Frankfurter Rundschau – Letzte Ausgabe

Im Herbst 1994 tauchte in den Briefkästen in einigen Frankfurter Stadtteilen eine „Letzte Ausgabe“ der Frankfurter Rundschau (FR) auf, die der FR in Format, Farbgebung und Layout täuschend ähnlich sah. Das Anliegen der VerteilerInnen bestand darin, den alltäglichen Rassismus der FR zu verdeutlichen und zu zeigen, daß eine linksliberale Haltung nicht automatisch vor rassistischen Stereotypen bei der Berichterstattung (z.B. über sogenannte ‚Ausländerkriminalität‘) schützt.

Die fiktive Redaktion veröffentlichte ein ausführliches Interview der FR mit „einigen Autonomen, um jenseits von Schlagzeilen unsere Leser und Leserinnen über die Motivation dieser Gruppen zu informieren“.

 Darüber hinaus übten die Herausgeber in dieser besonderen Ausgabe gegenüber ihren Leserinnen Selbstkritik: „Wir haben uns nicht der Aufklärung, sondern der Manipulation verschrieben.“ Mit der Aussage: „Wir – die FR, als ein Teil der Medienlandschaft – sind, wenn es um Rassismus geht, ein Teil des Problems“ vertraten sie eine für Medienmacher ungewöhnliche Rassismusanalyse.

Die beteiligten Gruppen versuchten mit dieser Camouflage die ästhetischen Gewohnheiten von FR-Leserinnen zu nutzen, um in einem größeren Kreis Informationen und Meinungen zum alltäglichen Rassismus in den Medien zu verbreiten. Gleichzeitig thematisieren sie, daß die FR derartiges natürlich nie veröffentlichen würde. Obwohl diese Camouflage relativ einfach als solche erkennbar war, gab es empörte Anrufe in der FR-Redaktion. Der Chefredakteur der FR versuchte Gelassenheit zu demonstrieren und zog sich auf die antifaschistische Tradition der Zeitung in der unmittelbaren Gründungszeit nach 1945 zurück.


Version #1
Erstellt: 2026-05-05 11:44:56 UTC von Som31_3ls3
Zuletzt aktualisiert: 2026-05-05 11:47:10 UTC von Som31_3ls3