1. Einleitung


1.1 Warum das Teilen von Geld sinnvoll ist

In einer Welt, in der viele auf sich allein gestellt wirtschaften, kann das Teilen von Geld eine revolutionäre Kraft entfalten. Ob in der WG, im Freund*innenkreis, in der Familie oder im Gemeinschaftsprojekt: Geld zu teilen ist mehr als nur praktisch. Gemeinsam mit anderen über Geld nachzudenken und es gleichberechtigt zu teilen, bringt nicht nur Entlastung im Alltag, sondern auch Nähe, Vertrauen und neue Möglichkeiten. Plötzlich wird aus »mein« und »dein« ein »unser« – es ist eine kleine ·Revolution· im Alltag.

Warum sich allein in einem Hamsterrad abstrampeln, wenn ein solidarisches Miteinander genau dieses Hamsterrad überflüssig machen könnte? Statt Rücklagen für sich selbst zu horten, entsteht ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe, große finanzielle Herausforderungen verlieren ihren Schrecken – und bestenfalls bleibt mehr Zeit und Energie für das, was euch wirklich bewegt.

Durch das Teilen von Geld und anderen Ressourcen kommen wir dem guten Leben für alle ein Schrittchen näher – einem vielfältigen Miteinander, das auch ohne Geld funktionieren kann.

Doch wie sieht das in der Praxis aus? Dieses Handbuch will Mut machen, das Geldteilen in einer Gemeinsamen Ökonomie (GemÖk) auszuprobieren. Hier findest du Inspiration, konkrete Tipps und Erfahrungsberichte, die zeigen: Geld zu teilen bedeutet nicht Verlust, sondern Gewinn – für alle.

<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>

1.2 Über uns

Wir, die vier Autor*innen und Herausgeber*innen dieses Handbuchs, sind selbst in unterschiedlichen Gemeinsamen Ökonomien organisiert. Wir alle haben irgendwann zum ersten Mal von der aberwitzigen Idee gehört, das eigene Geld mit anderen zu teilen, nicht nur ausnahmsweise an einem Kneipenabend, sondern grundsätzlich und langfristig. 

Verschiedene Gründe – von der Freude am Experimentieren, über den Anspruch nach solidarischer Organisierung bis hin zur Sehnsucht nach mehr Verbindlichkeit – haben jede*n von uns schlussendlich dazu bewogen, es auszuprobieren. Diesen Schritt konnten wir wagen,  weil uns viele Menschen und Projekte inspiriert haben, die bereits Gleiches oder Ähnliches verwirklicht haben und dies auch weiterhin tun. Wir sind dankbar für die Vorarbeit und Inspiration Anderer, und für das Netzwerk toller Menschen um uns herum, mit denen wir zusammen jeden Tag das Leben utopischer Selbstverständlichkeiten ausprobieren, scheitern und neu versuchen können.

Wir möchten dieses Handbuch als einen Beitrag zu diesem weit verflochtenen Netzwerk verstehen. Es ist eine Momentaufnahme unserer (begrenzten) Perspektive auf die Theorie und Praxis der Gemeinsamen Ökonomie. Ideen, Good Practices und Recherchen, die wir über die Zeit sammeln durften – zusammengefasst und möglichst zugänglich gemacht. Das Ganze immer wieder gespickt mit Erfahrungsberichten und Gastbeiträgen von GemÖks aus unserem erweiterten Umfeld.Dieses Handbuch ist dabei nicht nur geprägt von unseren individuellen GemÖk-Erfahrungen, sondern auch von unserer gesellschaftlichen Positionierung und dem Kontext, in dem wir leben. Wir sind alle weiß, jung, gesellschaftlich nicht-behindert und haben einen deutschen Pass, wir alle leben mit unseren GemÖks (hauptsächlich) in Deutschland. Wir teilen den politischen Anspruch nach einer herrschaftsfreieren, solidarischeren Welt und engagieren uns gegen Autoritarismus und Ausbeutungsverhältnisse. Wir stehen Staat und Eigentum kritisch gegenüber und versuchen in unseren Umfeldern Alternativen zu leben.

