnationale Vernetzung und kollektive Konfrontation mit den bestehenden Machtstrukturen umfasst. Die GemÖk sollte also nur als eines von vielen Werkzeugen angesehen werden, um die aktuellen Strukturen von Markt und Staat zu überwinden und eine Welt zu gestalten, in der viele Welten Platz haben.

4.2 Offene und geschlossene Formen tauschlogikfreier Praxis

Neben GemÖks existieren zahlreiche verwandte Ansätze mit hierarchiekritischem und tauschlogikfreiem Anspruch, bei denen solidarisch Geld und andere Ressourcen miteinander geteilt werden. Doch nicht alle Projekte funktionieren gleich. Zwei Merkmale, nach denen sich diese Ansätze analysieren lassen, sind die Zugänglichkeit zur Gruppe und die Art der geteilten Ressource.

Diese Unterschiede prägen, wer teilhaben kann und in welche Lebensbereiche der Ansatz hineinwirkt. Die folgende Übersicht zeigt beispielhaft vier Arten tauschlogikfreier Gruppen – entlang der Achsen »offen« vs. »geschlossen« und »Geld teilen« vs. »andere Ressourcen teilen«:

Matrix: Formen tauschlogikfreier Praxis

Geld teilenAndere Ressourcen teilen
Geschlossene GruppenGemÖks
Kleingruppen, in denen Geld ·kollektiv· verwaltet und tauschlogikfrei geteilt wird. Der Zugang ist begrenzt – z. B. durch Aufnahmeprozesse oder persönliche Nähe.
Netzwerk »Freier Fluss« (Wendland)
Menschen in mehreren Dörfern teilen regelmäßig selbstgebackenes Brot und andere Dinge – ohne Tausch, aber innerhalb eines geschlossenen Netzwerks. Zugang erfolgt meist über persönliche Beziehungen.
Offene GruppenBlack Communities (USA)
Innerhalb einzelner Communities wird Geld solidarisch geteilt – etwa bei Krankheit, für Kinderbetreuung oder als Nothilfe. Keine formelle Mitgliedschaft, aber geteilte politische oder soziale Erfahrung.
KüfA (Küche für Alle)
Ob regelmäßig für die Nachbarschaft oder zu einer bestimmten Veranstaltung: Eine Gruppe kocht und alle Menschen können ohne Gegenleistung essen. Es gibt keine Preise, meistens aber eine Spendendose. Wer möchte, kann Teil des Kollektivs werden, muss es aber nicht.

Zwischen Offenheit und Abgrenzung

Geschlossene Gruppen bieten oft starke Bindung und gegenseitige Verlässlichkeit. Doch sie laufen Gefahr, ausschließend zu wirken – etwa wenn der Zugang auf eine bestimmte Personenzahl begrenzt oder nur Menschen mit bestimmten Codes oder Vorerfahrungen möglich ist.

Offene Gruppen ermöglichen breiteren Zugang, fördern Spontanität und niedrigschwellige Teilhabe. Auch hier können aber informelle Machtstrukturen entstehen – z. B. wenn ein innerer Kern viele Entscheidungen trifft, während andere außen vor bleiben.

Sowohl bei offenen als auch geschlossenen Gruppen ist die Frage des Zugangs auch daran gebunden, wer davon erfährt. Über welche Informationskanäle wird eingeladen, welche Sprache genutzt und welche Barrieren reproduziert? All das kann zu Zugangsbeschränkungen führen.

Mischformen sind Alltag

In der Praxis gibt es viele Gruppen, die weder ganz offen noch ganz geschlossen sind – oder unterschiedliche Zugänge je nach Ressource haben.

Beispiel:

Ein Umsonstladen kann öffentlich zugänglich sein: Alle dürfen Dinge mitnehmen. Das Spendenkonto verwaltet aber nur eine kleine Gruppe, die sich regelmäßig um den Laden kümmert. Wer bei diesen Entscheidungsprozessen mitmischen will, muss gegebenenfalls erst von der bisherigen Gruppe aufgenommen werden.

Fazit

Diese verwandten Formen des Teilens zeigen: Es gibt bereits Ansätze, die den Wirkungsbereich von GemÖks erweitern und ergänzen – weil sie durch eine offene Struktur mehr Menschen erreichen und durch das Teilen verschiedener Ressourcen Einfluss auf weitere Lebensbereiche nehmen. Gerade aus dem Zusammenspiel konkreter Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten entstehen komplexe Strukturen mit transformatorischen Potential.

