# Bedrohungen und Gefahren

Die (Staats-)Macht garantiert die Sicherheit und das Wohl aller. Sie hat die Dinge im Griff. Ihre Institutionen gewähren Schutz vor den dunklen Bedrohungen und Fahrnissen des Daseins, vor den Fluten, dem Chaos, dem Unvorhersehbaren. Das Bild des sicheren, machtvollen Eigenen und des bedrohlichen Anderen ist ein Grundelement von Machtdiskursen.

Vor allem in den 80er Jahren versuchte eine Unzahl von Fakes, dieses Bild in Frage <span class="glossary-detect underline">zu</span> stellen. Potentielle Katastrophen, Bedrohungen und Gefahren, die in den Diskursen der Macht als unmöglich, beherrschbar oder harmlos erschienen, wurden im Fake zur simulierten Realität: Kernkraftwerke brannten durch, Bunker und Fluchtmöglichkeiten fehlten, Gift und Gefahren waren allüberall. Die Aussage dieser Fakes ist immer dieselbe: Im Gegensatz <span class="glossary-detect underline">zu</span> dem, was sie sonst behauptet, hat die Macht die Dinge nicht im Griff. Ihr Rezeptionsmodus ist: Alle wissen, daß die Lage katastrophal ist, und das Fake zeigt: es ist/wird noch viel schlimmer. Bei diesen Fakes, die vor allem im Zusammenhang mit der Ökologie- und Friedensbewegung entstanden, bleibt die Grundstruktur des Machtdiskurses unangetastet. Der Behauptung der Macht, Sicherheit <span class="glossary-detect underline">zu</span> garantieren, wird zwar widersprochen, nicht aber der Vorstellung, daß dies ihre wahre Aufgabe sei.

Im Gegenteil: Es kommt der Wunsch zum Ausdruck, sie möge eben diese Aufgabe besser erfüllen. Das Begehren nach machtvoll garantierter Sicherheit bleibt unhinterfragt.

#### Störungen der gesellschaftlichen Ordnung

Die Diskurse der Macht sind zugleich Ausdruck und Garant gesellschaftlicher Hierarchien, sie legitimieren Ungleichheiten. Nicht von einem guten Leben für alle ist die Rede, sondern von Leistung, Verdienst und Nutzen. Die Macht beschützt die Fleißigen und bestraft die Faulen und Unnützen. Wenn sie ihnen unverdiente Almosen zukommen läßt, verlangt sie zuvor Rituale der Demütigung und Unterwerfung (Jede, die schon einmal auf dem Arbeits- oder Sozialamt war, weiß, wovon die Rede ist.).

Nur gelegentlich scheint die Macht Amok <span class="glossary-detect underline">zu</span> laufen und beginnt plötzlich, unverdiente Belohnungen und Strafen <span class="glossary-detect underline">zu</span> verteilen. So erhalten zum Beispiel brave und fleißige Bürger unverständliche Vorladungen aufs Arbeitsamt, eine christliche Partei vergibt an arbeitslose Jugendliche Essensgutscheine für Nobelrestaurants, und alle, alle bekommen Freifahrscheine für die Straßenbahn. Diese Fakes haben zwei verschiedene Stoßrichtungen. Wenn unbescholtene Bürger unerwarteten Zumutungen ausgesetzt werden, scheinen hinter den Fassaden anerkannter Institutionen die dunklen Fratzen kafkaesker Bürokratien auf, die unberechenbare und bedrohliche Kehrsseite der Macht.

Andere Fakes lassen Institutionen plötzlich unerwartete Wohltaten verteilen: In Westberlin wurden 1975 insgesamt 120.000 gefälschte Sammelfahrkarten im Wert von 360.000 DM verteilt. 1976 erhielten Obdachlose gefälschte Essensgutscheine und lösten sie größtenteils ein. <span class="glossary-detect underline">Zu</span> beiden Aktionen bekannten sich die Revolutionären Zellen. Solche Fakes sind zunächst Fälschungen. Wer sie benutzt, weiß in der Regel sehr wohl, daß er keine Wohltaten <span class="glossary-detect underline">zu</span> erwarten hat. Dennoch wurden gefälschte Warengutscheine eingelöst, gefälschte Fahrscheine benutzt, und eine Gruppe arbeitsloser Jugendlicher ließ es sich nicht nehmen, auf Kosten der CDU im Berliner Kempinski <span class="glossary-detect underline">zu</span> speisen. Die Fälschungen bieten eigensinnigem und widerständigem Handeln einen gewissen Flankenschutz. Sie setzen dort an, wo ein Teil der Bürgerinnen selbst eine uneingestandene oder unterdrückte Lust daran hat, sich aufzulehnen. Die Ausrede „Das habe ich nicht gewußt“ gibt ihnen die Möglichkeit, ein bißchen Alltagsresistenz auszuüben.

*ID-Archiv im IISG/Amsterdam (Hg.): Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora. Bd. 1. Berlin 1993, S. 124–126.*

Dieses Spiel kann unter Umständen ziemlich problematisch sein. Die Verteilung von gefaketen Freikarten für ein Prominentenbankett an Obdachlose kann beispielsweise nach hinten losgehen, wenn ein einzelner Berber in der Hoffnung auf ein gutes Abendessen erscheint und dann von den Ordnern hinausgeprügelt oder sogar verhaftet wird. Nicht nur die subversiven Faker gehen ein Risiko ein (diese sind sich dessen in der Regel bewußt), sondern auch die Adressaten. Und die sind, wenn sie die Wohltaten in Anspruch nehmen, obendrein natürlich leichter faßbar als die Faker.

Kommunikative Wirkung erzielen solche Fakes erst dann, wenn sich die gefaketen Institutionen eindeutig positionieren müssen, indem sie beispielsweise dementieren, daß sie je auf die Idee kommen könnten, ein Essen für arbeitslose Jugendliche auszurichten.

### Die Macht als Trottel

Der Diskurs der Macht betont die Rationalität und Objektivität von Entscheidungen sowie die Verantwortlichkeit für das allgemeine Wohlergehen. Demgegenüber sind viele Bürger der Meinung, daß es sich bei zahlreichen Vertretern der Macht um ausgesprochene Deppen handelt. Mit klammheimlicher Freude wird es deshalb gesehen, wenn sie durch subtile Fakes dazu gebracht werden, sich selbst als Trottel <span class="glossary-detect underline">zu</span> outen. Wer lautstark dementiert, irgendeinen offensichtlichen Blödsinn gesagt oder gemacht <span class="glossary-detect underline">zu</span> haben, impliziert dabei immer auch: „Aber denkbar wär's schon, daß ...“