# Beispielaktionen & Gruppen

# Zum Klimagipfel Kühlschrank vor die Tür

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Als ironischer Kommentar zur Weltklimakonferenz 1995 tauchte ein gut gefälschtes Flugblatt in den Berliner Stadtbezirken Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain auf: „Anlässlich der UN-Konferenz ‚Klima '95‘, die vom 28. März bis 7. April in Berlin stattfindet, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz beschlossen, ausgediente Kühltchränke kostenlos einzusammeln und fachgerecht entsorgen zu lassen.“ Diese Ankündigung hatte in den folgenden Tagen nicht wenige Folgen. Offenbar nahmen viele Bürgerinnen das Angebot ernst und stellten, wie von der vermeintliche**n** Senatsverwaltung verlangt, „Altgeräte in der Zeit vom 31. 3. bis 2. 4. 1995 gut sichtbar an die Straße“. Allerdings warteten sie vergeblich darauf, daß die Berliner Stadtreinigungsbetriebe BSR die Kühlschränke wie angekündigt „in den darauffolgenden Tagen in einer einmaligen Sonderaktion“ abhole. Die offiziellen Stellen reagierten in ihrem Dementi freilich völlig humorlos. Die „Aktion“ sei eine „eventuelle Gefahr für die Umwelt“ und gehe „zu Lasten aller Steuerzahler“, lamentierten Senatsumweltschützer und Stadtreinigung. (taz 6. 5. 1995)

# WM 1974: Solidaritätsgrüße aus dem Fußballstadion

Im Juni 1974 fand die Fußballweltmeisterschaft in der BRD statt. Mit dabei war auch die chilenische Nationalmannschaft. 1973 hatten in Chile die Militärs erfolgreich gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende geputscht. Der Militärjunta war sehr an einem positiven Image gelegen. Über den Sport sollten ›normalisierte Beziehungen‹ zu anderen Ländern aufgebaut werden. Chile-Solidaritätsgruppen in der BRD wollten diesen Prestigegewinn der Militärjunta verhindern und beschlossen, den Fußballplatz zu politisieren. Beim Eröffnungsspiel BRD-Chile befanden sich 500 Leute aus der Soli*-*Bewegung im Berliner Olympiastadion. Kaum wurde die chilenische Hymne gespielt, erhoben sich Sprechchöre: „Chile Si – Junta No!“ Gleichzeitig wurden riesige Transparente entrollt. Als der Stationsprecher auf das „unpolitische Verhalten“ dieser Zuschauer hinwies, war das Ziel erreicht: Der „unpolitische Fußball“ hatte Anlaß für einen politischen Eklat gegeben.

In einer zweiten Aktion wendeten sich Aktivistinnen live an die Genossinnen in Chile.

Nachdem die Live-Übertragung des Spiels gegen Australien in Chile feststand, schickten sie kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit zehn Leute mit Transparenten auf den Platz. Die Medien bastelten daraus einen „Skandal im Olympiastadion“. Tausend Bullen im Stadion konnten nicht verhindern, daß den Menschen in Chile durch die Live-Übertragung Solidaritätsgrüße aus der Bundesrepublik zukamen. Venceremos!

 Balsen, Werner/Rössel, Karl: Hoch - *die Internationale Solidarität. Zur Geschichte der 3. Weltbewegung in der Bundesrepublik. Köln 1986.*

# Wenn du ein Wixer / ein Mann bist...

![f298c61a01944cf8bdf63582acf687c6-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/f298c61a01944cf8bdf63582acf687c6-img.jpg) ![b51fc4f58b617170bbb8a48f48f2a323-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/b51fc4f58b617170bbb8a48f48f2a323-img.jpg)

# Weihnachtsfestspiele des SDS

Der Berliner SDS veranstaltete 1966 an einem verkaufsoffenen Samstag im Dezember die legendäre „Spazierzünger-Demonstration“ auf dem weihnachtlich geschmückten Kurfürstendamm. Maßgeblich beteiligt waren an diesen „Weihnachtsfestspielen“ der antiautoritären Bewegung auch diejenigen SDS-Mitglieder, die später die Kommune 1 begründeten. Mit dieser Aktion protestierten sie gegen SPD-Innensenator Heinrich Albertz, der Demonstrationen durch die Verlegung in menschenleere Stadtteile unwirksam machen wollte. Auf Signale aus einer Trillerpfleife hin bildeten etwa 200 Studenten mehrmals Demonstrationszüge und verteilten Flugblätter, um sich dann zu zerstören und an einem anderen Ort wieder aufzutachen: „Um uns nicht zusammenschlagen zu lassen, ... , demonstrieren wir nicht in der alten Form, sondern in Gruppen als Spaziergänger.“ Wie vorgesehen reagierten die konfettiübersetzten Bullen völlig hilflos. Sie rasteten aus und nahmen 74 Studenten, Schüler und Passanten fest, besonders solche mit Weihnachtspaketen unter dem Arm. Polizeibeamte in Zivil verhafteten Rudi Dutschke, der sich ebenfalls mit einem Päckchen getarnt hatte.

# Von Patrioten zu Landesverrätern

Norwegische Faschisten hatten eine Gründungsversammlung für eine neue lokale Partei, die „Patriotenpartei“, organisiert. Auf diesem Treffen sollten die Mitglieder über die Ziele der neuen Partei entscheiden. Antifaschistische GegnerInnen des Vorhabens versammelten sich, um die Zusammenkunft zu stören, aber als sie feststellten, daß sie mehr waren als die Faschisten selbst, änderten sie ihre Taktik. Sie nahmen an den Wahlen teil und setzten eine neue Parteiführung ein. Die Mehrheit setzte nun eine Vielzahl abweichender Regeln durch und änderte den Namen in „Landesverräterpartei“. Das neue Parteiprogramm war strikt antirassistisch, und alle anwesenden Mitglieder mußten antirassistische Lieder singen. Die von den Faschisten herbeigerufene Polizei weigerte sich, einzuschreiten, weil alles legal gewesen sei.

# Voller Wix und bloße Körper

Jedes Jahr in der Nacht zum 1. Mai findet in Tübingen ein seltsames Frühlingssitual statt: Die Studentenverbindungen singen den Mai ein. Angehörige dieser Männerbünde versammeln sich abends in ihren Verbindungshäusern auf dem Österberg. Nach rituellem Alkoholkonsum ziehen sie kurz vor Mitternacht mit Fackeln, deren Tropfenfänger aus Bierdeckeln bestehen, auf den Holzmarkt, einen zentralen Platz in Tübingen, der von der Stiftskirche dominiert wird. Dabei tragen sie antiquiert anmutende Kleidung, an der besonders bunte Käppchen, über die Brust gespannte Bänder und kleine farbige Zipfelchen am Hosenbund auffallen. Vor der Kirche nehmen sie Aufstellung und singen drei Lieder: Ein lateinisches, das die Freuden des Studentenlebens preist, „Der Mai ist gekommen“ und ein Lied aus dem Kontext der mißglückten Revolution von 1848 („Die Gedanken sind frei“).

Der Gesang ist allerdings kaum zu hören, denn zum Ritual gehört ebenfalls, daß die Tübinger Linke und andere Schaulustige sich gleichermaßen kurz vor Mitternacht auf dem Holzmarkt einfinden, um die Demonstration konservativen Studententums zu stören, manchmal handgreiflich, immer aber untermalt von einer entsprechenden Lautkulisse (vom Töpfeschlagen![577aaf1ca9521d2719decfea08ee2d0b-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/577aaf1ca9521d2719decfea08ee2d0b-img.jpg), heißt's, bis zur „Internationalen“). Der handgreifliche Teil wird allerdings seit Mitte der 80er Jahre durch ein massives Polizeiaufgebot unterbunden. Die Ordnungshüter sperrten zwischen den beiden Gruppen einen breiten, leeren Raum ab und halten den Burschen damit faule Eier und ähnliche Unannehmlichkeiten vom Leibe. Dennoch hat die Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Gruppen den Charakter eines Schaukampfes behalten. Dieses alljährliche Ritual hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Neuerdings finden sich in der Hoffnung auf spektakuläre Bilder immer häufiger Fernsehteams ein.

Die Szenerie, Tübinger Holzmarkt im Fackelschein bei Mitternacht wird normalerweise von den Verbindungen und der bewaffneten Staatsgewalt choreographiert: Entsprechend der ordnungsrechtlich vorgesehenen Rollenverteilung sind sie die Akteure, während die anderen den Part der ZuschauerInnen übernehmen. Zwar gelingt es letzteren in der Regel, den Platz kunstlich zu bestimmen, Anlaß und visuelles Territorium bleiben jedoch, unterstützt durch die Absperrungen der Polizei, fest in der Hand der Burschenschaft. 1995 vollzog sich das Ritual in leicht abgewandelter Form.

Unklar ist bis heute, von wem die zahlreichen Aktivitäten ausgingen, die bereits im Vorfeld Aufsehen erregten. So tauchte ein Flugblatt einer Fachschaft der Universität Tübingen auf, die als rechts dominiert bekannt ist und nun unter dem Motto „Aktiv in den Mai – Frisch ins Semester“ zum „Ersten Tübinger Bändel- und Kappenwettbewerb“ aufrief. Wer am meisten Bändel und Kappen von den Burschenschaftsuniformen abgeben würde, sollte einen Preis gewinnen. Ungeachtet der vielen Glückwünsche für dieses entschlossene Auftreten distanzierte sich die gefakte Fachschaft von diesem Aufruf.

Offenbar intervenierten auch andere Gruppen mit **○** Fakes in das Geschehen. Etwa mit einem Plakat, daß ein ‚Roundtable-Gespräch‘ zwischen dem linksliberalen omnikompetenten Tübinger Professor Walter Jens und dem konservativen Kandidaten für das Präsidentenamt der Universität, dem Juraprofessor Graf Vitzthum, anberaumte. Die Ankündigung der Verbindung ‚Verein Deutscher Studenten‘ für den Abend des Maisingens lautete: „Deutsche Soldaten als Mörder und Vergewaltiger? Ein Literaturzat im Spannungsfeld von Tübinger Gelehrtenrepublik (Korporationen) und gesamtdeutscher Geistes- und Rechtskultur (Weimar/Buchenwald)“. Doch standen interessierte Zuhörerinnen vor verschlossenen Türen. Einige Leserinnenbriefe aus den Reihen der Burschenschaften stellten offenbar gleichermaßen Fakes dar.

Kurz vor Mittnacht herrschte auf dem Tübinger Holzmarkt eine gespannte Atmosphäre, ein paar Knaller explodierten, latente Aggression war spürbar. Doch als die Verbindungen gerade zum Singen ansetzten, wurden auf die Wand der Stiftskirche, die den Holzmarkt architektonisch beherrscht, quer über den Platz Dias in Fernsehblau projiziert, während gleichzeitig beschwingte Klaviermusik (Chopin) den Platz beschallte. Die Bilder: nicht gleich zu erkennen. Ein stammerer Turnverein. Altnazi und Arbeitgeberpräsident Schleyer (leider verstorben), der eine Rede hält, Männer und NS-Kriegsverbrecher. Es erschien der Schriftzug: „Verbindungen haben Tradition. Ihr Ende auch.“ Dann daneben: Ein fies grinsender Henker, der ihnen die Schlinge vor den Hals hält. Der ‚Wohlfahrtsausschuß Tübingen‘ bot sich in diesem traditionsbeendenden Sinne an: „Wir helfen gern — Sprechen Sie mit uns.“ Das Interesse der Menge verschiebt sich. Köpfe drehen sich. Lachende Gesichter. Nur noch wenige achten auf die fackeltragende Männergruppe, die jetzt am anderen Ende des Platzes im Abseits steht.

Ende der Diavorstellung. Erneuter Singversuch der Burschenschaftler, aber dann — in voller Lautstärke: Mit „Conquest oft Paradise“ von Vangelis schaltete jene Melodie über den von der Polizei abgeriegelten Holzmarkt, die ansonsten dem ostdeutschen Boxchampion Henry Maske als Einmarsch-Hymne in den Ring dient. Die Musik ist bombastisch, pathetisch, an diesem Abend wirkte sie geradezu faschistoid. Das Emblem des Wohlfahrtsausschusses — die Guillotine — untermalte das Motto der Aktion: „Versprung durch Technik“.

Auf einmal tänzeln zwölf nackte Jünglinge über den abgeriegelten Platz, keiner weiß, woher sie kommen. Sie formieren sich auf der Stiftskirchentreppe unter dem sogenannten Brautportal und winken in alle Richtungen. Sie schwenken ihre Arme in der Luft, einige halten Transparente: „Versöhnet Euch. Tübinger Stadtmission“, „Jesus liebt uns alle“, die sie den uniformierten Burschenschaftlern, dann der Zuschauermenge entgegenhalten. Die Polizei versucht, sie von den Burschenschaftlern zurückzuhalten. Doch keine Macht der Erde kann sie jetzt mehr stoppen. Die Burschenschaftler wissen nicht, wie ihnen geschieht. Sie singen schon lange nicht mehr. Einige Erbstoße versuchen, über die Absperrgitter zu springen und zeigen sich äußerst gewaltbereit. Die Polizei hält sie zurück. Andere lachen, summen mit Vangelis. Was ist hier überhaupt los? Die zwölf Jünger des Herrn fungieren als Bodenpersonal Gottes und verteilen christliche Traktate an Polizistinnen und Burschenschaftler. Dann ziehen sie sich langsam über den Platz zurück. Die Polizistinnen sichern geübt den Rückzug. Die Nackten bewegen sich – immer noch den Burschenschaftlern zuwinkend – auf die Menge der Zuschauer zu, übersteigen vorbei an den Grünuniformierten die Absperrrung und werden von der Menge auf den Brunnenrand am Ende des Platzes gehoben, wo sie armschwenkend hinter ihren Transparenten ein modernes christliches Lied anstimmen. Während der „Himmel über allen aufgeht“, beginnt eine weitere Runde für die sogenannte Deutsche-Kriegsverbrecher-Diashow.

Inzwischen ist es nach Mitternacht. Die Verbindungsmänner ziehen sich zurück, einige summen verstohlen die Melodie von „Conquest of Paradise“. Im Nu hat die Polizei ihre Absperrungsgitter weggewackt. Die Menge verteilt sich über den ganzen Holzmarkt. Aus einer Seitenstraße klingt zunächst dumpfer, dann immer deutlicher werdender Technosound. Ein Lastwagen, umgeben von rosa Nebel und zuckenden Gestalten, fährt auf dem Holzmarkt ein, durchquert die sich auflösende, ausbreitende Menge, rollt durch die Fußgängerzone auf die Hauptstraße in Richtung ‚Sudhaus‘, wo für die Nacht vom Wohlfahrtsausschuß Tübingen ein Rave angekündigt wurde: „Vorsprung durch Techno“.

Die Intervention des Wohlfahrtsausschusses Tübingen verschob die vorhandenen Bedeutungen gerade so weit, daß sie die Selbstinszenierung der Verbindungsstudenten zu deren Ungunsten verkehrte. Was als Bühne für das Maisingen gedacht war, wurde zum Schauplatz eines nicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnden, aber zum Lachen anregenden Happenings mit künstlerischen Mitteln: Performance, Bild/Diashow/Collage, Ton/Musik. Allerdings Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Vorhandene Bilder und Musik wurden neu kombiniert. Dabei erfuhr diesmal die Parole „Vorsprung durch Technik“ eine etwas andere Art und Weise der Umsetzung: Mittels computergesteuerter Diaprojektoren konnten die polizeilichen Absperrungen überwunden, die Bilder auf die abgesperrte Kirchenwand projiziert werden. Phongewaltige Lautsprecherboxen hatten mit den paar Maisängern leichtes Spiel. Leistungsstarke Suchscheinwerfer lenkten die Blicke der Zuschauer weg von den Fackeln auf die nackten Männer auf dem leeren Platz hinter den Absperrungen. Hier endet allerdings das Spiel mit den technisch hervorgerufenen Virtualitäten, denn die Männer waren echt. Um sie auf den Platz zu bringen, wie auch zur Installation der Technik bedurfte es wohl viel lokalen Wissens um Orte und Zugänglichkeiten. Außerdem muß es, wie erzählt wird, nicht einfach gewesen sein, Mutige für diese Aufgabe zu finden. Kämpferprobe Autonome kniffen in der Regel. Ihnen war die Aussicht, „unbewaffnet“ in die Arena zu gehen, doch nicht ganz geheuer.

Der Rahmen einer Konfrontation zwischen Linken und den konservativ-reaktionären Verbindungen in einem von rechts definierten, ritualisierten öffentlichen Raum wurde durch ein Happening verschoben; es entstand Verwirrung. Verbindungsstudenten lachten an der falschen Stelle, über ihre eigenen Bloßstellung, sangen mit, gingen bei einer Veranstaltung ihrer politischen Gegner mit. ZuschauerInnen, die zum alljährlichen Mai-spektakel gekommen waren, lachten mit dem Wohlfahrtsausschuß, auch wenn sie mit einigen der im Klartext der Dias ausgedrückten politischen Aussagen keineswegs einverstanden gewesen sein mögen.

Das Lachen der Menge mag zum Teil auf eine verbreitete Ablehnung von Studentenverbindungen zurückzuführen sein, auch auf Lust am Spektakel. Aber noch etwas kommt dazu: Der Kontrast zwischen den auf dem Platz exponierten Versionen von Männlichkeit. Der durch Bändel und Kappen formierte, uniformierte Männerkörper, der noch dem rundesten Kindergesicht ein hartes Kinn und eine rauhe Stimme verpaßt, die polizeilichen Schulterklappen, Schlagstöcke und taschenlosen Hosenböden, Breitbeinigkeit, Geradheit und Aufrechtheit, aber auch besoffenes Schwanken kontrastiert durch den ungewohnten Anb![81d1e5332c6cda5b3f99aa7a47cc6535-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/81d1e5332c6cda5b3f99aa7a47cc6535-img.jpg)lick nackter Männer. Nie waren sie so schön wie damals. Über dem nächtlich-romantischen Szenario des mittelalterlichen Holzmarkts, auf dem sich der Anblick ungewohnter Männlichkeiten bot, waren sie ein ironischer Kommentar, vor dem die Sänger und ihre Beschützer geradezu armselig wirkten. Die Transparente griffen das Pathos der Musik auf. Das biblische Zitat in Verbindung mit der gefühlsdräuenden Klanguntermalung wurde wiederum gebrochen durch die ungewohnte Bloßheit – kaum jemand konnte annehmen, daß der Aufruf zur Versöhnung ganz ernst gemeint war. Das ganze stimmungsvolle Szenario war ins Lächerliche gezogen. Dessen ungeachtet glauben heute in der Stadt nicht wenige, daß es wirklich eine christliche Sekte gewesen sei, die sich hier engagiert habe.

# Teeren & Federn

Seit 1934 blicken am Torturm von Marbach am Neckar mitten im historischen Stadtzentrum zwei Sandsteinkriegler auf einem Sockel stadteinwärts, zur Erinnerung an beim Töten getötete Soldaten. Nach 1945 blieb das „Schandmal“ an seinem Platz stehen. Erst 1984 begann eine heftige Auseinandersetzung um dieses Nazi-Kriegerdenkmal, die schließlich in eine spektakuläre Aktion mündete. Ein bis dahin unbekanntes Frauenkommando ‚Blood, Sweat &amp; Teer‘ bekannte sich öffentlich dazu, die beiden Soldaten geteert und gefedert zu haben. Das Kommando verurteilte „die „psychologische Kriegsvorbereitung“, die mittels dieses und ähnlicher Ehrenmale betrieben wird.“ Städtische Arbeiter hatten danach alle Mühe, das „Riesensauerei“ (Ludwigsburger Kreiszeitung) vom Sandstein herunterzubekommen. Bis heute wird das Denkmal immer wieder verschiedensten Veränderungen unterzogen. Für den 3. Oktober 1990 kündigten spezielle Anhänger der Wiedervereinigung die „Sprengung“ des Denkmals an („Wir machen den Weg frei – für Deutschland“). Es blieb indes bei einer Dusche durch einen Rasensprenger. Die Polizei hatte dem Vorhaben von Anfang an mißtraut und war entsprechend vertreten, wodurch immerhin die langersehnten Gruppenfotos von Nazi-Soldaten mit bundesrepublikanischer Polizei entstanden konnten. Traumatisch blieb für die Denkmals-Verfechter aber offenbar das Teeren &amp; Federn. Weit mehr als die verschiedensten Sprühaktionen traf diese Aktion den Nerv der Freunde des deutschen Soldatentums. Bis heute beschwören sie bei jeder Gelegenheit diese ‚Schandtat‘. Die Kritik ist offenbar verstanden worden.

