Provos an die Macht? - Niemals!
Provo never ruled! — aber wer war Provo? Die Zeitschrift Kursbuch, das einstige Zentralorgan der Neuen Linken, analysierte 1969, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung: „Wiewohl die Existenz von Provo teilweise den Anstoß zur politischen Aktivität niederländischer und ausländischer Studentengruppen gegeben hat, können weder die theoretischen Überlegungen noch die organisatorischen Praktiken der Provos als Modell einer auf Veränderung des gesellschaftlichen Gesamtzustandes gerichteten politischen Bewegung gelten“ Ganz anders schätzt heute, 1996, ein nachgeborener Sympathisant, der Amsterdamer Journalist Kees Stad, die Provos ein: „Der holländische Provo-Bewegung war ein sehr kurzes Leben beschieden, aber sie hat das politische Leben in Amsterdam und in anderen Gegenden Hollands drastisch verändert. Und obwohl sich die Provos auflösten, sobald sie ‚reale‘ Macht erlangten, ist ihr Einfluß immer noch spürbar.“ Unpolitischer Firlefanz oder bedeutende politische Bewegung — wer oder was waren Provos denn nun wirklich?
Die Störung des Friedens durch die Provos in Amsterdam begann damit, daß einige ominöse Künstler die Straße zu ihrem Aktionsraum erklärten. Einer von ihnen, Robert-Jasper Grootveld, konnte die Tabakindustrie nicht leiden und fing an, große „K’s“ (K wie Kanker, das holländische Wort für Krebs) auf die Werbetafeln für Zigaretten zu malen. Schon in den frühen 60er Jahren hatte er in seinem Haus, dem „Magischen Zentrum der Welt“, Anti-Rauch-Sessions organisiert, auf denen zugleich eine Menge Dope geraucht wurde. Als sich im Sommer 1965 die Anti-Rauch-Magier mit den Anarchopazifistinnen um Roel van Dyne zusammenraten, wurden die mystischen Aktionen der ersten zu Provokationen, und die Pazifistinnen betätigten sich als Provos, statt weiter Latschdemos zu veranstalten.
Bohmer, Konrad/ Ton Regtien: Provo — Modell oder Anekdote? Zur Funktion und Ideologie einer Protestbewegung. In: Kursbuch 19 (1969), S. 129–150.
Irgendjemand entdeckte, daß eine berühmte kleine Statue, das „Lieverdje“ am Amsterdamer Spui-Platz, von einem multinationalen Tabakkonzern gestiftet worden war. Statt sie, wie die Kursbuch-Autoren empfohlen, einfach in die Luft zu jagen, veranstalteten die Provos Freitag nachts um die Statue herum eigenartige Sessions, die mehr und mehr junge Leute anzogen. Die Statue wurde weiß angemalt, mit Kränzen und lodernden Flammen umgeben. Die Polizei gewöhnte sich an, jedes Mal, wenn das \circ Happening stattfand, Riots vom Zaun zu brechen. Was bedeutete, daß am nächsten Freitag umso mehr Leute kamen. Die Provos waren laut Dieter Kunzelmann in Europa die ersten, die angefangen haben, aus politischem Protest die Straße zur „Agora“ zu machen, zum „Artikulationsfeld“.
Als einige jugendliche RebelInnen eine Zeitschrift namens „Provo“ gründeten, ging es erst richtig los. Aus der Szene um das Lieverdje, der entstehenden Vietnam- und Studentenbewegung, der Nachkriegsgeneration von jungen Künstlern und Politikern und einer Menge anderer mysteriöser Zutaten entstand ein hochkarätiger Cocktail, der voll reinzog. Es verbreiteten sich Slogans und Symbole, die kein Mensch verstehen konnte („Klaas kommt!“). Aber viele verstanden trotzdem, daß der Ärger, der aus den Botschaften sprach, echt war. Ärger über die Plastikwelt — Provos waren die ersten, die mit der Umwelt rummachten, Ärger über die konservativen Massen, die sich von der Konsumgesellschaft ruhighalten und befriedigen ließen, Ärger über die Scheinheiligkeit des holländischen kollektiven Gedächtnisses: Die Provos rührten an schmerzhafte Stellen — den vergangenen Weltkrieg und die Tatsache, daß nicht nur die meisten BürgerInnen nichts gegen die Nazis unternommen, sondern auch viele sie unterstützt hatten.
Vor allem aber zeichneten sich die Provos als Meister im Provocieren und Lächerlichmachen von Autoritäten aus. Sie erklärten sich zu AnarchistInnen, waren aber schlau genug, sich selbst niemals allzu ernst zu nehmen. Ihre großen Pläne waren immer übertrieben genug, um unrealisierbar zu bleiben.
Zuerst kam der „Witte fietsen plan“, der die Vergesellschaftung des Hauptverkehrsmittels von Amsterdam vorsah. Weiße Fahrräder sollten im gesamten Stadtgebiet gratis zur Verfügung stehen, sie sollten überall weggeworfen und stehengelassen werden können. Damit wollte Provo die Autos loswerden. Aber die Polizei schlug alle zusammen, die zur Präsentation des ersten Weißen Fahrrads gekommen waren. Andere „Weiße Pläne“ bezogen sich auf Häuser (wöchentliche Publikation einer Liste leerstehender Wohnungen) und Schornsteine (Weiße Schornsteine gegen die Luftverschmutzung). Es gab einen Weißen Sex Plan, einen Weißen Schulplan, Weiße Pläne für Frauen (für kostenlose Abtreibung), Kinder, und die Polizei. Unter dem Motto: „Sei lieb zur Polizei“ wurde vorgeschlagen, der Onkel Wachmeister in weißer Uniform solle Streichhölzer für RaucherInnen, Präservative für Minderjährige und Hühnerkeulen für hungrige PassantInnen mit sich führen. Überflüssig zu sagen, daß Provo immer weißgekleidet ging.
