Methoden & Techniken Prinzipien & Wirkungsweisen der Kommunikationsguerilla Kommunikationsguerilla ist der Versuch, durch Eingriffe in den Kommunikationsprozeß subversive Wirkungen hervorzubringen. Die vielfältigen Methoden und Techniken, die dabei genutzt werden, funktionieren nach zwei grundsätzlichen Prinzipien: den Prinzipien der Verfremdung und der Überidentifizierung . Verfremdungen beruhen auf subtilen Veränderungen der Darstellung des Gewohnten, die neue Aspekte eines Sachverhalts sichtbar machen, Raum für ungewohnte Lesarten gewöhnlicher Geschehnisse schaffen oder über Verschiebungen Bedeutungen herstellen, die nicht vorgesehen oder erwartbar sind. Überidentifizierung dagegen bedeutet, solche Aspekte des Gewohnten offen auszusprechen, die zwar allgemein bekannt, zugleich aber auch tabuisiert sind. Sie nimmt die Logik der herrschenden Denkmuster, Werte und Normen in all ihren Konsequenzen und Implikationen gerade dort ernst, wo diese Konsequenzen nicht ausgesprochen werden (dürfen) und unter den Tisch gekehrt werden. Wo Verfremdung Distanz zum Bestehenden schafft, will Überidentifizierung in den herrschenden Diskurs eingebaute Selbstdistanzierungen auflösen. Was daran subversiv ist, soll im folgenden diskutiert werden. Verfremdungsprinzip Mit Verfremdung in einen Kommunikationsprozeß einzugreifen bedeutet, bestehende Formen, Ereignisse, Bilder und Vorstellungen aufzugreifen und ihren normalen Verlauf oder ihr gewöhnliches Erscheinungsbild zu verändern. Solche Veränderungen können zunächst ein Gefühl der Verwirrung hervorrufen, und zwar, weil jede aufgrund ihrer Sozialisation innerhalb dieser Gesellschaft ein Grundwissen über kulturelle Grammatik hat, das ihre Wahrnehmungen vorstrukturiert. Das heißt, es gibt meist relativ klare Erwartungen, wie ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Situation ‚normalerweise‘ aussehen oder ablaufen müßte. Sobald nun unerwartete oder unvorhergesehene Elemente im Kommunikationsprozeß auftauchen, wird die Selbstverständlichkeit gestört, mit der die Wahrnehmungen sich normalerweise in die Raster der kulturellen Grammatik einfügen. Die Störung ist besonders wirksam, wenn einige Augenblicke lang unklar bleibt, was (oder wer) denn eigentlich ‚nicht stimmt‘. Die daraus entstehende Verwirrung soll es dem Publikum ermöglichen, zumindest momentan auf Distanz zu der Situation zu gehen: Sie kann einen kritischen Blick auf die üblichen Wahrnehmungsmuster von Sachverhalten oder Ereignissen ermöglichen. Die Veränderung muß zwar deutlich genug sein, daß sie die übliche Wahrnehmung durcheinanderbringt. Sie verfehlt allerdings ihr Ziel zumindest tendenziell, wenn sie ihrerseits vorhersehbar ist oder sich in einfache, eindeutige Interpretationsmuster einordnen läßt (dazu gehört auch die Feststellung „Halt wieder einmal so ein paar linke Spinner“). Verfremdung baut darauf, daß auch in ganz ‚normalen‘, alltäglichen Situationen innere Widersprüche, unausgesprochene Brüche und mögliche Paradoxien verborgen sind. Das ist selbst dann so, wenn die Anwesenden die Situation zunächst nicht grundlegend in Frage stellen, sondern das ganze Geschehen aufgrund seiner ‚Normalität‘ für selbstverständlich halten. Denn die anwesenden Personen sind auch in sich selbst nicht ungebrochen, nicht homogen; sie sind wie alle Menschen fragmentierte Subjekte, die mit äußeren und inneren Widersprüchen zu kämpfen haben. Sie beziehen nicht nur unterschiedliche Positionen innerhalb der herrschenden Diskurse, sondern haben auch Anteile, die aus diesen Strukturen herausfallen und ihnen widersprechen. Konkret kann das beispielsweise heißen, daß sie Angst haben, ihren Job zu verlieren, gleichzeitig aber im Grunde selbst keine Lust auf diesen Job haben, für dessen Erhaltung ihnen nun irgendjemand (der Vorgesetzte, der Herr Minister, ...) ‚Opfer‘ abverlangt, oder daß eigene Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Benachteiligung den hochtrabenden Worten von „Wir müssen alle zusammenstehen“ offenkundig widersprechen. Wenn nun plötzlich und unerwartet etwas passiert, das die vorgegebenen Regeln auf den Kopf stellt, lächerlich macht oder absurd erscheinen läßt, kann eine solche Verfremdung wie ein Angebot wirken: Sie zeigt, daß das Unmögliche möglich ist, daß es eine Entscheidung und nicht ausschließlich eine unumgängliche Notwendigkeit ist, sich in die gesellschaftliche Normalität einzufügen. Das als selbstverständlich Empfundene ist es in Wirklichkeit nicht; das, was in der alltäglichen Wahrnehmung ignoriert wird, bleibt gleichwohl präsent. Es kann passieren, daß die Verfremdung des Normalen in den ZuschauerInnen Anteile anspricht, die sonst unterdrückt bleiben oder aufgrund rationaler Entscheidungen bewußt ‚vergessen‘ werden. So ist es möglich, daß eine Verfremdung nicht nur als destruktive Methode, sondern darüber hinaus als (kleiner) Wegweiser für gesellschaftsverändernde Utopien und Handlungsweisen wirken kann. Kommunikationsguerillas betreiben Verfremdung nicht als beliebiges Spiel ohne Ziel; sie bekommt politischen Charakter, indem sie versucht, in der verfremdeten Situation unausgesprochene oder naturalisierte Machtbeziehungen, verdrängte oder normalisierte Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar und bewußt zu machen. Kommunikationsguerrilla-Aktionen beruhen darauf, daß es gerade diese Aspekte alltäglicher Situationen und Kommunikationsprozesse sind, an denen kritische und letztlich subversive  Denkprozesse ansetzen können. Allerdings bleibt das Ende offen: Wie das ‚Publikum‘ reagiert, ob es den Angriff auf Erwartungen und Vorstellungen als interessante Erfahrung auffaßt oder empört zurückweist, darauf ist letztlich kein Einfluß zu nehmen. Die Möglichkeit der Verfremdung ergibt sich daraus, daß Aussagen erst durch die Rahmenbedingungen, durch die Situationen, in denen sie erscheinen, ihre volle Bedeutung entfalten. So ist es normal und selbstverständlich, wenn ein Redner sein Publikum mit „sehr geehrte Damen und Herren“ begrüßt, und zwar unabhängig davon, ob er sein Publikum tatsächlich verehrt oder nicht. Benutzt jedoch ein Lehrer diese Anrede vor einer Schulklasse, so ist sie vermutlich ironisch gemeint und wird in diesem Kontext kaum als freundliche Zuwendung verstanden werden. Das Beispiel zeigt, daß die Verfremdung einer Situation, bei der in diesem Fall sprachliche Elemente in einen anderen Zusammenhang überführt werden, eine ganz alltägliche Sache ist. Sie steht auch nicht automatisch im Dienst der Subversion. Im Beispiel ist es der Lehrer, der sich sowieso in der überlegenen Position befindet und seine Macht gegenüber den Schülerinnen dadurch zusätzlich betont, daß er mit den verschiedenen Sprachebenen spielt. Viele Methoden und Techniken der Kommunikationsguerilla beruhen auf dem Prinzip der Verfremdung. Offensichtlich liegt es nahe, dort verfremdend einzugreifen, wo für alle erkennbar etwas mitgeteilt werden soll. Besonders beliebte Objekte von Verfremdungsaktionen sind daher politische Plakate und Werbeposter sowie Denkmäler (◉ Sniping ). Aber auch ganze Situationen lassen sich verfremden. Dabei werden dabei oft bedeutungsgeladene Anlässe und öffentliche Rituale (Wahlfeiern, Gedenkveranstaltungen, Versammlungen) aufgegriffen. Allerdings kommen Machtverhältnisse nicht nur dort zum Ausdruck, wo sie offen zelebriert werden, sondern ebenso in ganz alltäglichen Situationen. Und auch in solchen Situationen kann Verfremdung diese Machtverhältnisse offenlegen und ihr reibungsloses Funktionieren durcheinanderbringen. Bei der Verfremdung läßt sich die Tatsache, daß zwischen (textlichen und verbalen) Aussagen und den Situationen, in denen diese Aussagen getroffen werden, ein Bedeutungszusammenhang existiert, in verschiedener Weise kreativ umsetzen: Beispielsweise besteht die Möglichkeit, eine Aussage zu verändern, um dadurch die Situation zu kommentieren, in welcher sie präsentiert wird. Die Grundlage einer solchen Verfremdung ist, daß Informationen nie allein als sachliche Mitteilungen gemeint sind. Auch oder gerade wenn sie sich als solche präsentieren, transportieren sie dennoch stets Elemente von Ideologie, die durch verfremdende Hinzufügungen oder Veränderungen zum Vorschein gebracht werden können. Wenn verbale oder schriftliche mit bildlichen Aussagen verbunden sind, wie es für Werbevorlagen typisch ist ( \odot Subvertising ), können dazu entweder die Worte oder das Bild verändert werden. Es kann auch versucht werden, beide Ebenen gleichzeitig zu verfremden, wobei die Eingriffe relativ subtil sein müssen, damit das Original noch dahinter erkennbar bleibt. (Ohne diesen Bezug geht der Verfremdungseffekt verloren, und etwas ganz Neues entsteht.) Ein gutes Beispiel ist eine Verfremdung der amerikanische Parfümwerbung von Calvin Klein für „Obsession for men“. Unter dem neuen Text „Recession for men“ ist anstelle des glattgebügelten Schönlings ein Obdachloser abgebildet, der ebenso ernst und sinnend in die Ferne blickt wie das die Modelmänner gemeinhin tun. Die Verschiebungen der (bildlichen wie textlichen) Aussage kritisieren die in der Werbung idealisierte Scheinwelt. Dabei muß die Betrachterin nicht einmal unbedingt den ursprünglichen Text oder das Ausgangsbild der verfremdeten Werbung kennen. Denn vor dem Hintergrund eingeübter Seh- und Lesegewohnheiten wird die Kritik für alle diejenigen offensichtlich, die die Verschiebungen registrieren. Zum anderen kann eine Aussage dadurch in einem neuen Licht erscheinen, daß sie in einer veränderten Situation präsentiert wird. Solche Verfremdungen nehmen auf eine gegebene Aussage Bezug und rücken durch eine neue Kontextualisierung Aspekte ins Blickfeld, die normalerweise nicht wahrgenommen werden. Die Folge davon ist, daß ein und dieselbe Aussage neue Bedeutungen annehmen kann, daß Bedeutungsschichten bewußt werden, die nicht auf der Ebene des Aussagetextes liegen, sondern erst durch den situativen Kontext entstehen. In dem Band „Spaßguerilla“ wird zähneknirschend festgestellt, daß auch die Werbung Methoden der Verfremdung einsetzt. Die Erkenntnis, daß gerade die schlimmsten Vasallen des Kapitalismus, die Werbefirmen, mit Elementen spielen, die seit Bert Brecht der Linken vorbehalten schienen, ist natürlich bitter. Um dem Dilemma zu entkommen, daß die eigenen Methoden große Ähnlichkeit mit kapitalistischen Nutzungsweisen desselben Prinzips aufweisen, unternimmt der anonyme Autor des Bandes den Versuch, „beruhigende“ und „beunruhigende Verfremdung“ zu unterscheiden. Dabei wird die in der massenmedialen Werbung verwendete Methode als beruhigende Verfremdung eingeschätzt und ihr ein manipulativer Charakter unterstellt. Es ist allerdings die Frage, ob diese Unterscheidung wirklich zutrifft und es tatsächlich erlaubt, sich außerhalb der Schlußlinie zu wähnen. Inzwischen bedienen sich nämlich auch Werbefuzzis der ‚beunruhigenden‘ Verfremdung; bestes Beispiel hierfür sind die Werbekampagnen von Benetton. Die Plakate dieser Kleidermarke mit blutigen Neugeborenen, Aidskranken und erschossenen Soldaten-T-Shirts zeigen, daß unter Umständen auch beunruhigende Provokationen einen Werbeeffect haben. Spassguerilla. Münster 1994. (Berlin 1984), S. 75-84. Dieses Beispiel demonstriert, daß das Prinzip der Verfremdung nicht an ein politisches Konzept gebunden ist. Der Versuch, es per Definition vor dem Zugriff der kapitalistischen Verwertung zu retten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Verfremdung ist nicht an und für sich subversiv . Es sind erst Kontext und Art und Weise der Umsetzung, die ihre Wirkung bestimmen. Ebenso wie in allen anderen Bereichen können Praktiken der Verfremdung auch in der Politik von der Macht für ihre Zwecke genutzt werden. Ein Beispiel dafür ist ein Wahlplakat der CDU zu den Landtagswahlen 1996 in Baden-Württemberg. Auf einer weißen Fläche war nichts weiter abgebildet als ein Smiley, dessen Gesicht aus den Buchstaben C, D und U bestand. Noch vor einigen Jahren hätte es als Sachbeschädigung gegolten, dieses Motiv mittels Edding auf Plakaten anzubringen. Nun wurde es vereinbart und sollte signalisieren, wie hip, trendy und jugendnah diese Partei sei. Hier wurde die Vorstellung, Politik müsse durch Argumente überzeugen, bereits zugunsten eines werbetechnischen Überraschungseffekts aufgegeben. Es ist aber offensichtlich absurd, daraus den Schluß zu ziehen, daß auf Verfremdung basierende politische Interventionen nun nimmermehr subversiv sein können, weil sie auch Anregungen für die Weiterentwicklung und Verfeinerung wahlpolitischer Kampagnen liefern. In der Annahme, daß Kommunikationsguerilla eine ‚sichere‘ Praxis sei, die einen eindeutig ‚links‘ codierten gesellschaftlichen Ort begründet, liegt ein grundsätzlicher Denkfehler. Denn mit der Besetzung eines Ortes beginnt gleichzeitig seine Angreifbarkeit und seine Rekuperation, seine Wiedereinnahme durch die Macht. Kommunikationsguerilla ist aber nicht Strategie , sondern Taktik . Ihr Ziel kann es nicht sein, Positionen um jeden Preis zu behaupten. Vielmehr liegt ihre Stärke darin, beweglich zu sein und immer neue Überlegungen anzustellen, wie Vereinnahmungsversuche wieder durch weitere Aktionen ad absurdum geführt werden können. Der Vorsprung der Kommunikationsguerillas liegt dabei genau darin daß, wer von der Seite der Macht aus spricht, stets eine strategische Position zu verteidigen hat. Konkret heißt das: so hip die CDU sich auch darzustellen versucht, für diese Hipness gibt es auf jeden Fall ziemlich enge Grenzen. Es ist daher recht einfach, beispielsweise den Smiley wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Anstatt besagte CDU-Plakate wutschäumend herunterzureißen, würden manche Vertreterinnen der Kommunikationsguerilla sie womöglich mit Werbung für Drogen verschiedenster Art ergänzen ( Sniping ), um den Smiley so seiner vorherigen Bedeutung wieder näherzubringen. Wenn ein solches Wahlplakat und seine Aussage wirklich ernst genommen würden, könnte es für alle BetrachterInnen auch erhellend sein, wenn etwas Klartext draufsteht: Oben und unten wäre noch genug Platz für Kommentierungen wie „Xtasy frees your mind“; weiterhin könnten kleine Veränderungen des Smiley-Gesichts dessen durch Musikkonsum und entsprechende Designerogen veränderten Geisteszustand illustrieren: Mit „Keine Macht – nur Drogen!“ ließe sich in Verfremdung der saublöden Anti-Drogen-Kampagne „Keine Macht den Drogen“ die ganze Angelegenheit zurechtrücken. Prinzip Überidentifizierung Verfremdung versucht, bei Akteurinnen und Zuschauern Distanz zu den herrschenden Verhältnissen zu schaffen und so deren scheinbare Natürlichkeit in Frage zu stellen. Demgegenüber bedeutet Überidentifizierung, sich ganz konsequent innerhalb der Logik der herrschenden Ordnung zu positionieren und sie an dem Punkt anzugreifen, an dem sie am verwundbarsten ist: mitten im Zentrum. Dahinter steht die Vorstellung, daß offen kritisierende oder moralisierende Diskurse gegenüber dem Staat und seiner Ideologie wirkungslos bleiben, während ironische Distanzierung möglicherweise sogar eher stabilisierend als subversiv wirkt. Heutige ideologische Diskurse zeichnen sich oft durch eine internalisierte, in sich schon vorweggenommene Kritik ihrer selbst aus. Eine ironische Bezugnahme auf diese Widersprüchlichkeit bleibt innerhalb ihrer Logik und spielt so letztlich „in die Hände der Mächtigen“. Überidentifizierung entscheidet sich für den entgegengesetzten Weg. Sie durchbricht die Ideologie des Zynismus, indem sie die darin angelegte Distanz vollkommen aufgibt, indem sie sich weiter mit der Logik des herrschenden Systems identifiziert, sie ungebrochener ernst nimmt als das System selbst es tut (tun kann). Was bedeutet dies nun genau? Zizek geht davon aus, daß eine Ideologie immer aus zwei Teilen besteht: aus den von einem politischen System öffentlich verkündeten und propagierten „expliziten“ Werten und aus der „verdeckten Kehrseite“. Damit sind Implikationen gemeint, die innerhalb einer Ideologie mittransportiert werden und ihr zugleich scheinbar widersprechen. Solche Implikationen werden dadurch integriert, daß sie zwar allgemein bewußt sind, aber dennoch unausgesprochen und tabuisiert bleiben. Als Beispiel nennt er den US-amerikanischen Rassismus, der für das Funktionieren der amerikanischen Gesellschaft wesentlich ist und doch ihren ‚offiziellen‘ Werten tendenziell widerspricht: Er bekam seinen Ort in der Gesellschaft lange durch das Bestehen des geheimen und illegalen Ku-Klux-Klans zugewiesen. Der herrschende Diskurs steht solchen ‚Verborgenen Wahrheiten‘ distanziert gegenüber, die gleichzeitig wesentliche Bestandteile des Systems und mögliche Bruchstellen sind. Sie dürfen, wenn überhaupt, nur im Ton der Ironie, des Zynismus oder auch der kritischen Distanzierung angesprochen werden. Angesichts dieser Situation kann es eine wirksame Form von Subversion sein, solche unausgesprochenen Aspekte affirmativ in einer Weise auszusprechen, die die Logik des Systems so getreu wie möglich nachzeichnet und den damit Konfrontierten möglichst wenig Möglichkeiten läßt, auf Distanz zu gehen. Für die mit einer solchen Affirmation konfrontierten Subjekte bedeutet dies nicht, wie im Fall der Verfremdung, daß ihre  subversiven, ungelebten, aber dennoch immer wieder empfundenen Anteile angesprochen werden. Vielmehr geht es im Fall der Überaffirmation darum, 'sichere', mit der herrschenden Ideologie übereinstimmende Haltungen dadurch anzugreifen, daß die in ihnen verborgene Kehrseite zum Vorschein gebracht wird: Wenn ein die in einer Ideologie enthaltenen Werte immer zugleich ihr Gegenteil in sich tragen, bleibt als Zentrum nur noch ein leerer Fleck. In fast lehrbuchartiger Weise läßt sich die Funktionsweise von Überidentifizierung anhand der Aktion des Situationisten Sanguinetti illustrieren, mit der er 1975 in Italien einen Skandal hervorrief. Da diese Aktion zu ihrem Verständnis einige Informationen über die Struktur des politischen Systems im Italien der 70er Jahre voraussetzt, wird sie in einem eigenen Text analysiert (→ Sanguinetti und die Rettung des italienischen Kapitalismus). Ein solcher Angriff ist nur dann wirksam, wenn sich der 'Sprecher' scheinbar eindeutig innerhalb der Logik des Systems positioniert. Daher ist das Prinzip der Überidentifizierung in der praktischen Umsetzung ungleich problematischer als das der Verfremdung. Zudem wirkt Überidentifizierung nur dann subversiv , wenn sie tatsächlich 'den Nerv' trifft, sprich verborgene Bruchstellen der symbolischen Ordnung angreift. Während eine mißglückte Verfremdung schlimmstenfalls belanglos, als folgenloses postmodernes Spielchen wirkt, kann eine mißglückte Überidentifizierung das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. In der Praxis ist es schwer einzuschätzen, ob man tatsächlich wesentliche Bruchstellen der herrschenden Diskurse aufgespürt hat. Eine Aktion kann schneller von der Realität überholt werden, als sie ausgeheckt wurde. So sind in Deutschland rassistische Diskurse in den letzten Jahren so schnell hoffähig geworden, daß eine Überidentifizierung hier keinerlei Sprengkraft mehr besitzt. Eine weitere Form der Überidentifizierung wurde von der Künstlergruppierung ☉ NSK (Neue Slowenische Kunst) und insbesondere von der Band Laibach praktiziert. Sie greifen die Rituale nationalstaatlicher Selbstinszenierung auf und stellen sie in den Dienst einer artifiziellen, dysfunktionalen Ideologie. Obwohl die Bezüge zwischen den einzelnen ästhetischen Elementen stimmig erscheinen, bleibt in dieser kohärent erscheinenden Ideologie die Stelle des bedeutungsgeladenen Kerns (die eigene Nation) unbesetzt. Diese Leerstelle ist aber kaum sichtbar: Der einzige Unterschied zur ideologischen Inszenierung einer ‚realen‘ Nation besteht darin, daß NSK einen solchen Bezugspunkt für ihr Projekt gar nicht beanspruchen. Gerade die Tatsache, daß die Inszenierung trotzdem funktioniert, legt die Mechanismen der