Grundlagen der Kommunikationsguerilla Strategie & Taktik Wenn die Kulturelle Grammatik als Ordnungssystem alle gesellschaftlichen Bereiceh und den gesamten Alltag durchzieht,  ist zu fragen, welche Möglichkeiten des Handelns innerhalb eines solchen Systems von Normalisierungen bestehen und wie es möglich ist, sich nicht vollständig durch die gesetzten Normen bestimmen zu lassen. Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es nicht ausreicht, die Strukturen gesellschaftlicher Machtausübung zu benennen und anzuprangern, um gesellschaftsveränderndes Handeln anzuregen. Mit der Bereitschaft zur Veränderung allein ist noch nicht viel gewonnen. Vielmehr geht es darum zu erfassen, diese in aktives Handeln umzusetzen. Den Überlegungen zur Kommunikationsguerilla liegt ein Politikkonzept zugrunde, das nicht von einer politischen Avantgarde ausgeht, welche die Massen anleitet und führt, sondern davon, daß gesellschaftliche Veränderung aus dem Handeln aller Individuen entsteht. Ansatzpunkte für ein in diesem Sinne politisches Handeln müssen in der Alltagspraxis der Menschen gesucht werden:  „Welche populären (und auch ›verschwindend kleinen‹, alltäglichen) Praktiken spielen mit den Mechanismen der Disziplinierung und passen sich ihnen nur an, um sie gegen sich selber zu wenden; und welche ›Handlungsweisen‹ bilden schließlich auf Seiten der Konsumenten (oder ›Beherrschten‹?) ein Gegengewicht zu den stummen Prozeduren, die die Bildung der soziopolitischen Ordnung organisieren?“  - De Certeau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988. Es ist also notwendig, außer den gesellschaftlichen Normen und Institutionen (dabei sind unter Institutionen Parteien, Vereine, Unternehmen und staatliche Einrichtungen, aber auch Familienkonzepte usw. zu verstehen) auch die Frage zu untersuchen, wie die Subjekte mit diesen gesellschaftlichen Setzungen individuell umgehen. Dieses Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum hat der französische Philosoph Michel de Certeau bei seiner Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse in die Begriffe von ›Strategie‹ und ›Taktik‹ gefaßt. De Certeau bedient sich einer ›kriegswissenschaftlichen Analyse der Kultur‹, die er als ein oft gewaltsames Spannungsfeld versteht, in welchem das Recht des Stärkeren legitimiert, verschoben oder kontrolliert wird. Neben den Strategien der Macht untersucht er vor allem die gesellschaftlichen Spielräume für jene Praktiken und Listen der Individuen, die ein „Netz einer Antidisziplin“ bilden, das sich diesen Strategien entzieht. Strategie der Macht heißt, gesellschaftliche Kräfteverhältnisse steuern und gesellschaftliche Räume bestimmen und besetzen zu können. Sie setzt einen gesellschaftlichen Ort, eine mit Macht versehene Institution voraus. Dieser ›eigene‹ Ort bildet die Basis, von der aus strategisches Handeln seine gesellschaftlichen Beziehungen organisiert und sichert. Als Taktik läßt sich hingegen ein Kalkül bezeichnen, das von keiner festen Basis, keinem eigenen Ort ausgehen kann, sondern nur das Terrain des Anderen hat. Während das ‚Eigene‘, das Fundament strategischen Handelns, einen Sieg des Ortes über die Zeit markiert, hat die Taktik keinen Ort und bleibt von der Zeit abhängig. Sie muß mit dem Terrain, das ihr so von einer fremden Gewalt vorgegeben wird, fertigwerden und in den vorgegebenen Strukturen „günstige Gelegenheiten“ auffinden. Taktik ist darauf angewiesen, mit den Kräften der Macht zu spielen; de Certeau spricht von „gelungenen Streichen, schönen Kunstgriffen, Jagdlisten, vielfältigen Simulationen, Funden, glücklichen Einfällen sowohl poetischer wie kriegerischer Natur“. Diese Entwendung/Umdeutung der strategischen Vorgaben durch alltäglichen Taktiken ist ein Grundprinzip der Kommunikationsguerilla. Es läßt sich einwenden, daß gerade diese taktischen Umnutzungen, die kleinen, individuellen, temporären Aneignungen sind, die das System zwar verändern, aber gerade dadurch seine Stabilität reproduzieren. Zwar werden Orte kurzfristig entwendet und Strategien der Macht für einen minimalen Zeitraum außer Kraft gesetzt, doch trägt das auch dazu bei, die fortbestehenden Machtverhältnisse aushaltbar und den Alltag erträglicher zu machen. Die alltäglichen Taktiken sind also zwar subversiv, weil sie die Setzungen der Macht verändern, umdeuten und umnutzen, sie müssen aber nicht automatisch gesellschaftsveränderndes Handeln nach sich ziehen. In diesem Sinne wirken die Taktiken erst, wenn sie sich nicht mehr als vereinzelte, individualisierte und weitgehend unbewußte Handlungen in den Netzen der Strategien einrichten, sondern sich zu einer bewußten und kollektiven Vorgehensweise verbinden. Und an dieser Stelle liegt das Potential, an dem eine subversive ‚Strategie der Taktiken‘ möglicherweise ansetzen könnte: Es geht darum, in konkreten Situationen die taktische Alltagsbewältigung der Individuen aufzugreifen, sie bewußt zu machen politisch wirksam zu artikulieren. Orte & Räume Im Prinzip finden sich in allen gesellschaftlichen Räumen mögliche Orte für Kommunikationsguerilla. Dabei gehen wir davon aus, daß physische Räume immer zugleich soziale Räume sind; in jeder räumlichen Gestaltung nehmen soziale Verhältnisse Form an, und ebenso sind Bedeutungsweisungen an Räume immer auch von sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten strukturiert. Angriffspunkte für Aktionen der Kommunikationsguerilla ergeben sich daraus, daß Gebäude und Einrichtungen nicht nur eine konkrete Bedeutung gemäß ihrer Nutzung haben, sondern auch eine symbolische Funktion im Rahmen der Kulturellen Grammatik. Dies läßt sich beispielsweise am öffentlichen Stadtraum, am Straßenbild der Städte verdeutlichen: Das Stadtbild wird dominiert durch Repräsentationsbauten, die wie beispielsweise Rathäuser die politische Macht repräsentieren oder wie Museen und Galerien die Aufgabe haben, als steigengewordene Sinnbilder für kulturelle und gesellschaftliche