# Einführung in Preparedness und Kollapspolitik

In diesem Buch finden sich gesammelte Texte, zu der Frage, warum Community Preparedness, also das solidarische Vorbereiten auf Katastrophen und einen möglichen gesellschaftlichen Kollaps sinnvoll ist. Es geht auch um die Frage, wie sich linke, solidarische Ansätze des "Preppens" von dem klassischen Bild des rechtsextremen Preppers unterscheidet.  
(Titelbild: Marcus Kauffmann)

# Warum solidarisch Preppen sinnvoll ist

# 7 Mythen übers solidarische Preppen

Ich freue mich sehr, Teil der aktuell entstehenden Kollaps-Bewegung zu sein, während sie noch danach sucht, was sie genau sein will. Als kleiner Teil dieses großen Prozesses gibt es in meiner Stadt seit Kurzem eine Gruppe, die sich nach einer Veranstaltung mit Tadzio gegründet hat und sich langfristig damit auseinandersetzen will, wie wir vor Ort solidarisch preppen können. In den ersten Diskussionen, die wir miteinander führten, fiel mir auf:

Es gibt gewisse Glaubenssätze, die häufig wiederholt werden, wenn es um prepping geht. (Interessanterweise auch von Menschen, die eigentlich ein Interesse haben, zu preppen und extra dafür zu einer entsprechenden Veranstaltung kommen.) Viele dieser Glaubenssätze zeugen von Zweifel, Skepsis und Ablehnung gegenüber der Idee des Preppens - Ablehnung, die nicht sein müsste, weil sie meiner Meinung nach auf Misverständnissen beruht.

Ich halte es für wichtig, mit einigen dieser Misverständisse aufzuräumen. Denn gerade am Anfang unserer Suche danach, was solidarisches Preppen sein kann und muss, sollten wir uns von ihnen nicht bremsen lassen. Daher folgt hier meine Top-7-Liste der häufigsten und schädlichsten Misverständnisse über Preppen:

*1. "Preppen ist egoistisch"*

Mir scheint, wir Linken haben eine geradezu angsterfüllte Abwehr gegenüber Egoismus und dementsprechend vor Handlungen, die nur uns selbst dienen. Dass man preppen aber sinnvollerweise immer zuerst von sich selbst her denken muss, hat Tadzio neulich schon unter dem Stichwort "Politik der ersten Person" beschrieben.

Bei unseren Diskussionen in der sich neu findenden solidarisch-preppen-Ortsgruppe fiel deshalb mehr als einmal der Satz: "Ich finde preppen (zu) egoistisch".

Ich behaupte: Selbstbezogenheit ist für preppen nicht nur notwendig, sondern in diesem Fall sogar eine Voraussetzung für Altruismus.  
Nehmen wir als Beispiel eine Flutkatastrophe, in deren Folge dein Dorf mehrere Tage von der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern abgeschirmt ist. Stell dir vor, du hast einen Vorrat an haltbaren Lebensmitteln, Trinkwasser und Erste-Hilfe-Sets und all das in weiser Voraussicht nicht im Keller, sondern auf dem Dachboden gelagert, sodass du jetzt gut daran kommst.

Dein Vorbereitet-Sein hat jetzt gleich drei Effekte:

a. Dir ist geholfen (gut für dich)

b. Dir muss von anderen nicht mehr geholfen werden. Eventuell eintreffende Hilfstrupps oder andere hilfsbreite Nachbar\*innen müssen dich nicht versorgen und können ihre begrenzte Ressourcen einsetzen, um anderen Menschen Hilfe zu leisten (gut für die Hilfeleistenden und die Hilfsbedürftigen)

c. Du bist in der Lage, anderen zu helfen. Einerseits natürlich, weil du selbst wohlauf und nicht hungrig, verletzt, eingesperrt oder schlicht psychisch auf die Situation unvorbereitet bist. Andererseits hast du durch dein eigenes prepping vielleicht Ressourcen oder Wissen, das du jetzt teilen kannst. (gut für alle)

In der Katastrophe gilt zwar nicht "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht." Dafür aber "an wen bereits gedacht wurde bzw. wer frühzeitig an sich selbst gedacht hat, kann im entscheidenden Moment an andere denken."