Konstruktion von Nation deutlicher offen, als dies jede argumentative Kritik vermag. Techniken Die Prinzipien der ○ Verfremdung und ○ Überidentifizierung , die den meisten Aktionen der Kommunikationsguerilla zugrundeliegen, lassen sich mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Methoden und Techniken umsetzen. Sie können entweder einzeln oder miteinander kombiniert eingesetzt werden; so sind beispielsweise im ○ Fake eine ganze Reihe von Methoden und Techniken verknüpft. Unter ‚Methoden‘ fassen wir an dieser Stelle unterschiedliche Vorgehensweisen und Ansatzpunkte, mit und an welchen sich verfremdende und überidentifizierende Wirkungen erreichen lassen, während ‚Techniken‘ konkrete Formen der Umsetzung sind. Letztlich läßt sich aber nicht immer eine genaue Unterscheidung treffen, ohne daß daraus ein haarspalterisches Regelwerk entsteht, weswegen die Klassifiziererei an dieser Stelle nicht weiter vorangetrieben werden soll. Die Erfindung falscher Tatsachen zur Schaffung wahrer Ereignisse Die Erfindung falscher Tatsachen zur Schaffung wahrer Ereignisse ist eine Methode, die Mechanismen offenzulegen und zu kritisieren, die die hegemoniale Produktion medialer und politischer Bilder von Wirklichkeit bestimmen. Diese Methode geht über analytisch-aufklärerische Formen von Information und Gegeninformation weit hinaus: Sie greift nicht die konkrete Darstellung bestimmter Themen an, sondern treibt ihr Spiel mit den Mechanismen, durch die Politik und Medien gesellschaftlich relevante Ereignisse produzieren. Ein Beispiel hierzu: Der vergleichsweise starke Anstieg von ‚Kriminalität‘ war in den 80er Jahren kaum ein relevantes Thema, während die relativ geringe Zunahme der 90er Jahre zu einem der zentralen Medienergebnisse geriet. Auch militärische Konflikte können oft Jahre andauern, bevor sie in einer bestimmten Situation mediale Aktualität gewinnen. Durch die Erfindung von Ereignissen wird versucht, die Mechanismen, die den medialen Takt bestimmen, gegen die herrschende Macht zu wenden. Den Gedanken, mit falschen Informationen wahre Ereignisse zu schaffen („Segni falsi, informazioni false che producano eventi veri“) formulierte 1977 das Bologneser Zeitschriftenkollektiv A/Traverso ( ○ Radio Alice , ○ A/Traverso – il Male ). Aber bereits die ○ Yippies bedienten sich dieser Methode. 1967 inszenierten sie in New York ein Freuden fest auf der Fifth Avenue, indem sie in einer spontanen Straßenaktion mit 2.000 Teenagern verbreiteten, daß der Vietnamkrieg nun aus sei: „Allen Ginsberg lief in Automatenrestaurants, riß die Arme hoch, sprang in die Luft und schrie aus vollem Hals: ‚Der Krieg ist aus! Der Krieg ist aus!‘ Selbst die Bullen, die versuchten, die ungenehmigte Freudenfeier auseinanderzutreiben waren nun „plötzlich Teil der Feier“. Dabei gelang es nicht nur, die Regierung zu einem Dementi zu zwingen, sondern auch, viele Menschen aus ihren gewohnten Rollen herauszureißen: „Leuten, die für den Krieg waren, fragten sich vergeblich, Rubin, Jerry: Do IH: Scenarios for die Revolution. München 1977, S. 139. wie sie auf diese psychologische Herausforderung ihres Denkens reagieren sollten. Sie konnten sie nicht ignorieren wie sie Schilder mit der Aufforderung ‚Macht Schluß mit dem Krieg!‘ hatten ignorieren können.“ Um ein erfundenes Ereignis wirksam zu verbreiten, braucht es in der Regel eine Glaubwürdigkeit und Autorität beanspruchende Instanz, die als (unfreiwilliger) Bürge für die ‚Wahrheit‘ der Erfindung dient: Der Name des Autors oder eines Mediums muß benutzt oder ebenfalls erfunden werden. Gut erfundene Ereignisse greifen Themen auf, die in einer bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Situation stark emotional besetzt sind, mit denen sich Befürchtungen oder Begehren verbinden. Das gelang 1978 in Rom, als Il Male unter dem Titel des Corriere dello Sport die Annullierung der Fußball-Weltmeisterschaft und die Wiederholung des Endspiels mit Italien bekanntgab. Die Stadt verwandelte sich aufgrund dieser Erfindung für einen Tag in ein großes Verkehrschaos, und ein solches o Fake machte die Wünsche und Ängste der Leser deutlicher sichtbar als jede Analyse. Dabei besteht die Chance, daß auch unwahrscheinliche Ereignisse geglaubt werden, wenn sie direkt an den Hoffnungen und Ängsten der Menschen anknüpfen. Vgl. a. Appendix Four. Introduction to the Polish edition of the Assault on Culture. In: Home, Stewart: Neonism, Plagiarism & Praxis. Edinburgh/San Francisco 1995, S. 201 f. u. S. 135 f. Wenn entsprechende Informationen erfunden und über ein geeignetes Medium vermittelt sind, ergibt sich die Schaffung ‚wahrer‘ Ereignisse daraus ganz von selbst. Im Falle der Yippie-Aktion sah sich die US-Regierung zu einem Dementi gezwungen. Dadurch gelang es, die Handlungsweise der Herrschenden in einen offensichtlichen Gegensatz zum Begehren ihrer Untertanen zu setzen. Es geht bei der Erfindung also nicht in erster Linie um den Streich, den o Eulenspiegel-Effekt, die Verarschung unbedarfer BürgerInnen. Vielmehr sollen Erfindungen die Instanzen der Wahrheitsverkündung diskreditieren und in ihrer Autorität angreifen: Zwischen Konsens und Dissens aber öffnet sich ein weites Feld für das, was man Momente ausgesprochenen Mißtrauens nennen könnte. Dies ist ein ideales Gelände für die Fälschung. Die Fälschmeldungen erlauben weder Zustimmung noch Ablehnung. Sie höhlen das Vertrauensverhältnis aus, welches die Politik – und dasselbe gilt von den Massenmedien – zu installieren versucht.“ Gruber, Klemens: Die zersplitterte Avantgarde. Strategische Kommunikation im Italien der 70er Jahre. Wien/Köln 1989, S. 139. Es gibt Erfindungen, die erst subversiv wirken, wenn sie aufgedeckt werden. Denn erst in diesem Moment kann die Frage thematisiert werden, warum alle die erfundene Tatsache glauben wollten. Dabei wird nicht nur gezeigt, wie diese konkrete Erfindung glaubhaft werden konnte. Darüber hinaus wird das Regelwerk der Produktion von Ereignissen insgesamt zum Thema, mögen sie nun erfunden sein oder nicht. Umgekehrt ist es bei manchen Erfindungen besser, wenn sie nicht oder nie aufgedeckt werden. Ein Beispiel ist die Erfindung von ‚Chaostagen‘, die vor einiger Zeit in vielen bundesdeutschen Städten wie Pilze aus dem Boden schossen. Dabei waren die fiktiven InitiatorInnen vermutlich vor allem daran interessiert, einen schönen Polizeiauflauf zu verursachen und so die irrationale Gewaltbereitschaft des staatlichen Apparates anschaulich zu demonstrieren. Wer ein solches Spiel öfter wiederholen möchte, dürfte wenig Interesse daran haben, öffentlich zu machen, daß die ‚Gefahr für die öffentliche Ordnung‘ in Wirklichkeit nur aus ein paar Flugblättern und im Internet lancierten Aufrufen besteht. Noch verwirrender wird es, wenn plötzlich erfundene Verlaufbarungen auftauchen, die nicht nur im Duktus, sondern auch inhaltlich stimmig sind, tatsächlich aber nicht von den angeblichen Absendern verfaßt wurden. Dies ist zum einen ein prima Mittel, wenn ein politischer Gegner aus leicht durchschaubaren Gründen gerade mit bestimmten Aussagen hinterm Berg halten will. Ein leuchtendes Beispiel hierzu könnten die Sozialdemokraten (wer sonst) abgeben: Eine (erfundene), überaus pointierte Erklärung gegen den gegenwärtigen Sozialabbau, die auch die Positionen ihres jeweiligen Kanzlerkandidaten in Frage stellt, könnte mit dem Parteiprogramm durchaus übereinstimmen. Als Reaktion müßte die Partei nun vollends dementieren, daß sie etwas gegen den Sozialabbau hat, womit zumindest einmal Klarheit hergestellt wäre. Zum zweiten vermag diese Methode aber auch, Kontroversen wieder oder überhaupt erst in Gang zu bringen, die einfach nicht so recht flutschen wollen. Ziel ist es dann, nicht die eigene Position darzustellen, sondern unter Umständen die des Gegners zu umreißen. Ein Beispiel: Wenn über Burschenschaften in einer Universitätsstadt diskutiert wird, kann es durchaus Sinn machen, einen Leserbrief an die Lokalzeitung zu verfassen, in dem sich ein Burschenschafter darüber beschwert, daß aufgrund der Intervention der alliierten Streitkräfte nach 1945 das Farbentragen auf dem Uni-Campus immer noch verboten ist. Wir nennen ein solches Vorgehen das ‚Doppelpaß-Spiel‘. Denn radikale Positionen benötigen häufig konkrete Vorlagen, auf die sie sich beziehen können. Wenn der Gegner diese nicht selbst ausspricht, sondern sich der Diskussion zu entziehen versucht, muß eben mitunter ein Advocatus diaboli nachhelfen und die Diskussion in Schwung bringen. Camouflage Bei vielen Praktiken der Kommunikationsguerilla ist es notwendig, die eigenen Ziele in einer Verkleidung zu verfolgen, die sich herrschender Formen, ästhetischer Ausdrucksmittel oder Sprechweisen bedient. Diese Formen werden imitiert, um dissidente Inhalte zu transportieren. Solche Verkleidungen sind nicht nur bei o Happenings und o Unsichtbarem Theater selbstverständlicher Teil von Aktionen. Als Camouflage bezeichnen wir sie, wenn versucht wird, durch die Verkleidung Kommunikationsbarrieren zu überwinden und dann Menschen mit einem Klartext oder Handeln zu konfrontieren, dem sie sich sonst von vorneherein entziehen würden. Eine Form der Camouflage ist es etwa, wenn die Anarchoband o Chumbawamba Mainstream-Pop und eingängige Melodien mit anarchistischem Klartext verknüpft: „Give the anarchist the cigarette. Every fire needs a little bit of help ...