Werte zu wirken. Noch stärker als durch diese öffentlichen Gebäude wird das Aussehen der Stadt jedoch von den Bauwerken und Werbetafeln von großen Firmen, Läden, Banken und Versicherungen bestimmt; indem Daimler Benz seinen Mercedesstern auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs oder dem Europacenter in Berlin platziert, wirkt das Firmensymbol als offizielles Wahrzeichen der Stadt. Die architektonische Beschaffenheit repräsentativer Gebäude beruht auf dem Prinzip der Ästhetisierung von politischer Macht. Die moderne Architektur aus Beton, Stahl und Glas verbreitet in ihrer Funktionalität ausstrahlenden Kälte eine elitäre Ästhetik der Einschüchterung. Mit der Postmoderne kommt ein anderes Element hinzu: Hier bezeugen die großen Bauwerke zwar noch wie vor Macht, indem sie durch großflächige, hohe Bauwerke das Straßenbild dominieren; aber gleichzeitig wird das Ganze durch sanft getönte Natursteinverblendungen oder südländisch anmutenden, unregelmäßigen Verputz, durch Erkerchen, runde Gucklöcher, bunte Metallstreben und andere Accessoirs ‚verhäbscht‘. Während die ‚moderne‘ Architektur der Logik folgt, den Raum zu besetzen und zu beherrschen, findet mit der ‚postmodernen‘ zusätzlich eine Scheinharmonisierung statt, die mit der Kombination von spielerischen Elementen und allen möglichen Versatzstücken aus vergangenen Zeiten die Dominanz der Macht verdeckt. Daß Repräsentationsgebäude symbolische Besetzungen des öffentlichen Raums sind und auch so wahrgenommen werden, zeigt sich beispielsweise an der Regelmäßigkeit, mit der manche Demos ihre Spuren in den Schaufenstern großer Banken hinterließen: Die als sichtbare Platzhalter ökonomischer und politischer Macht symbolisch aufgeladenen Gebäude wurden zu den bevorzugten Zielen der Pflastersteine. „Die Häuser-Schaufenster-Häuser-Front zieht eine gesellschaftlich geheiligte Grenze, was dahinter liegt, kostet Geld: von Innenräumen, die als bloßer Dekor der Waren dienen, wie Kaufhäuser, Geschäfte usw. bis zu solchen, die selbst, als Räume, zum Konsum (Betreten/Begehen/Betrachten) bestimmte Waren sind, z.B. Museen.“ Kommunikationsguerilla will die Ästhetisierung öffentlicher Orte durchbrechen und soziale und kulturelle Räume repolitieren, indem sie diese Ästhetisierung auf der Ebene der äußeren Form sichtbar macht und angreift. Die Strategie der Macht ist darauf bedacht, Politisches zu ästhetisieren und dadurch Machtverhältnisse zu naturalisieren und unsichtbar zu machen. Dagegen will Kommunikationsguerilla dazu beitragen, gerade diese Strategien der Machterhaltung sichtbar und reflektierbar zu machen. Beispielsweise lassen sich Graffiti ( Sniping ) aus diesem Blickwinkel betrachten: Das Politische an diesem Akt, der als Sachbeschädigung unter Strafe steht, ist die Zerstörung der einschüchternden oder durch Ästhetisierung versöhnlichen (modernen und postmodernen) Wirkung von Architektur. Jean Baudrillard geht so weit, Graffiti als einen Fortschritt in Theorie und Praxis zu interpretieren, gerade wenn es sich „nur“ um tags handelt, die keine keine explizit politischen Inhalte transportieren: „Denn dieser Angriff geht aus von einer Art revolutionärer Intuition – nämlich daß die grundlegende Ideologie nicht mehr auf der Ebene politischer Signifikate, sondern auf der Ebene der Signifikanten funktioniert – und daß hier das System verwundbar ist und bloßgelegt werden muß.“ Die Markierung einer Mauer oder Wand mit einem Namen, einem Kürzel oder einem Gemälde stellt eine Aneignung dieser Fläche dar, durch die der Anspruch der Macht, den Raum auch optisch zu kontrollieren und zu bestimmen, ignoriert und in Frage gestellt wird bzw. eigene Machtansprüche formuliert werden. Es ist allerdings zu fragen, ob Baudrillards Zuspitzung der Idee der Kulturellen Grammatik zutrifft, „daß der totale Angriff auf die Form von einem Zurückweichen der Inhalte begleitet ist“. Es ist eben nicht gleichgültig, ob ein tag nur „Ich war da“ sagt, oder ob damit Gangs ihre Besitzansprüche auf ein Territorium zum Ausdruck bringen. Zutreffend ist aber, daß auch ‚unpolitische‘ Graffiti tatsächlich als Angriffe auf das System verstanden werden. (Das zeigt zum Beispiel der Fall des o Sprayers von Zürich , Harald Nägeli). Nur so läßt sich auch erklären, warum Sprayer mit unter Umständen drastischer Verfolgung zu rechnen haben. Baudrillard, Jean: Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin 1978, 30. Nicht nur die Gebäude selbst sind Bedeutungsträger; sie strukturieren den Raum auch dadurch, daß ihre Anordnung die Größe, Form und Wertigkeit von Freiflächen bestimmt. Außerdem ist der Stellenwert von Straßen und Plätzen auch durch die Ausstattung der Flächen bestimmt, dadurch, ob sie mit prachtvollen und teuren Belägen versehen wurden, einfach zubetoniert sind, ob Gras, Büsche und Bäume darauf angepflanzt sind oder wild wachsen. Die durch all diese Elemente bestimmte Bedeutung eines öffentlichen Raumes hat konkrete Auswirkungen auf die Möglichkeiten der Menschen, sich darin zu bewegen: Wo können sich Obdachlose oder Junkies aufhalten? Wo patrouillieren schwarze Sheriffs? Wo kann ich mich auf den Boden setzen und einfach eine halbe Stunde nichtstun? Die ► Situationistische Internationale verstand es als politisches Handeln, sich vorgegebenen Bewegungsmustern zu entziehen. Durch die Praxis des ‚Umherschiweißens‘ versuchten sie, sich den Stadtraum neu anzueignen und ihn dadurch mit neuen Assoziationen und Bedeutungen zu verbinden. Michel de Certeau sieht das Gehen als unsichtbare Schrift, die je nach Weg und Gehweise momenthafte Texte der Subjekte im Raum produziert. Davis, Mike: City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles, Berlin 1994. Städtebauliche Maßnahmen, d. h. die Anordnung und Gestaltung von Gebäuden, Plätzen und Straßen, können auch ganz gezielt eingesetzt werden, um die Bewegungsmöglichkeiten der Menschen zu kontrollieren. Mike Davis untersucht dies am Beispiel von