# Fallbearbeitung

<<TableOfContents>>

= Fallbearbeitungssysteme =

Mit Fallbearbeitungssystem (FBS) wird ein  Typ polizeilicher Software
(vgl [[Überblick#Typen]]) bezeichnet, mit der
Daten aller Art gespeichert und verarbeitet werden, die im Zusammenhang
mit polizeilichen Ermittlungen stehen.  Zweck der Verarbeitung ist
nicht, wie bei Auskunftssystemen, die Aufklärung oder Abwehr
künftiger Straftaten, oder wie bei [[Vorgangsverwaltung]]en die
allgemeine Abwicklung der Polizeiarbeit, sondern die Organisation und
Verknüfung von Daten, die im Zusammenhang mit einer konkreten Ermittlung
stehen (vgl [[operativen Fallanalyse]]).


Moderne FBSe verarbeiten insbesondere auch Daten aus
Vorgangsbearbeitungen, [[Privat-Öffentlichen Datenbanken]], [[Privaten
Datenbanken]] und sonstiger durch [[Überwachungstechnik]] (z.B.
[[TK-Verkehrsdaten]], [[Stumme SMS]], [[GPS-Peilsender]], Abhörprotokolle usf).

== Geschichte der Fallbearbeitung ==

Die ersten FBSe waren die Software für die [[Rasterfahndung]]en der 70er
Jahre.  Dabei handelte es sich, allein schon aufgrund der beschränkten
Ressourcen, um speziell für den jeweiligen Fall geschriebene bzw.
angepasste Software.  Schritte hin zu allgemeiner einsetzbarer Software
kamen mit dem kanadischen [[ViCLAS]], einem System, das in einem
gefährlichen Niemandsland zwischen Auskunftssystem und FBS angesiedelt
war und wohl weiter ist: Einerseits fungiert es als Auskunftssystem für
allerlei Gewaltkriminalität, andererseits soll es allerhand
Verknüpfungen autonom oder unterstützend aufdecken.

Mit [[ViCLAS]] haben die Polizeien vom schönen Wort [[Data Mining]] gehört,
das seither die Verkaufsprospekte der Lieferanten von
Überwachungswerkzeugen ebenso ziert wie Strategiepapiere der Behörden
und warnende Schriften von Datenschützer_innen.  

Auch wenn das Wort [[Data Mining]] selbst ein
reichlich sinnentleertes WikiPedia:Buzzword geworden ist, sein Bedeutungskern,
nämlich durch Betrachtung und Verknüpfung von möglichst viel zunächst
unzusammenhängender Information nicht offensichtliche Schlüsse ziehen zu
können, bleibt das Versprechen von FBSen und zeigt auch, dass sie alle
das DatenSchutz-Gebot der [[Zweckbindung]] verletzen: Wenn sie
funktionieren, nutzen sie Daten genau in Weisen, für die sie nicht
gedacht waren.

Insofern überrascht es nicht, dass es vor allem die "Fallbereiche" (etwa
von [[INPOL]]) waren, die immer für saftige Skandale gut waren.

Seit der unbeschränkten Aufblähung des sicherheits-industriellen Komplexes
in den 2000er Jahren gibt es einen Markt für FBS-Standardsoftware, in
dem sich in der BRD vor allem die Firma [[Hersteller#rola]]
tummelt.

== Datenschutzkontrolle ==

Schon traditionell gibt es für die in FBSen gespeicherten Daten fast
keine Kontrollen.  Die Polizeien tun hier weitgehend, was sie wollen,
zumal in aller Regel keine öffentliche Kontrolle stattfindet.  Da der
Kreis der Zugriffsberechtigten normalerweise überschaubar ist, ist dies
einerseits nicht ganz so dramatisch wie es entsprechender Missbrauch in
[[Nachweissystemen]] oder [[Vorgangsverwaltung]]en wäre; andererseits sorgt der
kleine Kreis von Mitwisser_innen natürlich auch dafür, dass Konspiration
einfacher ist.