“. Aufs erste Hören wird nur die harmlose und eingängige musikalische Form registriert; sie wirkt als Verkleidung für den gar nicht so harmlosen Inhalt. Ähnlich ist es, wenn linke Gruppen das formale ‚Outfit‘ bürgerlicher Medien oder anderer Institutionen imitieren, um in dieser Verkleidung ihren eigenen Klartext zu kommunizieren. Die „Letzte Ausgabe“ der Frankfurter Rundschau ist ein Beispiel für einen solchen Ansatz. Häufig besteht allerdings die Gefahr, daß solche Camouflagen im Sinne einer Mogelpackung eingesetzt werden. Dahinter steht die Hoffnung, daß eine hübsche Verpackung die Leserinnen vielleicht dazu bringen könnte, unpopuläre Inhalte zur Kenntnis zu nehmen. Das führt dann dazu, daß diese beispielsweise in Comicform präsentiert werden, der Duktus aber genau derselbe ist wie auf den üblichen Flugblättern. Aber dieser Versuch, die Leser zu überlisten und sie dazu zu bringen, das Zeug überhaupt in die Hand zu nehmen, funktioniert in der Regel nicht: Selbst wenn die Adressaten nicht gleich merken, was Sache ist, beginnt das Problem spätestens, wenn sie zu lesen beginnen (linke Statements sind in dieser Beziehung nicht besser dran als in Comics verpackte Bibelpassagen). Diese ‚Verpackungsmogelei‘ nützt die Möglichkeiten nicht, die in der Imitation und ◉ Entwendung herrschender Formen liegen und die sich beispielsweise in den paradoxen und lyrischen Text-Bild-Kombinationen zeigen, die für die Comics der ◉ Situationistischen Internationale typisch sind. Dennoch kann Camouflage eine wirksame Kommunikationstechnik sein. Wird die Spannung zwischen Form und Inhalt bewußt eingesetzt, dann kann eine gekonnte und witzige Camouflage durchaus ihr Ziel erreichen: Kommunikationsbarrieren zu überwinden und trotz allgemeiner Informationsübersättigung angehört zu werden. Faken und Faken lassen Das Herstellen von Fakes ist eines der beliebtesten Betätigungsfelder von Kommunikationsguerilleras . Ein gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen (z.B. durch Fälschung amtlicher Schreiben). Die Fäkerin will allerdings nicht in erster Linie eine unmittelbare materielle Wirkung erreichen oder sich selbst Vorteile verschaffen. Ziel ist vielmehr, einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird. Das Fake entfaltet seine Wirksamkeit im Verlauf des Prozesses, der der Aufdeckung folgt, in der Kette von echten und vielleicht auch falschen Dementis, womöglich ergänzt durch weitere Fakes oder Fälschungen. Die Produktion von Fakes bewegt sich oft am Rande der Legalität oder jenseits davon. Auch wenn die Rechtslage nicht so eindeutig ist wie bei Fälschungen (Betrug etc.), werden sie regelmäßig juristisch verfolgt. Im folgenden werden keine konkreten Hinweise für das Beschaffen von Briefköpfen, den Zugang zu Daten oder den Gebrauch von Scannern, Kopierern und Desktop-Publishing Systemen gegeben. Fakerinnen haben in dieser Hinsicht immer genügend Phantasie entwickelt. Deshalb geht es hier darum, wie ein Fake wirkt und welche Ziele die Fakerinnen damit verfolgen. Faketheorie In den heutigen bürgerlichen Gesellschaften wird Macht sehr stark auf diskursivem Wege ausgeübt und legitimiert. Fakes sind ein Versuch, dieses Funktionsprinzip der Macht zu stören und ihre Legitimation zu beschädigen, indem in ihrem Namen falsche, gezielt modifizierte oder auch schlicht sinnlose Informationen verbreitet werden. Dadurch soll die Selbstverständlichkeit der diskursiven Prozesse aufgebrochen werden, in denen sich Macht konstituiert und reproduziert. Das Fake ist ein taktisches Mittel, das in der Regel keine Gegenentwürfe zeigt und keine Gegendiskurse formuliert. Dennoch wirkt es in einem gewissen Sinne aufklärerisch: Es zeigt, daß alles auch ganz anders sein könnte, daß die Strukturen des Sprechens und der Macht so, wie sie den Menschen gegenübertreten, weder zwingend noch selbstverständlich sind. Das Fake läßt in den Kommunikationsprozessen jenes beunruhigende und potentiell widerständige ‚Andere‘ des Bestehenden aufscheinen zu lassen, welches durch die dominanten Diskurse auf allen Ebenen zum Schweigen verurteilt ist, niemals aber zum Verschwinden gebracht werden kann. Das Fake beruht also auf der Störung bzw. momentanen Umstürzung dessen, was Foucault als „Ordnung des Diskurses“ bezeichnet und als wesentliches Element von Machtausübung identifiziert. Diese Ordnung bestimmt sowohl die in der gesellschaftlichen Kommunikation zulässigen Aussagen als auch die zulässigen Sprecher (► Der Herr Minister spricht zum Volk ). Wer heimlich den Sprecher austauscht, stört die Regeln, die festlegen, wer wann was sagt und sagen darf und wer nicht. Besonders effektiv ist das in Situationen, die durch starke Machtgefälle strukturiert sind, in denen Name oder Etikett der Sprechenden und nicht die Kraft ihrer Argumente den Stellenwert von Aussagen bestimmen. Durch das Fake werden die verdeckten diskursiven Machtstrukturen plötzlich sichtbar. Denn die Störung scheint gerade von jener Seite aus zu erfolgen, die in der Ordnung des Diskurses die Legitimation hat, zu sprechen und gehört zu werden. Scheinbar sind es die lokalen Behörden, die in Briefen zum Aids-Check verdonnern. Aussage und Sprecher oszillieren: Einerseits glaubt die anständige Bürgerin an die Anständigkeit ihrer Obrigkeit in Sachen Privatsphäre und zweifelt daher an dem Schreiben, andererseits meldet sie sich möglicherweise zum Aidstest an, weil sie eben dieser anständigen Obrigkeit die totale Kontrolle der ‚Volksgesundheit‘ dennoch zugesteht. Die Legitimation, im Namen der Macht zu sprechen, wird durch die Verwendung von Zeichen konstituiert, die für die Macht reserviert sind. Das können Signets wie der Briefkopf eines Amtes sein, Titel, Namen oder auch das verwendete Medium selbst. Solche Zeichen sollen die Einheit von Autor und Text garantieren, die für diskursive Machtausübung wesentlich und dementsprechend durch Gesetzesparagraphen und Strafdrohungen abgesichert ist: Nur die legitimierten Institutionen der Macht dürfen die Autorität haben, bestimmte Aussagen zu treffen. Das Fake bricht diese Einheit auf. Daß dies als massiver Angriff empfunden wird, läßt sich daran ablesen, daß selbst auf den ersten Blick erkennbare Fakes fast unweigerlich ein Dementi nach sich ziehen. Ein gelungenes Fake spielt mit der Zuordnung von Autor und Text. Seine Wirkung entfaltet es genau dann, wenn sich keine eindeutige Beziehung zwischen beiden mehr herstellen läßt. In diesem Moment beginnen auch die Bedeutungen der getroffenen Aussagen zu oszillieren, werden neue Interpretationen sichtbar und zugänglich. Das Prinzips der Interpretationsvariabilität (► Warum hört mir keiner zu ? ), das in konventionellen Kommunikationsprozessen als unvermeidlicher Störfaktor wirkt, wird bei Fakes zum Fundament, das die Kommunikationsweise des Fakes überhaupt ermöglicht – das Fake will nicht wörtlich genommen werden, sondern Reflexionen über den Urheber und den Inhalt der Botschaft auslösen. Seine Offenheit bedeutet aber auch, daß seine Resultate niemals mit Sicherheit vorhersagbar sind. Das Fake will subversive Lesarten in die Texte und Sprechweisen der Macht einschleusen. Jedes überzeugende Fake ist eine spielerische Negation des strukturalistischen Prinzips „der Text schreibt den Autor“. Doch es ist auch nicht die Fakerin, die den Text des Fakes schreibt: Der vorhandene Text der Macht ist existent, er ist dem Zugriff der Faker zugänglich, ein Teil unserer Sprache. Das Prinzip der Sprache selbst erlaubt es, daß die Position derjenigen, die eine bestimmte Aussage ausspricht (zumindest potentiell) von jeder eingenommen werden kann: Auch von denen, die in der Ordnung des Diskurses vorgesehene Legitimation nicht besitzen, kann der Tonfall der Macht imitiert werden. In diesem Sinne ist Sprache vieldeutig und anarchisch. Dieselbe Entwicklung, die die Wirkungen der Macht in die Sprache der Individuen verlagert hat und die Praktiken des Sprechens selbst zu Instrumenten der Machtausübung werden ließ, eröffnet den Fakerinnen Möglichkeiten der Subversion. Alle kennen nun die Sprache der Macht: So kann das Fake zur subversiven Alltagspraxis werden. Da die Ausübung der Macht überall in der Gesellschaft stattfindet, also nicht mehr nur Sache einer kleinen Elite ist, wird auch die entsprechende Sprache (anders als z.B. Latein im Mittelalter) von vielen gesprochen. Besonders gut beherrschen den Tonfall der Macht diejenigen, die sich im Umfeld und am Rande der Herrschenden bewegen. (In den USA sind viele „pranksters“ hauptberuflich Universitätsdozenten!) In diesem Sinne ist das Fake eher eine Praxisform von MittelklassendissidentInnen als von denjenigen, die, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, der Unterdrückung am meisten ausgesetzt sind. Das Fake funktioniert vielleicht dann am besten, wenn sich die Identitäten der Faker und der Gefakten berühren. (Deleuze/Guattari fassen dies unter dem Begriff der kleinsten minimalen Differenz.) Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht. Berlin 1976. Deleuze, Gilles/Guattari, Felix: Tausend Plateaus. Berlin 1992. Gerade die Tatsache, daß diese Nähe bei vielen Linken besteht, mag auch eine Ursache für ihre Schwierigkeiten mit einer solchen Praxis sein. Beim Faken ist es wichtig, sich der Vielfältigkeit der eigenen Identitäten und Zugehörigkeiten bewußt zu sein und damit spielerisch umzugehen. Nur dann können die Identitäten und Identitätsfragmente der Schreibenden in ihren Sprachmöglichkeiten auch ausgeschöpft werden. Nichts ist für das Fake tödlicher als der alte linke Aberglaube, daß ein linkes Subjekt nur einen, nämlich DEN RICHTIGEN Text zulässigerweise aussprechen dürfe. Funktions- weise des Fakes Die Taktik des Fakens beruht auf einem Paradox: Das Fake sollte einerseits möglichst wenig als solches erkennbar sein (die Fälschung muß gut sein), es soll aber zugleich einen Kommunikationsprozeß auslösen, in dem klar wird, daß die Information falsch war: Das Fake muß aufgedeckt werden. Kurzgefaßt lautet die Formel: Fake = Fälschung + Aufdeckung/Dementi/Bekenntnis. Dabei liegen auf beiden Seiten Stolpersteine für die Fäkerinnen. Ein Fake, das sofort erkannt wird, weil die Fälschung schlecht ist, wird im besten Fall als gute Satire gelesen, im schlechtesten Fall als schlechtes Flugblatt. Heute ist es kein Problem mehr, optisch überzeugende Fälschungen zu produzieren. Viel schwieriger ist es, den Tonfall und die Rhetorik der Macht überzeugend zu imitieren. Linke Jargonausdrücke beispielsweise führen dazu, daß die Leserinnen den Fakern spätestens nach zwei Sätzen