# Sanssouci – Floraglittus veg. epidermica

„Was sein muß, muß sein!“ war der durchgängige Tenor der BesucherInnen, die zu Hunderten den Potsdamer Sanssouci-Park mit Immun-Schutzbeizügen über ihren Straßenschuhen bevölkerten und ein illustres Bild abgaben. Ihr Ordnungssinn ließ sie einer schriftlichen Anweisung der Parkverwaltung folgen, nach der die Anlagen nur noch mit Überzchern zu betreten seien. Zu diesem Zwecke waren 1.000 in Operationsälen übliche Plastik-Überschuhe bereitgestellt – und schnell vergriffen. Diese Aktion der „Preußischen Schlösser und Gartenschutz e.H.G.“ galt der Abwehr des Pflanzenbazillus *Floraglittus veg. epidermica* . der für Menschen völlig unschädlich sei, bei der empfindlichen Parkvegetation jedoch große Schäden verursache. Bedingt durch anhaltende Hitze und hohe Ozonwerte übertrage der Mensch mit dem Schuhwerk die in der Bitumenschicht des Asphalts ansässigen Keime. Seltsam war nur, daß bei der „Schlösser- und Gärten“-Oberdirektion wegen zahlreicher Anfragen ein Chaos ausbrach, weil dort niemand etwas davon wußte. Eigentlicher Urheber dieser Aktion war dann auch kein offizielles Amt, sondern das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen. Sie wollten sich nicht mit der Ablehnung einer Anfrage, ob der Park nicht mit zeitgenössischer Kunst verschönert werden könne, abfinden. Daraufhin fand das Aktionsbüro mit dem Kunstwerk „Parkschoner“, an dem sogar die Besucher und Spaziergängerinnen freiwillig aber unwissentlich teilhatten, einen Ausweg aus der kunstlosen Parkkrise. Der Kampf um den öffentlichen Raum wurde mit denselben preußischen Mitteln gewonnen, mit denen er fast beendet worden wäre: dem Glauben an die Vorschrift.

# Sanguinetti und die Rettung des italitenischen Kapitalismus

„Wahrhaftiger Rapport über die letzten Möglichkeiten zur Rettung des italienischen Kapitalismus“ war der Titel einer Broschüre, die 1975 ausgesuchten Vertretern der italienischen Wirtschaft, der Politik und der Medien ins Haus flatterte. Der unbekannte Autor zeichnete mit dem Pseudonym ‚Censor‘. Der Inhalt des Textes war brisant. Aus einer Analyse der Fehler der bürgerlichen politischen <span class="glossary-detect underline">Klasse</span> in den vergangenen Jahrzehnten zog ‚Censor‘ die Konsequenz:

Nur durch die Einbindung der kommunistischen Partei (PCI) in die politische Verantwortung des bürgerlichen Staates sei es möglich, das kapitalistische System Italiens noch <span class="glossary-detect underline">zu</span> retten. Kleinmütige Ängste vor diesem „historischen Kompromiß“ seien unangebracht, angebliche revolutionäre Tendenzen der PCI seien „schon immer nur für das Volk bestimmte, ideologische Exportartikel“ gewesen.

Durch Sprache, Stil und Argumentation wies sich ‚Censor‘ als Vertreter der intellektuellen bürgerlichen Elite ab. Bereits unmittelbar nach Veröffentlichung des Textes setzten wilde Spekulationen ein: War ‚Censor‘ einer der führenden christdemokratischen Intellektuellen, ein unlängst verstorbener bürgerlicher Publizist oder gar ein von den Kommunisten bezahlter Schreiber? Die meisten waren sich jedenfalls darin einig, daß der anonyme Autor eine Persönlichkeit aus dem „Zentrum der Macht“ sein müsse. Nach der Veröffentlichung des Textes wurden die Thesen von ‚Censor‘, aus denen dieser mit eiserner Logik seine Analyse der Rettungsmöglichkeiten des Kapitalismus abgeleitet hatte, zum Gegenstand einer langen und kontroversen Diskussion, in der bemerkenswerterweise die Kernaussagen des Textes von keiner Seite in Zweifel gezogen wurden.

Erst nach einem halben Jahr erschien ein weiterer Text, in dem der Situationist Gianfranco Sanguinetti seine Urheberschaft bekannte: ‚Censor‘ hatte niemals existiert. Der Autor war ein Angehöriger der extremen Linken, der noch kurz vor Veröffentlichung des Textes wegen des absurden Vorwurfs, Waffen für den italienischen Terrorismus beschafft <span class="glossary-detect underline">zu</span> haben, einige Monate im Gefängnis zugebracht hatte. Was veranlaßte nun ein ehemaliges Mitglied der *◊* Situationistischen Internationalen, sich Gedanken ausgerechnet über die Erhaltung des Kapitalismus <span class="glossary-detect underline">zu</span> machen und diese unter einem Pseudonym in die öffentliche Diskussion <span class="glossary-detect underline">zu</span> bringen? Worin bestand die subversive Sprengkraft von Sanguinettis Aktion?

Die soziale Struktur der italienischen Gesellschaft war in den 60er und 70er Jahren durch die Existenz eines starken, potentiell revolutionären Industrieproletariats gekennzeichnet, das zum Teil <span class="glossary-detect underline">autonome</span> Organisations- und Aktionsformen („Autonomia Operaia“) außerhalb der traditionellen Gewerkschaften und linken Parteiorganisationen entwickelt hatte. Gegen Ende der 60er Jahre kam es auch in Italien <span class="glossary-detect underline">zu</span> einer allgemeinen Verschärfung politischer und sozialer Konflikte, <span class="glossary-detect underline">zu</span> Fabrikbesetzungen und Studentenrebellionen. Auch in den 70er Jahren wurden diese Konflikte oft offen und <span class="glossary-detect underline">militant</span> ausgetragen. In dieser Situation hatte die starke kommunistische Partei Italiens in der Tat eine für den Fortbestand der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung lebenswichtige Funktion: Nur die PCI konnte die sozialen Auseinandersetzungen in bürokratische und reglementierte Bahnen lenken, zumindest Teile der Arbeiterklasse in das politische System integrieren und so die Gefahr einer revolutionären Zuspitzung bannen. Diese Funktion der PCI zeigte sich deutlich in der Änderung ihrer politischen Rhetorik seit Ende der 60er Jahre. War zuvor noch in leninistisch-gramscianischer Rhetorik von einer Erringung der <span class="glossary-detect underline">Hegemonie</span> mit dem Ziel einer Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung die Rede gewesen, so änderte sich dies, als sich die sozialen Auseinandersetzungen zuspitzten: Nun beschwor die PCI das Gespenst eines neuen Faschismus herauf, der ins Haus stehe, wenn die PCI die demokratische Ordnung nicht durch eine Beteiligung an der bürgerlichen Regierung stützte. Im Zeichen dieses historischen Kompromisses sollte nicht nur die Arbeiterklasse jede Kröte schlucken, sondern es wurde auch jede linke Opposition als faschistisch denunziert. Dies führte schließlich soweit, daß die PCI bei der brutalen Zerschlagung der militanten linken Bewegungen Ende der 70er Jahre eine Vorreiterrolle einnahm.

Daß sich diese Linie für die PCI nicht auszahlte, war kein Zufall. (Erst 1996 wurden die <span class="glossary-detect underline">zu</span> Sozialdemokraten gewordenen Kommunisten Teil einer italienischen Regierung.) Die Paradoxie des italienischen politischen Systems bestand gerade darin, daß die PCI zugleich auf einer funktionalen Ebene ein wesentlicher Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung war und diese Funktion nur dadurch ausfüllen konnte, daß sie von der Teilnahme an der politischen Macht formal ausgeschlossen blieb. Die Tatsache, daß es die Integration der PCI (und nicht die faschistische Option) war, die den Bestand dieser Ordnung garantierte, war die verborgene Wahrheit, die sich hinter der bipolaren, antikommunistischen bzw. antifaschistischen politischen Rhetorik der politischen Parteien von rechts und links verbarg.

Der Text von ‚Censor‘ tat nichts anderes, als diese Wahrheit offen auszusprechen. Daß dies in affirmativer statt in kritisch-aufklärerischer Weise geschah, machte es der bürgerlichen Öffentlichkeit unmöglich, sich der Konsequenz der Argumentation <span class="glossary-detect underline">zu</span> entziehen. Bemerkenswerterweise enthielt sich die kommunistische Partei, gegen die der Text von ‚Censor‘ faktisch den denkbar schärfsten Angriff bildete, jeder Stellungnahme und versuchte, diesen totzuschweigen. Sanguinetti formulierte diesen Effekt wie folgt: „Diese Wahrheiten sind im übrigen so einfach, daß jeder gezwungen ist, sie zuzugeben, sobald sie nur einmal ausgesprochen sind, aber es sind gleichzeitig ziemlich häßliche und beunruhigende Wahrheiten, da niemand sie bisher auszusprechen gewagt hat: es sind die Wahrheiten dieser Welt.“ Und wem die nicht gefallen, der muß wohl oder übel an derselben etwas ändern. ☉

*Censor (Sanguinetti, Gianfranco: Wahrhafter Bericht über die letzten Chancen des Kapitalismus in Italien <span class="glossary-detect underline">zu</span> retten. Hamburg 1977.)*

# Psychoischer Angriff auf das Arbeitsamt

**Rom. 3./4. Juni 1995. In der Nacht von Samstag auf Sonntag hatten sich gegen Ende der zweiten Folge der Sendereihe über Arbeit, Nichtarbeit und Existenzgeld von Radio Blissett circa zweihundert Personen vor dem Arbeitsamt versammelt.**

Sie riefen Parolen wie „Schluß mit den Einstellungen – Gebt uns das Geld gleich!“, „Nein zu neuen Arbeitsplätzen – Arbeit führt zu Krebs!“ oder „Wir wollen das Geld und nicht die Arbeit!“ Der Verkehr wurde unterbrochen. Viele Autofahrer stiegen, überzeugt von der Rechtmäßigkeit des Protestes, aus und nahmen an dem psychischen Angriff teil.

In der Zwischenzeit dekorierten einige wahnsinnig gewordene Splittergruppen das Gebäude mit psychogenen Symbolen und Parolen wie: „Dein Chaos ist eine Ressource: Fordere Existenzgeld!“ oder „Selbstbestimmung – Nein zur Lohnarbeit!“ Sofort darauf begannen die Anwesenden ihre Attacke, indem sie für ungefähr vier Minuten die Silbe „Ohw“ summten.

Das Gebäude zitterte, brach aber nicht zusammen. Das beindruckende Ereignis wurde in voller Länge vom bundesdeutschen ZDF gefilmt. Gegen vier Uhr zerstreute sich die Menge in Richtung eines wahren falschen Festes, das über den Äther bekanntgegeben worden war.

Was für das Pentagon einst richtig war, kann beim Einwohnermeldeamt nicht schaden. Am 28. Mai 1995 fand sich im Anschluß an eine Sendung von Radio Blissett eine wütende Menge von circa siebzig Luther vor dem stattlichen Einwohnermeldeamt ein, um einen psychischen Angriff „gegen den Eigennamen, für die Lust an der freien Namenswahl zu jeder Gelegenheit“ zu starten. Als Versöhnungsritus für zwei Polizisten, die zur Überquerung der Straße auf dem Zebrastreifen aufforderten, blockierte Luther Blissett den Verkehr und interviewte die Autofahrer live, während er Flugblätter zur Abschaffung des Eigennamens erteilte. Sofort darauf inszenierte er, geleitet von seiner eigenen ätherischen Stimme, den wundersamen psychischen Angriff auf das Einwohnermeldeamt: für mehr als zwei Minuten riefen sie mindestens fünfzig anwesenden Luther zwanghaft die Silbe „Ohm“, wodurch sie einen guten Fluß psychischer Energie erreichten, der vom Abbröckeln der ersten Fenstersimse unterbrochen wurde. Als sich gegen vier Uhr morgens die aufrührerische Versammlung zerstreute, waren immer noch weitere Luther zu beobachten, die in psychoeffektiver Kampfformation eintrafen.

# Provos an die Macht? - Niemals!

Provo never ruled! — aber wer war Provo? Die Zeitschrift Kursbuch, das einstige Zentralorgan der Neuen Linken, analysierte 1969, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung: „Wiewohl die Existenz von Provo teilweise den Anstoß zur politischen Aktivität niederländischer und ausländischer Studentengruppen gegeben hat, können weder die theoretischen Überlegungen noch die organisatorischen Praktiken der Provos als Modell einer auf Veränderung des gesellschaftlichen Gesamtzustandes gerichteten politischen Bewegung gelten“ Ganz anders schätzt heute, 1996, ein nachgeborener Sympathisant, der Amsterdamer Journalist Kees Stad, die Provos ein: „Der holländische Provo-Bewegung war ein sehr kurzes Leben beschieden, aber sie hat das politische Leben in Amsterdam und in anderen Gegenden Hollands drastisch verändert. Und obwohl sich die Provos auflösten, sobald sie ‚reale‘ Macht erlangten, ist ihr Einfluß immer noch spürbar.“ Unpolitischer Firlefanz oder bedeutende politische Bewegung — wer oder was waren Provos denn nun wirklich?

Die Störung des Friedens durch die Provos in Amsterdam begann damit, daß einige ominöse Künstler die Straße zu ihrem Aktionsraum erklärten. Einer von ihnen, Robert-Jasper Grootveld, konnte die Tabakindustrie nicht leiden und fing an, große „K’s“ (K wie Kanker, das holländische Wort für Krebs) auf die Werbetafeln für Zigaretten zu malen. Schon in den frühen 60er Jahren hatte er in seinem Haus, dem „Magischen Zentrum der Welt“, Anti-Rauch-Sessions organisiert, auf denen zugleich eine Menge Dope geraucht wurde. Als sich im Sommer 1965 die Anti-Rauch-Magier mit den Anarchopazifistinnen um Roel van Dyne zusammenraten, wurden die mystischen Aktionen der ersten zu Provokationen, und die Pazifistinnen betätigten sich als Provos, statt weiter Latschdemos zu veranstalten.  
  
*Bohmer, Konrad/ Ton Regtien: Provo — Modell oder Anekdote? Zur Funktion und Ideologie einer Protestbewegung. In: Kursbuch 19 (1969), S. 129–150.*

Irgendjemand entdeckte, daß eine berühmte kleine Statue, das „Lieverdje“ am Amsterdamer Spui-Platz, von einem multinationalen Tabakkonzern gestiftet worden war. Statt sie, wie die Kursbuch-Autoren empfohlen, einfach in die Luft zu jagen, veranstalteten die Provos Freitag nachts um die Statue herum eigenartige Sessions, die mehr und mehr junge Leute anzogen. Die Statue wurde weiß angemalt, mit Kränzen und lodernden Flammen umgeben. Die Polizei gewöhnte sich an, jedes Mal, wenn das \\circ Happening stattfand, Riots vom Zaun zu brechen. Was bedeutete, daß am nächsten Freitag umso mehr Leute kamen. Die Provos waren laut Dieter Kunzelmann in Europa die ersten, die angefangen haben, aus politischem Protest die Straße zur „Agora“ zu machen, zum „Artikulationsfeld“.

Als einige jugendliche RebelInnen eine Zeitschrift namens „Provo“ gründeten, ging es erst richtig los. Aus der Szene um das Lieverdje, der entstehenden Vietnam- und Studentenbewegung, der Nachkriegsgeneration von jungen Künstlern und Politikern und einer Menge anderer mysteriöser Zutaten entstand ein hochkarätiger Cocktail, der voll reinzog. Es verbreiteten sich Slogans und Symbole, die kein Mensch verstehen konnte („Klaas kommt!“). Aber viele verstanden trotzdem, daß der Ärger, der aus den Botschaften sprach, echt war. Ärger über die Plastikwelt — Provos waren die ersten, die mit der Umwelt rummachten, Ärger über die konservativen Massen, die sich von der Konsumgesellschaft ruhighalten und befriedigen ließen, Ärger über die Scheinheiligkeit des holländischen kollektiven Gedächtnisses: Die Provos rührten an schmerzhafte Stellen — den vergangenen Weltkrieg und die Tatsache, daß nicht nur die meisten BürgerInnen nichts gegen die Nazis unternommen, sondern auch viele sie unterstützt hatten.

Vor allem aber zeichneten sich die Provos als Meister im Provocieren und Lächerlichmachen von Autoritäten aus. Sie erklärten sich zu AnarchistInnen, waren aber schlau genug, sich selbst niemals allzu ernst zu nehmen. Ihre großen Pläne waren immer übertrieben genug, um unrealisierbar zu bleiben.

Zuerst kam der „Witte fietsen plan“, der die Vergesellschaftung des Hauptverkehrsmittels von Amsterdam vorsah. Weiße Fahrräder sollten im gesamten Stadtgebiet gratis zur Verfügung stehen, sie sollten überall weggeworfen und stehengelassen werden können. Damit wollte Provo die Autos loswerden. Aber die Polizei schlug alle zusammen, die zur Präsentation des ersten Weißen Fahrrads gekommen waren. Andere „Weiße Pläne“ bezogen sich auf Häuser (wöchentliche Publikation einer Liste leerstehender Wohnungen) und Schornsteine (Weiße Schornsteine gegen die Luftverschmutzung). Es gab einen Weißen Sex Plan, einen Weißen Schulplan, Weiße Pläne für Frauen (für kostenlose Abtreibung), Kinder, und die Polizei. Unter dem Motto: „Sei lieb zur Polizei“ wurde vorgeschlagen, der Onkel Wachmeister in weißer Uniform solle Streichhölzer für RaucherInnen, Präservative für Minderjährige und Hühnerkeulen für hungrige PassantInnen mit sich führen. Überflüssig zu sagen, daß Provo immer weißgekleidet ging.

Provo machte deutlich, daß jeder mit einer guten Idee ein Provo sein könnte. Sie versuchten niemals, sich gegen Anschuldigungen von Politikern oder der Mainstream-Presse zu verteidigen, und antworteten jedes Mal, daß sie viel schlimmer seien als alles, was gesagt oder geschrieben würde. Ihre Happening-artigen Veranstaltungen mündeten üblicherweise in mystische Feiern, deren chaotischer Verlauf die Undurchschaubarkeit der Bewegung nicht nur für die Ordnungshüter, sondern auch für die orthodoxe Linke garantierte.

Amsterdam erlebte einige furiose Monate voller Riots, verwundeter DemonstrantInnen, eingekerkerten Provos und so weiter. Die Polizei knüppelte alle nieder, die weiße Jeans trugen. Seit den Demos der Provos war für Polizei jegliche Ansammlung zum staatsgefährdenden Akt geworden. Als am 14. Juni 1966 die Bauarbeiter streikten, kamen zum großen Mißfallen der Gewerkschaften auch Provos zu den Kundgebungen. Der Aufstand der Arbeiter wurde nun zum Provoaufstand umgedeutet. Bald schon erschien der holländischen Bourgeoisie jegliche politische Bewegung

außerhalb des Rituals nutzloser Parlamentsdebatten als Teil einer von den Provos angezettelten Verschwörung. Offensichtlich wurde die Obrigkeit durch die Provo-Angriffe auf die ![3925f04558b3418b04ef45227fde2dbc-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/3925f04558b3418b04ef45227fde2dbc-img.jpg) Kulturelle Grammatik mehr verunsichert als durch herkömmliche Proteste. Statt eine Analyse der gesellschaftlichen Funktion von Polizei und Justiz anzubieten, agierte Provo auf der Grundlage subjektiver Emphase, die Konfrontation mit der Polizei betrachtete Provo als „ludiek evenement“, spielerische Angelegenheit. Provo begann sich auszubreiten, viele andere Städte und Dörfer wiesen bald ihre eigenen Provos auf.

Als die Prinzessin und zukünftige Königin Beatrix 1967 den deutschen Prinzen und Nazi-Wehrmachtsangehörigen Claus v. Arnberg heiratete, erlebte Provo einen Höhepunkt. Es gelang ihnen, den Hochzeitszug und die TV-Berichterstattung mit einem orangenen Nebel aus riesigen Rauchbomben aufzumischen. Bürgerliche Ressentiments gegen die Hochzeit der zukünftigen Monarchin mit einem Deutschen und Angriffe gegen die Monarchie gingen eine Koalition ein. „Ik wil mijn fiets terug“ stand mit Bezug auf die von den nazi-deutschen Besatzern gestohlenen Fahrräder auf vielen Häuserwänden. Die Polizei reagierte brutal. Da half es auch nichts, daß Provo anfing, orangefarbene Kleidung als Zeichen monarchistischer Gesinnung zu tragen.

1966 nahm Provo an den Gemeindewahlen teil: „Stem Provo – kéjje lachen“ (Wähle Provo – kannst lachen) und bekam einen Sitz im Stadtrat. Das brachte ihnen den Vorwurf des Reformismus ein. Später traten sie auch bei den nationalen Wahlen an. Ihr Kandidat war ein ehemaliger sozialdemokratischer Minister, der sich hatte antören lassen. Die Überreaktion der Amsterdamer Verwaltung und Polizei verursachte einige Skandale und zwang den Polizeichef und den Bürgermeister zum Rücktritt.  
  
Am 15. Mai 1967 löste sich Provo öffentlich im Vondelpark auf, den sie zu einer Art Hyde-Park mit Seifenkistenrednern und altem Drum und Dran gemacht hatten. Aber wie üblich wußte niemand, ob das ernst gemeint war, denn gleichzeitig kündigte Provo neue Aktionen und Pläne an und forderte die Rückkehr des ehemaligen Bürgermeisters. Später erklärte ein bekannter Provo, der Augenblick, in dem sie den Sitz im Stadtrat gewonnen hätten, sei das Zeichen gewesen, sich zu zerstreuen. Von da an habe es jedem freigestanden, seinen eigenen Weg zu gehen.

Diejenigen, die „legale Politik“ ernstnahmen, gründeten Parteien. Tatsächlich ist noch heute einer der leitenden Provos der 60er Jahre mit einer kleinen, esoterischen, „grünen“ Partei im Stadtrat vertreten. Viele gingen andere Wege: Drogen, Selbstmord, Reisen, Literatur, Business ... Manche tauchen noch hier und da bei Aktionen auf. Auf jeden Fall ist es seit Provo ist es in Holland schwierig geworden, ernsthafte Politik zu betreiben. Zumindest auf der linken Seite. Zu viele Leute haben gelernt, daß es andere Dinge gibt, die viel wichtiger und weniger langweilig sind.

