Let's Talk about Su.c.de!
Diese Ressourcensammlung ist im Sommer 2025 in Vorbereitung auf und während eines Workshops auf dem System-Change-Camp entstanden. Wir haben uns aus verschiedenen Gründen dazu entschieden, den Workshop zu geben:
- Wir sind selbst beide von Suizidalität betroffen
- Wir bekommen immer wieder von Menschen (aus der Bewegung) mit, die sich das Leben nehmen
- Es gab im Frühjahr 2025 einen Suizid-Fall in der Bewegung, der durch eine Suchaktion sehr bekannt geworden ist
- Wir haben noch nie einen Space erlebt, in dem wir über enge Beziehungen hinaus offen und emotional über dieses Thema sprechen konnten, und uns dabei gehalten gefühlt haben.
Diese Ressourcensammlung richtet sich insbesondere an Menschen, die nicht selbst von Suizidalität betroffen sind, denn erst eine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Verlust ermöglicht Gespräche auf Augenhöhe, die den emotionalen Raum halten können für Menschen die akut betroffen sind.
Leider haben viele von uns immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das Thema tabuisiert wird, Menschen schockiert reagieren, und alles sich viel mehr um die Gefühle der Anderen dreht, als um die Eigenen! Dies soll ein Beitrag sein, damit sich das endlich ändert!
- Rahmen für den Space
- Input zu Suizidalität
- Handlungsmöglichkeiten & Leitfaden für Gespräche
- Workshopergebnisse (Stimmen von Betroffenen & Angehörigen)
- Grafiken
Rahmen für den Space
Für einen kollektiven Space um über Suizidalität zu sprechen, ist es essenziell vorher einen Rahmen abzustecken. Hier findest du einige Gedanken dazu.
Handzeichen
Für Bilder & Erklärungen ➡️ Handzeichen.pdf
Pause/Stopp = T mit den Händen formen - für Unterbrechungen
Awareness-A = A mit den Händen über dem Kopf formen - für Trigger, unangenehme Situationen, Awareness
Sprache/Language = L mit einer Hand formen (Daumen abgespreizt) - für Sprachliche Unklarheiten
Vereinbarungen
- Unterbrechungen sind jederzeit möglich
- Wir achten auf uns selbst und nach Kapazitäten auf unsere Sitznachbar*innen => Wenn wir denken, es geht einer Person nicht gut, kann auch für diese Person ein Handzeichen benutzt werden
- Wenn eins gehen möchte, meldet es sich ab und es folgt ein kurzer Check-In ob es etwas braucht um gut gehen zu können
- Das Gesagte bleibt hier im Raum - nur das Geschriebene darf verbreitet werden
Grenzen, Bedürfnisse & Ängste abfragen
Bedürfnisse, die geäußert wurden
- Austausch über Strategien im Umgang mit Suizidgedanken
- Austausch darüber, wie Menschen die Gedankenspirale erleben
Grenzen, die geäußert wurden
- Nicht über Suizidmethoden sprechen
Ängste, die geäußert wurden
- Dass Menschen getriggert werden
- Weiß nicht, was mich erwartet
- Angst mich richtig schwer und belastet zu fühlen
- Angst überfordert zu sein
Zusätzlich zu den Abfragen kann ein ausgiebiger Check-In in Kleingruppen oder in der großen Runde helfen, das Eis zu brechen.
Ausgiebiger Check-In
Wieso nimmst du Teil? - Welchen Bezug hast du zum Thema Suizidalität?
Input zu Suizidalität
Häufigkeit
10.300 Menschen haben sich im Jahr 2023 in Deutschland das Leben genommen. Das sind 28 Menschen pro Tag.
Davon waren 850 assistierte Suizide (Sterbehilfe) - Tendenz steigend.
1% aller Tode sind Suizide. Bei unter 25-Jährigen sind es 16% aller Tode.
Suizide sind häufiger als Mord, AIDS-, Drogen- und Verkehrs-Tode zusammen.
Es gab von 1980-2005 einen starken Rückgang von Suiziden (Faktor 4) durch Aufklärungskampagnen. Parallel zum Rückgang der Suizide wuchs die Zahl der Diagnosen psychischer Erkrankungen - da Menschen sich nun häufiger Hilfe suchen (können).
Es gibt laut Schätzungen ca. 100.000 Suizidversuche jedes Jahr - dazu gibt es jedoch keine offiziellen Statistiken.
In Mittel- und Nordeuropa sind Suizide häufiger als in Südeuropa.
Betroffene
Während Männer* es häufiger zu Ende bringen, werden (bemerkte) Suizidversuche v.a. von jungen Frauen* und Queers begangen. Manche Quellen sagen, dass ein Suizidversuch bei Frauen* eher als Hilferuf zu verstehen sei, während Männer* entschlossener seien - andere sagen, es ist auf die gewählten Suizidmethoden und deren Erfolgsquote zurückzuführen.
Gender: 73% Männer* - unter Trans*-Personen ist die Rate 4x so hoch, unter nicht-binären noch höher.
Durchschnittsalter: 60 Jahre. Mit dem Alter steigt die Suizidrate exponentiell an.