(Dieser Gedanke ist übrigens inspiriert von dem Podcast *Live Like The World Is Dying,* den ich gar nicht warm genug empfehlen kann.)

Der Ruf des Preppens als etwas Egoistisches kommt auch von der Vorstellung von Preppern als Recht(sextrem)e, für die an-sich-selbst-denken nicht die Vorstufe zum Solidarisch-Sein ist, sondern ein Selbstzweck. Wir dürfen uns davon aber nicht verlocken lassen, gar nicht an uns selbst zu denken, in dem Versuch, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was Rechte tun, weil es Rechte sind. Das führt uns zu dem nächsten Glaubenssatz:

*2. "Solidarisches Preppen heißt nicht, Lebensmittel und Waffen in Bunkern zu horten"*

Diesen Satz habe ich unzählige Male gehört und selbst mehrfach wiederholt, bis netterweise ein junger Mann darauf hinwies, dass damit etwas nicht stimmt:  
"Der Satz suggeriert, dass Lebensmittel horten etwas schlechtes oder falsch sei, nur weil es das ist, was Nazi-Prepper machen. Ich glaube, dass Nahrungsmittelvorräte extrem wichtig sind. Es gibt so viele denkbare Szenarien, in denen die Lebensmittelversorgung nicht mehr funktioniert und wir alle sterben nach einiger Zeit ohne Essen."

Wo er recht hat, hat er recht...

Wenn unsere aktuell bestehenden Versorgungssystem zusammenbrechen, können wir natürlich nicht bis in alle Ewigkeiten von Trockenobst und Müsli aus unseren Kellern überleben. Langfristig müssen dann andere, lokale, dezentrale, resiliente Systeme geschaffen werden (deshalb macht es Sinn, vorher schon Gärtnern zu lernen). Es wird aber eine Übergangsphase geben, bis diese Systeme aufgebaut sind und um die überleben zu können, sind vorher angelegte Vorräte der sicherste Weg.

Dass es dabei nicht aufhört, ist ja klar. Solidarisch sein, gegenseitige Hilfe leisten und nicht nur uns selbst, sondern möglichst vielen Leuten zum Überleben verhelfen zu wollen, ist essentiell und das, was uns wirklich von rechten prepping-Ansätzen unterscheidet.

*3. "Sollen wir jetzt für Naturkatastrophen oder aufkommenden Faschismus preppen?"*

Dies ist zwar weniger ein Glaubenssatz als viel mehr eine Frage, die in unserer entstehenden Ortsgruppe immer wieder gestellt wurde. Hinter dieser Unsicherheit steckt aber die Annahme, dass Faschismus und Klimakollaps - wenn auch durch einen gemeinsamen Ursprung verbunden und sich gegenseitig anfeuernd - doch unterschiedlich von uns bekämpft werden müssen. Auf den ersten Blick stimmt das auch: einem Nazi, der dich verprügeln will, musst du anders begegnen als einer Hungersnot.

Aber: Zeiträume und Orte des Kollaps werden in vielerlei Hinsicht Wettbewerbe zwischen verschiedenen Organisationsmodellen sein. Wenn bekannte Systeme, nach denen sich unsere Gesellschaft organisiert, nicht mehr funktionieren - und zwar nicht nur in dem abstrakten Sinne, den wir Linke meinen, wenn wir sagen "der Kapitalismus hat ausgedient", sondern ganz konkret und greifbar, weil kein Essen mehr in den Supermärkten ist und man nicht mehr einfach Bedürfnisse gegen Geld eintauschen kann - dann stellen sich alle die Frage: was jetzt? Menschen werden versuchen, Antworten auf die Frage zu finden, wie es zum Kollaps kommen konnte und wie es jetzt weitergehen muss, damit sie überleben können.  
Grob heruntergebrochen können sie dabei zu zwei Schlussfolgerungen kommen: entweder sie halten mehr Autorität (starken Führer, mehr staatliches Durchgreifen, mehr Recht und Ordnung, notfalls mehr Gewalt, etc.) für den richtigen Weg oder weniger Autorität/ mehr Selbstorganisation. Im ersten Fall werden sie anfällig für faschistische Narrative, in Letzterem gibt es eine Chance, dass sie Genoss\*innen werden.