# München fährt umsonst!

Im Juli 1992, kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsgipfels in München, verkündete die Kundenzeitung des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds in U- und S-Bahnen: Während des Weltwirtschaftsgipfels könnten Busse und Bahnen umsonst benutzt werden, da die Stadt und der MVV einen Verkehrskollaps befürchte. Auch sollte „der Gratis-Service die Münchner für die Behinderungen während des Gipfels entschädigen“. Angesichts der Kosten für das Treffen (10 Millionen DM) und für den Umbau einer Hotelsuite für Herrn George Bush (500.000 DM) sei laut Oberbürgermeister Georg Kronauer Bürger Nähe wichtiger als Sparsamkeit. Auf die gelungene Imitation des MVV-Telegrafs reagierte der MVV prompt: „Alles Quatsch“, so eine Sprecherin, „natürlich müssen MVV-Kunden in dieser Zeit zahlen“. Schwarzfahrerinnen aber hatten trotz des Dementis eine ziemlich gute Begründung, wenn sie in den fraglichen Tagen erwischt wurden - einen Hinweis auf den MVV-Telegraf: „Das ist ja wohl der Gipfel!“

# Luther Blisset - Die Strategie der Nicht-Strategie

Am Ende des Jahrtausends und der Geschichte sehen sich die Reste der Linken in hoff  
nungslose Widersprüche verstrickt. Es scheint, als ob mit dem Ende der bürokratischen Ver  
walter des revolutionären Traums auch dieser Traum selbst seine Kraft verloren habe.  
Gleichgültig, ob Linke die .revolutionäre Heimat des Weltproletariats' zu ihrer eigenen gemacht oder sich in der  
Kritik an ihr eingerichtet hatten: Mit dem Untergang dieser Heimat ist auch der imaginäre Ort des Sprechens ver  
schwunden, von dem aus sie ihre Vision von der revolutionären Veränderung des Bestehenden behauptet hatten.  
Der alte Satz „Links ist dann, wenn ich nicht zu Hause bin" erhält jetzt seine wahre Bedeutung: Es gibt keine Heimat  
für diese Vision, weder in der Realität noch in der Utopie. Und tatsächlich war das noch nie anders.  
Die Linken, die stets geglaubt hatten, von einem sicheren Ort aus zu sprechen, stehen dieser Erkenntnis hilflos  
gegenüber. Ungeheure Energien hatten sie dareingesetzt, den Ort der revolutionären Wahrheit abzugrenzen und  
einzuzäunen, sich selbst dort einzunisten, ein gemütliches Häuschen zu bauen und alle anderen als Abweichler  
daraus zu verbannen. Nun kehren sich all diese Bemühungen gegen sie: Die imaginären Orte der sicheren intellek  
tuellen Wahrheiten sind verschwunden, und nicht einmal die Lektüre der revolutionären Theorien spendet noch  
Trost. Im Gegenteil: Es ist, als hätten sie die gesammelten Werke von Marx, Engels und Lenin im Hals stecken und e  
könnten sie weder ausspucken noch hinunterschlucken.

Sie sehen sich in jene Ortlosigkeit gestoßen, der sie durch ihr verzweifeltes Festhalten an den alten Formen des revolutionären Dogmas um jeden Preis entgehen wollten. Zugleich müssen sie erkennen, daß jeder Versuch, wieder festen Boden zu gewinnen, die Aussichtslosigkeit ihrer Situation nur noch deutlicher zu Tage treten läßt: Wo auch immer die Linke einen festen Ort zu behaupten und sich eine sichere Identität zu verschaffen glaubt, verfällt sie gerade dadurch der schlimmsten Rekapulation.

Glaubt sie, sich auf universale Werte berufen zu können, betreibt sie das Geschäft der alten wie der neuen Imperialisten. Hofft sie, die wahren Orte des revolutionären Kampfes an der Seite der unterdrückten Völker in den Peripherien zu finden, so ist es zuletzt nur ein Kampf für das gute Recht jedes Unterdrückten, selbst zum Unterdrücker zu werden. Manche suchen den Weg zur Umwälzung der Verhältnisse an der Seite der stigmatisierten Minderheiten der Metropolen. Sie reden von deren Recht auf Differenz und müssen erkennen, daß diese Differenzen nur zu neuen Käfigen werden, noch nicht einmal vergoldeten. Versuchen sie indes, dieser Falle mit der Rede von der Auflösung fester Identitäten im Spiel der Differenzen wieder zu entkommen, so leiern sie doch nur die alte Litanei des liberalen Universalschwätzes im bunten Kostüm der Postmoderne ein weiteres Mal herunter.

Suchen sie ihre Rettung in der Vergangenheit und beharren sie auf der ungebogenen Wahrheit der alten Sprache der revolutionären proletarischen Bewegung, dann ist es, wie wenn ein Hund drei Tage lang auf einem abgenagten Knochen herumkunt. Tun sie aber nichts von alledem und verschreiben sich stattdessen dem Prinzip der reinen Kritik, so gibt es in der Tat nichts, was sie vom schlimmsten bürgerlichen Arschloch unterscheidet.

Ein gangbarer Mittelweg zwischen all diesen Fallgruben existiert nicht. Ihn zu suchen heißt, alle nacheinander abzugehen und dabei in jede einzelne hineinzufallen. Bleibt also nur die Resignation, die endgültige Absage an jeden Gedanken einer grundlegend anderen Welt?

In dieser Situation erscheint am Horizont eine seltsame Gestalt. Ihr Körper ist viele Körper, sie hat viele Gesichter. Sie ist weder männlich, noch weiblich, noch androgyn. Der Name dieser Gestalt ist luther oder LUTHER BLISSETT. Was aber bedeutet diese Gestalt?  
  
Viele, die ihr begegnen, stellen diese Frage. Viele verfallen auf vorschnelle Antworten. Zwar sind blissett diese Antworten nicht nutzlos, doch zeigen sie einen Mangel an vollständiger Erkenntnis. Die Natur von LUTHER BLISSETT ist subtil und nicht leicht zu begreifen; gerade dem, der glaubt, sie verstanden zu haben, entschläft sie unversehens. Ihr Name ist GEHEIMNIS.

Manche sagen richtig: Jeder kann den Namen von LUTHER BLISSETT verwenden. Doch sie folgern: wenn ein Name alle bezeichnen kann, so hat er keine eigene Bedeutung. Aber durch formale Semiologie läßt sich LUTHER BLISSETT nicht fassen. Denn LUTHER BLISSETT ist diejenige, die sich zwischen allen Zeichen und Zeichensystemen bewegt und mit ihnen tanzt. Andere wiederum denken: Wenn ich, aber auch alle anderen LUTHER BLISSETT sind, kann die Macht mich nicht greifen. Auch diese haben zugleich Recht und Unrecht. Denn obwohl die Wachhunde der bürgerlichen Ordnung die kollektive Gestalt nicht fassen können, müssen sich die Individuen deswegen nicht weniger hüten: LUTHER BLISSETT ist kein sicheres Versteck. Nochmals andere fragen voll Zweifel: Wie kann LUTHER BLISSETT eine politische Strategie, eine klare Identität, eine erkennbare Praxis haben, wenn doch alle und jede unter diesem Namen tun und lassen können, was immer sie wollen? Und in der Tat ist es so: Wer diesen Zweifel durchschritten hat und diese Frage beantworten kann, für den manifestiert sich das Wesen von LUTHER BLISSETT in aller Klarheit.

Nur in der Spannung des Paradoxons läßt sich dieses Wesen fassen: LUTHER BLISSETT ist die Vertreterin einer umfassenden Strategie. Doch diese Strategie ist Nicht-Strategie. LUTHER BLISSETT ist die Besitzerin einer neuen Identität. Doch diese Identität ist Nicht-Identität. LUTHER BLISSETT ist die Inhaberin eines sicheren Ortes. Doch dieser Ort ist ein ortloser Ort.

LUTHER BLISSETT verfolgt keine Strategie, die sich benennen und vorhersagen ließe. Durch ihren multiplen Namen entgleitet sie den Festlegungen. Dennoch ist ihre Strategie nicht beliebig. Gerade, weil sie eine Position einnimmt, die jede formale Kohärenz ausschließt, kann sie nur durch die wahre Kohärenz existieren, die sich in ihrem Handeln zeigt. Niemand kann diese multiple Gestalt besitzen, wer auch immer versucht, sie festzuhalten, dem entgleitet sie. Wo auch immer die Macht versucht, ihr einen festen Ort und eine feste Identität zuzuweisen, verschwindet LUTHER BLISSETT, nur um unversehens an derselben oder einer anderen Stelle wiederaufzutauchen. Sie manifestiert sich an vielen Orten zur selben Zeit und bleibt doch unbeweglich.

Die Praxis von LUTHER BLISSETT ist es, inmitten der Widersprüche zu handeln und sie durch dieses Handeln zu überschreiten. Dieses Handeln entspringt keiner festen Theorie, und doch ist es kraftvolle Praxis negativer Dialektik. Es ist kohärent, aber seine Kohärenz manifestiert sich nur in der Zeitspanne des Augenblicks, der Handlung. Sie ist nicht benennbar und garantierbarer, noch erlaubt sie es, einen Diskurs über sie zu führen. Was sich aber nicht benennen läßt, das zeigt sich dennoch.

Die Widersprüche, in denen sich die Linke gefangen sieht, sind die Widersprüche dieser Gesellschaft, dieser Welt. Dort, wo die alte Linke sich in diesen Widersprüchen hoffnungslos verheddert, wo sie sinnlos umherrennt und dabei vollends vergißt, wo sie ihren Kopf liegengelassen hat, bleibt LUTHER BLISSETT unbeweglich gleich einem Berg. Dennoch ist sie in jedem Augenblick voll lebendiger Aktivität und manifestiert ihr Wesen in allen Richtungen. Sie ist Teil der widersprüchlichen Bewegungen, ohne in ihnen gefangen zu sein. Sie verharrt unbewegt im Zentrum des Sturms. Sie ist der Sturm. ⌚

# London Psychogeographical Association (LPA)

![71578cc8665e5b55d9b508be9bd1e7f8-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/71578cc8665e5b55d9b508be9bd1e7f8-img.jpg)

London Psychogeographical Association (LPA) - „40 Years of Non-Existence“

① http://web.cs.city.ac.uk/homes/louise/omphalos.html

Bey, Hakim: A ruota libera. Misena del lettore di T.A.Z.: autocritica dell'ideologia underground. Rom 1996.

② [http://www.t0.or.at/aaa/](http://www.t0.or.at/aaa/) u. [http://netbase.t0.or.at/aaa/](http://netbase.t0.or.at/aaa/)

Psychogeographie präsentiert sich als die Wissenschaft von den psychischen Qualitäten bewohnter Landschaften. Die situationistische Schule der Psychogeographie (⊕ Situationistische Internationale) hatte sich auf die Erkundung von Städten konzentriert, ihre bevorzugte Methode war das Umherschweifen, das Flanieren, das Sich-Treiben-lassen im Fluß der psychogeographischen Energien. Anhand ihrer eigenen, genau dokumentierten Empfindungen verwandelten sie die objektivierten Stadtpläne in subjektive Karten.

Die Psychogeographische Vereinigung Londons (The London Psychogeographical Association, LPA) \[①\] hat sich zur Aufgabe gemacht, die Welt der sichtbaren (z.B. in Stonehenge) und spürbaren (leylines/Energielinien) Zeichen psychischer Energieströme vom Vergessen <span class="glossary-detect underline">zu</span> entreißen. Die Vereinigung steht im Austausch mit Universitäten, der Arbeiterklasse und führenden Mystikern (darunter Hakim Bey) sowie mit psychogeographischen Instituten in Mailand und Bologna. Sie pflegt Kontakt mit der Association of Autonomous Astronauts \[②\] und der Luther Blissett Three Sided Football League. Sie verbreitet die Ergebnisse ihrer Forschungen bei öffentlichen Erkundungsgängen oder Auslügen <span class="glossary-detect underline">zu</span> psychogeographischen Knotenpunkten. Darüber hinaus gibt sie regelmäßig den LPA-Newsletter heraus.

In einer Sprache, die esoterische Texte und Argumentationsfiguren plagiiert, stellt die LPA Verbindungen zwischen verschiedenen Manifestationen psychogeographischer Energien (Sonnen- und Mondfinsternisse, Energielinien, keltische Heiligtümer) und gesellschaftlichen Machtverhältnissen her. Aus der Übereinstimmung des englischen Wortes für „Mittelmeer“ – „Mediterranean“ – mit dem Namen der englischen Region „Midlands“ etwa schließt sie, daß London das „Zweite Rom“ sei und daher einen unbestreitbaren Herrschaftsanspruch habe – und daß die Erde flach sei.

In ihrem ‚Newsletter‘ enthält die LPA die eigentlichen Geheimnisse des englischen Königshauses. Die Fähigkeit der „Windsor Gang“ <span class="glossary-detect underline">zu</span> herrschen wird nicht auf ökonomische oder politische Macht zurückgeführt, sondern auf ihre genaue Kenntnis geheimer psychogeographischer Gegebenheiten: Es sei kein Zufall, daß die Queen 1995 einen der vom psychogeographischen Standpunkt gesehen wichtigsten Orte Englands, nämlich Greenwich, besuchte, dabei den Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis wählte, und den dortigen Freimaurertempel auch noch entlang einer der wichtigsten Leylines betrat. Die LPA nutzt den populären Esoterik-Diskurs, um linke Positionen <span class="glossary-detect underline">zu</span> begründen, die dort keineswegs vorgesehen sind. So ist es nur konsequent, daß sie sich auch in den Dienst des klassischen Sozialprotests stellt. Unter Angabe von Kontaktadressen berichtet sie über den Kampf um einen Baum in England, der wegen des Ausbaus der umstrittenen Autobahn M 11 abgeholzt werden sollte. Seine Zerstörung konnte hinausgezögert werden, weil er durch ein Baumhaus und einen Briefkasten als Wohnung definiert wurde und so den Schutz des Gesetzes genoß.

Die LPA beschäftigt sich auf ihre Art auch mit der Konstruktion von ‚Rasse‘. Allerdings hat sie mit geradlinig-aufklärerischen linken Diskursen über dieses Thema auf den ersten Blick wenig am Hut. Mit einer skurrilen Mischung aus historischen Quellen, Skelett- und Blutgruppenvergleichen und sprachlichen Übereinstimmungen belegt sie eine Völkerwanderung von Afrika auf die Britischen Inseln. Entgegen anderer Annahmen seien die Kelten schwarz und noch dazu Vorläufer des Islam gewesen. Für Rassisten war es immer wichtig, ihre eigenen ‚reinrassigen‘ Ursprünge in wissenschaftlichem Gewand <span class="glossary-detect underline">zu</span> präsentieren. Die LPA dreht die Funktionsweise rassistischer Begründungen und Verweise auf vergessenes Geheimwissen, das es wiederzuentdecken gelte, um. Sie benutzt die esoterische Sprache von Mythos, Wissenschaftlichkeit, Verborgenheit und Aufdeckung, um Dinge <span class="glossary-detect underline">zu</span> beweisen, die jeder rassistischen Lehre widersprechen. Man kann den Psychogeographen glauben oder nicht – auf jeden Fall verfermen sie die Funktionsweise von mythisch-esoterisch-okkultistisch-freimaurerischen Glaubwürdigkeitsstrategien in einer Weise, die sowohl diese Strategien selbst als auch die herausgepickten Themen lächerlich macht. Die LPA führt vor, wie leicht Bedeutungen verfremdet und produziert werden können, wenn man nur die autoritative \\odot Kulturelle Grammatik (Organisation, Logo, belegte Zitate, Buchbesprechungen, Verweise auf Autoritäten und Allgemeinwissen wie: „Babylon war eine frühe Hochkultur“) richtig einzusetzen weiß. Sie formuliert ihre abstrusen Thesen in der Sprache des wissenschaftlichen oder auch des parawissenschaftlich-esoterischen Diskurses und macht so mißtrauisch gegenüber jeglicher Selbstverständlichkeit. Die LPA produziert semiotische Kritik im besten Sinne.

# Lila Eier

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Es war ein grüner Rasen, schön gepflegt und ohne Unkraut, immer gestutzt und sauber. Darauf stand dieser weiße Stier. Strahlend und vor Kraft strotzend glotzte er arrogant von seinem Sockel, mitten im Münchener Arbeiterviertel Giesing. Jedesmal, wenn ich dort vorbeikam, mußte ich den Stier bewundern, ob ich wollte oder nicht.

Manchmal machte ich mich mit meinen Freundinnen auch über sein Geprötze lustig. ‚Schau, heute ist er aber besonders potent.‘ Es hätte uns nicht überrascht, wäre er eines Tages von seinem Sockel gesprungen und uns hinterhergaloppiert. Er präsentierte sich wie ein typischer Anmacher auf der Straße: Breiter Gang, damit die prallen Hoden zwischen den strammen Schenkeln nicht Schaden nehmen.

Und genau die waren eines Tages nicht mehr – nein, nicht weg, aber eben nicht mehr weiß, sondern pink glänzend wie ein Pavianpopo. Der arme Stier auf seinem grünen saftigen Rasen schien fast ein bißchen zartrosa anzulaufen, als wir vorbeifuhren und seine poppige Männlichkeit belachten.

Er wechselte sogar seine Farben. Immer wenn sein Gehänge wieder gesäubert worden war, verfärbte es sich aufs neue. Zum Gespött aller vorbeiflanierenden Damen und zum Ärgernis der umstehenden Männer geworden, muß er sich zum endgültigen Rückzug entschlossen haben. Nur sein Sockel steht noch im grünen Gras, und es geht das Gerücht, daß alle Schwanzträger einen großen Bogen um diesen Ort machen.

# Lamaodada

Der Gewerkschaftsführer Luciano Lama wagte sich im Februar 1977 in die schon seit Tagen besetzte Universität von Rom. Der erhobene Zeigefinger und eine mahnende Rede sollten die Studierenden zur Vernunft und auf die parteikommunistische Linie bringen. Diese beschlossen, ihn nicht rauszuwerfen, gleichzeitig aber die Einführung der Gewerkschaftslinie an der Universität zu verhindern. Die Situation noch regelrecht nach einer Aktion im Sinne des Maoismus. Schon im Morgengrauen war ein Lautsprecherwagen bereitgestellt und tagsüber von etlichen Gewerkschaftskadern bewacht worden. Ärger lag in der Luft: Links auf dem Hof die Studierenden mit den Indiani Metropolitani in ihren Reihen: Wilde Kostüme mit Stickereien, Perlen und Spiegel tragend, schwingen sie ihre Plastikmawachs bedrohlich über den Köpfen – rechts auf dem Hof die Anzugmänner der KP-Gewerkschaft. Eine Augenzeugin berichtet: „Nach einigen Wortspielen mit Lama sangen wir aus ‚Jesus Christ Superstar‘ unter Anspielung auf das von den Kommunisten unterstützte Sparprogramm der Regierung: Lama Star / Lama Star / i sacrifici vogliamo far“ (wollen Opfer bringen immendar). Wir tanzten einen Ringelreihen um den Lama und ließen eine Puppe vor seinen Augen baumeln. Endlich platzte den Ordnern der Kragen und es kam zu diesem tollen Durcheinander, bei dem wir mit Wasserplastiksäckchen warfen und mit Feuerlöschern sprühten. Wir ließen sie dann aber doch laufen und holten uns ihre Klappe nicht – und was uns noch wichtiger war: Wir stiegen selbstverständlich nicht auf den Lautsprecherwagen, um zu reden. Denn ihren Ort der Politik samt seiner Sprache, den wollen wir nicht mal geschenkt.“

# Kommune 1

Donnerstag, 6. April 1967. Axel Cäsar Springers „Bild“ brüllt seine Leserinnen an: „Geplant – Berlin: Bombenanschlag auf US-Vizepräsident.“ Am Tag vor dem angeblich geplanten „Attentat“ hoben die Bullen eine „Terror-Werkstatt“ aus und beschlagnahmten eine seltsame, glibrig-klebrige Substanz. Die Cop-Chemiker brauchten drei ganze Tage, ehe sie herausfanden, von welch besonderer Art der gefundene „Sprengstoff“ war. Fritz Teufel, Rainer Langhans und Konsorten, allesamt Bewohner der Bürgerschreckzentrale Kommune 1 (K 1), hatten zehn Kilogramm Puddingpulver, Farbstoff und Mehl verköchelt und die süßesten Kalorienbomben gebastelt, seit es Präsidenten gibt. Diese liebevolle Hommage an US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey, der Pudding öffentlich als seine Lieblingsnachspeise bekanntgegeben hatte, wurde ihnen nicht gedankt. Sie wurden beschuldigt, „unter verschwörerischen Umständen zusammengekommen“ zu sein. Das „Puddingattentat“ beschäftigte die Weltpresse; Noch nie hatte jemand das Herstellen von Süßspeisen als Terrorismus bezeichnet. Auch wenn dieser Versuch letztlich ein Fehlschlag war, sollten seine Initiatoren das Erscheinungsbild der antiautoritären Bewegung lange prägen.