1. Einleitung

Geld ist mehr als nur ein Mittel zum Bezahlen – es verbindet und trennt uns zugleich. Geld prägt unsere persönlichen Träume und Lebenswege, unsere Beziehungen zueinander und oft sogar, wie wir uns selbst und andere bewerten.
Stell dir vor, Geld wäre nicht der Taktgeber unseres Zusammenlebens, sondern nur ein Werkzeug unter vielen, welches wir irgendwann auch einfach zurücklassen könnten. Wie würde sich dadurch dein Leben verändern?

1.3 Über dieses Handbuch

Dieses Handbuch besteht aus fünf Teilen.

  1. Einleitung: Was ist eine GemÖk und warum ist Geldteilen eine gute Idee?
  2. Praxis-Teil: Leitfaden zum GemÖk-Gründen und Infos zu den häufigsten Konfliktfeldern
  3. Nachschlage-Teil: Sammlung häufiger Sach- und Fachfragen rund ums Geldteilen
  4. Ausblick: Einordnung von GemÖks in größere gesellschaftliche Zusammenhänge
  5. Anhang: Ergänzende Informationen, wie Glossar, weiterführende Medien und Bestellinfos

Das Handbuch ist ein Versuch, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und verschiedenen gesellschaftlichen Analysen von der Idee der Gemeinsamen Ökonomie zu erzählen und hoffentlich möglichst viele mit unserer Begeisterung dafür anzustecken.

Wir haben uns beim Schreiben um eine allgemein verständliche Sprache bemüht. Trotzdem tauchen im Text immer mal wieder Begriffe auf, die nicht allen bekannt sein werden. Deswegen findest du im Anhang ein Glossar, in dem wir diese Begriffe erklären. Im Text sind sie bei ihrem ersten Auftauchen mit ·Punkten· hervorgehoben.

Es kann gut sein, dass manche Teile des Handbuchs für die Einen sehr hilfreich und für die Anderen unwichtig, langweilig oder irritierend sind. Wir laden Euch als Lesende ein, Positionen, mit denen Ihr nicht übereinstimmt, einfach im Buch zu lassen und eine eigene Form und Kultur von GemÖk zu entwickeln, die mit Euren Werten übereinstimmt! Für alle Neuen hier: Es ist nicht nötig, das gesamte Handbuch gelesen zu haben, um eine GemÖk zu gründen, aber es kann euch mit Sicherheit dabei unterstützen.

Über das Online-Handbuch

Zu Beginn des Projektes dachten wir, dass wir innerhalb von sechs Monaten ein dünnes Zine (= Heftchen) über Gemeinsame Ökonomien schreiben. Ein Jahr später haben wir stattdessen dieses Handbuch zusammengestellt, prall gefüllt mit Informationen und Perspektiven aufs Geldteilen.

Einige Ideen für weiterführende Informationen und politische Einordnungen haben es letztendlich doch nicht in den Druck geschafft. Weil wir euch diese Teile aber nicht vorenthalten und den Austausch über GemÖks außerdem aktuell und im besten Fall sogar interaktiv halten wollen, gibt es zum Handbuch noch diese ständig wachsende digitale Erweiterung. Wenn du selbst zum Online-Handbuch beitragen willst, schicke uns gerne deine Texte und Informationen, damit wir sie zur Website hinzufügen können.

1.4 GemÖk – Was ist das?

GemÖk steht für Gemeinsame Ökonomie. Was dieser Begriff genau beschreibt, ist jedoch von Person zu Person, sowie nach Ort und Zeitpunkt in der Geschichte unterschiedlich.

In diesem Handbuch bezeichnen wir mit GemÖk eine feste Gruppe, die hauptsächlich ihr Geld teilt und gemeinsam darüber entscheidet. Diese GemÖks können im Rahmen von WGs, Kommunen und Projekten stattfinden. Die Mitglieder können sich aber auch ganz unabhängig von Wirk- und Wohnort zusammenschließen.