Diese Entscheidung - ob Menschen im Kollaps zu Faschisten oder Linken/Anarchist\*innen/ you name it werden - wird vor allem dadurch geprägt sein, welches Lager ihnen am effektivsten zum Überleben verhilft. Schaffen es autonome oder faschistische Organisationsformen besser, im Kollaps Grundbedürfnisse zu erfüllen? Diejenigen werden mit einem enormen Zuwachs an Unterstützer\*innen rechnen können.

Das Motto im Kollaps lautet "wes Brot ich ess, des Lied ich sing", denn wer mir im Kollaps noch Brot (oder ein anderes beliebiges Grundbedürfnis) organisieren kann, der hat anscheinend das bessere Organisationsmodell. Gut vorbereitet und effektiv handlungsfähig zu sein ist dann gleichzusetzen mit Mobilisierung für das eigene Organisationsmodell bzw. die politische Ideologie.

Deswegen ist es ein antifaschistischer Akt, wenn wir im Kollaps beweisen können, dass man Faschisten und Faschismus nicht braucht, um überleben zu können - dass es ohne sogar besser geht.

Wenn wir gut preppen, können wir nicht nur überleben, sondern dadurch auch verhindern, dass andere zu Faschisten werden bzw. sie im besten Fall zu Antifaschist\*innen machen. Naturkatastrophen überleben und Faschismus verhindern hängt somit direkt zusammen.

*4. "Preppen heißt den Kollaps akzeptieren"*

Hinter diesem Glaubenssatz steckt die Unterstellung, wer preppt, der beschwöre den Untergang erst herbei. Hier sehe ich übrigens Parallelen zu dem *killing-the-messanger-Verhalten* der Arschlochgesellschaft gegenüber Klimaaktivist\*innen, nur dass dieser Vorwurf oft selbst von Klimaaktivist\*innen kommt, die das Gefühl haben, Verbündete für Klimaschutz "ans Preppen zu verlieren". Wer preppt, akzeptiere den Untergang, statt zu versuchen ihn zu verhindern und ist damit auch Schuld daran.

Kollaps verhindern *oder* sich darauf vorbereiten - was wenn nicht nur beides geht, sondern beides *das Gleiche* ist, sodass man sich gar nicht entscheiden *kann*, selbst wenn man es wollen würde?

Was genau ist denn solidarisches preppen? In meiner Vorstellung besteht es aus einigen Komponenten, zu denen gehören:

- Aufbau tragfähiger sozialer Netze und Gemeinschaften
- Trainieren der Fähigkeiten, die man braucht, um gemeinsam, schnell und effektiv auf Situationen reagieren zu können
- Lernen, unsere eigenen Bedürfnisse unabhängig von zentralen Versorgungssystemen befriedigen zu können
- Umbau unserer Umgebung, damit sie resilienter gegenüber Katastrophen ist (zB durch Entsiegelung von Böden, Aufforstung, Umwandlung von Mono-Kulturen in gesunde Ökosysteme, etc.)

Sind das nicht genau die Dinge, die wir bräuchten, um den Klimakollaps - wenn es denn noch möglich ist - aufzuhalten bzw. möglichst weit einzudämmen? Starke, politisch wirksame Gemeinschaften, die sich immer unabhängiger von den kapitalistischen Versorgungssystemen machen, die unsere Welt zerstören, während gleichzeitig Orte und Infrastruktur ökologischer und nachhaltiger gemacht werden - für mich klingt das nach einem Rezept für Systemwandel, mit dem positiven Nebeneffekt, dass es uns auch hilft, den Kollaps zu überleben, falls der Systemwandel nicht mehr rechtzeitig klappt.