Soziale Faktoren: Armut, Arbeitslosigkeit, Juristische Probleme, Partnerschafts-/Familienkonflikte, Drogen
Psychiatrische Erkrankungen: 71-90% haben Depressionen - häufig fehlt der Zugang zu psychiatrischer Versorgung
Ein großer Risikofaktor für einen erfolgreichen Suizid sind vorangegangene Suizidversuche (bei ca. 30%)
Symptome
Hoffnungslosigkeit - Schuldgefühle - sozialer Rückzug
starke Impulsivität/Handlungsdrang
Menschen "ordnen" ihr leben & nehmen Abschied
Ich halte das nicht mehr aus - Das ist mir alles zu viel
Gesellschaftliche Prävention
Es gibt Schulungen für Lehrende, Hausärzt*innen, Journalist*innen, Pflegekräfte, Pfarrer*innen & Cops.
Anlaufstellen: Telefonseelsorge, Trees of Memory (für Angehörige)
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention
Nationales Suizidpräventionsprogramm
Beratungsstellen: München, Frankfurt a. M., vielleicht auch in deiner Gegend?
Medien berichten in der Regel nicht bzw. nur wenn notwendig über Suizide.
Handlungsmöglichkeiten & Leitfaden für Gespräche
Thema Suizid nicht meiden
Die folgende Handlungsempfehlung wurde für Hausärzt*innen geschrieben. Du findest eine weitere tolle Übersicht hier: https://www.treesofmemory.com/aktiv-gegen-suizidgedanken/ueber-suizidgedanken-sprechen
Das tabuisierte und schwere Thema Suizid aktiv anzusprechen, erfordert nicht selten Überwindung. Dies ist aber bei depressiv Erkrankten und anderen möglicherweise Suizidgefährdeten unerlässlich. Die Sorge, die Betroffenen damit erst auf den Gedanken zu bringen, ist unbegründet. Aber wie soll man das Gespräch auf dieses belastende Thema lenken? Hilfreich ist es hier meist, von den eigenen Beobachtungen und Gefühlen auszugehen und sich einen Einstiegssatz zurechtzulegen. Beispiel: „Sie machen auf mich einen sehr verzweifelten Eindruck und ich mache mir Sorgen um Sie. Haben Sie denn finstere Gedanken und vielleicht sogar daran gedacht, sich etwas anzutun?“ Danach sollte das Gespräch in 2 Teile geteilt werden:
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Teil 1: Abschätzung der Höhe des Suizidrisikos
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Teil 2: Behandlung und suizidpräventive Maßnahmen
Einziges Ziel des 1. Teils ist es die Höhe der Suizidgefahr einzuschätzen. Erst nach bestmöglicher Abschätzung dieses Risikos soll zu Teil 2 übergegangen werden. Der Impuls, direkt Zuspruch und Hilfsangebote zu unterbreiten, sollte unterdrückt werden. Dies geschieht erst im 2. Teil.
Im 1. Teil sollten Suizidgedanken, -absichten und -pläne offen angesprochen und abgefragt werden. In der Tabelle sind Beispielfragen gelistet. Da die Neigung besteht, zu rasch auf beschwichtigende Antworten des Erkrankten einzugehen, um das für alle Beteiligte unangenehme Thema zu verlassen, ist es hilfreich, derartige Fragen parat zu haben. Es muss so lange nachgefragt werden, bis ein bestmöglicher Gesamteindruck („Bauchgefühl“) bezüglich des Suizidrisikos gewonnen worden ist. Manchmal ist hier nicht nur das, was der Patient sagt, sondern das, was er nicht sagt beziehungsweise wie er etwas sagt, aussagekräftig. Einen Fragebogen oder Test, mit dem die Suizidgefährdung ausreichend gut bestimmt werden kann, gibt es leider nicht.
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Kurzfristige Wiedereinbestellung
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Familie mit Einverständnis der Patienten hinzuziehen und informieren
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Sicherstellen, dass die Betroffenen möglichst nicht allein sind
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Veranlassen, dass fachärztliche Hilfe beansprucht wird, etwa gemeinsam zeitnahen Termin ausmachen
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Bei fachärztlicher Behandlung, Kontaktaufnahme mit dem behandelnden Psychiater mit Zustimmung der Patienten
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Anti-Suizid-Pakt schließen: Betroffener Person per Handschlag das Versprechen abnehmen, dass kein Suizidversuch bis zum nächsten Termin unternommen wird. Zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen um Sie. Können Sie mir denn versprechen, sich bis zu unserem nächsten Termin nichts anzutun? Geben Sie mir Ihr Wort?“ Hierbei sollte klar sein, dass es um Fürsorge und nicht um eine juristische Absicherung des Arztes geht. Eine zum Beispiel zögerliche Reaktion eines Patienten kann auch wichtige Hinweise auf das vorliegende Suizidrisiko liefern.