4.3 Netzwerke des Teilens

Im Folgenden wollen wir kurz drei Möglichkeiten umreißen, wie sich Kleingruppen-GemÖks in größere Netzwerke der Solidarität einbinden können:

Tiefergehende Infos zu den verschiedenen Ansätzen findest du bei 5.1. Weiterführende Medien

4.3.1 GemÖk hoch 2

Das spezifische Konzept der Kleingruppen-GemÖk lässt sich potenzieren, wenn sich mehrere GemÖk-Gruppen zu einem solidarischen Netzwerk zusammenschließen. Eine »GemÖk hoch zwei« sozusagen, in der weite Bereiche der konkreten Geld-Orga und des sozialen Miteinanders weiterhin in der Kleingruppe organisiert werden. Geld und andere Ressourcen werden aber auch gruppenübergreifend tauschlogikfrei geteilt. Dadurch wird die Reichweite des Teilens erheblich erweitert und kollektive Handlungsmacht aufgebaut. So eine Vernetzung adressiert zentrale Grenzen einzelner GemÖks:

Instabilität durch Fluktuation überwinden:

Wenn eine Person eine GemÖk mit nur wenigen Mitgliedern verlässt, kann die gesamte Gruppe in Gefahr geraten. In einem Netzwerk mehrerer GemÖks bleiben Strukturen auch bei individuellen Veränderungen stabil. Menschen können zwischen Gruppen wechseln oder neue gründen, ohne dass bestehende Solidarstrukturen zusammenbrechen.

Solidarischer Ausgleich statt ungleicher Verteilung:

Manche GemÖks haben mehr finanzielle Möglichkeiten als andere – etwa wenn Mitglieder gut bezahlte Jobs haben. Andere teilen prekäre Verhältnisse und kämpfen mit chronischem Geldmangel. Durch gruppenübergreifendes Teilen wird dieser strukturelle Unterschied ausgeglichen.

Mehr Selbstbestimmung, weniger Marktabhängigkeit:

Je mehr GemÖks sich vernetzen, desto mehr Bedürfnisse können jenseits des Marktes befriedigt werden – durch gegenseitige Unterstützung, ·Skill-Sharing· und den Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen. Die Abhängigkeit von ·Lohnarbeit· und Marktstrukturen sinkt für alle Beteiligten.

Politische Sichtbarkeit und gesellschaftliche Relevanz:

Einzelne GemÖks bleiben oft unsichtbar oder sind in ihrem Wirken nach innen gerichtet. Vernetzte Strukturen können öffentlich wirksamer auftreten, Wissen verbreiten und weitere Menschen inspirieren.

In den letzten Jahren haben Projekte wie das »Solidarnetz« erste Schritte in Richtung einer GemÖk² unternommen – als Plattform für Austausch, gegenseitige Unterstützung und übergreifendes Ressourcen-Teilen zwischen verschiedenen solidarischen Bezugsgruppen. Diese Ansätze zeigen, dass eine Vernetzung praktisch möglich ist, auch wenn sie mit Herausforderungen einhergeht.

Hier liegt ein weites Experimentierfeld für neue Formen der Solidarität: Wie können GemÖks sich vernetzen, ohne neue Hierarchien oder exklusive Strukturen zu schaffen? Wie lässt sich Verbindlichkeit herstellen, ohne Freiheit einzuschränken? Solche Versuche sind keine fertigen Lösungen, sondern lebendige Prozesse – und genau darin liegt ihre transformative Kraft.

Tipp: Unter Der Weg zur GemÖk Hoch2 findest du Ideen, wie du eine GemÖk² selbst mit aufbauen kannst.

4.3.2 GemÖks und Commons

Während GemÖks auf solidarisches Wirtschaften in Kleingruppen setzt, folgen Commons einem anderen, aber ergänzenden Ansatz. Commons sind Güter, Ressourcen oder Räume, die gemeinschaftlich gepflegt und genutzt werden – jenseits von Markt und Staat. Sie gehören weder einzelnen Personen noch werden sie zentral verwaltet, sondern von einer Gruppe oder einem losen Netzwerk von Individuen selbstorganisiert bewirtschaftet.