*5. "Preppen kann appellativ sein"*

Politische Veränderungen erwirken oder sich auf den Kollaps vorzubereiten, ist nur dann ein Widerspruch, wenn man engstirnig genug ist, um politische Veränderung lediglich in appellativer Politik zu sehen. Denn Preppen wird niemals appellativ sein. Es geht ja gerade darum, überleben zu können, wenn bestehende Macht- und Versorgungsstrukturen nicht mehr greifen, weshalb es Quatsch wäre, den Staat/ die Regierung darum zu bitten, sich für uns auf Katastrophen vorzubereiten.

In Katastrophen können wir uns nicht auf den Staat verlassen. Wenn wir uns selbst helfen können wollen, müssen wir die Schritte dahin selbst unternehmen. Daran führt kein Weg vorbei.

Zu denken, wir würden nichts mehr verändern wollen, nur weil wir aufhören, die Mächtigen um Veränderung zu bitten und die Dinge selbst in die Hand nehmen, sagt viel über die Gewöhnung an appellative Politik aus. Diese Gewohnheit spiegelt sich auch in der Auseinandersetzung mit Preppen wieder, wenn Menschen meinen, dies bedeute lediglich Kampagnen zu starten, um die Regierung dazu zu bringen, mehr Geld in staatliche Klimaanpassungs-maßnahmen zu investieren (habe ich mehr als einmal gehört).

  
*6. "Preppen ist so abstrakt, weil es nur um die Zukunft geht"*

Das Klima könnte zwar das Letzte sein, was der Kapitalismus unwiderruflich zerstört, es ist aber nicht das Erste. Im Namen dieses Wirtschaftssystems werden seit Jahrhunderten Gemeinschaften, Landschaften und Lebenswege vernichtet. Zu glauben, Kollapse seien lediglich eine Sache der Zukunft, ist deshalb eine ignorante und privilegierte Sichtweise. Für viele indigene Gemeinschaften hat der Kollaps ihrer Welten bereits vor Jahrhunderten stattgefunden, während für viele Menschen das Leben hier und heute einer Dauerkatastrophe gleichkommt. Wer nicht weiß, wie im nächsten Monat das Essen auf den Tisch kommen soll oder ob die nächste Polizeikontrolle bedeutet, erschossen zu werden; wer heute schon rechte Gewalt fürchten muss oder aus der eigenen Heimat vertrieben wurde, der lebt bereits im Ausnahmezustand. Das alles sind Realitäten, die hier und heute (und seit Jahrhunderten) existieren - dafür braucht es gar keinen zusätzlichen Klimakollaps.

Klar, der Klimakollaps wird alles *noch* *viel* schlimmer machen, aber die Katastrophe ist für viele schon da. Wir können nicht so tun, als würden die Probleme erst in der Zukunft beginnen, nur weil wir vielleicht glücklich genug sind, selbst noch nicht betroffen zu sein.

Konsequenterweise bedeutet Preppen also auch ein Handeln im und für das Hier und Jetzt. Wenn wir Praktiken entwickeln, um Unterernährung, fehlende medizinische Versorgung, eskalierende rechte Gewalt - und tausend andere Dinge, die uns in Zukunft Probleme bereiten werden - selbstorganisiert zu bekämpfen, dann lasst sie doch direkt nutzen, um denjenigen zu helfen, die davon schon heute betroffen sind.

*7. "Preppen ist so pessimistisch"*

Anzuerkennen, dass das bestehenden System bereits eine Dauerkatastrophe ist, ist auch die Voraussetzung für den nächsten Schritt: sowas wie Optimismus wiederzufinden (oder sich davon frei machen, dass Beschäftigung mit Kollaps notwendigerweise super pessimistisch sein muss).