Jede GemÖk findet ihre eigene Organisierungsform und Schwerpunkte. Hier ein paar Stimmen von GemÖk-Mitgliedern:

Die Gemeinschaft »Freie Feldlage« in Harzgerode definiert ihre gemeinsame Ökonomie im Jahr 2021 so:

»Kurz gesagt: Alle unsere Einkommen fließen in einen gemeinsamen Topf. Aus diesem bedienen wir uns alle je nach unseren Bedürfnissen. Das heißt, unsere individuellen Ausgaben sind unabhängig von unseren individuellen Einnahmen. Bei uns gibt es bisher nur eine gemeinsame Alltagsökonomie (= nur Einkünfte werden geteilt). Eine gemeinsame Vermögensökonomie (= auch die Vermögen werden vergemeinschaftet) ist für uns der folgerichtige nächste Schritt, bedarf aber intensiver Vorplanung.«

Die Kommune Niederkaufungen sagt zur GemÖk:

»[Bei der gemeinsamen Ökonomie] geht es letztlich um die Aufgabe von Privateigentum zu Gunsten von Gemeinschaftseigentum. Es geht also um die Umsetzung einer Vision nicht-kapitalistischen Wirtschaftens. […] ›Gemeinsame Ökonomie‹ bezeichnet also selbstbestimmtes wirtschaftliches Handeln zur Absicherung der materiellen Bedürfnisse der an ihr beteiligten Menschen. Es umfasst alles, was in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist.«

In der Schweizer WOZ wird das RaAupe-Kollektiv zitiert:

»Unsere Einkommen sollen nicht nur zum angenehmen Leben reichen, sondern auch politische Arbeit finanzieren, solidarisch, über die Gruppe hinaus. Mit geteiltem Geld ist mehr möglich. Wir versuchen, soziale Ungleichheit aufzulösen und ·Antikapitalismus· konkret zu leben.«

»GemÖk« in diesem Handbuch

GemÖks organisieren sich auf unterschiedliche Arten. Viele teilen nur ihr alltägliches Geld (=Einkommen), andere ·kollektivieren· ihr gesamtes Vermögen und wieder andere sind irgendwo dazwischen. Um Entscheidungen gemeinsam zu treffen und Bedürfnisse in der Gruppe gleich wertzuschätzen, sind für uns zwei Aspekte entscheidend, die später noch ausführlicher erläutert werden:

1. Tauschlogikfrei

Tauschlogikfrei bedeutet, dass das Geben vom Nehmen entkoppelt ist, also für eine Leistung keine Gegenleistung gefordert wird. Stattdessen liegt der Fokus auf den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Beteiligten. Anders gesagt: Gib rein, was du kannst und bekomme, was du brauchst.

Im Bezug auf GemÖks bedeutet das, dass alle ihr Einkommen in einen Topf werfen und sich die Menschen das herausnehmen, was sie brauchen.

2. Hierarchiekritisch

In der Gesellschaft gibt es formale Hierarchien (z.B. eine Person ist Chef und darf über andere bestimmen) und informelle, häufig eher versteckte Hierarchien (z.B. wenn eine Person durch ihren hohen Redeanteil mehr Einfluss auf die Gruppe hat als andere).

In hierarchiekritischen Gruppen gilt, dass keine Person über einer anderen stehen soll. Der Anspruch ist, dass alle gleichberechtigt sind und von der Gesellschaft vorgegebene ·Privilegien· (z.B. Höherstellung des männlichen Geschlechts) hinterfragt und aktiv abgebaut werden.

In Bezug auf GemÖks bedeutet das, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und die Bedürfnisse aller gleich viel wert sind. Bei Uneinigkeiten sucht die Gruppe in einem Aushandlungsprozess eine Lösung, die für alle (möglichst gut) passt. Dabei sollten informelle Hierarchien, die sich in der Gruppendynamik widerspiegeln, soweit wie möglich erkannt, benannt und abgebaut werden.

Andere Arten des Teilens

Der Fokus dieses Handbuchs liegt auf GemÖks, wie sie zuvor skizziert wurden. Es gibt aber auch eine Vielzahl weiterer Konzepte für das tauschlogikfreie und hierarchiefreie Teilen von Ressourcen .