Als „provisorisches Komitee zur Vorbereitung einer studenischen Selbstorganisation“ sprengte die K 1 – mit Mao-Plaketten geschmückt – eine Versammlung des ASIA der Freien Universität Berlin mit 6.000 Studierenden. Dem Auditorium wurde ein „Fachidiotenflugblatt“ mit der Aufforderung vorgelegt, die Uni zu verlassen, arbeiten zu gehen, vom verdienten Geld ein Haus zu kaufen und eine Kommune zu gründen. Dort sollten dann freie Liebe praktiziert werden und Parteischulungen stattfinden. Es gelte Provos auszubilden, die in die Gesellschaft ausschwärmen und Störungen inszenieren sollten, um das Schwungrad der Revolution in Gang zu bringen.

Motiviert von dem Bedürfnis nach radikaler Veränderung, wollte die anti-autoritäre Bewegung, deren Produkt die K1 war, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Ihr gesellschaftsveränderndes Potential erhielt sie aus der Erkenntnis, daß individuelle und gesellschaftliche Ebene gleichermaßen politisch sind und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Die eigene Veränderung sollte nicht, wie immer unterstellt wird, Privatvergnügen, sondern Beitrag zu einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung sein.

In der Berliner Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson fanden die angehenden KommunionInnen (Fritz Teufel, Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier u.a.) kurze Zeit Unterschlupf. Sie proklamierten die Revolutionierung des Alltagslebens: An die Stelle der bürgerlichen Kleinfamilie müsse das Kollektiv treten.

In der Öffentlichkeit wurde hauptsächlich ihre Aufforderung zur sexuellen Promiskuität wahrgenommen.

> „Wer zweimal mit derselben (sic!) Pennt, gehört schon zum Establishment“

Die Aktionsformen der K 1 wurden bald international bekannt, zumal es in anderen Ländern Gruppen mit ähnlichen Politikvorstellungen gab. Im Umfeld der US-amerikanischen ◊ Yippies beispielsweise erschien nicht nur ein Buch mit fast demselben Titel wie das bekannte „Klau mich“ von Teufel/Langhans (Abbie Hoffman: *Steal this book* ), auch in der Wahl der Mittel dominierte bei beiden die Provokation durch aggressive Polit- ◊ Happenings.

An den Happenings nahmen meist einige hundert Demonstrantinnen in phantasivollen Verkleidungen teil. Die Heilsarmee geriet einmal bei einem Kurfürstendamm-Ständchen in arge Bedrängnis, weil die Polizei sie für verkleidete Kommunistinnen hielt. Mit taktischen Hase-und-Igel-Spielen nutzten sie jede Gelegenheit, unter Vermeidung von physischer Gewalt die Staatsgewalt zu provozieren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Aktivistinnen der K 1 beherrschten die Taktik der Entlarvung autoritärer Strukturen bravourös. Ihre Aktionen provozierten massive polizeiliche Reaktionen, die auch die bürgerlichen Zuschauer nicht verschonten.

Zahlreiche Aktionen der K 1 trugen Züge dadaistischer Spontaneität. „Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die spezifischen antiautoritären Aktionsformen in dem Augenblick massenhaft produziert wurden, als der Sozialistische Deutsche Studentenverband mit einer Entwicklungslinie fusionierte, die historisch auf den Berliner Dadaismus zurückgeht.“

*Siepmann, Eckhard: Die Negation der Negation als brennender Weihnachtsbaum. In: Ders. (Red.): Heiss und kalt. Berlin 1988, S. 636-645.*

*„Studentische Horror-Kommune“, die häufig wechselnden Geschlechtsverkehr institutionalisierthat“ (SPIEGEL 29/1967 über die K* 1)

Die Massenmedien machten aus dem Experiment K 1 eine Bürgerschreckzentrale, und alle künftigen Vorurteile gegen Generationen von Wohngemeinschaften waren von diesem Zerrbild geprägt, obwohl der tatsächliche Alltag in der K 1 eher spiebig war. Schnell hatte die K1 gelernt, mit Journalisten umzugehen. Die Photos von der Joint-rauchenden Uschi Obermaier waren sozusagen eine Auftragsarbeit für die Presse und wurden an ‚Stern‘ und ‚SPIEGEL‘ verkauft. Die Hetze der Springer-Presse stilisierte die K 1 zu gefährlichen Staatsfeinden; ihre Kriminalisierung führte dazu, daß im Umfeld viele wieder absprangen. Doch die Kommunardinnen, denen der Prozeß gemacht werden sollte, verstanden die Verhandlungen als ein Angebot des Staates, ihnen freundlicherweise eine Bühne für neue Happenings zur Verfügung zu stellen. Sie entlarvten die Gerichtsverhandlung als Machtritual. Ein Gerichtsreporter des ‚SPIEGEL‘ beklagte im März 1968 das äußere Erscheinungsbild von Teufel als „die totale Schändung der abendländischen Kleiderordnung“. In diesem Prozeß fiel auch der legendäre Teufel-Spruch über das Aufstehen bei Gericht „Na ja – wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“. In einem Satz demonstrierte er den Unterwerfungsanspruch der bürgerlichen Justiz, den sie im Gerichtssaal mittels formalisierter Konventionen durchsetzt (→ Kulturelle Grammatik). Als Teufel aufgefordert wurde, sich einem psychiatrischen Gutachten zu unterziehen, wollte er dem durchaus nachkommen – vorausgesetzt, Richter und Staatsanwaltschaft würden sich ebenfalls untersuchen lassen.

Die Kommune I symbolisiert eine Phase der antiautoritären Bewegung, in der permanente Lernprozesse und auch Anstrengungen zur Selbstveränderung im Mittelpunkt standen. Ihre ritualisierten Aktionsformen mögen in den „unwiderstehlichen Sog ineinanderwirkender Verwertungsprozesse“ geraten sein und Teufel, Langhans und Konsorten tatsächlich zu „geistig durchtrainierten Provokateuren der kapitalistischen Mediengesellschaft“ und „zu ihren „abhängigen Zulieferern“ gemacht haben. Dennoch trugen sie zur Entfaltung von spontanem Handeln, kollektiver Initiative und Selbstorganisation in der Emanzipation des geschichtlichen Subjekts bei. Die Kommundarinnen setzten Kreativität gegen Staatsgewalt, Beweglichkeit gegen Waffen, Leidenschaft gegen Brutalität, Sprache gegen Knüppel. In der damaligen Situation erreichten sie, daß der Staat durch sein unverhältnismäßiges und brutales Vorgehen seine eigene Legitimität untergrub.

Die K 1 prägte das gesellschaftliche Bild der 60er, auch wenn in der außerparlamentarischen Opposition (APO) zuletzt trockene Politik dominierte. Die immer schärferen Meinungsverschiedenheiten führten 1967 zum Ausschuß der K 1 aus dem SDS wegen „falscher Unmittelbarkeit“, „Überschätzung“ und „Realitätsflucht“. Ungeachtet aller Differenzen setzte die K 1 ihre Aktionen fort, zum Teil zusammen mit Anhängern des SDS. Letztlich zerbrach das K 1-Projekt im Laufe des Jahres 1968 an seinen inneren Widersprüchen.

*Spiegel-Spezial Die wilden 60er Hamburg 1988, S. 48.*

Distanz zur K 1 hielten auch jene Frauen, die später die Männerherrschaft im SDS mit Tomaten attackierten. Die männlichen Kommunarden „schienen hauptsächlich darauf aus zu sein, Frauen zu gemeinsamen Sex-Objekten zu machen“, kritisiert auch Gretchen Dutschke-Klotz das Politikverständnis der K 1. Sprüche wie „Was geht mich der Vietnamkrieg an – Ich habe Orgasmusschwierigkeiten“ von Dieter Kunzelmann legten einen solchen Schluß nahe. Die alltägliche soziale Praxis der K1 war von sexistisch-patriarchalen Einflüssen geprägt. Paradoxerweise bereitete jedoch das Beharren auf dem subjektiven Faktor auch den Boden für die Infragestellung dieses Patriarchalismus. Zudem war die Idee einer sexuellen Revolution keine reine Männerache; auch für Frauen bedeutete ein offener Umgang mit Sexualität, Verhütung und die Idee einer kollektiven Gruppenverantwortung für die Kinder einen Schritt zur Befreiung. Eine solche Praxis wurde allerdings eher in der Kommune 2 (K 2) auch tatsächlich verwirklicht, die Jan Carl Raspe, Heike Brandt u.a. als Antwort auf Nazismus, Starkult und den instrumentellen Umgang mit proletarischen Genossen innerhalb der K 1 gründeten. Die K 2 versuchte, Rudi Dutschkes Forderung nach „der Revolutionierung der Revolutionäre“ als „Voraussetzung der Revolutionierung der Massen“ in die Praxis umzusetzen, die die K 1 nicht einlösen konnte oder wollte.

*Kommune 2: Kindererziehung in der Kommune. In: Kursbuch 17/1969, S. 147-178.*

Gleichzeitig formierte sich der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Dieses Pseudonym war nicht zuletzt als Persiflage auf die studentischen Politgruppen gemeint. Die Haschrebellen propagierten eine militante Politik und den massenhaften Verstoß gegen die bestehenden Betäubungsmittelgesetze, veranstalteten im Berliner Tiergarten ‚Smoke-ins‘, organisierten Rechtsbeistand für verfolgte Kiffer und forderten die Legalisierung von Drogen. In einem Flugblatt erklärten sie: „Wir kämpfen für eine freie Entscheidung über Körper und Lebensform. Schließt Euch diesem Kampf an. Bildet militante Kader auf den Dörfern und Metropolen. Scheißt auf die Gesellschaft der Halbgreise und Tabus. Werdet wild und tut schöne Sachen.“ Aus diesem Umfeld kam später auch ein Teil der ‚Bewegung 2. Juni‘, die im Gegensatz zur RAF auch bei der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz und bei Banküberfällen Reminiszenzen an antiautoritäre Aktionsformen beibehielt (etwa als 1975 bei zwei Banküberfällen Schokoküsse an die verschreckten Kunden verteilt wurden).

Mag vieles von den politischen Vorstellungen auf dieser Gruppen von der antiautoritären Bewegung heute als gescheitert gelten, „in einem subversiven, die Sozialformen verändernden Sinne aber hat sie einen niemals erwarteten, immer noch anhaltenden Erfolg errungen.“

# Kollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK)

<p class="callout info">Das KünstlerInnenkollektiv 'Neue Slowenische Kunst' (NSK) gründete sich Anfang der 80er Jahre in Ljubljana um die Rockgruppe 'Laibach'. In den mehr als zehn Jahren ihres Bestehens haben sie vor allem eines getan: Die Ästhetik von Macht und Unterwerfung <span class="glossary-detect underline">zu</span> besingen, die Inszenierung von Herrschaft und das Aufgehen des einzelnen im Kollektiv.</p>

Dabei hat sich NSK/Laibach von Anfang an einer konsequent durchgehaltenen Strategie der Überidentifizierung verschrieben. Vor dem theoretischen Hintergrund der Thesen des slowenischen Psychoanalytikers und Lacan-Schülers Slavoj Žižek formuliert Laibach sein Credo: Subversion entsteht nicht durch das Herstellen ironischer Distanz zum Bestehenden, sondern vielmehr dadurch, daß das System ernster genommen wird, als es sich selbst nimmt. Gerade jene Aspekte des Bestehenden, die nicht offen ausgesprochen werden dürfen, aber dennoch in der herrschenden symbolischen Ordnung angelegt sind, müssen affirmiert werden. Diese affirmative Artikulation ist <span class="glossary-detect underline">subversiv</span>, denn in die 'Verborgenen Wahrheiten' der bestehenden symbolischen Ordnung sind deren Bruchstellen von vorneherein eingeschrieben; die affirmative Aussprache dieser Wahrheiten macht den Bruch offensichtlich.

In ihrer Ästhetik beziehen sich NSK/Laibach auf die klassische Avantgarde der 20er Jahre, deren Erbe ihrer Ansicht nach den Fundus bildet, aus dem sich alle seinherigen künstlerisch/ästhetischen Inszenierungen politischer Ideologien bedienten. Um das Zusammenspiel künstlerisch-ästhetischer Formen und politischer Ideologie aufzuzeigen, zeichnet Laibach die faschistoide Ästhetisierung des Politischen (bzw. des Sozialen) ohne jegliche Distanzierung nach. Die Inszenierung von Herrschaft und das Begehren nach Unterwerfung werden affirmiert, nicht kritisiert. Denn ‚kritische Distanz‘ bedeutet in der Lesart von Laibach vor allem eine Möglichkeit, sich der Erkenntnis <span class="glossary-detect underline">zu</span> entziehen, wie Ästhetisierung von Ideologie funktioniert. Daher weigert sich die Gruppe in der Regel auch, ihre eigenen Aktionen <span class="glossary-detect underline">zu</span> kommentieren oder sich selbst ‚kritisch‘ dazu <span class="glossary-detect underline">zu</span> positionieren.

Die Vorgehensweise von Laibach läßt sich beispielhaft anhand einer Performance illustrieren, die die Gruppe Anfang der 90er Jahre im Stadion von Belgrad aufführte. Höhepunkt war eine <span class="glossary-detect underline">militant</span> nationalistische Rede in serbischer Sprache. Die Zuhörer wurden aufgefordert, die Reinheit und Ehre des serbischen Volkes und den Bestand des serbischen Bodens mit allen Mitteln <span class="glossary-detect underline">zu</span> bewahren und <span class="glossary-detect underline">zu</span> verteidigen. Bei der Untermalung dieser Rede setzte die Gruppe Laibach alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel der Inszenierung faschistischer Ästhetik ein, wobei sie jegliches Element einer Distanzierung in dieser großangelegten Zurschaustellung nationalistischer Heroik bewußt ausklammerte.

Inhaltlich bedeutete die Rede nur noch eine unwesentliche Zuspitzung der nationalistischen Rhetorik, die gleichzeitig überall in den Staaten des sich auflösenden Jugoslawiens <span class="glossary-detect underline">zu</span> hören war. Die Gruppe war sich der Gefahr bewußt, daß diese Kontextualisierung nicht nur hinsichtlich ihrer Form, sondern auch in ihrer Wirkung affirmativ sein könnte. Laibach löste dieses Problem durch eine ungeheure Provokation: Im Verlauf der Rede glitten zentrale Worte und Sätze der Blut- und Bodenansprache ins Deutsche, ohne daß ansonsten irgendein Bruch stattgefunden hätte. Vor dem Hintergrund der Verbrechen, die die deutschen Nazifaschisten und ihre Handlanger in Serbien begangen hatten, war damit jede affirmative Lesart ausgeschlossen – eine Tatsache, die auf die Zuhörer gerade deshalb erschreckend wirken mußte, weil die Affirmation serbisch-nationalistischer Heroik auf allen anderen Ebenen so konsequent wie möglich durchgehalten wurde.

Seit Beginn der 90er Jahre hat sich die Gruppe vor allem den Mechanismen der Konstruktion des Nationalen zugewandt. Vor dem Hintergrund der nationalstaatlichen Aufspaltung des ehemaligen Jugoslawien entwickelte die Gruppe das Projekt der Gründung eines „Staates NSK“. Dabei wurde auf alle symbolischen Attribute des Nationalstaats zurückgegriffen. Auch die Konstruktion von nationaler Geschichte wurde durch die bewußte Montage von Versatzstücken des kollektiven Gedächtnisses nachvollzogen.

Im Falle des ‚Staates NSK‘ zeigte sich, daß auch eine derart groteske Überidentifizierung noch von der Realität bestätigt werden kann: Es wird kolportiert, daß einige vom Bürgerkrieg betroffene bosnische Staatsbürger eine Zeitlang noch am ehesten mit NSK-Pässen Reisemöglichkeiten hatten.

Vieles an der Praxis von NSK/Laibach mag mit dem Hintergrund des früheren (mittlerweile ehemaligen) Jugoslawiens, vor dem sie agierten und agieren, <span class="glossary-detect underline">zu</span> tun haben. Allerdings sieht die Gruppe dieses als ‚Spiegel, in dem dem Westen seine eigene verborgene Wahrheit entgegentritt‘ (Zizek). Auch wenn sich NSK/Laibach ästhetischer Formen des historischen Faschismus oder des Realsozialismus für ihre Inszenierungen bedienen, also dessen ‚Totalitarismus‘ bezeichnen, ist der liberal-kapitalistische ‚freie Westen‘ stets mitgemeint. ‚Totalitarismus‘ ist in der Lesart von NSK/Laibach gerade nicht das große Andere des freien und demokratischen Westens, sondern viel eher ein Phänomen, das der Grundstruktur jeder warenproduzierenden Gesellschaft eingeschrieben ist.

In der Logik von NSK/Laibach ist es nur konsequent, wenn sie kommerzielle oder politische Vereinnahmung nicht als Problem ansehen. Die Tatsache, daß NSK zumindest ansatzweise <span class="glossary-detect underline">zu</span> einer ‚Staatskunst‘ des neugegründeten Staates Slowenien geworden ist, bestätigt ihre ästhetischen Konzepte in dieser Logik eher als daß sie sie problematisiert. Ob das ‚stimmt‘, ist eine schwer <span class="glossary-detect underline">zu</span> entscheidende Frage. Als beispielsweise Briefmarken des NSK-Staates eine Woche lang im Hauptpostamt von Ljubljana/Laibach regulär abgestempelt wurden, verschwanden Affirmation, Überidentifizierung und Dekonstruktion in einer kaum noch auseinanderzuhaltenden Weise. Es bleibt offen, ob bei einer solchen Praxis ein subversiver Anspruch nicht doch auf der Strecke bleibt. Zumal sich NSK/Laibach, ihrer eigenen Logik auch hier folgend, <span class="glossary-detect underline">zu</span> einem solchen Anspruch niemals bekannt haben.

Das umfassendste Werk <span class="glossary-detect underline">zu</span> NSK/Laibach heißt schlicht:

*Neue Slowenische Kunst (NSK). The Original NSK Book with english translation. Zagreb, 1991.*

# INDIANI METROPOLITANI

![35e9186453ebed7cfc697de4c1f2eb4b-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/35e9186453ebed7cfc697de4c1f2eb4b-img.jpg)

Plötzlich waren sie da, die Indiani Metropolitani. Doch genaues weiß niemand. Sicher ist nur, daß sie 1977 in Bologna und Rom erstmals in der Öffentlichkeit gesichtet wurden. Zwar waren ihre Vorboten schon die Feste des italienischen Underground im Mai 1975 oder der Artikel im *◊ A/traverso* desselben Jahres, der die Sprache der ‚Rothäute‘ aus den bekannten Western imitierte. Erst 1977 aber, als immer mehr die ewigen Jagdgründe der marxistischen Altlinken und deren antiquierte Kampfformen verließen, wuchs der Stamm der Indiani Metropolitani zu einer mächtigen Bewegung.

Ihre Waffen waren farbige Kostüme und Plastiktomahawks. Als Überlebensstrategien in einer immer revolutionsresistenteren Umwelt erfanden sie einen extra starken Humor und zahlreiche Formen der Sprachverwirrung.

Wie schon bei *◊ Radio Alice* läßt sich auch hier als die treibende Kraft der Wille ausmachen, die von den bürokratischen Parteien dominierten Machtstrukturen aufzubrechen. Die Bewegung von 1977 setzte nicht mehr länger auf die linke *◊* Gegenöffentlichkeit, sondern auf eine verwirrende Vielfalt des Sprachgebrauchs in den unterschiedlichsten Taktiken der Gegeninformation: „Mehr Atomkraft und weniger Sozialwohnungen“ – sagen, was niemand sagen würde, und so das Geschwätz über „momentane Einschnitte“ oder „sozial verträglichen Kürzen“ lächerlich machen. Sie bezogen Position indem sie die Aussagen der andern ins Absurde steigerten (◐ Subversive Affirmation). Das Mißtrauen gegenüber der politischen Rhetorik äußerte sich bei den Indiani Metropolitani in der Provokation, der verbalen Störung als Linguistischem Anschlag oder auch im gesellschaftspolitischen Akt: im ◐ Happening oder in der Aktion, die gegen die ◐[ Kulturelle Grammatik](https://wiki.aktivismus.org/books/kommunikationsguerilla/page/kulturelle-grammatik-subversion "Kulturelle Grammatik & Subversion") und den politischen Konsens verstoßen. Der Ernst der Politik und deren falsches Pathos wurde von ihnen mit Spott auf die verkehrte Wahrheit aufgespießt.

Auf lokaler Ebene, in verschiedenen Stadtvierteln (etwa in Turin), praktizierten die italienischen Hausfrauen die ‚Autoriduzione‘, die selbstbestimmte Preisherabsetzung schon lange bei den Mieten, den Telefonrechnungen sowie bei Strom und Gaszahlungen. Die Indiani Metropolitani jedoch erweiterten die Palette um den freien Eintritt in die noblen Kinos, die Plünderung von Läden zum Zwecke der Aneignung von Luxus und Konsum und das kostenlose Schlemmen in den Restaurants der Innenstädte (◐ [Consume your masters](https://wiki.aktivismus.org/books/kommunikationsguerilla/page/consume-your-masters-uber-konsum-konsumkritik "Consume your masters - über Konsum & Konsumkritik")). Weitere Aspekte ihrer Kampfkultur, die weit über Italien hinaus Berühmtheit erlangten, waren die spontanen Darbietungen und Feste auf der Piazza, ihre schon erwähnten unsachlichen Forderungen, die Herabsetzen von Autoritäten durch das Stilmittel der degradierenden Verherrlichung (◐ Imageverschmutzung), ihre Unsinnsspoesie und nicht zuletzt ihre wundervollen Wandmalereien und Graffiti (◐ [Sniping](https://wiki.aktivismus.org/books/kommunikationsguerilla/page/sniping-hinterhaltige-zeichen-im-offentlichen-raum "Sniping - Hinterhältige Zeichen im öffentlichen Raum")). Diese knüpfen an jene Ideen

über subversive Kommunikation an, die ähnlich wie bei Radio Alice darauf spekulieren, die städtischen Zeichensysteme durcheinanderzubringen. Ihre Graffiti scherten sich wenig um Regeln. Die spontanen Beschriftungen machten die Wand zum öffentlichen Raum, der keinen privilegierten Diskurs erlaubt. Alle, die eine Sprühdose oder einen Pinsel halten konnten, die übermalten, ergänzten, von vorne anfangen, trugen zur Multiplizierung der Stimmen bei. Aus „Fuan“, der Abkürzung der neofaschistischen Studentenorganisation wurde „Va Fuan c.“ im Sinne von „Va fa'n culo“ – leck mich am Arsch. Daneben wurde eine Replik gesprießt: „Vergogna, leggono anche i bambini“ – „Schämt euch, das lesen die Kinder“, um letztendlich mit der vorläufigen Antwort „Buoni, i bambini“ zu schließen (Indianer und P 38, S. 34–66).