Das System des Normalwahnsinns kollabiert. Es gibt tausend Wege wie dadurch alles noch schlimmer, noch wahnsinniger werden kann. Aber weil es bis jetzt auch nicht wirklich gut lief in diesem Kapitalismus, gibt es auch tausend Wege wie danach etwas besseres kommen kann- zumindest an manchen Orten und für manche Zeiträume. Daran zu glauben und es gleichzeitig nicht dem Zufall zu überlassen, sondern dafür zu arbeiten, dass in, nach und trotz der Katastrophen Räume des schönen, solidarischen Zusammenlebens entstehen, das ist Prepping. Deshalb ist Preppen meiner Meinung nach etwas extrem optimistisches. Der Glaube, dass es sich lohnt, weil trotz Kollaps Schöne Dinge entstehen können.

# Aufständige Gegenseitige Hilfe

# Von Mobilisierung zu aufständiger gegenseitiger Hilfe

Übersetzung eines Textes der „Curious George Brigade“

Während sich zu viele Anarchist\*innen über das Ende der ausgelassenen Antiglobalisierungsmobilisierungen des letzten Jahrzehnts die Hände ringen, schmieden andere Pläne für einen Widerstand durch direkte Aktionen an Orten, an denen wir eine Chance auf Erfolg haben. Die Wahrheit ist: Zwar haben wir in den Jahren nach Seattle viele wertvolle organisatorische und taktische Lehren gezogen, doch der Großteil unserer Energie floss in weitgehend symbolische Aktionen. Die wahre Stärke dieser Mobilisierungen lag eigentlich in der Organisation: in der Fähigkeit, viele Menschen für die Möglichkeit des Widerstands gegen den globalen Kapitalismus zu sensibilisieren und als Katalysator für regionale und internationale Netzwerke zu wirken. Zu keinem Zeitpunkt drohten diese Mobilisierungen tatsächlich, den Weltkapitalismus zu beenden, die Staatsmacht ernsthaft in Frage zu stellen oder auch nur ein sozio-geografisches Territorium zu befreien. Als Anarchist\*innen ist es jetzt nicht an der Zeit, den Tod der „Anti-Globalisierungs“-Mobilisierungen zu betrauern, sondern zur nächsten Phase unseres Widerstands überzugehen – zur aufständischen gegenseitigen Hilfe.

> **Aufstand** – eine organisierte Rebellion, die darauf abzielt, eine bestehende Regierung durch Subversion, Sabotage und direkten Widerstand zu stürzen, wobei die Legitimität und Wirksamkeit der Regierung in Frage gestellt wird.

Durch Handeln und indem wir lernen zu handeln werden wir einen Weg zum Aufstand ebnen. Propaganda spielt zwar eine Rolle, doch diese beschränkt sich darauf, Handlungen zu erklären, nicht sie anzustacheln, da ihr Kontext von den Handlungen der Menschen abhängt. Einfach ausgedrückt: Warten lehrt nur das Warten; im Handeln lernt man zu handeln.

Die Kraft eines Aufstands liegt nicht in der militärischen Reaktion des Staates, sondern in dem sozialen Umbruch, den er auslöst. Jenseits des oberflächlichen bewaffneten Zusammenstoßes sollte die Bedeutung einer bestimmten Revolte daran gemessen werden, inwieweit es ihr gelungen ist, die Lähmung der Normalität in einem bestimmten Gebiet und darüber hinaus auszuweiten. Die Zapatista sind ein aktuelles Beispiel dafür. Ihr begrenzter militärischer Zusammenstoß mit der Regierung in San Cristóbal am Neujahrstag 1994, der weniger als zehn Tage dauerte und 150 Todesopfer forderte, war ein Beispiel für einen Aufstand. Er war ein Erfolg, nicht wegen eines überwältigenden militärischen Sieges, sondern weil es gelang, die Normalität in Chiapas zu stören – was bis heute andauert. In jüngster Zeit haben die Zapatisten diese Basis in Chiapas genutzt, um die Legitimität des mexikanischen Staates erneut in Frage zu stellen, und haben ihre Aktivitäten über Chiapas hinaus ausgeweitet.