auf die Schliche kommen. Andererseits ist ein Fake, das überhaupt nicht erkannt wird, im Sinne der Urheber für die Katz. Im schlimmsten Falle verdoppelt und bekräftigt es den imitierten Machtdiskurs. Ein Beispiel wäre ein Aushang, der Menschen mit bzw. ohne deutschen Paß verschiedene Eingänge zu einem Gebäude zuweist. Solche ‚Fakes‘, die scheinbar von legitimierten Institution ausgehen, wurden schon widerspruchlos akzeptiert. Für Menschen mit fremdem Paß wirkten sie als reale Bedrohungen, und daran konnte auch eine nachfolgende lautstarke Aufdeckung durch die Initiatoren nichts ändern. Entscheidend für die Wirkung des Fakes ist, daß Imitationen über eine zunächst scheinbar eindeutige Kommunikationssituation entstehen. Ziel ist es, einen Kommunikationsprozeß über Fragen auszulösen wie: Kann es sein, daß diese Aussage von jenem Sprecher kommt? Wenn ja: Was ist davon zu halten? Wenn nein: Warum nicht, und von wem dann? Die Aussage ist zwar plausibel, aber irgendetwas stimmt nicht, nur was? Zum Beispiel: „... eine Autorität fordert ein Verhalten, das antiautoritär ist. Die Leute stehen vor der Wahl: entweder sie gehorchen der Autorität, indem sie sich antiautoritär verhalten, oder sie verhalten sich autoritär, indem sie der Autorität nicht gehorchen“. Solche Paradoxe führen häufig zu Rückfragen beim (scheinbaren) Urheber. Unter Umständen kommt ein Fake aber auch erst durch das Bekenntnis der Fakeinnen in die Diskussion. Das gilt insbesondere dann, wenn die Medien einem Fake aufgesessen sind, da diese wenig Interesse haben, ihre Pannen an die große Glocke zu hängen. Meist ist aber ein explizites Bekenntnis unnötig, da es einen sonderbaren Brauch gibt, der den Fakern diese Mühe fast zuverlässig erspart: das Dementi. SpassGuerilla.  Münster 1994 (Berlin 1982). S. 116. Mit dem Dementi versucht die Macht, die gestörte Ordnung des Diskurses wiederherzustellen: Der Gefakte meldet sich höchstpersönlich zu Wort und erklärt allen oder möglichst vielen, wie's wirklich ist. Wer tatsächlich im Namen der Macht spricht, traut den Leuten wohl nicht zu , ein Fake selbst zu erkennen. Die Faker wissen's zu schätzen. Denn durch das Dementi erhält das Fake ein quasi amtliches Gütesiegel. Da dies in der Regel über die Massenmedien verbreitet wird, verleiht es ihm außerdem eine Publizität, die oft über seine eigentliche Reichweite weit hinausgeht. Gerade weil Dementis nahezu automatisch erfolgen, wurden sie von manchen Fakerinnen auch schon bewußt benutzt. Sie bieten eine Spielweise für ganz spezielle Fakes. Diese Fakes höherer Ordnung treiben mit der literarischen Form des Dementi ihr Unwesen. Im einfachsten Fall wirken sie durch das Kopfschütteln, das ausgelöst wird, wenn ein Dementi erfolgt, obwohl alles in Ordnung zu sein scheint. Ein solches Dementi kann durch ein bewußt harmloses Fake provoziert werden, das eigentlich niemandem auffällt. Besonders elegant und arbeitssparend ist es, wenn Fakerinnen die Vertreter der Macht die ganze Arbeit tun lassen. Es genügt, sie von der Existenz eines fiktiven Fakes zu überzeugen – wenn’s klappt, dementieren sie etwas, von dem nie jemand gehört hat. Auch ein gefälschtes Dementi ohne vorhergehendes Fake wurde schon ausprobiert, wobei die Fakerinnen davon ausgingen, daß das Dementi eines Dementi halsbrecherische diskursive Verrenkungen verlangt. Wenn durch die Medien das gefakte Dementi geht, daß die 1.000 Beschäftigten der Firma XY doch nicht entlassen werden sollen, werden sich alle Betroffenen fragen, was an der Nachricht dran ist. Die Firma ist nun gezwungen zu erklären, daß niemand entlassen wird bzw. nur 300 usw. Als Mittel zur Wiederherstellung der diskursiven Ordnung ist das Dementi offensichtlich wenig wirksam. Ein gefälschtes Dementi wurde sogar schon dazu genutzt, eine echte Fälschung abzusichern. In einem ersten Schritt passierte gar nichts – es gab keine gefälschten Freifahrscheine. Dann kam das gefälschte Dementi: Es wurde dementiert, daß Freifahrscheine an alle Einwohner verschickt wurden. Erst nachdem dieses Schreiben dementiert war, wurden tatsächlich gefälschte Freifahrscheine verschickt ... Das Ganze ließe sich im Prinzip zu einem ganzen Spiel gefälschter Erklärungen und Dementis ausbauen, zur vollständigen Simulation eines Prozesses, in dem die diskursiven Ordnungen immer von neuem de- und reartikuliert werden. Auch als Medienstrategie läßt sich das Dementi einsetzen: Die Fäker selbst haben in der Regel wenig Möglichkeiten, ein Thema in die bürgerlichen Massenmedien zu bringen, für Behörden und andere Institutionen ist das aber kein Problem. Was liegt näher, als sie durch ein Fake dazu zu veranlassen, ein Dementi in den Medien zu verbreiten und so den Fakerinnen die Medienarbeit abzunehmen? Dabei verlassen sich die Fakerinnen auf die Interpretationsvariabilität, also darauf, daß die mediale Thematisierung die von ihnen gewünschten Lesarten zumindest möglich macht. Ein Beispiel: Wenn in den Medien erklärt wird, daß im Atomkraftwerk XY kein Störfall stattgefunden habe, löst diese Meldung viel eher Zweifel an seiner Sicherheit aus, als wenn über das AKW gar nicht berichtet worden wäre. Werbefachleute kennen ein ähnliches Prinzip – mit umgekehrtem Vorzeichen: Jede Presse ist eine gute Presse, solange das Produkt nur in den Medien präsent ist. Und so erstaunt es nicht, daß auch sie das Fake für sich entdeckt haben: Der Sender VOX warb für seine popelige Serie „Space“, indem er im Namen einer „Initiative boykottiert Space“ eine gefakte Anzeige gegen seine eigene Serie schaltete. Kleine Typologie des Fakes Eine Typologie des Fakes läßt sich entlang verschiedener Linien formulieren: Danach, wer gefakt wird, oder danach, an wen sich die Fakes richten. In der wohl besten Sammlung von Fakes „Dieses Buch ist pure Fälschung“ sind sie nach den gesellschaftlichen Themen angeordnet, auf die sie sich beziehen. Im folgenden sollen sie danach unterschieden werden, welche Grundelemente der diskursiven Ordnung sie in welcher Weise angreifen. Huth, Peter/Volland, Ernst (Hg.): Dies Buch ist pure Fälschung. Frankfurt 1989. Das Buch beruht auf den Beständen des Bremer Archiv G.Fälscht. Vgl. Serviceteil. Eine Vielzahl von Fakes und Fälschungen findet sich im World Wide Web. Unter dem Begriff „hoax“ bietet einen ersten Einstieg: http://www.nepenthes.com/Hoax/index.html Bedrohungen und Gefahren Die (Staats-)Macht garantiert die Sicherheit und das Wohl aller. Sie hat die Dinge im Griff. Ihre Institutionen gewähren Schutz vor den dunklen Bedrohungen und Fahrnissen des Daseins, vor den Fluten, dem Chaos, dem Unvorhersehbaren. Das Bild des sicheren, machtvollen Eigenen und des bedrohlichen Anderen ist ein Grundelement von Machtdiskursen. Vor allem in den 80er Jahren versuchte eine Unzahl von Fakes, dieses Bild in Frage zu stellen. Potentielle Katastrophen, Bedrohungen und Gefahren, die in den Diskursen der Macht als unmöglich, beherrschbar oder harmlos erschienen, wurden im Fake zur simulierten Realität: Kernkraftwerke brannten durch, Bunker und Fluchtmöglichkeiten fehlten, Gift und Gefahren waren allüberall. Die Aussage dieser Fakes ist immer dieselbe: Im Gegensatz zu dem, was sie sonst behauptet, hat die Macht die Dinge nicht im Griff. Ihr Rezeptionsmodus ist: Alle wissen, daß die Lage katastrophal ist, und das Fake zeigt: es ist/wird noch viel schlimmer. Bei diesen Fakes, die vor allem im Zusammenhang mit der Ökologie- und Friedensbewegung entstanden, bleibt die Grundstruktur des Machtdiskurses unangetastet. Der Behauptung der Macht, Sicherheit zu garantieren, wird zwar widersprochen, nicht aber der Vorstellung, daß dies ihre wahre Aufgabe sei. Im Gegenteil: Es kommt der Wunsch zum Ausdruck, sie möge eben diese Aufgabe besser erfüllen. Das Begehren nach machtvoll garantierter Sicherheit bleibt unhinterfragt. Störungen der gesellschaftlichen Ordnung Die Diskurse der Macht sind zugleich Ausdruck und Garant gesellschaftlicher Hierarchien, sie legitimieren Ungleichheiten. Nicht von einem guten Leben für alle ist die Rede, sondern von Leistung, Verdienst und Nutzen. Die Macht beschützt die Fleißigen und bestraft die Faulen und Unnützen. Wenn sie ihnen unverdiente Almosen zukommen läßt, verlangt sie zuvor Rituale der Demütigung und Unterwerfung (Jede, die schon einmal auf dem Arbeits- oder Sozialamt war, weiß, wovon die Rede ist.). Nur gelegentlich scheint die Macht Amok zu laufen und beginnt plötzlich, unverdiente Belohnungen und Strafen zu verteilen. So erhalten zum Beispiel brave und fleißige Bürger unverständliche Vorladungen aufs Arbeitsamt, eine christliche Partei vergibt an arbeitslose Jugendliche Essensgutscheine für Nobelrestaurants, und alle, alle bekommen Freifahrscheine für die Straßenbahn. Diese Fakes haben zwei verschiedene Stoßrichtungen. Wenn unbescholtene Bürger unerwarteten Zumutungen ausgesetzt werden, scheinen hinter den Fassaden anerkannter Institutionen die dunklen Fratzen kafkaesker Bürokratien auf, die unberechenbare und bedrohliche Kehrsseite der Macht. Andere Fakes lassen Institutionen plötzlich unerwartete Wohltaten verteilen: In Westberlin wurden 1975 insgesamt 120.000 gefälschte Sammelfahrkarten im Wert von 360.000 DM verteilt. 