Los Angeles. Dort ist es nach einem Prozeß der „Militarisierung der Stadt“ für unterprivilegierte Stadtbewohner weitgehend unmöglich geworden, die Innenstadt überhaupt aufzusuchen. Gleichzeitig spiegelt das architektonische Design das politische Programm wider: Während administrative Gebäude wie Gefängnisse oder Festungen aussehen und auch ebenso bewacht werden, nimmt die Bauweise des Knasts Elemente repräsentativer Prachtbauten auf und verleiht zum Stolz der Stadt die Praxis der Einsperrung, die in Los Angeles ein Ausmaß erreicht hat, das unter den spätkapitalistischen Industriestaaten einmalig ist. In jeder Gesellschaft existieren auch Orte, die explizit formulierte Aussagen vermitteln. Augenfälligstes Beispiel sind Denkmäler: Sie verkörpern Machtverhältnisse nicht nur durch ihre materielle und optische Dominanz im Raum, sondern treffen darüber hinaus durch Aufschriften und Gestaltung konkrete Aussagen, formulieren Aufforderungen oder geben sich als Platzhalter für eine Institution oder ein gesellschaftlich propagiertes Ideal zu verstehen; ein Beispiel dafür ist die Kriegsverherrlichung durch Kriegerdenkmäler (◉ Sniping ). Solche Orte sind im weitesten Sinne rituell besetzt: Sie sind mit Sinnsprüchen geschmückt, und häufig gibt es alljährliche Kranzniederlegungen und ähnliche Rituale, die die Aufladung des Ortes mit Bedeutung immer wieder bekräftigen. Für Aktionen der Kommunikationsguerilla ist das Wissen um den symbolischen wie realen Machtaspekt von räumlichen Strukturen wichtig, da ihre Wirkung oft stark von den Orten abhängt, an denen sie stattfinden. Schließlich geht es nicht nur darum, durch Aktivitäten im öffentlichen Raum Aussagen zu treffen, es ist auch wichtig, den ‚bespielten‘ Raum zu verändern und mit neuen Assoziationen zu besetzen. Wenn es gelingt, einen durch polizeiliche Absperrung unzugänglich gemachten öffentlichen Raum umzuwerten, indem die frei gewordene Fläche als Bühne dient ( Völler Wix und bloße Körper ) oder wenn eine Gruppe eine ‚völkerverbindende‘ Fußballübertragung für eigene politische Anliegen nutzt, findet eine Aufwertung ( Entwendung ) bzw. ( Verfremdung ) des Raumes statt. Andererseits können Aktionen wie beispielsweise die NOlympics ( Imageverschmutzung ) auch darauf ausgerichtet sein, öffentliche Repräsentationsräume zu ‚beschmutzen‘ und damit die Selbstdarstellung der Macht anzugreifen. Kulturelle Grammatik & Subversion Im folgenden geht es um eine eigentlich sehr einfache Frage: Wie kommt es, daß Menschen in unserer Gesellschaft die vielfältigen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, denen  sie unterworfen sind, so selbstverständlich akzeptieren? Wieso werden diese Verhältnisse als normal angesehen und in der Regel gar nicht erst hinterfragt? Und wie läßt sich dieser  gesellschaftliche Konsens, der hinsichtlich der Ausübung von Macht und Herrschaft besteht, stören und durcheinanderbringen? Verschiedenste gesellschaftliche Institutionen sorgen dafür, daß das Sich-Einfügen in und die Unterwerfung unter Macht- und Herrschaftsverhältnisse von klein auf gelernt werden. In der Schule beispielsweise, einem der wichtigsten Orte gesellschaftlicher Sozialisation, sind Elemente der herrschenden Ideologie von Anfang an Teil des Unterrichtsstoffes – gelehrt werden etwa das herrschende Geschichtsverständnis, das nötige Allgemeinwissen, das gesellschaftliche Werte- und Normensystem. Über solche offen ausgesprochenen Inhalte hinaus jedoch werden die Schüler in einem viel umfassenderen Sinne darüber unterrichtet, daß und wie sie sich in die Normalität von Herrschafts- und Machtbeziehungen einfügen sollen. Auch wenn sich die Sitzordnung immer wieder verändern kann, ist die Einhaltung der jeweils gültigen Form zwingend vorgeschrieben. Selbst wenn die Tische im Kreis aufgestellt werden, zeigt sich die Autorität des Lehrers darin, daß er jederzeit aufstehen, umhergehen, Schüler ansprechen darf. Eine frontale und einseitige Kommunikationsordnung legt fest, wer über die Art des Lernens entscheidet – die Lehrerin, und wer sich einfügt – die Schüler. Die präzise Einteilung der Schulstunden wird durch akustische Signale verbindlich gemacht. Hinzu kommen die architektonische Anlage des Gebäudes und seine Umgebung mit Klassenzimmern, Fachräumen, für die Schüler verbotenen Lehrerzimmern ebenso wie die Einteilung der Schüler in Alters- und Leistungskategorien wie Prüfungen und Zeugnisse. In diesem Rahmen ist es ein normaler Vorgang, wenn der Lehrer vor den Schülerinnen steht und ihnen zu von ihm festgelegten Zeitpunkten und Themen das Wort erteilt. Denn es scheint, daß nur diese Vorgehensweise einen geregelten Ablauf des Unterrichts ermöglicht. Damit wird nicht nur immer von neuem die Autorität dessen, der vorne steht, festgeschrieben, sondern auch, daß das System von Autorität und Unterordnung der einzig mögliche Weg ist, soziale Beziehungen zu organisieren. Im Rahmen der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Konventionen der Schule praktizieren Lernende und Lehrende tagtäglich Verhaltensweisen, die auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Bereichen dazu dienen, eine auf Machtverhältnissen beruhende Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Gesamtheit solcher Regeln bezeichnen wir als ◉ Kulturelle Grammatik : Mit einigen weiteren Beispielen läßt sich deutlich machen, wie dieses Regelsystem der Kulturellen Grammatik Macht und Herrschaft produziert und reproduziert, wie es hierarchische Kommunikationsformen normalisiert – nicht nur unter äußerem Druck wie in der Schule, sondern auch in weitgehend selbstbestimmten Zusammenhängen: Kulturelle Grammatik wird nicht nur unter Zwang, sondern auch bewußt und im eigenen Interesse eingehalten. Bei Vereinssitzungen ist die Vorsitzende dazu berechtigt und verpflichtet, den Ablauf der Veranstaltung zu lenken, was ihre herausragende Position den anderen gegenüber immer wieder manifestiert. Damit werden hierarchische