Das Erbrechen des guten Tons wurde nicht nur an der Wand sichtbar. Vielmehr verstanden sich die *Indiania Metropolitani* auch vortrefflich auf Happenings – wie etwa die Aktion gegen den kommunistischen Gewerkschaftsführer Luciano Lama auf dem Campus der Universität Rom 1977 anschaulich vorführt –, bei denen sie immer wieder den moralischen Imperativ von institutionellen Codes, Situationen und Personen zu knacken vermochten (Indianer und P 38, S. 80–83). ☉

# IL Male - A/Traverso

„Es ist Zeit weiterzuziehen, es ist Zeit zu bleiben. An die Grenzen des Königreiches gelangt, wo man sich beide Geschichten erzählt, an die Kreuzungspunkte der Trennung gelangt, wo alle Wege auseinander gehen, schaut sich Alice um, unschlüssig über das, was zu tun ist.“ Alice und A/Traverso liebten es, Hand in Hand zu gehen. Dabei erfreuten sie einander gerne mit der einen oder anderen Geschichte. Eines Tages erzählte Alice, wie das Alkido erfunden wurde: Ein großer Sturm kam und entwurzelte alle starken Bäume, nur die schlanke Birke blieb stehen, da sie sich mit der Gewalt des Windes hin und her beugte. Ihr permanentes Spiel mit der Macht ermutigte ein kleines Mädchen zur gleichen Technik auf dem Schulhof: Immer wenn nun die großen Mädels kamen und ihr eine reinhauen wollten, bückte sie sich, wich zurück und lenkte die Kraft der Feinde gegen diese selbst. A/Traverso klatschte begeistert in die Hände: Ähnlich ließ sich auch der Übermacht der herrschenden Medien entgegentreten – greife ihre Informationen auf, entwende sie aus ihrem Kontext, schaffe daraus eine neue Realität. Zerstöre die Wahrheit des Gegners nicht, indem du ihn auslöscht oder seinen Behauptungen entgegentrittst, sondern bringe die Wahrheit selbst in die Krise. Schon früher hatte Radio Alice durch fingierte Telefonanrufe die Unantastbarkeit der symbolischen Ordnung der Hierarchien untergraben, den Gegnern den Boden zur Selbstdemontage bereitet und so die Hörerinnen aus dem langen Schlaf des blinden Vertrauens wachgeküßt. Das listige A/Traverso machte diese kleinen Erzählungen zum Teil eines großen, gefährlichen Plans. Nun spielten sie nicht mehr nur mit der Wahrheit der anderen. Sie fälschten sie und raubten der Sprache der Politik ihre Glaubwürdigkeit, indem sie den Kontrast von Wahrheit und Nicht-Wahrheit verschwimmen ließen. Zwischen Glauben und Unglauben liegt das Feld des Mißtrauens, und hier ließ das A/Traverso das \\diamond Fake frei. Die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung ist hier nicht mehr möglich. Das Fake verbreitet Informationen im offiziellen Gewand, welchem wir zu glauben gelernt haben. Niemand wird bemerken daß dies ein Duplikat ist, das an einem anderen Ort gefertigt wurde, als wir annehmen. Wir halten die Botschaft für echt, und doch schleicht sich langsam der Zweifel ein. Auch diesen säte A/Traverso mit aus: Die in Umlauf gesetzten Zeichen betrieben selbst ihre Entgleisung. Das Verlassen der gewohnten Umrahmungen brach ihre Natürlichkeit in Stücke. Die offizielle Sprache wurde diskreditiert. Das kalkuliert geringe Haltbarkeitsdatum der Fakes unterlief die vertrauensbildenden Maßnahmen der ‚Objektivität‘ und enthüllte die allen Informationen zugrunde liegende Subjektivität und Willkürlichkeit. In einer mondfinsternen Nacht wehte A/Traverso Alice in das Herzstück seines Anschlags ein: sie hatten die wöchentlich erscheinende ‚Zeitschrift für politische Satire‘, „Il Male“ – das Böse, konzipiert. Die Bande nannte sich ‚Zentrum zur Verbreitung willkürlicher Nachrichten‘. Immer wieder verkauften sie in wenigen Tagen den Menschen mehr als 100.000 Exemplare schwarz auf weiß gedruckter Unwahrheiten. Die Devise ‚Falsche Informationen erzeugen wahre Ereignisse‘ zog sich wie ein roter Faden durch den Lug und Trug unzähliger Fakes der bedeutendsten Tageszeitungen Italiens. Der dritte Weltkrieg brach aus, die Außerirdischen kamen zu Besuch und ein bekannter Schauspieler wurde als Kopf der Roten Brigaden verhaftet. Ja, zu dieser Zeit kamen Alice und A/Traverso nur selten zum Spazierengehen. Aber sie hatten sich auch Großes vorgenommen: immerhin wollten sie stets innerhalb der Ordnung des Vorstellbaren – die Fakes mußten glaubhaft sein, die Personen real, die Faksimile perfekt – die Öffentlichkeit an den Rand des Schwindels führen. Der Realitätsverlust zielte auf die Unordnung des Diskurses und Kommunikationsstau. Die Fakes griffen das Begehren der Leser auf und realisierten es in einem vieldimensionalen Raum der falschen Wahrheiten und wahren Fälschungen. Sie führten zu heißen Debatten in den Bars, hitzigen Gesprächen in den Warteschlangen und einmal zu einem absoluten Verkehrsschock für Stunden: Rom stand Kopf wegen einer Extraausgabe des ‚Corriere dello Sport‘ (einer italienischen Tageszeitung nur für Sport) während der Fußballweltmeisterschaft 1978: „Annualità i Mondiali!“ Aufgrund eines Massendopings der Holländer, die die Italiener im Halbfinale aus dem Turnier geworfen hatten, sollte nun mit der italienischen Squadra Azzura das Finale wiederholt werden.

A/Traverso schrieb in dem Buch „Alice ist der Teufel“: „Die Diktatur der Bedeutung zerbrechen, den Wunsch, die Wut, die Verrücktheit, die Ungeduld und die Ablehnung sprechen lassen. Diese Form der sprachlichen Praxis ist die einzig angemessene Form einer komplexen Praxis, die die Diktatur des Politischen aufbricht, die in das Verhalten die Aneignung, die Ablehnung der Arbeit und die Kollektivierung einführt.“ Ende der 70er Jahre waren das Kollektiv A/traverso und Radio Alice nicht alleine. Arbeiter und Studierende eigneten sich das Wort, das Zeichen, die Kultur selbst an und machten sie zum Ort des Kampfes um Veränderung. Das wahrhaft Gefährliche an dieser Rebellion war die Entgrenzung der Praxis. Sie wucherte allerorten: Menschen trafen sich, die getrennt zu sein haben, Arbeiter, Studierende, die *Industriekriegsfeldpost* 1 die Arbeitslosen und die restlichen Opfer des Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, das sich nun zu einer häßliche Fratze verzog und ein repressives Kontrollsystem ausspuckte. Es richtete sich unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung gegen die BesetzerInnen, die Streikenden, die Sabotage und den Absentismus in den Fabriken, gegen all jene Machtlosen, die nichts mehr zu verlieren hatten. Das Spazieren und Agieren wurde schwer in diesen Zeiten. Hinter den Ecken lauern Panzerspähwagen, Demonstrationen waren verboten, es wurde in die Menge geschossen. Radio Alice wurde geschlossen und alles Material beschlagnahmt. Die staatliche Jagd nach einer Bewegung, die nie eine war, führte zur Verhaftung und Verurteilung von Tausenden militanter ArbeiterInnen und Studierender, zur systematischen Verfolgung ihrer VerteidigerInnen, zu Verlagsdurchsuchungen und Schließungen von Platten- und Buchläden und zur Kriminalisierung von Professoren und Studierenden. *⊕*

*Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel. Praxis einer subversiven Kommunikation. Berlin 1977. Zu Kollektiv A/traverso vgl. insbesondere Gruber, Klemens: Die zerstreute Avantgarde. Wien/Köln 1989.*

# ICE für LB

Und es war Sommer 1995. Dem bescheidenen Barockstädtchen Ludwigsburg stand hoher Besuch im Haus. Erwartet wurde der chinesische Ministerpräsident, der am dortigen Bahnhof in einen der hochgelobten neuen ICEs steigen sollte. Von dieser PR-Aktion erhoffte sich die bundesdeutsche Eisenbahnindustrie Aufträge in Milliardenhöhe. Auf seiner Tour durch die bundesrepublikanischen Lande begegnete der Herr Ministerpräsident neben ehrenvollen Empfängen auch etlichen Mißfallenskundgebungen wegen der permanenten Menschenrechtsverletzungen in China. Allerdings wurden alle chinakritischen Demonstrationen entweder verboten oder zumindest mehr oder weniger unsichtbar gemacht. Als der Konvoi mit den wichtigen Leuten in Ludwigsburg vorfuhr, verschwand die Menschenrechtsdemo der ‚Jungen Liberalen‘ hinter 300 Meter entfernt aufgefahrenen Wannen. Eine Blaskapelle trug dazu bei, sie auch akustisch in den Hintergrund zu drängen. Dagegen schaffte es eine kleine Schar tapferer Demonstrantinnen der ‚Eisenbahnfreunde Ludwigsburg‘, sich bis auf wenige Meter dem hohen Gast zu nähern. Sie begrüßten mit Transparenten und Parolen wie „ICE für LB“ lautstark, daß in ihrer Stadt erstmals ein solches Wunder der Technik haltmachte. Unterschriftenlisten und Einladungen zu einer „Pressekonferenz der Eisenbahnfreunde nach Abfahrt des ICE“ wurden durch das staunende Auditorium gereicht, als der Bundesverkehrsminister, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Herr Jang Zemin am Bahnhof aus dem Auto stiegen. Die Polizei schaute tatenlos zu, wie wild gekleidete Jugendliche, Punks, ‚ernsthafte‘ dreinblickende Anzugträger und andere ganz normale Bürgerinnen im besten Wortsinn eine Demonstration darstellten. Angeblich handelte es sich allerdings um einen böswilligen Trick: Da die Agierenden keine Lust hatten, sich einmal mehr selbst zu beweisen, welch gute Menschen sie sind, ließen sie das ganze Gebümmel um Menschenrechte und Besuche aus China sein und verschalteten sich mit der Erfindung des Vereins der „Eisenbahnfreunde“ Zugang zur ersten Reihe. Dort benahmen sie sich recht snäubig, hatten jede Menge Spaß und hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die „Jungen Liberalen“ schließlich forderten angesichts dieser Ungerechtigkeit einen Untersuchungsausschuß im Landtag, der sich mit den Ereignissen am Bahnhof Ludwigsburg beschäftigen sollte.

# Honecker im Altenheim

Anläßlich der ‚Wiedervereinigung‘ kursierten in einer westdeutschen Kleinstadt gleich zweierlei Handzettel, die Ungelehrtenheiter berichteten: Einmal, daß der Bürgermeister sowohl Erich Honecker als auch Ehrfrau Margot einen Ruhestiz im städtischen Altenheim verschallt habe. Zum zweiten, daß ein prominenter örtlicher Bauspekulant, Fußballklubsitzender und Stadtrat dem früheren SED-Parteichef, Egon Krenz, einen der knappen Bauplätze verkauft habe. Dem Bürgermeister wurde ohnehin fast alles zugetraut, und für einem Bauspekulanten ist ein lukratives Geschäft mit unterschlagenen Stasi-Millionen nichts Besonderes. Auf beiden Handzetteln standen Aufrufe <span class="glossary-detect underline">zu</span> einer Protestkundgebung unmittelbar vor der städtischen Wiedervereinigungsfeier: „Wir wollen keine SED-Verbrecher zum Nachbarn. So darf die deutsche Einheit nicht aussehen.“ Genauso dachten auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt: Obwohl von offizieller Stelle keinerlei Dementi erfolgten, sorgten die Zettel für einige Unruhe.

# Freedom & Sunshine für Giorgio Bellini

**Giorgio Bellini, Zeitungsmacher der Zürcher Jugendbewegung beim ‚Eisbrecher‘ und Schweizer Staatsbürger, wurde im Februar 1981 von bundesdeutschen Grenzbeamten in Auslieferungshaft genommen. Ein italienischer Haftbefehl warf ihm „Bildung und Unterstützung“ von kriminellen Vereinigungen vor. Anfang Mai führte ein Schweizer „Komitee für die Freilassung Giorgio Bellinis“ eine spektakuläre Solidaritätsaktion durch. Sekunden vor Beginn der Schweizer Tageschau tauchten zwei Personen im Regieraum des Studios auf und erklärten den TV-Mitarbeitern: „Wir sind von der Kriminalpolizei.“**

**Sie sind verhaftet – eine Drogensache.“ Die anschließende Verwirrung nutzten zwei weitere, mit Faschingmasken und Zipfelmützen getarnte Personen für ihren Auftritt im Studio. Sie postierten sich neben dem Tagesschausprecher und hielten ihm, deutlich sichtbar für die TV-Zuschauer, ein Plakat vor die Nase: „Freedom and Sunshine for Giorgio Bellini“. Anschließend bekam er einen Zettel, auf dem stand: „Bleiben Sie ruhig und fröhlich, Sie herzige Nikoläusli. Wir sind grad fertig und Sie können weiterschaffen.“**


**Es folgte der Komödie zweiter Teil: Die beiden vermeintlichen Kripo-Beamten verhafteten die maskierten Störer und befreiten sie so aus den Fängen eines Technikers, der die beiden ‚Chaoten‘ festhalten wollte. Das Schauspiel klappte, die ‚Maskenträger‘ entkamen unerkannt (Basler Zeitung, 4./5. Mai 1981).**

# Frankfurter Rundschau – Letzte Ausgabe

Im Herbst 1994 tauchte in den Briefkästen in einigen Frankfurter Stadtteilen eine „Letzte Ausgabe“ der Frankfurter Rundschau (FR) auf, die der FR in Format, Farbgebung und Layout täuschend ähnlich sah. Das Anliegen der VerteilerInnen bestand darin, den alltäglichen Rassismus der FR <span class="glossary-detect underline">zu</span> verdeutlichen und <span class="glossary-detect underline">zu</span> zeigen, daß eine linksliberale Haltung nicht automatisch vor rassistischen Stereotypen bei der Berichterstattung (z.B. über sogenannte ‚Ausländerkriminalität‘) schützt.

Die fiktive Redaktion veröffentlichte ein ausführliches Interview der FR mit „einigen Autonomen, um jenseits von Schlagzeilen unsere Leser und Leserinnen über die Motivation dieser Gruppen <span class="glossary-detect underline">zu</span> informieren“.

 Darüber hinaus übten die Herausgeber in dieser besonderen Ausgabe gegenüber ihren Leserinnen Selbstkritik: „Wir haben uns nicht der Aufklärung, sondern der Manipulation verschrieben.“ Mit der Aussage: „Wir – die FR, als ein Teil der Medienlandschaft – sind, wenn es um Rassismus geht, ein Teil des Problems“ vertraten sie eine für Medienmacher ungewöhnliche Rassismusanalyse.

Die beteiligten Gruppen versuchten mit dieser Camouflage die ästhetischen Gewohnheiten von FR-Leserinnen <span class="glossary-detect underline">zu</span> nutzen, um in einem größeren Kreis Informationen und Meinungen zum alltäglichen Rassismus in den Medien <span class="glossary-detect underline">zu</span> verbreiten. Gleichzeitig thematisieren sie, daß die FR derartiges natürlich nie veröffentlichen würde. Obwohl diese Camouflage relativ einfach als solche erkennbar war, gab es empörte Anrufe in der FR-Redaktion. Der Chefredakteur der FR versuchte Gelassenheit <span class="glossary-detect underline">zu</span> demonstrieren und zog sich auf die antifaschistische Tradition der Zeitung in der unmittelbaren Gründungszeit nach 1945 zurück.

# El Subcomandante Insurgente Marcos

### EIN EXKLUSIVINTERVIEW mit «El Sub» durch El Subcomandante Insurgente Marcos:

<p class="callout info">Alles, was Sie schon immer über «El Sub» wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten,  
oder: Der größte Journalist aller Zeiten</p>

durch ..... (Setzen Sie hier Ihren Namen ein.)  
für ..... (Setzen Sie hier den Namen Ihres Arbeitgebers ein.)

1\. ORT DES INTERVIEWS: (Unterstreichen Sie den Ort Ihrer Wahl.)

- a) Irgendwo im Lakandonischen Urwald.
- b) Irgendwo im Südwesten Mexikos.
- c) Irgendwo im von den Zapatisten kontrollierten Gebiet.
- d) Irgendwo im Presseraum der Casa Vieja.
- e) In irgendeiner Bar im Südwesten Mexikos.
- f) ...

**Vier (4) Marcos**

![87cbda814f3e616101f4933b2a074838-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/87cbda814f3e616101f4933b2a074838-img.jpg)

#### 2. EINLEITUNG ZUR AUSWAHL:

(Unterstreichen Sie Ihre Wahl.)

Nach einigen Tagen des Wartens waren wir endlich in das Territorium der

... Zapatisten/Rebellen/Gesetzlösen

vorgedrungen. Ich war zusammen mit meinem (meiner)

... Photograph(in)/Souffleur(in)/Führer(in)/Begleiter(in)/Amme/Anstands dame/Neger

mehrere

... Stunden/Tage/Wochen/Monate/Jahre/Jahrhüfte/Jahrzehnte/Jahrhunderte

(Übertreiben Sie nicht, es gehört sich, ein wenig Glaubwürdigkeit zu demonstrieren)

lang

... marschiert/gelaufen/galoppiert/gerollt/auf allen Vieren gegangen/spazieren gegangen.

Wir hatten ausgedehnte

... Urwälder/Flußläufe/Gebirgsketten/Wartesäle/Kaffeeplantagen/Gänge/

Meere/Fußgängerunterführungen/Wüsten

durchquert. Schließlich erreichten wir

... ein Tal/ein Wäldchen/eine Lichtung/einen Hügel/einen Hafen/

eine Bar/einen Berg/ein Dorf/eine U-Bahn-Haltestelle/einen Presseraum/einen Flughafen.

Dort trafen wir

... El Sub/ einen Gesetzlosen/ eine Skimütze mit ausgeprägter Nase/einen professionellen Gewalttäter,  
an dem außer seiner großen Nase vor allem seine

... weiße/schwarze/braune/rötliche/gelbliche/grünliche/bläuliche

Hautfarbe auffiel. Seine Augen waren

... schwarz/braun/grün/rot/blau/honigfarben/strohfärben/weizenfarben/ maisblütenfarben/  
joghurtfarben/müslifarben

und er

... war bartlos/hatte einen schwachen Bartwuchs/trug einen dichten Bart/hatte einen schütterten Bart.

Er machte den Eindruck eines

... Fünfzehnjährigen/Vierundfünfzigjährigen/Fünfundzwanzigjährigen/Achtzehnjährigen/  
Sechsundvierzigjährigen/... jährigen.

Während er sich auf

... einen Thronsessel/einen Drehstuhl/einen Schaukelstuhl/den Boden/eine Fensterbrüstung/  
einen Barhocker/ein Pult/den Direktionsessel

setzte, zündete er sich seine Pfeife an, und nachdem er  
... gegrüßt/gedroht/nach der Uhrzeit gefragt/die Bezahlung für das Interview entgegengenommen/  
eine Reihe von Beleidigungen ausgestoßen/desgleichen, aber mit anderen Beleidigten/gegähnt hatte,  
begannen wir das Interview.

#### 3. INTERVIEW:

Journalist ..... (Setzen Sie hier Ihre Initialen oder Ihren Namen ein):

\--- El Sub, was ist Ihre Meinung über Kuba?

El Sub: Kuba ist

... ein Paradies/eine Diktatur/der Himmel/die Hölle/alles auf einmal/nichts von alledem.

\--- Was wird aus El Sub, wenn der Konflikt

... beendet ist/gelöst ist/sich verwickelt/sich entschärft/sich verschärft/sich ausbreitet?

El Sub: Nun ja, ich

... werde anderswohin gehen/werde in Pension gehen und Hühner züchten/werde meine Memoiren  
veröffentlichen/werde fürs Parlament kandidieren/werde Trödler/werde mich arbeitslos melden/

(Save and Quit)

werde zu schreiben aufhören/werde richtig zu schreiben anfangen/

werde mich ins Privatleben zurückziehen/werde einen Film machen/werde einen Film ansehen.