Diese Ansätze begegnen uns schon heute im Alltag – Umsonstläden, Repair-Cafés oder offene Projekthäuser sind nur ein paar Beispiele. Diese Konzepte unterscheiden sich beispielsweise dadurch von GemÖks, dass sie nicht an eine exklusive Gruppe gebunden, sondern für alle offen zugänglich sind. Oder dadurch, dass sie nicht hauptsächlich Geld, sondern andere Ressourcen teilen.

Mehr Informationen zu tauschlogikfreien und hierarchiearmen Projekten und Visionen finden sich weiter hinten bei → 4. Ausblick.

1.5 Wieso diese Welt mehr GemÖks braucht

Sind wir mal ehrlich: Irgendwas läuft in dieser Welt gehörig schief. Das hast du sicher schon mal gedacht und gefühlt. Und trotzdem, im Strudel des Alltags, den eigenen Themen und Problemen gelingt es uns manchmal, die eigentliche Situation, in der wir uns alle befinden, auszublenden. Bis die nächste schlechte Nachricht kommt, denn die Realität ist: der Faschismus nimmt weltweit rasant zu, die Folgen der Klimakrise zeigen sich immer deutlicher, ·queere· Personen werden angegriffen, Menschen sterben an Grenzen. Und diese Liste ist noch längst nicht vollständig.

Was genau die Wurzeln dieser Probleme sind und was es nun zu tun gilt, darüber gibt es so viele Meinungen wie Menschen auf der Welt. Eines ist aber klar und gilt für jeden Ansatz: Um eine neue Welt zu schaffen, brauchen wir Zeit. Die ist in unserer Gesellschaft sehr knapp, da wir, um zu überleben und den Erwartungen an uns zu entsprechen, die meiste Zeit in Arbeit und Konsum stecken.

Sollten wir in Anbetracht dieser Situation nicht etwas anderes tun, als dieses Gesellschaftskonzept mit unserer Energie und Arbeit weiter zu unterstützen (oder uns durch Bildung darauf vorzubereiten)?

Eine Gemeinsame Ökonomie ist nicht nur selbst schon eine kleine radikale Alternative zum aktuellen System. Sie setzt auch Energie frei, die wir aktuell noch in die alte Welt stecken. Und mit dieser Energie können wir dann mit mehr Luft zum Atmen, Freiheit und klarem Blick die Veränderung bewirken, die wir in der Welt sehen wollen.

Sie ist ein Fels in der Brandung, wenn uns der Normalwahnsinn mal wieder zu verschlingen versucht. Wenn die Nebenkosten steigen, dein Job dich depressiv macht oder du dich in der Gesellschaft verloren fühlst, ist sie da und übernimmt Verantwortung für das, was früher dein alleiniges Problem gewesen wäre. Gemeinsame Ökonomie ist Verbundenheit und Gemeinschaftlichkeit, ist Revolution in Zeitlupe, ist Halbinsel gegen den Strom.

Das Problem heißt Tauschlogik!

In der aktuellen Gesellschaft werden die meisten Bedürfnisse wie Essen, Wohnen, Kultur, Spiritualität und häufig sogar auch Liebe und Freund*innenschaft nach dem Prinzip der ·Tauschlogik· verhandelt.

Das bedeutet kurz gesagt: Zu jeder Leistung gehört eine Gegenleistung. Die Wohnung gibt’s nicht ohne Miete, das Konzert nicht ohne Ticket und den Abwasch mache ich nur, weil du ja vorhin gekocht hast. Ah, aber fürs Badputzen schulde ich dir ja noch etwas, dann könnte ich vielleicht noch saugen. Oder ich zahl es dir einfach aus?

Diese Logik, bei der wir zu allem einen angeblich »fairen« Tauschwert (meist in Form von Geld) errechnen, sorgt für allerlei Probleme. Allen voran: Sie geht an unseren Bedürfnissen vorbei. Anstatt uns zu fragen »Was brauche ich wirklich?« und »Was kann ich beitragen?«, treffen wir unsere Entscheidungen nach den Prinzipien »Kann ich mir das leisten?« und »Das habe ich mir verdient!«.