gesellschaftliche Strukturen akzeptabel – schließlich organisiert man sich selbst in gleicher Weise. Bei Vorträgen ist allen Beteiligten klar, daß die Referentin eine Autoritätsperson ist, die die diskutierten Themen bestimmt und der zumindest in der ersten Hälfte der Veranstaltung das alleinige Recht zu reden gebührt. Die Zuhörerinnen sind zwar freiwillig anwesend, sie verhalten sich aber nur dann richtig und unproblematisch, wenn sie schweigend und aufmerksam auf den in Richtung des Redepults ausgerichteten Stühlen sitzen. Nach demselben formalen Muster wie Vorträge laufen – um ein Beispiel aus einem explizit politischen Kontext zu betrachten – Wahlveranstaltungen mit Parteipolitikern ab. Solche Veranstaltungen illustrieren auf eindrücklichste Weise ein zentrales Element bürgerlich-demokratischer Herrschaft: Sie beruht nicht in erster Linie auf offener Gewalt des Staatsapparates, sondern auf der Produktion von Konsens. Mit zahllosen Praktiken wird die Fiktion aufrechterhalten, daß d ieser Konsens durch gleichberechtigte Kommunikation („Dialog mit dem Bürger“) zwischen Herrschenden und Beherrschten über die Formen und Praxen der Herrschaft hergestellt werde. Gleichzeitig wird das reibungslose Funktionieren der Herrschaft aber durch die Art und Weise sichergestellt, in der diese scheinbare Kommunikation erfolgt. So bedient sich eine Wahlveranstaltung der kulturellen Form des Vortrags, ohne daß bei der daran anschließenden Fragerunde tatsächlich eine inhaltliche Diskussion stattfindet. Der Inhalt des Vortrags selbst ist für die Aufrechterhaltung der Fiktion gleichberechtigter Konsensproduktion relativ unwichtig; die Aussage der ganzen Veranstaltung ist vor allem: Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, in der alle das Recht haben, ihre Meinung zu äußern – solange sie dies in einer Weise tun, die den Regeln dieser Art von Veranstaltung entspricht, solange sie sich in Thema und Wortwahl an die gesellschaftlich akzeptierten Konventionen halten. Daß dieses Recht auf Meinungsäußerung letztlich folgenlos bleibt, weil die möglichen Themen ebenso wie die Art, in der sie diskutiert werden, schon durch den formalen Rahmen vorgegeben und eingeschränkt sind, fällt niemandem auf – denn dieser Rahmen und seine Regeln sind verinnerlicht und werden als normal und natürlich empfunden. Wenn der Bundeskanzler inmitten einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei und umringt von Ordnern und Leibwächtern einen Marktplatz mit ohrenbetäubenden Phonozahlen beschallt, demonstriert er damit Bürgernähe – und bis zu einem gewissen Grad funktioniert diese Fiktion. Dabei ist es geradezu lächerlich, eine solche Vorführung von Macht als Möglichkeit der Kommunikation, d. h. des reziproken und gleichberechtigten Austauschs zu deuten. Das Ganze läßt sich viel schlüssiger als Inszenierung zur Darstellung und Selbstvergewisserung von Macht interpretieren. Trotzdem werden solche Veranstaltungen von den ZuhörerInnen nicht unbedingt in diesem Sinne empfunden, denn die in die Formen der Kulturellen Grammatik eingeschriebene Inszenierung und Ausübung von Herrschaft wird in der Regel nicht als solche wahrgenommen. Nicht immer sind bei solchen Ritualen die Anwesenden nur Staffage für die Repräsentation der Macht. Bei einem öffentlichen Empfang glauben auch die Gäste selbst nicht wirklich daran, daß sie gekommen sind, um den wichtigen und erhellenden Worten des Gastgebers zu lauschen. Die rasierwassergetränkten „sehr geehrten Herren“ in Anzügen von Hugo BOSS und die „hochverehrten Damen“, die ebenso teuer duftend in ihrem besten Abendkleid erscheinen, wissen sehr genau, daß es um die Kulturelle Grammatik geht – darum, zu sehen und gesehen zu werden, das Bundesverdienstkreuz vorzuführen, Kontakte aufzunehmen und zu erhalten, wichtigen Personen vorgestellt zu werden – kurz: sich selbst im vorgegebenen Rahmen möglichst vorteilhaft zu inszenieren und damit Nutznießer wie Publikum im Schauspiel der Macht zu stellen. Die Teilnahme an dem durch die Kulturelle Grammatik geregelten Ritual ermöglicht dem Publikum nicht nur Selbstvergewisserung, sondern bis zu einem gewissen Grade auch Partizipation an den Machtverhältnissen. Was ist Kulturelle Grammatik? Die Metapher Kulturelle Grammatik bezieht sich auf die Sprachwissenschaft. Grammatik ist das der Sprache zugrunde liegende Regelsystem, das wir erlernen, ohne uns dessen bewußt zu sein; sie ist die Struktur, die die Verwendung und den Zusammenhang der einzelnen Elemente sprachlicher Aussagen bestimmt. Ohne Grammatik lassen sich komplexe Zusammenhänge nicht ausdrücken, obwohl die wenigsten Menschen beim Sprechen in ihrer eigenen Sprache über Satzteile und Konjugationen nachdenken. Grammatikalische Regeln einzuhalten ist weitgehend normal und wird selten hinterfragt. Mit Kultureller Grammatik bezeichnen wir das Regelsystem, das gesellschaftliche Beziehungen und Interaktionen strukturiert. Es enthält die Gesamtheit der ästhetischen Codes und der Verhaltensregeln, die das gesellschaftlich als angemessen empfundene Erscheinungsbild von Objekten und den normalen Ablauf von Situationen bestimmen. Die kulturelle Grammatik ordnet die zahllosen, auf allen Ebenen einer Gesellschaft sich alltäglich wiederholenden Rituale. Auch gesellschaftliche Raum- und Zeiteinteilungen, die Bewegungsformen und Kommunikationsmöglichkeiten vorgeben, sind darin enthalten. Trotz ihrer strengen Kodifizierung ist Grammatik niemals endgültig festgelegt – umgangssprachliche Übereinkünfte gehen in die Schriftsprache ein, Subkultur-Slangs werden salonfähig, die spezielle Grammatik von Dialekten paßt sich der Hochsprache an. Entsprechend verändert sich auch die kulturelle Grammatik – neben dem Knigge des guten Benehmens im Privatleben wie im öffentlichen Raum existieren subkulturelle und klassenspezifische Formen der Selbstdarstellung, des Sich-in-Szene-Setzens, und sie bleiben nicht ohne Einfluß aufeinander. Kulturelle