1976 erhielten Obdachlose gefälschte Essensgutscheine und lösten sie größtenteils ein. Zu beiden Aktionen bekannten sich die Revolutionären Zellen. Solche Fakes sind zunächst Fälschungen. Wer sie benutzt, weiß in der Regel sehr wohl, daß er keine Wohltaten zu erwarten hat. Dennoch wurden gefälschte Warengutscheine eingelöst, gefälschte Fahrscheine benutzt, und eine Gruppe arbeitsloser Jugendlicher ließ es sich nicht nehmen, auf Kosten der CDU im Berliner Kempinski zu speisen. Die Fälschungen bieten eigensinnigem und widerständigem Handeln einen gewissen Flankenschutz. Sie setzen dort an, wo ein Teil der Bürgerinnen selbst eine uneingestandene oder unterdrückte Lust daran hat, sich aufzulehnen. Die Ausrede „Das habe ich nicht gewußt“ gibt ihnen die Möglichkeit, ein bißchen Alltagsresistenz auszuüben. ID-Archiv im IISG/Amsterdam (Hg.): Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora. Bd. 1. Berlin 1993, S. 124–126. Dieses Spiel kann unter Umständen ziemlich problematisch sein. Die Verteilung von gefaketen Freikarten für ein Prominentenbankett an Obdachlose kann beispielsweise nach hinten losgehen, wenn ein einzelner Berber in der Hoffnung auf ein gutes Abendessen erscheint und dann von den Ordnern hinausgeprügelt oder sogar verhaftet wird. Nicht nur die subversiven Faker gehen ein Risiko ein (diese sind sich dessen in der Regel bewußt), sondern auch die Adressaten. Und die sind, wenn sie die Wohltaten in Anspruch nehmen, obendrein natürlich leichter faßbar als die Faker. Kommunikative Wirkung erzielen solche Fakes erst dann, wenn sich die gefaketen Institutionen eindeutig positionieren müssen, indem sie beispielsweise dementieren, daß sie je auf die Idee kommen könnten, ein Essen für arbeitslose Jugendliche auszurichten. Die Macht als Trottel Der Diskurs der Macht betont die Rationalität und Objektivität von Entscheidungen sowie die Verantwortlichkeit für das allgemeine Wohlergehen. Demgegenüber sind viele Bürger der Meinung, daß es sich bei zahlreichen Vertretern der Macht um ausgesprochene Deppen handelt. Mit klammheimlicher Freude wird es deshalb gesehen, wenn sie durch subtile Fakes dazu gebracht werden, sich selbst als Trottel zu outen. Wer lautstark dementiert, irgendeinen offensichtlichen Blödsinn gesagt oder gemacht zu haben, impliziert dabei immer auch: „Aber denkbar wär's schon, daß ...“ Performatives Sprechen Aussagen haben nicht nur einen sprachlich-diskursiven Aspekt, sondern können auch direkte materielle Wirkungen hervorrufen. Solche Aussagen sind Performative. Wem ein Entlassungsschreiben oder ein Gerichtsurteil ins Haus flattert, der ist tatsächlich entlassen oder verurteilt, Diskurs hin oder her. Heerscharen von Funktionsträgern der Macht sind mit der Formulierung und dem Aussprechen von Performativen beschäftigt, von ‚Im Namen des Volkes‘ über ‚Ego te absolvo‘ bis hin zu ‚Bis daß der Tod euch scheidet‘. Fälschungen, die darauf abzielen, materielle Wirkungen zu erzielen, beruhen gerade auf diesem Aspekt von Kommunikation. Dabei ist die Aufdeckung der Fälschung das letzte, woran ihr Urheber interessiert ist: Sie zerstört nicht nur die performative Wirkung, sondern hat auch sonst unangenehme Konsequenzen. Wenn sich Fakerinnen performativer Aussagen bedienen, geht es ihnen nicht in erster Linie um das eigene Wohlergehen, sondern um subversive Aspekte. Die materiellen Wirkungen von Aussagen entstehen im wesentlichen aufgrund stillschweigender Übereinkünfte und müssen nur in Ausnahmefällen mit materieller Gewalt erzwungen werden. Diese Übereinkünfte setzen voraus, daß performative Aussagen nur von denen getroffen werden, die dazu legitimiert sind – und daß die entsprechenden Wirkungen dann tatsächlich eintreten. Durch ein Fake und seine anschließende Aufdeckung soll diese Legitimität beschädigt werden und ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Ein Beispiel: Wenn die Stadtverwaltung in einer gefaketen Mitteilung die Bürgerinnen informiert, daß aus aktuellem Anlaß alte Kühlschränke abgeholt werden, dann stehen unter Umständen zur angegebenen Zeit tatsächlich viele Kühlschränke auf der Straße – entweder müssen sie dann von der Stadt tatsächlich abtransportiert werden, oder aber die Bürger fühlen sich verarscht. Im ersten Falle hätte die performative Aussage funktioniert, obwohl sie von den Falschen ausgesprochen wurde; im zweiten Falle wäre die Glaubwürdigkeit der Stadtverwaltung angeknackst. Es ist für die Reaktion öffentlicher Stellen auf Fakes typisch, daß die ‚Verunsicherung der Bürger‘ beklagt wird. Der erhoffte Keim der Subversion liegt für die Faker gerade in dieser Verunsicherung, die das selbstverständliche Funktionieren der diskursiven Ordnung für Momente in Frage stellt. Der performative Aspekt von Fakes zwingt die Institutionen der Macht geradezu, durch ein Dementi die diskursive Ordnung vorläufig wieder ins Lot zu bringen und damit den von den Fakerinnen gewünschten Kommunikationsprozeß auszulösen. Hier liegt ein Double Bind für die Angegriffenen: Einerseits können sie das Fake nicht einfach stehenlassen, andererseits bewirkt das Dementi eine Thematisierung tendenziell unangenehmer Fragen, deren Diskussion möglicherweise die Faker, sicher aber nicht die Angegriffenen wünschen. Kommunikatives Chaos Kommunikatives Chaos entsteht in einer Situation, in der die Zuordnung von Sprechern und Aussagen endgültig unmöglich ist. Mit Fakes höherer Ordnung wurden solche Situationen wenigstens ansatzweise realisiert. Im Zusammenhang mit der umstrittenen Volkszählung beispielsweise spielten performative und kommunikative Wirkungen, Fakes und Dementis in vielschichtiger Weise zusammen. Das Ziel war eindeutig: Verwirrung stiften, falsche Kommunikationspfade legen – solange, bis keine der Beteiligten mehr weiß, was eigentlich Sache ist. World War III will be a guerilla information war without distinction between military and civilian population. - Marshall McLuhan Das Fake versteht sich als ein Angriff auf die Macht, auch wenn seine Technik dem Repertoire von Geheimdiensten ähnelt, die Methoden der Desinformation und der Fälschung benutzen. Gerade für diejenigen, die sich im Zeitalter der ‚Informationsgesellschaft‘ wähnen, sind solche Techniken ein Element der Kriegführung, der Auseinandersetzung um den Besitz der Macht geworden. Im Golfkrieg wurden Formen der medialen und außermedialen Desinformation umfassend eingesetzt. Doch sind die Überschneidungen zum Fake geringer als es zunächst scheint, denn die Fälschungen der Geheimdienste zielen in der Regel auf die Information selbst. Die falsche Information soll Handlungen des Gegners beeinflussen, auslösen oder verhindern oder auch dazu beitragen, die eigenen Reihen zu schließen. Die geheimdienstliche Fälschung benutzt die Kommunikationskanäle in durchaus linearer Weise, und tauscht lediglich den Sender der Botschaft heimlich aus. Sie arbeitet nicht mit der Vieldeutigkeit von Information. Anders als die geheimdienstliche Fälschung ist das Fake eine Sprechweise von ohnmächtigen Stimmen, die durch die diskursiven Ordnungsstrukturen zum Schweigen verurteilt sind. Als Instrument zur Delegitimation des Rederechts der Macht zielt es auf die Struktur des Kommunikationsprozesses selbst. In Auseinandersetzungen um den BESITZ der Macht wäre diese Form grundsätzlicher Kritik das letzte, was Sinn machen würde. Es ist kein Zufall, daß die Techniken des Fakes in kriegerischen Auseinandersetzungen keine wesentliche Rolle spielen. Weil das Fake nicht darauf abzielt, 'strategische' Positionen zu erringen und im Kampf um die Macht mitzumischen, kann es seine eigene Aufdeckung einkalkulieren und zu einer Waffe der kommunikativen Subversion machen. Indem sie sich dem Spiel um die Macht zumindest in Augenblicken verweigern, gewinnen die Faker neue Möglichkeiten des Angriffs, der Subversion und der praktischen Kritik. „... man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.“ - Karl Marx 1843/44: „Zur Kritik der Hegeleschen Rechtsphilosophie“ Eine wirkungsvolle Vorgehensweise zur Verfremdung gegebener Formen, Aussagen oder Regeln ist es, sie in einer übertriebenen und daher in einer gegebenen Situation ‚unpassend‘ wirkenden Weise einzusetzen. Ein Paradebeispiel für übertriebene Zustimmung ist der Auftritt von Herrn und Frau Müller, die bei einer Diskussion im Schweizer Fernsehen anläßlich der Zürcher Jugendunruhen 1981 nicht die Meinung ‚der Bewegung‘ vertraten, als deren Vertreterinnen sie eigentlich geladen waren, sondern stattdessen die Position ihrer Gegner grotesk zuspitzten ( ► Das Müller ). Eine solche ‚Subversive Affirmation‘ schafft Distanz zu den verwendeten Formen oder Aussagen, indem sie sie überreibt. Damit verwandelt sich die vordergründige Bestätigung in ihr Gegenteil. Ein praktischer Vorteil der subversiven Affirmation liegt darin, daß sie sich der äußeren Form der Zustimmung bedient. Die so geäußerte Kritik ist zwar deutlich erkennbar, läßt sich aber nicht einfach einordnen und kann kaum unterbunden werden. Insbesondere in Situationen, in denen Gegenveranstaltungen erwartet werden, die unter Umständen sogar in das Kalkül der herrschenden Politik passen würden, kann subversive Affirmation eine praktikable Methode sein, sich mit wenig Aufwand und viel Wirkung an den Sicherheitsvorkehrungen vorbeizumanöuvrieren. Mannigfaltige Gelegenheiten für die Erprobung der subversiven Affirmation bieten sich bei Wahlveranstaltungen: Übertriebener Applaus wirkt nicht als störende Kritik, solange er tatsächlich als frenetisches Abfeiern der beklatschten Person verstanden wird. Sobald aber deutlich ist, daß die falschen Personen klatschen und daß die gewählten Momente für den Beifall irgendwo daneben sind, applaudieren aus Sicht der Veranstalter bald nur noch die Falschen. Dabei kommt es auf die Situation und ihre Möglichkeiten an. Während bei Großkundgebungen in großen Hallen oder auf Marktplätzen durch geschickt eingesetztes Klatschen immerhin die Redezeit verkürzt werden kann, läßt sich bei kleineren und mittleren Versammlungen schon mal der ganze Verlauf einer Wahlveranstaltung umdrehen ( ► Der Herr Minister spricht zum Volk ). Am 1. Juni 1994 unternahm es das Komitee „Mit Spaß gegen den Extremismus der Mitte“, mit „der pfiffigsten und lustigsten Massenaktion, die es seit Jahren gab“, Helmut Kohl während eines Wahlkampfauftrittes auszububeln. Obwohl sich die lokalen Vertreter der beiden Großkirchen bereits im Vorfeld gegen diese „Schrei-Gewalt“ wandten, jubelten ein- bis zweitausend Personen gegen die hochkarätige Lautsprecheranlage an und dem Bundeskanzler zu . Ein groteskes Bild entstand: Die AnhängerInnen Kohls waren zum Schweigen verdammt, während seine GegnerInnen aufdrehen. Obwohl es den JublerInnen nicht gelang, den Platz akustisch zu dominieren, konnte sich auch die Gegenseite trotz technischer Überlegenheit nicht als Platzherr inszenieren. Nicht nur in heißen Wahlkampfzeiten, sondern immer dann, wenn politische Ereignisse eine entsprechende Öffentlichkeit schaffen, ist subversive Affirmation eine gute Möglichkeit, die laufende Diskussion aufzugreifen und hegemoniale Positionen zu diskreditieren. Bei einer „Pro-NATO-Aktion“ im Juli 1981 in Hamburg lauteten die Parolen der „Initiative für die deutsch-amerikanische Freundschaft“ und zugunsten des us-amerikanischen Außenministers Alexander Haig: „Mittelstreckenraketen? Ja, ja, ja! – ak = analyse und kritik Nr. 367, 8 & 1994. SpassGuerrilla. Münster 1994. (Berlin 1984), S. 37. Atomkrieg? Warum nicht?