\- - - Was empfindet man als

... professioneller Gewalttäter/Sexsymbol/Gesetzloser/Rebell/Clown/charismatischer Führer/  
Jahmarktschreier/ ... ?

El Sub: Nun ja,

... nichts/alles/es ist ziemlich beschissen/es ist schön/es ist wie ein Orgasmus/mehr oder weniger/  
eher mehr als weniger/eher weniger als mehr.

\- - - (Setzen Sie hier eine Frage Ihrer Wahl ein) ?

El Sub: Nun ja,

(Setzen Sie hier eine Antwort Ihrer Wahl ein)

#### UNTERSCHRIFT ZUR BESTÄTIGUNG DES INTERVIEWS:

(Schneiden Sie diese Unterschrift entlang der gepunkteten Linie aus und kleben Sie sie sehr sorgfältig unter Ihr Interview.)

Gegeben in den Bergen im Südosten Mexikos

(29. 7. 1994) Subcomandante Insurgente Marcos

(aus Charlie Hebdo / Hors de Série No. 4, 1995)

Übersetzung Sonja Brünzels &amp; Luther Blissett

**Ein (1) Marcos**

![95711bcdc2664c457840a3dc799edb9f-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/95711bcdc2664c457840a3dc799edb9f-img.jpg)

# Die Träume von Teen Talk Barbie und G.I. Joe

Wie jedes Jahr zu Weihnachten warf auch 1993 die Spielzeugfirma Mattel in den USA wieder Umengen an Barbie-Puppen sowie das männliche Pendant, den martialischen GI-Joe im Tarnanzug, auf den Markt. Dieses Mal konnten die Plastikpuppen sogar sprechen. Teen Talk Barbie flötete: „I want to go shopping“, GI-Joe grunzte: „Dead men tell no lies“ und „Fire! Fire! Fire!“ An Weihnachten gab es dann allerdings eine unerwartete Bescherung. In zahlreichen Nachrichtenstationen der USA tauchten Bekenntnisse auf. Die Barbie Liberation Organization (BLO) gab bekannt, daß ein Zusammenschluß von Spielzeugpuppen gegen die ihnen aufgezwungen![89c7224fd63064286b7381e6111880d4-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/89c7224fd63064286b7381e6111880d4-img.jpg)en Sätze protestiere. Deshalb seien in allen US-Staaten insgesamt 300 Barbies und GI Joes mit vertauschten Sprechmodulen in die Läden gebracht worden. Ziel sei es, die sexistische Beeinflussung der Kinder als terroristischen Akt ins Bewußtsein zu rücken. Die Medien stürzten sich auf das Thema, brachten es in den Nachrichten und machten auch Kinder aufmächtig, die versehentlich eine solche Gender-Bender-Barbie gekauft hatten. Sogar in der Fernseh-Comieserie „Die Simpsons“ tauchte die neue Barbie-Version auf. Die Firma Mattel dementierte: Es sei keine einzige Reklamation eingegangen. Doch die Erklärung dafür ist einfach. Die Kinder, die mit einer Cross-Gender-Puppe beglückt worden waren, dachten nämlich gar nicht daran, das gute Stück wieder abzugeben. Schließlich sind ein G.I. Joe, der gerne zur Schule geht und eine Barbie, die keine Gnade mit dem Feind kennt, viel interessanter als die langweilige Originalversion.

# Die Situationistische Internationale

Über die Situationistische Internationale (SI) sind (seit dem Selbstmord von Guy Debord 1995) kilometerweise Texte in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen fabriziert worden. Uns geht es hier nicht darum, zum aktuellen Situationismushype (beispielsweise mit der einzig richtigen, angemessenen und wahren Interpretation von Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“) beizutragen. Daher sollen nur einige kurze Bemerkungen zu Fragen folgen, die uns im Zusammenhang mit der SI wichtig sind.

Die SI entstand 1957 als Zusammenschluß verschiedener künstlerischer Avantgardegruppen wie der Lettristischen Internationale, der internationalen Bewegung für ein Imaginistisches Bauhaus und dem Psychogeographischen Komitee London. Das auf den ersten Blick auffallendste Element in der Geschichte der SI ist die selbst für eine linke Gruppierung beachtliche Kette von Ausschlüssen, Spaltungen und Säuberungen. Dabei war es vor allem die französische Sektion unter Guy Debord, die ihre Forderung nach „theoretischer Kohärenz“ in der Organisation rigide durchsetzte. So wurde im Januar 1962 die gesamte Gruppe **SPUR** , die deutsche Sektion der SI, wegen Neigung zu billigem Klamauk ausgeschlossen. Die élitaire und im Grunde typisch avantgardistisch-sektiererische Praxis der SI führte schließlich dazu, daß 1972 nach ihrer Auflösung nur noch zwei aktive Mitglieder (Debord und Sanguinetti) von insgesamt ca. 70 übriggeblieben waren. Einige heutige Gruppen wie **⬤ Unterbliss!** die sich auf die SI kritisch beziehen, haben daraus die Konsequenz gezogen, unter einem **o** multiplen Namen zu agieren. Sie verzichteten also von vorneherein auf jeden Versuch, Kohärenz auf einer formal-organisatorischen Ebene garantieren zu wollen.

Die SI soll hier jedoch nicht als schlechtes Beispiel abgehandelt werden. Auch über die angebliche Vorbildfunktion der SI für die Punks soll kein Wort verloren werden, genauso wenig über ihre häufig übertriebene Bedeutung für den französischen Mai 1968 – auch wenn einige der schönsten Parolen und Graffiti des Pariser Mai 68 zweifellos auf die Situationisten zurückgehen: „Ich vergnügte mich mit den Pflastersteinen ...“, „Die Menschheit wird nicht eher glücklich sein, als bis der letzte Bürokrat an den Gedärmen des letzten Kapitalisten aufgehängt ist“ etc.

Wichtig ist, daß die SI im Unterschied zu anderen Avantgardegruppen die Problematik künstlerisch-politischer Avantgardepositionen klar erkannte und solche Positionen scharf kritisierte. In der aktuellen Rezeption wird der ‚Situationsimus‘ vor allem als künstlerische Bewegung dargestellt. Demgegenüber ist daran zu erinnern, daß die SI nicht nur den bürgerlichen Kunstbegriff ablehnte (das taten und tun andere im Kunstbetrieb agierende Gruppen auch), sondern daß sie sich auch explizit jeder Verwendung der von ihr entwickelten ‚künstlerischen‘ Formen außerhalb des Kontextes eines (politisch-) revolutionären Projekts verweigerte.

### *Situationisten*

Ebensowenig aber dachten die Situationisten daran, als politische Avantgarde im traditionellen Sinne aufzutreten. Sie lehnten jeglichen theoretischen oder praktischen Führungsanspruch ab und formulierten eine ätzende Kritik an marxistisch-leninistischen Positionen. Aus ihrer Kritik des politischen Avantgardedenkens heraus entstanden Formulierungen wie „Die situationistische Theorie ist in den Köpfen aller“, oder „Jeder kann Situationist sein, auch ohne je von der SI gehört zu haben“. In der Praxis gelang es der SI mit ihrer sektiererischen und elitären Auffassung von theoretischer Kohärenz allerdings gerade nicht, eine Theorie und Praxis jenseits des Avantgardedenkens zu entwickeln. Auch die Vorstellung der Situationisten, so verstandene „Kohärenz“ sei ein Mittel, sich gegen Rekuperation, also gegen Vereinahmung durch die herrschende Ordnung, zu schützen, erscheint merkwürdig. Sie hat jedenfalls nicht einmal die schägige Art und Weise verhindert, in der zur Zeit die SI und der ganze ‚Situationsismus‘ als Kunstbewegung gehandelt und rekurpiert werden. Zuletzt entstanden rechthaberische und wehleidige Texte wie ‚Die wirkliche Spaltung in der Internationalen‘, die die Kritik von Luther Blissett motivieren: Die situationistische Theorie konzipiere sich in letzter Konsequenz doch als ‚heiliger Geist, der in die bewußtlose Materie (das Proletariat, die Massen, was auch immer) hinabsteigt‘. Die von der SI formulierte grundsätzliche Ablehnung traditioneller Politikkonzepte beschränkt sich nicht auf eine Kritik der hierarchischen und bürokratischen Struktur attlinker Gruppen und Parteien. Die SI versuchte zugleich, neue Formen der Subversion und Propaganda zu entwickeln. Die Situationisten gehörten zu den ersten, die „die Einführung der Guerilla in den Massenmedien ...“ forderten. „Man kann eine Zeitung noch daraus Vorteile ziehen, daß die Rundfunk- und Fernsehstudios nicht von Truppen bewacht werden. Auf einer bescheideneren Ebene, auf der eines Stadtviertels, kann jeder Radioamateur mit geringen Kosten Sendungen stören und auch selbst senden. ... Durch gefälschte Ausgaben dieser oder jener Zeitschrift kann der Feind verwirrt werden.“

Dabei waren sich die Situationisten des taktischen Charakters und der Möglichkeiten wie Grenzen einer solchen Praxis klar bewußt: „Der illegale Charakter solcher Aktionen verbietet es jeder Gruppe, die sich nicht für den Untergrund entschieden hat, auf diesem Gebiet ein zusammenhängendes Programm aufzustellen, da dies die Bildung einer spezifischen Organisation in ihrem Schoß notwendig machen würde – was ohne Abschnürung und folglich ohne Hierarchie weder denkbar noch wirksam sein kann, will man – kurz gesagt – nicht auf dem Weg in den Terrorismus landen.“ Stattdessen forderten sie eine Praxis, in der „Individuen, die eigens dafür zusammengekommen sind, improvisieren und die Formen verbessern können, die anderswo von anderen ausprobiert worden sind. Diese Art von nicht verabredeter Aktion kann zwar nicht zur endgültigen Umwälzung führen, kann aber auf nützliche Weise das Bewußtsein hervorheben, das zum Vorschein kommen wird. Übrigens darf man sich durch das Wort Illegalität nicht benebeln lassen. Die meisten Aktionen auf diesem Gebiet werden die bestehenden Gesetze keineswegs übertreten“. Auch die Praxis der **Detourne-** (Detourment) wurde von den Situationisten zugleich propagiert und in allen möglichen Zusammenhängen eingesetzt. Mit neuen Texten versehene Comics waren ein beliebtes Propagandamittel, und auch die theoretischen Texte der Situationisten spielen in komplexer Weise mit mehr oder weniger veränderten Zitaten und Plagiaten.

Über die Entwicklung neuer politischer Formen hinaus forderten die Situationisten die „Abschaffung der Politik“ durch eine revolutionäre Praxis auf der Ebene des alltäglichen Lebens. Mit den Methoden der ‚Psychogeographie‘ ( **London Psychogeographical Association** ), beispielsweise der Praxis des ‚Umherschweifens‘ ( **Dérive** ) untersuchten sie Orte und die mit ihnen verbundenen Wahrnehmungen und Emotionen. Damit verbunden sie das Ziel, neue Verhaltensweisen, Spiele und Leidenschaften zu entwickeln: „Die Leidenschaften wurden nur verschieden interpretiert, es kommt jetzt darauf an, neue zu erfinden“ (Debord). Das erklärte Ziel war es, neue Aktionsformen im Bereich der Kultur und des Alltagslebens zu entwickeln, um dort die Perspektive einer revolutionären Veränderung zu schaffen: „Unsere Theorien sind nichts anderes als die Theorie unseres wirklichen Lebens ... Es ist ausgeschlossen, daß wir durch die Askese die Revolution des alltäglichen Lebens vorbereiten.“ **☉**

Eine Sammlung zentraler Texte findet sich in:

- Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten. Hamburg 1995.
- Vgl. Anti-spektakuläre Bibliographie:  
    http://machno.hsh-stuttgart.de/7hk/si/
- Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg 1978.
- Bredlow, Lutz: Die Dimension der Abwesenheit in der Inszenierung des öffentlichen Raumes. In: anschläge (Berlin) Nr. 6/1983. S. 41-46.
- Marcus, Greil: Listick Traces. München 1992. Vgl. demgegenüber Home, Stewart: The Assault on Culture. Edinburgh 1991 (1988).
- Blissett, Luther: Guy Debord is Really Dead. London 1995.
- Situationalistische Internationale 1958–1969 Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale. Bd. 1. Hamburg 1976.

# Die geplagte CDU

***In einer norddeutschen Kleinstadt wurde die CDU zur Zielscheibe gleich mehrerer Fakes, die versuchten, Dementis bewußt zu provozieren. Als die Frau Bundestagspräsidentin eine örtliche Kulturstätte einweihte, erschienen an allen möglichen und unmöglichen Stellen CDU-Plakate, die dieses Ereignis lautstark annoncierten. Obwohl die Dame zweifelsfrei der CDU angehört und nichts auf den Plakaten auf eine Fälschung hindeutet, sah sich der Ortsverband zu einem Dementi veranlaßt: Nie würde es ihnen einfallen, die Bürger bei einem so hohen Ereignis durch aufdringliche Parteierwerbung zu belästigen.  
  
Kurze Zeit später allerdings nahmen sie es mit der Belästigung weniger genau: Am Abend vor der Rede eines CDU-Ministers hatten Spatvögel den Parteifunktionären und ihren nächsten Nachbarn gefälschte CDU-Flugzettel in die Briefkästen geworfen, auf denen diese Veranstaltung in eine nahegelegene Stadt verlegt wurde. Die nichtsahnenden Bürger waren einigermaßen irritiert, als sie von der CDU den ganzen folgenden Tag über mit lauten Dementis aus einem Lautsprecherwagen belästigt wurden: „Die Veranstaltung findet NICHT in ... statt. Wir wiederholen ...“.***

# Der Neandertaler (KuK Göttingen)

Als Geschenk anläßlich einer Demo der Göttinger Kunst- und Agit-Prop-Gruppe Kunst und Kampf (KuK) gegen die Wiedervereinigung wurde ein ganz besonderes Begrüßungsgeld in millionenschwerer Auflage verteilt: ein Hundertner der „Bananen Republik Deutschland“ aus dem Laserdrucker, geschmückt mit dem Konterfei eines Neandertalers. Die wutschäumenden ![ca3fd843bd42027f91fb7c511023984e-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/ca3fd843bd42027f91fb7c511023984e-img.jpg)Zeitungsmeldungen bestätigten den Erfolg der Aktion: „Kellnerin akzeptierte Geldschein der „Bananenrepublik Deutschland“: „Fast blindem Rentner droht Strafe. Göttinger zahlte ahnungslos mit 100-Mark-Blüte – Landeszentralbank droht mit Geldstrafe“.

# Der Herr Minister spricht zum Volk

![57b6be8f71ad3ed20e986bff929f479d-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/57b6be8f71ad3ed20e986bff929f479d-img.jpg)

Ein Stück der  
CDU-WAHLKAMPFKOMMISSION  
überarbeitet von  
SONJA BRÜNZELS UND LUTHER BLISSETT  
aufgeführt vom  
AK VOLKSBILDUNG DER KOMMUNIKATIONSGUERILLA

### BÜHNENBILD

*Freitag, 18.00, weites Feld, irgendwo in Deutschland, irgendwann Anfang der 90er Jahre. Saal einer Gemeinde, öffentlich. Links und rechts durchgehende Fensterfronten. Ca. 150 Stühle sind auf die erhöhte Bühne ausgerichtet, in der Mitte bleibt ein Gang frei. Auf der Bühne ein Rednerpult mit Mikrofon und ein Ti*![c3ee41c6d46565ab4198d0a9c69108c5-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/c3ee41c6d46565ab4198d0a9c69108c5-img.jpg)*sch. Hinter dem Tisch drei Stühle. Auf dem Tisch eine kleine Flasche Mineralwasser mit Glas. An der Seite der Bühne Blumenschmuck und weitere Stühle. Im Mittelgang am hinteren Ende des Saals ein Standmikrophon fürs Publikum.*

*Die Hauptrolle:*

*Der Politiker, in diesem Fall der Herr Bundesverteidigungsminister.*

*In den weiteren Rollen:*

*Die CDU - Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises.*

*Der CDU - Ortsvorsitzende.*

*Die Garanten der öffentlichen Sicherheit (einige durchtrainierte Herren in Zivilkleidung, mit Akten tasche, die für die körperliche Unversehrtheit des Herrn Minister sorgen. Ein paar uniformierte Ordnungshüter – die nette Version, ohne Helm und* ![06eef9cc3970450903c158ec25346d21-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/06eef9cc3970450903c158ec25346d21-img.jpg)*Schlagstock). Eine Handvoll Ordner des Ortsvereins.*

*Das Publikum:*

*Mitglieder der jungen Union. Rasierte, kurzhaarige Milchgesichter mit Sakko, Kragen und Krawatte. CDU-Stadthonoratioren, Lokalpolitiker verschiedener Fraktionen in Anzug. Deren Damen in Kostüm. Vier Zeitsoldaten. Vereinzelte auf Information erpichte Bürger und Bürgerinnen. Der einschlägig verdächtige Dorffotograf mit einem riesigen Fotoapparat (Führt seinen persönlichen Ordner mit sich). Eine attraktive junge Frau, superschick gestylt. Einige Jugendliche, deren ordentliche Kleidung nicht so recht zu ihrem abenteuerlichen Haarstyling passen will. Eine sensible Frau mittleren Alters, der alles zuviel wird.*

*Das Ehepaar Schulz: Frau Schulz in Kostüm. Sie wirkt, als hätte sie den Versuch gemacht, konventionelle Kleidung aus dem ![6f3e48152be052f056093d56ee4b00bd-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/6f3e48152be052f056093d56ee4b00bd-img.jpg)Altkleidersack zusammenzustellen. Herr Schulz in einem etwas abgeschabten Anzug mit Krawatte. Kurze Haare, eher vierschrötig, mit Brille und leicht cholerischem Blick.*

*Das Ehepaar Schmidt: Frau Schmidt in beigelem Kostüm, mit akkuratem Kurzhaarschnitt und dezentem Make-up. Herr Schmidt im ausgebeulten Konfirmandenanzug Größe 54, Hornbrille.*

### Das ORIGINALSTÜCK:

Eine ganz normale Wahlkampfveranstaltung. Der Saal wird geöffnet. Die Zuschauer treffen ein, begrüßen sich, plaudern, nach und nach füllt sich der Saal. Ordner laufen ordnend umher, die erste Reihe ist reserviert. Der Saal ist voll. Warten, gedämpftes Gemurmel. Der Herr Minister betritt den Saal, mit ihm der Herr Ortsvorsitzende und die Frau Bundestagsabgeordn![b038de46b62ad59f030ec5a0501673e1-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/b038de46b62ad59f030ec5a0501673e1-img.jpg)ete. In ihrem Gefolge die Herren mit der Aktenmappe. Erstere besteigen die Bühne und nehmen an dem Tisch Platz, letztere setzen sich auf die freigehaltenen Stühle in der ersten Reihe. Es wird ruhig. Die Blicke richten sich nach vorn. Der Herr Ortsvorsitzende begrüßt das Publikum und die anwesenden Honoratioren sowie dankend den Herrn Minister. Er betont die Notwendigkeit des Dialogs mit dem Bürger und die Wichtigkeit der in dieser Veranstaltung zu dialogisierenden Fragen. Er übergibt das Wort und das Rednerpult dem Herrn Minister und setzt sich hinter den Tisch. Kurzer Beifall. Der Herr Minister begibt sich ans Rednerpult. Längerer Beifall. An dieser Stelle erheben unter Umständen einige Störer ihre Stimme oder ein Transparent und werden dezent aus dem Saal entfernt. Nun spricht der Herr ![215ea7e1fe910034899bf51a825d5e9c-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/215ea7e1fe910034899bf51a825d5e9c-img.jpg)Minister. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er zum Ende seiner Ausführungen. Langer Beifall. Der Herr Minister setzt sich. Der Herr Ortsvorsitzende bedankt sich und bittet um Fragen. Nach anfänglichem Zögern begeben sich einzelne Bürger ans Mikrophon, überwinden gegebenenfalls mit Hilfe von Ordnern technische Schwierigkeiten und stellen kurze Fragen. Der Herr Minister antwortet ausführlich und kompetent. Nach einer weiteren halben Stunde und ca. fünf Fragen ergreift die Frau Bundestagsabgeordnete das Wort, bedauert, daß die Zeit schon so weit fortgeschritten ist, und verabschiedet nach einem Dank an alle Beteiligten, besonders den Herrn Minister, die Gäste. Alle verlassen geordnet und zufrieden den Saal.

### Die Überarbeitete und neu Aufgeführte Fassung

Alles läuft ab wie üblich, das Füllen des Saales, der Einzug der Hauptpersonen. Etwa 25 Menschen verbreiten gespannte Erwartung, was aber Gottlob nicht und zum Glück auch sonst niemand merkt. Als der Herr Ortsvorsitzende ans Rednerpult geht und der Saal still wird, steht im Publikum eine Frau auf und ergreift an seiner Stelle das Wort: Es sei schlechte Luft im Saal, man solle das Fenster öffnen. Rufe werden laut: Rauchen einstellen! (Niemand raucht). Einer der Ordner stellt sämtliche Fenster schräg. *Zustimmender Beifall* . Nachdem alles zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt ist, begrüßt der Ortsvorsitzende die Anwesenden sowie den Geist der Geschichte: „Der Kommunismus ist am Ende!“ *Endloser Beifall* . *Noch mehr Beifall* . Als er schließlich wieder zu Wort kommt und dieses dem Herrn Minister übergibt, wird es unterwegs von einer Frau, die direkt am Fenster sitzt, abgefangen: Es zieht! ( *Zustimmendes Gemurmel* ). Ein Ordner schließt das Fenster. Nach dieser Verzögerung ergreift der Herr Minister das Wort – es ist jetzt wieder da, wo es hingehört. *Langer Beifall* .

