Chumbawamba ®
Donnergetöse und Stroboskopblitze, und aus dem Nichts tauchen die Musikerinnen von Chumbawamba auf, gekleidet wie Heimkinder kurz nach dem Aufstehen: weiße Unterwäsche aus der Altkleidersammlung. Im Verlauf des Konzerts mutieren sie in schnellem Wechsel in Boxkämpferinnen, abgealtete Geschäftsleute, Narren, Teufel, ordinäre Nonnen und KZ-Wächter.
Aus den Boxen dröhnt ein Klangteppich aus Schlagzeug und Drumcomputer, verwoben mit Loops, Samples, Folk- und Kinderliedmelodien, Rapping und afrikanischen Harmonien: „Nothing ever burns down by itself, every fire needs a little bit of help – give the anarchist a cigarette!“ Oder es kommt schon auch mal a capella dreistimmig „and we’ll never rest ‘till the last nazi died“. Viele Songs laden mit hymnenartigen Refrains wie „I don’t believe in a good cop“ geradezu zum Mitsingen ein: „We are a soundtrack.“
Chumbawamba sind bekennende Anarchistinnen. Sie kommen aus der britischen Squatterbewegung und bewohnten gemeinsam ein ehemals besetztes Haus in Leeds. Über ihre eigene Musik sagen sie: „Die Leute haben was gegen ihr bescheissenes Leben, und sie können Kunst als Ausdrucksmöglichkeit dagegen feiern oder benutzen.“ Anknüpfend an lokale musikalische Legenden wie die Gang of Four, die Delta V und speziell die Mekons, die seit den späten 70er Jahren radikale Inhalte und Lebensformen mehr und mehr mit bekömmlichen musikalischen Formen verbunden hatten, mischen sie seit 1982 in allen möglichen politischen Auseinandersetzungen in Großbritannien mit; im Kampf gegen die ‚poll tax‘ genauso wie im ‚antifascist movement‘. Sie geben eine Zeitschrift heraus – „(sic) / a magazine of dissentertainment / another sexy Chumba-wamba Product“ – mit Texten zu Mumia Abu Jamal, Überwachung des Internet, den tieferen Beweggründen von Schnauzbärtigern und Kreuzigungsaufrufen für Sir Cliff Richard, in der sie anmerken: „Oh and we make records too.“ – links, radikal und tanzbar.
http://www.indian.co.uk/chumba/
Szenewechsel: Ein ganz normaler Morgen in einem deutschen Baumarkt. Kaufwütige Bästler, Heimwerkerinnen und Teppichfetischisten geben sich ihren Leidenschaften hin. Ungestört verrichten sie ihre Einkäufe und wiegen sich im Takt zur Musikberieselung. (Fasst?) keinem fällt auf, daß die melodische, eingängige Beschallung heute nicht eine James-Last-Fassung von ‚Yesterday‘ ist, sondern daß da jemand über Bluttachen ermordeter Homosexueller in einer öffentlichen Toilette, über Anarchistinnen und Zeitbomben in Bahnhofshallen singt. Here comes Chumbawamba! Aber: „Darf ein antiimperiales Karaoke-Agit-Oktett Wahrheiten durch die Kanäle des imperialen Schweinesystems verbreiten?“ (Spex 6/1991).
Einer ihrer Sängerinnen äußerte am Rande eines Konzertes in einem Gespräch mit ⬢ Luther Olissel , daß er für unmöglich hält, Chumbawamba in Großbritannien zur Berieselung in Einkaufszentren einzusetzen. Dennoch ist die Frage, ob es tatsächlich nur die sprachliche Barriere ist, die die Vereinnahme von Chumbawamba als Konsum-Muzak ® möglich macht. Handelt es sich hier um eine ⬢ Camouflage , bei der linksradikaler Klartext durch die eingängige Mainstream-Verpackung schmackhaft gemacht werden soll? Oder geht es um eine subversive Aneignung und Umnutzung ( ⬢ Entwendung ) eingängiger und harmonisch gestylter Popmusik?
Hinter dem Angriff auf den Mainstream mit seinen eigenen Mitteln, den die Gruppe reitet, läßt sich tatsächlich ein Konzept von Musik als Trojanischem Pferd im Sinne der Camouflage vermuten: radikale Inhalte sollen über die Darbietungsform, die herkömmlichen Hörgewohnheiten entspricht, leichter verdaulich werden. Umgekehrt passiert durch das Zusammenbringen zweier sich scheinbar ausschließender Dinge, Mainstream-Pop und linksradikalem Anarcho-Klartext, möglicherweise aber auch das Gegenteil: die Inhalte laufen Gefahr, durch die Bekömmlichkeit der Musik entschärft zu werden, und verkommen im schlimmsten Fall zu einem lustigen Späßchen, das man nebenher auch mal mitmacht.
Doch Musik steht nicht nur für sich selbst. Sie kann ohnehin nie eine eindeutige Botschaft transportieren; ihre Rezeption ist immer ein Stück weit in den jeweiligen Kontext eingebunden. Auch wenn während eines Konzerts schnauzbärtige Biertrinker in Bomberjacken Bruchstücke des Refrains nachgrölen, heißt das noch nichts. Zugleich gibt es eine eingeschworene Fangemeinde, die alle Texte mitsingt und in der Gruppe eine Ausdrucksform für Wut und Auflehnung findet, die Spaß macht. Die Pop-Kulturzeitschrift Spex diskutiert bei jeder neuen Plattenkritik das Gruppenkonzept, und in regionalen Radiosendern werden die Texte übersetzt, so daß anarchistische Ideen wieder für einen Moment zum Gesprächsthema werden.
„We are a soundtrack“ Interview mit Danbert Nobacon from Chumbawamba (Leeds). In: Wakefield, Stacy/Gerrit: Not For Rent. Conversations with creative activists in the U.K. Amsterdam/Seattle 1995 (Evil Twin Publications), S. 44-46.