Provo machte deutlich, daß jeder mit einer guten Idee ein Provo sein könnte. Sie versuchten niemals, sich gegen Anschuldigungen von Politikern oder der Mainstream-Presse zu verteidigen, und antworteten jedes Mal, daß sie viel schlimmer seien als alles, was gesagt oder geschrieben würde. Ihre Happening-artigen Veranstaltungen mündeten üblicherweise in mystische Feiern, deren chaotischer Verlauf die Undurchschaubarkeit der Bewegung nicht nur für die Ordnungshüter, sondern auch für die orthodoxe Linke garantierte.
Amsterdam erlebte einige furiose Monate voller Riots, verwundeter DemonstrantInnen, eingekerkerten Provos und so weiter. Die Polizei knüppelte alle nieder, die weiße Jeans trugen. Seit den Demos der Provos war für Polizei jegliche Ansammlung zum staatsgefährdenden Akt geworden. Als am 14. Juni 1966 die Bauarbeiter streikten, kamen zum großen Mißfallen der Gewerkschaften auch Provos zu den Kundgebungen. Der Aufstand der Arbeiter wurde nun zum Provoaufstand umgedeutet. Bald schon erschien der holländischen Bourgeoisie jegliche politische Bewegung
außerhalb des Rituals nutzloser Parlamentsdebatten als Teil einer von den Provos angezettelten Verschwörung. Offensichtlich wurde die Obrigkeit durch die Provo-Angriffe auf die Kulturelle Grammatik mehr verunsichert als durch herkömmliche Proteste. Statt eine Analyse der gesellschaftlichen Funktion von Polizei und Justiz anzubieten, agierte Provo auf der Grundlage subjektiver Emphase, die Konfrontation mit der Polizei betrachtete Provo als „ludiek evenement“, spielerische Angelegenheit. Provo begann sich auszubreiten, viele andere Städte und Dörfer wiesen bald ihre eigenen Provos auf.
Als die Prinzessin und zukünftige Königin Beatrix 1967 den deutschen Prinzen und Nazi-Wehrmachtsangehörigen Claus v. Arnberg heiratete, erlebte Provo einen Höhepunkt. Es gelang ihnen, den Hochzeitszug und die TV-Berichterstattung mit einem orangenen Nebel aus riesigen Rauchbomben aufzumischen. Bürgerliche Ressentiments gegen die Hochzeit der zukünftigen Monarchin mit einem Deutschen und Angriffe gegen die Monarchie gingen eine Koalition ein. „Ik wil mijn fiets terug“ stand mit Bezug auf die von den nazi-deutschen Besatzern gestohlenen Fahrräder auf vielen Häuserwänden. Die Polizei reagierte brutal. Da half es auch nichts, daß Provo anfing, orangefarbene Kleidung als Zeichen monarchistischer Gesinnung zu tragen.
1966 nahm Provo an den Gemeindewahlen teil: „Stem Provo – kéjje lachen“ (Wähle Provo – kannst lachen) und bekam einen Sitz im Stadtrat. Das brachte ihnen den Vorwurf des Reformismus ein. Später traten sie auch bei den nationalen Wahlen an. Ihr Kandidat war ein ehemaliger sozialdemokratischer Minister, der sich hatte antören lassen. Die Überreaktion der Amsterdamer Verwaltung und Polizei verursachte einige Skandale und zwang den Polizeichef und den Bürgermeister zum Rücktritt.
Am 15. Mai 1967 löste sich Provo öffentlich im Vondelpark auf, den sie zu einer Art Hyde-Park mit Seifenkistenrednern und altem Drum und Dran gemacht hatten. Aber wie üblich wußte niemand, ob das ernst gemeint war, denn gleichzeitig kündigte Provo neue Aktionen und Pläne an und forderte die Rückkehr des ehemaligen Bürgermeisters. Später erklärte ein bekannter Provo, der Augenblick, in dem sie den Sitz im Stadtrat gewonnen hätten, sei das Zeichen gewesen, sich zu zerstreuen. Von da an habe es jedem freigestanden, seinen eigenen Weg zu gehen.
Diejenigen, die „legale Politik“ ernstnahmen, gründeten Parteien. Tatsächlich ist noch heute einer der leitenden Provos der 60er Jahre mit einer kleinen, esoterischen, „grünen“ Partei im Stadtrat vertreten. Viele gingen andere Wege: Drogen, Selbstmord, Reisen, Literatur, Business ... Manche tauchen noch hier und da bei Aktionen auf. Auf jeden Fall ist es seit Provo ist es in Holland schwierig geworden, ernsthafte Politik zu betreiben. Zumindest auf der linken Seite. Zu viele Leute haben gelernt, daß es andere Dinge gibt, die viel wichtiger und weniger langweilig sind.