“ oder „Sollen russische Kinder ewig leben?“ Auf etwas verlorenem Posten stand hingegen ein Häuflein von Kruzifix-AnhängerInnen („Initiative Pro-Kruzifix“), die im September 1995 versuchten, eine Kundgebung von CSU und Katholischer Kirche gegen das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Balkensepp vor der Münchner Feldherrenhalle zum Kippen zu bringen. Sie hatten zwar etliche witzige Affirmation parat („Kreuz bleibt Kreuz“, „Johannes Paul der Zweite, wir sind auf Deiner Seite“, „Kruzitürken – Kruzifix – beim Herrgottswinkel sind sie fix“, „Die Trennung von Kirche und Staat ist Verrat“, „Kru, Kru, Kruzifix“, „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gekreuzigten“), doch da die Münchner Szene nicht mitzog, ging die Aktion medial unter, obwohl in der Kundgebung selbst einige Unruhe entstand. Bei der Hamburger „Pro-NATO-Aktion“ war der offensichtlich parodistische Charakter der Affirmation im zeitgenössischen Kontext von 1981 (NATO-Doppelbeschluß und Friedensbewegung) relativ schnell und deutlich entzifferbar. Am wirkungsvollsten ist die Methode der Verfremdung durch Affirmation aber, wenn sie eine oszillierende Wahrnehmung bewirkt, d. h. wenn die Übertreibung offensichtlich genug ist, daß sie irritiert und verunsichert, aber doch so versteckt bleibt, daß sie nicht eindeutig zuordenbar und identifizierbar ist. Eine solche Vorgehensweise kann allerdings leicht in ihr Gegenteil umschlagen: Wenn das Element der Verfremdung nicht „rüberkommt“, wirkt das Ganze einfach als Bestätigung der herrschenden Verhältnisse. Um ein einfaches Alltagsbeispiel zu wählen: Wenn ein Mann sich in übertriebener Weise als Macho präsentiert, ist das Risiko groß, daß diese Selbstinszenierung nicht als Bruch wahrgenommen wird, sondern einfach nur als extreme, aber nicht weiter verwunderliche Form eines gängigen Musters. Ebenso wird die übertriebene Affirmation von Weiblichkeit, die eine Frau zur Schau stellt, erst in dem Moment subversiv , wenn sie sich im Rahmen einer lesbischen Paarbeziehung abspielt (→ Crossdressing). So genügt es zumeist nicht, ein „normales“ Verhalten einfach zu übertreiben: Die Verfremdung wird deutlicher, wenn zugleich die falsche Person handelt oder wenn sich die Handlung auf das falsche Objekt bezieht. Polizisten, die vor dem New Yorker Rathaus für Lohnerhöhungen demonstrierten, mußten erleben, daß sich Jugendliche aus dem Umfeld der • Yippies über die Demonstration künstlich aufregten und sie lautstark mit den üblichen Kommentaren bedachten: „Go back to Russia, you hippie – commieanarchists“, „Get a job“ oder „Take a bath“. Die Meinung, daß Demonstranten ungepflegte Gammler seien und lieber anständig arbeiten sollten, ist weit verbreitet. In diesem Falle ging die Beschimpfung allerdings von denen aus, die sonst beschimpft werden, und die demonstrierenden Ordnungshüter waren offensichtlich die ‚falschen‘ Opfer. Wir haben es hier mit einer Umkehrung, einer „symbolischen Inversion“ zu tun: Wie beim Aikido geht es bei der subversiven Affirmation darum, die gegnerische Kraft für die eigene Aktion auszunutzen, statt einen Angriff in Cowboy-Manier mit einem Faustschlag zu parieren. Die Verfremdung durch subversive Affirmation basiert also darauf, daß die falschen Leute das ‚Richtige‘ tun, oder daß das ‚Richtige‘, d. h. das Normale, Erwartbare, im falschen Moment oder am falschen, unangemessenen Ort geschieht. Während der Kruzifix-Kundgebung des gesamtbayerischen Zentralkomitees verteilte ein Islamistenpärchen der Gruppe „Al Dschihad“ Flugblätter. Ihr Text appellierte an die gemeinsame fundamentalistische Basis aller Gläubigen. Sie solidarisierten sich mit der „gerechten Sache des bayrischen Volkes“ und wandten sich gegen die Trennung von Religion und Staat. Das Ergebnis war eine schöne Verwirrung. Während die einen den Auftritt als islamistisch-missionarische Provokation begriffen und entsprechend krachleidend ahnden wollten, nahmen andere die beiden in Schutz: „Wieso, die sind doch für uns.“ Die subversive Affirmation wirkt ähnlich wie die psychotherapeutische Methode der ‚Paradoxen Intervention‘. Dabei bestärkt die Therapeutin ihre Klientin so lange in ihren Ansichten, bis ihr die Sinnlosigkeit ihres Tuns oder ihrer Einstellungen selbst auffallen muß. Mit dieser Kommunikationsstrategie werden herkömmliche Kommunikationsstrukturen aufgebrochen: Die Antwort der Therapeutin fällt ganz anders aus, als die Klientin erwartet, und ermöglicht es ihr gerade dadurch, das eigene Verhalten selbst zu hinterfragen oder zu ändern (A: „Hier ist ein Mikrophon versteckt.“ B: „Nein, sicher nicht“ wird dann zu A: „Hier ist ein Mikrophon versteckt“ B: „Ja, dann müssen wir den Raum so lange durchsuchen, bis wir es gefunden haben.“). Estrin, Marc (Hg.): Recreation. Some Notes on What's What and What you might be able to do about What's What. New York 1971 v. Kohles, Martin Maria: Guerilla Theater. Theorie und Praxis des politischen Straßentheaters in den USA (1965–1970). Tübingen 1990, S. 167 u. 271 f. Gruber, Klemens: Die zerstreute Avantgarde. Wien/Köln 1989, S. 132. Vgl. Walzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D.: Paradoxe Kommunikation. In: Dies.: Menschliche  Kommunikation. Bern/Stuttgart/Wien 1985 (1969), S. 171–212. Ende der 70er Jahre entwickelten die Industriekunstfertigkeit in dieser Form der argumentativen Intervention eine beachtliche Kunstfertigkeit. Während einer Demonstration skandierten Studenten unter Anspielung auf zwei korrupte Politiker „Gui e Tanassi sono innocenti, siamo noi i veri delinquenti“ (Gui und Tanassi sind unschuldig, wir sind die eigentlichen Schuldigen). Diese Umkehrung zeigte sofortige Wirkung. Einige sich solidarisierte Arbeiter rückten die Wirklichkeit gleich wieder zurecht: „Gui e Tanassi sono delinquenti, gli studenti sono innocenti“ (Gruber 1989, S. 119). Eine andere, lapidare und prophetische Forderung lautete „Meno salario piu orario!“ (Weniger Lohn, mehr Arbeit!) Die Methode der subversiven Affirmation wurde bisher vor allem im Kunst- und Popkontext theoretisiert. Diedrich Diederichsen spricht im Zusammenhang mit Andy Warhol und Madonna von „affirmativer Subversion“. Bazon Brock zieht für seine Vorstellung von einer „Strategie der Affirmation“ bzw. „Revolution des Ja“ einen roten Faden von Eulenspiegel , dem Hauptmann von Köpenick und Schwejk zu diversen Kunstpraxen der Gegenwart. Eine politische Praxis der subversiven Affirmation muß allerdings mehr als der Kunstbetrieb mögliche Ambivalenzen ihres Handelns bedenken, wenn sie mit der Zuspitzung herrschender Positionen ihr Spiel treibt. Was für die Satire gilt, nämlich daß sie von der Realität recht schnell eingeholt werden kann, trifft auch auf die Übertreibung zu : Was heute noch gar nicht vorstellbar scheint, kann morgen bereits bitterer Ernst werden. Brock, Bazon: Strategie der Affirmation. ‚Besetzung‘ und ‚Bilderkrieg‘ als affirmative Strategien. In: Ders.: Ästhetik gegen erzwungene  Unmittelbarkeit. Schriften 1978–1986, Köln 1986, S. 293–303. Nachher Vorher Collage und Montage Die Collage ist ein formales Mittel, das im Kunstbereich (Kubismus) entwickelt wurde und ursprünglich das Ziel verfolgte, selbstverständliche Wahrnehmungsmuster von Realität durcheinanderzubringen. Gemaltes und eingeklebte Fundstücke sind nicht mehr auf den ersten Blick unterscheidbar. Gegenstände und Materialien werden in einen neuen Kontext gestellt und durch Uminterpretation und sinnentstellende Verwendung ihrem ursprünglichen Sinn entzogen. Zugleich werden dabei Bedeutungen und Assoziationen von „außen“ in das Kunstwerk übertragen. Die Collage zerstörte traditionelle Konventionen des Malens und Zeichnens. Sie arbeitet in der Bildenden Kunst mit der Koppelung von Verstreutem und Zufälligem, der Aufnahme von Realitätspartikeln in Bilder (etwa Papierfetzen mit Wortfragments, Stoff- oder Holzstückchen). Auch in der Literatur sollen Collagetechniken eine Poetisierung des Ungleichen oder Unzusammenhängenden, des eigentlich nicht Zusammenpassenden bewirken. Wichtig ist, daß die verwendeten Elemente zu einem semantisch (inhaltlich) mehrdeutigen Gebilde zusammengesetzt werden. Inbesondere im Zusammenhang mit dem Dadaismus (→ Dada , Oberdada , Maodada ), „der Belle Époque der Verneinung“, läßt sich die Verwendung dieser → Verfremdungs -Technik als Versuch eines „Kulturpuntschs“ beschreiben. Für die Dadaisten demonstrierte die Herstellung von Collagen ihre Ablehnung der etablierten Kunst. Sie setzten der vorherrschenden Vorstellung von Künstlergenialität das Konzept einer Poesie des Zufälligen entgegen, die keine Genies mehr braucht, sondern quasi aus sich selbst heraus entsteht. Die Surrealisten experimentierten damit, durch das Zusammensetzen von intuitiv zusammenengesammelten Versatzstücken neue und unerwartete Bedeutungszusammenhänge entstehen zu lassen. Sie gingen davon aus, daß sich durch Collagetechniken das kreative Potential des Unbewußten zum Vorschein bringen lasse. Die Collagetechnik wurde im Kunstbetrieb im Gegensatz zur (Photo-)Montage (§. u.) zumeist nicht als explizit politisches Mittel angesehen. Heutzutage ist nur noch schwer nachvollziehbar, daß im April 1920 in Köln eine Dada-Ausstellung unter