Grammatik und Macht Doch trotz dieser Flexibilität von Grammatik im sprachlichen wie im kulturellen Sinn ist ihr Regelwerk keineswegs neutral, für alle veränderbar, zugänglich, erlernbar und nutzbar. Kulturelle Grammatik ist im Gegenteil Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsbeziehungen, und ihre Regeln spielen eine wichtige Rolle bei deren Produktion und Reproduktion. Als innere Struktur durchdringt sie den gesamten sozialen und kulturellen, öffentlichen wie nicht-öffentlichen, kurz den gesellschaftlichen Raum. An unterschiedlichen Orten, in Schulen, Vereinen, auf Tagungen, am Arbeitsplatz wie auch in den nicht institutionalisierten Bereichen der Gesellschaft, in Kneipen, Familien und Alltagswelten, bringt sie oft ähnliche Formen des gesellschaftlichen Umgangs hervor, regelt aber zugleich Abstufungen und Differenzierungen. Sie ermöglicht den Menschen, sich im gesellschaftlichen Raum zu orientieren. Sie liefert Handlungsanweisungen, vor allem aber legt sie bestimmte Interpretationen von Situationen, Orten, Texten und Gegenständen nahe. Deren Bedeutungen sind nämlich nicht fest, sondern je nach Kontext unterschiedlich: Das Bier auf einer Hochzeitsfeier ist ein anderes als das im Fußballstadion. Es ist ein Pils und wird aus dem Glas getrunken, während es im Stadion nur Export aus Plastikbechern gibt und eine Bockwurst dazu nicht fehlen darf. Der etwas aus der Mode gekommene Bruderkuß zweier Politiker hat wenig mit Annäherungsversuchen in einer Kneipe zu tun, und ein Mann im Minirock löst andere Assoziationen aus als eine ebenso gekleidete Frau. Wer sich ‚normal‘ verhalten will, muß also die Kontexte auseinanderhalten und kulturelle Ausdrucksformen entsprechend interpretieren. Wer sinnlos betrunken auf einer Wahlkampfanveranstaltung aufkreuzt, benimmt sich genauso daneben wie derjenige, der bei einer Sauf tour nüchtern bleibt. Dinge und Verhaltensweisen, Interaktionen und Rituale sind Zeichen, sie bedeuten etwas. Mit dem Prozeß der Bedeutungsproduktion zugunsten der bürgerlichen Gesellschaft hat sich der Semologe Roland Barthes beschäftigt. Wir beziehen uns auf seine theoretischen Überlegungen, weil sie Anhaltspunkte dafür geben, wie Kulturelle Grammatik als etwas historisch Gewordenes zu einer scheinbar natürlichen Gegebenheit wird und wie Macht hinter dieser Natürlichkeit unsichtbar wird. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964. Gemäß Barthes setzt sich ein Zeichen aus zwei Elementen zusammen: Dem Bedeutungsträger oder Signifikanten und der damit ausgedrückten Bedeutung, dem Signifikat. Wichtig für die Funktionsweise von Kultureller Grammatik ist, daß sich oft zwei Zeichensysteme unterscheiden lassen: Im ersten System haben die Signifikanten eine offensichtliche, sprachlich ausgedrückte Bedeutung, also ein Signifikat. Aus dem Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikat ergibt sich ein Sinn. In diesem ersten Zeichensystem hat etwa eine Vereinssitzung mit ihren festgelegten Strukturen den Sinn, die Belange des Vereins rational und wirksam zu regeln. Im zweiten Zeichensystem wird die Sitzung zur bloßen Form, zum Signifikanten. Es ist nicht mehr wichtig, ob Herr A oder Frau B in den Vorstand gewählt wird, ob der Verein seinen Jahresausflug in den Schwarzwald oder an den Bodensee macht. Vielmehr kommt es darauf an, daß die Sitzung ordentlich entsprechend der Kulturellen Grammatik durchgeführt wird – daß die Mitglieder passend gekleidet sind, daß die Hierarchie von Vorstand und gewöhnlichen Mitgliedern eingehalten wird, daß sich alle entsprechend ihrem Status verhalten. In diesem zweiten Zeichensystem, das Barthes als System des Mythos bezeichnet, bedeutet die Vereinssitzung nichts anderes, als daß Macht akzeptiert und gesellschaftliche Prozesse hierarchisch geregelt werden müssen. Und diese Bedeutung wird in unzähligen alltäglichen Situationen und gewöhnlichen Verhaltensmustern transportiert. Als Signifikanten im mythischen System bringen sie die Normalität der herrschenden Verhältnisse und damit die Legitimität von Macht und Herrschaft zum Ausdruck. In diesem Sinne ist die Kulturelle Grammatik Teil einer Mythologie des Alltags, in der Macht und Herrschaft als natürliche Gegebenheiten erscheinen. Diese Mythologie ist so selbstverständlich Teil des Lebens der Menschen, daß sie kaum jemals thematisiert wird: Die Kulturelle Grammatik ist kein Gegenstand von Diskussionen. Es ist schwierig, eine Alternative zu den bereits in den Formen des alltäglichen Umgangs enthaltenen Hierarchien und Machtverhältnissen zu denken. Denn die Kulturelle Grammatik unterwirft die Menschen nicht nur den herrschenden Verhältnissen, sondern bietet ihnen ebenso Identitfikationsangebote; sie zu akzeptieren eröffnet Möglichkeiten, zumindest in einigen Momenten selbst Macht auszuüben. Kleine Bevor wir uns damit auseinandersetzen, wie sich die über die Kulturelle Grammatik vermittelten Mechanismen der Produktion und Reproduktion von Macht und Herrschaft möglicherweise stören lassen, soll hier noch etwas zur Problematik dieser Begriffe gesagt werden. Wir gehen davon aus, daß Begriffe wie Herrschende und Beherrschte durchaus Sinn machen, auch wenn sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht einfach nach einem Oben-Unten-Schema erklären und schon gar nicht personalisieren lassen. In einer komplexen kapitalistischen Gesellschaft bestehen gleichzeitig offensichtliche Herrschaftsbeziehungen und alltägliche, überall und auf allen Ebenen der Gesellschaft präsente Formen der Ausübung von ‚Macht im Kleinen‘. Beide bedingen und stabilisieren sich gegenseitig. Macht funktioniert nicht nur über Zwang, sondern auch über Identifikationsangebote: In einer Dominanzkultur, in der gesellschaftliche Konflikte vor allem über Hierarchisierungen geregelt werden und folglich auch nur in dieser Weise lösbar erscheinen, arbeiten (fast) alle an der Erhaltung der Verhältnisse mit, indem sie versuchen, ihre Position