In der Praxis gibt es vielfältige Beispiele für Commons:

GemÖkCommons
Tendenziell geschlossene GruppeTendenziell offene Zugänglichkeit
Fokus auf solidarischem Umgang mit GeldFokus auf nicht-finanziellen Ressourcen
Verbesserter Lebensstandard und zeitliche Freiräume für EinzelneVerbesserter Lebensstandard für viele
Reduziert Geldabhängigkeit, schafft aber selbst keine Alternative zum Geldsystem und der kapitalistischer ProduktionKann langfristig Geld überflüssig machen, indem Commons für alle Lebensbereiche (Lebensmittel, Wohnen, …) aufgebaut werden

Stell dir vor, wie diese Ansätze zusammenwirken könnten: Du lebst in einem selbstorganisierten Wohnprojekt mit tauschlogikfreier Mietzahlung und beziehst deine Lebensmittel über eine Solidarische Landwirtschaft. Gleichzeitig bist du Teil einer GemÖk, die dir nicht nur finanzielle Sicherheit gibt, sondern auch emotional für dich da ist. Stell dir vor, was du mit deiner Zeit anfangen könntest, wenn du dich nicht ständig um dein Einkommen sorgen müsstest, weil immer weniger Lebensbereiche direkt an Geld gekoppelt sind. Du könntest einen Großteil deiner Zeit und Energie in tauschlogikfreie Projekte stecken, die möglichst vielen Menschen grundlegende Dinge ohne Geld zugänglich machen. Vielleicht baust du eine solidarische Küche auf oder teilst dein Handwerkswissen in einer offenen Werkstatt?

Das ist keine ferne Utopie! An verschiedenen Orten leben Menschen bereits so. Sie verbinden die hohe Verbindlichkeit der Kleingruppe mit der Offenheit der Commons und entwickeln damit konkrete Alternativen zum Bestehenden – Alternativen, die nicht nur für wenige Eingeweihte funktionieren, sondern für immer mehr Menschen und andere Lebewesen (wieder) zugänglich werden.

4.3.3 Commons-Verbünde

Stell dir vor, du bist Teil mehrerer Commons-Projekte – vielleicht einer Offenen Werkstatt, eines Hausprojekts und einer selbstorganisierten Kita. Du liebst die Grundideen, aber die praktische Umsetzung wird manchmal stressig: Für jedes Projekt gibt es separate Beitragsrunden, Diskussionen über Finanzen und viele Treffen. Hier setzt die Idee eines Commons-Verbunds an.

Ein Commons-Verbund ist ein Netzwerk verschiedener Commons-Projekte, die zusammenarbeiten, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Statt jedes Projekt einzeln zu organisieren und zu finanzieren, werden Ressourcen, Verantwortung und auch finanzielle Mittel gemeinsam verwaltet. Dabei bleibt die Entscheidungsmacht über die konkreten Projekte bei den jeweiligen Gruppen – es entsteht keine zentralisierte Entscheidungsstruktur.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

Ein Commons-Verbund bedeutet nicht, dass alle Projekte gleich sein müssen oder dass eine zentrale Instanz die Regeln vorgibt. Im Gegenteil: Die Projekte bleiben eigenständig, vernetzen sich aber horizontal und unterstützen sich gegenseitig. Diese Dezentralität ist ein Schlüssel zum Erfolg – sie ermöglicht Vielfalt, Flexibilität und echte Selbstbestimmung.

4.3.4 Widerständige Netzwerke gelebter Utopie

GemÖks und andere solidarische Ansätze mit Fokus auf dem Aufbau von alternativen Lebensweisen werden nicht ausreichen, um die Ungerechtigkeit, Gewalt und Ausbeutung von herrschaftlichen Systemen wie Patriarchat und Kapitalismus zu überwinden. Denn wer sich nur zurückzieht, um gelebte Utopien im Kleinen zu erschaffen, wird früher oder später mit der Dystopie im Großen in einen existenziellen Konflikt geraten. So wird zum Beispiel der Aufbau und die Pflege von ·queer·freundlichen Räumen nicht reichen, um die stetig heranwachsende queerfeindliche Gewalt abzuwehren. Und auch der ökologischste Gemüsegarten wird nicht allein durch seine Existenz den Ölkonzern aufhalten, der vor der Haustür das Grundwasser vergiftet.