Es ist diese potenzielle Ausweitung, die einem Aufstand seine Kraft verleiht und die Angst antreibt, die hinter der Reaktion des Staates steht. In einer Krise oder Notsituation ist das Glück auf der Seite der Rebellen, da Krisen naturgemäß (wenn auch nur vorübergehend) außerhalb der Kontrolle der Regierungskräfte liegen. Regierungen verfügen über zahlreiche Notfallpläne, um mit einer Vielzahl von „akzeptablen Abweichungen“ \[tatsächlicher Begriff aus FEMA-Dokumenten\] umzugehen, doch es mangelt ihnen an Vorstellungskraft, und die schwerfällige Bürokratie, die alle Regierungen beherrscht, erschwert es ihnen, auf neue Situationen zu reagieren. Wenn etwas außerhalb ihres Vorstellungsvermögens liegt, sind sie nicht in der Lage, zu improvisieren. Von einer Notsituation bis zur Entstehung selbstorganisierten Widerstands ist es oft nur ein kleiner Schritt. Argentinien ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie sich eine Wirtschaftskrise in eine echte Gegenkraft zum Kapitalismus und zum Staat verwandeln kann.

> **Gegenseitige Hilfe** – die freiwillige Bereitstellung oder Weitergabe von Ressourcen, Arbeitskraft oder Gütern an andere innerhalb einer gemeinsamen Gemeinschaft bzw. gemeinsamer Gemeinschaften in der Erwartung, dass die gesamte Gemeinschaft im Gegenzug davon profitiert.

Gegenseitige Hilfe ist ein Konzept, das vielen Anarchisten vertraut ist, aber oft nicht vollständig verstanden wird. Gegenseitige Hilfe ist weder Wohltätigkeit noch ein barockes Tauschhandelssystem. Sie lehnt die „Wie du mir, so ich dir“-Psychologie des modernen Kapitalismus ab und stellt gleichzeitig den Albtraum der kommunistischen Verteilung in Frage. Gegenseitige Hilfe ist freiwillig geleistete Hilfe (in Form von Dienstleistungen und Ressourcen) für andere in unserer Gemeinschaft. Die Idee dahinter ist, dass, wenn sich die Mitglieder der Gemeinschaft gegenseitig helfen, die gesamte Gemeinschaft davon profitiert und dies wiederum die individuellen Ziele jedes Einzelnen unterstützt. Es unterscheidet sich nicht wesentlich vom einfachen Konzept des Teilens. Gegenseitige Hilfe fördert, ebenso wie NGOs, der zentralistische Kommunismus und der Kapitalismus, ein bestimmtes ideologisches System. Im Falle der gegenseitigen Hilfe unterstützt sie eine libertäre Ideologie, bei der den Individuen vertraut wird, wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, die der gesamten Gemeinschaft zugutekommen.

Der Staat und seine Handlanger gehen davon aus, dass Wohltätigkeit ein wirksames Instrument zur Wiederherstellung des Status quo ist. In ihrem jüngsten Bericht über den Hurrikan Katrina fasste die FEMA die Logik des Staates bei der Bereitstellung von Hilfe für die Betroffenen zusammen: „Jede Hilfe sollte strategisch eingesetzt werden. Der Einsatz nachhaltiger Hilfsgüter muss so gesteuert werden, dass der Gehorsam gegenüber dem Notfallplans maximiert wird. Leider kann dies die Bereitstellung einiger Hilfsleistungen verzögern, doch die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der Kontrolle in den ersten Tagen darf nicht unterschätzt werden.“

Es überrascht nicht, dass unsere Politiker bereit sind, uns sterben zu lassen, um ihre fehlgeleiteten Pläne zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung umzusetzen. Gerade in dieser Zeit des Zögerns der Regierung müssen wir vor Ort sein und echte Solidarität mit jenen zeigen, vor denen der Staat Angst hat und denen gegenüber er gleichgültig ist. Solidarität ist mehr als das Abhalten von Protesten, das Organisieren von Spendenaktionen und das Verfassen von Indymedia-Berichten. Echte Solidarität erfordert Engagement, Risikobereitschaft und Vorbereitung. Gegenseitige Hilfe ist eine Kampfansage an die Regierung und die mit ihr verbundenen NGOs und religiösen Institutionen, die das „Helfen“ monopolisieren. Gegenseitige Hilfe fördert zwangsläufig ein egalitäres Verhältnis zwischen Individuen und Gruppen, während Wohltätigkeit und staatliche Hilfe (im besten Fall) hierarchische Abhängigkeitsverhältnisse und (häufiger) Unterdrückung zementieren. Durch die Solidarität der gegenseitigen Hilfe können wir unsere Verbundenheit mit denjenigen zeigen, die von den staatlichen Krisenmanagern ausgegrenzt werden, und die Taktik der „Propaganda der Tat“ wirklich zurückerobern.