Sorgearbeit

Im ·Kapitalismus· legen Markt und Staat fest, welche Arbeit wie viel Wert ist, welche Waren produziert werden und was bzw. wer überhaupt eine Ware ist.

Dabei steht die Maximierung von Profit immer an erster Stelle. Arbeiten, die keinen oder nur wenig Profit generieren, wie grundlegende Sorgearbeiten, sind in dem System nur ein notwendiges Übel. Klar, irgendwer muss trotzdem kochen, putzen, sich mit Kindern beschäftigen oder emotionale Fürsorge leisten, also sich um grundlegende Bedürfnisse kümmern. Wertgeschätzt werden diese Tätigkeiten aber nicht und diejenigen, die sie ausführen, bekommen weniger oder gar kein Geld, um ihre eigenen Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Ressourcenverschwendung

Eigentlich ist allen klar, dass wir nur das verbrauchen sollten, was wir wirklich brauchen, und dass z.B. Essen in den Magen und nicht in den Müll gehört. Im System der Tauschlogik wird dagegen selbst das, was schon produziert und übrig ist, nicht ohne Gegenleistung weggegeben. So schmeißen Supermärkte lieber tonnenweise essbare Lebensmittel weg, anstatt sie kostenlos zur Verfügung zu stellen. Umgekehrt haben diejenigen, die viel Geld besitzen, das Recht, begrenzte Ressourcen wie Energie, Wohnfläche und Rohstoffe verschwenderisch für sich zu beanspruchen. Das zerstört die Lebensgrundlagen von uns allen.

Beziehungen

Und zu guter Letzt: Das Tauschen verhindert authentische Begegnungen und echte Beziehung. Wie schön ist es, sich umeinander zu kümmern? Und wie viel Dankbarkeit und Freude erfahren wir, wenn jemand für uns da ist, einfach aus sich heraus? Die Tauschlogik vergiftet solche Situationen, indem sie aus etwas Unbezahlbarem (z.B. ein offenes Ohr in schweren Zeiten) einen Gefallen macht, den man dem Anderen nun schuldig ist.

Raus aus der Tauschlogik

Wie viel besser wäre diese Welt, würden wir als Kollektive darauf achten, dass für alle gesorgt ist? Wenn alle sich mit dem einbringen, was sie beitragen können und Verantwortung für das übernehmen, was notwendig ist? Genau das kannst du mit einer Gemeinsamen Ökonomie ausprobieren. Und dabei deine Werte und neue Selbstverständlichkeiten nicht nur besprechen, sondern tatsächlich leben.

Wir werden die Tauschlogik und ihren treuen Begleiter Geld nicht von heute auf morgen überwinden. Aber wir können jetzt damit anfangen, das Vorhandene solidarisch zu nutzen und aus dem individuellen Problem mit Geld und Tauschlogik wenigstens ein kollektives Problem zu machen, das uns verbindet statt uns zu trennen.

Lasst uns dem System frech die Zunge herausstrecken und sagen »Nö, ich bin jetzt nicht mehr alleine!« und aus meinem und deinem Geld unser Geld machen.

Vielleicht denkst du dir jetzt, dass das ja alles schön klingt, aber total unrealistisch ist. Oder dass du, um dich auf so etwas einzulassen, erst mal durchtherapiert und erleuchtet werden musst. Genau das ist glücklicherweise nicht der Fall.

Wir alle haben problematische Denkmuster und Umgangsweisen tief verinnerlicht. Eine Gemeinsame Ökonomie ist genau der Begegnungsraum, in dem wir sie verlernen und durch neue ersetzen können. Das »Experiment GemÖk« auszuprobieren und damit einen solchen Lernraum zu eröffnen, dazu laden wir dich im nächsten Teil ein.