GemÖks, Commons und andere solidarische Formen des Miteinanders müssen deshalb eigene kreative Werkzeuge entwickeln, die eine konstruktive sowie destruktive Widerständigkeit besitzen. Einfach gesagt: Damit ein gutes Leben für alle entstehen und bestehen bleiben kann, muss auch mal was kaputt gemacht werden, um herrschaftsförmige Strukturen zu überwinden. Dies kann Besetzungen, Diskursverschiebungen, Sabotageaktionen oder andere kreative Formen direkter Aktion umfassen.

Erst aus dem Zusammenspiel dieser verschiedenen Ansätze – im Dialog, in der Kooperation und in der gemeinsamen Praxis – können widerständige Netzwerke gelebter Utopie entstehen, welche den dystopischen Zuständen und Entwicklungen dieser Zeit etwas entgegensetzen können.

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Erfahrungsbericht – Meine GemÖk und Beziehungsanarchie

Q. von »Mochki« | 2019 gegründet | 3 Personen (seit 2023)

Unsere GemÖk ist durch eine der »klassischen« Vertrauensbrücken entstanden: Zuerst waren da Noé und Any. Die beiden waren gemeinsam reisen und hatten dabei angefangen, sich zu zweit ihr Geld zu teilen. Das ist ja vielleicht gar nicht so unüblich, wenn Menschen eine nahe Beziehung miteinander führen, die romantische und sexuelle Ebenen beinhaltet. Das Besondere: Noé und Any haben nicht mit der GemÖk aufgehört, als sich ihre Beziehung verändert hat und sie sich voneinander entfernten. Das ist gelebte Beziehungsanarchie. Eine solche Beziehung wird nicht anhand gesellschaftlich geprägter Regeln ausgerichtet, sondern immer wieder neu ausgehandelt und sich dabei gefragt: Welche Dinge möchte ich mit einer bestimmten Person teilen? Es gibt dann keine vorgefertigten Skripte, wie meine Beziehungen mit Freund*innen, Partner*innen, Liebhaber*innen oder auch Familie aussehen.

Das Vertrauen zwischen Noé und Any blieb, anstatt dass die beiden für immer getrennte Wege gehen. Die Berührungspunkte wurden weiter wertgeschätzt, auch das Teilen von Geld. Es gab eine Tabelle für die Organisation der gemeinsamen Finanzen und Gespräche, wie das Geldteilen weiterhin gut funktioniert. Und es geht, JUHU!!! …denn jetzt kam ich erst dazu! Zwischen Any und mir entwickelte sich ein enge Beziehung. Auch wir reisten und leben viel miteinander und das Geldteilen schlich sich als Thema ganz automatisch ein. Also beschlossen wir ganz offiziell eine GemÖk zu dritt zu starten.

Tatsächlich teilen viele Menschen um uns herum ihr Geld: In verschiedenen GemÖks oder z.B. in Hausprojekten mit Bietkonzepten, d.h. es werden freiwillige Beiträge hinzugegeben, um den Finanzbedarf zu decken, statt feste Mietpreise zahlen zu müssen. Außerdem gibt es vor Ort eine solidarische Lebensmittelkooperation und weitere Projekte, die sich auch nach außen offen solidarisch finanzieren, wie zum Beispiel ein Bahnhofscafé ohne feste Preise, also nur mit Spenden. Damit werden Ressourcen allen Menschen zugänglich gemacht. Solche Projekte werden auch Commons genannt. Diese Netzwerke geben uns ein bisschen Sicherheit, sodass wir erst mal ohne Lohnarbeit auskommen – auch für den Fall, dass staatliche Leistungen mal wegfallen sollten.