Um jedoch effektiv zu sein, müssen wir uns schon jetzt vorbereiten. Der Zustrom von Hilfsgütern und Arbeitskräften in die lokal betroffenen Gemeinden – mit denen wir uns verbunden fühlen – könnte den Unterschied zwischen den Straßen Argentiniens und den Stadien von Louisiana ausmachen. Wir müssen vorbereitet sein, falls morgen eine Krise eintritt. Eine Krise ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Spendenaktionen zu veranstalten, um erste Hilfsgüter zu beschaffen. Wir müssen schon jetzt daran arbeiten, diese Dinge zu beschaffen, damit wir im Notfall sofort handeln können.

In einer Krise vor Ort zu sein, ist nicht dasselbe wie von einer Großmobilisierung zur nächsten zu reisen. Jede\*r Aufständische muss in den grundlegenden Dingen autark sein und sofortigen Zugang zu zusätzlichen Vorräten an Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Strom, Kommunikationsmitteln und Unterkünften haben. Es sollte klar sein, dass man in Notsituationen nicht einfach ankommen und erwarten kann, sich in ein bereits organisiertes Netzwerk einzuklinken. Unvorbereitete Aktivist\*innen können die knappen Ressourcen sogar belasten, wenn sie unvorbereitet auftauchen. Als Hunderte gutmeinender Student\*innen während ihrer Frühjahrsferien nach New Orleans strömten, erwies sich dies nicht als der Segen, auf den die Organisatoren zunächst gehofft hatten. Die Studenten kamen ohne angemessene Kleidung, Nahrung, Wasser, Unterkunft und so weiter. Ein Organisator verbrachte einen ganzen Nachmittag damit, Medikamente für einen Studenten aufzutreiben, der davon ausgegangen war, dass er seine wichtigen Medikamente in einer örtlichen Apotheke bekommen könne. Die Organisatoren waren mit der Logistik überfordert, diese Hunderte von Freiwilligen zu versorgen und sie so zu organisieren, dass sie sinnvolle und dringend benötigte Arbeit leisten konnten.

Die Leute von „Food Not Bombs“ liefern ein positives Beispiel dafür, wie sich Gruppen von Menschen organisieren und ausreichend vorbereiten können, sodass der Fokus auf der Arbeit liegt, die erledigt werden muss. In den Wochen nach dem Hurrikan servierten mehr als hundert Freiwillige von „Food Not Bombs“ und verwandten Organisationen Tausende von Mahlzeiten an Bedürftige. Sie verfügten über eigene Unterkünfte, Kommunikationsmittel und Vorräte. Die lokalen Gemeinden mussten ihre begrenzten Energien und Ressourcen nicht für diese Freiwilligen verschwenden.

Ein\* Aufständische\*r muss auch darauf vorbereitet sein, mit echten Risiken umzugehen. Die Anti-Globalisierungs-Mobilisierungen haben uns gut darauf vorbereitet, mit möglichen Festnahmen und Polizeibrutalität umzugehen. Auch wenn die Mehrheit der Demonstranten nie festgenommen oder mit Schlagstöcken geschlagen wurde, ermöglichte die sehr reale Möglichkeit staatlicher Gewalt jedem Einzelnen, zu entscheiden, welches Risikoniveau er bereit war, mit seinen Affinitätsgruppen einzugehen. Wir müssen ebenso ehrlich sein und mit den Mitgliedern unserer Affinitätsgruppen darüber sprechen, welches Risikoniveau wir bei Krisenmobilisierungen eingehen wollen. In Notfällen ändern sich alle möglichen Gesetze, und das Risiko von Festnahmen steigt erheblich, ebenso wie die Gefahr realer Gewalt durch den Staat und andere Akteure. Echte Solidarität bedeutet, ähnliche Risiken einzugehen wie die am stärksten Betroffenen, und nicht nur am Rande zu sitzen und ihnen Glück zu wünschen.