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Gemeinsam überlegen, was der Patient tun kann, bei Verschlimmerung der Situation, etwa Notfallplan mit Informationen zu Notaufnahmen und Kliniken erstellen
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Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Erkrankung beginnen
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Stationäre Einweisung in eine psychiatrische Klinik
Die folgende Handlungsempfehlung lehnen wir entschieden ab, weil marginalisierte Personen in Psychiatrien in der Regel Diskriminierung und Gewalt erleben. Zudem ist die Polizei keine adäquate Ansprechstruktur für Menschen mit psychischen Krankheiten, da sie im Regelfall Situationen lieber eskaliert als den Betroffenen zu helfen. Eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik sollte immer eine freie Entscheidung sein. Der Satz wurde hier stehen gelassen, weil es leider Teil des gesellschaftlichen Umgangs mit Suizidalität und psychischen Krankheiten ist.
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Stationäre Einweisung gegen den Willen des Patienten: Dies ist dann nötig, wenn eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und der Patient eine stationäre Behandlung ablehnt. Hierfür kann im Notfall die Polizei verständigt werden, die vor Ort prüft, ob eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt, und dann gegebenenfalls den Patienten in eine psychiatrische Klinik bringt. Die Rechtmäßigkeit dieser Unterbringung wird zeitnah richterlich überprüft.
Workshopergebnisse (Stimmen von Betroffenen & Angehörigen)
Welche Schwierigkeiten kennst du im Umgang mit Suizidalität?
- Mit befreundeten Menschen einen gemeinsamen Umgang finden ohne sie "zu nerven"
- Wie kann ich Mensch am Besten unterstützen?
- Gesellschaftlicher Druck unkompliziert und einfach zu sein, Menschen nicht zu belasten
- Mensch macht sich angreifbar, wenn man Schwäche zeigt
- Eigene Grenzen einzuhalten, Nein sagen zu dürfen, obwohl ich merke, dass jemand eigentlich meine Hilfe braucht oder einfordert.
- Menschen, die Gesagtes abtun ("Psychische Erkrankungen gibts nicht"; "Ich hatte auch schon dunkle Zeiten")
- Menschen, die überreagieren
- Ableismus
- keine Last sein zu wollen
- Gedanke: "Wenn es mir besser geht, muss ich wieder funktionieren"
- Auszuhalten, wenn die Person nicht reden möchte/keine Hilfe annimmt.
- Mensch möchte niemensch triggern
- Die eigenen Gedanken beschreiben
- ein Gespräch starten, wenn es mir schlecht geht => ich will vllt. gerade nicht vom Leben überzeugt werden
- Taboo & Silence
- Kirche: "Suizid ist eine Todsünde" - Auch ohne Religion/Glauben zu praktizieren sehr in der Gesellschaft verankert
Welche Strategien kennst du im Umgang mit Suizidalität?
- Musik, die zum Weinen bringt => Ventile finden
- "Umbringen kann ich mich ja auch später noch - dann kann ich auch dieses Risiko eingehen / diesen Versuch unternehmen"
- Dem Tod eine Chance geben (Extremsport, Motorrad, Fallschirm, ...) - Wenn nichts passiert, ist meine Zeit noch nicht gekommen.
- Reden ( + 1)
- In Akut-Phasen versuchen Impulsivität zu reduzieren - lieber im Bett bleiben - "Drüber schlafen".
- Waldbaden - in der Natur sein
- Aktivismus machen - ist sinnvoll & wird wertgeschätzt (manchmal)
- zeichnen
- Sport
- Psychotherapie
- Selbsthilfegruppe, Dankbarkeit, Yoga, Mediation, Ecstatic Dance, Spritualität, Transpersonale Psychologie
- mir in weniger akuten Phasen Dinge aufschreiben, die ich gerne mache um dann Dinge von der Liste versuchen zu können
- Gedanken aufschreiben (alles was mir in den Kopf kommt) - Audio aufnehmen und drüber reden
- schlafen
- eiskalt duschen - Kopf unter Wasser tauchen - Baden/Schwimmen
- Eis essen :D
- Konzerttickets in weiter Zukunft kaufen - Spielzeug vorbestellen - Dinge für die Zukunft planen
Wie würdest du dir den Umgang mit Suizidalität wünschen?
- gemeinsam - gesellschaftlich - Ursachenbezogen => Welche gesellschaftlichen & ökonomischen Verhältnisse?
- regelmäßiger Austausch über psychische Gesundheit (Emo-Runden) => nicht nur Check-Ins
- Dass wie es mir geht nicht erst wichtig wird, wenn es schon "so schlimm" ist, bzw. früher vom Umfeld & System reagiert wird, so dass es im besten Fall gar nicht erst zum Versuch kommt.
- Ich wünsche mir, dass ich offen über Suizidalität sprechen kann ohne dann andere Menschen beruhigen zu müssen (+2)
- Ich wünsche mir, dass mir Menschen zuhören und mir nicht sofort die Gedanken ausreden wollen (+1)
- mich eher darin unterstützen selbst leben zu wollen
- selbst diese Entscheidung leben zu wollen treffen zu können, statt sie für mich zu treffen.
- Nicht sofort bemitleiden & von kurz bevorstehendem Handeln ausgehen
- Räume für Austausch
- nachhaltige Hilfe
Grafiken