== Zahlen ==

[[http://www.dataport.de/ueber-uns/publikationen/Seiten/datareport-2011-2/2011-2-artus.aspx|Datareport 2/2011, "Schweizer Taschenmesser..."]] sagt für die
Schleswig-Holsteinische Fallbearbeitung "@rtus Recherche", sie sei mit
"750 Tabellen, 278 Katalogtabellen und 6246 verschiedenen hinterlegten
Attributen" realisiert (wer informiert spekulieren kann, was die wohl
mit "Katalogtabelle" meinen, soll das tun -- könnten das Indizes sein?
Woher kommt dieser Begriff?).  In S-H sollen gut 4000 Beamte auf das
System zugreifen können (gegenüber 7000 für die begleitende
Vorgangsverwaltung), die in einem Jahr "100000 Recherchen durchgeführt"
haben -- was immer das heißt.

== Beispiel ==

Hier eine kleine Fiktion, was Fallbearbeitungssysteme leisten sollen:
Marina Mustermann wird im April gespeichert, weil sie beim
Verkleben von Antifa-Aufklebern am Ort X erwischt wurde.
Aus Nachweissystemen ist sowas in aller Regel leicht zu löschen, in der
Vorgangsverwaltung bleibt es.  Im Oktober wird die Nazikneipe 700 m
weiter durch Graffitti verschönert, und Ermittler U zieht sich eine Karte
hoch mit "allen Vorgängen aus linksmotivierter Kriminalität in 1 km
Umkreis".  U beantragt daraufhin [[TK-Verkehrsdaten]] für Marina und
lässt sich die Standorte und Zeiten ihres Telefons mitplotten.  Ein
Glück, dass sie das Ding meistens aus hat.

Der PR-Reißer
[[http://www.dataport.de/ueber-uns/publikationen/Seiten/datareport-2011-2/2011-2-artus.aspx|Datareport 2/2011, "Schweizer Taschenmesser..."]]
bietet folgendes Szenario an:

{{{#!blockquote
Ein typisches Szenario: An einer Tankstelle in Itzehoe fährt ein
Autofahrer davon, ohne zu bezahlen. Die örtliche Polizei nimmt die
entsprechende Anzeige auf. Ein Kennzeichen ist nicht bekannt, allenfalls
das Fahrzeugfabrikat und den untersetzten dunklen Typus des Täters hat
der Kassierer auf seinem Überwachungsbildschirm erkennen können.
Insgesamt eine dürftige Ausgangslage für Ermittlungen. Wenige Tage
später ereignet sich in Schleswig ein ähnlicher Vorfall. Diesmal hat
jemand das Kennzeichen des Tatwagens gesehen und der Täter kann so
ermittelt werden. Dass der Benzindieb auch die Tat in Itzehoe begangen
haben könnte, kann die Polizei dank des Programms @rtus Recherche
feststellen, das seit Mai 2010 im Einsatz ist. Mit @rtus Recherche
lassen sich zum Beispiel Personen, Orte, Deliktarten, Tatwaffen und
vieles andere in Zusammenhang setzen und so wertvolle Informationen für
die Ermittlungen gewinnen. Durch eine Geoinformationskomponente können
Vorgangsdaten auch geografisch eingeordnet und visualisiert werden. Im
Fallbeispiel könnte durch die Informationsverknüpfung zum Beispiel
festgestellt werden, dass es sich bei dem Itzehoer und dem Schleswiger
Täter um dieselbe Person handelt – und so der Itzehoer Fall aufgeklärt
werden.
}}}

== Versagen bei der NSU ==

Ein 
[[http://www.internet-law.de/2012/05/auch-eine-massive-rasterfahndung-trug-nicht-zur-aufklarung-der-nsu-morde-bei.html|Blogpost vom Mai 2012]]
von Thomas Stadler diskutiert "Ermittlungspannen" bei der Verfolgung des
[[http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund|NSU]].
In der Fallbearbeitung der zuständigen Soko Bosporus hätten 32 Millionen 
Datensätze aus Verbindungsdaten, Hotelübernachtungen, Bezahlvorgängen,
Autovermietungen und Haftdaten zusammengeführt worden.  Mithin hat ein
massiver Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung von Millionen
Menschen noch nicht mal zu einer richtigen Spur -- vom Stoppen der
Terrorserie ganz zu schweigen -- geführt.


== Weitere Infos ==

 * [[http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31425/1.html|Telepolis: Schon heute wissen, was morgen sein wird]] -- über Trends im Data Mining für die Sicherheitsbehörden

 * siehe auch [[Länderübergreifende Software]]