Aufständische gegenseitige Hilfe ist eine schwierige, mit hohem Risiko verbundene Aktivität, die erhebliche Ressourcen und eine gute Vorbereitung erfordert. Es ist durchaus berechtigt zu fragen, ob sich diese Taktik lohnt. Als Anarchist\*innen ist die Revolution unser ständiger Bezugspunkt, gerade weil sie ein konkretes Ereignis ist; sie muss täglich durch bescheidenere Versuche aufgebaut werden, die nicht alle befreienden Merkmale der sozialen Revolution im eigentlichen Sinne aufweisen. Diese bescheideneren Versuche sind Aufstände. In ihnen ebnet das Aufstehen der am stärksten Ausgebeuteten und Ausgegrenzten der Gesellschaft sowie der politisch am stärksten sensibilisierten Minderheit den Weg für die mögliche Einbindung immer breiterer Schichten der Ausgebeuteten in eine Welle der Rebellion, die zur Revolution führen könnte. Es ist niemals möglich, den Ausgang eines bestimmten Kampfes im Voraus abzusehen. Selbst ein begrenzter Kampf kann die unerwartetsten Folgen haben. Der Übergang von den verschiedenen begrenzten Aufständen zur Revolution kann niemals im Voraus durch irgendeine Methode garantiert werden.

Im Folgenden werden einige Vorteile und Schwierigkeiten aufgeführt, die mit der Praxis der aufständischen gegenseitigen Hilfe verbunden sind.

**Die Vorteile aufständiger gegenseitiger Hilfe**

- Krisen ermöglichen es uns, uns neu zu orientieren und unsere Energien wieder in direkte Aktionen zu stecken.
- Sie bringen uns mit Menschen zusammen, die vielleicht noch nie etwas vom Anarchismus gehört haben.
- Sie ermöglichen es uns, den Staat und die Kapitalisten herauszufordern (und tatsächlich eine Chance zu haben, zu gewinnen)
- Sie ermöglichen es uns, unsere Ideen, wie Gesellschaften nach anarchistischen Prinzipien organisiert werden können, in der Praxis zu testen
- Unsere anarchistischen Netzwerke durch gemeinsame Krisenmobilisierungen neu beleben.
- Dauerhaftere sozio-geografische Räume für weiteren Widerstand schaffen.
- öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen.
- Für etwas kämpfen, statt gegen Dinge.
- Neue Fähigkeiten erlernen, die für einen breit angelegten militanten Widerstand besser geeignet sein könnten.

**Schwierigkeiten**

- Es steht viel mehr auf dem Spiel; Menschen könnten in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.
- Die Ereignisse sind spontan (im Gegensatz zu geplanten Veranstaltungen), sodass es schwieriger ist, sich darauf vorzubereiten.
- Erfordert größere Mobilität.
- Erfordert Entschlossenheit. Oft gibt es nur ein kleines Zeitfenster.
- Höhere Anforderungen an ein funktionierendes netzwerkübergreifendes Kommunikationssystem. Aufständische müssen ein mehrfach redundantes Echtzeit-Kommunikationssystem entwickeln, das über das Internet hinausgeht.
- Erfordert oft komplexe Logistik.
- Bedeutet, in Gebieten zu arbeiten, in denen möglicherweise tief verwurzelte und undurchsichtige interne Interessen und politische Verhältnisse herrschen – über die wir möglicherweise nur sehr wenig wissen.
- Größerer Bedarf an Selbstversorgung.

Gegenseitige Hilfe ist keine Wohltätigkeit! Sie ist ein Angriff!