Erfahrungsbericht – Vom GemÖk-Dating bis zum Moneymoon

J. von »Moneymoon« | 6 Personen | besteht seit 4 Monaten

Unsere große Lovestory begann mit einer Workshop-Tour zum Thema GemÖk im Frühjahr 2024, an der wir alle, z.T. in unterschiedlichen Städten, teilnahmen. Zu dem Zeitpunkt kannten sich noch nicht einmal alle von uns, auch wenn wir bei der gleichen Klimagerechtigkeitsgruppe organisiert waren. Inspiriert vom Workshop folgten viele Gespräche mit anderen Teilnehmenden und Freund*innen: Ob wir uns eine GemÖk vorstellen könnten, wenn ja, wie und mit wem. Dann kannte die Eine die Andere und die wiederum den Nächsten mit ähnlichen Bedürfnissen, sodass sich nach wenigen Wochen unsere 5er-Gruppe im April zum ersten Kennenlernen traf. Es hat gefunkt!

Ab dann haben wir uns wöchentlich sonntags zusammengeschaltet, ohne Zeitstress ganz viele W-Fragen besprochen und Ergebnisse und Absprachen im Moneyflux (flexibles Manifest) festgehalten. Im Juli war es dann soweit: Wir haben uns das feierliche GemÖk-Jawort gegeben, unser Hauptkonto eröffnet, Bargeld verteilt und alles final eingerichtet. Der »Moneymoon« konnte starten.

Ach mist! Da war doch was. Vor dem Jawort hätte man sich vielleicht noch den Eltern vorstellen sollen. Die waren teilweise doch eher skeptisch. Upsi! Naja, wir haben das dann einfach nachgeholt. In einem Online-Elterntreffen konnten Skepsis und Unverständnis der Eltern gelindert und unser Wunsch, ihnen das Prinzip GemÖk näherzubringen, erfüllt werden.

Nach Vorstellungsrunden der GemÖk-Mitglieder und ihrer Beweggründe, der Elternteile und einer kurzen Fragerunde am Ende waren auch die skeptischen Elternpaare überzeugt: Aus »Bedürfnisorientiert leben? Das ist Sozialismus und funktioniert nicht« wurde »Unsere Ehe ist also auch eine Mini-GemÖk!«, »Wohin kann ich euch denn mal Geld überweisen?« und »Das ist ja fast schon revolutionär in unserem kapitalistischen System«. Gerade nochmal gut gegangen.

Nachdem die Hürde mit den Eltern genommen war, konnten wir uns endlich darauf konzentrieren, den Alltag unserer GemÖk zu organisieren. Der besteht weiterhin zu großen Teilen aus den wöchentlichen Online-Treffen zur »Kohlekommission«, bei der wir Freundschaftliches, Organisatorisches und Emotionales im Bezug auf die GemÖk und darüber hinaus besprechen. Dazu kommt die monatliche »Krötenwanderung«, also das Verschieben von Geld zwischen den Privatkonten und dem gemeinschaftlichen Hauptkonto (dem »Gönnto«).

Mittlerweile haben wir uns nicht nur selbst in die neue Selbstverständlichkeit des Geldteilens eingelebt, sondern auch im direkten Umfeld Menschen inspiriert. Durch den Kontakt zum radikalen Entwurf der GemÖk reflektieren viele das eigene Verhältnis zu Geld und ändern ihr Handeln hin zu einem solidarischeren Umgang mit Geld. Hierzu abschließend drei unserer Lieblingsmomente:

Der Mitbewohner mit dem neuen Job, welcher nun die Nebenkosten der Bürgigeld–Mitbewohnis mitträgt.

Die Kleinanzeigen-Verkäuferin, die nach einem Gespräch über unsere GemÖk ganz begeistert war und den Staubsauger kostenlos weitergab (»bei euch ist das Geld besser aufgehoben«).

Der Sportverein, in dem die Trainer*innen inspiriert von unserer GemÖk ihr Honorar jetzt bedarfsorientiert untereinander aufteilen.

Mittlerweile haben wir uns nicht nur selbst in die neue Selbstverständlichkeit des Geld-Teilens eingelebt, sondern auch im direkten Umfeld Menschen inspiriert.