Obwohl ich und Noé uns zu Beginn quasi nicht kannten, hatten wir viel voneinander gehört und Vertrauen stellte sich schnell ein. Denn wir vermuteten und entdeckten viele gemeinsame Themen – auch durch eine Art Vertrauensvorschuss über Any. Also über die Person, der wir beide auf unterschiedliche Weise nahestehen. Diese vermittelnde Rolle wurde durch Zeit, die dann Noé und ich verbrachten, immer mehr aufgelöst. Einige wundert diese eher unübliche Beziehungskonstellation (denn in anderen Köpfen spuken noch klassische Labels wie »Ex-Partner*in« herum) – für mich fühlt es sich allerdings organisch gewachsen an. Es hat einiges an Absprachen und Austausch gebraucht, weil sich alle unterschiedlich wohl damit fühlen, ihr Geld zu teilen. Wichtig ist zum Beispiel, dass Any und ich nicht allein viel Austausch zur GemÖk haben, weil wir mehr gemeinsame Zeit miteinander verbringen. Denn Noé mag nicht vor vollendeten Tatsachen stehen, sondern am gemeinsam Austausch beteiligt sein.

Es gibt also mit der GemÖk als Praxis die Chance, dass wir Strukturen aufbrechen, die durch gesellschaftliche Hierarchien entstehen. Beispielsweise die Kleinfamilie oder Partner*innenschaft als Institution zum Teilen von Geld und der langfristigen Fürsorge. Dies ist ein Aspekt, der für uns auch aus queerer Perspektive wichtig ist. Außerdem machen Veränderungen in Beziehungen vielleicht ein bisschen weniger Angst, wenn wir nicht die Brüche erwarten, die wir gesellschaftlich eingebläut bekommen haben. So können wir in unsere Beziehungen vertrauen, selbst wenn wir uns verändern.

Erfahrungsbericht – Revolutionäre Solidargemeinschaft

Tuk von »ST« |aktuell 10 Personen | besteht seit 7 Jahren

ST erwächst aus den Erfahrungen im Hambacher Forst. Dort machten Teile der heutigen Gruppe die Erfahrung, dass es sehr frustrierend und schmerzhaft sein kann, wenn man sich innerhalb eines politischen Projekts nicht aufeinander verlassen kann und aufgrund unterschiedlicher politischer Strategien und Weltanschauungen sogar beginnt, gegeneinander zu arbeiten.

Ausgehend von den Reflexionen hierüber entstand der Wunsch und dann bald auch ein erstes Konzept für das, was wir zunächst unsere Bezugsgruppe und zeitweise auch unsere revolutionäre Solidargemeinschaft oder Wahlfamilie nannten (im Folgenden BG, kurz für Bezugsgruppe). Diese sollte uns in die Lage versetzen, unser gesamtes Leben der revolutionären politischen Arbeit zu widmen, vollzeitaktiv für den gesellschaftlichen Wandel zu sein und uns hierfür Halt und Sicherheit geben. Sie sollte sowohl ein Instrument für den politischen Kampf sein, als auch Keim einer neuen Gesellschaft, der bereits neue Beziehungsweisen in sich trägt; sie sollte einen Prozess des gleichzeitigen und wechselseitigen Wandels vorantreiben, der unsere kollektive Selbstveränderung und die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse miteinbezieht.

Hierfür sahen wir drei Säulen als zentral an, damit die BG diese Funktionen erfüllen kann. Zunächst war da die politische Säule: Die BG war der zentrale Ort unserer politisch-ideologischen Debatten, Bildung und Weiterentwicklung. Hier diskutierten wir über Strategie und Taktik, Theorie und neue Projekte – diese gingen wir auch von hier aus an.

Die zweite Säule war die sozial-emotionale Säule. Gemeinsam die Welt verändern wollen und durch Dick und Dünn gehen, schweißt zusammen, braucht diese Verbindung und den Halt, den sie gibt, zugleich aber auch. Denn die Welt in der wir leben, macht es uns nicht leicht, diesen Weg zu gehen: Überall – in der Familie, Schule, Universität, auf der Arbeit, bei alten Freund*innen, in den Medien usw. – bekommen wir zu hören, dass es verrückt sei, sein Leben der Revolution zu widmen anstatt dem eigenen Wohlbefinden innerhalb des Bestehenden.

Die BG ist das Gegengewicht zu dieser Dauerbeschallung. In ihr geben wir uns die Gewissheit, dass es im Gegenteil verrückt wäre, nicht alles auf einen Bruch mit dem Bestehenden und einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft zu setzen. Wir sind füreinander da, wenn es schwer ist, den Weg zu gehen und versuchen auch in Momenten der Ratlosigkeit und des Weltschmerzes, einander beizustehen. Gemeinsam feiern wir Siege, die wir erringen können und blasen so neue Kraft in die Glut. Außerdem unterstützen wir uns kritisch in dem Versuch, verinnerlichte Strukturen der Unterdrückung zu überwinden und wahrhaft revolutionäre Persönlichkeiten zu entwickeln.