gegenüber denjenigen auszubauen, die noch schlechter dran sind als sie selbst. Nicht nur Klassengegensätze, sondern auch ethnische Hierarchisierungen und das Geschlechterverhältnis funktionieren (wenn auch in unterschiedlicher Weise) durch die Prinzipien der Unterdrückung und der Selbstpositionierung innerhalb des eng gesteckten gesellschaftlichen Rahmens. Ein Beispiel ist die Selbstethnifizierung als Folge gesellschaftlicher Zuschreibungen. Sie kann zwar ein revolutionäres Potential haben, weil gerade diejenigen Gruppen eine eigene, von ihnen selbst festgelegte Identität einfordern, die von außen auf holzschnittartige, von Vorurteilen geprägte Stereotypen festgelegt werden. Gleichzeitig kann sie gesellschaftsstabilisierend wirken, weil sich durch die Übernahme des von der Macht angebotenen Identifikationsmodells ‚race‘ diejenigen Zuschreibungen fortschreiben, die die Unterdrückung begründen. Die Art und Weise, in der in entwickelten bürgerlichen Gesellschaften Herrschaft ausgeübt und aufrechterhalten wird, ohne daß dazu unmittelbare Gewalt ausgeübt werden muß, läßt sich durch den von Antonio Gramsci entwickelten Begriff der Hegemonie charakterisieren. Die Herrschaft der bürgerlichen Klasse beruht nicht allein auf ihrem Zugang zu Produktionsmitteln, sondern produziert und reproduziert sich wesentlich auf der Ebene des Überbaus, der Ideologie. Allerdings ist es wohl vergeblich, nach einer eindeutigen und verbindlichen herrschenden Ideologie als ‚Ideologie der Herrschenden‘ zu suchen. Denn die bürgerliche Klasse geht ständig Bündnisse mit anderen Klassen und Gruppen ein. So sind in die herrschende kapitalistische Ordnung Elemente zahlreicher anderer Ideologien integriert. Der so entstehende Konsens verbindet Herrschende und Beherrschte auf der Ebene von Ideen und Vorstellungen. Er ist nicht widerspruchsfrei, sondern vereint heterogene, ungleichzeitige Elemente und läßt auch Konflikte zu . Die Art, in der solche Konflikte ‚natürlicherweise‘ ausgetragen werden, ist jedoch von bürgerlichen Vorgaben über die Form gesellschaftlicher Beziehungen bestimmt. In der Fähigkeit, auch soziale und kulturelle Widersprüche in die bürgerliche Gesellschaftsordnung einzubinden, manifestiert sich das, was Gramsci die Hegemonie der herrschenden Klasse nennt. Hegemonie stellt sich nicht nur auf der verbal-diskursiven Ebene her, sondern auch dadurch, wie (bürgerliche) gesellschaftliche Normen das alltägliche Leben der Menschen bestimmen: Sie entsteht durch die Durchsetzung und Praktizierung von Regeln und Verkehrsformen, Symbolen und Kommunikationsweisen; sie entsteht auf der Ebene der Kulturellen Grammatik. Kulturelle Formen sind damit wesentliche Elemente der Reproduktion der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sie sind für deren Bestand mindestens ebensowichtig wie die Institutionen des staatlichen Herrschaftsapparates. Welche Kultur? Wenn von Kultureller Grammatik die Rede ist, dann umfaßt der Begriff ‚Kultur‘ mehr als den bürgerlichen Kanon von Bildender Kunst, Musik und Literatur einschließlich des darauf beruhenden Kunstbetriebs, und auch mehr als dessen Erweiterung um Formen von Subkultur. Die Vorstellung, Kultur finde in abgegrenzten gesellschaftlichen Segmenten statt, ist (bürgerliche) Ideologie. In weiterem Sinne umfaßt Kultur alle menschlichen Ausdrucksformen, Bedeutungszuschreibungen, Handlungen und Produkte des Alltags. In dieser Definition beschreibt der Begriff eine bestimmte Sicht auf die Art und Weise, wie Menschen die Setzungen, Anforderungen und Möglichkeiten innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens umsetzen, nutzen und interpretieren. Sie tun dies nicht als beliebige, vereinzelte Individuen, sondern ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Gegebenheiten ist außer von ihrem Selbstbild auch von den Anforderungen geprägt, die die Gesellschaft stellt. Wenn Kultur die gesamte Gesellschaft durchdringt, können Kultur und Politik nicht als getrennte Bereiche gesehen werden. Eine Veränderung kultureller Formen hat auch politische Implikationen. Andererseits artikuliert sich jedes politische Handeln in kulturellen Formen. Politik ist daher mehr als nur die ‚Kunst der Staatsverwaltung‘: Sie findet überall dort statt, wo über Reproduktion und Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen verhandelt wird. Wenn der Herr Minister nicht zu Wort kommt, wenn die Mitarbeiterin ihren Vorgesetzten streng fragt, warum er zu spät kommt, wenn scheinbar amtliche Schreiben die BürgerInnen auffordern, ihre Volkszählungsbögen wegzuschmeißen, dann wird die Kulturelle Grammatik verschoben, und solche Verschiebungen sind nicht nur kulturell, sondern auch politisch subversiv . Welche Subversion? Wer in der Kommunikation die Regeln der Kulturellen Grammatik nicht nur unbewußt praktiziert, sondern kreativ mit ihnen umgeht, kann sie für seine eigenen Zwecke benutzen, instrumentalisieren oder umdrehen, indem er sie mit abweichenden Inhalten füllt, in die ritualisierten Gewänder schlüpft, sich fremde Rollen anmaßt und dabei unter Umständen im Tonfall der Macht spricht (► Der Herr Minister). Aber – hat irgendjemand eine Chance, die politischen Aussagen von derartigen Aktionen zu begreifen, wenn kein Klartext, keine eindeutige Erklärung mitgeliefert wird? Wer wird in einem spaßigen Spektakel der Kommunikationsguerilla, das die Lacher auf seiner Seite hat, eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen erkennen wollen? Dies ist im Grunde die Frage nach der Vermittlung kritischer Inhalte, die sich auch bei klassischer Agitation oder Aufklärung durch Texte und Reden stellt. Weder bei einer Aktion der Kommunikationsguerilla noch bei einer Aufklärungskampagne ist davon auszugehen, daß das Publikum sich in irgendeiner Weise überzeugen oder auch nur informieren lassen will. Jede Aktion braucht Anknüpfungspunkte bei den AdressatInnen – sei es ein gemeinsamer politischer Standpunkt (der oft nicht gegeben ist), sei es ein Alltagswissen in Gramscis Sinn, das sich aus den täglichen Erfahrungen der einzelnen speist, ein feines Gespür für Macht und Unterdrückung. Dieses Alltagswissen äußert sich manchmal weniger im Diskutieren, Analysieren, Theoretisieren und Dozieren, als in einem spontanen Lachen. Das heißt allerdings nicht, daß Kommunikationsguerillas keine theoretische Gesellschaftskritik brauchen. Um die politische Dimension der Kulturellen Grammatik der Herrschenden zu kritisieren bzw. anzugreifen, muß sie zuerst einmal entschlüsselt werden. Auch Aktionen der Kommunikationsguerilla funktionieren nur, wenn ihnen ein Verständnis für Machtstrukturen vorausgeht. Erst mit einer kritischen Sicht läßt sich beispielsweise die Funktion von Regierungsdemos (z. B. am 8. 