Beteiligung von Hans Arp, Max Ernst u. a. von der Polizei vorübergehend geschlossen wurde. Inzwischen sind Collagen Bestandteil des Kunstunterrichts in der Schule, von Beschäftigungstherapien oder Kreativitäts-Workshops, in denen Brigitte und Quelle -Kataloge gefleddert werden, um immer gleiche Kombinationen von Autos, Frauen und Kosmetikwerbungen auf farbigem Tonpapier zusammenzukleistern. Trotz dieser Vereinahmung der Collage durch die Selbsterfahrungssecke liegt in der Methode, Fragmente aus unterschiedlichen Kontexten herauszunehmen und durch ihre Kombination neue Bedeutungszusammenhänge herzustellen, ein subversives Potential. Durch Collagen ist es beispielsweise möglich, den gedruckten Verlautbarungen von Politikern oder Institutionen Texte und Bilder gegenüberzustellen, die deren Selbstdarstellungen ins Gegenteil verkehren, aufbrechen und delegitimieren. Während die Collage mit der Ästhetik des Zufälligen arbeitet, sind Montage-techniken zielgerichtete und bewußte Formen politischer Agitation. Einer ihrer wichtigsten Vertreter war John Heartfield, der aus dem Berliner Dada kam. Seine explizit politischen, vor allem gegen den Faschismus gerichteten Arbeiten beruhen auf dem Zusammensetzen von Fotografien, Texten und grafischen Elementen. Die Photomontage diente den Berliner Dadaisten als künstlerische Ausdrucksform ihrer politischen Kritik, wobei sie Photos aus politischen Reportagen in den Illustrierten als Rohstoff verwendeten. Montagen beschränken sich aber nicht auf graphische Arbeiten, sondern wurden seit den 20er Jahren auch im politischen Theater und im Film (Eisenstein, Vertov, Brecht, Piscator) eingesetzt. In den letzten dreißig Jahren ist insbesondere der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck mit dieser Technik berühmt geworden. Aber auch nicht wenige Kommunikationsquellieras greifen auf diese Technik zurück. Allerdings erlauben die technischen Möglichkeiten heutzutage viel exaktere und kaum noch erkennbare Montagen. Insbesondere beim Subversing , wie es beispielsweise von einer Zeitschrift wie Albtraum betrieben wird, finden solche Montagen Verwendung. Auch bei Erfindungen und Fakes sind oft ähnliche Techniken von Bedeutung. Entwendung -Umdeutung Unter Entwendung bzw. Umdeutung wird eine Methode der Verfremdung verstanden, die den Blick auf allgemein bekannte Gegenstände oder Bilder verändert, indem sie sie aus ihrem gewohnten Kontext herausreißt und in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang stellt. Diese Methode in der Popkultur Sampling genannt wird, erfolgt im visuellen Bereich zumeist über Collagen oder Montagen , in-zwischen auch per Computer. Allerdings können ebenso Begriffe oder Sätze entwendet werden. Eine verbreitete Form der Entwendung ist die Parodie, bei der entweder der Ästhetik oder der Inhalt eines Textes aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und in einen anderen, zumeist die bisherige Aussage kritisierenden, Kontext überführt und damit umgedeutet werden. Erstmals wird die Entwendung 1956 von den Situationisten ( Situationistische Internationale ) theoretisch definiert: „Die kulturelle Kreation, die man situationistisch nennen kann, beginnt mit den Projekten des unitären Urbanismus oder der Konstruktion von Situationen im Leben, so daß ihre Realisationen von der Geschichte der Realisierungsbewegung der gesamten, in der gegenwärtigen Gesellschaft enthaltenen revolutionären Möglichkeiten nicht zu trennen sind. Doch kann in der unmittelbaren Aktion, die in dem Rahmen durchgeführt werden muß, den wir zerstören wollen, eine kritische Kunst heute schon mit den den Mitteln des vorhandenen Ausdrucks – vom Film bis zu Bildern – gemacht werden. Das haben die Situationisten durch die Theorie der Entwendung zusammengefaßt.“ Kunstkritische Einzelpersonen oder Künstlergruppen bedienten sich der Verfremdungsmethode der Entwendung. Bekannt geworden sind die „Ready Mades“ von Marcel Duchamp; auch Joseph Beuys ging oft ähnlich vor. Hier muß auch der Plagiarismus genannt werden, bei dem nicht nur Ideen und Texte anderer als eigene ausgegeben werden, sondern auch aus dem ursprünglichen Kontext gerissene Bilder oder Photos. Während Entwendungen und Umdeutungen im künstlerischen Bereich durch Musealisierung banaler und alltäglicher Gegenstände die Fragwürdigkeit des hochkulturellen Kunstverständnisses zeigen sollen, nahmen die Situationisten umgekehrt Formen der Populärkultur, der Alltagsgraphik und der Werbung und verknüpften sie mit politischen Analysen. Sie sahen etwa in Comics eine adäquate Ausdrucksform der Gesellschaft und gingen daran, sie aus ihrem gewohnten Kontext, der Groschen-Unterhaltungsliteratur, zu entwenden und mit neuen Inhalten zu versehen. In „Das Proletariat als Subjekt und als Repräsentation“ belehrt eine luxuriös gekleidete Schönheit ihr durch Kurzhaarschnitt und kantiges Kinn als Helden erkennbares Gegenüber mit erzürntem Blick über die Verfaßtheit des Proletariats, das durch die bürgerliche Klasse aufgebaute ideologische Bewußtsein und die Anforderungen der Revolution. Dies bringt den virilen Schönlings am Ende der Episode zu Erkenntnissen über die Klassengesellschaft, das Spektakel des Nicht-Lebens und das Verhältnis von Sichtbarkeit und Essentialität des revolutionären Projekts. Durch Entwendung von Bildern, Begriffen und Texten aus der hegemonialen Ästhetik oder aus den Diskursen der Macht kann deren zumeist verschleierte ideologische Funktion augenfälliger vorgeführt und dekonstruiert werden, als es durch analytischen Klartext möglich wäre. Dabei sind Entwendungen ein wirksames Mittel, um die soziale Konstruktion von Kategorien wie beispielsweise Geschlecht in ihrer Willkürlichkeit sichtbar werden zu lassen (→ Textual Poachers ). Der bewußten und gezielt eingesetzten Entwendung und Umdeutung steht eine andere populäre Form der Aneignung hegemonialer Strukturen gegenüber. Wie Michel de Certeau ausführt, ist der Alltag aller Individuen von ständigen momenthaften Aneignungen und Umnutzungen des Vorgegebenen bestimmt, sei es nun die Art und Weise des Konsums, die Wahl der Wege in der Stadt oder der De Certeau, Michel: Kunst des Handelns . Berlin 1988. Vgl. a. „Die sanfte Kunst des Umdeutens“ in: Watzlwick, Paul/Weakland, H. John/Fisch, Richard: Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern/Stuttgart/Wien 1979, S. 116-134. Umgang mit sogenannter Hochkultur. Dies legt die Schlußfolgerung nahe, daß Entwindung und Umdeutung gerade deshalb wirkungsvolle Vorgehensweisen sind, weil sie dem alltäglichen taktischen Umgang mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten entsprechen und eine Parallele dazu darstellen. Die Entwindung kann ganz verschiedenen Zwecken in der politischen Auseinandersetzung dienen. Sie kann helfen, Angriffe des Gegners abzuwehren, sie vermag es, den Gegner lächerlich zu machen, und sie kann dazu dienen, andere und ‚verkehrte‘ Lesarten von Realität zu verbreiten. Eine Entwindung und Umdeutung zugleich wäre etwa eine erfundene Reklamekampagne der Bundesregierung, in der sie die Vorzüge ihrer Politik für mehr Staatssicherheit (Stasi) und den „Großen Lauschangriff“ erläutert. Dabei würde den Herrschenden der BRD ihr Kampfbegriff gegen die ehemalige DDR entwandet und gegen sie selbst gerichtet. Ein wichtiges Mittel subversiver Kommunikation ist der radikale Gebrauch dessen, was allen scheinbar zu Verfügung steht: Sprache. Dabei ist Sprache nicht mehr nur Mittel zum Transport der jeweiligen Wahrheit, sondern ihre Strukturen werden selbst zum Ziel des Angriffes. Denn Sprache beschreibt nicht nur andere Dinge, sondern ist ebenfalls ein Ding für sich, ein Regelwerk, das es zu verletzen, zu entwenden und umzudeuten gilt. Sie ist ein Ordnungssystem, „dessen Macht nicht zuletzt darauf gegründet ist, als fraglos hingenommen zu werden“. Es geht also darum, die friedliche Ordnung der Zeichen zu stören, um überhaupt auf dieses Ordnungssystem und seine stabilisierenden Funktionen aufmerksam machen zu können. Im besten Falle heißt das, sich der Leerstellen zu bemächtigen, das Ungesagte auszusprechen und gleichzeitig aufzudecken, wie das Entleeren und Schweigen in der Sprache selbst verborgen wirkt. Eine solche Entwendung und Umdeutung greift die symbolischen Fundamente der sozialen Ordnung an. Gruppen wie \circ Radio Alice verstanden Sprache daher als ein mögliches Feld strategischer Operationen. Gruber, Klemens: Die zerstreute Avantgarde. Wien/Köln 1989, S. 104. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964. Die mit der Entwendung und Umdeutung von Sprache angestrebte subversive Kommunikation setzt also nicht nur darauf, daß Medien einen gleichberechtigten Austausch ermöglichen oder eine ‚schmutzige‘ Sprache verwenden sollen, sondern auch auf sophistische Techniken. Eine subversive Sprache hat das Ziel, die offizielle Darstellung der Realität zu widerlegen, das Bild der Welt zu verrücken und die Koordinatentafel der Wahrheiten in Unordnung bringen, indem sie die institutionellen Codes unterläuft. Roland Barthes hat dieses Konzept von Subversion in Form einer Frage formuliert: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen statt sie zu zerstören?“ Eine weitere Technik der Entwendung ist die Parodie. Sie zwingt die Zuhörerin auf wunderbare Weise genau, wenn nicht sogar mit zwei Ohren hinzuhören. Das eine Ohr für das Original in seinem ursprünglichen Kontext und das andere Ohr für die entstellte oder umgedeutete Version der Parodie. Zwischen den beiden Seiten liegt die Konfrontation zweier Sprachstile, welche auf das Unausgesprochene im ursprünglichen Text aufmerksam macht. Parodie macht lächerlich, ist aber keine Geste der Überlegenheit sondern ein Mittel des Kampfes im Hinterfragen von scheinbar natürlichen Formen wer über was wie nachzudenken und zu sprechen hat. Oder mit wem aufgrund der angeblich allen einsichtigen Hierarchien in dieser Gesellschaft das Sprechen nicht möglich ist. In der Regel.