Der Herr Minister bedankt sich. *Längerer Beifall* . Der Herr Minister bedankt sich. *Sehr langer Beifall* . Der Herr Minister bedankt sich nicht. *Kein Beifall* . Der Herr Minister beginnt seine Rede. *Wieder endloser Beifall* . Der Herr Minister, etwas gereizt, weil ihm das Wort im Beifall abhanden gekommen ist: Man möge mit dem Beifall aufhören, er wolle sprechen. *Der Beifall ebbt ab* . Der Herr Minister spricht über die deutschen Truppen. *Kein Beifall* .

Etwas stimmt nicht mit dem Beifall. Immer, wenn irgend jemand durch zaghaftes Klatschen seiner Zustimmung Ausdruck zu verleihen versucht, schwillt der Applaus an. Wenn der Minister besonders langatmig wird, bekommt er geräuschvolle Zustimmung, gerade lange genug, um irritierend peinlich zu wirken, aber nicht so lange, daß es als absichtliche Störung verstanden werden könnte. Dennoch beschweren sich einige Zuhörer, man solle mit dem Klatschen aufhören. Man sei nicht zum Klatschen hier, sondern zum Zuhören. Das findet auch der Herr Minister, dessen Gesicht langsam nach unten rutscht. Die Herren mit den Aktentaschen dagegen schmunzeln. Vereinzelte Rufe nach Ruhe! vergrößern die Unruhe. Als einige Jugendliche trotzdem immer weiter applaudierten, rasset der cholerische Herr Schulz aus und wird handgreiflich. Sein Nebensitzer versucht es mit Beschwichtigungstaktik: Sei still, du Depp! Sonst bist du doch der größte Störer! Herr Schulz bleibt unbeeindruckt, doch seiner Frau gelingt es, ihn zu beruhigen. Herr Schmidt ruft: Das kommt vom Fernsehen! Erst nach ca. 60 Minuten kann der Herr Minister zum Ende seiner Ausführungen kommen. Der Beifall ist eher spärlich, man hat genug davon gehabt.

Endlich beginnt die Fragerunde. Hinter dem Mikrophon bildet sich eine lange Schlange. Ein Mitglied der Jungen Union stellt eine kurze Frage zu der Verantwortung der Bundeswehr. Der Herr Minister antwortet ausführlich und kompetent. Eine Frau bezieht sich auf die Ausführungen des Herrn Minister zum Thema ‚Krisen‘. Auch sie hat eine Theorie über die Krisen: meistens sei es im Frühjahr, daß es in den Ehen krisele. Ob der Minister dazu aus seiner Erfahrung als Krisenfachmann etwas sagen könne. Der Herr Minister zeigt sich von der humorvollen Seite, was ihm aber nicht so recht gelingen will. Die junge, perfekt gestylte Frau sorgt sich um die Zukunft der Bundeswehr. Sie schlägt vor, die ledigen Bundestagsabgeordneten sollten ihr überschüssiges Sperma an Samenbanken spenden, um Vorräte für kommende Soldatengenerationen anzulegen. Ein Ordner zerrt die junge Frau rabiat vom Mikrophon weg. Dabei hat die Ärmste auch noch einen Gipsarm. Einer gesetz wirkenden Frau geht das zu weit, sie nimmt das Mädchen in Schutz.

Herr Schmidt springt auf und ruft mit knallrotem Gesicht: Das kommt vom Fernsehen! Das kommt vom Fernsehen! Ein Ordner bittet ihn ängstlich und sehr höflich, sich aus dem Saal zu entfernen. Frau Schmidt wird hysterisch: Keine Gewalt! Wir leben doch in einer Demokratie! Der Ordner gibt auf und bringt sich in Sicherheit. Irgendjemand will das Fenster öffnen. Das Publikum versucht, Ruhe herzustellen. Der Tumult wird größer. Die sensible Frau mittleren Alters verpaßt ihren Einsatz und erleidet keinen Schwächeanfall, was aber niemandem auffällt. Die Zeitsoldaten diskutieren die Lage unter militärisch-strategischen Gesichtspunkten: Wer gehört zu wem und wer ist besser?

Der Herr Minister bekommt einen roten Kopf und beklagt sich: „Ihr solltet euch wenigstens der Diskussion stellen!“ Er erklärt, nur noch ernstzunehmende Fragen beantworten zu wollen. Ein trotz seiner langen Haare seriös wirkender junger Mann stellt eine lange, hochkomplizierte Frage. Sie besteht aus einem einzigen, minutenlangen Satz, der mit „Osterweiterung der Nato“ beginnt, mindestens 17 ex-sowjetische Staaten erwähnt, von denen noch niemand je gehört hat, und mit „Rußland“ endet. Der Herr Minister glaubt, ausführlich und kompetent antworten zu müssen. Deswegen spricht er von wichtigen und ernsthaften Überlegungen, die bedacht sein wollen. Niemand hat etwas verstanden. Ein Milchgesicht mit Anzug und Krawatte fragt umständlich und holprig nach dem Einsatz deutscher Truppen in Somalia. Der Herr Minister schreit: „Genug mit diesen blödsinnigen Scherzfragen!“ und würgt ihn (ab). Die Junge Union hat ein Mitglied weniger.

Nach einer Stunde ergreift die Frau Bundestagsabgeordnete das Wort und bedauert, daß die fremden Störer und Chaoten den freundlichen Einheimischen den schönen Abend verdorben haben. Der Herr Minister verläßt geordnet den Saal, begleitet von Sprechören und Gesängen: Wir sind das Volk, du bist Volker! Katzenklo, Katzenklo, das macht deine Katze froh. Danach treffen sich alle vor der Lokalität zum Fototermin mit dem ortsbekannten Fotografen.

In den folgenden Tagen erscheinen Zeitungsberichte, die voller Empörung über den Schaden berichten, der dem Ort wie auch der Partei durch die jugendlichen Störer zugefügt wurde. Die abgedruckten Fotos dokumentieren den Gesichtsausdruck des Herrn Minister anschaulich, und die Bildunterschriften können eine gewisse Schadenfreude über die ganze Misere nicht verhehlen. Die Frau Bundestagsabgeordnete der CDU beschwert sich bei dem Herrn Bundestagskandidaten der SPD, daß dieses unwürdige Verhalten der Jusos (denn wer soll es sonst gewesen sein?) keine demokratische Art sei, Wahlkampf zu machen.![03d99823cac9b0c49db95d65dc155d8c-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/03d99823cac9b0c49db95d65dc155d8c-img.jpg)

Und einige linke Genossinnen, die nicht dabei waren, beschweren sich bei ein paar Leuten, die sie hinter der Sache vermuten: Ihr habt nicht argumentiert, ihr habt euch nicht inhaltlich auseinandergesetzt. Ihr habt es versäumt, die Regierungspolitik zu kritisieren. Ihr wart einfach destruktiv und außerdem völlig unpolitisch. Und einige andere linke Genossinnen, die dabei waren, finden das Ganze großartig.

### WAS IST PASSIERT?

Wird ein einfaches Kommunikationsmodell (◐ Warum hört mir keiner zu?) zugrundegelegt, dann ist eine politische Informationsveranstaltung dann gelungen, wenn ein Politiker oder Experte seine Ansichten bzw. Programme darlegen und der Bürger sein Informationsbedürfnis stillen konnte. Gemäß dieser Sichtweise ist der „Dialog mit dem Bürger' erfolgreich, wenn die Informationsvermittlung geglückt ist, wenn die Erwartung auf Information mit dem Ablauf der Veranstaltung übereinstimmt. Aber wenn wir die beiden Versionen des ‚Theaterstücks‘ betrachten, zeigt sich, daß sie sich vom Blickwinkel der Informationsvermittlung her nicht wesentlich unterscheiden. In beiden Fällen konnte der Herr Minister seine Informationen mitteilen, auch wenn in der ‚überarbeiteten‘ Version die Hintergrundgeräusche, das ‚Rauschen‘ wesentlich stärker waren. Dennoch unterscheiden sich die beiden Versionen deutlich und in einer wohl für alle Beteiligten spürbaren Weise. Um zu verstehen, worin dieser Unterschied besteht, muß eine erweiterte Vorstellung von Kommunikation herangezogen werden, die nicht nur auf ‚Information‘ fixiert ist, sondern die gesamte Kommunikationssituation ins Auge faßt.![55fb58e14ec092ccc4fe111de0dc6278-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/55fb58e14ec092ccc4fe111de0dc6278-img.jpg)

Die Kommunikationssituation einer öffentlichen Veranstaltung läßt sich besser verstehen, wenn die **○ Kulturelle Grammatik** einbezogen wird, die die Choreographie der Veranstaltung und die Rollen der Beteiligten bestimmt. Der Sinn einer ritualisierten Veranstaltung ist nicht vorwiegend im gesprochenen Wort und den ausgetauschten Argumenten zu suchen, sondern hauptsächlich, wer wann das Wort ergreifen darf, wer das Recht hat, zu sprechen und gehört zu werden. Die Kulturelle Grammatik regelt dies nicht in erster Linie über offen ausgeübten Zwang, sondern über die Festlegung von Sitzordnungen, Raumaufteilungen und Abläufen, also durch die Inszenierung und Ordnung des Raumes, der Körper und des Sprechens.

Insofern ist eine Wahlveranstaltung (ähnlich etwa einem Gottesdienst)unabhängig von dem, was konkret gesagt wird, ein Beitrag zur Normalisierung der Machtbeziehung zwischen Experten/Politikern/Priestern einerseits und BürgerInnen/Laien/Gemeinde andererseits. Wie in einem Gottesdienst gibt es auch bei Wahlkampfveranstaltungen eine bis hin zu den einzelnen Dialogen festgelegte Liturgie. Wer sie akzeptiert, merkt gar nicht, daß er sich nur in einem äußerst beschränkten Ausmaß äußern kann. Eben weil die Kulturelle Grammatik, die Liturgie, als Machtinstrument unsichtbar bleibt, wirkt sie besonders effektiv. Jeder Versuch einer inhaltlichen Diskussion bedeutet, sich auf das vorgegebene Setting einzulassen und in einem der Rituale des demokratischen Rechtsstaats die zugedachte Rolle zu spielen. Es ist natürlich vollkommen naiv zu glauben, der Politiker ließe sich durch irgendwelche Gegenargumente beeinflussen. Sie dienen ihm in diesem Rahmen allenfalls dazu, seine eigene Position deutlicher zu verankern und dabei zugleich pluralistisch-demokratisch-tolerante Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren. Auch die härteste inhaltliche Kritik, die im Rahmen eines ‚Dialogs mit dem Bürger‘ gegen die Positionen der Macht vorgebracht wird, bekräftigt zugleich die in die Kulturelle Grammatik eingeschriebene Hierarchie.

Ein Versuch, diese Situation aufzubrechen, muß möglicherweise zunächst an den Formen ansetzen, mit denen hier Macht produziert und artikuliert wird. Im Rahmen der Veranstaltung dürfen BesucherInnen das Wort nur zu genau festgelegten Zwecken und Momenten ergreifen. Sie können Fragen stellen, und sie dürfen sich sogar um ihr eigenes Wohlergehen (niemand soll frieren oder unter Rauch leiden) kümmern, denn als mündige Bürger tragen sie ja selbst Verantwortung für das Gelingen des Abends. Deshalb sind sie auch berechtigt, zu fordern oder dazu beizutragen, daß Störer ausfindig gemacht oder rausgeworfen werden. All diese Bereiche sind allerdings nur als Nebenschauplätze gedacht; im Zentrum der Aufmerksamkeit soll der Experte/der Politiker stehen. Diese Struktur der Veranstaltung kommt bereits in der Sitzordnung zum Ausdruck, die auf den prominenten Sprecher ausgerichtet ist. Kommt es nun zu einer wie auch immer gearteten Kommunikation unter den ‚ZuhörerInnen‘, so kollidiert diese mit der vorgesehenen Kommunikationsstruktur und wirkt deshalb automatisch als Störung.

Die Veranstaltung beginnt zu kippen, wenn die Nebenschauplätze zum Zentrum der Aufmerksamkeit werden, wenn die BesucherInnen, angeregt von einigen gut verkleideten Initiatoren (→ Happenings und Unsichtbares Theater), mehr damit beschäftigt sind, die äußeren Rahmenbedingungen zu gestalten oder Kritik am Verhalten von anderen Teilnehmern zu äußern, als dem Stargast zuzuhören. Alle Versuche des ernsthaft interessierten Publikums, aktiv die Ordnung wiederherzustellen, werden dann selbst zu Störungen. Deutlich erkennbare GegendemonstrantInnen könnten das ‚Stück‘ nicht (bzw. nur unter sehr günstigen Bedingungen) umschreiben, weil die Rolle der Protestierenden ebenso wie die entsprechenden Gegenmaßnahmen im Original durchaus vorgesehen sind. Engagierte Bürger dagegen, die unfreiwillig zu Störern werden bzw. im Stück der politischen Gegner mitspielen, kommen im Ori

ginal nicht vor. Das Chaos wird umso größer, je weniger die Macht in Gestalt von Ordnungskräften oder Stargast ‚echte‘ von ‚falschen‘ Störerinnen unterscheiden kann. Auch die ernsthaft interessierten Besucherinnen befinden sich in einer Situation, in der sie sich irgendwie verhalten müssen, obwohl die möglichen Alternativen allesamt unangebracht erscheinen: Sie können beispielsweise wie ‚zivilisierte‘ Menschen an der Scheindiskussion um offene und geschlossene Fenster etc. mitwirken und dadurch die Veranstaltung mit durcheinanderbringen, oder sie können an derselben Stelle autoritär werden, den Rausschmiß der Störer fordern. Das legitime Muster autoritär-rabiaten Saalschutzes sieht vor, daß das Innen vor dem Außen, das Wir vor den Chaoten geschützt werden darf. Das macht aber dann Schwierigkeiten, wenn sich das ‚Innen‘ der ernsthaft am Gelingen der Veranstaltung Interessierten und das ‚Außen‘ der subversiven Störer nicht klar voneinander trennen lassen.

Das Spiel mit der Verschiebung der Aufmerksamkeit vom Podium in den Saal verfolgt zwei Ziele: Es behindert effektiv den geordneten Ablauf der Veranstaltung, und es zeigt einen inhaltlichen Dissens auf, und zwar nicht auf der Ebene des vom Veranstalter vorgegebenen Themas, sondern auf der Ebene der Kulturellen Grammatik. Indem sie die Ordnung des Sprechens stören, das Wort an sich reißen, das legitim erteilte Wort zu Un-sinn entstellen oder durch Geräusche stören, machen sie diese Ordnung sichtbar (etwas ‚stimmt nicht‘) und formulieren zugleich eine handfeste Kritik daran. Statt eine eigene Veranstaltung zu machen, in der sie die Funktionsweise der Kulturellen Grammatik als Mittel der (Re)produktion von Machtstrukturen kritisieren, benützen die Kommunikationsguerillas einen bestehenden Kontext als Bühne für die bildliche und konkrete Darstellung ihres Anliegens (→ Entwendung/Umdeutung). So wie die Kulturelle Grammatik durch ihre Unsichtbarkeit funktioniert, so bleiben auch die Erfolge einer solchen Taktik, wenn es sowas gibt, unausgesprochen. Zwar ist offensichtlich, daß etwas nicht stimmt/normal funktioniert hat, aber dieser Sachverhalt wird nicht unbedingt breit und mediengerecht diskutiert. Die Verschiebung zeigt sich vor allem in der Situation und für die Beteiligten. Sie wirkt nicht auf einer theoretischen, sondern auf einer zunächst gefühlsmäßigen und unartikulierten Ebene. Das gilt gleichermaßen für die Kommunikationsguerillas wie für die Zuschauerinnen der Veranstaltung. Diese Art der Intervention arbeitet nicht mit den Mitteln der Argumentation. Gerade dadurch kann sie sehr nachhaltig wirken: Sie ermöglicht den Beteiligten einen momentan veränderten Blick auf das Ereignis ‚Wahlkampfveranstaltung‘, auf den sie bei anderen Gelegenheiten zurückgreifen können, und zwar unabhängig davon, ob die entsprechende Sichtweise theoretisch formuliert wurde oder nicht.

# Das Kraakmuseum

### Das Kraakmuseum

„Die schwarze Katze“, ein seit Jahren besetztes Haus im historischen Zentrum Amsterdams, sollte 1994 wieder einmal geräumt werden. Der etwas verlotterte Zustand des Gebäudes brachte die Besitzerinnen (niederländische Kraakers) auf eine Idee: Sie erklärten ihr Haus zum Museum. Den Medien verkündeten sie, das Haus befinde sich sozusagen im Originalzustand, und seine Einrichtung sei seit der Anfangszeit der Besetzung nie geändert worden.

***Besonders die Küche vermittelte einen hervorragenden Eindruck eines traditionellen besetzten Hauses der 80er.***

Anfangs konnte das Museum nur von „Freunden“ besucht werden, die vorher einen Termin ausmachen mußten. Dann kamen mehr und mehr Leute, das Interesse der Medien wurde geweckt, schließlich entdeckten auch Fernsehteams das „Kraakmuseum“. Ehemalige Besetzer lieferten „historische Objekte“, die in Ausstellungen präsentiert wurden. An manchen Sonntagen führte ein (Ex-)Besetzer Touristen durch das Viertel. Die internationalen Medien sahen das „Kraakmuseum“ als neuesten Beweis dafür, daß im liberalen Amsterdam alles möglich sei. Die Besetzerinnen nutzten diesen Mythos, indem sie die drohende Zerstörung des Museums als Angriff auf die Kultur anprangerten. Am Ende hält das alles nichts; Bürokraten waren noch nie besonders empfänglich für Argumente. Das Haus wurde von Sondereinsatzkommandos geräumt, berrittene Polizei trampelte die unbewaffneten Beschützerinnen des Hauses nieder. Eine unerwartete Renaissance der historischen Hausbesetzerbewegung hatte ihr Ende gefunden.

# Das Cathouse for dogs

1976 erschien in der Wochenzeitung village voice eine Anzeige für das ‚Cathouse for Dogs‘, eine Einrichtung, die für Hundebesitzer die lang vermißte Möglichkeit bot, ihren Lieblingen zu besonderen Anlässen eine kleine Freude zu bereiten: ‚Get your dog sexually gratified‘. Das Etablissement fand große Resonanz bei Hundebesitzern, aber auch bei Menschen, die eine besondere sexuelle Vorliebe für Hunde hegen. Die US-amerikanische Fernsehanstalt ABC war beeindruckt. Sie produzierte einen Dokumentarfilm über das ‚Cathouse‘, der für den ‚besten Dokumentarfilm des Jahres‘ vorgeschlagen wurde. Noch heute ist die Institution in einem Buch für Hundeliebhaber aufgelistet. Der Gründer des Etablissements, Joey Skaggs, hatte sich viel Mühe gegeben, das „Cathouse“ medienwirksam einzuführen. Zur öffentlichen Vorstellung des neuen Dienstleistungsunternehmens engagierte er 25 Schauspieler, die ihre sexuell befriedigten Hunde vorführten oder als Cathouse-Personal die knackigen Hündinnen präsentierten: „This is Luba, she has a preference for Dobermans, she is almost a virgin.“ Als der Dokumentarfilm gedreht wurde, ermittelte er Interviews mit zufriedenen Hundebesitzern und stellte den Filmemachern ein Video über das Cathouse zur Verfügung. Nach der Sendung des Films und zahlreichen Medienberichten war der Katzenjammer groß: Skaggs verschaffte sich einen zweiten großen Auftritt, als er verkündete: Ätsch, alles gefälscht!

# Chumbawamba ®

Donnergetöse und Stroboskopblitze, und aus dem Nichts tauchen die Musikerinnen von Chumbawamba auf, gekleidet wie Heimkinder kurz nach dem Aufstehen: weiße Unterwäsche aus der Altkleidersammlung. Im Verlauf des Konzerts mutieren sie in schnellem Wechsel in Boxkämpferinnen, abgealtete Geschäftsleute, Narren, Teufel, ordinäre Nonnen und KZ-Wächter.

Aus den Boxen dröhnt ein Klangteppich aus Schlagzeug und Drumcomputer, verwoben mit Loops, Samples, Folk- und Kinderliedmelodien, Rapping und afrikanischen Harmonien: „Nothing ever burns down by itself, every fire needs a little bit of help – give the anarchist a cigarette!“ Oder es kommt schon auch mal a capella dreistimmig „and we’ll never rest ‘till the last nazi died“. Viele Songs laden mit hymnenartigen Refrains wie „I don’t believe in a good cop“ geradezu zum Mitsingen ein: „We are a soundtrack.“

Chumbawamba sind bekennende Anarchistinnen. Sie kommen aus der britischen Squatterbewegung und bewohnten gemeinsam ein ehemals besetztes Haus in Leeds. Über ihre eigene Musik sagen sie: „Die Leute haben was gegen ihr bescheissenes Leben, und sie können Kunst als Ausdrucksmöglichkeit dagegen feiern oder benutzen.“ Anknüpfend an lokale musikalische Legenden wie die Gang of Four, die Delta V und speziell die Mekons, die seit den späten 70er Jahren radikale Inhalte und Lebensformen mehr und mehr mit bekömmlichen musikalischen Formen verbunden hatten, mischen sie seit 1982 in allen möglichen politischen Auseinandersetzungen in Großbritannien mit; im Kampf gegen die ‚poll tax‘ genauso wie im ‚antifascist movement‘. Sie geben eine Zeitschrift heraus – „(sic) / a magazine of dissentertainment / another sexy Chumba-wamba Product“ – mit Texten <span class="glossary-detect underline">zu</span> Mumia Abu Jamal, Überwachung des Internet, den tieferen Beweggründen von Schnauzbärtigern und Kreuzigungsaufrufen für Sir Cliff Richard, in der sie anmerken: „Oh and we make records too.“ – links, radikal und tanzbar.