Die dritte Säule schließlich ist die ökonomische Säule. Nicht nur wird uns von allen Seiten zugerufen, dass unser Weg ein irrsinniger sei und uns nur schaden wird; die gesellschaftlichen und besonders die wirtschaftlichen Verhältnisse selbst vereinzeln uns, stellen uns gegeneinander und strafen uns mit materiellen Entbehrungen, wenn wir nicht nach den Regeln spielen.

Dem setzen wir die gemeinsame Ökonomie entgegen. Sie bricht die finanzielle Vereinzelung auf und schafft neue Beziehungsweisen zueinander und zum nun nicht mehr privaten Eigentum. Zugleich gibt sie uns Halt und Sicherheit. Inzwischen besteht unsere BG seit sieben Jahren und seit sechs Jahren haben wir eine GemÖk. Tatsächlich ist die BG das zentrale Werkzeug, durch das ich mein Leben so ausrichten kann, wie ich es will: Auf den Bruch mit dem Kapitalismus und den Aufbau einer anderen Welt.

Alleine diese Tatsache verleiht unserem Konzept eine gewisse Bestätigung. Jedoch gibt es auch offene Fragen, die sich uns mit den Jahren gestellt haben und auf die wir noch keine Antworten finden konnten. Wir sind uns zum Beispiel unsicher, ob bzw. inwiefern die BG wirklich alle drei Säulen abdecken kann. Viele von uns sind mittlerweile in verschiedenen politischen Organisationen aktiv, führen viele politisch-ideologische Debatten dort und definieren auch ihre politischen Aktivitäten über diese Organisationen statt über die BG, auch wenn diese ein Ort der Debatten und politischen Ausrichtung bleibt. Zudem leben wir nicht alle am selben Ort und in der Vergangenheit ist es uns schmerzhafterweise öfter nicht gelungen, füreinander da zu sein, wenn wir uns am meisten brauchten.

Letztlich scheint die unerschütterlichste Säule unserer BG die GemÖk zu sein. Ich denke nicht unbedingt, weil sie uns am wichtigsten wäre, sondern einfach, weil sie die am wenigsten widersprüchliche Säule ist und eine materielle Basis darstellt, die uns nahelegt, zusammenzuhalten.

4.6 Abschluss: Fragend schreiten wir voran!

Wow, was für ein Ritt. Eigentlich wolltest du nur ein bisschen lockerer mit Geld werden, und stattdessen hast du dich mit ganz schön persönlichen Reflexionsfragen, sehr konkreter Buchhaltungs-Orga und dem Umbau des gesellschaftlichen Systems beschäftigt. Wenn dich die Fülle an Informationen gerade eher erschlägt als inspiriert, dann gönn dir eine kurze Verschnaufpause von der Theorie.

Denn Teilen ist am Ende vor allem eins: Eine Sache der Praxis. Sie wird Realität, wenn Leute loslegen. Das Ausprobieren ist entscheidend, nicht der theoretische Unterbau.

In einer GemÖk machen wir konkrete Erfahrungen von Solidarität und lernen dabei ganz praktische Fähigkeiten. Wir machen unser eigenes Leben schöner und senden gleichzeitig ein Zeichen nach außen, dass Alternativen zum Bestehenden möglich sind. GemÖks lösen nicht alle Probleme dieser Welt. Aber sie sind ein super Anfang.

Auch wenn dieses Handbuch nun am Ende angelangt ist, die Geschichte der GemÖks ist es noch lange nicht. Jedes Gespräch über Geldteilen, Tauschlogikfreiheit oder das Infragestellen von Herrschaftsstrukturen schreibt sie weiter. Jede Neugründung eröffnet ein neues Kapitel und fügt der gemeinsamen Erzählung einen Teil hinzu.

Schlag das Buch zu, schau dich um und wage den Schritt, die Geschichte von hier aus selbst weiterzuschreiben.

