# Camouflage

Bei vielen Praktiken der Kommunikationsguerilla ist es notwendig, die eigenen Ziele in einer Verkleidung <span class="glossary-detect underline">zu</span> verfolgen, die sich herrschender Formen, ästhetischer Ausdrucksmittel oder Sprechweisen bedient. Diese Formen werden imitiert, um dissidente Inhalte <span class="glossary-detect underline">zu</span> transportieren. Solche Verkleidungen sind nicht nur bei **o** Happenings und **o** Unsichtbarem Theater selbstverständlicher Teil von Aktionen. Als Camouflage bezeichnen wir sie, wenn versucht wird, durch die Verkleidung Kommunikationsbarrieren <span class="glossary-detect underline">zu</span> überwinden und dann Menschen mit einem Klartext oder Handeln <span class="glossary-detect underline">zu</span> konfrontieren, dem sie sich sonst von vorneherein entziehen würden. Eine Form der Camouflage ist es etwa, wenn die Anarchoband **o** Chumbawamba Mainstream-Pop und eingängige Melodien mit anarchistischem Klartext verknüpft: „Give the anarchist the cigarette. Every fire needs a little bit of help ...“. Aufs erste Hören wird nur die harmlose und eingängige musikalische Form registriert; sie wirkt als Verkleidung für den gar nicht so harmlosen Inhalt. Ähnlich ist es, wenn linke Gruppen das formale ‚Outfit‘ bürgerlicher Medien oder anderer Institutionen imitieren, um in dieser Verkleidung ihren eigenen Klartext <span class="glossary-detect underline">zu</span> kommunizieren. Die „Letzte Ausgabe“ der *Frankfurter Rundschau* ist ein Beispiel für einen solchen Ansatz.

Häufig besteht allerdings die Gefahr, daß solche Camouflagen im Sinne einer Mogelpackung eingesetzt werden. Dahinter steht die Hoffnung, daß eine hübsche Verpackung die Leserinnen vielleicht dazu bringen könnte, unpopuläre Inhalte zur Kenntnis <span class="glossary-detect underline">zu</span> nehmen. Das führt dann dazu, daß diese beispielsweise in Comicform präsentiert werden, der Duktus aber genau derselbe ist wie auf den üblichen Flugblättern. Aber dieser Versuch, die Leser <span class="glossary-detect underline">zu</span> überlisten und sie dazu <span class="glossary-detect underline">zu</span> bringen, das Zeug überhaupt in die Hand <span class="glossary-detect underline">zu</span> nehmen, funktioniert in der Regel nicht: Selbst wenn die Adressaten nicht gleich merken, was Sache ist, beginnt das Problem spätestens, wenn sie <span class="glossary-detect underline">zu</span> lesen beginnen (linke Statements sind in dieser Beziehung nicht besser dran als in Comics verpackte Bibelpassagen). Diese ‚Verpackungsmogelei‘ nützt die Möglichkeiten nicht, die in der Imitation und **◉ Entwendung** herrschender Formen liegen und die sich beispielsweise in den paradoxen und lyrischen Text-Bild-Kombinationen zeigen, die für die Comics der[ **◉ Situationistischen Internationale** ](https://wiki.aktivismus.org/books/kommunikationsguerilla/page/die-situationistische-internationale "Die Situationistische Internationale")typisch sind. Dennoch kann Camouflage eine wirksame Kommunikationstechnik sein. Wird die Spannung zwischen Form und Inhalt bewußt eingesetzt, dann kann eine gekonnte und witzige Camouflage durchaus ihr Ziel erreichen: Kommunikationsbarrieren <span class="glossary-detect underline">zu</span> überwinden und trotz allgemeiner Informationsübersättigung angehört <span class="glossary-detect underline">zu</span> werden.