[http://www.indian.co.uk/chumba/](http://www.indian.co.uk/chumba/)

Szenewechsel: Ein ganz normaler Morgen in einem deutschen Baumarkt. Kaufwütige Bästler, Heimwerkerinnen und Teppichfetischisten geben sich ihren Leidenschaften hin. Ungestört verrichten sie ihre Einkäufe und wiegen sich im Takt zur Musikberieselung. (Fasst?) keinem fällt auf, daß die melodische, eingängige Beschallung heute nicht eine James-Last-Fassung von ‚Yesterday‘ ist, sondern daß da jemand über Bluttachen ermordeter Homosexueller in einer öffentlichen Toilette, über Anarchistinnen und Zeitbomben in Bahnhofshallen singt. Here comes Chumbawamba! Aber: „Darf ein antiimperiales Karaoke-Agit-Oktett Wahrheiten durch die Kanäle des imperialen Schweinesystems verbreiten?“ (Spex 6/1991).

Einer ihrer Sängerinnen äußerte am Rande eines Konzertes in einem Gespräch mit **⬢ Luther Olissel** , daß er für unmöglich hält, Chumbawamba in Großbritannien zur Berieselung in Einkaufszentren einzusetzen. Dennoch ist die Frage, ob es tatsächlich nur die sprachliche Barriere ist, die die Vereinnahme von Chumbawamba als Konsum-Muzak <sup> ® </sup> möglich macht. Handelt es sich hier um eine **⬢ Camouflage** , bei der linksradikaler Klartext durch die eingängige Mainstream-Verpackung schmackhaft gemacht werden soll? Oder geht es um eine subversive Aneignung und Umnutzung ( **⬢ Entwendung** ) eingängiger und harmonisch gestylter Popmusik?

Hinter dem Angriff auf den Mainstream mit seinen eigenen Mitteln, den die Gruppe reitet, läßt sich tatsächlich ein Konzept von Musik als Trojanischem Pferd im Sinne der Camouflage vermuten: radikale Inhalte sollen über die Darbietungsform, die herkömmlichen Hörgewohnheiten entspricht, leichter verdaulich werden. Umgekehrt passiert durch das Zusammenbringen zweier sich scheinbar ausschließender Dinge, Mainstream-Pop und linksradikalem Anarcho-Klartext, möglicherweise aber auch das Gegenteil: die Inhalte laufen Gefahr, durch die Bekömmlichkeit der Musik entschärft <span class="glossary-detect underline">zu</span> werden, und verkommen im schlimmsten Fall <span class="glossary-detect underline">zu</span> einem lustigen Späßchen, das man nebenher auch mal mitmacht.

Doch Musik steht nicht nur für sich selbst. Sie kann ohnehin nie eine eindeutige Botschaft transportieren; ihre Rezeption ist immer ein Stück weit in den jeweiligen Kontext eingebunden. Auch wenn während eines Konzerts schnauzbärtige Biertrinker in Bomberjacken Bruchstücke des Refrains nachgrölen, heißt das noch nichts. Zugleich gibt es eine eingeschworene Fangemeinde, die alle Texte mitsingt und in der Gruppe eine Ausdrucksform für Wut und Auflehnung findet, die Spaß macht. Die Pop-Kulturzeitschrift Spex diskutiert bei jeder neuen Plattenkritik das Gruppenkonzept, und in regionalen Radiosendern werden die Texte übersetzt, so daß anarchistische Ideen wieder für einen Moment zum Gesprächsthema werden.

*„We are a soundtrack“ Interview mit Danbert Nobacon from Chumbawamba (Leeds). In: Wakefield, Stacy/Gerrit: Not For Rent. Conversations with creative activists in the U.K. Amsterdam/Seattle 1995 (Evil Twin Publications), S. 44-46.*

# California Dreaming - Pranks vom CLUI und der Cacophony Society

In den USA praktiziert vor allem in Kalifornien eine ganze Reihe von Gruppen bei ihren ‚Pranks‘ Formen der Kommunikationsguerilla. Dort brachte z.B. die Barbie Liberation Organization (BLO) mit einer medienwirksamen Austauschaktion („Reverse shoplifting“) von Sprechmodulen zwischen ‚Teen Talk Barbie‘- und ‚GI Jones‘-Puppen Geschlechterbilder in Kinderspielzeugen durcheinander.

Das in San Diego ansässige Institute of Sociometry verteilt nicht nur „Official Member“-Cards und hält Sociometry-Messen ab. Es veranlaßte das Aufstellen neuer Highway-Warnschilder unmittelbar vor der Grenze zu Mexiko. Während die US-Grenzbehörde vor illegalen Einwandrern warnt, die den Highway fluchtartig überqueren könnten, weist das Institute of Sociometry mit seinen Schildern auf die verfolgende Grenzpolizei hin. Darüber hinaus verschickt es den „Institute of Sociometry Report – by and for members“, in deren ersten Ausgabe sich auch die „offiziellen BLO-Heimwerker-Anleitungen“ finden. Gemäß ihrer Definition ist ‚Sociometry‘ die quantitative Analyse von Individuen und ihrer Beziehung zu Gruppen. Gleichzeitig betont das Institut, daß das alles nichts mit Mathematik oder Naturwissenschaften zu tun habe, vielmehr gehe es „Guerilla Sociometry“.

Auch das Center for the Land Use Interpretation (CLUI) in Los Angeles ist eine „Nonprofit“- Forschungseinrichtung. Bei der ‚Interpretation der Landnutzung‘ interessiert sich das CLUI für ganz besondere Orte. 1996 stellte das Center beispielsweise ein Erinnerungsmonument an jenem Ort in New Mexico auf, an dem 1957 ein B-36 Bomber eine Wasserstoffbombe verlor. Ein ebenso bedeutsamer Ort ist das Labor- und Testgelände in der Wüste von Utah, wo biologische und chemische Waffen entwickelt und erprobt werden (United States Army Dugway Proving Ground): „Einer der bemerkenswertesten amerikanischen militärischen Komplexe“. Um solche Orte angemessen zu würdigen, stellt das CLUI dort PhotoSpot-Schilder auf, die die Vorbekommenden auf diese ganz besonders fotogenen Plätze hinweisen. Das CLUI vertreibt zudem einen illustrierten Führer mit dem Titel „The Nevada Test Site: A Guide to Americas Nuclear Proving Ground“. Weiterhin bietet es eine Miniatur-Touristenkamera an, mit der der Betrachter vom sicheren Zuhause aus beispielsweise eine „Nevada Test Site Tour“ unternehmen kann. Ein T-Shirt mit dem von ihm kreierten PhotoSpot-Zeichen („Be a walking PhotoSpot“) ist ebenfalls erhältlich

Die Geschichte der Cacophony Society begann 1969 in San Francisco mit einem Tortenwerf-Wettbewerb (◦ Tortenwerfen). Sie wandelte sich dann zum „Selbstmordclub“, bis sie 1986 den Namen „San Francisco Cacophony Society“ annahm. Es gibt weitere „Ortsgruppen“ in Los Angeles, Portland und Seattle. Die Cacophony Society umfaßt 600 lose organisierte „merry pranksters“, die alle möglichen Formen von Aktionen, insbesondere aber ◦ Happenings und ◦ Unsichtbares Theater, betreiben. Sie begreift sich selbst als politisch ungebundene Untergrundbewegung ohne feste Strukturen, Regeln oder Vorsitzenden sowie als „often nonsensical“. In Los Angeles werden regelmäßig Informationsblätter herausgegeben. Die Cacophony Society erfindet Organisationen, faket Ereignisse und veranstaltet illegale Partys als Happenings. Explizit politische Aussagen sind ihr fremd. Die Lust am Unsinn und Chaos („Support the powers of chaos in your community“) dominiert die meisten Aktionen. Und ihre letzte „Helter Skelter“- Party mit den neuesten Charles Manson-Filmen war wirklich gut.

# Büro für ungewöhnliche Maßnahmen

„Wenn die Politiker zu immer erbärmlicheren Mitteln greifen, und die so geschaffenen Tatsachen einen deprimierenden Schatten über uns werfen, dann ist es eine Aufgabe der Kunst, diese Politik der Lächerlichkeit preiszugeben und für die Menschen das Lachen, die Erhabenheit, die Lebenslust und die Widerstandskraft wieder zurückzugewinnen. ... Kunst und Theater als öffentliche Operation; als öffentliche Inszenierung unserer Phantasie. Als sinnfällig-Machen von Realitäten, die nach Veränderung schreien. Phantasie als Motor für Kritik und Veränderung — das ist der Kern des ‚Büro für ungewöhnliche Maßnahmen‘.“

(Selbstdarstellung zit. n. De Schnüss 5/1988, Bonn)

In der Grauzone zwischen Kunst und Politik agiert seit 1987 das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen in Berlin. Sein konzeptioneller Schwerpunkt liegt in politischer Aktionskunst und „Real-Montagen“ im Öffentlichen Raum. Hervorgegangen ist es aus einer Kreuzberger Gruppe von KünstlerInnen, DesignerInnen, und AutodidaktInnen, die sich 1977 zusammengeschlossen hatten, um für mehr Pep, Witz und Kreativität bei linken Plakaten, Kampagnen und Aktionen zu sorgen. Die Arbeit der Gruppe entwickelte sich im Laufe der Zeit von Service- und Layout-Leistungen hin zur Konzeption ganzer Aktionen („Demonstrations-Design“).

Beispielsweise wurden 1987 Proteste gegen die Aufhebung der Mietpreisbindung in Berlin lichtstark an Fassaden geworfen und zusammen mit Volkszählungsboykott-Initiativen Aktionen in der U-Bahn durchgeführt.

Anläßlich des Reagan-Besuchs im Sommer 1987 fand eine mehrstündige polizeiliche Totalabriegelung Kreuzbergs statt. SO 36 wurde in Vorbeugehaft genommen. Wenige Tage darauf, am 17. Juni, erhielt der Berliner Senat die entsprechende Antwort. Auf der Kottbuser Brücke nahm ein satirisch inszeniertes Spektakel seinen Lauf: die Errichtung eines „Anti-Kreuzberger-Schutzwalls“. Davor posierte ein neu ernannter Senator für Inneres und Architektur in Frack und Zylinder. Den verblüfften Passanten wurde erklärt: „Liebe Berlinerinnen und Berliner, wir lassen unser schönes Berlin nicht von den Kreuzberger Anti-Berlinern kaputt machen ... Aus diesem Grund hat der Berliner Senat nach dem durchschlagenden Erfolg der Kreuzberger Blockade zum Reagan-Besuch in geheimer Sitzung den Bau des Anti-Kreuzberger Schutzwalls beschlossen.“

Die Macherinnen dieser Aktion bekamen eine ganz ordentliche Portion Ärger. Ihnen wurde zur Last gelegt, gegen das Versammlungsgesetz verstoßen zu haben und der „Verdacht der Nötigung“ wurde von Senat bzw. Juristerei ziemlich schnell ausgesprochen. Die Aktion hatte nicht nur juristische Konsequenzen: In ihrer Folge wurde das „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ gegründet.

Als sich im September 1988 die „Herren der Welt“ von IWF und Weltbank in Berlin ein Stelldichein gaben, war „das Büro' mit von der Partie. Es veranstaltete eine dreitägige Trommel- und Lichtsession auf dem Breitscheidplatz, die aufgrund massenhafter Teilnahme trotz Verbot stattfinden konnte. Auch an anderen Orten der Stadt waren sie mit theatralischen \\circ Happenings präsent, die sich sowohl an ‚die Herren‘ als auch die ‚gemeine BerlinerIn‘, den aus der gesamten Bundesrepublik angereisten Chaoten, Demonstranten, ‚Dritte-Welt‘-Bewegte und nicht zuletzt die internationale Presse richteten. Die Aktion mit den drei B's, „Bürger beklatschen Banker“, wurde den Beklatschten so lästig, daß die Cops nicht nur einmal den Kopf verloren und Applaudierende verdroschen.

Mit solchen ungewöhnlichen Formen Öffentlichkeit zu schaffen ist das Ziel des ‚Büros‘. Mit immer wieder neuen und überraschenden Ideen tritt es oft unvermittelt auf. Immer wieder gelingt es dabei, sich mit spektakulären Aktionen die mediale Aufmerksamkeit zu sichern. Exklusiv zur ‚BerlinerIn‘ im Februar 1993 lud das Büro zum Staatsakt am historischen ‚Fluchtgelände‘ in der Bernauer Straße. Bei einem Sektempfang mit Vertretern von Regierung, Kirche und Europäischer Gemeinschaft erfolgte der 1. Spatenstich des ‚Asyl-Tunnels Berlin-Temeswar‘. Mit diesem Tunnel, so die Initiatoren, sei es der Bundesrepublik gelungen, einen entscheidenden Schlag gegen das internationale Schlepperbandentum durchzuführen und gleichzeitig das Grundgesetz zu retten: Jetzt könnten nicht mehr nur Flüchtlinge der „Jet-Set-Klasse“ Asyl begehren, sondern auch „die wirklich Verfolgten“ per Tunnel aus einem nicht-sicheren Drittstaat in die Bundesrepublik gelangen. Feierlich wurde der „Tunnel der Nächstenliebe“ begrüßt, nicht jedoch ohne den Hinweis „Sollten allerdings Zigeuner, Kommunisten oder polnische Autoschieber dieses humanitäre Projekt verstopfen, kann der Tunnel im Rahmen des Kanalbauprogrammes auch jederzeit geflutet werden“ (Neues Deutschland, 25. 2. 1993). ☞

# Batterien zurück an die Firma Sonnenschein

![f6edffda49f7b617b890fcc1ef55d0d3-img.jpg](https://wiki.aktivismus.org/uploads/images/gallery/2026-05/f6edffda49f7b617b890fcc1ef55d0d3-img.jpg)

Liebe Mitbürger! Batterien gefährden unsere Umwelt. Sie gehören nicht in die Müllkübel. Die Bundespost garantiert jetzt eine einwandfreie Entsorgung. Bitte werfen Sie Ihre gebrauchten Batterien in die Briefkästen der Bundespost. Helfen Sie mit, Ihnen und Ihrer Umwelt zuliebe! Der Bundespostminister Dr. Schwarz-Schilling in Zusammenarbeit mit der Batteriefabrik Sonnenschein

Nachdem die guten Verbindungen der Geschäftsführerin der Batteriefabrik ‚Sonnenschein‘, Frau Schwarz-Schilling, zum Bundespostministerium Ende der achtziger Jahre bekannt und die Firma als Joint-Venture-Unternehmen der Post geoutet wurde, fand dieser Aufkleber reißenden Absatz und zierte schließlich so manchen Briefkasten. Offenbar packten nicht wenige BürgerInnen diese Gelegenheit beim Schopf und entledigten sich auf diese einfache Art und Weise ihrer alten Batterien.

# 1980 – zehn Jahre zu früh: „Wiedervereinigung! Jubel, Jubel, Jubel!“

Im Sommer 1980 erfahren überraschte Deutsche an den Kiosken der Adria-Touristenstädte eine sensationelle Neuigkeit. In dicken Lettern prangte auf einer täuschend echt aussehenden Bild-Zeitung: „Wiedervereinigung! Jubel, Jubel, Jubel!“ Etwas kleiner dann: „Schmidt geheim mit Honecker“, „Die Bombe platzte auf der Wartburg“ und: „Unglaublich: Schmidt und Honecker weinten!“ Mit diesem in 30.000 Exemplaren verbreiteten Fake sorgte die Zeitung „Il Male“ für einigen Wirbel. Einige deutsche Touris am Teutonengrill packten Hals über Kopf ihre Zelte ein und fuhren schnurstracks in Richtung Berlin. Groß war das Erstaunen, als dort noch immer Grenzkontrollen stattfanden, und anscheinend gingen bei der Bild-Zeitung einige Beschwerden ein. Da soll nochmal jemand sagen, die Bild-Leser würden ihrer Zeitung nicht glauben.

# "Togo bleibt deutsch"

hieß es auf Plakaten während der Stuttgarter CDU-Feiern zum 17. Juni irgendwann in den 60er Jahren. Sie wurden aber nicht von CDU-Mitgliedern getragen, sondern von Jürgen Holtfreter und Peter Grohmann vom „Druckhaus Wangen“. Beide hatten sich auf kunstvoll organisierte Störungen von antikommunistischen Kundgebungen spezialisiert. Sie beteiligten sich an solchen Veranstaltungen, indem sie dort aufmarschierten und Plakate mit sich führten, die das Anliegen der Konservativen deutlicher zum Ausdruck brachten, als diese selbst es konnten: „Togo bleibt deutsch: Es gibt keine DDR“ oder „Todesstrafe für Verzichtpolitiker“.

„Togo bleibt deutsch“: Mitte der 60er Jahre

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# „Nackte Tatsachen“ gegen Playboy

Im puritanisch ländlichen Iowa des Jahres 1969 sollte ein von der Universität geladener PLAYBOY-Manager einen Vortrag zum zeitgemäßen Umgang mit Sexualität halten. Dabei wurde der Experte in Sachen bildhafter Verdinglichung von Frauen selbst zum Objekt. Kaum hatte er zu sprechen begonnen, fand sich ein Dutzend für das Herrenmagazin untypische Leserinnen im vollbesetzten Hörsaal ein. Bereits ihre Schilder und Schrifttafeln mit Texten wie „Read PLAYBOY - your penis will grow one inch!“ oder „Playmate of the month“ brachten seinen bis dahin souverän-jorialen Redefluß ins Stocken. Die Neukömmlinge, Aktivistinnen der Gruppe WITCH (Women's International Terrorist Conspiracy from Hell), setzten sich und hörten gelangweilt mehrere Minuten den schon unsicherer daherkommenden Männerphantantasien zu. Dann standen sie plötzlich eine nach der anderen auf, um sich in aller Ruhe ihrer Kleider zu entledigen. Diese Szenerie bekam einen beinahe religiösen Anstrich, als ein männlicher Aktivist eine Gitarre in die Hand nahm und das Geschehen musikalisch begleitete. Angesichts einer solchen Demonstration nackter Tatsachen verschlug es dem Sexismus-Manager vollends die Sprache. Doch damit nicht genug; an das leise Strip-in schloß sich noch ein lautstarkes Teach-in an. In weniger als einer halben Stunde blieben von der Playboy-Philosophie nur noch Fetzen übrig. Und dabei hatte er noch Glück: SCUM (Society for Cutting up Men) hätte es wohl nicht bei dieser vergleichsweise wenig handgreiflichen Form bewenden lassen. Die kurze Demonstration blieb nicht ohne Folgen: Das Parlament von Iowa wetterte einen inneren Zusammenhang zwischen Obszönität, Gewalt und Radikalität und setzte einen Untersuchungsausschuß ein, der ein Verfahren einleitete – angeklagt wurde jedoch nicht der Phallosoph, sondern WITCH und die beteiligten StudentInnen. Männerlogik ...

# „Burn, warehouse, burn!“ oder wie die K 1 eine Brandstiftung erfindet

Am 24. Mai 1967 veröffentlichte die Kommune 1 ein Flugblatt („Neue Demonstrationsformen in Brüssel erprobt“). Sie erklärte ein Brandunglück im Brüsseler Kaufhaus À L’Innovation“, bei dem 300 Menschen den Tod fanden, nachträglich zum Ergebnis eines „Großhappenings“ gegen den Vietnamkrieg, erfindet einen politischen Hintergrund und gab es als zielgerichtete Brandstiftung aus. „Vierne belgischen Freunde ... hätten es geschafft, „die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: Sie zündeten ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben und Brüssel wird Hanoi.“

Die belgische Polizei, so das Flugblatt, würde die wahre Ursache verschweigen, um nicht Nachahmungsstaten zu provozieren.

In einem weiteren Flugblatt („Warum brennst Du, Konsument?“) hieß es: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen ermittelt zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen ... Wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Maß nicht überschritten wird, dem Kühnen und dem Unkonventionellen, das bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.“ Im letzten Flugblatt („Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“) schließlich sah die Staatsanwaltschaft „unmißverständlich die unerholte Aufforderung, auch in Berlin mit brennenden Warenhäusern für Vietnam zu ‚demonstrieren‘“: „Wenn es irgendwo brennt in nächster Zeit ..., seid bitte nicht überrascht ... Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: Burn, warehouse, burn!“ Die verbalen Attacken der K 1 hatten einen neuralgischen Punkt getroffen: das Kaufhaus als Symbol der kapitalistischen Warenwelt und Ausdruck der Normalität der Konsumgesellschaft. Allein die Vorstellung, daß der Ort des täglichen Konsumrauschs von terroristischen Angriffen bedroht sein könnte, war Provokation genug. Der nächste Akt des Schauspiels folgte im Gerichtssaal.