11. 1992) gegen ‚Ausländerfeindlichkeit‘ als Demonstration eines Konsenses zwischen ‚Volk‘ und ‚Herrschaft‘ entziffern, und erst mit dem begrifflichen Instrumentarium der Kulturellen Grammatik wird es möglich, an dieser verborgenen Bedeutung anzusetzen. Wir setzen auf Aktionen, die ästhetische Momente von Herrschaft dekonstruieren und die Regeln der Kulturellen Grammatik durcheinanderwerfen – manchmal auch die Regel, daß Interventionen nur dann politisch subversiv seien, wenn sie Klartext reden. Solche Aktionen können zum bloßen Spektakel verkommen. Wir gehen jedoch davon aus, daß gute Kenntnisse in Kultureller Grammatik davor schützen, in die Falle der Beliebtheit zu geraten. Zumeist werden Interventionen der Kommunikationsguerilla im Zusammenhang mit gesellschaftlich relevanten Themen oder Ereignissen stattfinden. Der öffentliche Raum, in dem sie sich abspielen, ist bereits mit bestimmten Assoziationen, Vorstellungen und Erwartungen verknüpft. Dieses Gerüst von Normalitäten kann durch eine unerwartete Aktion durcheinandergebracht, enttäuscht oder weit übertroffen werden. Jedes öffentliche Ereignis ist zugleich ein Ritual aus Formen und Konventionen, die selbst wieder Aussagen über Verfaßtheit und Selbstverständnis der Gesellschaft machen, in der sie stattfinden. Eine Intervention, die sich darauf bezieht, kann auch ohne Klartext Inhalte transportieren, die als solche wahrgenommen und verstanden werden. Politische Praxis heißt für uns nicht das Verbindlichmachen einer besseren Ideologie. Wenn wir fragen, warum Leute Machtstrukturen in unserer Gesellschaft so weitgehend akzeptieren, müssen wir diese Frage auch auf der Ebene der Kulturellen Grammatik stellen. Wenn wir unsere Überlegungen zum Ausgangspunkt politisch-kultureller Aktionen machen, bedeutet das den Versuch, die Kulturelle Grammatik der Herrschenden in konkreten Situationen zu durchbrechen und zu überschreiten. In diesem Sinne soll der soziale und politische Kampf ein Kampf sein „um eine andere Wirklichkeit, in der unter uns erlebbar und spürbar wird, wofür es sich morgen noch lohnt zu kämpfen.“ Autonome L.U.P.U.S.-Gruppe: Der Faschismusvorwurf – oder die linke Illusion vom bürgerlichen Staat. In: Dies.: Lichterkeiten und andere Irrlichter: Texte gegen finstere Zeiten. Berlin/Amsterdam 1994, S. 102-113. Alle oder Keiner? - Multiple Namen, imaginäre Personen, kollektive Mythen Ein multipler Name ist „ein Name, den jeder benutzen kann“: Diejenigen, die ihn in die Welt gesetzt haben, seien sie bekannt oder unbekannt, Personen oder Gruppen, beanspruchen ausdrücklich weder ein Monopol für seine Verwendung noch irgendein Copyright. Doch können solche Namen mehr sein als der schlichte Ausdruck der Tatsache, daß ihre Verwender anonym bleiben wollen: Ist der multiple Name auch als Ausdruck von Anonymität nur eine Leerstelle, ein Zeichen ohne eigene Bedeutung, so kann er doch zu einem kraftvollen Signifikanten werden, wenn er sich mit einer bestimmten, erkennbaren und abgrenzbaren Praxis verknüpft. Er bezeichnet dann nicht nur diese (künstlerische, politische, religiöse) Praxis, sondern bindet sie zugleich an die Gestalt einer imaginären Person. Indem die Praxis erkennbar wird und sich mit Leben erfüllt, erwacht auch diese Person zum Leben. Ihre Gestalt gewinnt Konturen, bekommt eine Geschichte, einen Mythos. Treten Menschen in diese Geschichte ein und nehmen sie an den Praktiken teil, die mit dem multiplen Namen verknüpft sind, so werden sie tatsächlich Teil der imaginären und kollektiven Person: Die Praxis der Einzelnen wird durch den kollektiven Mythos mit Kraft ausgestattet und reproduziert diesen zugleich. Und umgekehrt: Verliert diese Praxis ihre Konturen und ihre signifikative Kraft, so stirbt auch die kollektive Person, in der sie sich verkörpert. Vgl. Home, Stewart: The Festival of Plagiarism. London 1988. Der multiple Name hebt die Trennung von Individuum und Kollektiv auf. Er verleiht den einzelnen in magischer Weise Anteil an der kollektiven Gestalt der imaginären Person, in der sich die Bewegung und die Kraft einer unsichtbaren Masse verkörpern. Die Masse gewinnt Gestalt, sie wird in der Form der imaginären Person zum handelnden Subjekt. Gerade die Namen-losen Unterdrückten haben dieses Prinzip immer wieder verwendet. So tauchte es beispielsweise bei den Bauernaufständen auf: 1514 zogen süddeutsche Bauern im Namen des ‚armen Konrad‘ ins Feld. Doch es war kein Anführer, der so die revoltierende Masse verkörperte: Jeder einzelne von ihnen war ‚der arme Konrad‘, der nun gegen seine Bedrückung aufstand. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkörperte in England der multiple Name des ‚General Ludd‘ die Unterdrückten. Als imaginärer Anführer der Angriffe gegen die neuen Maschinen richtete er seine selten folgenlosen Drohungen gegen die kapitalistischen Betreiber der modernen Formen der Ausbeutung. Obwohl (oder gerade weil) die Bewegung des ‚General Ludd‘ keinerlei feste organisatorische Form besaß, war sie jahrelang in der Lage, den Ausbeutern Angst und Schrecken einzujaagen. Während ‚General Ludd‘ weder eine reale Person war noch für eine feste Organisation stand, folgen spätere Organisationsformen der Arbeiter der bürgerlichen Trennung zwischen Individuum und kollektiver Praxis. Das Kollektiv (das Proletariat etc.) wird zu einer abstrakten und hierarchisch verwalteten Angelegenheit. Seine symbolische Kraft manifestiert sich nicht mehr unmittelbar in der Praxis jedes einzelnen. Träger dieser Kraft sind allenfalls einige wenige, ›herausragende‹ Individuen, die als Anführer, Helden, Vorbilder fungieren. In der Gegenwart tritt der Gedanke der multiplen Namen nicht zufällig dort in Erscheinung, wo der bürgerliche Kult des herausragenden Individuums am ausgeprägtesten ist, im Bereich der Kunst. Wenn ein multipler Name als Künstlernamen verwendet wird, schließt das Zuordnung eines Werks zu einem individuellen Autor aus. Die  Neoiesteri haben dieses Prinzip konsequent verwendet. Dabei verwandelten sich Künstlernamen wie Harry Kipper in multiple Namen, während andere solcher Namen wie Monty Cantsin mitsamt den zugehörigen Mythen als bewußte Produkte der neostischen Kunstpraxis anzusehen sind. Schließlich ist als bedeutendstes poststitutionalistisches Kunstwerk die Schaffung des kollektiven Mythos von Luther Blissett zu nennen, bei dem, wie schon bei Karen Eliot, auf den Namen einer existenten Person zurückgegriffen wurde. Ein besonders hinterhältiger Angriff auf bürgerliche Subjektkonzepte ist es, reale Individuen unversehens oder sogar gegen ihren Willen in kollektive Personen zu transformieren. Ein populäres Beispiel hierzu: Eine relativ leicht zu erlernende Praxis ist es, mit blonder Perücke und Sonnenbrille angetan schlecht zu singen. So blieb es nicht aus, daß dem ersten Heino erst ein zweiter (der wahre ...) und dann viele weitere nachfolgten. Ein weiteres Beispiel ist der Versuch, bei der Zürcher Bürgermeisterwahl den Kandidaten des bürgerlichen Lagers, Andreas Müller, kurzerhand in eine kollektive Person zu verwandeln – um Teil dieser Person zu werden, genügte es, Müller zu heißen und unter diesem Namen auf einem Stimmzettel zu erscheinen (► Wahlquark). Auch in einem aktuellen politischen Kontext tritt ein multipler Name in Erscheinung. Eine der genialen medienstrategischen Leistungen der zapatistischen Guerilla von Chiapas war es, den Namen ihres Sprechers Subcomandante Marcos zu einem kollektiven Namen zu machen („Wir alle sind Marcos“). Damit setzten sie nicht nur die bereits in dem Titel ‚Subcomandante‘ angelegte Dekonstruktion des Prinzips des Revolutions- oder Guerillaführers fort, sondern sie schufen zugleich eine neue Form des kollektiven Mythos: Die Person des realen Guerilleros bleibt ohne eine fixierbare, festgeschriebene Geschichte. Die erkennbaren Attribute wie Skimütze und Uniform verstecken seine wahre Rolle als leeres Zeichen nicht, sondern unterstreichen sie sogar noch. Gerade weil die reale Person unscharf bleibt, kann diese Leerstelle durch zahllose Erzählungen und Legenden gefüllt werden. In diesem Prozeß wurde der kollektive Mythos ‚Marcos‘ zum allgegenwärtigen Träger verschiedenster Bedeutungen, zum Ausdruck und Identifikationspunkt subversiver wie sexueller Phantasien (Diese bringen die symbolische Potenz der kollektiven Person vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck: Obwohl weder sein Gesicht noch sein Körper je zu sehen waren, wurde Marcos zum ‚attraktivsten‘ Mann Mexikos gewählt). Schließlich konnten Zehntausende mit dem Ruf „Auch wir sind Marcos“ durch die Straßen von Mexico City ziehen und sich damit in machtvoller Weise politisch artikulieren. Der Mythos von ‚El Sub‘ unterscheidet sich dabei deutlich von dem eines individuellen Helden wie Che Guevara: eine Aussage wie „Auch ich bin Che Guevara“ wäre einfach blödsinnig. Die Herrschenden in Mexiko haben übrigens die Funktionsweise des kollektiven Mythos und der damit verbundenen magischen Praxen sehr genau verstanden. Das zeigen ihre verzweifelten (und erfolglosen) Bemühungen, das hinter dem Namen Marcos ‚in Wirklichkeit‘ stehende Individuum ausfindig zu machen, sein Gesicht zu zeigen und ihn so vom kollektiven Mythos zum bürgerlichen Individuum zu reduzieren. Der Ursprung der multiplen Namen verliert sich im Dunkel der Geschichte, sie verweisen auf uralte religiöse und magische Praktiken. Bereits der älteste noch lebendige dieser Namen zeigt das Prinzip in voller Klarheit: Alle sind schon immer und von Natur aus Buddha. Zugleich aber ist die Teilhabe an der kollektiven Person durch eine Praxis vermittelt: „Indem ihr die Praxis des Buddha verwirklicht, seid ihr dem Buddha gleich. Ihr seht mit denselben Augen, hört mit denselben Ohren und sprecht mit demselben Mund. Es gibt da nicht den geringsten Unterschied.“ Durch die Verwendung multipler Namen werden also in gleichsam naturwüchsiger Weise archaische Formen aufgegriffen, die die Trennung von Individuum und Kollektiv in Frage stellen: Multiple Namen sind nicht in erster Linie Formen der Anonymität (als solche sind sie nicht besser als gar kein Name), sondern die denkbar schärfsten Angriffe auf moderne Konzepte bürgerlicher Subjektivität und Identität. Sie demonstrieren anschaulich, daß diese Konzepte nur der Natur des Menschen fremde Illusionen sind. Damit manifestieren sie die zeitlose Wahrheit der Vorstellungen, daß die menschliche Identität nichts ist als Artikulation und Schnittpunkt kollektiver Praxen, daß eine menschliche Natur jenseits dessen nicht existiert. Diese eigentliche subversive Kraft des multiplen Namens zeigt sich freilich nur in der konkreten Praxis: Werde auch du Luther Blissett! Sale, Kirkpatrick:Rebels against the Future. The Luddites and their War on the Industrial Revolution. Readings (Mass.) 1995, S. 9. http://www.penguin.it/luther/tvcps0d1.htm   http://www.thing.de/projekte/7.9%23/cantsin_12.html   Vgl. Luther Blissett-Homepage: http://www.penguin.it/luther   Vgl. Home, S.1: Neosimus, Plagiarismus & Praxis. Edinburgh & San Francisco 1995, S. 11 u. http://www.thing.de/projekte/7.9%23/eliot_index.html