4.4 GemÖk als Gegenentwurf zur Familie

Füreinander emotional, materiell und finanziell zu sorgen – dafür gelten in der kapitalistischen Gesellschaft die Herkunftsfamilie und monogame romantische Zweierbeziehung als die am besten geeigneten Beziehungsformen. Privatisiertes gegenseitiges Pflegen, materielle Versorgung und das potenzielle Vererben von Vermögen innerhalb von Familien sind gesetzlich vorgesehen. Darüber hinaus wird es in der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen, dass sich die Familie und romantische Partner*innen um diese Aufgaben kümmern. Die (finanzielle) Sorge wird somit als Merkmal der Familie naturalisiert, das heißt als natürlich gegeben angesehen. Aber es gibt auch andere Beispiele gegenseitiger Fürsorge:

All diese Gruppen erschufen und erschaffen sich jene Strukturen, die von Herkunftsfamilien gemeinhin erwartet werden. GemÖks reihen sich in diese Beispiele ein. Sie können Netze gegenseitiger Unterstützung sein, die nicht auf Verwandtschaft oder Ehe aufbauen. Manche würden sagen, die Mitglieder der eigenen GemÖk sind »wie Familie«. Dabei ist es wichtig, dass wir uns fragen, welche Aspekte der Familie schön und wichtig sind – z.B. gegenseitige Fürsorge – und welche Aspekte wir eigentlich überwinden möchten. Das Ziel der GemÖk wäre damit eben nicht, wie die Familie zu sein, sondern über sie hinauszuwachsen.

4.5 Mehr-als-menschliche GemÖks

»Wer gehört dazu, wer nicht?« – Diese Frage stellt sich nicht nur bei Gründung einer GemÖk oder beim Organisieren von ·Commons· sondern immer dann, wenn (bewusst oder unbewusst) Zugangsbeschränkungen zu einer Gruppe etabliert werden. Sind es nur Menschen mit einem bestimmten Pass oder einer bestimmten Hautfarbe? Alle Menschen, alle Tiere oder alle Lebewesen? Und wer bestimmt, was als vollwertiger Mensch, Tier oder Lebewesen gilt?

Diese philosophischen Fragen zum Thema Zugehörigkeit sind keineswegs neu und prägen das Leben von Menschen und anderen Lebewesen schon seit Jahrtausenden. Sie haben verschiedene ethische Konzepte hervorgebracht, von rassistischen Weltbildern, über den Humanismus bis zum Posthumanismus, der eine Dezentrierung des Menschen vorsieht. Aus hierarchiekritischer Perspektive ist es nur konsequent, auch die Beziehung zwischen Mensch und anderen Lebewesen auf Machtgefälle zu prüfen und diese abzubauen. Wie kann eine GemÖk aussehen, die diese Gedanken berücksichtigt?

Eine Multispezies-GemÖk oder mehr-als-menschliche GemÖk bedeutet, Einkommen und Ressourcen nicht nur unter Menschen zu teilen, sondern auch andere Lebewesen aktiv in die Gemeinschaft einzubeziehen. Die Entscheidung, wer Zugang zu welchen Strukturen hat, wird dann nicht per se über die Spezies festgelegt. Statt also zu sagen »In unser Haus dürfen nur Menschen und Katzen!«, richten sich Zugangsbeschränkungen nach konkreten Bedürfnissen wie z.B. Hygiene. Man könnte sagen: »Ich wünsche mir, dass keine kranken Ratten in unserer Speisekammer wohnen, weil ich fürchte, sonst angesteckt zu werden«.

Wie sieht eine mehr-als-menschliche GemÖk aus?

Eine mehr-als-menschliche GemÖk kann somit eine tiefere Form der kapitalismus- bzw. herrschaftskritischen Praxis sein, da diese nicht nur auf menschliche Solidarität setzt, sondern auch bestehende Herrschaftsverhältnisse zwischen der Konzeption von Mensch und Natur hinterfragt. Sie fordert heraus, wer an Ökonomien teilhat und wie Ressourcen geteilt werden. Eine solche Perspektive führt nicht nur zu einem herrschaftsfreieren Umgang mit anderen Lebewesen, sondern trägt auch dazu bei, Ausbeutungslogiken auf einer grundsätzlichen Ebene zu durchbrechen.