London Psychogeographical Association (LPA) London Psychogeographical Association (LPA) - „40 Years of Non-Existence“ ① http://web.cs.city.ac.uk/homes/louise/omphalos.html Bey, Hakim: A ruota libera. Misena del lettore di T.A.Z.: autocritica dell'ideologia underground. Rom 1996. ② http://www.t0.or.at/aaa/  u. http://netbase.t0.or.at/aaa/ Psychogeographie präsentiert sich als die Wissenschaft von den psychischen Qualitäten bewohnter Landschaften. Die situationistische Schule der Psychogeographie (⊕ Situationistische Internationale) hatte sich auf die Erkundung von Städten konzentriert, ihre bevorzugte Methode war das Umherschweifen, das Flanieren, das Sich-Treiben-lassen im Fluß der psychogeographischen Energien. Anhand ihrer eigenen, genau dokumentierten Empfindungen verwandelten sie die objektivierten Stadtpläne in subjektive Karten. Die Psychogeographische Vereinigung Londons (The London Psychogeographical Association, LPA) [①] hat sich zur Aufgabe gemacht, die Welt der sichtbaren (z.B. in Stonehenge) und spürbaren (leylines/Energielinien) Zeichen psychischer Energieströme vom Vergessen zu entreißen. Die Vereinigung steht im Austausch mit Universitäten, der Arbeiterklasse und führenden Mystikern (darunter Hakim Bey) sowie mit psychogeographischen Instituten in Mailand und Bologna. Sie pflegt Kontakt mit der Association of Autonomous Astronauts [②] und der Luther Blissett Three Sided Football League. Sie verbreitet die Ergebnisse ihrer Forschungen bei öffentlichen Erkundungsgängen oder Auslügen zu psychogeographischen Knotenpunkten. Darüber hinaus gibt sie regelmäßig den LPA-Newsletter heraus. In einer Sprache, die esoterische Texte und Argumentationsfiguren plagiiert, stellt die LPA Verbindungen zwischen verschiedenen Manifestationen psychogeographischer Energien (Sonnen- und Mondfinsternisse, Energielinien, keltische Heiligtümer) und gesellschaftlichen Machtverhältnissen her. Aus der Übereinstimmung des englischen Wortes für „Mittelmeer“ – „Mediterranean“ – mit dem Namen der englischen Region „Midlands“ etwa schließt sie, daß London das „Zweite Rom“ sei und daher einen unbestreitbaren Herrschaftsanspruch habe – und daß die Erde flach sei. In ihrem ‚Newsletter‘ enthält die LPA die eigentlichen Geheimnisse des englischen Königshauses. Die Fähigkeit der „Windsor Gang“ zu herrschen wird nicht auf ökonomische oder politische Macht zurückgeführt, sondern auf ihre genaue Kenntnis geheimer psychogeographischer Gegebenheiten: Es sei kein Zufall, daß die Queen 1995 einen der vom psychogeographischen Standpunkt gesehen wichtigsten Orte Englands, nämlich Greenwich, besuchte, dabei den Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis wählte, und den dortigen Freimaurertempel auch noch entlang einer der wichtigsten Leylines betrat. Die LPA nutzt den populären Esoterik-Diskurs, um linke Positionen zu begründen, die dort keineswegs vorgesehen sind. So ist es nur konsequent, daß sie sich auch in den Dienst des klassischen Sozialprotests stellt. Unter Angabe von Kontaktadressen berichtet sie über den Kampf um einen Baum in England, der wegen des Ausbaus der umstrittenen Autobahn M 11 abgeholzt werden sollte. Seine Zerstörung konnte hinausgezögert werden, weil er durch ein Baumhaus und einen Briefkasten als Wohnung definiert wurde und so den Schutz des Gesetzes genoß. Die LPA beschäftigt sich auf ihre Art auch mit der Konstruktion von ‚Rasse‘. Allerdings hat sie mit geradlinig-aufklärerischen linken Diskursen über dieses Thema auf den ersten Blick wenig am Hut. Mit einer skurrilen Mischung aus historischen Quellen, Skelett- und Blutgruppenvergleichen und sprachlichen Übereinstimmungen belegt sie eine Völkerwanderung von Afrika auf die Britischen Inseln. Entgegen anderer Annahmen seien die Kelten schwarz und noch dazu Vorläufer des Islam gewesen. Für Rassisten war es immer wichtig, ihre eigenen ‚reinrassigen‘ Ursprünge in wissenschaftlichem Gewand zu präsentieren. Die LPA dreht die Funktionsweise rassistischer Begründungen und Verweise auf vergessenes Geheimwissen, das es wiederzuentdecken gelte, um. Sie benutzt die esoterische Sprache von Mythos, Wissenschaftlichkeit, Verborgenheit und Aufdeckung, um Dinge zu beweisen, die jeder rassistischen Lehre widersprechen. Man kann den Psychogeographen glauben oder nicht – auf jeden Fall verfermen sie die Funktionsweise von mythisch-esoterisch-okkultistisch-freimaurerischen Glaubwürdigkeitsstrategien in einer Weise, die sowohl diese Strategien selbst als auch die herausgepickten Themen lächerlich macht. Die LPA führt vor, wie leicht Bedeutungen verfremdet und produziert werden können, wenn man nur die autoritative \odot Kulturelle Grammatik (Organisation, Logo, belegte Zitate, Buchbesprechungen, Verweise auf Autoritäten und Allgemeinwissen wie: „Babylon war eine frühe Hochkultur“) richtig einzusetzen weiß. Sie formuliert ihre abstrusen Thesen in der Sprache des wissenschaftlichen oder auch des parawissenschaftlich-esoterischen Diskurses und macht so mißtrauisch gegenüber jeglicher Selbstverständlichkeit. Die LPA produziert semiotische Kritik im besten Sinne.